Zul-aer Zeitung
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40. Jahrgang.
Donnerstag den 18. Derember 1913
Crstes Blatt.
Nr. 292
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Q Müssiges Gerede.
Auf die erregten Auseinandersetzungen und die politische Hochspannung der letzten Zeit ist es jetzt merkwürdig ruhig geworden. Der Eifer zu Politischem Schaffen tritt in der Stille der Weihnachtszeit nicht mehr zutage und über die Presse kommt eine Stimmung, wie sonst nur in der Saure-Gurken-Zeit. Sie beginnt zu spinnen und ihre Phantasie in den weiten Gefilden der Politikasterei spazieren zu führen; beson. ders die Presse, die sich durch Sensationsmacherei unterhält und es ihren Lesern schuldig ist, pikante Neuigkeiten zu bringen. Sie kann denn auch nicht umhin, dem bewegten politischen Drama der jüngsten Zeit einen passenden Abschluß anzudichten und bald von Kanzlerkrisen, bald von Reichstagsauflösung zu schreiben. Für das eine wie für das andere hat sie die- selbe Unterlage und Anregung: ihre üppige Phan-
Herr v. Bethmann Hollweg hat im Reichstag klipp und klar erklärt, daß er wegen des Miß- trauensvotums, das ihm die Volksvertretung wegen seiner Haltung in der Zaberner Angelegenheit erteilt hat, seine Entlassung nicht eingereicht habe und auch nicht einzureichen gedenke. Wer weiß, wie in Deutschland Minister berufen werden und wer für das selbstsichere Auftreten des Kanzlers nach dem Mißtrauensvotum die einzig mögliche Erklärung sucht, der wird zugestehen müssen, daß die Stellung des Reichskanzlers heute noch io u n e r s ch ü t t e r t ist, wie v o r der Erteilung des Mißbilligungsvotums. Aber dennoch wurde in der Presse, die das Gras wachsen hört, dem Kanzler eine ganze Reihe von Nachfolgern dediziert: der preußische Landwirtschafts- Minister Frhr. v. Schorlemer^ der Marinestaatssekretär v. Tirpitz, der Londoner Botschafter Fürst v. Lich- nowSky und noch einige andere. Das sind gewiß alles tüchtige Männer, die in ihrem Fach vortreffliches leisten; ob sie sich aber für den Posten eines Reichskanzlers eignen würden, ist doch eine verzwicktere Frage, denn ein tüchtiger Marineminister braucht nicht immer ein vielseitiger Staatsmann und ein sachkundiger Landwirtschastsminister nicht immer ein ruhiger und besonnener Diplomat zu sein, wie eS der Verantwortliche Leiter des Deutschen Reiches sein muß; andererseits bürgt eine gute diplomatische Befähigung, wie sie Fürst Lichnowsky zweifellos besitzt, noch nicht für den Besitz vieler anderer Fähigkeiten, die man von einem Staatsmann in leitender Stellung erwartet. Uns Wörde der Austausch Herrn v. Bethmann Hollwegs gegen einen der genannten angeblichen Kandidaten jedenfalls ein Griff auf gut Glück dünken. Und wir haben vorerst keine Veranlassung, ihn herbeizuwünschen.
