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6. Blatt

Druck der Zuldaer Aetiendruckerei ia Zulda.

Zuldaer Zeitung *$*

M 285

Samstag de« 13. Dezember 1913.

):( Der Uebersport vom gesundheit­lichen Standpunkte.

-Äue Veit und

Bei dem großen Interesse, das in den letzten Jahrerder Jugendpflege entgegengebracht wird, und bei dem regen Eifer, mit welchem in den Jugend­vereinigungen Sport jeder Art getrieben wird, er- scheint es nicht unangebracht, auf eine gesundheitliche Gefahr hinzuweisen, die bei der Ausübung des Spor­tes sich Herausstellen .kann. Diese Gefahr bestehl darin, daß der Sport, statt sich in den durch Sie jugendlichen Körperkräfte gebotenen Grenzen zu hal­ten, diese Grenzen überschreitet und in sogenannten Uebersport ausartet.

Als Uebersport ist jeder Sport zu bezeichnen, welcher dem Körper sportliche Leistungen zumutet, die seine Kräfte übersteigen. Auch an und für sich normale Sportleistungen können in lieber- sport ausarten, wenn sie zu häufig und zu an­dauernd verlangt werden. Desgleichen ist jeder ein­seitige Sport als Uebersport anzusehen.

Gerade die Jugend ist in ihrem Eifer und in dem Mangel an Kritik in der Einschätzung ihrer Kräfte geneigt, den Sport zu übertreiben. Anderseits ist gerade der jugendliche Organismus durch den Uebersport in höherem Grade gefährdet als ein aus­gewachsener, in der Bollentwrckelung seiner Kräfte stehender Körper.

Die Gefahren, welche dem jugendlichen Körper durch den Uebersport droben, betreffen in erster Linie das Herz. Das jugendliche Herz ist elastisch und dehnbar. Durch Ueberanstrengung dehnt es sich in dec Tat aus, wie man durch ärztliche Untersuchung und das Röntgenbild nachweisen kann. Derartige Untersuchungen sind nach Radrennen, Wettläufen, Gewaltmärschen trnd dergleichen vielfach gemacht worden. Ist die Ueberanstrengung vorbei, lassen die an das Herz gestellten Anforderungen nach, so ver­schwindet die Dehnung allmählich wieder, um nor­malen Verhältnissen Platz zu machen. Die Dehn­barkeit des Herzens hat aber ihre Grenzen. Wieder­holen sich die übertriebenen Ansprüche an das Herz in kürzeren Zwischenräumen, dann tritt die Rückbil­dung zur Norm nicht mehr so rasch und so vollständig ein. Allmählich bilden sich Herzvergröße­rungen heraus, die zum Teil auf Verdickung der Muskulatur, zum Teil aber auf eine Dehnung des Herzmuskels und Erweiterung der Herzkammern zu­rückzuführen sind. Mit der Zeit tritt eine Entartung der Muskulatur ein, das Endergebnis ist ein er­weitertes, muskelschlafles Herz. Die Militärärzte sind oft genug in der Lage, diese Ausführungen zu bestätigen. Das Sport- und Athletenherz hat schon manchen militärfrei gemacht, die tüchtigsten Sport­leute sind bei weitem nicht die leistungsfähigsten Soldaten.

Weiterhin können die Atmungsorgane durch den Uebersport leiden. Bei jeder Ueberanstrengung des Körpers dehnt sich die an und für sich sehr elastische Lunge aus. Allzustarken Dehnungen ist sie aber nicht gewachsen, es können Zerreißungen-der Lungen­bläschen, Zerreißungen von Blutgefäßen der Lunge die Folge sein. Auch bei der Lunge, gehen die Deh­nungen anfangs zurück; treten die Üeberdehnungen immer wieder ein, so versagen die elastischen Fasern der Lunge, und es bilden sich Lungenblähung, Lungenerweiterung, sog. Emphysen, heraus.

Auch das 9c e r v e n s h st e m und fast alle ande­ren Organe des Körpers können durch den Ueber­sport geschädigt werden.

