Einzelbild herunterladen
 

Fuldaer Zeitung

Eriche« täglich mW Ausnahme Wer Sonn- und Feiertage (Hertel- I ~ ~ lDochen-Deilager 5 S ) 5 S MonatS-VeNage: - 2

enSÄÄLI 3Uu|Merte Sonntagszeitung | Zuldaer 6efd)id)tsblätter

g - julöaer fldienörudterei bi Zulda. $emfprethei Nr. L rs s Zieljungstiften «er pteufiif<b-füMeutfdjen Ktaffen-Eotterie. — halbjährlich Cafcbenfatjrplon. s

« —

a

iDleöethotungcn Rabatt $ür 0fiert- und fleiliunltanjelacr 20 Pt Konkurs fälltn wird bet orollllglt Rabatt »Intim? €rfühungzort fOi ■ beninger ist Suita. finjelgen-flnna»Bie bte 10 Ute • srösten fintdetn «bitter wir um tags sortier.

40. Zahrgang.

Montag den 15. Dezember 1913.

erstes Blatt.

Nr. 289.

X Die Steuerverteilung in Frank­reich «nd Deutschland.

Hier zu Lande fliegen uns in einigen Tagen die schönen Formulare in's Haus, auf denen wir uns zur Einkommensteuer, zur Vermögenssteuer (diesmal auch noch zum Wehrbeitrag) gewissenhaft einschätzen sollen. Bei uns sind die direkten Steuern vortreff­lich ausgebildet. Manche Leute, deren soziales Ver­ständnis außer Zweifel steht, sind sogar der Ansicht, daß durch die ineinander greifende Steuerkunst der Staatsgesetzgebung und der Reichsgesetzgebung zu viel des guten geleistet werde, daß insbesondere die neue Reichssteuer auf den Vermögens; u- wachs ihre bedenklichen Seiten habe.

In Frankreich dagegen haben die besitzenden Klassen es bequemer. Wunderlicher Weise hat diese „demokratische Republik" es noch nicht einmal zu einer Einkomm en st euer gebracht. An Ent­würfen zu einer solchen hat es freilich nicht gefehlt, aber es sind bisher immer Entwürfe geblieben. Die Beratungen in den beiden Kammern schleppten sich stets so lange hin, daß wieder einmal ein Minister­wechsel oder eine Neuwahl dazwischen kam. Dann fing die Arbeit wieder von vorne an, — um wieder­um in der Mitte stecken zu bleiben. Jetzt hat Frankreich zu Nikolaus wieder ein nagelneues Mini­sterium bekommen und in landesüblicher Weise kün­digt die neue Regierung in ihrem wohlaesetzten Pw- gramm auch die Durchführung der Einkommensteuer an. Ja, die jetzige Regierung geht noch einen Schritt weiter. Da der Kabinettswechsel wegen eines Streitpunktes in der Deckungsfrage herbeigeführt worden, so verheißt die Regrerung obendrein, daß die Ausgaben für die Heeresverstärkung durch „Steu­ern auf das erworbene Vermögen" ge­deckt werden sollen. Also mit der Einkommensteuer soll noch eine Vermögenssteuer kommen, oder doch wenigstens ein zeitweiliger Wehrbeitrag! Das preu­ßisch-deutsche Vorbild ist unverkennbar.

Die französischen Kapitalisten brauchen sich aber doch nicht um ihre Nachtruhe bringen zu lassen. Denn es liegt nichts weiter vor, als ein ministerielles Arbeitsprogramm, von dem dreizehn auf ein Dutzend gehen. Hat das neue Ministerium die Kraft, eine solche einschneidende Besteuerung der besitzenden Klas­sen durchzusetzen? Auf das „Vertrauensvotum", das nach Verlesung des schön stilisierten Antrittsprogram­mes regelmäßig erfolgt, darf man nicht zu viel geben. Ein großer Teil der republikanischen Linken hat sich diesmal der Abstimmung enthalten, ein anderer Teil ^at gedacht: Wir wollen die neuen Männer mal erst wursteln lassen; das weitere wird sich bei Einzelbe­ratung schon finden! Und ein dritter Teil ging von der machtpolitischen Erwägung aus: Unsere radikale Partei ist jetzt an's Ruder gekommen und muß daran bleiben, um die Wahlen des n ächst en Jah­res zu machen. Auf diese Wahlen kommt es einzig und allein an; alles übrige ist nur Dekoration undLückenfüüung. — Bei dieser Sachlage ist die Aus­sicht sehr gering, daß Frankreich noch vor den Wah­len zu der Reform seines direkten Steuersystems kommen werde. Und nach den Wahlen? Ja, die sollen ja gerade so „gemacht" werden, daß die bis­herigen Drahtzieher die Macht behalten. Dann wird cs also wohl bei der bisherigen Wirtschaft mit An­leihen und indirekten Steuern bleiben.