Nicht allein mit einer Kanzlerkrisis, sondern auch mit einer Parlamentskrisis spielen jetzt ge- wisse Prcßorgane. Ausgereck>net dem Zentrum wird da wieder zugcschriebcn, daß es auf einen K o n- f l i k t hinarbeite und die Auflösung des Reichstagstags erstrebe; es wolle besonders beim Heeresetat eine Reihe von Abstrichen machen, die von der Regierung unter keinen Umständen zugestanden werden könnten. Das sind naive Gerüchte, die gar zu deutlich zeigen, was sie bezwecken. Man möchte das Zentrum gern wieder einmal verdächtigen und die Nationalliberalen kopfscheu machen. Wenn man nur anzu- geben wüßte, warum denn das Zentrum eigentlich aus einen Konflikt hinarbeitet! Das Zentrum ist heute sowenig konfliktslüstern wie im letzten Sommer, als es am Zustandekommen der großen Wchr- und Deckungsgesetze unter Hintanstellung seiner Sonderwünsche mitgearbeitet hat. Tas Zentrum bewilligt den Etat nicht dem Kanzler und Kriegsminister, wie Dr. Spahn kürzlich in seiner Eatsrede dem Abg. Scheidemann gegenüber betonte, sondern im Inter- esie des Reichs. Darum werden die Unglückspropheten, die eine Reichstagsauslösung Vorhersagen, soweit
das Zentrum in Frage kommt, sicherlich unrecht be- halten. ,
* Zum Tode des Kardinals Rampolla
wird noch aus Rom gemeldet:
Der Tod des Kardinals Rampolla kam völlig unerwartet. Er hatte allerdings in den letzten Iah- ren an nervöser Erschöpfung gelüten, sich aber, durch wiederholten ruhigen Aufenthalt tn Emstedeln m der der Schweiz gut erholt. Anzeichen von Angina pectoris (Brustbräune), die im vergangenen Sommer auftraten, wurden durch ärztliche Behandlung beset- tiqt und das Nebel machte keine Fonschritte, so daß der'Kardinal wieder für gesund galt. Seit kurzem klagte der Kardinal über Kaltegesuhl und Frösteln. Am Montag machte er noch seinen gewohnten «pa- ziergana. Am Dienstag früh fühlte er sich nicht wohl. Als am Nachmittag das Unbehagen anhielt, ließ er seinen Arzt, Dr. Battistini, rufen. Um 5 Uhr sand die ärztliche Untersuchung statt, die aber nichts Verdächtiges ergab. Der Arzt schrieb nur vor, daß das Zimmer geheizt werden müsse und daß der Kardinal abends zeitig zur Ruhe sich begeben solle. Sem Ge- heimsekretär Msgr. Nvechi erbot sich, m- Nebenz.m- mer sich schlafen legen zu wollen, was Kardinal Ram- polla aber dankend ablehnte. Als gegen 10 Uhr Atembeschwerden eintraten, ließ der Kardinal durch seinen langjährigen Kammerdiener Jofeph> den Arzt holen, und gleichzeitig seinen Geheimsekretar so- wie den Oekonomen des Vatikanischen Seminars. Als diese drei erschienen, war Kardinal Rampolla be. reits gestorben. — Kardinal Staatssekretär Mtt- ry del Val wurde sofort benachrichtigt Dte L^che wurde mit dem Kardinalsornat bekleidet. Die Verwandten, der Sekretär und der Kammerdiener des Kardinals halten die Leichenwache. Die Leiche wird bis zum Begräbnistage öffentlich aufgebahrt.
In den Nachrufen der Presie werden im allgemeinen die großen Eigenschaften des Verstorbenen gereckt gewürdigt. In den liberalen Blattern gipselt die Würdigung aber fast ausschließlich in der AuS- nialung des „tragischen Geschickes", daS beim Tode Leos Xlll und im Konklave über den bis dahin „alt- mächtigen" Staatssekretär hereingebrochen sei, sie wollen die letzten zehn Lebensjahre durchaus als eine Zeit der Verkümmerung und Erbitterung hinstellen.
