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Nr. 29l. Crftes Blatt. Mittwoch den 17. Dezember 1913. 40. Zahrgang.

ontag hat der Grotzweftr Liefe Demarche mündlich bo ltwortst und erklärt, daß die Truppen an den Meer-

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Das verlorene Kind

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Roman von Marie LeScol.

rum

Die deutsche Militärmifston wurde am Montag nachmittag vom Sultan in Audienz empfangen. Dem Empfang schloß sich eine Privataudienz des Generals Liman v. Sanders beim Sultan an, be der der General die Grüße des Kaisers über­mittelte. Der General äußerte sich später sehr be­friedigt über den herzlichen und ehrenvollen Berlau der Audienz, der beweise, daß ihm auch an höchster Stelle volles Vertrauen entgegengebracht werde. — Der Mission gehen fortdauernd telegraphische und sonstige Begrüßungen von türkischer Seite zu.

Die Antwort der türkischen Regierung. Das Wiener amtliche Telegr.-Bureau berichtet:

Nach Informationen aus diplomatischen Kreisen hatte der vereinbarle Schritt der drei Mächte des Dreiver­bands hauptsächlich die Anfraae ,um Gegenstände, ob die Dardanellen und der Bosporus unter das Kommando deS Chefs der deutschen Militärmission ge. stellt seien; während des diplr malischen Empfanges am

engen nicht unter das Kommando von LimanS ge. stellt seien. Auf die weiterhin erfolgte Anfrage der Bot. schafter der Tripleentente, ob durch die Anstellung der deutschen Militärkommission und die Stellung deS ersten Armeekorps unter General Liman von SanderS die politische Unabhängigkeit der Türkei nicht in irgend welcher Weise beeinträchtigt würde, erklärte, wie verlautet, der Großwesir in seiner Antwort, daß er, da dieser Teil der Frage eine innere Angelegen, heit der Türkei berühre, deren Unabhängigkeit über jede Erwägung erhaben sei, auf diesen Punkt keine Antwort erteilen könne.

Das war eine würdige Antwort, die freilich wenig nach dem Geschmack des Dreiverbandes sein dürfte.

Die finanzielle Blockade. Im Hinblick auf die angeblich von russischer Seite erhobene Forderung, daß Frankreich der Türkei keinerlei Anleihe gewähren möge, so lange diese 'n der Angelegenheil der deutschen Milttärn ission nicht nachgegeben habe, führt das „Ecko be Paris" aus,

ein „finanzielle Blockade" der Türkei sei sehr schwer durchführbar, pudern müsse darauf hingewiesen werden, daß die „große Anleihe" weniger den Zweck habe, der tür. kischen Regierung Geldmittel zu verschaffen, als die fran. zöfischon Banken zu entlasten, welche für ‘230 bis 300 Mil. Honen türkische Schuldpaviere besitzen. Die Türkei würde deshalb keine allzu großen Enttäuschungen empfinden, wenn die Anleihe verschoben würde. Vor allem aber müsse man sich darüber klar sein, daß gegen die Türkei keinerlei finanzielle Zwangsmatzregeln getroffen werden können, falls Deutschland ihnen nicht zustimme.

Der Landmann schüttelte den Kopf.

»Nein, sie sind nicht im Dorfe. Wenn Junker Konstantin vorbeigekommen wäre, so hätte ich ihn sehen müssen!"

Sie starrte hinaus auf die Straße.

Dann richteten ihre Blicke sich auf den schmalen Pfad, welcher durch das Kleefeld führte; eine namen» lose Angst bemächtigte sich plötzlich ihrer, sie gedachte des Binsenbrunncns und seiner unermeßlichen Tiese.

Ter Landmann bot ihr seine Dienste an.

„Wenn die gnädige Frau wünscht, daß ich nach dem Dorfe zurückkehre, um Erkundigungen einzu­ziehen —"

»Ja", rief sie lebhaft. „Tun Sie das. Ich gehe inzwischen" — sie bis inne, d-nn sie wagte die

„Konstantin ist mit Lukas, Justine und Jeanette nach dem Dorfe gegangen, nicht wahr? Warum antworten Sie mir nicht? Ist meinem Kinde irgend ein Unglück zugestoßen?"

K Die deutsche Militärmission in Konstantinopel.

