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Zuldaer Zeitung

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40. Jahrgang.

Freitag den 12. Derember 1913»

erstes Blatt.

Nr. 287,

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom Donner-tag, den 11. Dez. 1818.

Die erste Beratung deS ReichShauShaltSetats für 1914 wird fortgesetzt.

Abg. Rückling (Els.): Graf Westarp hat gestern von Beschimpfungen gesprochen, die die Zaberner Bevölkerung dem Militär gegenüber sich habe zu. schulden kommen lassen. Er hat aber nicht den Schatten eines Beweises erbracht. Er hat die Zivilbehörden da. mit schwer beleidigt. Die Darstellungen der Militär­verwaltung stehen nicht im Einklang mit denen der Zivilbehörden. (Große Unruhe. Der Präsident bittet wiederholt um Ruhe.) Weshalb man den Staatssekretär Zorn von Bulach angreift, verstehe ich nicht. Er ist in dieser Angelegenheit jedenfalls der Unschuldigste. Die elsässisch-lothringische Regierung wird im dortigen Land- tage noch zur Verantwortung gezogen werden. Dem Reichstage sind wir Elsässer dankbar dafür, daß er in dieser schweren Stunde auf unsere Seite getreten ist. Hoffentlich sind nunmehr die trüben Tage für die Reichslande vorbei. (Seif. b. d. Els.)

Abg. Hoch (Soz.) wendet sich gegen die Ausführun­gen des Reichskanzlers und des Kriegsministers in der Zaberner Angelegenheit, und polemisiert gegen die Reckte wegen ihrer Haltung in der Frage des Arbeits- willigenschutzes, gegen die heutige Wirtschaftspolitik, gegen die deutschen Gerichte.

Abg. Erzberger (Ztr.): Der Reichskanzler hat drei- mal zu der Affäre Zabern gesprochen. Wenn er das vierte Mal spricht, wird er sich vielleicht als Sieger von Zabern betrachten. Er hat die Sache doch sehr auf die leickte Achsel genommen. Wir stehen ganz innig und geschlossen hinter der Rede FehrenbachS. (Beifall im Zentrum.) Der Reichskanzler sucht die Angelegen­heit auf ein totes Gleise zu schieben. Dagegen müssen wir entschieden protestieren. Ueber die Vorkommnisse in Zabern selbst verliere ich kein Wort. Die G e. schichte hängt einem zum Halse heraus. (Sehr richtig!) Aber gegen die Haltung der Regierung, des Reich SkanzlerS, des Kriegsmini st ers wenden wir unS in schärf st em Widerspruch. Richt nur der Rock der Königs, sondern auch Verfassung und Rei chS. gesede müssen unter allen Umständen respektiert werden. Es bleibt bestehen, daß der Oberst sich über Recht und Gesetz hinweg- gesetzt hat. Wenn der ReickSkanzler etwa mit ein-r ungeschickten Rede Unheil anrichtete, hat do ein General das Recht, ihn und die ganze Wilhelmstraße gefangen zu nehmen? (Seilerk.) Auck das Militär untersteht dem Gesetz u. dem Recht. Der Schaden, den der Reichskanzler angericktet hat,, kann nur durch ein unumwundenes Zugeständnis feiner Irrung reparett wer. den. Graf Westarp hat sich auf den berühmten RecktS- lehrer Iehering berufen. Ich kann ihm ein anderes Wort desselben RechtSlehrerS entgegenhalten, das pe> rade auf den Elfäffer Fall wie von prophetischem Geiste diktiert zu sein scheint: „Die sittliche Kraft deS Volkes ist die wirksamste, Schutzwehr gegen den äußeren Feind. Als sie im deutschen Volke erlosch, gingen Lothringen und Elsaß dem Reiche verloren." Daran hätte Gras Westarp denken müssen; deshalb hat auch Fehrenbach so entschieden gesprochen. Erschüttert ist das Vertrauen, haß der Reichskanler der oberste Schützer des Rechtes des deutschen Volkes ist. Dieser Gedanke leitete das Haus, und das ist die Bedeutung des Mißtrauensvotums vom 4. Dezember. Mit einer größeren Mehrheit als von fünf Sechsteln hätte es nicht angenommen werden können. Einem einstimmigen Miß­trauensvotum gegenüber könnte sich keine Regierung auch im deutschen Vaterlande halfen. Graf Westarp ist aber über das, was der Kanzler sagte, noch weit hinauSge- gangen. Er hat nicht bloß von dem Recht und der selbstiustiz des Militärs gesprochen, sondern geradezu von der Pflicht des Militärs, einzuschreiten. Er hat diese Pflickt offen proklamiert. DaS ist nichts anderes als die offene Proklamierung des Militärfaust. r e ch t e s imd der D i k t a t u r. Wir bedauern, daß ge. rade der Vertreter einer konservativen Partei solche An. schauungen vertreten hat. Wenn Sie (noch rechts) bekannt werden wollen, wo Sie noch nicht bekannt sind etwa in Suddeutschland, dann werden Sie damit ke i n e moralischen Eroberungen machen. Die Zivil­verwaltung soll nicht von der Militärverwaltung kon. trolliert werden, sondern wir fordern, daß allgemein