Diese Schilderung des Lebens- und Wirlungs- ganges »st aber mehr dramatisch, als historisch. Kar- dinal Rampolla war von der Vorsehung mit dem Glück begnadet worden, sechzehn Jahre lang unter einem io weisen und ersolgieichen Papste, wie Leo XIII. es war, als dessen „rechte Hand' eine Wirksamkeit von unübertrefflicher Weite und Frucht- barkeit ausüben zu tönnen, und zwar auf der Grund- läge einer ganz ungetrübten Harmonie mit seinem Herrn und Vollma btgeber. Daß der Tod des PapsteS nach menschlichem Ermessen auch einen Wechsel im Staatssekretariate mit sich dringen würde, wußte Kardinal Rampolla natürlich. Wenn man heute dem Toten nachiagt, er habe bestimmt darauf gerechnet oder sogar dahin gestrebt, zum Rackwlger Leos XIII. gewählt zu werden, so geht dies- Nachrede von den 'Annahme aus, Rampolla habe einen unersättlicher Ehrgeiz besessen. Es liegt aber durchaus fein Be- weis von selbstsüchtigen Trieben oder Bestrebungen vor. Im Gegenteil: als un letzten Konklave durch die Geltendmachung des österreichischen Einspruches eine überraschende und gewissermaßen peinliche Lage geschaffen war, da hat Rampolla nicht bloß alles unterlassen, waS seine Kandidatur hätte fördern können (unö solche Mittel hätte ein .Ehrgeiziger" sehr wohl noch finden tönnen), sondern er hat sogar positiv zur Wahl eines anderen Kandidaten mit- gewirkt, indem et seine Ablehnung in Aussicht stellte. Dabei braucht ihn keine „sastche Be|cheidenheit".ge- leitet zu haben, sondern er wird wohl in der Erkenntnis
Das verlorene Kind-.
4] Roman von Marie Lescot.
Die Bitten um Geld, welche Baronin Amelie recht häufig an Frau von Erneuil stellte, ließen eine gewisse Bitterkeit in ihrer Seele zurück, die sie unter erheuchelter Demut und Resignation klug zu »erber» fien suchte. Bei der Kunde von dem Tode ihres Ncf- en empfand sie zugleich mit dem Erbarmen für das tragische Ende des Kindes und das Unglück der armen Mutter auch eine gewisse wilde, triumphartige Freude, welche sie aber natürlich zu verbergen wußte.
In diesem irdischen Jammertal ereignet es sich ja so oft, daß das Unglück des einen das Glück des andern bildet. Das Ereignis welches die eine Mutter um den Verstand gebracht, eröffnete der andern die glänzendsten -Hoffnungen.
Durch den Tod seines Neffen Konstantin wurde der Freiherr von Rochedur der voraussichtliche Erbe und Verwalter des namhaften Vermögens, über welches Frau von Erttcuil verfügte.
Ein Sprichwort sagt, daß man die Dinge, welche man wünscht, auch gerne glaubt; niemand war mehr als Frau von Rochedur von dem Tode des armen Konstantin überzeugt, dessen Leiche schließlich dock nicht gefunden worden war, und wenn jemand den leisesten Zweifel zum Ausdruck brachte, antwortete sie darauf nur mit einem mitleidigen Achselzucken oder mit einem geringschätzigen Lächeln.
Im Grunde war die Katastrophe ja auch kaum zu bezweifeln.
Tie schuldige Jeanette hatte, um ihre Nachlässig- keit in milderem Licht erscheinen zu lassen, Lukas und Justine gebeten, daß sie die Wahrheit einigermaßen bemänteln sollten, damit, wenn sie ihre Stelle verliere, sie keine Schwierigkeiten habe, einen anderen Posten zu finden.
Erschreckt und betrübt durch die Verzweiflung des Mädchens, welches ohnehin schwer genug -büßte, .erhärten sich die beiden bewährten Diener bereit, eine
Mitschuld aus sich zu nehmen, indem sie da schwiegen, wo es ihre Pflicht gewesen wäre, zu reden.
Jeanette erzählte also den Leuten, daß Frau von Erneuil mit ihrem kleinen Jungen an der Hand im Walde spazieren gegangen sei; sie selbst wäre in einiger Entfernung ihrer Herrin gefolgt und habe dann die Weisung erhalten, nach dem Schlosse zurückzukehren, um ein dort vergessenes Spielzeug zu holen. In der Nähe des Binsenbrunnens sollte sie wieder mit ihrer Gebieterin und dem Kinde »usaminentres- feit und sie habe sich auch nach Möglichkeit beeilt, um dies zu bewerkstelligen. Als sie aber zu der bezeich- neten Stelle gekommen, wurde der nooellenhafte Be- richt des Mädchens zumeist durch einen Tränenstrom unterbrochen.