Der Uebersport, besonders der einseitig be­triebene Sport, hat ferner häufig eine ungleichmäßige Beanspruchung der Muskulatur, infolgedessen auch ungleichmäßige Entwickelung der Muskulatur zur Folge. Der Berufs-Radrennfahrer mit seinen hypertrophischen Waden und seinem oft schwächlichen, ivrnübergeneigten Oberkörper, der Athlet mit seinen massiven Arm- und Schulter-Muskelwülsten, sie sind weder das Schönheitsideal eines Mannes noch so ge­sund wie sie scheinen.

Einer der wichtigsten Punkte bei der Ausübung je§ Sports ist richtige und allmähliche Uebung. Das langsame Fortschreiten von leichteren zu schwe­reren Lecstuugen, der „Training" — wie wir „Deut­schen" sagen —, ist bei der Ausübung des Sports durch Jugendliche besonders geboten, um das Auf­treten gesundheitlicher Gefahren zu verhüten. Des­halb ist es durchaus notwendig, daß die Ausübung des Sports, m den Jugendvereinigungen von gründ­lich ausgebildeten und erfahrenen Spielleitern über­wacht wird. Diese müssen ihre einzelnen jungen Leute genau kennen und sie individuell behandeln. Einen kräftigen, aber phlegmatischen Burschen müssen sie anders anfassen, als einen ehrgeizigen, durchgän- gerischen Schwächling. Sorgsame Beobachtung der Zungen Leute, besonders bei und nach tfen Hebungen ist hierbei vonnöten.

In allen Fällen, in denen die Spielleiter im Zweifel sind, ob die jungen Leute hinreichend kräftig und den gestellten Anforderungen gewachsen sind, sol­len sie den Arzt zu Rate ziehen.

Die Eltern muffen auf ihre Kinder, die sich der Ausübung des Sports hingeben, ein wachsames Auge haben. Das Elternauge entdeckt Schädigungen des Kindes schneller und weiß Veränderungen in sei­nem gesundheitlichen Verhalten richtiger einzuschätzen als der Spielleiter, der doch eine größere Schar zu übersehen hat.

Bei größeren Spielsesten und dergleichen müssen die Kreisjugendpfleger rhr Augenmerk ebenfalls dar­auf richten, daß Uebersport vermieden wird. Ihnen stehen mehr Erfahrungen zur Seite als den Spiel­leitern, die vielleicht einmal im Ehrgeiz, mit ihren Jungen etwas Außerordentliches zu leisten, ein Auge zudrücken.

Jugendpfleger und Spielleiter sollen in ihren Ausbildungskursen durch ärztliche Belehrung darüber aufgeklärt werden, welche Leistungen dem jugendlichen Organismus zuzumuten sind und was vom Nebel ist. Je besser die Spielleiter auf allen Ge­bieten des Turnens, des Spiels und des Sports aus­gebildet sind, desto weniger sind sie in Gefahr, den Uebersport und den einseitigen Sport zuzulassen oder gar zu verlangen.

Auch in den Jugendvereinigungen selbst kann ge­legentlich durch den Arzt auf bte gesundheitlichen Ge­fahren des Uebersports hingewiesen werden.

[] Kampftaktik gegen ein Weltübel.

5in Weltübel? — Das kann nur die Tuber­kulose sein. Keine andere Krankheit wirkt so ver­

heerend wie diese. Sie ist in Wahrheit eine Geißel der Menschheit, ein Weltübel. Alle Kulturstaaten haben sich gegen sie rüsten müssen.

England und Frankreich haben ihre Arbeiteroer­sicherung auch in den Dienst gegen die Tuberkuwse gestellt; unser westlicher Nachbar hat namentlich musterhafte Einrichtungen gegen die Tuberkulose der Kinder geschaffen. In den Vereinigten Staaten ist ein umfangreiches Vereinswesen zur Bekämpfung der Krankheit im Aufblühen, das eine gewaltige Auf­klärungsarbeit leistet. In Oesterreich, Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland geht man dem Feind in neuerer Zeit mit Nachdruck zu Leibe; ebenso in der Schweiz, in der man große Erfolge auf dem Ge­biet der Gelenk- und Knochentuberkulose erzielte.

