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40. Zahrgang.

Dienstag den 16. Dezember 1913

Nr. 290

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Zuldaer Zeitung

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X Heber Priuzenerziehung

wird jetzt aus Anlaß der Rückkehr des Kronprin­zen nach Berlin in den Zeitungen viel geschrieben. Wenn die pädagogischen Betrachtungen sich auf eine bestimmte Persönlichkeit zuspitzen oder gar das Ver­hältnis zwischen Vater und Sohn in Behandlung nehmen, so wird leicht die Grenze überschritten, die Takt und Klugheit ziehen sollten. Wir möchten uns nicht unberufen in Familien-Angelegenheiten ein­mischen. Aber in einigen Berliner Blättern finden sich Einseitigkeiten und Uebertreibun- g en, die 'der Entgegnung bedürfen. Es wird da so gered'et, als ob Danzig ein ganz schrecklicher Verbannungsort gewesen und Berlin der einzig richtige Platz für einen Heranwachsenden Anwärter auf die Krone sei.

Nach unserer Ansicht mutz der künftige Monarch möglichst alles kennen lernen. Nicht bloß den Kopf der Monarchie (man hat ihn schon einmal „Wasserkopf" genannt), sondern auch die Glieder des Staatswesens. Der Aufenthalt in Danzig hat freilich mit zwei Jahren ziemlich lange gedauert; aber tm allgemeinen ist es gut und heilsam, wenn der Kronprinz auch „in der Provinz" sich um­sieht. Land und Leute in ihrer Mannigfaltig­keit kennen zu lernen, ist eine zweckmäßige Vorberei­tung für die Wirksamkeit eines Herrschers, der allen alles sein soll. Der Thronerbe muß natürlich auch in den Geschäftsgang dfer Zentralbehörden in Berlin erngeweiht werden; doch das richtige Ver­ständnis für die Aufgaben der Zentralverwaltung entwickelt sich am besten aus der Kenntnis der Ge­schichte bei den untern und mittleren Behörden, die dem praktischen Leben näher stehen. Der Herrscher braucht nicht alles zu können, aber er muß im- stände sein, alles zu begreifen. Daher scheint uns die Vielseitigkeit der Kenntnisse und Erfahrungen von höchstem Werte zu sein. Uebrigens ist der Auf- enthalt in einer Provinzialstadt an sich nicht übel. Wir möchten sogar wünschen, daß der Kronprinz ge­legentlich auch die Mitte und den Westen der Monarchie aus eigener Anschauung näher kennen lernt. Nm so mehr, als seit dem Abschied Wilhelms I. von Koblenz diese Landesteile im Punkte der fürst­lichen Hofhaltungen etwas in's Hintertreffen gera­ten sind.

Tie erwünschte Vielseitigkeit der Ausbildung und Erfahrung schließt auch die Beschränkung auf den militärischen Dienst aus. Bei der Rückkehr nach Berlin ist dec Kronprinz zunächst zum Großen Ge­neralstab kommandiert worden. Den obersten Stel­len der militärischen Wissenschaft und Kunst wird man gerne den Vortritt lassen. Doch möge auch die Beteiligung an dem zivilen Reichs- und Staatsdienst nicht fehlen.

Bei dem vorliegenden Anlasie wird natürlich wie­der erinnert an das Aufsehen, das im Jahre 1911 die sehr lebhafte Anteilnahme des Kronprinzen an der Reichstagsdebatte über «die Marokkopolitik sowie im letzten Sommer das kritische Schreiben wegen der sog. Welsen frage hervorgerufen hat. Manche haben diese beiden „Zwischenfälle" auf die sog. Verbannung nach Danzig zurücksühren wollen. Der erste ereignete sich aber "schon bei Anfang des Danziger Aufenthalts, und der zweite Zwischenfall ist nicht auf den örtlichen Einfluß zuruckzuführen, sondern vielmehr auf den Umstand, daß die nähere Umgebung des Kronprinzen zu einseitig aus Männern von alldeutscher und kraftpolitischer Stim­mung zusammengesetzt war. Der Ortswechsel wird vielleicht dazu mitwirken, daß auch der tägliche und der gelegentliche Umgang jener Vielseitigkeit und Unbefangenheit, die ein Herrscher braucht, besser Rechnung trägt.

