Zuldaer Zeitung
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40. Zahrgang.
Montag den 22. Dezember 19M.
erstes Blatt
Nr. 295.
+ Die christlichen Gewerkschaften.
Au der Erklärung des Erzbischofs Dr. Hartmann auf der Generalversammlung der Präsides der la* tholischen Arbeitervereine der Erzdiözese Köln zu Gunsten der christlichen Gewerkschaften schreibt man uns:
Auch nach der viel umfochtenen päpstlichen Enzyklika zur Gewerkschaftsfrage vom 24. September 3912 und der auf dem austerordentlichen Kongreß der christlichen Gewerkfchaften am 26. November 1912 in Essen verlesenen Interpretation der deutschen Bischöfe gab es noch Leute, die es katholischen Arbeitern verübelten, dast sie den christlichen Gewerkschaften beitraten Wohl konnte bei allen, die sich streng an die päpstlichen Worte hielten und den Weisungen der Bischöfe vertrauten, kein Zweifel darüber bestehen, dast die Anfeindungen, denen die christlichen Gewerkschaften dennoch ausgesetzt blieben, jeder Berechtigung entbehrten, und das mag wohl auch der Grund gewesen sein, dast von Seiten deutscher Bischöfe, die ihre Willensmcinuna nicht nur in ihrem Fuldaer Ausschrciben vom 5. November 1912, sondern auch in der vom Paderborner Bischof verfastten Interpretation der Enzyklika klar zum Ausdruck gebracht hatten, keine weitere Stellungnahme in dem Streit um die Frage der Arbeiterorganisationen erfolgte. Der Kölner Erzbischof hat nun aber doch in dankenswerter Weise mit allem Nachdruck und aller Klarheit nochmals festgcstellt, dost es sowohl völlig den Absichten des heiligen Vaters als dem Willen der deutschen Bi. schüfe entsvreche, dast die katholischen Arbeiter, wo die Verhältnisse wie im Westen des deutschen Reiches es erheischen, interkonfessionellen Bereinigungen, also den christlichen Gewerkschaften, beitre- t e n können, und darüber hinaus bezeichnete der Erzbischof es angesichts der Tatsache, dast 800 000 katholische Arbeiter den sozialdemokratischen Organisationen angchöreu, als eine Pflicht der Geistlichkeit, die christlichen Gewerkschaften zu fördern und zu pflegen. Mit schärferer Betonung kann die Berechtigung der christlichen Gewerkschaften und die Er- laubtheit des Eintritts in dieselben für katbolische Arbeiter nicht festgcstellt werden und der lebhafte Beifall, den die zahlt eichen geistlichen Präsides den Worten ihres Erzbischof? zollten, beweist überdies, wie sebr die Geistlichkeit einerseits von der Notwendigkeit der christlichen Gewerkschaften durchdrungen ist und wie tief andererseits ihre Ueberzeugüng davon sein must, dast der Katholizismus der Arbeiter in der interkonfesiio- nellcn Gewerkschaft keinen Schaden leidet.
Nun wäre es allerdings an der Zeit, dast auch die Mahnung des Kölner Erzbischofs, nunmehr endlich die Diskussion über die GewerkschaftSfraqe ruhen zu lassen, allgemeine Beachtung und Befolgung finde. Man sollte doch endlich allenthalben einsehen, daß wirklich überzeugte Arbeiter auch in interkonfesiionel- len Bereinigungen von ihrem Katholizismus nicht ein Titelchen drongeben, ebensowenig wie da? bei Katholiken in anderen wirtschaftlichen Berufsorgani- sationen der Fall zu sein braucht. Wer kein gut katholischer Arbeiter ist, der tritt im Westen Deutschlands ebenso wie im Osten weder einer christlichen noch einer katholischen, sondern einer sozialdemokratischen Organisation bei, wie eS in leider Tatsache ist. dast viele hunderttausend katholischer Arbeiter sozialdemokratisch organisiert sind. Unsere katholischen Arbeiter. die in den christlichen Gewerkschaften orggni- siert sind, hat es aber schmerzlich berühren müsien, dast immer und immer wieder ihre katholische lieber- zeuauna?treue angezweifelt wurde und gerade diese wissen dem Kölner Erzbischof für seine offenen Worte herzlichen Dank.