Wenn Deutschland in dieser Kampfreihe zu­letzt genannt wird, so steht es doch nicht zuletzt, son­dern an der Spitze aller dieser Bestrebungen. Non ihm sind in den letzten Jahrzehnten die stärksten An­regungen zum Kampf gegen das Nebel ausgegangen, von Deutschland hat man zum Teil auch die Taktik dieses friedlichen und doch so verlustreichen Kampfes gelernt. In planmäßiger und zielbewußter Weise ist man bei uns zum Angriff vorgegangen, der na­mentlich von dem Deutschen Zentralkomitee geleitet wird. Gegenwärtig gibt es im Reich 147 Bolksheil- stätten für Lungenkranke mit 15 278 Betten, 103 An­stalten mit 9157 Betten für tuberkulöse Kinder, 114 Walderholnngsstätten, 17 Waldschulen, 222 besondere Abteilungen für schwer Lungenkranke, in den Allge­meinen Krankenhäusern und Pflegeheimen und etwa 1500 Auskunsts- und Fürsorgestellen, von denen viele durch Belehrung und tatkräftiges, praftisches Eingrei­fen außerordentlich wertvolle Hilfe geleistet haben. Am meisten wirkt die deutsche Arbeiterver­sicherung gegen das Leiden. Die Landesversiche­rungsanstalten haben im Jahre 1912 in etwa 15 000 Füssen Heilverfahren eingeleitet und dafür zahlreiche Millionen ausgegeben. Mehr als eine halbe Million wurden als Unterstützung an Auskunsts- und Für- sorgestellen, an Walderholungsheime usw. bezahlt.

Der gute Erfolg ist nicht ausgeblieben. In den letzten 15 Jahren ist die Tuberkulosesterblichkeit in Deutschland um etwa ein Drittel zurück- ge gang en: auch in anderen Staaten, die sich nachdrücklicher an dem Kampfe beteiligen, ist die Zahl der Erkrankten erheblich geringer geworden. Aber man soll sich durch diese Erfolge nicht zur Lau­heit verleiten lassen. Es handelt sich um einen un­gemein tückischen Feind, der seine Kraft immer wie­der erneuert. Tausende sind in Deutschland seit einer Reihe von Jahren mit Eifer, Umsicht und Wissen­schaftlicher Erfahrung gegen diesen Feind tätig; viele Missionen werden in jedem Jahre gegen ihn aufge« wendet: trotzdem ist noch heute im Reich jeder zehnte Todesfall auf Tuberkulose zu- rückzuführen und in dem erwerbsfähigen Alter jeder vierte; ja der Anteil dieser Krankheit steigt bis auf mehr als die Hälfte aller Gestorbenen bis zum 35. Lebensjahre bei den Arbeitern in Industrie, Bergbau und Baugewerbe.

Das ist trotz aller Anstrengungen noch.immer eine sehr schwarze Statistik, die dazu mahnt, nicht nachzulassen Und doch lehren 'bte bisherigen Erfolge, daß der Feind unterzukriegen ist, daß man ihn bei weiterem Planmäßiaen und nachdrücklichen Kampfe wenigstens derart zurückdrängen kann, daß er nicht mehr als V o l k s s e u ch e auftritt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der menschliche Wille über ver- heerenSe Krankheiten, die jahrhundertelang als furchtbare Feinde durch die Länder zogen, triumphiert. Der Schrecken des Mittelalters, die Pest, „der schwarze Tod", hat seine Furchtbarkeit für uns ver­loren, ebenso die Cholera, vor der noch unsere Väter zitterten. Wenn nicht besondere Umstände hinzu- kommen, wie im letzten Balkankrieg, so schreitet auch sie nicht mehr als todbringender Gast durch die Kul­turstaaten. Ihre Macht wird an den Grenzen der Kultur durch die Hygiene der Völker und des Einzel­nen gebrachen.