Von diesem Gesichtspunkt aus kommt man frei­lich wieder zu dem Wunsche, daß das m i l i t ä r i s ch e

Das verlorene Kind.

2] Roman von Marie Lescot.

Rasch durchmaß er die kurze Entfernung. Ju­stine eilte ihm nach, so hastig ihre alten Beine sie tragen wollten, und Jeanette, die sich mühsam er­hoben, folgte den beiden in einiger Entfernung. Die Tür gab bei dem ersten Drucke nach. Lukas kon­statierte das, in Hellen Zorn ausbrechend.

„Vor zwei Stunden noch war sie fest geschlossen, ich weiß es gewiß, und der Kleine hätte sie nicht öffnen können, denn das Schloß ist zu hoch; es muß also jemand in den Park gedrungen sein und das Kind gestohlen haben; doch nein, da hätte der Hund gebellt. Ueberdies muß man das Geheimnis des Schlosses kennen, um es von außen öffnen zu kön­nen. Es muß also jemand hier gewesen sein, der sich auskennt." Mit drohender Gebärde wandte er sich an bic beiden Frauen und ries lebhaft:

„Vor allem bitte ich mir aus, daß Ihr mich nicht anlügt."

Unter der Last ihrer Selbstvorwürfe fast znsarn- menbrechend, gestand Jeanette den erhaltenen Be­such ein; sie würde davongesagt werden, aber es blieb doch nichts anderes üÜrrg, als ihr Ungück zu bekennen.

„Unglückselige!" rief Justine, mit geballten Fäu- sten an sie herantretend; aber sie begriff gar bald, daß jetzt kein Augenblick zu Vorwürfen sei. Der gleiche Schrecken, die gleiche Angst peinigten sie beide! Alle drei standen vor der Umfriedigu.ngsmauer und blick­ten hinaus. Der einsame Weg führte links hinüber dem Dorfe zu. von dem man die ersten Häuser ge­wahrte; rechts lag die Straße, öde, verlassen, breit und staubig."

„Wenn er nach dem Dorfe gelaufen wäre", meinte Justine, „so würde uns sicherlich schon jemand unse­ren Liebling zurückgebracht haben.

„Wäre er auf der Straße", bemerkte Lukas, der mit seinen scharfen Augen nach rechts hinüberspähte, „so würde ich ihn doch sehen! Man hat ja von hier einen Rundblick auf mindestens zwei Kilometer."

Element nicht zu sehr das Uebergewicht oder die Alleinherrschaft behaupten möge. Liberale Blätter betonen besonders, daß der Kronprinz auch mit dem wissenschaftlichen und künstlerischen Leben in Berührung kommen sollte. Gewiß, doch möchten wir auch den sog. Koryphäen des Geistes kein Monopol einräumen. Das Volksleben in seiner Gesamtheit muß derjenige kennen lernen, der einst der Landesvater sein soll. Also wenn man überhaupt Vorschläge machen will, so darf man das gewerbliche Leben in seinen kleineren und größe­ren Betrieben und die sozialen Verhältnisse nicht vergessen.

Als Dreißigjähriger wird der Kronprinz selbst schon des rechten Weges zur Vorbereitung auf feine hohe Aufgabe sich bewußt sein. Erfreulicherweise steht der Kaiser noch in voller Geistes- und Körperkraft, sodaß dem Kronprinzen noch reichlich Zeit zur Samm­lung von Erfahrungen vor Antritt der Herrschaft übrig bleiben dürfte. Wir rufen „Glück auf"" und wollen nur den Wunsch der Allseitigkeit beschei­den geltend machen.