Der christlichen Gewerkschaftsbewegung sollten die Worte des Kölner Eizbischoss eine Aufmunterung zur mutigen Fortführung ihrer segensreichen Arbeit und zum vertrauenden Ausbau ibrer Organisation sein.
Das Verlorene Kind.
7] Roman von Marie Lescot.
„Wenn man die Waffe findet, und die Leute vom Gericht verstehen immer, alles zu finden, verlaß Dich darauf, so werden sie dieselbe alsbald für die Deine erkennen, werden sagen, daß Tu sie verborgen, well Du Dich schuldig fühlst. Unschuldige kennen keine Angst, kennen kein böses Gewisien, brauchen dem auf sie gerichteten Blick nicht auszuweichen. Tu mußt sofort zu der Stelle zurückkchren, wo Du das Gewehr verborgen, mußt es holen und mutig mit demselben über der Schulter nach Hause kommen. Alle Welt weiß, daß Du ein ehrlicher Mensch bist. Niemand wird Dich verdächtigen, verlaß Dich darauf!"
Er rieb sich die Stirne; ein klein wenig beruhigt durch die Worte seiner Frau war er doch, aber nur ein klein wenig; die Angst vor der Behörde lebte allzu mächtig in ihm, sie war ihm zur zweiten Natur geworden.
„Siehst Du, Mahurette", rief er, sich des gewohnten Zärtlichkeitsnamens bedienend, „vielleicht kommen sic gar nicht aus den Einfall, in dem Steinhaufen zu suchen." •
Sie hatte sich erhoben und kleidete sich rasch an, ohne mit überflüssigen Diskussionen die Zeit zu ver- lieren.
„Spute Dich, Tu darfst keine Sekunde zögern und mußt zur Stelle sein, bevor die Leute au§ dem Dorfe hinkommen. Tu nimmst Dein Gewehr wieder an Dich und kommst aus einem anderen Wege nach Hause, ich aber gehe auf der Straße, die nach der Stadt führt, weiter, kehre dann um und erzähle, daß ich ein Kind am Boden habe liegen sehen."
Während sie sprach, legte sie einige Dutzend Eier in den Korb und zählte sie.
„Ein Glück, dast ich die Eier habe; so muß es glaubwürdig erscheinen, daß ich sie zum Verkaufe in die Stadt trage. 9iun rasch vorwärts! Du darfst nicht länger zögern."
Ter le'dige Gewerkschastsstreit hat die christliche Ge- werkschaft-bewegunu im letzten Jahre leider gehemmt; jetzt ist der Streit erledigt, must erledigt sein. Die katholischen Arbeiter in den christlichen Gewerkschaften mögen sich aber auch die Besolguug der erzbischöflichen Mahnung angelegen sein lassen, restlos den katholischen Arbeitervereinen beizutreten, damit den Weisungen des hl. Vaters auch wirklich Gehör geschenkt wird.
Das Urteil gegen Leutnant v Forstner.
Wenn man den Gesamteindruck wiedergeben soll, wie er sich auf Grund des Prozeßverlaufs und des gefällten Urteils in der elsaß-lothringischen Presse toi- derspiegelt, so kann man eine rückhaltlose A n e r l e n- nung der unparteiischen Tätigkeit des Militärgerichts feststellen. Anderseits kommt überall, auch in denjenigen Blättern, die am meisten geweitert, ein menschliches Rühren gegenüber der Person des Leutnants von Forstner zum Ausdruck, den man immer als das unglückliche Opfer seines Obersten an- sieht. Auch in der Presse außerhalb des Reichslandes herrscht diese Auffassung vor. In rechtsstehenden Blättern kommt sogar die Ansicht zum Ausdruck, daß die Gefängnisstrafe von 43 Tagen das billige 'Maß einer Sühne für die unüberlegte Tagt des jugendlichen Leutnants überschreite.