Die Zeit muß kommen, wo man das auch von der Tuberkulose sagen kann. Und e§ ist zu hoffen, daß diese Zeit nicht mehr fern ist. Um zu diesem verheißungsvollen Ziele zu gelangen, hat jedoch nicht nur die öffentliche Hygiene und Fürsorge sich in un­unterbrochener Ausnutzung der wissenschaftlichen For­schung und unter Anpassung an soziale Notwendig­keiten weiter zu entwickeln, sondern auch die Klein­arbeit auf dem Gebiet der Bolksgesundheitspflege ist weiter auszubreiten. Sie ist im Kampfe gegen die Tuberkulose von ganz besonderer Wichtigkeit, weil es sich bei ihm darum handelt, bis an die Brutstätten der Krankheit vorzudringen, ihren Keim schon an seinem Geburtsort zu vernichten, Sicherungen gegen Uebertragung zu schassen, im engsten Kreise der ge­fährdeten ober bereits leidenden Familien aufzuklären und zu helfen. Hierzu ist die gemeinnützige, opfer­willige und unerschrockene private Hilfstätigkeit oft mehr geeignet als gesetzliche und behördliche Maß­regeln, die man gleichwohl nicht entbehren kann.

Sehr wertvoll sind in dieser Hinsicht die priva­ten F ü r f o r g e ft e 11 e «, bereit es gegenwärtig in Deutschland erst 355 gibt. Natürlich ist das Haupt­gewicht darauf zu legen, daß man nicht nur möglichst zahlreiche Fürsorgestellen, sondern auch vor allem gute hat. Was durch sie geleistet werden kann, be­weist Berlin. Dort gibt es eine Zentralleitung der Fütssorgestellen, die ihre Tätigkeit im Jahre 1912 auf etwa 30 000 Lungenkranke, 1300 Alkoholkranke und 400 Krebsverdächtige erstreckte. Auf Veranlassung dieser Zentralleitung wurden im vorigen Jahre über 11000 Kinder ärztlich untersucht und ihre häuslichen Verhältnisse geprüft. Die Stadt Berlin unterstützt diese Fürsorge mit jährlich 50 000 Mark, was sie sehr gut kann, denn man hat ausgerechnet, daß allein die Fürsorge der Zentralleitung" für Alkoholkranke der Stadt 60 000 Mark an Armenlasten erspart hat.

Mer alle diese Hilfstätigkeit erschöpft das Problem nicht. Sie muß unterstützt werden durch großzügige staatliche Maßnahmen, die auf dem Gebiet einer, die notwendigen Lebensmittel verbilligenden Wirtschafts­politik und der Wohnungsreform liegen. Man darf bei all der dankenswerten Arbeit in Vereinen, Ge­meinden und Versicherungsanstalten nicht vergessen, daß der Kampf gegen ein Weltübel durch Maßnahmen solcher Art nachdrücklich unterstützt werden fasste.

dl. In der Mufikfabrik.

Es gibt in Berlin einen Stadtteil, in dessen Häu­sern auch nicht eine einzige Mietspartei zu finden ist und dennoch wird den ganzen Tag in diesen Häysern musiziert. Zwischen Ballen und Kisten, zwischen Büroräumen und emsigen Handwerkern konzertieren richtige Orchester mit richtigen Berufsmi sikern. Vor dem Portal des Jndustriepalastes hält neben dem hochbeladenen Rollwagen das elegante Privatauto, dem eben eine berühmte Künstlerin entsteigt, um durch zwei Stunden einige Lieder mit Orchesterbe­

gleitung zu fingen. Arn hellen Tage, ohne Publikum und ohne Applaus, dafür aber gegen ein recht an­sehnliches Honorar. Solcher Häuser gibt es ia Ber­lin SW nahezu ein Dutzend, denn ebensoviele Schall- plattenfabriken sind es, in denen die Konzerte abge­halten werden.