Nach dem „L.-Anz." ist die Versetzung auf einen besonderen Wunsch der Kaiserin zurückzu­führen. Der Kronprinz wird zunächst im Generalstab unter direkter Leitung des Chefs des Ge.reralstabs der Armee, Generals v. Moltke, informatorisch tätig sein. Das Kronprinzenpaar, das sich Samstag abend nach Danzig zurückbegeben hatte, werde daher in näch­ster Zeit nach Berlin übersiedeln.

Die „Tägl. Rundschau." schreibt: Die Komman­dierung ist völlig unerwartet und überra­schend gekommen. Selbst das kronprinzliche Paar hat nichts davon gewußt. Wie erinnerlich, hatte das kronprinzliche Paar vor nicht zu langer Zeit den Kaiser veranlaßt, das Danziger Kommando des Kron­prinzen bis zunt Herbst 1914 zu verlängern und als Folgeerscheinung hiervon sind erst Mitte August d. I. die Mietverträge für die kronprinzliche Villa, sowie Si die übrigen Mietswohnungen des Gefolges und r Beamtenschaft bis zum Oktober nächsten Jahres erweitert worden. Wer mit den Gepflogenheiten in der Verwaltung des Kaiserlichen Haushalt- einiger­maßen vertraut ist, kennt die trcwitionelle altpreu­ßische Sparsamkeit daselbst und muß sich wundern, daß diese Ausgaben nun unnötig gemacht werden. Der Zeitpunkt des Kommandowechsels ist nicht an­gegeben. Es ist aber damit zu rechnen, daß der Kronprinz im Januar kommenden Jahres nach Ber­lin übersiedeln wird. Auch die höchsten militärischen Kommandostellen in Danzig, bei denen am Freitag in später Nachtstunde die Kaiserliche Kabinettsorder telegraphisch einging, waren von der Berufung völlig überrascht, da sie ihnen absolut unerwartet kam.

Laut „Berl. Tgbl." ist die Versetzung des Kron­prinzen in den Großen Generalstab nach Berlin nicht, wie es zunächst hieß, auf einen Wunsch des Kronprinzen zurückzuführen, sie traf den Kronprinzen vielmehr völlig überraschend und die Kabinettsorder mit der Versetzung habe auch den Kronprinzen durchaus nicht angenehm berührt. Der Kronprinz soll den Versuch gemacht haben, die Ver­setzung rückgängig zu machen. Er ist am Samstag nach Danzig zurückgekehrt, nachdem er ursprünglich beabsichtigt hatte, noch einige Tage in Berlin zu bleiben.

W Danzig, 15. Dez. 1913. Heute vormittag ritt der Kronprinz zum letztenmale an der Spitze der ersten Leibhusaren nach dem Großen Exerzierplätze, wo Regimentsexerzieren stattfand. Auch die Kron­prinzessin wohnte zu Pferde den verschiedenen Hebungen des Regiments bei. Nach einer Attacke führte der Kronprinz seiner Gemahlin sein Regiment noch einmal vor, und dann wurde nach der Kaserne zurückmarschiert. Aus dem Kasernenhof verabschiedete sich der Kronprinz von seinem Regiment mit einer

Plötzlich richteten sich aller Blicke auf einen schma- len Pfad, welcher das Kleefeld durchkreuzte und sich dann im Walde verlor.

„Jesus, Maria und Joseph!" rief Justine, „der Brunnen, der Binsenbrunnen. Wir hatten ihn ver­gessen!"

Die Größe der Gefahr erstand plötzlich vor ihrer Seele; der tiefe Brunnen, der unermeßliche Abgrund, welcher mitten im Walde aus einer Lichtung sich befand.

Janette und Lukas wiederholten gleichsam echo­artig die Morte der alten Justine.

