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2. Blatt.

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Zulüaer Zeitung.

M 286.

Donnerstag N Dezember 1915.

-rt. Eine Ehrenpflicht der Katholiken der Diözese Fulda

Am Sonntag den 14. d. MtS. findet die zweite vorge'chriebene Kollekte tür den Bonis atiuSverein in allen Kirchen der Diözese statt. Es bietet sich einem jeden Katholiken, der ein Herz bat für die Not der (Slaubenebiüöer in der Diaipora, Gelegenheit, sein Schälstein für diesen allerwichtigsten Verein zu spenden.

Der Bonifatiusverein will bekanntlich unsere kath. Mitbrüder retten. Die zumeist durch den Drang der Verhältnisse und des Erwerbe- genötigt, mitten unter Andersgläubigen im weiten deutschen Vaterlande zerstreut wohnen, oft meilenwe t entfernt von dem nächsten katholischen Seelsorger und darum lern — nicht selten sogar auf dem Todesbette — den Seg­nungen und Tröstungen unterer hl. Religion; ohne Gelegenheit, das Wort Gottes regelmäßig zu hören, die Sakramente der Buae und deS Altars zu empfangen, dem heiligen Meßopfer anzuwohnen, ihre Kinder einer katholischen Schule anzuvertrauen. Diesen be­dauernswerten Katholiken, die von außergewöhnlichen Ge!obren für ihr Seelenheil ständig umgeben, den stärksten Lockungen zur Gleichgültigkeit im Glauben und zur Erkaltung des Glaubenslebens, ja, zum Abfall von ihrem katholischen Glauben unaufhörlich ausgesetzt sind, will der Bonifatiusverein zu Hilfe kommen.

Fürwahr, ein edles Ziel, für dessen Erreichung aus aller Kraft mitzuwirken jeden Deutschen Kathostten, die christliche Nächstenliebe um to dringender »et« fl'chtet, als es sich nicht handelt um die allerdings wichtigen Bekehrungen entlegener Heidenstämmen, sondern um dir viel verantwortungsvollere Bewahrung des kostbarsten aller Güter, des heiligen Glaubens, bei unseren eigenen Glaubens- und Stammesbrüdern im deutichen Vaterlande. Von welcher Bedeutung der Bonlsauusveiem für die Dtözete Fulda ist, zeigt am besten die Dem Jahresbericht für Jahr 1912 ent­nommene ZuiammensteUung der fürs unsere Diözese gemachten Aufwendungen. Es erhielten:

Allendors, Saelsorge, Schule, Schuldentilgung 3115,— Äpotda, SchMe . . ...........2710,-

Bedra, Schute, Religionsunterricht, Reisekosten 36 >,90 Bergen-Enkheim, Kirchenbau........800,—

Vad Berka, (Srunberroetb, Gottesdienst.... 3020,— Bettenhausen, Seelsorge, Reisekosten, Religions­

unterricht ................ 1988,50

Birstem Seessorge, Reparatur, Schule, Schulden­

tilgung, Reisekosten........... 3331,82

Bockenheim, Schuldentilgung, Kirchenbau, Grund­

erwerb . ............... 7500,—

Buchenau, kirchl. Bedürfniffe ....... 6,54

Eisenach, Schule, Schulbau, Gehalt ..... 3800,30 Eriche,in Ssoelso ge, Reisekosten ....... 524,—

Etchelbach, Meßstistung ........... 100,—

Fechenheim, Seelsorge ...........1125,—

Fraukenberg. Seelsorge, Schutdentilgung, Miete,

Meßstistung. kirchliche Bedürs niste.....4164,50

Gelnh iu en, Kirchen bau. Schule....... 1585,58

Ginnheim. Eeeliorge............ 1300,—

Gudensberg, Gotlesdienst .......... 300,— Hanau, Kirchenbau.............3100, -

Hess.-Oldendvrs, Religions-Unterricht..... 150,—

Homberg, Steelsorge, Reisekosten....... 1508,50

Jhringshausjen, Schuldentilgung...... . 1200,20

Jena, ©eetibrge, Schule, Reisekosten ..... 4927,40

Ilmenau, Seelsorge, Religions-Unterricht, Meß-

stifiung ................. 2550,—

KarlshaleneHofgerSmar, Seelsorge, Reisekosten . 1573,40 Kestelstadt, Seellerge, Reisekosten....... 638,50