Weder Solist, noch Orchester haben ein Publikum, und doch herrscht in Siefen heimlichen Konzerten das Lampenfieber nicht weniger, als im Konzettsaal. Mit Rücksicht auf die zur Ausnahme bestimmte Wachs­rolle ist das kleine Aufnahmezimmer überdies so durchwärmt, daß die Künstler in Hemdärmeln kon­zertieren. Da ferner die Musiker nicht zu ebener Erde sitzen, sondern auf einem hohen Gerüst, die Köpfe nahe an der Decke, wo sich nach physikalischen »en die Wärme ansammelt, so ist die Aufgabe ünftler keine leichte. Notenpulte sind nicht vor- Händen, denn sie würden die Schallwellen brechen, und der Weg zum Trichter muß frei bleiben. Des­halb sitzen die Musiker auch nicht, wie im Konzert, hintereinander, sondern in hufeisenförmiger Anord- nun nebeneinander, lieber den Köpfen der Musiker hängen die Notenblätter, mit Klammern an Schnü- ren befestigt, so daß sich Sie Blicke aller auswärts rich­ten. Nur der Solist darf int Parterre wirken, also wieder umgekehrt, als tote im Konzertsaal. Er steht dicht vor dem Trichter, die Hände vor die Brust ge­kreuzt, ober bie Hände stecken in den Hosentaschen, damit nicht int Eifer des Vortrages der Trichter in Gefahr kommt. Dem Neuling hält der erfahrene Aufnahmetechniker mit Vorliebe die Hände fest. Die­ser wichtige Posten des Technikers erfordert eine große Anzahl von Talenten. Ein feines musikalisches Ge­hör, genaue Kenntnis der akkustischen Gesetze, gründ­liche mechanische und physikalische Studien, haupt­sächlich aber das Talent, Autorität sein zu können. Die Aufregung ist groß, Solisten und Orchester kosten täglich viel Geld und die Wachsrolle ist noch viel empfindlicher als die Künstler. Vergißt ber Solist, die für bie verschiedenen Stimmlagen erforderlichen Bewegungen zu machen (bei den hohen Tönen ent­fernt sich der Sänger mehr vom Trichters, so ist die Aufnahme mißglückt. Das Orchester bedarf gleich­falls einer sehr differenzierten Abstufung in der Stärke der einzelnen Instrumente. Das Einsetzen und Aufhören muß so minutiös erfolgen, wie selbst im Konzertsaal nicht, die Dauer des Musikstückes muß der Größe der Platte angepaßt werden, plötz­liche Beschleunigungen müssen bie Freiheiten des Sängerswieder ausgleichen und unaufhörlich blickt der Dirigent auf seine Dienstuhr. Das ist keine ge­wöhnliche Nhr, sondern eine Art Läutewerk, das in Funktion tritt, sobald die der Walzenlänge entspre­chende Zeit abgelaufen ist. Oft genug muß der Auf- nahmetechniker bas Konzert unterbrechen, weil sein scharfes Auge Unebenheiten an der Walze bemerkt. Geht das Konzert aber glatt zu Ende, bann kann cs auch sofort wiedergegeben werden, und am meisten erstaunt dann der Solist, wenn sein Sieb, gleichsam photographiert wiedererscheint. Die fertige Walze wird nummeriert, sorgsam in Watte eingehüllt und in Blechdosen verpackt. Sie wandert in die Fabrik, wo die feinen Runen und Rillen der Walze auf die Platten übertragen werden.

Lange Regalreihen enthalten die fertigen Platten. Die größeren Fabriken verfügen über eine Reper­toire Von über 100 000 Musikstücken, der Literatur aller Zeiten und Richtungen entnommen. Jede Neu­erscheinung wird sofort plattengerecht gemacht, um dem Repertoire einverleibt zu werden. Der Ver­kaufsraum befindet sich zumeist im gleichen Hanse. Auf den besten Apparaten werden den Kunden die Platten vorgespielt. Mit großer Geduld schiebt der Verkäufer eine Platte nach der anderen in Sen Appa­rat, um nachher nicht selten zu konstatieren, daß blos dcks Verlangen nach einem Frekkonzert die Leute ein« treten ließ>

Hfg Die Schuhe der Pferde.