Noch weiter geht tm „Tag" der Wirkl. Geh. Kriegsrat Dr. Romen, der schon mehrfach sich als Scharfmacher betätigt hat. Er hält das Urteil nicht bloß für zu hart in der Strafverhängung, fondern über- Haupt für einen F e h l s p r u ch, da nach feiner An- gt der Leutnant „zum mindesten in vermeintlicher twehr" gehandelt habe und also straflos bleiben müsse. Herr Dr. Romen hofft, dast das Oberkriegs- aericht von diesem Standpunkt zum Freispruch gelangen oder doch im äußersten Falle das Bestätigungsrecht des obersten Kriegsherrn mildernd eingreqen werde.
Was das Straf maß angeht, so ist es offenbar Schwarzmalerei, wenn der Herr Kriegsrat die Ge- fängnisstrafe als „entehrend" hinstellt. Den Unterschied zwischen Zuchchaus und Gefängnis darf man auch ftp heiligen Eifer nicht verwischen. Wenn wir gewöhnliche Staatsbürger uns zu einer widerrechtlichen Körperverletzung hinreißen lassen, so eröffnet sich uns auch das Gefängnis, und wir sehen nicht ein, warum die Offiziere, die des Königs Waffe mißbrauchen, besser behandelt werden sollten. Aber schließlich ist uns Art und Maß der Strafe in dem vorliegenden Falle Nebensache. Es kommt uns nur auf die Sicherstellung von Re ch t u n d G e s e tz an, und deshalb begrüßen wir die müitargerichtliche Verurteilung al» ein klärendes und beruhigendes Ereignis.
Was die vermeintliche „Notwehr" angeht, so Härte freilich der Täter straflos bleiben müssen, wenn er in entschuldbarer Weise irrtümlich der Ansicht gewesen wäre, daß sein Säbelhieb durch Notwehr geboten sei. Das Gerächt hat nach Anhörung der Zeugen und Prüfung des ganzen Sachverhalts das Vorhandensein eines solchen entschuldbaren Irrtums verneint, und das war kein Gerichtshos von „Zivilisten", son- dem ein Kriegs gericht, dessen Sachverständnis und Unparteilichkeit in solchen Dingen auch der Wirkliche Gebeime Kriegsrat Dr. jur. Romen nur mit größter Vorsicht anzweifeln sollte. Der Angeklagte konnte zur Erklärung seines Schlages nur ansührcn, daß der Schuster bei dem Ringen mit dem Soldaten jeitroeipg den rechten Arm srelbekommen habe. Dabei stand ber Angeklagte noch zwei oder drei Schritte von dem fest- gehaltenen Schuster. Ter Arm war gewiß keine zwei oder drei Schritt lang, und von dem Vordringen des ganzen Mannes konnte noch gar keine Rede fein. Vier ober fünf Soldaten waren dabei, die nach ihrer glaubwürdigen Aussage den Mann sofort „erledigt" haben würden, wenn er den Leutnant bedroht hätte.
Und wieder fügte er sich dem Wunsche seiner Frau, obgleich es ihm schwer wurde.
Gemeinsam schritten sie durch das Dorf, sie lächelnd, entschlossen, mit lauter Stimme sprechend, gleich einer Frau, welche nicht zu fürchten hat, daß man sie höre, ab Ünd zu rief sie sogar jemandem ein Wort zu, den sie am Fenster oder unter der Türe eines Hauses bemerkte.
„Wie, noch nicht auf dem Weg zur Stadt? Geht Ihr heute nicht? Soll ich für Euch etwas besorgen? Mein Mann begleitet mich."