Kirchturm, Seelsorge, Meßstistung...... 1350,

Langenielbv»d, Seelsorge, Miete, Meßstistung . 1600,— Langenschwarz, Seelsorge, kirchliche Bedürfnisse 616,12 Leng- felo, Reisekosten............ 50,—

Marborn, Seelsorge............ 80>>,—

Marioß, Relinions-Unterricht....... 109,90

Melsungen, Schuldentilgung.........3130,20

Renndort, Seelsorge, Schuldentilgung .... 130u,—

Neustadt a. d O., Stellorge. Schuldentilgung,

Gottesdienst, Schule, Miete, Reisekosten, Zins­zahlung ................. 3392,13

Obernkirchen, Seelsorge, Schuldentilgung . . . 328n,20 Praunheim, Schuldentilgung, Gottesdienst . . 833,33 Preungesheim, Schuldentilgung ....... 200,—

Rinteln, M'ßstistung, Schuldentilgung .... 1450,— Rothenditmold, Seelsorge, Schuldentilgung, Do­

tation . ..............4812,—

Schlüchtern, Gottesdienst.......... 300,—

Schmalkalden, Seelsorge, Schule, Schuldentilgung,

Religions-Unterricht, Meßstistung..... 2720,—

Seckbach, Seelsorge, Meßstistung....... 1375,—

Spangenberg, Miete............ 160, -

E emau, Reisekosten............ 104,50

Bacha, Seelsorge, Reisekosten...... . 13:35,60

Wächtersbach, Schuldentilgung....... 500,—

WansrieS, Seelsorge, Schule, Schuldentilgung,

Miete, Meßstinung. ..... 6181,50

3n der schule des Leidens.

431 Roman aus dem New-Jorker Leden.

Von Erich Frie>en.

Durch Rauch und Qualm dringt Gerda vorwärts. Die Flamme hat sich bereits zwischen sie und das Bündel geschoben. . . .

Und jetzt noch einmal ganz leises, fast ersticktes Wimmerst.

Gerda wirst sich auf den Boden. Auf Händen und Füßen kriecht sie langsam vorwärts, unter den über ihr zusammenschlagenden Flammen hindurch.

Jetzt erfaßt sie mit ihren schmerzenden, halbver­sengten Händen einen Zipfel de» UmschlagetuchS. Sie zieht das Bündel zu sich heran. Zwei Aermchen schlingen sich matt um ihren Hals.

„Walter!"

Aitsjauchzend drückt Gerda das Kind an ihre Brust.

Dann — fürchterliches Krachen, ein wild auf- loderndes Flammenmeer--

Besinnungslos sinkt Gerda zu Boden.

XXXII.

Als Felicie bei dem Schreckensruf „Feuer auf der Gallerie!" vorhin davoncilte, wurde sie von lxr fliehenden Menschenmenge mit fortgerissen.

Sich gegen diesen Knäuel stemmen, die kreppe zur Gallerie erreichen — unmöglich.

Vor dem Theater großer Menschenauflauf. Feuer­wehr rückt an; Spritzen beginnen ihr Löschwerk.

Mit gerungenen Händen rennt Felicie vor dem Hauptportale auf und ab. Verschiedene Male versucht sie, in das brennende Gebäude einzudringen. Rauh weisen die Polizisten sie zurück.

Da löst sich aus einer der hcrumstehenden Grup­pen eine schlichte Mä.nergestalt — dem Aeußern nach ein Arbeiter, der sie schon eine Zeitlang beobachtete.