Und dabei ist Frankreich eine Republik, die ich nicht allein demokratisch nennt, sondern sogar eine tarke Partei von Sozialdemokraten als aus. chlaggebenden Teil der Mehrheit zu haben pflegt. In der Welt herrscht zumeist noch die Ansicht, daß die monarchischen Regietungen sich auf die „be- sitzenden Kassen" stützten und dieser „privilegierten Minderheit" alle Vorteile zuwandten, um mit ihrer Hilfe die „breite Maffe" zu beherrschen und auszu- i-iützen. Dagegen preist man die republikanische Staatsverfassung als Hort der Freiheit, Gleichheit

Das verlorene Kind.

-1] Roman von Marie Lescot.

I.

Die Küchentür wurde heftig aufgestoßen, eine junge Magd trat auf die Schwelle, blieb tonn plötz­lich stehen und rief in flehendem Ton:

„Frau Justine! O, mein Gott, Frau Justine!"

Die Köchrn Justine, die gerade mit einer wichtigen Vorbereitung beschäftigt war, entgegnete, ohne sich' in chrer Arbeit stören zu lasien:

„Was ist Ihnen denn, Jeanette?"

„Mein Gott, Frau Justine, ich suche ihn und hoffte, ihn bei Ihnen zu finden."

„Bei mir? Wen denn?"

„Tinche.r, unseren kleinen Junker Constantin."

Mit verzweiflungsvoller Miene die Hände rin- gend, stand Jeanette da und blickte sich in der hellen, rein gehaltenen Küche um, zu der Ueberzeugung kom­mend, das, sie in keinem Winkel derselben denjenigen finden werde, den sie suchte.

„Schelten Sie mich, aber seien Sie mir behilflich, ihn wiederzufinden," bat sie ganz demütig.

Ihre Todesangst trat so deutlich zutage, daß die Köchin unwillküilrch Mitleid empfand.

„Mein Gott, Sie sind kindisch, sich in solcher Weise Weise aufzurege.r. Was kann ihm denn geschehen sein? Wann und weswegen haben Sie ihn ver­lassen?"

Verwirrt stammelte das junge Mädchen:

„Wir befanden uns unter den Kastanienbänmen; er spielte mit seinem Eimer und füllte ihn mit Was­ser. Unglücklicher Weise" — sie senkte den Blick, dunkle Röte stieg ihr in die Wangen, und zögernd fuhr ft- fort: „Unglückseliger Weise hatte ich meine Schere vergessen und kehrte inS Haus zurück, um sie zu holen -- eine Minute, einen kleinen, kurzen Augen, blick hat es gedauert, nicht länger — und als ich zurückkam, war Tinchen verschwunden."