Er folgte ihr ängstlich, war wohl auch bestrebt, ihr unbefangenes Reden zum Schweigen zu bringen. Sie ober achtete seiner Einwendungen nicht und als sie außerhalb des Dorfes auf der breiten Straße waren, da fragte sie ungeduldig:
„WaS soll denn diese Jammermiene bedeuten? Mußte man denn nicht den Leuten begreiflich machen, daß wir unser Haus beide erst jetzt verlosten? Wenn nun eine Untersuchung des Falles stattfindet, wird sicherlich niemand auf den Einfall kommen, dich zu beschuldigen."
Er widersprach nicht, aber seine Angst stieg, je näher er ber verhänanisvollen Stelle kam unb plötzlich blieb er ganz stehen.
„Nein, ich kann nicht, ich will ihn nicht wieder- scheu, den armen Kleinen unb auch ben Hunb nicht."
Sic warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„U^b bas will ein Mann fein — ein Zu ave! Du hast also niemals Feinbe getötet, obwohl Du Dich besten so oft gerühmt!"
„Feinbe, bas ist etwas anberes, bas ist Krieg, da? tut nichts, aber ein hilfloses, kleines Kind und ein Hund, das ist weit schlimmer!"
Sie hatten eine kleine Anhöhe erreicht, von ber sie deutlich die Stelle sehen konnten, an welcher ber Körper bes Kindes gelegen, bas Klagcqchcul bes Hun- beS aber bring nicht mehr bis zu ihnen.
Vater Mahuret toanbte den Kopf ab.
„Wenn er sich nicht mehr regt, wenn man nichts hört, so ist es jedenfalls ein Zeichen, baß alles vorüber ist!" flüfterte er leise.
Da mußte boch bas Gericht annchmen, baß ber Angeklagte feine genügenbe Veranlassung hatte, an eine Bedrohung zu glauben, die ihn zur Notwehr berechtigt. Aus der eigenen Aussage des Angeklagten ging auch deutlich hervor, baß er weniger an bie Notwehr, als an bie „Satisfaktion" gedacht hatte.
Die Verhaftung des Schusters war ein Mißgriff, denn offenbar war er nicht ber Schreier gewesen. Sie war auch gesetzwibrig, benn sie erfolgte nicht auf frischer Tat, sonbern erst spater, als ber übereifrige Fahnenjunker ben Mann wieber- juertennen glaubte, obschon ihm nicht einmal bas Hinken ausgefallen war. Als nun 5 Soldaten zur Bewältigung des Wiberftrebenden ba waren, da siel auch ber letzte Schein von ber ä8esährbung bes Leutnants hinweg, ein entschulbbarcr Irrtum wegen ber gebotenen Notwehr war ausgeschlossen. In ber gesetzlichen Bestrafung bieser Ausschreitung eine Kränkung ber „Armee" unb eine Berücksichtigung ber mil'tärischen Tatkraft erblicken zu wollen, ist nicht bloß ungerecht, sondern gemeingefährlich. Denn zu ber richtigen militärischen Erziehung gehört auch bie Selbstbeherrschung, bie für bie richtige Tapferkeit unb Tatkraft bie Grundlage bilden soll.
Deutfdjes Reich.
