Zuldaer Zeitung
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40. Zahrgang.
Montag den 29. Dezember 191Z.
Crstes Blatt.
Nr. 299.
[1 Der preußische Etat für 1914.
Der neue preußische Staatshaushalt für das Etatsjahr 1914 liegt jetzt in einer offiziös bearbeiteten Uebersicht vor.
Der Etat „balanziert" in der Summe von 4 846 139 109 Mark und stellt als solcher den g r ö ß - ten Etat der Etats sänttlicher Großmächte dar. Preußens Etat ist im Verhältnis zu den Etats großer Länder so ungewöhnlich groß, weil Preußen die ungeheuren Erwerbswirtschaften, besonders die Eisenbahnen, auf Staatskosten betreibt.
Die Veranlagung zu dem neuen Etat stand natürlich unter dem Zeichen der guten wirtschaftlichen Lage. Die Steuererträge der letzten Jahre sind andauernd riesenhaft gestiegen, und so war es möglich, die Ergebnisse der direkten Steuern (Einkommen- und Vermögenssteuer) von 438 Millionen im Jahre 1912 und 449 Millionen 1913 auf 478 für das neue Jahr anzusetzen. Des ferneren war es, unter der günstigen Wirkung der wirtschaftlichen Hochkonjunktur, möglich, die Erträge der Eisenbahnverwaltung um 142 Millionen höher anzusetzen, wobei fteilich nicht vergessen werden soll, daß dieser in so fabelhafter Entwickelung stehende Zwerg der preußischen Staatsbetriebe ganz erhebliche Ausgaben für Anlagen erfordert. Insgesamt ist es wohl der in diesem Etat mit einem Reinüberschuß von 323 Millionen Mark angesetzte Eisenbahnbetrieb, der den preußischen Etat vor neuen Anleihen bewahrt.
Es war auch einigermaßen Zeit, daß man mit dem Schuldenwesen ein Ende zu machen suchte. Die Staatsschuld beträgt die Kleinigkeit von 10 355 Millionen Mark, und sie hat in dem Jahre 1913 um 454 Millionen Mark zugenommen. Daß unter solchen Umständen eine ernschafte Einkehr und möglichste Umkehr geboten erschien, ilegt auf der Hand.
Als die preußische Finanzverwaltung die so überraschend günstigen Sätze des Etats bei der Steuer sowohl als auch bei der Abschätzung der nächstjährigen Wirtschaft der Eisenbahn in den nächstjährigen Etat einsetzte, hat sie zweifellos unter dem Eindruck gestanden, daß man angesichts des gegenwärtigen Standes der preußischen Staatsschulden nicht mit neuen Anleihen kommen könne, obgleich die Schulden Preußens meistens für werbende Anlagen (Eisenbahn usw.) gemacht worden sind; und neue Steuern sind erst recht nicht zulässig, da ja die Entscheidung noch immer aussteht, ob die vor vier Jahren aus Anlaß der Be- amtengebaltserhöhung beschlossenen „vorübergehenden" Zuschläge zur Emkommensteuer beibehalten werden sollen oder nicht. Ter schnelle Verfall der wirtschaftlichen Konjunktur läßt gegenüber diesem Optimismus der Regierung sehr ernsthafte Bedenken aufsteigen. Bei näherer Bewachung hat man diese jedoch in bezug auf die Einkommensteuer, die 24 Millionen mehr bringen soll, als hinfällig zu betrachten. Die Steuern werden ja nicht nach dem jeweiligen Einkommen, sondern nach dem Einkommen des Vorjahres veranlagt und gezahlt, und das Jahr 1913 war fast durchweg noch recht gut. Bei dem Eisenbahnertragsvoranschlag hingegen muß man sehr lebhafte Bedenken haben. Zwar hat sich bei der Eisen- bahn trotz des Nachlassens der Konjunftur ein Sinken der Erträgnisse nicht gezeigt, doch darf man nicht übersehen, daß der entscheidende Krisen-Moment bei den Verkehrsmitteln stets um eine Reihe von Monaten später eintritt. Auf jeden Fall dürfte dieser Optimismus der Regierung bei der Etatsberatung nicht immer geteilt werden.
