Zusammenstellung
der in den 60er u. 70er Jahren in der Obeibürgermeisterei Elberfeld borgekommenen Pocken-Erkrankung«- und Sterbefälle, gesondert nach einzelnen Altersperioden.
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Jahren
60er Jahre
70er Jahre
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Geimpfte
Ungeimpfte
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61
41
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4
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12
Total 1
2461
33| 13,4
703
47
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1 361
187
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Alter rtnrfi
60er und 70er Jahre
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20
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13
16,1
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34
*
Total 1
607 2
20]
36,4 ff
773
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15,8
,3m Sten Falle ist die Krankheit eingeschleppt. Der Erkrankte, 17 Jahre alt, geimpft und vor 3 Jahren revaccinirt, ist vor 14 Tagen aus Wesel, wo seine Mutter an den Pocken gestorben, hier onge- kommen."— (Acta specialiabet Polizeiinspektion über ansteckende Krankheiten.)
Angesichts dieser Thatsachen und im Hinblick auf obige Zahlentabelle macht es auf den schlichten Menschenverstand einen spaßhaften Eindruck, daß am 6. und 9. Dezember 1871 die Sanitätskommiffion zusammentrat und „zur Einschränkung der Seuche" im Ernste u. A. „5. Impfung, Dcsinficirung und Jsolirung der Kranken als die wirksamsten Mittel" anbefahl. — Allerdings gelang cs nunmehr durch energische Waschungen, Ventilirung, Dcsinficirung und durch Jsolirung dec Kranken, also durch die Beseitigung der natürlichen Ursachen der Pocken, die Epidemie zu löschen, dem gläubigen Publikum aber wurde vorgesagt, das habe die Impfung, welche Hintenach gehinkt kam, bewirkt. Dieser Witz konnte um so eher gelingen, da in der That, laut den Jmpfberichten, um die Zeit des allgemeinen Desinficirens und Jsolirens gerade die Verschontgebliebenen sich beeilten, sich impfen und wiederimpfen zu lassen. Während es nun heißen müßte: von den Verschontgebliebenen wurde nur ein kleiner Rest ungeimpft S'assen, dreht vielleicht die Volksmeinung den Sachverhalt um und sagt
: von den frisch geimpften Einwohnern sind vielen von dem Erkranken an den Pocken, wenn auch nicht vom Sterben, verschont geblieben.
So viel vorläufig Uber die vermeintliche Schutzkrast der Impfung; die Schädlichkeit derselben und die mit ihr verknüpften Gefahren gedenke ich bei einer spätern Gelegenheit zu besprechen und mit zahlreichen traurigen Beispielen zu belegen.
Schließlich richte ich an alle diezemgen, denen Material über andere Pocken-Epidemien zur Verfügung steht, die dringende Bitte, dasselbe in der hier angegebenen Weise zu bearbeiten oder zu diesem Behufe an mich gelangen zu lassen, aufdaß endlich jeder Zweifel schwinde, denn nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe!"
Bemerkungen zu Dr. Jos. 0 —6 „Statistik über die Elberfelder Pocken." So weit die Worte meines Vetters und Mitkämpfers in den Jmpf- streite über die Elberfelder Pockenzahlen. Jeder vorurtheilsfreie College zvird seinen Ausführungen beistimmen müssen.
Wer aber als Verehrer der Impfung mit statistischen Zählen umzugehen nicht gewohnt ist, den bitte ich recht dringend, feine Augen nicht darum, weil obige Zahlen ihm und seinem ererbten Glauben unbequem sind, vor denselben zu verschließen; er möge im Gegentheil die Colonnen zwei oder drei Mal nachrechnen und dem Verfasser einen Rechenfehler oder einen Gruppirungsfehler nachweisen. Das wird ihm nicht gelingen, und für die Richtigkeit der Zahlenauszüge bürgen die Originallisten auf der Polizei- Inspektion. — So aber wird er, wenn er in etwa Zahlensinn besitzt und seine mathematischen Kenntnisse von der Tertia nicht vergessen hat, vor einem Zahlen-Diiemma stehen. Entweder ist das Ausweisen der Sterbeprocente in Summa, ohne Rücksicht auf die Normalsterblichkeit der Lebensalter, das richtige — dann theilt das Sterben an Brechdurchfall und — allerdings auch das Bettnässen mit dem Pockensterben das Vor- recht, mit Vorliebe die Altersklasse des allgemeinen Ungeimpftseins, das Säuglingsalter mit zu treffen; — oder aber nur die Verrechnung der Sterbezahlen nach den einzelnen Altersklassen ist die richtige, dann ist die Jmpserei durch Zahlenbeweis gerichtet und verurtheilt.