♦♦ Berlin, 21. Dez. 1913. Wie bie Nordb. Allg. Ztg. schreibt, machte der Kaiser Samstag vormittag dem Reichskanzler Dr. v. Bethmann Holl- to e g einen längeren Besuch. — Ein Nachtragsetat für S üd westasrika wird dcm Reichsrage zu Beginn des nächsten Jahres zugehen. Er verlangt Mittel für Wasscrerschließung, Siaudämme und Eiscn- bahnbauten. — Tie jüngeren O f f i z i e r e der Fußart i l le r i e werden künftig einen sechsmonatigen Lehrgang bei ber Technischen Akademie und alsdann einen Monatskursus bei ber Fußartillerie-Kriegsschulg durchmachen. •— Geschäftsführer ber freikonscrvativen Partei wirb ber SanbtagSabg. Lanbrat a. D. von Dewitz /Oldenburg). Er übernimmt auf Wunsch bes Ausschusses des Wahlvereins ber Freikonservati- ven unb Reichsspartei vorn 1. Januar an bie Führung ber Geschäfte bes Ausschusses unb die Leitung des Parteibüros. Bisher war Geschäftsführer der Freikonservativen Landtagsabg. Brütt. — Wie das Wvlfssche Bureau von unterrichteter Stelle erfährt, sind alle Kombinationen politischer und geschäftlicher Natur, bie an die Reise des ehemaligen Großwcsirs Hakki Pascha und des türkischen Finanzministers R i f a a t Bey nach Berlin geknüpft wurden, gegenstandslos. Hakki Pascha beabsichtigt lediglich, feine mit dem türkischen Militärattache in Berlin verheiratete Tochter zu besuchen. Ob Nifaat Bey überhaupt nach Berlin kommen wird, steht noch nicht fest. — Die Nordd. Allg. Ztg. schreibt: Aus einer Generalversammlung des Deutsch-Hannoverschen Vereins in Wicnburg hat nach Zeitungsmeldungen der Reichstagsabgeordnete Frhr. v. S ch e I e unter anderm gesagt, der Herzog von Cumberland wünsche, daß die Partei den Kamps um die Wiederherstellung des Königreichs Hannover fortsetze. Wenn dabei daran gedacht sein sollte, daß die Welsen die Wiederherstellung Hannovers von einer freien Tat Preußens erwarten, so hat der Reichskanzler int Reichstag deutlich genug gesagt, daß dies leere Hirngespinste sind. Bei einem anders gedachten Kampfe kann sich die Partei nach ben Erklärungen, die der Herzog von Cumberland wiederholt dcm Reichskanzler abgegeben hat, nicht auf den Willen d:S Herzogs berufen.
4- Tie neue Session des preußischen Landtages wird am 8. Januar n I. nicht durch ben Kaiser persönlich, sonbern auf besten Befehl burch ben Minister- präsibenten v. Bethmann H o l I w e g im Weißen Saale bes Königlichen Schlosses eröffnet toerben. ' Thronrebe wirb einen Passus über bie "Frage ber Dahlreform nicht enthalten.
4- Seinen 80. Geburtstag beging am gestrigen Sonntag ber ehemalige preußische Kricgsminister Bronsarr v. Schellendorff auf seinem Gut Marienhof in Mecklenburg in völliger körperlicher und geistiger Frische. Vor nunmehr bereits 20 Jahren hat Bronsart v. Schellenborsf im Reichstage bie Interesten der Armee wahrgenommen und sich besonders auch durch sein entschiedenes Auftreten gegen bie Sozialdemokratie einen guten Namen erworben.
(*) Tie Etatsberatung im Reichstag. Nach Blät- termetbungen soll jetzt schon fcststehen, daß ber Reichs- hauShaltsctat auch jetzt nicht vor dem 1. April 1914 erledigt werden könne, sodaß wieder einmal ein N o t- g c s e tz erforderlich würde. Demgegenüber bemerkt die Deutsche Tagesztg., daß man in Rcichstagswahl- freifett die sichere Hoffnung hegt, in diesem Jahre den Etat bis zum Beginne de§ neuen Etatsjahres durch- bcraten zu können. Man wird mit ber 2. Lesung des Etats sofort nach ber Weihnachtspause beginnen, unb ba im nächsten Jahre Ostern ziemlich spät fällt, wird genug Zeit zur Verfügung stehen.