Die

len

diesmal vergönnt ist, mit dem erhabenen Echirmherrn des Reiches.auch die hohe und allverehrte Frau Ge­mahlin willkommen zu heißen, die als Vorbild aller Frauentugenden neben ihrem kaiserlichen Gemahl waltet. Das Bild der Kaisers ist in den 25 Jahren, auf die er als Führer der Nation zurückschaut, auch dem deutschen Süden wohlvertraul worden. Männliche Entschlossenheit, unbeugsame Tatkraft, zähes Festbalten an dem für richtig Erkannten, hohe geistige Schaffenskraft ftnb im Verein mit ritterlichem Sinn die Züge des Kaiserbildes, die sich am fchäristen dem Gedächtnis der Zeügenoffen eingeprägl haben. Als Mann im besten und edelsten Sinne des Wortes, aufrichtig, ganz und scharfkantig, in der Aui- sassung seines Herrscherberufes von einem hohen Ideal getragen, starkmütig in seinem Bekenntnis zu Gott und dem Christentum, ein treuer Hüter der keuschen Flamme des häuslichen HerdeS, |o steht Wilhelm II. vor dem deutschen Volke. Das ganze deutsche Volk weiß, daß die nationale Gefchlrssenheit. wie die Persönlichkeit des Kaisers sie versinnbildlicht, stark genug ist, um allen Störern zum Trotz den Frieden unter den Völkern auf­recht zu erhalten. Es ist herzliche und aufrichtige Ver­ehrung, die wie überall im großen deutschen Vaterland, auch bei uns in Bayer» den kaiserlichen Herrn begrüßt.

* Der Kronpilnz in den Generalstab versetzt. Der Kronprinz ist, wie v e ,Kreuz;lg.' erfährt, von der Stellung des Kommandeurs des Leibhuiaren - Regi» mentes Ar. 1 in Langfuhr »Tanzia enthoben und in den Genera lstad der Armee nach Berlin verletzt. Die Versetzung entspricht einer schon im Frühjahre aus- gesprochenen Bitte des Kronprinzen an seinen Kaiserl. Vater. Seit längerer Zeit hielten Generalstabs-Oifi. ziere der Garnison Danzig dem Kronprinzen taktische und kriegswissenfchaflliche Vorträge. Ebenso hat der Kronprinz die Schlußarbeiten des ältesten Kriegsaka- demie-Jahrganges mitgearbeitet und sich hierdurch, so­wie durch eigenes Studium auf das neue Kommando vorbereitet.

kreditieren, noch ehe diese ihre eigentlichen Arbeiten begonnen oder bekannt gegeben hat. Daß dieser Vor. Wurf keinerlei Berechtigung Hal, beweist außer ber bekannten Zusammensetzung der Kommission die Tat­sache, daß der Staatssekretär des Innern sich bemüht hat, auch zwei Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion für die Kommission zu gewinnen.

Sozialdemokratie hat diese Bemühungen mit der A b> lehnnng jeder Mitarbeit in der Kommission be-

unb Brüderlichkeit, als eine Erlösung und Entlastung der unteren Klassen an. Was lehrt nun aber die Erfahrung, der Blick auf die T at sach en? Ist die Sozialreform nicht in dem monarchischen Deutschland viel schneller und weiter durchgeführt worden als in der Republik Frankreich? Sind die indirekten Steuern, welche die breite Masse stark belasten, in Frankreich nicht viel höher, als bei uns? Und werden nicht umgekehrt die besitzenden Klaffen i.t Deutschland viel stärker zu den öffentlichen La­sten herangezogen, als in dem „demokratischen" Nachbarlande? Auf den Punkt der „Freiheit" wollen wir bei dieser Gelegenheit nicht näher eingehen, son­der nur kurz bemerken, daß trotz allen berechtigten Be­schwerden, die wir noch haben, doch in Deutschland die Gewissensfreiheit viel besser gewahrt ist, als in dem kulturkämpferischen Frankreich mit sei­ner Freimaurerei-Herrschaft!

Hinter den Verschiedenheiten der Entwicklung in beiden Ländern steckt eine ganze Reihe von verschie- dcnartigen Kräften und Ursachen. Der wesentlichste Gesichtspunkt ist aber folgender: In der Republik Frankreich ist die Hauptbeschäftigung der Parteien das Streben nach der Mach t, das Ringen um die Herrschaft im Staate; daher wird alles andere der Ergatterung von Wahl stimmen und Man­daten geopfert, und in der Zwischenzeit zwischen den Wahlen bildet das Ränkespiel um die Ministersessel den Zeitvertreib. In Deutschland bringen eS die verfassungsrechtlichen und geschichtlichen Äerhältnifle mit sich, daß die Parteien (abgesehen von der ver­neinenden Sozialdemokratie) sich mehr der soliden Arbeit, der positiven Betätigung in der gesetzge­berischen Werkstatt widmen muffen.