Wenn Jemand, mit obiger Tabelle in der Haud, vor uns träte und auf Grund derselben uns zum Glauben an den Jmpssegen bekehren wollte, dann würden wir einen solchen Versuch doch nur für einen schlechten Scherz oder aber für ein Attentat aus unseren gesunden Menschenverstand halten. Wenn wir aber vollends einem solchen Spaßmacher die statistischen Zahlenauszüge aus noch 10 und 20 und 50 und 100 anderen Städten und Dörfern und Kreisen mit nahezu übereinstimmenden Ergebnissen vorhielten, und derselbe wendet dennoch -- wie mirs begegnet — fein Gesicht von den Zahlen ab und spricht: „Sparen Sie sich doch die Mühe, Herr Collega! Sie werden mich ja doch nie überzeugen" — dann aller- dings hört eben Alles auf, da läßt sich, angesichts des colossalen Jmpf- unsuges und der Volkstoleranz gegen denselben vorläufig nur sagen; „difficile est satiram non scribere", oder mit K. Gutzkow:
„Achte der Gegenwart nicht, sie wird dich nimmer verstehen,
Lege zukünftiger Zeit hoffend dein Haupt in den Schooß."
Wir Jmpjketzer haben mitten in dieser europäischen Aberglaubenepidemie einen schweren Stand. So lange die nämliche Volkspresse, welche fanatisch gegen die Wunder von Marpingen die Feder zieht, den Jmpfaber- glauben unangetastet läßt, ja ihn noch in Schutz nimmt, wird in dem Zeitalter der Bildungsvereine möglich bleiben, was selbst das Mittelalter nicht gekannt hat, nämlich daß ein im Volke festgewurzelter Aberglaube, wie der an das Jmpfwunder, sogar den mathematischen, den Zahlenbeweisen eine Zeit lang Trotz bietet und — ein Hohn auf die vielgerühmte exakte Wiffenschaft — im Volke fortwuchert. So lange die Volkspreffe zu dem Jmpshumbug schweigt, werden die Schöpfer des Impfzwanges bei sich denken: sit pro ratioiie voluntas! der Impfzwang bleibt bestehen trotz Zahlenbeweis! car tel est notre plaisir. Und wer nicht an das Märchen glaubt, und seine Kinder nicht impfen läßt, der wird, wie ich am 22. Oktober d. I. not’S Polizeigericht geholt und verurtheilt. Mir schwindelt vor dieser unübertroffenen Aera der Denk- und Gewissensfreiheit des deutschen Volkes!
Gesetzt in den Elberfelder Pockensierbezahlen wäre das Verhältniß der Geimpften zu den Ungeimpften zufällig das umgekehrte — was ja unbeschadet der Beweiskraft der Liste immerhin der Fall sein könnte; denn das Nichtimpfen schützt ja ßaff eben so wenig, wie das Impfen vor Pocken — dann würde es mir nur einen Federzug kosten, und hundert Zeitungen, besonders die ärztlichen Fachzeitungen und die vornehme große Tagespresse würden diesen Zahlenausstellungcn, weil sie einen liebgewonnenen Volksaberglauben zu verherrlichen schienen, ihre Spalten öffnen, man würde mir mit Dank für diesen werthoollen Beitrag zu unserer Scheincultur sogar Schriftstellerhonorar bieten. So aber, da dem Aberglauben, um den es hier sich handelt, leider nichts Katholisch - Confeffio- nelles anklebt, und da obige Zahlen diesem Jmpfaberglauben nicht schmeicheln, mußte ich mit diesen schneidigen Zahlenwaffen gegen den Impf- wahn — deren wir, nebenbei bemerkt, noch ein ganzes Arsenal voll besitzen, — bei den großen Blättern der Provinz, bei den Organen der Volksaufklärung von Redaktion zu Redaktion betteln gehen und wurde abgewissen, wesi man „in der Jmpffrage sich weder für die eine noch für die andere Seite engagiren will." So weit reicht die verhängnißvolle Macht der Redaktions • Vertrauensärzte im Unterdrücken der Wahrheit, wenn diese einem augenblicklich herrschenden ärztlichen Dogma unbequem zu werden droht. Diese Aerzte lesen nämlich, wenn sie sich überhaupt die Mühe geben, das herbe Urtheil, daß das Impfen nur ein sinnloser Frevel ist , sonnenklar aus den statistischen Zahlen heraus; aber da man fühlt, daß diese Zahlen das alte Lieblingsdogma vom Segen der Impfung