* Zur Frage „Duell in der Armee" wird dem „Verl. Lok.-Anz." auf eine Anfrage über den Fall Branden st ein beim Kriegsnrinistvrium mitige- teilt, daß dieses nicht bie Absicht habe, in ber Presse auf bie bekannte Veröffentlichung des Herrn von Brandenstein einzugehen:
Die non htm «euteter des KriegsminitzeriumS in der Angelegenhe t abgegebene Erklärung ist vor der Somnuffion zur Lötung der Duellsrage erfolgt Boraus- srchilich kommt es doch wobl auch dort zu emtr weiteren Erörterung der Sache. Schon jetzt läßt sich tnoeffen übersehen, daß sich die vom Vertreter des Krieg?« minweriumS abgegebene E tlätung in allen Punkte» aulrechterbatten läßt
Zwischen der in der Budgetkommission von einem Vertreter des Kriegsministeriums abgegebenen Er- klärung und der Erklärung des Herrn v. Branden- stein besteht ein solcher Widerspruch, daß das KriegS- minifterium die frühere Erklärung nicht so ohne weiteres anfrechterhalten kann.
*, U brr Den nat|tibt|ug) in Mönchen schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg/:
„Mit JiMel begrüßt, vom Königshanse herzlich be« w lllommnet, haben Ihre Maiefiäien Der Satter und die Kaiserin den diesjährigen Betuch König Ludwigs und der Königin Maria Tueresia m Bertm nunmehr in München erwidert. Die bäuerliche Hauptstadt hatte sich zu seitlichem Empfange cieldtmürft; Die Bevölkerung brachte dem Kagerpaar Kundgebungen herzlichen Willkommens hat, und in beredten Watten gab der Oberbürgermeister Dr. v. Boricht den (Seunmtngen der Bür- gertoaft Ausdruck, die in der Antwort deS Kaisers einen aus uesem Empfinden kommenden Widerhall fanven. In glücklicher Etetgeruna vet lausen, schlossen die Münchener ftetitage in ungetrübter Harmonie ab und werden noch lange freundlich, erhebend, ertnnerungssroh nachtlmgen."
4 Die konfessionelle Zusammens tzitng ber Volks« schulen in Preußen bat in Den letzten Jahren eine bemerkenswerte Verschiebung zugunsten des tatbolvcben Beoölkerungsteils erfahren. Die Voltssckulen fetzen sich einer Aufstellung Der ,Doss. Ztg/ zufolge Den? Bekenntnis nach wie folgt zusammen:
1886 1896 1911
Evangelische 30618">6 3 296481 3871902 Katholische 1730 402 1901013 2 650 722 Juden 36 420 27015 19 965
Sonstige 9569 12 317 29551
Der protestantische Anteil betrug 1886: 63,3 o. H„ Der tathoUsche 35,8 v. H.; nach Der Zählung von 1911 ist Der Prozentsatz Der Protestanten am 58,9 oeiunten, ber Der katholischen ©diüter auf 40,7 gestiegen, während die Gcsamtbevöllerung 1910 nur zu 36,31 v. H. katholisch war. Dagegen tu 61,82 v. H. protestantisch. Tie evangelischen Bollsichüler haben sich um nur 26,4 v. H, die kath. Dapcaen um 53.2 v. £>. neimebrt
* Verleumde nur wacker drauf los . . . Unter der Ueberschrist: „Tie Uebcrzeugung der Frommen" brachte der sozialdemokratische „Vorwärts" (Nr. 319)
Er wagte es gar nicht, einen Blick nach der Un- glückssiätte zu Wersen; sie aber sah scharf hin, galt es ja doch, den guten Ruf ihres Alten zu retten! Aber auf der Weißen Heerstraße, welche sich vor ihren Augen dahinzog, sah sie nichts, als einen großen, dunklen Fleck, der Wohl eine Blutlache hätte fein können; von dem Kinde und dem Hunde nirgends eine Spur so daß sie anfing, sich dcm Glauben hin- zugeben, Vater Mahuret habe geträumt! Wer konnte es denn auch wissen? Vielleicht war er trotz der frühen Morgenstunde bereits in der Kneipe gewesen — bei Männern konnte man auf alles gefaßt sein — hatte einen Schluck über den Durst getrunken und dieser raubte ihm den Verstand und die ruhige Ueberlegung; er war über Hirngespinste erschrocken, ohne daß dafür die gcringste Veranlassung bestanden hätte.