3n der Schule des Leidens.

44] Roman aus dem New-Jorker Leben.

Von Erich Friesen.

„Du hast mich noch nicht gefragt, teer unser Kind rettete sagt er ernst, fast feierlich. „Es war Gerda Douglas — Gerda Douglas, die Du haßtest, die Du im Begriff standst, öffentlich zu beschimpfen. Sie horte Deinen Aufschrei, sie eilte über die Wendel­treppe nach der brennenden Gallerie, sie ergriff unser Kind, kurz bevor die Gallerte unter den Flammen zu­sammenbrach. Ich war ihr mit ein paar Arbeitern nachgestürzt und fand sie ohnmächtig zwischen den Flammen liegend, das Kind fest an ihre Brust ge- drückt. Walter ist unverletzt — sie hat ihn mit ihrem eigenen Leibe vor den Flammen geschützt! Aber Gerda —"

Er stockt.. Heiß steigt es ihm in die Kehle hinauf, sodaß er momentan nicht weiter sprechen kann.

Fekicie wagt nicht zu fragen. Die Trane in dem Auge ihres Gatten sagt ihr genug.

„Tot?" murmelt sie endlich leise.

,?'<’od) nicht. Folge mir!"

Am Eingang zu Gerdas Zimmer empfängt sie Frau Mackay. Das Gesicht der alten Dame ist auf- gedunsen vom vielen Weinen.

„Ist sie bei Besinnung?" fragt Felicie angstvoll.

„Ja, aber ihr Zustand ist hoffnungslos. Die Brandwunden — "

„Ich will zu ihr! Laß mich hinein!"

„Wie kannst Du es wagen, ohne ihre Erlaubnis!" preßt Norbert zwischen den Zähnen hervor. „Du, die Du durch Deinen Leichtsinn den Tod des herrlichsten Wesens, das GotteS Erdboden trägt, verschuldet! O, Gerda, Gerda'"

_ Felicie wirkt einen Blick auf das schmerzdurch­wühlte Antlitz ihres Gatten; doch kein Funken von Eifersucht regt sich in ihr. Ernst und ruhig steht sie da — um Jahre gereift in den letzten Stunden.

„Laß mich zu ihr gehen!" wiederholt sie fest. „Ich habe em Recht dazu."

Recht und Gesetz herrscht. Rur der kann unterliegen, der hierbei unrecht hat. Ueber daS Mißtrauensvotum hat sich Graf Westarp geringschätzig geäußert; es gehöre lediglich in den stenographischen Bericht; dahin gehören alle Beschlüsse deS Reichstages. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Auch Graf Westarp! Heiterkeit.) Anderseits können wir der Bedeutung, die Scheide- mann dem Mißtrauensvotum gegeben hat, nickt zustim- men. Die Wahrheit liegt auch hier in der Mitte, beim Zentrum. (Heiterkeit.) Aber der Reichskanzler soll das Mißtrauensvotum nicht unterschätzen. Ein K a n z. Ier, der nur mit Mißtrauen bepackt ist, kann sein Amt in der O e ff e n t l i ch k e i t nicht weiter führen. Gewiß liegt die letzte Ent- scheidung bei ihm. Falsch aber ist eS, daß, als wir das Mißtrauensvotum schufen, damit nur die Stimmen zählen wollten. Wir haben damals keine Aenderung der verfassungsrechtlichen Befugnisse gewollt; aber Hinsicht- lich der politischen Verhältnisse sollte eS feine Geltung haben. Auch dem Reichskanzler wird das Wort von der politischen Entwicklung bekannt sein und die Form, die wir damit geschaffen haben, soll dem Reichstage eine Waffe in die Hand geben, seine Ueberzeugung entspre. chend zum Ausdruck zu Bringen. ES gehört mit in den Kampf um die Volksrechfe. Ob der Reichskanzler auf Grund eines Mißtrauensvotums seine Entlassung nimmt, ist Sache seiner eigenen Erwägung. Aber so naiv ist niemand von uns gewesen, daß er geglaubt hätte, es werde ohne sede politische Bedeutung sein. Auch der Reichskanzler sollte das Gesetz der politischen Entwick- lung kennen. Es glaubt doch niemand vom BundeSraf, daß eS sich hier nur um eine Stimmenzählung gehandelt hätte. DaS Parlament ist nun einmal da und ein Volk, das die allgemeine Schulpslickt, die allgemeine Wehrpflicht und die allgemeine Steuerpflickt hat, will nicht von der Dureaukratie allein regiert werden. Fürst Bülow bat da auch anders gedacht und seinem Vater­land- dat,.^ck -'•nR1-" Ti-« n-Wftet. al,