Im allgemeinen bietet aber der preußische Etat ein ungleich erfreulicheres Bild als der Reichsetat. Wir verdanken das der Verstaaatlichung der Eisenbahnen.
*
Das verlorene Kind.
11] Roman von Marie Lelcot.
Pariser Journalisten lieben die Predigten nicht, so beredt dieselben auch sein mögen; vor allem aber weigern sie sich, die Spalten chrer Blätter allzu langen Auseinandersetzungen zu öffnen.
Nach mehreren Tagen des Wartens entdeckte der arme Pfarrer in dem großen Journal „Univers" eine kleine Lkotiz, in welcher er keine seiner schönen Redewendungen wiederfinden sollte. Es hieß da:
„Man schreibt uns aus Nennh les bois: Ein vermutlich von einer Zigeunecbande zurückgelassenes Kind wurde am Eingänge unseres Dorfes, halbtot vor Hunger und Kälte, aufgefunden. Ein biederer Waldhüter, dessen Großmut wir nicht genug loben können, hat dem armen Waisenkinde Obdach gegeben."
Das war alles; nicht ein Wort über die seltsame Verwandlung des schwarzen Kindes in ein blondes, nicht ein Wort über die geheimnisvollen Wege der Vorsehung. Waren denn die Pariser Journalisten mit Dummheit geschlagen? Der Priester mußte sich selbst die Gerechtigkeit widerfahren lassen, einzugestehen, daß er mit Auseinandersetzungen und Erklärungen sicherlich nicht gegeizt hatte. Der Pfarrer gab es denn auch auf und richtete sein nächstes Schreiben an die „Religiöse Woche" der Diözese, welcher er eine förmliche Predigt sandte, die 'Senn auch vierzehn Tage später tatsächlich abgedruckt wurde.
Dieses Mal wenigstens war auch die Harmonie des Stiles gewürdigt worden; wenn die Eltern d?S Kindes dieser Diözese angebörten, mußten sie ja ehe- baldigst auftauchen; eS geschah aber nichts von alledem und dadurch allein schon wurde der Beweis erbracht, daß sie in weiter Ferne weilten. Wie also sie verständigen?
Der Priester fühlte sich angesichts der Erkenntnis, ein wie großes Land Frankreich doch sei, von tiefer Entmutigung erfaßt.
„Die Freunde der Frau Gräfin," sagte er sich, „werden vielleicht mehr Aussicht auf Erfolg haben, als ich!"
Im nachfolgenden entnehmen wir der offiziösen Verlautbarung einige interessante Daten:
Der ungedeckte Matrikularbeitrag ist um 587 864 Mark geringer als 1913. Er ist mit 33898138 Mk. — 84,40 Pfg. auf den Kopf der preußischen Bevölkerung angesetzt worden. Durch die Veranlassung des WehrbeitrageS für 1914 wird eine einmalige Erhöhung verschiedener Fonds erforderlich, f-* bei der Verwaltung der direkten Steuern. Hier wird der Hilfs- ardeitersonds um 100000, der Remunerationsfonds für mittlere Beamte um 300000 Mk. erhöht. Insgesamt an Besoldungsverbesserungen für einzelne Beamtenklassen sind 19300000 Mark vorgesehen, wovon 15500 000 Mk. auf die Eisenbahnverwaltung enlfallen. Für Zuwendungen an Beamte, die zu oder vor dem 1. April 1908 in den Ruhestand versetzt sind, uno für Witwen und Waisen dieser und der vorher verstorbenen Beamten sind eingestellt 6514000 Mk., gegen 1913 eine Million mehr. Für Zuwendungen an pensionierte Volksschullehrer und Lehrerinnen, die zu oder vor dem 1. April 1908 in den Ruhestand versetzt sind, sowie an Witwen und Waisen dieser Lehrer und der vor diesem Zeitpunkte im Amte »erstorbenen Volksschullehrer sind 2550000 Mk. in Ansatz gebracht, 200000 M. mehr als im Vorjahre. 1045 000 Mark sind für den Westfonds eingesetzt, aus dem bekanntlich die inneren Gegenden des Westens, u. a. auch Rhön und Vogelsberg Zuwendungen erhalten. Für Den Ankauf von Grundstücken für ein staatliches Vollblutgestüt in Altenfeld lKreis Eschwege) werden 350 000 Mk. gefordert, für die gorlsührung der Mainkanalisierung oberhalb ff en dach als zweite Rate, 450000 Mk. für den Bau einer zweiten Mainschleuse der Kostheim, als erste Rate, 250000 Mk.