Dort mehr Agitation, bei uns mehr Produktion. Dort zahllose Ministerkrisen, nach denen es doch beim alten Schlendrian bleibt; hier Zähelebigkeit der Minister, aber dabei ein langsamer Fortschritt und manche Reformwerke, die man in der Republik ver­geblich nachzuahmen sucht. Unsere Steuergesetze z. B. sind gewiß nicht einwandsfrei; doch dürfen wir uns freuen, daß wir nicht noch in den heillosen Steuer- kämpfe.r stecken, die Frankreich durchzumachen hat.

nehmungen, die mit Rüstungslieferungen nichts zu tun haben, die geeignetsten Persönlichkeiten sind den Reichskanzler bei der Prüfung der wirtschaftlichen

Schw^i'g Bar|"d,Cr etimme brachte Justistne sie ;um „So seien Sie doch stlll, unglückseliges Geschöpf, I mit Gejammer verbessert man nichts. Di« gnädige I Frau kann Sie hören! Und wenn sie eine Ahnung davon hätte, daß ihr Liebstes, ihr alles, ihr kleines Söhnchen nicht zu finden ist, dann stehe ich für nichts. Vorhin saß sie am Schreibtisch und weinte. Mein Gott, wie viel Tränen sie seit dem Tode des Herrn schon vergossen hat! Ohne den Kleinen wäre sie wahnsinnig geworden, und wenn sie jetzt eine Ahnung davon hätte, daß Sie ihn verloren haben —"

In mürrischem Ton wandte der Gärtner ein:

। . „Verloren — das ist nicht wahr, denn er kann hier im Garten nicht verloren gehen; er hat sich ber» steckt! Man muß ibn suchen, bis man ihn findet, und finden werden wir ihn. Wie hätte er auch hin­ausgeraten können, fügte er in überzeugendem Tone hinzu. „Alle Eingänge fihb abgesperrt, die Brunnen sind zugedeckt; ich müßte nicht ernmal eine Pfütze, m welcher eine Fliege ertrinken könnte! Aber an Schlupfwinkeln fehlt es nicht, in den Stallungen, auf dem Getreideboden, in den Scheunen! Uufer Junkerchen kann ja leicht irgendwo durchschlüpfen. Weinen Sie nicht Jeanette, und du, Justine, zanke nicht! Helft mir lieber beim Suchen, anstatt müßige Worte zu schwätzen!"

Sie teilten sich in die Ausgabe. Lukas durch­stöberte die Stallungen, die Scheunen, die Heuböden Justine durchsuchte Die Bosketts, in denen der Kleine sonst Verstecken zu spielen Pflegte. Jeanette tat des­gleichen in einer entgegengefetzten Richtung, und da. bei erwachte neues Hoffen in dem Herzen des jungen Mädchens. Lukas hatte recht, es konnte sich nur um einen Schelmenstreich handeln, und wie man lachen würde, wenn der liebe, kleine Bengel gefunden war!

Sie zerriß Hände und Gesicht an den Dornen der Rosen und der Akazien bei ihrer fieberhaften Suche. Sie hatte nur einen Teil ihres Vergehens eingestanden. Mit der Beaufsichtigung des Kindes betraut, hatte sie ihren Bewachungsposten verlassen, I während ihr Schützlina auf der Dank mit Sand I

Deutsches Reich.

* Berlin, 14. Dez. 1913. Der Ständige Aus. schuß der Landesverstcherungsanstalten hat mit der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte Grundsätze über die Heilbehandlung der doppelt Ver- sicherten vereinbart, welch« die schleunige Ein­leitung erforderlicher Heilverfahren so weit als möglich sichern. Es besteht die bestimmte Erwartuna, daß die einzelnen Landesverstcherungsanstalten dem Abkommen beitreten werden. — lieber Veränderungen im Hof» halt des Kaisers wird gemeldet: Graf August zu Eulenburg tritt von feinem Amte als Ober-Hof- und Hausmarschall zurück und übernimmt daS Ministerium des königlichen Hauses. Au die Stelle des Grafen Eulenburg rückt der bisherige Oberstall- meister, Wirkl. Geh. Rat Frhr. Hugo v. Reischach. Sein bisheriges Amt erhält der Vtze-Oberstallmeifter Frhr. v. Esebeck, zu dessen Ersatz der Oberst v. Frankenberg und Ludwigsdors bestimmt ist. Der Hausmarschall Frhr. v. Lyncker soll Generaladjutant der königlichen Gärten werden und erhält als Nach­folger den Generalmajor v. Gonlard, diensttuenden General a la suite de§ Kaisers und ehemaligen Er- zieher der jüngeren Prinzen.