„Der Brunnen — der Binsenbrunnen!" — so wurde er nämlich im Volksmunde genannt, weil er, bevor die Schloßfrau eine Mauer um ihn hatte bauen lassen, eine Wasservertiefung gewesen, an deren Rand die Binsen so üppig wucherten, daß man die Gefahr kaum sah, wenn man nicht dicht davorstand.

Wie von Furien gepeitscht, liefen sie nun alle nach der Richtung des Brunnens, voran die junge Bonne, welcher die Angst fast Flügel verlieh. Keu­chend folgt: ihr Justine.

„Rasch, nur rasch!" rief sie aus. „Du lieber Gott, wenn er in den Brunnen gefallen wäre!"

II.

Frau von Erneuil schrieb und weinte dabei; sie hatte nicht gehört, wie Justine die Türe ihres Zim­mers öffnet; es gab Augenblicke, wo ihr großer Schmerz sie so vollständig in Anspruch nahm, daß sie für nichts anderes Sinn oder Verständnis hatte. Sie fühlte sich in solchen Momenten losgelöst von der ganzen Welt, glaubte n.chts mehr zu hören und zu sehen und wußte nicht, was um sie vorging. Der Brief, welchen sie zu schreiben hatte, war überdies nicht leicht zu versassen, und bei dem nervösen Beben ihrer armen Kopfnerven wurde chr zuweilen selbst die einfachste Aufgabe schwer. Dreimal schon hatte sie ihr Schreiben begonnen und es jedesmal unter­brechen müssen, weil ein Tränenschleier sich vor ihre Augen legte. Gedankenvoll blickt sie ins Weite, dann erhob sie sich, trat vor einen mit Sammet gepolsterten Betschemel, über welchem mehrere kleinere und grö-

kurzen Ansprache und betonte, daß er die beiden Jahre an der Spitze der 1. Leibhusaren zu den schön­sten Jahren seines Lebens zähle. Der nach dem Kronprinzen rangälteste Offizier des Regiments, Major v. B o r ck e, dankte dem Kronprinzen und brachte ein Hoch auf ihn aus. Der Kronprinz winkte dann den Standartenreiter heran, ergriff das seidene Fahnenband des Feldzeichens und drückte einen Kuß darauf. Sodann sprengte er, ohne sich umzu­schauen, im Galopp davon. — Die Stadt sandte an das Kronprinzenpaar anläßlich seines Scheidens aus der Stadt ein Telegramm, in dem es heißt: Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit werden in Kürze nach einem Aufenthalte von nahezu zwei Jah­ren unsere Stadt verlassen, um in die Reichshaupt- ftw zurückzukehren. So außerordentlich schmerzlich die Bevölkerung Danzigs die unerwartete Beendigung dieses Aufenthaltes empfindet, so dankbar wird sie sich immer dieser vergangenen Jahre erinnern.

Deutsches Reich.

** Das Kaiserpaar in München.

Punkt 10.15 Uhr am Montag vormittag lief der Sonderzug mit dem Kaiserpaar in dem Hauptbahnhof in München ein. Als der Zug hielt und der Kai­ser am Wagentritt erschien, eilte König Ludwig auf den Kaiser zu, der rasch abstieg und den König herzlich umarmte. Dann schüttelten sich die beiden Monar­chen die Hände. Während der Kaiser mit dem König auf den Kronprinzen Ruprecht und die anderen Prin­zen zuschritt, begrüßten sich die Kaiserin und die Köni. gin ebenfalls auf das herzlichste. Nachdem der Kaiser den Ministerpräsidenten und die übrigen Würden, träger begrüßt hatte, schritt er mit dem König und den Prinzen die Front der Ehrenkompagnie ab. Als der König mit dem Kaiser am Tor des Bahnhofes sichtbar wurden, brach das Publikum in stürmische Hochrufe aus, und unter Hochrufen fuhr der glänzende Zug nach der Residenz, wo das Kaiserpaar vom Königspaar in seine Gemächer geleitet wurde.