„Als ich auf die Lichtung trat, sah ich Frau von Erneuil besinnungslos am Boden liegen", sagte sie dann, „und den Hut des Kindes, der oben auf der Wasserfläche des Brunnens schwamm."
Der Bericht, welcher auf solche Weise unter die Leute kam, war denn auch vollkommen danach angetan, jede Forschung nach der Möglichkeit, ob das Kind nicht vielleicht doch noch am Leben sei, schon im Keime Serstt..en, und der arme, alte Großvater, welcher rch Krankheit gebannt in der Ferne weilte, ließ sich nicht träumen, daß sein Kommen, seine Emsigkeit in den Nachforschungen vielleicht ganz andere Resultate zutage gefördert haben würden als die etwaS laj:en Bemühungen der Freifrau von Rochedur. Diese verstand es, Jeanettens Bericht noch weiter auSzu- schmücken und das Verschwinden des Kindes als ein Ereignis hinzustellen, welches zwar sehr bedauerlich, aber nichts weniger als überraschend wirken konnte. „Meine Schwägerin", schrieb sie, „hat zuweilen Augenblicke der Geistesabwesenheit gehabt. Es erklärten sick dieselben durch den unermeßlichen Schmerz, welchen der Tod ihre? heldenmütigen Gatten ihr verursachte. - Seit jener Zeit hat die arme Julie nicht mehr über ihre volle geistige Klarheit Der- fügen könnem Sie mied ihre nächsten Verwandten, schloß-sich in düsterem Schweigen vor aller Welt ab und lebte allein, von Verfolgungswahn gepeinigt. Mein Gatte und ick haben genaue Nachforschungen
gehandelt haben, daß sein Pontifikat, wenn eS gegen den ausgeipiochenen Willen einer großen und einflußreichen Kaisermacht zustande käme, unter einer politischen Belastung zu leiden Haden würde, die den kirchlichen Jntereffen hinderlick sein könnte.
Gegen den angeblichen .Eh> geiz' des Kardinals Rampolla spricht auch die Tatsache, daß er seit Dem Wechsel des Pontifikates und des Staatssekretariates sich von jedem Versuche, in die ihm nicht mehr zu- stehenden Geschäfte sich einzumischen, durckans fern« hielt. Er ging aber doch nicht in den Schmollwinkel, sondern widmete sich mit Lust und Eifer den Aemtern, die ihm geblieben waren oder übertragen wurden. Unwillkürlich Drängt sich Da Die Erinnerung an Den Fürsten Bismarck auf, Dessen ungebänDigte Kraft- natur Die Entfernung von seiner Machcstellung nickt vertragen konnte, fonDern .polternD unD nörzelnD hinter Dem Reichswaqen herlres", wie Damals Die ,Köln. Zig' sich ausDrückie. Ein Lergleich fällt Durchaus zugunsten des Rainpoüa'schen Charaiters aus. Mit Der würdigen Zurückhaltung gegenüber den Ausgaben, Die jetzt anDere zu besorgen hatten, wußte er Die treue Erfüllung Der oerbitebenen Amtspflichten unD DaS private wiffenichaftliche Streben lchön zu vcrd nDen. Seine bewährte TugenD und Tatkraft gab natürlich seinen zahlreichen Freunden und Verehrern Anhaltspunkte für Die Hoffnung, Daß Diesem heroorragenDen Manne schließlich Doch roieDer ein noch größerer Wirkungskreis beschieDen fein lönnte.
Der Tod aber hat Die irdische Wirksamkeit wider Erwarten schnell abgeschloffen, und Da fliiD nun alle einig Darin (Die Freunde sowohl als Die ehrlichen Gegner), daß KarDinal Rampolla al8 guter unö getreuer Knecht mit den üoeraus großen Talenten, Die thm gegeben waren, auch überaus crtolgreich gewuchert hat. Daß von dem Ruhm und Den Erfolgen Des glorreichen Pontifitats Leo's XIII. ein wesentlicher Teil auf diesen tüchtigen Rcttgeber und Gehilfen absällt, daß er in der Höhezeit feiner Stellung sich eine weltgeschichtliche Bedeutung errungen unö Durch Die gewiffenhaste Fügung in Die Verhältnisse zugleich Den Nachruhm eines eDlen unD lautern Charakters sich nestwert hat.