** Der Kaiserbesuch in München. Der Kaiser und die Kaiserin sind gestern abend mit Gefolge von Wildpark nach München abgereist. Die An­kunft in München wird Montag früh 10.50 Uhr er­wartet. Dort ist großer mi itärischer Empfang vor­gesehen. Die Strafen in München sind bereits festlich geschmückt. Die »Bayerische Staatszeitung^ widmet dem Besuche des Kaiserp'areS folgende Begrüßung:

.DaS bayerische Volk sieht mit aufrichtiger Freude dem kaiserlichen Besuche entgegen, umsomehr, als es ihm

antwortet, unter der Vorkehrung eines grundsätzlichen Standpunktes, besten Berechtigung von niemandem außerhalb ihrer Partei anerkannt wird. Nicht die Regierung hat also die Sozialdemokratie ausgeschlos- sen — sre hat sich selber ausgeschlossen.

* Abänderungen zur Wehrordnung, die demnächst ausgegeben werden sollen, betreffen den Fortfall der Losung beim Ersatzgeschäst und die Einteilung der zum Militärdienst sich Stellenden nach verschiedenem Tauglichkeitsklaffen.

)( Deutschlands Teilnahme an der Panamakanaler« öffanng. Der Berliner Korrespondent der „Daily Mail" meldet, daß die deutsche Regierung den Bot­schafter der Vereinigten Staaten davon in Kenntnis gesetzt hat, daß die deutsche Flotte der Einladung der Ver- eimglen Staaten Folge leisten und an der intet, nationalen Flottenrevue in Hampton Roads gelegent­lich der Eröffnung des Panamakanals tm Frühling 1915 teilnehmen werde. Voraussichtlich werde ein Prmz des kaiserlichen Hauses daS Geschwader be­gleiten. Die deutschen Kriegsschiffe werden bei dieser Gelegenheit den Panamakanal durchlahrrn.

* Religionsunterricht in der Muttersprache. Wie ber Deutsche Evangelische Volksbote sür Südafrika in Nr. 355 vom 1. Oktober 1913 meldet, hat ber Abministrator bes englischen Kaplanbes eine Verordnung über den Religionsunterricht eingeführt, die die kaplänbifchen Deutschen zu einem vorbildlichen Zusammengehen veranlaßt hat. Sie haben sich nämlich, unb zwar Deutschlutheraner und Baptisten, einmütig zusammengetan, um bei biefer Gelegenheit für ben Religionsunterricht t-n deutscher Sprache einzutreten und ihren Kin­dern die deutsche Bibel zu bewahren. Die Pastoren ber beiden Gemeinden in Keiskama Hoek wenden sich zum „Sedantage 1913" — auch bas ist bezeichnend — mit einem Ausruf an ihre Gemeinde, in bem es h-ißt:

Weil wir den Ernst der Lage für unsere deutschen Kinder erkennen und wnl wir durchdrungen sind von dem ernsten Streben, um jeden Preis unseren d eu sch en Kindern unsere heiligsten Güter zu erhalten, bitten wir alle. Die gleich uns als Hüter und Wächter solcher Güler gesetzt sind, deutsche Schulvorsteher, deutsche Lehrer, deutsche Pastoren in den deutschen Gemeinden hin und her, die Sache auszunehmen, um so zu erreichen, daß in allen Schulen mit überwiegend deutschen Schülern der Religionsunterricht in deutsch er Sprache erteilt werden darf. . . . Deutsche Eltern, deutsche Schulvorsteher, deutsche Lehrer, deutsche Pastoren, helft die heiligsten Güte,; wahren, die wir unseren Kmderu zu vererben haben! — Einigkeit macht stark!