>? Habern und der Parteigeist.
Unter der Ueberschrift: „Am Ende des Jubeljahres" bringt die «Nordd. Allg. Ztg/ einen Artikel, dem wir folgendes entnehmen:
„Nun sollt» dieses Jubel- und Opfrrjahr nicht schließen ohne einen grellen Miß klang? Nun sollten wir uns die erhebende Erinnerun g an alles Große, was in diesem Jahre gedacht, empfunden und geleistet worden ist, verkümmern und verbittern lassen durch einige Zwischenfälle, die mit dem, was sie zu zerstören drohen, wirklich in gar keinem Verhältnis stehen? Soeben noch hat die Vertretung des deutschen Volkes unter rückhaltloser, ja begeisterter Zustimmung von Millionen die größte Heeres- vermehrung bewilligt, die je von ihr gefordert worden ist, weil sie klar erkannte, daß unser Volk seine höchste Pflicht gegen sich selber nicht bester erfüllen kann, als indem es für sein Heer tut, was nur immer in seinen Kräften steht. Und nun soll mit einem Male ein» Kluft sich aufgetan haben zwischen diesem Volk» uno diesem Heere, nun sollen unsere Offiziere, diese von der ganzen Welt bereunberten Lehrmeister aller Völker, »ine weltfremde Kaste bilden, die mit unerträglichem Dünkel und gesetzloser Willkür in einen feindlichen Gegensatz zum Volke sich stelle? Der Gedanke ist zu ungeheuerlich, all daß er auch nur einen Augenblick ernst genommen werden könnte, weil auf schwierigem Boden einige Reibungen, einige Mißgriffe und Ungesetzlichkeiten vorgekommen sind, Ungesetzlichkeiten, die, wie schon jetzt feststeht und immer feststand, ihre strenge Sühne finden, deshalb soll die geistige Ernte dieses großen Jahre! gleichsam noch in der Scheune elend zugrunde gehen. Diese Befahr hat, wenn sie überhaupt ernstlich vorhanden ist, was wir immer noch bezweifeln möchten, doch wirklich nur entstehen können, weil in unheilvoller Stunde der Parteigeist sich dieser an und für sich doch wirklich nicht weltbewegenden Vorfälle bemächtigen konnte." Diesen Parteigeist habe die Sozialdemokratie bineingebracht. „Unb noch an einer anderen Stelle," so fährt die,Nordd. Allg. Ztg/ fort, „wußte der Parteigeist wirksam und verhängnisvoll emzusetzen. Der große, vertrauensvolle Schritt der elsaß-lothringifchen Berfafsungsreform vom 81. Mai 1911, der getan wurde in der klaren Erkenntnis, daß es sich zunächst nur darum handle, bi» ruhige unb friedliche Entwickelung zu erleichtern und zu fördern, hat in manchen politischen Gemütern einen Stachel zurückgelassen, und so flammten denn auch diese Gegen-
Die Bemühungen Frau von Nennhs waren genau ebenso fruchtlos, wie diejenigen des Pfarrers.