Sich ihm zornig zuwendcnd, fischte sie ihm nur das eine Dort „Trunkenbold!" ms Ohr; er aber zuckte unter der ihm zuZefügten Beleidigung zusammen.
„Ich habe nichts getrunken, nicht einen Tropfen, hörst Du Wohl!"
„Dann hast Tu geträumt, sieh Dich nur um!"
Er tat wie ihm geheißen und tat es ängstlich: sic ließ sich aber nicht in Abrede stellen, daß weit uid breit auf der Straße sich nichts entdecken ließ. Bezüglich der Stelle aber konnte er sich nicht geirrt haben, denn er sah die Mauer, welche den Weingarten des Bürgermeisters umfriedete, sah auch den Steinhaufen, in welchem er fein Gewehr versteckt hatte.
Die Straße war frei, aber im Graben knapp neben dem rieselnden Bach, rührte sich etwas.
Er konnte nicht unterscheiden, was es fei, was sich da bewege: plötzlich war es ihm, als sehe er eine schwankende, kleine Gestalt, als sehe er die gleichen Füße, das gleiche dunkle Köpschcn, welches er kurze Zeit vorher in regungsloser Stellung geschaut.
Mochte die gute Mahurette ihn immerhin einen Trunkenbold nennen, fein Herz schlug doch freudig, ihm toar es mit einem Male^ als fei er von einer Zentikvrlast befreit. Er trat näher, noch immer ohne im geringsten verstehen zu könn-.n was sich denn
eigentlich zugetragen; aber das blieb ja Nebensache angesichts des frohen Bewußtseins, daß das Kinb, welches er getötet zu haben glaubte, lebe und sich Wohl befinde. Jetzt gewahrte er mit einem Male auch fein zweites Opfer, den Hund, welcher sich, sei es vom Selbsterhaltungstrieb gedrängt, sei es, um im Frieden zu verenden, sich bis zu dem dahinfließende« Bächlein geschleppt hatte.
Das Ehepaar war jetzt bis in die Nähe des Kindes gelangt; dieses, anstatt scheu Hurückzuweichen, kam mutig auf die beiden zu und rief mit feiner helle« Kinderstimme:
„Tantan — bunt!"
Der ganze Bericht des Dramas, welches sich abgespielt, lag in dielen Worten:
„Ja. ja", sprach Mahuret gerührt, mehr zu sich selbst als zu dcm Kleinen, „ich will aber nicht mehr „bum" machen, sondern den armen Tantan heilen."
Und vor Freude überwältigt, hob er das Kind in seinen Armen empor und bedeckte sein Antlitz mit Küssen. Es toar doch gut, kein Mörder zu sein!
Weniger gerührt betrachtete seine Frau den kleinen Iunge.i.
„Das ist ja ein Negerknabe, Mahuret!" rief sie verwundert. „Sich Dir doch nur sein krauses Haar an, die braunen Arme und Füße! Woher der kommen mag! Und welch seltsamen Aufputz er hat!"
„Du hast recht, er sieht eigentümlich ans, aber trotzdem sehr nett, und ich bin froh, daß ich Ihn n cht getötet. Wie wäre es benn, liebes Weib, wenn wir darin einen Fingerzeig Gottes sehen wollten? Wir haben niemals Kinder gehabt, und die Häuser, in denen es keine Kinder gibt, sind nicht Hefter."
Sie schwieg und blickte nachdenklich vor sich hin, wußte sic doch, daß die Kinderlosigkeit immer ein wunder Punkt in dein Leben ihre? Gatten gewesen.
„Ick sage nicht ja und sage nicht nein zu Deinem Vorschlag", bemerkte sie nach einer kleinen Weile. „Man müßte darüber Nachdenken. Woher der Kleine stammen mag!"
Er lachte vergnügt auf, benn er glaubte sicher fein zu können, baß fein braves Weib seinem Wunsche- nachkommen werde, (Forts, folgt.)