Die Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprach­vereins (Nr. 12 S. 367) gibt diese Mitteilungen un­ter ber Spitzmarke „Vorbildlich" wieder. Ge­wiß ist das vorbildlich, was die Deutschen im eng­lischen Kaplande bezüglich der Erteilung des Reli- gwnsnnterrichls in der Muttersprache erstreben. Aber was den Deutschen im Auslande recht ist, sollte den Polen tn Preußen billig sein. Wie aber würde man in alldeutschen und hakatistischen Kreisen auf­schreien, wenn bei uns ein ähnlicher Aufruf erlassen würde, worin man bloß das Wort „deutsch" in „pol­nisch" verwandelte!

* Fünf Milliarden Reichsschuld. Im laufen­den Etatsjahr hat die Reichsschuld die Höhe von fünf Milliarden erreicht, nachdem sie am Ende des Jah­res 1912 auf 4,8 Milliarden angewachsen war. Es kamen 1913 hinzu an vorhandenen offenen Krediten und neuen Anleihekrediten zusammen 369 Millionen Mark, wodurch die fünfte Milliarde überschritten wurde. Durch den Etat für 1914 sind Anleihen in Höhe von 17,6 Mill, vorgesehen, die Reichsschuld könnte also im nächsten Rechnungsjahr einen Höchst- stand von rund 5,2 Milliarden erreichen. An Aus­gaben für nichtwerbende Zwecke ist nur noch bet auf Grunb ber älteren Flottengesetze zu leistende Zuschuß zu den Kosten der Schiffsbauten mit 29 Mil- honen im außerordentlichen Etat enthalten, nachdem die außerordentlichen Ausgaben für die Heeresver­waltung zum letztenmal im Etat 1912 erschienen. Vorn Jahre 1917 ab dürften auch die Kosten der Flotte vorn außerordentlichen Etat verschwunden sein. In Zukunft werden Anleihen nur noch zu werbenden Zwecken aufgenommen.

+ Die RLstungskommissiou. Die „Nordd. Allg. Ztg." bucht als ein wertvolles Ergebnis ber Reichs, tagsdebatten über die sozialdemokratische Jnterpel- lation folgen der Nichtberufung des Abg. Liebknecht in die Kommission zur Prüfung der Rüstungslieferungen die Tatsache, daß die Sozialde- mokraten von keiner Seite des Hauses Unterstützung fanden und schreibt weiter, daß diese Tatsache eine gewünschte Klarstellung unserer verfassungsmäßigen Verhältnisse i.i einer Zeit bedeute, in der von der Sozialdemokratie immer wieder Versuche zur Ver­schiebung oder Verdunkelung dieser Verhältnisse ge­macht werden. Der sozialdemokr. Abg. Noske hat es bei dieser Gelegenheit unternommen, auch die Eig­nung einiger Mitglieder biefer Kommission zu be­zweifeln, die ber Reichskanzler aus ben Kreisen ber Industrie berufen hat; aus gänzlich unhaltbaren Gründen. Daß die Leiter unserer großen Schiffahrt?- gesellschaften und anderer großindustrieller Unter-

Seite unserer Rüstungslieferungen zu unterstützen, ist für jeden nicht voreingenommenen Beurteiler ohne weheres klar. Die Sozialdemokratie steht demzu­folge auch mit dieser Auffassung allein. Sie steht allein mit dem Bestreben, die Kommission von vorn­herein als eine „Bertuschungskommission" zu dis-

spielte; sie aber empfing den Besuch einer Freundin, und um bequemer mit ihr schwätzen zu können, ent» freute sie sich auf eine Weile. Bei Mädchenver­traulichkeiten verfliegt die Zeit rasch, und als sie, nachdem die Freundin von ihr gegangen, zu der Bank zurückkehrte, war von dem Kinde nirgends eine Spur zu sehen! Um nicht getadelt zu werden, rief sie nur mit halblauter Stimme, denn sie wollte Frau von Erneuils Aufmerksamkeit nicht wachrufen. Nach einer Stunde vergeblichen Suchens aber bemächtigte sich ihrer eine namenlose Angst und sie eilte nach ber Küche, um Justinens Beistand zu erflehen; war es doch immer noch besser, von dieser gescholten, als von der Gebieterin entlasten zu werden, die ihr die strenge Weisung erteilt, nie und unter keinen Um­ständen das Kind aus dem Gesicht zu verlieren.