Um 1 Uhr fand große Frühstückstafel statt. Nach- msttags 3 Uhr besichtigten der Kaiser und die Kaiserin das Deutsche Museum. Das Essen fand beim Kronprinzen und am Abend Festvorstellung im Hof­theater statt.

Das Wetter war leider ungünstig. Nachts hatte ein Sturm die Dekorationen zerzaust, und beim Ein­zug des Kaiserpaares regnete und schneite es durch, einander. Die Majestäten ließen sich indessen dadurch die gute Stimmung nicht verderben.

Der Kaiser hat eine große Anzahl von Auszeich­nungen verliehen. Der Vorsitzende im Ministerrat, Dr. Frhr. v. H e r t l i n g, erhielt z. B. die Büste in Bronze. Auch der König hat eine große Reihe von Ordensauszeichnungen und Geschenken verliehen und diese den Damen und Herren des kaiserlichen Gefolges selbst überreicht. — Beim Ministerpräsiden­ten Frhr. v. Hertling fand zu Ehren des Staatssekre­tärs v. Jagow eine Frühstückstafel statt.

** Berlin, 15. Dez. 1913. Nach Berliner Blättern beabsichtigt der preußische Ministerpräsident v. Beth- mann-Hollweg tm preußischen Abgeordnetenhause bei der 1. Etatslesung eine Erklärung zur Thron­folge in Braunschweig abzugeben. — Wie die ,Nowoje SBremja' meldet, hat Ministerpräsident Ko» kowtzew in eiter Unterredung mit dem Dumaabg. Sentschenko erklärt, er halte es in Anbetracht der be­vorstehenden Durchsicht deS Handelsvertrages mit Deutschland nicht für wünschenswert, ein Herabsetzung des Zolles auf Maschinen einzuräuwen.

* Ein neuer Schutztruppenkommandeur für Ostasrika. Herr von S ch l e t n i n wird, wie die .Tagt. Rundsch." zu melden weiß, nicht mehr al? Kommandeur der schutztruppen nach Teutsch-Ostafrika zurückkehren. Er ist seiner Stellung enthoben und wird durch

ßere Porträts hingen, und betrachtete dieselben lange mit schmerzlicher, verzweifelnder Miene.

All diese Bilder stellten das gleiche Männerantlitz in verschiedenen Altersstufen dar. Zuerst alö rosi­ges, dreijähriges Kind!

„Wie sein Junge ihm ähnlich sieht!" flüsterte sie mit zuckenden Lippen. „Man sollte meinen, das Bild stelle mein Tinchen vor!"

lieber jenem Miniaturgemälde hing das große Porträt eines achtjährigen Knaben, welcher vor fei­nem Arbeitstisch'saß. Dann sah man die Photo­graphie eines Marine-Aspiranten; endlich eines Schiffsleutnants. Aber in all diesen verschiedenen Altersstufen erkannte man immer die gleichen, feinen, vornehmen Züge des Mannes, welchen sie so sehr geliebt.

Sie konnte sich von dem Anblick nicht trennen, während sie im Geiste den Roman ihres kurzen, so vergänglichen Glückes durchlebte. Jacques von Er­neuil trug die Uniform dss Marineleutnants, als er ihr auf einem Balle vorgestellt wurde, und fast vom Augenblicke des ersten Sehens an hatte ihr Herz ihm entgegengeschlagen. Sie entsann sich der strahlend glücklichen Zeit ihres Brautstandes, der trunkenen Wonne ihres zweijährigen Ehelebens, welches durch keinen einzigen Mißilang gestört worden war.