„Zählen Sie ganz auf uns, liebe Gräfin, wir werden sicherlich an unsere Blätter schreiben," hatten die Gäste der Gräfin damals nach jener trefflichen Mahlzeit beteuert.
Dann hatten die Herrschaften ihre Equipagen bestiegen und der Graf sich mit seinen Hunden auf die Jagd begeben, während Berta von Nenny fühlte, wie sich jene Melancholie ihrer bemächtigte, welche so häufig die unmittelbare Folge großer Geselligkeit ist.
Sie kehrte in den Salon zurück, legte sich auf den Divan und begann zu träumen. Ihre Gedanken wandten sich jenem für sie kaum verständlichen Gefühl einer Mutter zu, die um ihr verlorenes Kind wehklagt.
Was konnte sie tun, um die Tränen jener Unglücklichen zu trocknen? Ohne Zeitverlust an die verschiedenen Blätter schreiben! Sie richtete den Blick auf die große Pendeluhr und überzeugte sich, daß für heute die Stunde des Postabganges längst vorüber sei, und so verfiel sie denn in erneute Träumereien.
Der Weg durch die Zeitungen — wie lange, wie ermüdend war derselbe doch! Und jene unglücklichen, welche der Verzweiflung anheimgegeben waren, gab es denn keinen Weg, ihnen rascher Trost zu spenden?
Sie sagte sich, daß man vielleicht nicht genug Fragen an das Kind gestellt, daß man mit großer Sanftmut und Geduld möglicherweise eine wichtige, bisher unbeachtete Mitteilung erhalten könne. Dieser Gedanke beschäftigte sie lebhaft. Sie klingelte und sprach zu dem eintretenden Diener:
„Man soll mir sofort den kleinen Augustin, mein Patcnkind, den Adoptivsohn des Waldhüters Mahu- ret, herbringen, aber rasch! Die Sache drängt!"
Während 'der Diener sich entfernte, um dem Befehle nachzukommen, versank Berta wieder in ihre frühere nachdenkliche Stimmung.
„Seltsam," sagte sie sich, „wie viel gute Gedanken mir kommen, während ich grüble und überlege." Und um besser überlegen zu können, streckte sie sich bequem aus und schloß die Augen.
säh» jähling! wieder auf unb trugen da! Ihrige dazu bei, bte doktrinär» Neigung zur Uebertreibung ins Un- gemessene zu steigern, unb so bat beschämende Schauspiel zu vollenden, als ob in demselben Deutschen Reich, das eben noch so einig unb groß, so »ntlchlußfreudig, zielbewußt und kraftvoll dagestanden hatte, mit einem Male alles drunter und drüber ginge, und all ob eine ungeheure und unüberbrückbare Kluft de! gegenseitigen Mißverstehen! und Nichtverstehen! die Verfassung!, mäßigen Gewalten und ebenso Volk unb Heer ober wenigstens Bürgertum und Osfizierkorp! voneinander trennte."
Das Offiziosus hat sehr recht, wenn er den grotesken Gegensatz zwischen Aussaat und Ernte des Jubeljahres beklagt. Aber in zwei Punkten müssen wir seine Darstellung berichtigen.
Erstens ist es falsch, wenn er die weitgreifende und tiefgehende Wirkung der Zaberner Bo-gange auf den „Parteigeist" zurückführt, der sich „dieser an und für sich wirklich nicht weltbewegenden Vorfälle bemächtigen konnte". Bon der Sozialdemokratie wollen wir absehen, da diese immer und überall jedes Ereignis agitatorisch zu ihren Parteizwecken ausbeutet. Wir geben auch zu, daß unter der Minderheit des Reichstags, die gegen den Mißbilligungsbeschluß sümmte, sich Leute befanden, 'die gern die Gelegenheit benutzt hätten, um die elsaß- lothringische Verfaflungsuhr rückwärts zu drehen. Aber die große Kürzerliche Mehrheit des Reichstags, insbesondere das Zentrum und die Nationalliberalen, trieben in dieser Angelegenheit nicht die Spur von Parteipoliftk, sondern ließen sich ausschließlich von der Sorge um Recht, Gesetz und inneren Frieden leiten. Ebenso die große Mafle der Bevölkerung, die hinter ihnen stand und steht. Niemand dachte an seine Sonderinteresien, sondern alle waren einig in der Forderung: Wir wollen Ruhe und Rechtssicherheit im Lande haben!