Der Gebrauch des Hufschutzes reicht bis in die fernste Zeit zurück. Geflechte von Stroh, die den Zug- und Lastpferden zum Schutze der Hufe unter imiy um gelegt wurden, verwendete man schon zur Zeit der Könige Ranises II. HL, also ungefähr 14 Jahrhunderte v.' Ehr. Auch im alten Rom waren die ersten Hufschützer für Pferde und Maultiere eine Art Sandalen, die aus Matten- ober Strohgeflecht, später aus Leder hergestellt wurden. Hufeisen waren den alten Griechen und Römern nicht bekannt; sie verstanden indessen die Hufe ihrer Pferde fest und stark zu machen. AIS ein besonderes Mittel dazu wird bei Xenophon die Sitte erwähnt, die Pferde auf einem mit großen Steinen belegten Platze stehen und stamp­fen zu lassen. .Auch sagt er ausdrücklich, es sei an­gebracht, diese Steine mit eisernen Klammern an­einander zu befestigen, damit sie beim Ausstampfen der Pferde desto mehr Widerstand zu leisten ver­möchten.

Erst im 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. kamen die Hufeisen auf. Wer ihr eigentlicher Erfinder ist, hat man nicht feststellen können. Man sagt, daß König Chilbcrich (gestorben 481) der erste gewesen ist, der ein mit Hufeisen beschlagenes Pferd geritten hat. Allmählich ging man immer mehr dazu über, die Hufe der Pferde mit Metall zu beschlagen. Nach Plinius hakten die Pferde Kaiser Neros Hufschnhe aus Silber, während die der Pferde seiner Gemahlin der Kaiserin Povpäci, sogar von Gold gewesen sein sollen. Bon jenen ältesten Hufeisen, die Solea (Sohle) hießen, gibt es eine Abbildung auf einer alten römi­schen Münze. Sie zeigt zwei nebeneinander in einem Zirkel von zwei Schlangen liegende Hufeisen. Eine solche Münze befindet sich in der Herzoglich Anhaltini­schen Münzsammlung zu »Dessau. Nach uns erhalte- nen Berichten sollen diese Münzen, die dem Siege eines berühmten Rennpferdes im römischen Zirkus galten, unter die Zuschauer in Mengen verteilt wor­den sein.

Glichen die ersten Hufschützer mehr Schuhen ober Sohlen, woran sich bie Erinnerung noch heutigen Tages in bet englischen Bezeichnung „Horse-shoes" erhalten hat, so hatten auch die ersten metallenen Hufeisen noch einige Aehnlichkeit damit, indem sie noch einen ziemlich großen Teil der unteren Huffläche bedeckten. Im Laufe der Zeit wurden die Eisen kleiner und schmaler und mit sechs länglich-runden Nagellöchern versehe«. Derartige Hufeisen aus der Zeit des frühen Mittelalters hat man namentlich in der Schweiz in Gräbern neben den Gebeinen von burgunSischen Kriegern und Streitrossen gefunden. Nach England kam bie Sitte, die Hufe der Pferde mit Eisen zu benageln, einem Bericht Brach Clarks zufolge, durch Wilhelm den Eroberer, der einem Nor­mannen Sinon de Six die Stadt Northampton und den Bezirk Faklev mit der Bedingung schenkte, ihm alle nötigen Hufeisen für seine Reiter zu liefern.