Man kann vielleicht darüber streiten, ob Kardinal Rampolla s. Z. die politische Spannung, die zu dem Veto im Konklave führte, nicht vielleicht hätte vermeiden oder mildern können. Aber solche nachträgliche Kritik in einem Einzelpunkte, der sich nur auS den damaligen Verhältnissen voll erfassen laßt, hat wenig Wert. Der Majestät deS Todes entspricht es besser, sich an zweifellosen Verdiensten diese- Toten unö an seinen Tugenden zu erfreuen.
Deutscher Reich.
•» Berlin, 17. Dez. 1913. Der Kaiser und die Kaiserin trafen heute mittag um 12 Uhr 20 Min. im Sonderzug von München komme» D auf der Wild- parkstalion em uno begaben sich ins Neue PalaiS.— Der englische Marineniinister Winston Churchill teilte dem Reuterfchen Bureau mit, daß Die Meldung, er werde mehrere Wochen in Deutschland verbringen, gänzlich unbegründet ist.
+ Tas preußische Abgeordnetenhaus wird bekanntlich am 8 Januar seine erste Sitzung abhalten. Man nimmt an, daß an diesem Tage Der Fiuanzminister den neuen Staatshaushaltsetat embringeu, und daß Die 1. Lenlng des Etats am 13. Januar ihren Anfang nehmen werde. Nach Blättermeldungen joden Dem Landtag zunächst das Wohuungegeietz, das Fisckereigehtz unö das Parzellierungsgefetz zugehen.
+ P ofesfor Dr. Hitze, Der verdiente Soiialpoli- tifer des Zentrums, der sich in Berlin eine Lungenentzündung zugezogen hatte, ist von feiner Erkrankung wieder soweit her gestellt, daß er nach Münster abreifen konnte. Wir wünschen Dem verehrten Abgeordneten als Weihnachtsgabe die ooUftänöige Wiederherstellung feiner Gesundheit in Der Heimat.
fehalten, der Nachsage ihrer Dienerschaft zufolge be< and sie sich mit Konstantin allein im Walde; waS ich weiter zugetragen — ach, es ist nur zu leicht, ich das zusammenzustellen. Der arme Kleine hat einen der Zerstreuungsanfälle seiner Mutter benützt und ist zu nahe an die Mauer hera.igetreten, welche den Brunnen umfriedet. Er hat sich über dieselbe gelehnt und ist in die Tiefe gefallen.
Diesen Bericht schrieb die Freifrau von Rochedur auch an den Großvater des Kleinen. Als sie mit demselben so weit gekommen, hielt sie einen Augenblick zögernd inne und fügte dann hinzu:
„Erlassen Sie mir die weiteren Einzelnheiten. Meine Tränen fallen auf das Papier, indem ich bedenke, welchen Schmerz Sie empfinden müssen."
Sie weinte tatsächlich über ihre eigenen Phrasen und hielt sich für die unschuldvolle Heilige, als welche sie sich hinzustellen suchte. Im .nächsten Augenblicke aber waren die Tränen getrocknet und verführerische Zukunftsbilder von Reichtum und Luxus umgaukelten sie. Zu ihrer Ehre fei es übrigens gesagt, daß weder tn ihrem unfruchtbaren Mitleid, noch in ihrer sündigen Freude, sie ernstlich daran dachte, daß das Kind mög- sicherweise doch am Leben sein könne.
Im Torfe freilich gab es Einen, welcher schüchterne Einsprache wagte gegen die in Umlauf gesetzten Gerüchte. Tas war der Vater Thomas, der Mann, welchen Frau von Erneuil im Augenblicke der Katastrophe gefragt hatte, ob er nichts von dem Kinde wisse.