er sein Verbleiben im Amte davon abhängig machte, daß die Nationalliberalen für die Reichsfinanzreform stimmten.

(Abg. Bassermann: So hat er e8 nicht erklärt!) Wenn nicht mit den Worten, aber doch in dem Sinne; Sie werden das ja besser wissen, «IS ich. Ich Bin nicht dabei gewesen. (Heiterkeit.)

(Abg. Gröber: ES stand doch in Ihrem Protokoll, Herr Kollege Bassermann, daS dort Bei Ihnen unteren Tisch lag. (Große Heiterkeit.) ■ Ich habe Ihnen diese Urkunde ja zurückgegeben. (Erneute große Heiterkeit.)

Abg. Yrzberger (fortfahrend): Also Fürst Bülow hat ■ fein Verbleiben im Amte davon abhängig gemacht, ob eine einzelne Fraktion einem großen nationalen Gesetze ihre Zustimmung erteilt oder nicht. Und nach 1909 ist eine große Reihe von Staatssekretären gegangen, weil sie keine Mehrheit mehr im Reichstag hatten, und das wird in Zukunft noch mehr vorkommen als bisher. Ein Mittel, sie dazu zu zwingen, hat freilich die Gesetzgebung nickt, aber auck nickt in anderen Staaten. Aus dem Befckluß wird das, was die Mehrheit des Reichstages aus ihm macht. (Sehr aut!) Es muß doch fefiaestellt werden gegenüber dem Reichskanzler und dem Grafen Westarp, daß das Mißtrauensvotum nickt ein Sckuß in die Luft war, nicht ein Nichts. (Beifall links und im Zentrum.) Dieses Mißtrauensvotum von 293 Abgeordneten bat ein solches Gewicht, daß niemand achtlos daran vorübergehen kann. Der Reichskanzler bestreitet, daß er einen Rückzug angetreten hat. War das vielleicht ein Vormarsch? (Große Heiterkeit.) Hätte der Reichstag versagt, dann Ware noch größeres Unheil in den Reichslanden geschehen. Beruhigung ist erst eingetreten, nachdem das elsässische Volk wußte, daß es im deutschen Reichstag Schutz findet. (Beifall im Zentrum und links.) Weite Kreise des Volkes sind jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß, wenn Verstöße gegen das Gesetz vor. kommen und wenn die Regierung versagt, die vertre. tung b es deutschen Volkes fest stehen wird wie eine Mai u e r ! (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Sckeidemann hat erklärt, er wolle die Führung über- nehmen. Dir verzichten darauf. Er hat gar keine staatsmännische Befähigung dafür nackgewiesen. Nack dem Magdeburger Beschluß dürfen Sie (zu den So- zialdemokraten) keinen E'at bewilligen. Wie wollen Sie also die Regierungsgeschäfte übernehmen? Sie baden ja nur MordSkuraae, wenn Sie kein Unglück anrichten können. (Sehr gut! im Zentrum.) Die Konsequenzen, die der Reichskanzler aus dem Mißtrauensvotum ziehen

In ihrem fchnerigen Spitzenbett ruht Serba Dou. ß!a§. Sie hat das Gesicht der Wand zugekehrt, so daß nur die aufgelösten, schweren, blonden Haarmassen sichtbar sind.