„Sie haben Kummer, Fräulein. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?"

„Mein Kind, mein Kind!" schluchzt Felicie.

„Was ist s mit Ihrem Kinde?"

Krampfhaft umklammert Felicie den Arm de» Mannes.

Wehlheiden, Reisekosten........... 33,60

Weida, Eeeliorge, Schule Schuldentilgung, Kir­

chenbau, Meßstistung ......... 8362,30

Weimar, Seelsorge, Schule, Schuldentilgung,

Reisekosten ..............4946,25

Wrtzenhausen, Schuldentilgung, Gottesdienst,

Schulbau...............1100,—

Ziegenh-in, Seelsorge, Reisekosten...... 400,30

Für verschiedene Missionen ........ . 30 0, -

Mk. 101952,07

Mehr als 100 000 Mark hat also der Bonifatius- Verein für unsere Diözese im Jahre 1912 zur Ver- ügung gestellt — man denke sich nun einmal Den Fall, Diese Unterstützung würde auf einmal aafboren, was für ein geistiges Elend würde Die Folge davon tein, was für ein vernichtender Sch'ag tür unsere Liaspora. Nein, wir besonders, die wir das Glück genießen, in katholischen Gegenden wohnen und leben iu können, die wir stets das gut; Beispiel eifriger C iriften vor uns sehen, müssen dafür Sorge tragen, daß Das Grnubenslicht, Das Der Heiland Der Welt vorn Himmel gebracht hat, auch in Den Herzen Der er streut leben Den Katholiken nicht erlösche unb sie Der Kirche und Dem Heile nicht verloren gehen. Wenn wir nicht hellen ro llen, wer soll sich Dann Der Aermsten in Der Dia poco ann men?

Darum vergesse NiemanD am Sonntag den Bonisatiusvere.n!

Lokales.

FulDa, 11. Dezember 1913.

(—) D» Kommunen und Die Frage Der zweiten Hypotheken.

Vor einigen Monaten wurde die Frage der Be­schaffung zweiter Hypotheken in einer Versammlung des Fuldaer Hausbesitzervereins von einem aus­wärtigen Redner ausführlich behandelt, es wurden auch in der Stadtverordnetenversamm­lung diesbezügliche Anträge gestellt, wie denn über­haupt die Lösung dieser Frage die städtischen Körper­schaften zur Zeit beschäftigt.

In der Zeitschrift für kommunale Praxis „Ter Stadtverordnete" bringt nun ein Herr Walter Oehme in Berlin einen recht beacht enswer- t e n Aufsatz über dieses Thema, wobei sich freilich die Redaktion dagegen verwahrt, daß sie durch Aufnahme dieses Artikels den Ausführungen des Herrn Ver­fassers in allen Teilen und unbedingt bet- pflichte. Unter demselben Vorbehalt geben wir im Folgenden diese Ausführungen wieder, die jeden- falls viel Zutreffendes enthalten und zur Klärung der Frage wesentlich beitragen.

Die kommunale Boden- und Wohnungspolitik steht zurzeit vor einer der schwierigsten Fragen: der Frage der zweiten Hypotheken. Die Beschaffung zweiter, ja selbst erster Hypotheken ist heute mit unnatürlich großen Schwierigkeiten verbunden, das ist eine feststehende Tat­sache. Die Ursachen dieser Erscheinung sollen hier nicht nochmals breitgetreten werden, die sind in tausend und abertausend Hausbesitzerversammlungen mehr ober we. iper zu reisend erörtert worden, ohne daß bisher we. sentlich Positives erreicht worden wäre. Eine sehr eigenartige Erscheinung ist dabei zutage ge. treten, die bisher viel zu wenig beachtet wurde und von der daber die Rebe sein soll.