Jetzt durchstöberte Jeanette nach allen Richtun­gen den Park. Kein Blumenbeet, kein Boskett blieb undurchforscht. Als sie endlich sah, wie vergeb­lich ihre Bemühungen seien, da sank fire zur Erde und schluchzte laut auf in ihrer Verzweiflung.

Lukas und Justine gesellten sich jetzt zu chr und man las deutlich in ihren Zügen, daß auch ihre Nachforschungen vergeblich gewesen waren. Der alte Gärtner trug seinen Spaten nicht mehr stolz geschul- tert, er stützte sich schwer darauf. Justtne ging tief gebeugt neben ihm. Von Mitleid erfaßt beugten sie sich zu bem Mädchen nieder, um sie zu trösten; während Justine in jener, den Leuten aus dem Volke eigenen Art, ihre Gefährtin nmutigte, schweiften die Blicke des guten Lukas immer noch umher, er mu­sterte mit einer gewissen beruhigten Sicherheit die ben Park umringende Mauer und die kleine, von wildem Wein fast verborgene Pforte, welche sich in derselben befand.

„Zum Teufel, da gibt es doch wirklich keinen Ausweg, den ich nicht wüßte," tief er lebhaft, fügte aber nach einer Weile besorgt hinzu: „Herr, brr mein Gott, fast hrt es den Anschein, als ob die Türe nicht versperrt sei!"

(Fortsetzung folgt.)

Justine zuckte die Achseln.

. „Wenn Sie ihn nut für einen Augenblick ver­lassen haben, so kann er ja nicht weit sein, der kleine Racker. Vermutlich hinter einem der Orangenbäume versteckt ober in der Hundehütte, bei seinem Freunde Sultan. Haben Sie dort schon gesucht?"

„Nein," rief Jeanette, „aber ich will eiligst hin".

„Warten Sie, ich werde Sie begleiten!"

Gemeinsam verließen sie die Küche und gingen in den Hof, wo eine große, dänische Dogge an der Kette lag. Unfähig, ihre Aufregung zu beherrschen, eilte Jeanette Justinen voraus, ließ aber die Arme zur Seite niedersinken, als sie sah, daß die Dogge >te beiden Frauen mit der Miene gekränkter Un- chuld ansah und von dem Kinde sich nirgends eine Spur zeigte.

»Wir finden ihn zweifelsohne im Garten!" tief Justine beruhigend.

Was sie den „Garten" nannte, wat ein Park von etwa fünf bis sechs Hektar mit schattigem Lauben- ganzen und prächtigen Blumenbeeten.

„Da gibt es manchen Schlupfwinkel, in dem man sich gut verstecken kann!" rief sie lächelnd, „doch ich sehe Lukas in der Ferne und werde ihn herbeirufen, damit er uns behilflich ist."

Der Gärtner Lukas war der Gatte der Köchin. Im Verein mit Jeanette bildete das Ehepaar das gesamte Dienstpersonal des Schlosses Erneuil.

Mit dem Spaten auf der Schulter kam Lukas, langsam, sorglos, des Weges daher. Das junge Kin­dermädchen lief ihm entgegen.

»Haben Sie ihn gesehen, Herr Lukas? Ist er im Gemüsegarten? — Mern Gott, ich habe Tinchen ver­loren!" rief das arme Mädchen.

Die Sorge des jungen Geschöpfes bemächtigte sich auch der übrigen Sie gingen alle zur Gartenbank vor welcher da? Spielzeug des Kindes im Sande lag. Don unbestimmter Angst erfaßt, sahen sie sich in die Angen.

Unfähig, sich länger zu beherrschen, brach Jeanette in lautes Schluchzen aus.

„Tinchen, mein armes, kleines Tinchen!" weh- klagte sie. I