Nach der schönen Rede unseres Reichskanzlers über die auswärtige Lage konnte mancher zu dem Glauben kommen, die europäischen Staatsmänner seien lauter sanfte Lämmlein ohne Arg und Falsch. Nun hat aber ein Zwischenfall, der mehr komisch als tragisch aussieht, t n neuem klargestellt, daß die Welt auch heutzutage mich mit wenig Verstand, aber mit viel Selbstgefühl und Futterneid regiert wird.

Daß die Türken sich deutsche Offiziere zur Aufrichtung ihres Heerwesens ausbitten und daß General Liman von Sanders und Genossen den Mut haben, ihre Erziehungskünste an diesem spröden Material zu versuchen, ist an sich wahrlich nicht „weltbewegend". Ebenso ist es begreiflich, daß den Russen, Franzosen und Engländern alles unan­genehm ist, was wie eine Ehrung Deutschlands oder gar als eine Förderung deutschen Einflusses aussieht. Rätselhaft und wunderlich ist es aber, daß die Diplo­matie der Dreiverbandsmächte gegen die deutsche Militärmission einen offensichtlichen Sturmlauf unternimmt, ohne sich erst darüber zu vergewissern, ob denn diese „Aktion" auch zum Ziele führen werde. Zuvor getan, hernach bedacht!

Was die Berufung der deutschen Offiziere an sich nicht war, das wird sie jetzt durch das unbesonnene Vorgehen der Russen und ihrer Bundesgenossen. Man hat aus diesen einfachen militärtechnischen Fragen eine hochpolitische Kraftprobe zwischen den beiden europäischen Mächtegruppen gemacht. Die Türkei ist (bisher wenigstens) fest geblieben, und in­folgedessen hat der russisch-französisch-englische Drei­verband eine Schlappe zu buchen gegenüber dem Dreibund.

Wir sagen der Vorsicht halber: bisher. Denn bei der Eigenart der türkischen Persönlichkeiten und Verhältnisse kann man nicht wissen, ob nicht das Ränkespiel von Rußland und Genossen, wenn es hinter den Kulissen zähe fortgesetzt wird, doch noch den deutschen Offizieren in Konstantinopel das Leben sauer oder gar die Wirksamkeit unmöglich ma­chen wird. Die Zukunft muß abgewartet werden. Inzwischen darf man sich aber wohl an der Gegen- wart ergötzen.

Das Angenehme für uns liegt nicht etwa in der Hoffnung, daß General Liman v. Sanders als Korn- mandeur des Armeekorps von Konstantinopel die Türkei zu einem deutschen Hilfsstaat machen werde. Die deutschen Offiziere haben einen schweren Dienst übernommen, aber nicht eine Herrschaft. Sie müssen sich, wenn }ie ihre Stellung behaupten und ihr Ge­wissen saldieren wollen, den türkischen Inter­essen widmen ohne Hintergedanken und Nebenzweck. Ihre Berufung hat zunächst nur einen negativen und einen moralischen Vorteil. Einen negativen in­sofern, als sonst eine Militärmisssion aus Rußland oder Frankreich hatte kommen können. Bei der Art, wie man in Petersburg und Paris Weltpolitik treibt, wäre die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß diese Herren nebenbei für politische Zwecke ausgenutzt würden. Der moralische Porteil liegt darin, daß durch die Heranziehung von deutschen Instruktoren die ten­denziöse Behauptung widerlegt wird, welche nament­lich die französische Presse aufgebracht hat, daß die Niederlagen der türkischen Armee auf die „deutsche Methode" und auf das deutsche Waffenmaterial zu­rückzuführen sei.

Daß zu diesem moralischen Erfolg noch ein poli­tischer hinzukommt, .haben wir dem blinden Eifer der gegnerischen Mächtegruppe zu verdanken. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, daß England sich nur mit halber Seele, sozusagen nur als Gefälligkeits-Akzeptant, an der Aktion beteiligt hat. England stellt für die türkische Marine die

Weshalb hatten sämtliche Dienstleute das Haus verlassen? Weswegen stand die Pforte offen?

„Vielleicht sind sie mit ihm nach dem Dorfe ge­gangen!" flüsterte sie vor sich hin, aber dies beun- Se sie nicht wenig. Wenn die treue, wohlge- Dienerschaft sich erlaubte, Haus und Garten zu verlassen, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen, so mußte sich ein besonderes Ereignis zugetragen ha­ben, und, vom Schicksale verfolgt, wie die arme Frau schon war, konnte sie nur ein tragisches Ereignis vermuten.