Die ersten Hufeisen mit sogen. Klinkstollen kamen durch bie Kreuzzüge zuerst in Aufnahme. Das späte

gjHttelalter behielt das alte deutsche Hufeisen bei. Die Ausgestaltung des Hufbeschlages stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ein französischer Grobschmied Carlo Bumi gab 1675 ein Buch: „Le Parfait marschal" heraus, auch La Fasse, Vater (1754) und Sohn (1766) beschäftigten sich mit der Verbesserung des Hufbe­schlages, und für Deutschland wirfte besonders Graf Einsiedel für diese Kunst.

Obwohl das Hufeisen an sich eine recht einfache Vorrichtung, die Pferde zu schützen und ihnen ihren schweren Dienst zu erleichtern, ist, wird der Hufbe­schlag stets ein sehr wichtiges Handwerk blei­ben. Ein bequemer Beschlag ist für die Pferde von großer Sebeutung. Nicht jedes Hufeisen paßt für ledes Pferd. Abgesehen davon, daß die Hufeisen für Vorderfüße und Hinterfüße verschieben geformt sein müssen, gibt es Hufeisen für Pferde, die vor leichten Wagen, andere Eisen für Pferde, bie vor schweren Wagen gehen; ebenso sinb vielfach bie Wege in Be- tracht zu ziehen. Bei Glatteis werben bie Hufeisen ber Arbeitspferde auf dem Lande „scharf" gemacht. Reitpferde haben onSere Hufeisen als Rennpferde. Dazu kommen noch die Hufeisen für besonders ge­bildete ober verbildete Hufformen. Die Wichtigkeit einer Hufschmiede ist daher nicht zu unterschätzen. Ein guter Hufschmied mutz verständnisvoll die In­dividualität der Pferde beachten.

Infolge der im öffentlichen Verkehr ständig zu­nehmenden Verwendung der Kraftwagen ist auch bie Notwenbigkeit eines neuzeitlichen Husbe- s ch 1 a g e s zutage getreten. Der beträchtliche Kraft- wagenverkehr hat vielfach zu erheblichen Verbesse­rungen ber Straßen und Chausseen geführt. In­dessen kommen die asphaltterten ober geteerten Stra­ßen lediglich den Kraftwagen zugute, während diese glatten, das Wasser nicht durchlassenbien Straßen den Zug- und Reitpferden überaus nachteilig und gefährlich finS. Die Pferde können wegen der größeren Gefahr des Ausgleitens nicht ihre volle Be­wegungsfreiheft entwickeln. Wenn sie sich allmählich auch an die glatten Straßenflächen gewöhnen, so strapazieren sie aber infolge des vorsichtigeren Auf­tretens und der damit verbundenen Muskelan- ftrengung vorzeitig namentlich die Sehnen der Bor- Serbeine. Die Pferde nehmen daher leicht ein ängst­liches Wesen an und sind schwieriger zu führen. Die­sem Umstande haben in der letzten Zett namenllich englische Tierschutzvereine ihre Aufmerksamkeit zuge- toenbet. So hat einer berfeiben in Verbindung mit einer Straßenverbesserungsgesellschast ein Preis­ausschreiben erlassen unb für bie Ersinbung einer allen Anforderungen entsprechenden neuen Hufeisenform einen Betrag von 2000 Mark ausgesetzt.