Zweitens ist es falsch, in der Erregung des Volkes eine Spitze gegen das Heer, eine Kluft zwischen Heer und Volk zu erblicken. Die sozialdemokratische Parteileitung ist freilich antimilitarisftsch; von dem Gros der Mitläufer kann man das noch nicht einmal sagen. Die bürgerliche Mehrheft aber, die dem Reichskanzler die Mißbilligung aussprach, ist sehr heeresfreundlrch gesinnt und hält die Uniform für ein Ehrenkleid, — allerdings unter der Voraussetzung, 'daß der Träger dem Rock des Königs keine Schande macht. Das Volk, das soeben die größten persönlichen und finanziellen Lasten für das Heer opferfteudig bewilligt hat, braucht sich nicht gegen den Verdacht der Heeresfeindschaft zu wehren. Auch die erregte Zaberner Bevölkerung hat nicht gegen da! Heer selbst oder gegen den Offizierstand im Ganzen demonstriert, sondern nur gegen einzelne Offi- iiere wegen der von ihnen begangenen Ungehörig- eiten. Man kann ein militärischer Schwärmer sern und doch 'die Ansicht haben, daß ein Leutnant kein Schimpfwort oder unnötige Säbelhiebe auSteilen und ein Oberst das Ergebnis einer Menschentreibjagd nicht eine Nacht im Keller frieren lasten darf. Der Reichskanzler und der Kriegsminister griffen in ihrer parlamentarischen Beredtsamkeit daneben, als sie sich für den unbedingten Schutz des „Rockes des Königs" ins Zeug legten. Der Rock war gar nicht angegriffen, sondern nur die Leute, die in dem Rocke des Königs Unfug getrieben haben. Aus der falschen Anschauung vom bedrohten Rock des Königs ergab sich die forsche Erklärung des Kriegsministers, die Armee dürfe niemals „zurückweichen". Weil man den unbesonnenen Leutnant und den überscharfen Oberst nicht weichen lasten wollte, mußte schließlich das ganze Regiment aus Zabern zurückweichen.
In dem offiziösen Arttkel wird abermals versichert, daß die Ungesetzlichkeiten ihre strenge Sühne finden werden. Ach, wenn doch der Reichskanzler
Sie schloß sie so fest, daß sie in jenen Halbtraum versank, welcher stammverwandt mit dem Schlafe ist. Sie vergaß Augustin, vergaß die Zeitungen, vergaß die guten Gedanken, als plötzlich der laute Jubelrus „Mama! Mama!", welcher au§ einer frischen Kinderkehle erscholl, sie aus ihren Träumen ausschreckte. Der blonde Cherub, von welchem sie während der ersten Jahre, ihrer Ehe so glühend geträumt, den sie so heiß und so vergeblich erwartet, flog mit auSgebrei« teten Armen auf 'sie zu. Von spontaner Eingebung hingerfffen, streckte auch sie die Arme aus. Plötzlich aber blieb der Kleine stehen; der Ausdruck freudigen Entzückens in seinen Zügen wich jenem der Enttäuschung, und er flftsterte nicht mehr freudig, sondern klagend:
„Nicht Mama, nicht TintinS Mama!"