„Die gnädige Frau war nicht int Walde!" erzählte Thomas dem Pächter Blasius. „Sie suchte den Kleinen. Lukas, Justine und Jeanette batten das Schloß verlassen, denn -die gnädige Frau stellte noch die Frage a.t mich, ob sie mir nirgends begegnet feien. Es muß da irgend eine Nachlässigkeit verhüm- licht werden, denn wahr ist die Sache so, wie sie dar- gestellt wird, entschiede i nicht."
Mit leiserer Stimme fügte er dann hinzu:
„Während ich dann noch vor meiner Türe saß und Weidenruten band, sah ich einen Mann vorübergehen, der einen nichts weniger als vertrauen- erweckenden Eindruck machte; er Iah aus. wr- nner
♦ Die Hebungen des BeurlanbltnstandeS, welche jetz bekanntlich nach Dem Getetz, lomeit mstitärliche uno wirtschaftliche (Brünne dies gestatten, im Winterhalbjahr Rattfinöen sollen, sind Dementsprechend geregelt rootDen. So ist unter anderem für diesen Winter noch Die Aufstellung von weiteren Rcierve- Jnfanlerie-Regimentern bei zehn Armeekorps zu vierzehntägigen Hebungen auf den Truppenübungsplätzen ungeordnet worden.
* Kinderzulagen für Beamte. Nach B ättermel« Düngen find Die ReichsbehörDen zurzeit mit Der Aufstellung einer Statistik über Den Familienstand Der Beamten, befonDer» über Die Kinderzahl in Den Beamten Familien, beschäftigt. Die Statistik ftent im Zufammenha ge mit Der im Haushaltungs-Aus« ichuß Der Reichstages angeregten Frage, ob Den Reichs- beamten nach Der Zahl Der unoerforgten Kinder Gehaltszulagen zu gewähren seien.
* Aus Kreisen katholischer Staatsbeamter wird uni geschrieben:
„Wenn die „Berliner Neuesten Nachrichten" nicht wären, — es gäbe keine Tageszeitung für die gebildeten nationalen Kreise mehr". So wenigstens belehrt uns ein Werbeblatt dieser Zeitung, das unverständlicherweise der amtlichen „Zeitung deS Vereins deutscher Eisenbahn. Verwaltungen" in Nr. 94 beigelegt war. Der Umschlag der Wochenschrift, die auch früher schon wiederholt eine dem Zentrum unfreundliche Haltung hervorgekehrt hat, weist auf die Beilage hin. In dem Werbezettel ist u. a. auSgeführt: „Von keiner Partei abhängig, keiner Partei dienstbar streiten wir (die „Berliner Neuesten Nach, richten") weiter wider alles, was undeutsch ist. Wider die machtvollen, sich mehrenden Herrschaftsgelüste eines reichsfremden UltramontaniSmuS, wider die Vaterlands- feindliche Sozialdemokratie." Andere liberale Preßor. gane entfallen auch seit langem eine briefliche Werbe, arbeit unter den Beamten, aber keine der Werbedruck, fachen lat bisher herausfordernde, die katholischen Be- amten beleidigende Wendungen gebraucht, wie es sich jetzt die „Beniner Neuesten Nachrichten" erlauben. Am be. bäuerlichsten ist dabei, daß dieser Prospekt einer amt. liehen Zeitschrift beigelegt worden ist.
Dw ZuiMNtt laiueet mit Der Bitte an alle katholischen Beamten, für eine Verbreitung Der katholischen Presse zu sorgen unD auS Selbstachtung Die katho« tikemeinDlichen Zeitungen zu ignorieren.
♦ Zabern. DaS Woltsche Bureau melbet: Gegenüber anoerSlautenöen BlättermelDungen fei sestgestellt. Daß im Kriegsministerium nicht- Davon betannt ist. Daß Das Infanterie-Regiment Nr. 167 in Kassel marschbereit nach Zobern fei.