Regungslos steht Felicie in der Mtte des Zim» mers. Die am Fußende des Bettes sitzende Pflegenn hat sich bei ihrem Eintritt in die Fensternische zurück­gezogen.

In diesem Augenblick betritt Norbert das Zimmer. Als ahne Gerda seine Nähe, ruft sie plötzlich leise: „Norbert!"

Er sinkt neben dem Lager in die Kniee, daS Ge- sicht mit beiden Händen bedeckend.

„Norbert?" wiederholt sie noch leiser.

„H'er bin ich. Gerda."

„Ist Felicie hier?"

„Sie ist hier."

„Führen Sie Felicie zu mir!"

Langsam erhebt sich Norbert und schreitet auf seine noch immer unbeweglich in der Mitte des Zimmers verharrende Frau zu.

„Felicte — Gerda will Dich sprechen!"

Er faßt sie bei der Hand und führt sie an das Krankenbett.

Tann verläßt er daS Zimmer.

Einige Augenblicke herrscht ttefeS Schweigen.

„Setz' Dick auf den Sttthl neben mich!" bittet nach einer Weile Gerdas weiche Stimme.

Ten Kopf tief gelenkt, nimmt Felicie Platz.

„Sieh mich an, Lieh! Du brauchst Dich nicht zu fürchten, mein Gesicht ist nicht entstellt, nur mein Körper."

Langsam hebt Felicie die Lider.

Groß und voll blicken die beiden Augenpaare in­einander — groß und voll wie damals vor zwei Jah­ren im Konversationszimmer des „Metropol.Theo.' ters" Nur daß die schwarzen Augen sich jetzt nicht unruhig senken vor dem hoheitSvoÜen, fast überirdi­schen Blick der leuchtend-grauen Augensterne.

„Gerda!" murmelt Felicie mit bebender Stimme

Eine Art Ehrfurcht beschle'cht sie vor xr Größe dieser Fraucnseele.

wird, wollen wir aBtoarten. Nach Neujahr ist ja auch noch Reichstag. Die Etatsrede des Schatzsekre. tärS war sehr schön, aber sie hörte auf, als sie an­fing, interessant zu werden. Er hätte uns doch sagen sollen, in welcher Richtung sich die von ihm geplante Sparsamkeit bewegen solle. Wir glauben, daß der Etat dazu Gelegenheit reichlich bietet. Der Schatz, sekretär sprach von zwei Unbekannten im Etat: Wehr, beitrag und Konjunktur. Er hat vergessen, daß es aber zwei Bekannte gibt, die Herren v. T i r. p i tz und v. Falkenhahn. (Große Heiterkeit.) Der Wehrbeitrag muß mindestens 1200 Millionen Mark brin­gen, wenn unsere Finanzen in Ordnung bleiben sollen. ES wird von dem Erlaß der dritten Quote kaum die Rede sein können. Notwendig wäre es, für einzelne Verwaltungen einen Ausgleichsfonds zu schaffen. Be- friedigen kann nur die Gesundung des außerordentlichen Etats. Wir werden aber zu überlegen haben, ob wir in dem Etat nicht deutlich zum Ausdruck bringen sollen, daß als Sckulden nur anzusehen ist, was für nicht wer. bende Zwecke auSgegeben wird. Die Ausgaben ntüffen den jeweilig vorhandenen Mitteln angepaßt werden, nicht umgekehrt. Das Wort des bayerischen Minister­präsidenten, daß mit der Vermehrung der R ü. stungSauSgaben auf gehört werden müsse, darf in Berlin nicht ungehört verhallen. Das soll man sich sagen gegenüber den unverantwortlichen Treibereien, die Bereits wieder einsetzen. Die Sozialdemokratie redet immer, daß für fiulturaufgaBen vom Reiche nichts ge. sckehe. DaS ist auch nicht Aufgabe deS Reiches, sondern der Einzelstaaten und Gemeinden. Zu den LuxuSaus. gaben im Militäretat gehören dagegen die in der vorigen Session gestrichenen Kommandanturen. Stuf, fällig ist die Neuregelung deS Stallservices, nachdem die Bezüge der Offiziere in den letzten Jahren erheblich aiisgebefsert worden sind. Warum wird nicht in der .Nordd. Allgem. Zig." einmal mitgeteilt, warum die Familien mit mehreren Militärpflichti. gen Söhnen die int Etat vorgesehene Unterstützung erhalten? Notwendig ist, daß die Reservisten, wenn sie zur Hebung einberufen werden, wirklich sachgemäß ausgebildet werden, statt mit Dingen beschäftigt zu wer­den, die im Ernstfälle ohne Bedeutung sind. Um den Duellzwang zu beseitigen, bedarf e8 nur eines Wortes des Kaisers, daß er keinen Offi­zier, der fick duelliert, im Heere duldet. In Berlin gibt es ein Institut — Polizei und Staatsanwalt wissen davon — da« Ehrenmänner auSIeibt, um Frauen zu verführen und ein Duell hcrbeizuführen. (Hört, hört!) Gibt eS einen tollem Hohn auf das Duell? Der Kriegs­minister beseitige den Duellzwang, und tausende ka­tholische Jünglinge werden die Offizierskarriere ergrei. fen und damit der OffizierSnot ein Ende machen. (Leb- hafte Zustimmung im Zentrum.) Kann sich der Kriegs­minister eine schönere Aufgabe denken, als in diesem Sinne tätig zu fein? Wir protestieren auch gegen die Treibereien der Alldeutschen, die eine der.