Fast einstimmig war man in Hausbesitzerkreisen der Ansicht, daß.vor allem die Regierung au der Flaute auf dem Hhpothekenmarkt die Schuld trage; ebenso ein. stimmig forderte man aber von den Kommunen sofortige Maßnahmen zur Abhilfe. Mit solcher Selbstverständlich­keit wurde diese Forderung erhoben, daß in der ein­schlägigen Presse nicht einmal die leisesten Bedenken an ihrer Berechtigung laut wurden. Man hörte zwar Erörterungen über die Zweckmäßigkeit städtischer Hy­pothek en anstalten, über ihre Leistungsfähigkeit und Ein­richtung, kein Wort aber darüber, ob die Kommunen zu solchen Maßnahmen überhaupt eine auch nur mora­lische Verpflichtung hatten. Es soll deshalb hier die kommunalpolitisch äußerst wichtige Frage beantwortet werden: Haben die Kommunen die Pflicht, bie N o t der Hausbesitzer in der Frage der' 2. Hypotheken durch städtische oder kom. munale Maßnahmen abzuhelfen?

Die Selbstverständlichkeit, mit der man die For­derung kommunaler Maßnahmen in der Hypothclen- Frage erhob, leitete sich her aus der unumschränkten Anerkennung des volkspsychologischen Lehrsatzes, daß die Hausbesitzer der einzig bleibende Faktor, der ruhende Po> im Fluten der Bevölkerungsbewegung der Kommunen seien, daß also die Kommunen im eigenen Interesse diese ihre „seßhaften Stammbürger" schützen müßten. Daß man dieser Begründung die Hypotbekenanftalten rheinischer Städte, die lediglich der Förderung des Kleinwohnungs­baues dienen, gewissermaßen als erläuterndes Bei-

„Da drinnen ist es. Ach, retten Sie, retten Sie mein Kind!"

Der Mann schüttelt traurig den Kopf.

„Unmöglich Niemand kann durch die Flammen hindurch. Ich habe selbst Frau und sechs Kinder daheim; darf mein Leben nicht frivol aufs Spiel setzen."

„E? ist mein einziges Kind — mein Alles auf der Welt!"

„Wie alt ist Ihr Kind?"

„Dreizehn Monate."

„Dreizehn Monate? Wie kam e6 in diesem Alter in» Theater?"

„Ich nahm eS mit mit auf bie Gallerte unb gab ei spater einer Frau zum Halten, weil ich —* sie stockt — „weil ich — was Böses vorhatte."

Große Tränen rollen die bleichen Wangen herab. Boll tiefen Mitleidens blickt der Mann in das jugend­liche Gesichtchen, auf welches Kummer und Sorge unverkennbar ihre Stempel drückten.

„Die Frau wird Ihr Kind mit gerettet haben," sucht er zu trösten. Es war kein Mensch mehr auf der Gallerie, als sic einstürzte."

„Die Gallerie ist einaeftürzt? O, mein Gott, so ist alle Hoffnung vorbei."

„Durchaus nicht. Kommen Sie, stützen Sie sich auf meinen Arm! Wir wollen zusammen nachfehen, ob Ihr Kind sich unter den Geretteten befindet!"

Er führt sie zuerst in den Raum, in welchem die Verletzten untergebracht sind. Auf einer Seite liegen nur Kinder — im Alter von einem bis zu etwa zehn Jahren. Einige davon erscheinen fast unkenntlich vor Brandwunden: andere wurden nur leicht verletzt. Fast alle aber sind besinnungslos.

Mit weitaufgerissenen Augen starrt Felicie auf all diese kleinen Wesen, die unvernünftige Mütter mit ins Theater genommen und die nun diese Unbedacht­samkeit mit Siechtum, vielleicht gar mit dem Tode büßen müssen . . .

Beim Anblick jedes dieser kleinen, bemitleidens- werten Geschöpfe schüttelt Felicie den Kopf.

Walter ist nicht dabei.