Ein liebes Kind wurde ihnen geboren, und als sei das Matz ihres Glückes noch nicht voll, fiel ihr eine große Erbschaft anheim, durch welche chr be­scheidener Wohlstand sich in Reichtum verwandelt

Sie bat nun ihren Gatten, der maritimen Lauf­bahn zu entsagen, welche ihr so viel Angst und Sorge bereitete. Zum ersten Male blieb er ihren Bitten gegenüber taub, vielleicht aus Eigensinn, vielleicht auch aus falschem Ehrgefühl, oder aus Liebe zur Gefahr.

Er war abgereist, um nie mehr wiederzukehren.

Schluchzend^sank sie auf den Betschemel und ein Zittern durchlief ihre schlanke Gestalt. Dix Augen unverwandt auf die Bilder gerichtet, flüsterte sie mit zuckenden Lippen:

„Und das ist alles, was mir lüm übria bleibt!"

Oberstleutnant von Lettow-Forbeck, den bis­herigen Kommandeur des 2. Seebataillons ersetzt wer« ven, der seit Monaten für die Führung der Kameruner Schutziruppe bestimmt war, seine Ausreise aber noch nicht angetreten hat. Der neue Kommandeur steht im 43. Lebensjahre und hat 1904 an dem Feldzüge gegen die Hereros in Deutsch-Südwestasrtka teilge­nommen.

+ Der Tabaktrust. Uiber die Beziehungen des englisch - amerckanischen Tabaktrustes zur deutschen Zigaretteninduftrie werden vom Reichsamt des Innern demnächst Ermittlungen etngeleitet werden. Außer den Jntercffen sollen auch Mitglieder des Reichstags zu den alsdann statlfindenden Erörterungen zugezogen werden.

4- Sin preußischer Arbeitsnachweisverband. Ätti 22. November dieses Jahres wurde in Berlin ein preußischer Arbeitsnachweisoerband gegründet, dtt alle bis jetzt für preußische Provinzen und benach­barte Bundesstaaten gebildeten Ardeitsnachwe oer» bände (im ganzen 9) umfaßt. Zweck des Verbandes ist, ohne Beeint'ächtigung deS Wirkungskreises des Verbandes deutscher Arbeitsnachweise und der Selb­ständigkeit der angeschlossenen Verbände, die Förderung des öffentlichen, gemeinnützigen Arbeitsnachweises im preußischen Staate, die Erörterung der gemeinsamen Angelegenheiten in wiederkehrenden Beratungen und die Wahrnehmung ihrer Jntereffen gegenüber den zuständigen Stellen. Organe des Verbandes sind das aus 3 Mitgliedern bestehende Präsidium und die Verbandsversammlung. In das Präsidium wurden gewählt: Oberpräsidtalrat Breyer-Magdeburg als Vorsitzender, Stadtrat Dr. Flesch-Frankfurt a. M. und Landeshauptmann Dr. Hammerschmidt-Münsttt i. W. als Stellvertreter.

*. Eine Bebel-Gedächtnisfeier in einer — Kirche ’ Zn Zürich sand laut.Vorwärts' (Nr. 326) am ver­gangenen Sonntag in der Kirche Wipkingen eine Gedächtnisfeier für August Bebel statt. Die Feier wurde durch Glockengelaule eingeleitet, Orgelvorträge und Männerchöre folgten. Der alte „Genosse" Her­mann Greulich hielt von der Kanzel die Gedächtnis- rede. Zum Schluß der Feier sangen die Arbeiter­fänger den Chor: .Der Völker Freiheitssturm". — Dieser Bericht des sozialdemokratischen Blattes spricht für sich. Es handelt sich um eine protestantische Kirche. Von der Kanzel herab also, von der sonst das Wort Gottes verkündet wird, wird ein notorischer Atheist gefeiert, ein Atheist, der bekanntlich den H Hi­mel den Engeln und Spatzen überließ!