ständige auswärtige Politik erschweren. Ueber die A b. rüftung zur See brauchen wir uns nicht aufzuhal. ten, solange der englische Marineminister einmal mit Zuckerbrot und das andere Mal mit der Peitsche auf Deutschland einzuwirken sucht. Wir wünschen nur eine Flotte, die uns gegen Angriffe von außen verteidigen kann. Wir haben schon einmal abgelehnt, daß das Ge- neralkommando in Frankfurt a. M. auch als Wohnung deS Kaisers eingerichtet wird, wird benftit nicht daran, solche Luxusausgaben jetzt zu bewilligen. Ueber Arbeitswilligenschuh hat der Reichskanzler mit vielen Worten sehr wenig gesagt. Verschärfungen der Strafbestimmungen im neuen Straf­gesetz können wenig nützen, zumal da es sehr fraglich ist, ob einer von unS diese? neue Strafgesetz noch erlebt. Wenn die Sozialdemokraten wirklich den Terror verur­teilen, warum schließen sie die terroristischen Arbeiter nicht aus den Gewerkschaften aus? Bisher ist kein solcher Fall bekannt geworden. Durch die Gesetzgebung läßt sich der schwerste Terrorismus nicht fassen, der sog. W e r k st at t. T e r r o r i S m ii s der Arbeiter unterem, ander. Hier hilft bloß die Stärkung der christlich, nationalen Arbeiterschaft als Gegengewicht gegen die sozialdemokratischen Gewerkschaften. Schon Dr. Spahn Bat sich über mangelnde Rarität in der Besetzung höherer Reichsämter beklagt. Warum antwortet der Kanzler nicht? In den Höch- st en Stellen ist kein einziger Katholik. Da können wir zur Regierung das Vertrauen nicht haben, daß sie mit gleichem Maß mißt. ^Beifall im Zentrum.) Wir haben keinen katholischen Staatssekretär,

„Licy." wiederholt die Kranke matt, den Kopf etwas seitwärts wendend, um Felicie besser sehen zu können, „wirst Du ihm eine gute Gattin sein? Du hast Dich sehr verändert!"

„O Gerda!" schluchzt Felicie auf. „Du opfertest Dich um meines Kindes willen, und Du fragst mich, ob ich gut sein will! Ja, Gerda, ich will gut sein; ich werde versuchen, Dir ähnlich zu werden, Hamit ich Dich dereinst dort oben im Himmel wiedersehe."

Eine Weile liegt Gerda still da; die Unterhaltung greift sie sichtlich an. Dann sagt sie leise:

„Beuge Dich näher her zu mir, Licy! So! Ich bin Euch beiden stets eine treue Freundin gewesen — auch als Du nicht bei ihm warst, Licy. Ich ver- suckte, für Euer Kind zu sorgen und auch Norbert das Leben erträglich zu machen, bis zu Deiner Rück­kehr. sis gibt zwei Arten von Liebe, Lich: die eine zieht den Menschen herab und weckt alle schlechten Eigenschaften in ihm; die andere hebt empor aus dem Staub des Alltagslebens und befestigt das Gute und Edle, das in icdem Menschenherzen wohnt. Felicie, ich habe mit allen Kräften darnach gestrebt, Norbert mit dieser edlen, uneigennützigen Liebe zu lieben. In wenig Stunden werde ich nicht mehr unter Euch weilen. Ich möchte nur eine? noch besonders, ganz besonders betonen, Licy: ich habe stets ehrlich und als treue Freundin gegen Dich gehandelt, und auch Norbert hat Dich nie, niemals, weder durch ein Wort, noch durch irgend eine Handlung beleidigt. Glaubst Du mir, Felicie? Ick fühle mich sehr, sehr schwach — ich kann — kaum mehr — sprechen. Glaubst Tu mir?"