Barhaupt, von der glühenden Sonne beschienen, tand sie unter dem Portal des Schlosses und starrte ehnsüchtig ins Weite. In einiger Entfernung sah ie auf der Straße einen Karren des Weges fahren, t>er von einem Manne gelenkt wurde. Sie lief ihm entgegen und fragte ihn hastig:

„Thomas, mein guter Thomas, nicht wahr, er ist im Dorfe?"

Der Bauer sprang ehrerbietig von seinem Sitz herunter und mühte sich, den Sinn ihrer Worte zu verstehen, während sie wiederholte:

Lehrmeister und Führer; es konnte also kaum die Ansicht durchfechten, daß für die türkische Landmacht ausländische Lehrer und Kommandeure unzulässig seien. Obendrein ist die englische Politik zur Zeit auf den Frieden mit Deutschland orientiert und hat offenbar keine Neigung, die schwebenden Verhand­lungen zwischen London und Berlin durch die sach­lich minderwertige Streitfrage wegen der Militär- Mission stören zu lassen. Die französische Re­gierung ist schärfer ins Zeug gegangen, aus Liebe­dienerei gegen Rußland und aus Nachgiebigkeit ge­gen die einheimischen Alarmgenossen. Aber nun stockt auch schon die französische Tatkraft; denn man steht vor der Frage, ob man die widerfpenstige Türkei durch Verweigerung der Anleihe bestrafen und gefügig machen soll, und da stellt sich heraus, daß diese neue Anleihe nicht so sehr im Interesse der türkischen Regierung liegt, als vielmehr im Interesse der französischen Gläubiger, die von der neuen Anleihe die Befriedigung ihrer alten Geldan­sprüche erwarten. So ist es denn um die Einigkeit des Dreiverbandes schlecht bestellt und um seine Tat­kraft erst recht.

Die ganze Sache erinnert an die Zeit der An- nepionskrisis, als der russische Minister in Europa umherreiste und vergebens Frankreich und England zum Kriege gegen Oesterreich zu werben suchte.

Das Kind war der einzige Trost, die einzige Zer­streuung der trauernden Witwe; nur weil sie einen schwierigen Brief schreiben mußte, hatte sie es ver­mocht, so lange von ihrem kleinen Liebling getrennt zu bleiben. Jetzt, wo ihr Entschluß einmal gefaßt war, ging sie mit weniger schwerem Herzen in den Park hinab, um in der Kastanienallee nach Tinchen zu suchen, aber sie empfand einige Enttäuschung, als sie weder den Knaben noch seine Bonne erbickte. Es toar das erste Mal, daß die junge Kinderwärterin die Befehle ihrer Herrin mißachtet hatte, und sie emp­fand eine unbestimmte Angst. Sie rief und rief, ohne eine Antwort zu erhalten

Frau von E-neuil eilte in die Küche; auch in dieser war niemand, und es herrschte eine Unord­nung, welche der sonst so gewissenhaften Justine nicht ähnlich sah und auf außergewöhnliche Vorfälle hin- zudeuteu schien.

/-Zweifelsohne sind sie im Gemüsegarten bei Lu­kas", dachte sie. „Die ersten Trauben reifen schon und Tinchen liebt sie so sehr! Einerlei, ich will, daß er zu mir gebracht werde!"

Sie zog an der Glocke, welche für jene das Zeichen gab, die im Garten beschäftigt waren. Doch nur das Bellen des Hundes antwortete ihr darauf. Sie fühlte sich beunruhigt, zwang sich aber zur Ruhe und wiederholte sich mehrmals mit lauter Stimme:

_ „Sie werden ja gleich kommen!" Aber vergeblich spähte sie, zuerst vom Küchenfenster aus, bann im Park selbst, durch alle Laubengänge; weder Lukas noch Justine oder Jeanette mit dem kleinen Konstan- tin zeigten sich.

Des längeren Wartens nicht fähig, eilte die un­glückliche Frau nach dem Gemüsegarten, dessen Ein­samkeit sie überraschte. Da sah sic'plötzlich die kleine, ^ffenstehende Pforte, durch welche man ins freie Feld htnaus gelangen konnte, und ein Zittern durchlief ihre Gestalt. |

DaS »Echo be Paris" ist ein französisches Regierungsblatt, und darum haben diese Ausführungen ihre Bedeutung.

Deutsches Reich.

• Tas Kaiserpaar in München.