♦ Forscher vor dem Kriegsgericht. Am Freitag findet vor dem Gericht der 30. Division die Bcrhand- lung i.i Straßburg gegen den Leutnant Freiherrn von Forstner vom Infanterie-Regiment Nr. 99 statt wegen der Vorkommnisse in Dettweiler am 2. d. M. — Wie noch erinnerlich, ist Dettweiler die Stätte des glorreichen Sieges des Forstners über den lahmen Schuhmachergesellen.
* Militärische Kundgebung in der Kirche. Polnische Blätter berichten aus Pr. - Stargard, daß am Sonntag den 7. Dezember während des Militär- gottcsdienstes in der katholischen Kirche, als das Evangelium durck den Ortspfarrer polnisch verlesen wurde, die Soloaten aus Befehl des diensttuenden Offiziers die Kirche verließen. Die Aufforderung des Pfarrers, noch in der Kirche zu blei- ben, weil noch deutsch gepredigt würde, blieb erfolglos. Nach polnischen Blättern ist es in Pr.-Stargard bis jetzt üblich gewesen, auch während des Militärgottesdienstes das Evangelium auch in polnischer Sprache zu verlesen, falls der amtierende Geistliche der polnischen Sprache mächtig war. Von zuver- läffigcr deutscher Stelle wird die Darstellung der Vorfalles als richtig bestätigt. Ob der die Aufsicht führende Offizier aus eigener Entschließung gehandelt hat oder sich auf eine höhere Weisung berufen kann, können wir nicht sagen. Wir möchten das erstere annehmen. In Pr.-Stargard besteht die Garnison aus einer Abteilung des Feldartillcrie-Negi-
jener Leute, die Hühner ober Kaninchen rauben, aber eventuell auch schlecht genug sind, ein Kind an sich zu nehmen, wenn sie glauben, daß solcher Diebstahl ihnen Vorteil bringen könne. Warum man nicht,die verschiedenen Karren der Wegelagerer untersucht hat, welche gerade damals in der Gegend um«, herfuhren, ist mir vollständig unverständlich. Ich' bin überzeugt, wenn der Herr Oberst von Erneuil hier gewesen wäre, wäre man auf ganz andere Art vorgegangen. Es wäre Pflicht gewesen, alle Straßen zu durchsuchen, anstatt eigensinnig an der fixen Idee festziihalten, daß der kleine Konstantin nur iw Brunnen sein kann."
Da Blasius sich nicht überzeugen ließ, zuckte der Andere die Achseln und fügte hinzu:
„Es gibt noch etwa?, was mir in der Sache ausfallend ist. Warum ist denn der Hund seit jenem Tage spurlos verschwunden? Die Tiere sind klüger, häufig auch besser und anhänglicher, als die Menschen."
Trotz seiner Danernklugheit und seiner Furcht, sich in die Angelegenheit seiner Herrschaft zu mengen, konnte der alte Blasius nicht umhin, zu murmeln:
„Das hat seine Richtigkeit, daß die Tiere klug sind, und ganz natürlich will es auch mir nicht Vorkommen. daß die dänische Dogge verschwunden ist."
Die von Thomas angeführte Tatsache l'<*§ sich nicht in Abrede stellen und war zum mindeste-' seltsam. Sultan hatte seine Kette abgerissen und war geflohen, aber angesichts all der traurigen Ereignffse hatte, man das Verschwinden des Hundes keiner we'- teren Beachtung gewürdigt. Tie tief niedergedrück» | ten Bewohner des Schlosses waren von anderen Sorgen vollständig im Anspruch genommen.
Im Torfe freilich erging man sich in den merkwürdigsten und dramatischsten Schlußfolgerungen. Ein erntrileneS Kind war ein tragisches, aber an und für sich n'cht- gar so, unnatürliches Ereignis, ein ge« stohleneS Kind dagegen wurde viel interessanter. Die Sache eignete sich zu den verschiedenartigsten Kombinationen.
(Fortsetzung folgt.)