„Ja, ja, ich glaube Dir!" schluchzt Felicie. , O Gott, daß Norbert so blind sein konnte, um rin klein­liches, armseliges Herz, wie daS. meine, zu begehren, wo er Tein großes, edles, goldenes Herz haben konnte! Gerda, Gerda jetzt erst beginne ich Dich zu ver­stehen!"

In den Augen der Sterbenden leuchtet es auf.

„Ta.m sterbe ich nicht umsonst." flüstert sie glück- selig. „Versprich mir eins Felieie' Versuch-, Nor­bert »ine oute, im edelsten Sinne des Wortes gute

keinen katholischen Unterstaatssekretär und Ministerial­direktor. (Hört, hört! im Zentrum.) Das ist kein Zu- fall, das ist System. Wir verlangen, was wir Überall fordern, Gerechtigkeit. (Beifall im Zentrum.)

Braunschweig. Bunmsrate bevollmächtigter Bodens Ich danke dem Reichstage für die außeror eniltch sympathische Wetse, in der er die Lösung Der braun« ! chweigtschen Frage hi genommen hat. Staun« ichweig hat die srühere provttortsche Regelung feiner Verhä tmsse durch nahezu drei Jahrzehnte hmgenommen unter Zurückstellung feiner eigenen Wünsche und mit einer Loyalität, in die vom ersten dts zum letzten Tage nicht der geringste Zweisel zu hegen war. Das Land hat daher die enDgiltige Lösung der Frage und besonders Die Tat, wie sie ersolgte, mit Freude und Genugtuung eriiint. Dte Frage ist so behandelt worden, daß die Entscheidung die Ruhe und das Vertrauen wiederher- geftellt hat. Braunschweig hat ein Fürstenhaus, dessen Loyalität unter allen Umständen seststeht. (Lebh. Zu- stimmungs.

Abg. Haußmann (Volksp.): Daß eS trotz der Krise nicht zu kriegerischen Berwickelungen gekommen ist, beweist, oaß eine übergroße Kriegslast nicht vor­handen ist. In der Balkankrise hat der Dreibund noch keine Niederlage erlitte* und die Politik unseres Auswärtigen Amtes hat sich durchaus be­währt. Volk, Parlament und Regierung sind sich einig in dem Verlangen, den Dreivui. o beizubehalten. Jetzt ichemt auch der Augenblick für eine Annäherung an Frankreich gekommen zu fein. Wichtiger ist aber eine Verständigung mit England. Wir sollten urS nicht gegen Vorschläge bezüglich einer P mle in der Flotten- veimehrung sträuben. Unser Verhältnis zu Dänemark ist leider durch kleinliche Polizeigesten bl«weilen getrübt worden. Die braunschweigische Frage ist turch die Rede des Reichskanzlers und die Erklärungen des braunichweigischen Bundesratebevollmächtigteii in ein Stadium ruhiger, sachlicher Erledigung gerückt worden. Den Krtegsmn>tst:r frage ich, ob eS richtig ist, daß den elsäsfischen Rekruten der Weihnachtsurlaub verweigert und erst auf höheren Beseht wieder erteilt worden ist, und ferner, ob »Jabern gänzlich die Garnison entzogen werden oder nur ein Wechsel im Regiment eintreten soll. Das Mißtrauens­votum gegen den Reichskanzler war notwendig, um der Regierung Die Ansicht des Reichstages zum Ausdruck zu bringen. Der Reichskanzler hat nichts getan, um den Kontakt mit dem Reichstag wieder her­zu st eilen. Der Reichstag ist nicht machtlos in dieser Frage; er kann das mangelnde Vertrauen ver- häliniS zum Reichskanzler bei jeder Gelegenheit zum klus- oruck bringen. Der Reichslanzler hat sich tn diesen Tagen |einer Ausgabe, über Militär« und Zivildehörsen zu stehen, nicht gewachien gezeigt zum Schaden des Re ches. In einem Augenblick, wo die oberiie Reichs­gewalt, der Reichskanzler, versagt hat, hat bet Reichstag sich daS Verdienst erworben, für die itaatserbaiteube RechtSeinigketi einzufpimgen, gerade auch dann, wenn die Miluärgewalten und das Hauptquaitier solche Fehler machen, wie wir in diesen Tagen schmerzlich ersahren haben. zBeisall).