für den Menschen stürzen wird, wie es für die Schafe bereits gestürzt ist, so muß eben Alles aufgeboten werden, diese Zahlen für die Tages- und Fachpresse mundtodl zu machen. Ein Glück, daß es hier und da noch eine Zeitung gibt, welche von diesem Krebsübel der Tagespresse frei und selbstständig genug ist, den Aberglauben überall auch da anzugreifen, wo er mit dem Mantel der Wiffenschaft, der Autorität und der Statistik seine Blößen zu decken sucht. Ja handelte sichs um ein unschuldiges „Wunder" aus Marpingen, dann würden alle Blätter sofort zugreifen, sie würden kein Bedenken tragen, sich gegen einen Aber- glauben auf diesem Gebiete zu „engagiren". Das übertriebene, einseitige ^SS?^^^^^^ «egen mmnmaMmÄischüSer^
H^tconfefhonetan Gebiete gestattet nebenbei den Schluß, o ,e moderne Erhitzung der liberalen Köpfe gegen Aberglauben bei den Elsten wemger in einer uorurtheilsfrcien Entrüstung über den Aberglau-
“a vielmehr häufig nur eine erkünstelte Beschönigung konfessionellen Hasses ist. Anderenfalls müßten ja die tonangebenden Blätter den Volksaberglauben überall auch da fassen und energisch bttämpfen wo er in seiner krassen Nacktheit, wie hier bei dem Glauben an das N der, auf der Oberfläche liegt, wo er „einen tiefen Eingriff in die persönliche Freiheit der Eltern" darstellt und - was die Hauptsache ist — u entsetzlich viel Unheil stiftet. *
Die Pockenstatistik Elberfelds ist hiermit abgethan. Wir sind inzwischen im Jmpfkampfe nicht müßig gewesen. Nunmehr werden nach der Reihe große und kleine Städte, Kreise und Regierungsbezirke an die Reihe kommen. Hand in Hand mit dem Statistiker Fr. G. Kolb, werden wir denjenigen Herren, welche sich nicht scheuten, für den parlamentarischen Staatsstreich einer ärztlichen Vergewaltigung die Statistik zu mißbrauchen, so lange Zahlen und immer wieder Zahlen vorführen, bis das Gespenst des Jmpsaberglaubens vom deutschen Boden weggefegt ist. Dann wenn'è an die Verfolgung des geschlagenen Feindes geht, wird endlich auch der Landsturm der deutschen Großpresse in die umschlagende Zeitströmung mit vollen Segeln mit einfahren. Vorläufig lassen diese vornehmen Blätter mich in meinem siebenjährigen Ringen gegen die Ueber« macht der Jmpfvertheidiger allein stehen, ja, sie leihen den Parteigängern des Aberglaubens durch bevorzugten Abdruck ihrer Sophistik ihre Spalten (Virchow's Scheinstoß gegen die „bethörte Menge" der Imps« gegner) um ja dem sonnenklaren Lichte der Statistik den Sieg über die Irrlichter zu erschweren. — Aber Zahlen sind im Kampfe gegen pseudowissenschaftlichen Aberglauben noch immer unwiderstehlich gewesen, auch hier werden sie zuletzt siegreich sein.
An den Leser:
Wer gegen Postnachnahme von 1 Mark zum Besten der Agitation gegen den Impfzwang die nun zunächst folgende Flugschrist zu erhalten wünscht, möge dieselbe schon im Voraus bestellen, damit nach den einlaufenden Austrägen die Größe der Auslage für den Druck bemessen werde,
Druck von P. Bitter, Düsseldorf.