-7- Straßburg, 15. Dezember 1913. Der Dele» gieitentagDer elsaß-lothringifchen Zentrumspartei nahm heute Stellung zu der Angelegenheit Zaber». Er sprach seine Entrüstung aus über diese Vorgänge, die eine unerhörte Auflehnung gegen Gesetz und Recht von Fattoren seien, die zur Aufrecht­erhaltung der Ordnung in erster Linie berufen sind. Der Delegiertenlag gab seinem tiefsten Bedauern darüber Ausdruck, daß die zuständige Behörde nicht rechtzeitig auf die Oeffentltchkeit beruhigend emgewirkt habe und ist der Ueberzeugung, daß auch m den Grenzen einer unzulänglichen Verfassung der Landes­regierung die Möglichkeit gegeben war, auf notorische Uevergriffe anderer Gewalten in einer Weise zu er­widern, welche die Interessen deS Landes, die Rück­sicht auf die staatliche Ordnung und die Autorität der Verwaltung selber gebieterisch erheischt. Der Dele» giettentag bedauert insbesondere die zögernde und ausweichende Art, in welcher die Reichsregierung ihres Amtes waltet, Sühne für die flagrante Miß­achtung des Gesekes zu schaffen. Der Delegiertentag kann, wie er weiter erklärte, in den bisher belannt- gewordenen Maßnahmen eine Sühne für das be­gangene Unrecht in keiner Weise erblicken. Er ver­mißt vor allem gegen Die Wiederholung des Zaberner Skandals reale Garantien, Die nur durch eniiprechen- den Ausbau der Verfassung von Elsaß - Lothringen geschaffen werden tönnen.

Im Herzen der Mutter aber erhob sich doch als­bald ein Protest gegen diesen Gedanken. Es blieb chr noch anderes übrig von dem schönen Liebestraum, weit mehr noch, als eine Erinnerung oder ein kaltes Bild; es blieb ihr ein liebes Kind, das in jedem Zug, in jeder Bewegung dem Vater ähnelte, und sie dankte Gott, der ihr dieses Kind geschenkt.

Hastig erhob sie sich und eilte, von mütterlicher Zärtlichkeit hingerissen, der Türe zu.

„Mein kleiner Konstantin, es ist schon über eine Stunde vergangen, seit ich ihn nicht gesehen!"

In dem Augenblicke, als sie das Gemach verlas­sen wollte, sah sie auf den offenen Schreibtisch, auf die zerstreut umherliegenden Papiere.

„Ich muß das erst vollenden, sie harrt meiner Antwort, ich darf dieselbe nicht länger hinausschie- ben."

Sie nahm ihren früheren Platz wieder ein, seufzte resigniert und fing nun an, eilig zu schreiben.

„Meine liebe Amelie!

Ich füge meinem Briefe die kleine Summe bet, toelaje Tu von mir begehrst, und danke Dir, daß Du Dich so geschwisterlich an mich gewandt! Das Geld, welches mir jetzt nichts mehr nützen kann, da es mir nicht zu ersetzen vermag, was ich verloren, wird in Deinen Händen besser aufgehoben fein, wie in den meinen, und ich bin glücklich über jeden Bruchteil, welchen ich Dir zusenden kann!

Sie zögerte nach diesen verbindlichen Worten, weil es ihr peinlich war, hinzuzufügen, was doch um jeden Preis gesagt werden mußte, und fuhr endlich mit einer gewissen Zaghaftigkeit fort:

„Was Deinen Antrag betrifft, die Ferien Dei­ner Kinder bei mir in Erneuil zubringen zu wol­len, so verzeihe mir, liebe, gute Schwester, wenn ich absolut nicht in der Lage bin, denselben anzu­nehmen. Wirst Du mich verstehen, Amelie, Du, die Tu alles verstehst, die Tu so gut und nachsichtig gegen jede Schwäche bist, wirst Du mich verstehen, wenn ich Dir sage, daß die vollständigste Ruhe für mich absolutes Bedürfnis ist? Vielleicht wäre kein anderer imstande, das einsame Dasein zu ertiaoen,.