Der Waldhüter und sein Weib, welche das Kind begleitet hatten, blieben angesichts der sich aus dem Halbschlafe aufrichtenden Frau schüchtern stehen:
„Pierre hat uns gesagt, daß die Frau Gräfin den Kleinen zu sehen wünschen!" stammelte die Frau entschuldigend; „deshalb möge die Frau Gräfin unseren Eintritt verzeihen. Cintin, öü nichtsnutziger Junge, so eile doch der Frau Gräfin entgegen."
„Nennt er Sie Mama?" fragte Berta, sich an Frau Mahuret wendend.
„Nein, er hat es kein einziges Mal getan; mitunter in der Nachtt wenn er aufwacht, nennt er mich „Renette", aber Mama hat er mir nie gesagt."
„Gut," bemerkte die Gräfin, deren Augenbrauen sich gedankenvoll zusammengezogen, „daS ist also eine erste Tatsache, welche sich konstatteren läßt, daß ich offenbar einige Ähnlichkeit mit seiner Mutter haben muß und die Erinnerung an dieselbe in dem Kleinen wachgerufen habe. Wir wollen sehen, ob nicht noch Weiteres sich feststellen läßt."
Sie zog da! Kind auf ihre Knie unb daS innige Mitleid, welches sie für dasselbe empfand, verriet sich in der Zärtlichkeit, die sie art den Tag legte. Mit seinem holden Gesichtchen lächelte der Kieme ihr zu.
„Sage doch noch einmal „Mama", willst, du?" bat sie. Und er wiederholte sanft:
«Mama! TinchenS Mama!"
und der Kriegsminister bei der Jnterpellationsbe- antwortung sich auf diese kleine Erklärung beschränkt und das übrige Gerede zur Beschönigung des Zaberner Mißgrtffs bei Seite gelassen hätten!
Ein «euer Zwischenfall m Zabern.
Am Freitag abend hat sich ein bedauerlicher Zwischenfall tn der Reche der Zaberner Vorfälle ereignet. Auf einen Posten, der im Kasernenhofe auf und abpatroullierte, sollten nach den ersten Meldungen zwei Schüsse abgegeben worden sein. Der Posten kann zwar nichts Bestimmtes aussagen, will ab--: in der Dunkelheit eine Person haben fortlaufen scheu. Mehrere Soldaten bekunden übereinsttmmend, daß sie das Aufschlägen des Geschosses gehört und den Feuerschein des Schusses gesehen haben. Eine Kugel hat man aber bisher nicht gefunden. Verletzt ist niemand. Eine Untersuchungskommission, die an Ort und Stelle war, ist zu keinem positiven Ergebnis gelangt. Man nimmt deshalb allgemein an, daß es sich nicht um einen Anschlag auf einen Militärposten, sondern lediglich um ein Buben st ück ohne bestimmte Absicht gehandelt hat. Leute, die am Kanal zu Hause sind, wollen gesehen haben, wie um die krittsche Zeit dort zwei junge Burschen mit Feuerwerkskörpern, sogen. Fröschen, hantierten. Unter allen Umständen handelt es sich um einzelnes Vorkommnis, das von der Bevölkerung aufs schärfste berurteilt wird.
+ Parität.
Wenn die deutschen Katholiken sich über inrpari- tätische Behandlung beschweren, so hat man in nichtkatholischen Kreisen dafür meist nur ein Achselzucken übrig. Hält man Lolche Klagen überhaupt einer Widerlegung wert, dann heißt es in der Regel: es sei kleinlich," immer mit Zahlen zu kommen, um die Imparität nachzuweisen, es komme lediglich auf die Tüchtigkeit an.