Kriegsminister v Falkenhayn: Der Abg. Ricklin hat von der Entziehung von Jagdscheinen gegenüber Ausländern gesprochen und meint, daß dieie nicht ge­schehe m Rücksicht auf die Sicherheit des Reiches, son­dern weil die Offiziere die Franzosen uns die Schweizer als Konkurrenten bei brr Jagdverpachtung betrachten. Diese Bemerkung wollte ich nur niedriger hängen. (Große Unruhe.! Die erste Frage des Abg. Haußmann an mich, ob den elsässischen Rekruten der Weihnachts- u laub entzogen und erst auf höhere Weisung hin wieder erteilt woroen sei, ist zu verneinen. Die Frage der Zaberner Garnison zu erörtern, hat sich noch kein Anlaß gegeben. Die ganze Angelegenheit befindet sich noch in der Schwebe und solange kann darüber von maßgebender Stelle nichts erklärt werden. (Unruhe und Lachen links)

Abg. Dr Derlei (Tpnf.): Der Freundschaft zu Ruß­land und England treuen wir uns und ebenso der lonetten Beziehungen zu Fiankreich. Liebern die braun« tchweigische Frage will ich mt* hier nicht äußern Aus- lührlich werden wir im preußischen Landtag darüber sprechen. Unsere Haltung in der Zaberner Sache wird von gerotffen nationaUiberalen Kreisen geteilt. Der Overit von Zabern hat io gehandelt, wie er gehandelt hat (Heiterkeit) m der Anffasfung, daß er das Recht dazu hatte. Wir würden uns treuen, wenn von der ganzen Sache keine dauernde Berstimmiing zuiückbletben

Gattin zu sein! Tu es — um meinetwillen, weil ich Dir Dein Kind rettete!"

„Ja, Gerda, ja — ich verspreche es Dir heilig. Ich will Dir ähnlich werden, Gerda!"

Wieder liegt die Sterbende ein Weilchen füll da.

Plötzlich flüstert sie ganz leise:

„„Es wird so dunkel — ganz dunkel um mich her — aber — ick leide nicht — o nein, ich bin sehr glücklich! Und jetzt — jetzt ist es auch wieder hell und licht! Licy, ich möchte — Norbert noch einmal sehen!"

Nach wenig Sekunden schon steht Norbert neben seiner Gattin an dem Sterbelager. '

„Nimm Licys Hand in di« Deine, Norbert!" flüstert sie kaum hörbar. Sie wird Dir fortan — eine gute Gattin sein, Norbert; sie hat es mir ver­sprochen. Ich nenne Dich — mit dem schwesterlichen „Tu". Jetzt, angesichts des Todes — schadet es keinem mehr! Lebt wohl — Ihr Lieben! Grüßt Walter­chen! Ich habe Euch drei lieb — sehr lieft! Ha, das Licht wird immer größer — und immer größer — es umstrahlt mich ganz — es hüllt mich ein — es--"

Glückseliges Lächeln verklärt die edlen, bleichen Züge —

Der Atem wird schwächer; der Pulsschlag stockt — Laut aufschluchzend beugt Felicie sich nieder.

Ein edles Fraucnherz hat aufgehört zu schlagen . .

XXXIII.

Eingehüllt in weiße Spitzenwolken, inmitten duf­tender Blumen und knospendem Grün liegt Gerda Douglas -m Sarg — die schönen Züge selbst int Tode noch verklärt von glückseligem Lächeln, gleich einem schlafenden Engel.

Tiefernst, tränenlo? steht Norbert vor diesem über- irbifrbcti Bud. Der Sckmerz um die Tote hat sein ganzes Innere aufgewühlt. Sein Antlitz erscheint gleichsam wie versichert.

Behutsam, als fürchte er, die Schlummernde zu stören, leg* er ein S' 'äußcken Immergrün auf ihre Brust Tenn gebt er hastig zum offenen Fenster; die linde Abendluft kühlt feine heiße Stirn.

(Sckluß folgt.)