Da? Kaiserpaar erschien am Dienstag morgen um 11 Uhr vor dem Münchener Rathause. Die Treppe zum Ehrensaal war mit den goldenen Jnnungsstangen geschmückt Zu beiden Seiten standen weißgekleidete Mädchen, die dem Kaiserpaar Blumen streuten. Voran ichritten Lichter tragende Pagen. Unmittelbar nach Eintritt in den Sitzungs­saal des Magistrats, in dessen Hintergrund vor Loroeer und Palmen sich die Büsten des Kaisers und des Königs abhoben, erklang gedampft das Largo von Handel. Der Bürg ermeister Dr. v. Borscht ergriff sofort das Wort, um den Kaiser in München willkommen zu heißen. In seiner Antwort hob der Kaiser hervor, daß es ihm stets eine besondere Freude bereite, in München zu weilen und dort allerlei Anregungen zu schöpfen. Dann fuhr der Kaiser fort:

„Der allmächtige Gott hat eS gewollt, daß es unseren Vätern vergönnt war, auf blutiger Wahlstatt die Saat auszustreuen, die so herrliche Früchte getragen hat. Da­mals wurde in heißem Ringen das werte deutsche Vater, land gefügt; damals wurden allen deutschen Stämmen die Wege geebnet zu unbehinderter Entwickelung ihrer ideellen und materiellen Kräfte. Zu diesen günstigen Vorbedingungen wurden der jetzt lebenden Generation die Segnungen langen ungestörten Friedens zu teil. Da sind es wohl berechtigte, ernste Fragen, ob diese Gunst der Zeiten auch richtig auSgenützi wird, ob die Söhne der Väter würdig sind, und ob das Ererbte auch unter dem starken Schutz unserer herrlichen Wehrmacht zu Lande und zu Wasser richtig fortentwickelt wird. Nun, hier in München kann ich mich von einem Male zum anderen davon überzeugen, welche gewaltigen Fortschritte Ihr Ge­meinwesen macht durch die Tüchtigkeit seiner Bürger, die Umsicht seiner Leiter, unter der weisen Fürsorge seiner erlauchten Fürsten die allezeit ihrer Residenzstadt ein so reges Interesse bekundet haben. Unter solchen Umständen darf man die eben gestellten Fragen wohl freudig bejahen, und mein aufrichtiger Wunsch ist eS, daß das immer so bleiben möge. Tas walte Gott!"

Bei den Vorstellungen fiel es auf, daß bet Kaiser sich in eine längere Unterhaltung mit bei Gattin des Dichters Paul Heys« vertiefte. Es wäre sehr wert­voll, so sagte ihr der Kaiser u. a , wenn bie Richtung, wie sie in den Hey eschen Novellen gepflegt würde, auch weiterhin forlgebaut würde. Aeußerst herzlich gestaltete sich auch die Vorstellung des Maler? Prof. Defregger. Der Kaiser ergriff bie Hand d'es Künstlers und stellte ihn mit freundlichen Worten seiner Ge­mahlin vor. Unter Vorantritt der Pagen schritt bann das Kaiserpaar in den Sitzungssaal des Magist - rats, wo der erste Gemeindevorstand, Kommerzienrat Schwarz, dem Kaiser den Ehrentrunk der Stadt München reichte. Der Kaiser ließ sich hierauf zahl­reiche Gemeiudevertreter aller Parteien vorstellen und unterhielt sich mit ihnen freundlichst. Auch bei sozialdemokratische Gemeinbcvorstanb Witti wurde dem Kaiser vorgestellt. Der Kaiser schüttelte dem Sozialdemokraten bie Hand und sprach zu ihm: „Walten Sie hier ihres Amtes?* worauf der Sozial­demokrat erwiderte: „Jawohl, Majestät!" Auch tue >ia>seriB zog den Sozialdemokraten in ein längeres Gespräch. Der Kaiser war sehr aufgeräumt. Als dem Kaiftr ein etwas beleibter Kommerzienrat vor­gestellt wurde und der Oberbürgermeister bei der Vorstellung bemerkte, daß dieser Herr schwere Berufs- lasten habe, jagte der Käfter scherzend: „Er hält es aber auch aus." Die Majestäten trugen sich bann in das Goldene Buch der Stadt München ein. Kurz vor 12 Uhr betrat der Kaiser den Balton des Rathauses und wurde von der unten zu Taufenden wartenden Menschenmenge jubelnd begrüßt. Mit dem Glockenichlag 12 verließ das Kaiserpaar das

furchtbaren Worte kaum auszusprechen, welche sie mit nameuoser Angst erfüllten; endlich wies sie mit der Hand nach der Richtung des Binsenbrunnens und sprach langsam:

»Ich gehe dorthin!"