Es ist ganz unserer Meinung, daß es lediglich auf die Tüchtigkeit ankommt. Wrr haben durchaus nichts dagegen und finden es ganz in der Ordnung, wenn unter zwei Bewerbern der tüchtigere Nicht- katholik dem weniger tüchtigen Katholiken gegenüber bevorzugt wird. Aber es tritt auch ost der Fall ein, daß beide Bewerber gleich tüchtig sind. Vielleicht hat sich sogar der Katholik schon als der T ü ch t i- gere erwiesen, aber zu dem hohen Amt wird er doch nicht zugelassen! Sehr treffend hat Abg. Spahn in der Reichstagssitzung vom 9. Dezember gesagt, es handle sich hier um Arbeitswilligenschutz. Das Angebot, die Arbeitswilligkeit, liege bei den Katholiken zweifellos ebensogut vor, wie bei den Angehörigen anderer Konfessionen. Die Arbeitsgelegenheit sei auch gegeben, aber trotzdem — in keinem Reichsamt (vom Reichsjustizamt abgesehen) sind unter durchschnittlich 40 mehr als 3 Katholiken vorhanden! Mit Recht hat Abg. Spahn dies als eine große Mißachtung de8 katholischen Bevölkerungsteils bezeichnet.' Abg. Spahn betonte noch, daß er diesen Vorwurf der Mißachtung gegen den Reichskanzler erhebe; denn die Reichsämter seren auf den Nachwuchs angewiesen, der ihnen aus den einzelnen Staaten zufließe, von denen die betreffenden Männer borge« schlagen werden. Aber der Reichskanzler könnte bet den einzelnen Staaten dahinwirken, daß sie eine p a» ritätische Auswahl treffen, damit nicht die Katholiken gegenüber anderen Konfessionen zurück- gesetzt werden. Wir fügen hinzu: der Reichskanzler könnte auch dafür sorgen, daß in den Reichsäm- tern selbst ein wenigstens in etwa paritätischer! Geist herrsche.
Sie zog ihn in ihre Arme und bedeckte das niedliche, blonde Lockenhaupt mit zärtlichen Küsten.
„Mein armer, kleiner Engel, wir wollen sie gemeinsam suchen, Tinchens Mama; nur mußt du mir dazu helfen. Wo wohnt sie denn, in Paris?"
Das Kind lauschte zerstreut und gleichgülttg ihren' Worten.
„Nein, Paris kann es nicht fein", sagte sich die Gräfin. „Vielleicht Bordeaux oder Marseilles?" fügte sie in fragendem Ton hinzu, indem sie nach der Nennung eines jeden Namens eine kleine Pause machte.
Das Kind aber blieb stumm. Sie nannte alle möglichen Städte und beobachtete dabei den Kleinen scharf, hoffend, daß irgend eine Erinnerung in seiner Seele wach werde.
Plötzlich entschlüpfte er ihren Armen, lief auf die nach dem Garten führende Tür zu unb rief mij lauter Stimme:
„Lucas! Lucas!"
lieber den Kiesweg schritt ein Gärtner mit dw Hacke über der Schulter, im Arbcitsanzug. Auf diesen eilte das Kind zu. blieb aber nach ein paar Sekunden abermals enttäuscht stehen.
Die junge Gräfin war ihm gefolgt, faßte den Kleinen jetzt bei der Hand und, indem sie ihn aufmerksam betrachtete, fragte sie, auf den Gärtner zeigend:
„Ist das Lucas?"
„Nein, er ist cs nicht!"
„Wieder etwas, was man sich merken muß; dis Mutter sicht mir ähnlich, die Person, welche das Kind in der Nacht gewartet zu haben schien, nannte sich Ninette, und im Schlosse gibt es einen Gärtner, 5er Lucas heißt. Aber ist es auch wirklich ein Schloß, welche! sie bewohnten? Und wie sollen wir dasselbe entdecken? ES gibt in Frankreich so viele Schlösser, deren Namen in keinem geographischen Handbuchs zu finden sind. Vielleicht tun wir klüger, uns doch nur an die Zeitungen zu wenden.. Ich werde morgen schreiben und ich hoffe, daß mein Mann sich nicht weigern wird, mir mit Rat und Tat an die Hand m gehen."
(Fortsetzung folgt.)