„Ich sagte Ihnen ja", murmelt sie tonlos, „alle Hoffnung ist verloren.

spiel und als Vorbild zur Seite stellte, zeigte deutlich, für wie wenig notwendig man eine wirkliche Be­gründung der Forderung hielt. Da die Kommunen bei der Begründung von Hypothekeninstituten oft nicht geringe Risiken übernehmen müssen, so muß man unbedingt die Berechtigung und Notwendigkeit der oben aufgeworfenen Frage anerkennen.

Bon einer Verpflichtung der Kommunen zu der­artigen Hilfsaktionen kann immer nur dann die Rede sein, wenn die Zwangs läge einer Einwobne:- gruppe eine Gefahr oder einen Nachteil für die Allgemeinheit bedeutet. Mit anderen Dorten: alle Maßnahmen bei Kommunen müssen nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes orientiert sein. — Die Gültigkeit dieser Binsenwahrheit wird kaum je» ernstlich bestreiten wollen.

Der Mangel an Klein Wohnungen bringt die Gefahr des Mangels an Arbeitskräften mit sich, der wiederum leicht einen allgemeinen Niedergang der industriellen und gewerblichen Unternehmungen her­beiführen könnte. Da hier also eine Gefahr für die Allgemeinheit, für die Kommune selbst, besteht, so hat diese die Pflicht, durch Bau von Kleinwohnu igen oder Errichtung von Hypothekeninstituten, die ledig­lich Der Förderung des Kleinwobmmgsbaues Dienen, Den Mangel zu bekämpfen. Ans diesen Motiven heraus sind biete rheinische Städte zur Errichtung p/h Hnpothekenanstalten geschritten, ob mit vollem Recht, das werden wir noch sehen.

Ganz anders lieg! die Frage bei der allgemeinen Hypothekeinot, die Wohl am stärksten in Berlin und seinen Vororten in die Erscheinung getreten ist. Tie Hypothekennot der Berliner Vororte hat mit dem Kleinwohnungsmangel der rheinischen Städte absolut nichts gemein und es ist einfach absurd, für Berliner Verhältnisse immer wieder auf die rheinischen ‘ atz- nahmen hinznweisen Von einem Wohnums- mangel kann hier keine Rede sein. Vielmchr hat die Wolmungs Überproduktion wesentlich zur Verschlechterung des Hypothekenmarktes beigetragen. Die Kommunen haben bei dem Ueberangebot voi Wohnungen wähl lick nicht nötig, weitere Hauten durch Hergabe von Hypotheken zu unterstützen. Plan verlangt auch gar keine Hypotheken für Neubauten, sondern für die bewohnten Häuser. Die Kommune soll lediglich solchen Hausbesitzern in ihrer Not bei­springe i.

Wenn die Hausbesitzer wirklich noch das seßhafte Element der Städte wären, so hätte diese Forderung wenigstens einen Schein des Rechtes. In den Ber­liner Vororten sowie fast allen Großstädten, sind aber, wie die Bevölkerungsstatistiken zeigen, die Hausbe­sitzer längst kein seßhaftes Element mehr. Der kleine Rentier, oer sein bißchen erspartes Vermögen zur besseren Verzinsung in einem Hause anlegt, ist in der Großstadt längst eine auf dem Aussterbeetat stehende Seltenheit. Ganze Straßenzüge sind heute in der Hand von Groß- und Kleinbanken, von Terrainver- wcrtnngs- und ähnlichen Aktiengesellschaften. Ter immerhin nicht geringe Rest privater Hausbesitzer hat aus dem Hausbesitz ein Gewerbe gemacht. Der Bau- meister baut ohne jeden Auftrag auf eigene Kosten (bie er fast nie zahlt! Haus auf Haus unb versucht, mit möglichst viel Gewinn zu verkaufen. Der Erwer­ber behält bas Haus auch nur solange, bis er ein paar Groschen bran oerbient hat, gibt es sofort weiter, sowie er mit einigen, Gewinn verkaufen kann. Unb so geht es fort. Die besten Geschäfte machen bei die­sem Handel die, welche die Provisionen einstreichen. Der HauSbksiy ist heute ein Handelsgewerbe und wird es immer mehr werden. Man muß absichtlich die Augen schließen, um diese Entwicklung leugnen zu können. Und es hieße Danaidenarbeit verrichten, die Entwicklung in dieser Richtung aufhalten zu wollen. Daß diese Entwicklung ungesund ist, wird auch nie­mand leugnen wollen: sie ist aber nicht unnatürlich, sondern ;n Unserem kapitalistischen, bodenspekulativei Wirtschaftssystem gegeben. Man kann aber keiner Kommune zu muten, diese ungesunde Entwicklung ihrerseits durch Hergabc von Hypotheken noch fördern zu sollen. In den Großstädten, wo der Hansbesitz ein Handelsgewerbe ist, kann der Kommune nicht die Pflicht zur Unterstützung dieses (ungesunden) Ge­werbes auferlegt werden.