Sie lief, ja sie flog mehr, als sie ging. Sie zer­riß ihre Trauerkleider an den Dornen der Büsche, welche sie förmlich zurückhalten zu wollen schienen. Es pochte tn ihren Schläfen; ihr war, als ob ihr das Herz zerspringen müsse.

Sie trat auf die Lichtung hinaus und stieß einen herzzerreißenden Schrei aus. Lukas und Justine stan­den an der Mauer, welche den Brunnen einfriedete, während Jeanette im Bewußtsein ihrer Pslichwer- gefsenheit jammernd! und wehklagend am Boden kmete. Die alten Diener betrachteten mit verzwei­felnden Mienen einen Gegenstand, welcher auf der breiten Wasserfläche des Brunnens umherschwamm, dieser Gegenstand dünkte sie im Augenblicke ärger, als ein Medusenhaupt — es war ein Kinderhut.

Irin einziger Schrei trat auf die Lippen der un­glücklichen Mutter. Lukas und Justine wandten sich thr zu mit einer Gebärde namenlosen Erbarmens.

Frau von Erneuil hatte alles gesehen — alles begriffen. Sie wußte, daß sie von nun an allein tand, daß auch ihr Fleisch und Blut von ihr genom­men war, daß es keine Freude mehr für sie auf Erden gab und ba£ sie weiter leben sollte, umgeben von habgierigen Verwandten und bezahlter Dienerschaft. Sie brach in ein schrilles Lachen aus, welches mark­erschütternder klang als die lauteste Klage. Dann treckte sie plötzlich die Arme aus und stürzte bewußt- os zu Boden. ,

III.

Alle Nachforschungen erwiesen sich als fruchtlos. Der Binsenbrunnen flößte der Bevölkerung abergläu­bische Furcht ein und die kühnsten Taucher wagten nicht, dessen Tiese zu ergründen; er war seit Jahr- Hunderten, von phantastischen Legenden umgeben. Man behauptete, daß in der Tiefe ein Ungeheuer, eine Riesenkröte sich aufhalte, welche alle verschlingen würde, die sich Linabwactten, u«b nie »c- der Körner

Rathaus. Von da begab sich bet Kaiser nach bei preußischen Gesandtschaft, wo er Vorträge ent­gegennahm und arbeitete.

Bei der Galatasel bracht« König Ludwig einen Trinkipruch aus, in dem er der Freude übet den Besuch des Kaiserpaares Ausdruck gab. Diese Freude werde vom bayerische» Volke geteilt. Der Geist opferwilliger Hingabe an ein gemeinsames Vaterland sei in dem heutigen Geschlechte nicht minder lebendig als in dem, das vor vier Jahrzehnten das Deutsche Reich eritritten habe Die Bundesstaaten handeln in diesem Geiste, wenn sie unter Verständnis- nisvoller gegenseitige^Rücksichtnahm« auf die Interessen jedes Einzelstaates in treuer Zusammenarbeit sich den großen Aufgaben widmen, deren Lösung die Wohlfahrt des Reiches erheische. Die Rede schloß mit einem Hoch auf daS Kaisetpaar.

Der Kaiser dankte und führte u. a: Er Ijegd mit dem König das Vertrauen, daß in den Deutschen unserer Tag« noch der Geist der Einigungskämpfe lebe, aus denen das deutsche Reich hervorgegangen sei, als ein lebensvoller Bund der deutschen Einzel­staaten, die auf der Grundlage wechselseitiger Achtung ihrer Eigenart und Selbständigkeit zusammenwirken, um neben bet Pflege ihrer befonbeten Interessen den nationalen Gesarntbedürfniffen gerecht zu werden. Er wisse es besonders zu schätzen, daß in König Ludwig ihm ein Mitarbeiter von reicher Erfahrung zur Seite stehe und ein Freund, mit dem er sich auch durch Zuneigung deS Herzens verbunden fü lle. Die Rede schloß mit einem Hoch auf das Köuigspaat.

Arn Nachmittag besuchten der Kaiser und- bet König das Festtmnen bes Männerturnvereins München von 1879 in bet großen Turnhalle beS Vereins, bie festlich geschmückt wat. Im Anschluß baian wurde auf der Bühne ein lebendes Bilv gestellt, in dem allegorische Figuren den Büste» der beide» Herrscher huldigten.