Auch bei uns sind schon Stimmen laut geworden, daß sich die deutschen Tierschutzvereine ebenfalls ber Sache annehmen mögen, was am zweckmäßigsten unter Mithilfe ber in hohem Grabe babei interessier­ten Heeresverwaltung geschehen könnte. Als Anforderung an das modernisierte Hufeisen müßte gestellt werden eine entsprechende Gestaltung seiner Bodenfläche; sodann dürfte es nicht schwer und doch gut widerstandsfähig sein und zu mäßigem Preise im Großbetrieb hergestellt werben können. Auch müßte das Eisen so gestaltet werden, daß es die hauptsächlich für Kraftwagen bestimmten Straßen möglichst wenig beschädigt. Jedenfalls ist die Frage nach einem neu- zeitlichen Hufbeschlage von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß manch« Fachleute der Ansicht sind, daß Pferde überhaupt nicht unbedingt beschlagen werden müssen. So befürworten viele amerikanische Offiziere nach ihren Erfahrungen den Forffall der Hufeisen oder versichern wenigstens, daß die Pferde unbeschlagen ohne die geringsten Unzuträglichkeiten weite Strecken zurückzulegen imstande sind. Der Kavalleriekapitän A. G. Forze versichert z. B., daß seine Pferde auf einer ohne Eisen zurückgelegten Strecke von 900 Kilo­meter nicht int geringsten gelitten hätten. Er gibt indessen zu, daß Kiesboden thnen nachteilig sei; aber selbst auf berartigen Wegestrecken habe er niemals ein lahmes Pferd gehabt, etn Beschlag sei nie nötig ge­wesen. Die Batterie F des 4. Artillerie-Regiments hat mit unbeschlagenen Pferden mehr als 500 Kilo­meter zurückgelegt; außerdem hat sie neunzehn Tage hintereinander manöveriert. Bei der Rückkehr be­fanden sich die Füße der Tiere in demselben guten Zustande wie beim Abmarsch. Die Tiere hatten in keiner Weise gelitten. Die beim Hin- und Rückmarsch benutzten Wege waren die gewöhnlichen Straßen des Landes; es gab felsige, kiesige, morastische und maca» damisierte Stellen auf denselben. Trotz des Regens und des Schmutzes glitten die Pferde wenig aus, jedenfalls nicht häufiger als solche mit beschlagenen Hufen. Ebenso wurden trotz des Marsches über nasse Terrainstrecken ihre Hufe nicht weich. Man behauptet sogar, daß man die zu groß gewachsenen Hufe be­schneiden müsse, anstatt Sie abgenutzten und mürbe gewordenen zu pflegen und zu erhalten.

T. Der Weihnachtsbairm

Das Symbol des deutschen Weihnachtsfestes fft der Weihnachtsbauni, der überall geschmückt wird, wo Deutsche wohnen, sei es im kalten Norden ober im heißen Süden, wo oft die Palme an die Stelle der bei uns üblichen Tanne treten muß.

Die meisten als Weihnachtstannen verkauften Na- delbäume sind keine echten Tannen, sondern Fich - t e n. Sie unterscheiden sich vor allem von der echten, der Edel- ober Weißtanne, durch bie Stellung ber Nadeln. Bei den Fichten stehen die Nadeln nach allen Seiten auseinander und sinb spitz; bie Nabeln bet Tannen dagegen sind abgerundet und stehen nur flach nach zwei Seiten. Die Edeltanne hat einen glänzen, den, glatten Stamm, ihre Nadeln schimmern unten weißlich, während die Fichten einen rötlichen, in der Juaend mit Nadeln dicht besetzten Stamm aufweisen.

Während die mittleren und kleineren Orte ihre Weihnachtsbäume gewöhnlich erst Mitte Dezember beziehen, gehen nach den Großstädten die ersten gro­ßen Sendungen vielfach schon im November ab. Zu dieser Zeit werden hier bereits beträchtliche Mengen für Schaufenster, zur Aufstellung in Kirchen und für Festlichkeiten gebraucht. Der Handel mit C h r i st b ä u m e n verleiht ber Großstadt erst das richtige Weihnachtsgepräge, von bent sonst gewöhnlich in unserer dahinhastenden Zeit nicht mehr viel zu spüren ist. Allenthalben werben bann auf den stra­fen, Platzen und Höfen Tannen und Fichten feilge­boten. Selbst bte Polizei, bie bafür zu sorgen hat, daß „die Straßen dem Verkehr dienen", macht um bte Weihnachtsbäume einen achtungsvollen Bogen. Man toanbclt in manchen Straßen bann wie in einem Tannen- unb Fichtenwalde, umgeben von würzigem Harzdufte. __ .

Die Versorgung Deutschlands mit Chrtstbaumen hat eine große Bedeutung für bie Forst­wirtschaft erlangt. In manchen Waldgebieten