Weit schwieriger gestaltet sich die Frage bei den Mittel- und K l e i n st ä d t e n, wo die Hausbe­sitzer wirklich noch das seßhafte Element darstellen, wo der Hausbesitz noch kein Gewerbe ist. Aber auch hier muß das „noch" richtunggebend sein. Tie Ent- Wicklung zum Gewerbe ist auch hier nicht aufzuhal- ten, wo jetzt die Terrainspekulation überall ihre Pvly- penarme hinstreckt. Es muß im Interesse dieser Städte liegen, sich einen möglichst leistungs­fähigen Hausvesitzerstcmd zu erhalten, nicht aber

Doch der Mann will davon noch nichts wissen. Er geleitet die arme Mutter zur nächsten Polizeista­tion und erkundigt sich, ob ein kleines Kind dort abge­geben worden sei

Der Polizeibeamte schüttelt Den Kopf.

Jetzt erst gibt auch Felicies Beschützer die Hoff­nung ans.

„Ich fürchte, nichts mehr für Sie tun zu können, mein armes Kind."

Felicie ist ganz still geworden. Kein Weinen mehr, kein Schluchzen, kein Klagen.

Schweigend preßt sie Die Hand deS Arbeiters an ihr He*z.

„Ich kann Ihnen nicht mit Worten danken," mut. melt sie leise „Aber Ihre Gegenwart hat mich viel- leicht von einem verzweifelten Schritt abgehalten. Jetzt bin ich ruhig; es ist keine Gefahr mehr."

„Ich muß Sie nun verlassen. Was gedenken Sie zu tun? Wohin gehen Sie'?"

„Zu meinem Gatten."

„Ah, Sie sind verheiratet! Freut mich von Herzen. Bei ihm werden Sie Trost finden. Leben Sie wohl!"

Der Mann ist gegangen.

Felicie sieht ihm nach, bis er um bie Straßenecke bctfcfitoitnben ist

Dann wende: sie sich und schreitet wie mechanisch der Wohnung ihres Gatten zu.

Die Straßen sind noch völlig menschenleer.

Langsam schleicht Felicie die Häuser entlang. Sie hat die Empfindung, als ob alles in ihr tot sei. . . .

AIS sie sich der zehnten Avenue Nr. 32 nähert, bemerkt sie, daß ein Wagen vor der Tür steht. Sie ist zu gleichgültig, um sich darüber zu wundern; bie Tatsache fällt ihr eben nur auf.

Unb jetzt öffnet sich bie Haustür, unb Norbert ge­leitet einen ältlichen Herrn art ben Wagenschlag.

„Die Rettung be§ Kinbes erscheint mir wie ein Dimber!" hort sie ben Fremben sagen. „Es ist nicht einmal verletzt!"

Mit einem Satz ist Felicie bei ihrem Gatten.