Am Abend sind ber Kaiser unb bie Kaiserin im Sonderzuge wieder abgereift. Der Käfter hatte vorher für die Armen von München 3000 Mark und für den bayerisch-preußischen Hilfsverein 500 Mark gespendet.

** Berlin, 16. Dez. 1913. Das Reichsgesehbkatl Nr. 71 enthalt das Gesetz, betreffend die Beschäf­tigung von Hilfsrichtern beim Reichs­gericht, vom 8. Dezember 1913, und eine Bekannt­machung, betreffend die Abänderung der Schiffsver- meffungsordnung vom 1. März 1895, vom 11. Dez. 1913. — Tie Vermögensverwaltung bes Kaisers, bie bisher vom Bankhaus Delbrück, Schickler u. Co. geführt wurde, ist laut B. Z. auf di« Reichsbank und die preußische Seehandlung über­gegangen. Als Grund wird angegeben, daß nach dem Tode des Bankiers Ludwig Delbrück in dem Bankhaus das Vermögen des Kaisers im wesentlichen unter französische Kontrolle gelangt sei. Auf der Reichsbank und in der Seehandlung wurde der „Vofs. Jtg." erklärt, daß über eine Aenderung in der Ver­mögensverwaltung des Kaisers keine Auskunft gegeben werden könne.

)( Winston Churchill kommt nach Berlin. Der englische Marineminister Winston Churchill wird sich, am^ Freitag nacy Paris begeben, wo er sich einige Tage auszuhalten gedenkt, um daun zu einem dreiwöchigen Aufenthalt nach Deutsch, la » dzu reisen. In offiziellen Kreisen wird erklärt, daß diesem Besuch des englischen Marineministers in Deutschland keinerlei Politische Bedeutung bcizumes- fen sei, andererseits wird jedoch darauf hingewiesen, daß der Reise, die Lord Haldane im vergangenen Jahre nach Berlin unternahm, um mit der deutsche» Regierung in offizielle Verhandlungen einzutreten, anfangs auch jeder politische Charakter abgesprochen tourbe. Es liegt nahe, gerade Churchill, der durch fein hartnäckiges Programm einer vertragsmäßigen Einschränkung 8er F lot ttznrü st ungen

irgendeines Ertrunkenen wieder an die Oberfläche gekommen.

Diele freilich zuckten die Achseln und behaupteten, eS sei dies nur Altweibergewäsch; der Brunnen hab« nur einen sehr starken Abfluß, der alles, was in feine Tiefe falle, in den Schoß der Erde reiße. Kopfschüt­telnd meinten bie alten Dauern:

»Man wird ben kleinen Konstantin nie (Dieber- finden; es verlohnt sich nicht,, bafür sein .Sehen zu toagen, benn gerettet wirb er nicht! Hat tjwin denn bie Leichen ber Kosaken je wiebergefunben?*

»DaS Kasakengrab" war auch ein Name, welchen ber Brunnen führte. Ein Detachement Kasaken war int Jahre 1815 von der Landbevölkerung überfallen erwürgt und in den Brunnen geworfen worben. Kurzum, ungezählte Legenben umgaben denselben. Taucher, welche aus Paris entboten worden waren, um nach der Leiche be§ kleinen Konstantin zu forschen, wagten das Unternehmen nicht durchzuführen, weil sie eS für zu gefährlich hielten. Man mußte sich folglich dazu entschließen, nur mit ber Sonde und der Paggermafchine zu arbeiten, und erzielte auf diele Art kein Resultat.

Frau von Erneuil toar erst nach langer Ohnmacht wieder zu sich gekommen; aber ber Schmer; hott» ihr ben Verstand geraubt unb bie Aerzte hielten es für sehr fraglich, ob sie ie toieber zur Vernunft kom­men werbe.

Die arme Mutter lebte in bem Wahne, daß ihr Kiiib noch bei ihr weile; sie sprach, sie spielte mit bem Kleinen, sie leerte unb füllte seinen kleinen Was­sereimer, sie lachte unb jubelte mit ihm in ihrem vermeintlichen Mutterglück.

Lukas unb Justine hatten in bem ersten Entsetzen zwei Drahtnachrichten abgesanbt, bie eine an Oberst Erneuil, ben Großvater unb Vormund bes Kiubes, bie anbere an ben Freiherrn von Rochedur, an ben Yruber von Frau von Erneuil. Die Antwort Obersten toar ein verzweifelter Dries, er konnte nicht e kommen, weil er an Gelenkrheumatismus

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