„Unser Kind — Walter — er ist gerettet?* keucht sie

durch Hergabe von Hypotheken zu leichtsinnigem Hauserwcrb zu verleiten und sich „Hausbesitzer" zu züchten, denen an ihrem Besitz noch nicht 10 Prozent wirklich zu eigen gehören. Sollte eine Wohnungsnot eintreien, so wird es (so ketzerisch dies in den Obren der Hausbesitzer auch klingen mag) für die gesunde Entwicklung der Kommune immer besser sein, den Wohnungsbau in eigener Regie zu führen, als durch Hypothekeninstitute die gefährliche Entwicklung zu fordern. Damit ist auch oen oben erwähnten Hypo- thekeninstitutcii für Kleinwohnungsbau das Urteil ge­sprochen. Und von den rheinischen Kommunen sind die die Klüacren gewesen, die selber den Kleinwoh- nungsbau übernahmen

Wir kommen also zur vollständigen Verwerfung kommunaler Hypothekeninstitu te, da die Kommunen auf keinen Fall, ohne sich selbst zu schaden, die unge« snnde Entwicklung des Hausbesitzes zum Gewerbe fordern dürfen. _________

# Personalien. Dem Zimmergesellen Weber zu Lohra im Kreise Marburg wurde das Allgemeine Ehrenzeichen, dem Z'mniergefellen WalDtchmidt zu Lodra im Kreise Marburg unb Dem Diensiknechl Freitag xu Heinedach im Steife Meiningen Das All- gemeine Ehtenieichen in Bronre verliehen.

(!) Der ReickSanzeiget meldet: Seine Majestät Der König haben AllergnäDiast geruht. Den Oberlehrer am Gymnasium in Fulda, Professor Bernhard Heun xum Gymnasialdirektor zu etrtnnen. Tas Pürnllerium Der gastlichen- und Unterrichtsangel genhcii n gibt bekannt: Tern Gymnasialdirektor Bern, arv Heun ist Die Direktion DeS Gymnasiums in Hadamar übertragen worden. . .

[] Verliehen wurde in Anerkennung ihrer Verdienste um das Krtegervutein?wesen Dem Auszüger Kilian Müller zu NieDerkalbach unb Dem Auszüger Jakob Müller zu Höf unb Halb DaS Allgemeine Ehren, zeichen in Silber.

Von Der Kanalisation. Im Jahre 1912 wurden 75435 Alk. Kanalbenutznngsgebübren ais Ein- nähme gebucht. Da» sind 6864 Mk. weniger, al« Der Voranschlag annahm. ES tarn Dies Daher, Daß durch Die in 1911 erio gte Aendeiung Des Ranalfta ut8 bezw. Veranlagung Der öffentlichen Gebäude ein an» derer VeranlagungSmodus (Annahme Des tatfächlichcn Rutzungswer'es statt 7 Prozent Des gemeinen Wertes) einaesührt rourDe. Die Schlammveiwirlung brachte 1484 Mk. ein, 884 Mk. mehr, als angenommen routbe. Für Aufcklüsie an Neubauten wurden im genannten Jahre 5648 Pik. vereinnahmt, 2148 Mb mehr, alS veranschlagt; für Diese Arbeiten finden sich ober wteDer 4168 Pik. in Den Ausgaben. Von Den ursprünglich veranlagten Kanal beitrügen sind, teil« wei-e unter Vorbehalt, eingegangen im Jahre 1909: 169 386 28 Mk., im Jahre 1910: 32 432 18 Mk., im Jahre 1911: 53323.96 Pik., tm Jahre 1912: 28027.49 Mk., in Summa 2s3169.91 Pik. ES war ni ht leicht. Diese Summe in Den SiaDtsäckel zu bringen; eS mußte vielfach mit Pfändung uiro. ge» droht wciDen. Von diesen eingegangentn Sau albet» träaen wurden 251000 Mk. ausietoiDeniltche Kanal« abträge geleistet, so Daß au8 Den Ranalbeiträgen noch 32169.91 Pit. am 31. Dezember 1912 vor» banDen roaien. Im Rückstand von Den gesamten Ranalbeiträgcn waren am selben Datum noch 74342.70 Pik. Nach Fertigstellung Der Kanalisation kamen von Den später auigeführten Neubauten an weiteren Kanalbeiträgen in ben Jahren 1910—1912 zusammen 20 045.44 Pik. zur Veranlagung, wovon mBgefamt 6063 36 Pik. eingegongen sinD. Tie van ben Neubauten zur Erhebung kommenden Sanalbei» träge sollen nicht rote Die ursprünglich ocianloaten Beiträge zur SchulDcntilgung, sonDcrn zur 91 n- sammlung eines FonD 8 f Ü r Erneue­rung unD Erweiterung des Kanal» rohrnctzes verwanDt rociDen. Tiefer FondS betrug Ende 1912 insgesamt 19552,68 Mark. Zur Deckung Der gesamten Sanalanlageioftcn sinD Dar­lehen tm Betrage von 1515000 Dik. ausgenommen worden, abgetragen waren hiervon Ende 1912 371791,40 Pik., sodaß noch 1 143 2C«,6O Dik. Schulden zu Buch standen. Die Kanalbetcräac-Angclegenhrit wird nun bald gerege.t werden müssen. Freilich ist Die Sache nicht einfach. Es ist vorgeschlagen worDen, Die Kosten Der Hausanschlüsse zu- lammenzurechnen unD auf Die einzelnen Grundstücke zu verteilen. Dabei müßten Diejenigen Haui« ober GrunDbesitzer, bei Denen Die Stadt Den Anschluß nicht auSsührte, wo er also schon vor Der städtischen ftanaluation beftanD ober nachträglich auf Priva t« kosten ausgeführt wurde, frei gelosten werben. Ferner bedarf eine Regelung die Verzinsung der bereits ei' gezahlten Beitiäae, die ja nach Der bekannten

Mit festem Griff umspannt Norbert die Hand fei­ner Frau.

„Gute Nacht, Herr Doktor!" wendet er sich zu dem ältlichen Herrn, der in dem Wagen Platz genommen hat. „Also bis heut mittag, nicht wahr?"

„Ich komme um elf Uhr. Auf Wiedersehen, Herr Barrmgtcm!"

Ein neugieriger Blick trifft Felicie. Tann ziehen die Pferde an. Der Wagen rollt davon.

Jetzt erst wendet Norbert sich zu seiner Frau« „Komm hinein, Felicie!*

„Ist — ist unser Kind gerettet?" flüstert sie noch. malS mit fast versagender Stimme.

„Ja. Walter lebt. Er schläft oben in seinem Bettchon."

Schweigend sinkt sie in die Kn««. Kein Wort ent­ringt sich ihrer schweratmenden Brust; nur ihre Lip­pen bewegen sich leise.

„Komm' hinein, Felicie!" wiederholt Norbert sehr ernst.

Im Salon brennt noch die Lampe und vermischt ihr trübes Licht mit dem immer heller hereinbrechen» den Tag. Ein durchdringender Geruch von Karbol und Aether erfüllt den ganzen Raum.

Die Tür nach dem Kinderzimmer steht offen. Felicie fliegt hin zu dem kleinen Bettchen. Ruhig atmend, die dicken Händchen geballt, im Schlat ein wenig lächelnd — so liegt das Kind da, ihr liebes, süßes Kind, welches sie schon tot wähnte, verbrannt, verkohlt, unkenntlich, — durch ihre Schuld.

Mit einer fast heiligen Scheu drückt sie einen Kuß auf die reine Kinderfilme. Ach, sie fühlt sich kaum würdig, dieses kleine Engelsantlitz mit ihren Lippen zu berühren!"

„Das Kind ist gesund," murmelt sie ängstlich, „weshalb — weshalb war mitten in der Nacht ein Arzt im Hause? Und was bedeutet dieser eigentüm­liche Geruch? Norbert, wa? ist geschehen?"

Sanft zieht Norbert feine Frau fort vom Bett des schlafenden Kindes.

?^ortse1mno folgt.)