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2. Blatt.

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*** ZuWaer Leitung. ■* Ulitteo» io" Dejtmbtr ms.

Zn der Schule des Leidens.

42] Roman aus dem New-Iorker Leben.

Von Erich Friefen.

Plötzlich durchbraust ein Beifallssturm da^ Haus, — ein Beifallssturm, daß die Wände zu erzittern scheinen.

„Die große Scene der Douglas!" ruft das vorhin mit „Alice" angeredete schöne Mädchen begeistert. „£), Gerda Douglas ist so gut, so edel! Ich liebe sie!"

„Pah — mittelmäßig!" knurrt eine etwas heisere Männerstimme, deren Besitzer wegen seiner Doppel- KÜngigleit von der „ersten Liebhaberin" konsequent ignoriert wird „Wollen erst mal sehen, was sie lei­stet, wenn Norbert Barrington sein strahlendes Son- nenantitz von ihr abwendet! . . Still, sie kommen!"

Fußtritte werden hörbar. Eine Gruppe Herren tritt ein — unt^r ihnen Norbert Barrington.

Das Getuschel der Statisten verstummt. Mit süß lächelnden Mienen lauschen ste der Unterhaltung.

Barrington spricht lebhaft zu einem seiner Kolle- fien. Sein schönes Gesicht ist leicht gerötet. Der Er- olg des heutigen Abends übt eine fast berauschende Wirkung auf ihn aus — gleich jungem Wein, der wie Feuer durch die Adern rinnt und für kurze Zeit den Menschen übet alles Kleinliche der Erde erhebt — hinauf zu höheren Regionen.

Ein Kreis hat sich um den Helden des Abends gebildet. Lebhaftes Sprechen, Händeschütteln, Gra­tulieren. Norbert erfreut sich allgemeiner Beliebtheit; niemand neidet ihm seine Triumphe.

Plötzlich, tote durch einen unsichtbaren Magnet an- gezogen, bewegt sich Norbert langsam durch die zu- rückweichende Gruppe von Herren hin nach der Stelle, an welcher Felicie still, in sich zusammengekauert, auf einem Stuhle hockt.

Und jetzt fällt fein Blick auf ihr erregungsbleiches Antlitz mit den flammenden, gleich 'toei schwarzen Diamanten funkelnden Augen.

Er zuckt zusammen.

totales.

Fulda, 10. Dezember 1913.

# Personalien. Den Bürgermeistern Franz Kas­par Baier in Ried und Birlenbach in Danz­wiesen wurde in Anerkennung langjähriger Dienst- zeit das Allgemeine Ehrenzeichen in Silber Allerhöchst verliehen.

# Tie 22. Armee-Division, der auch das Fuldaer Feldartillerieregiment angehört, hat einen neuen Kommandeur erhalten. Zum Nachfolger des zum Chef der deutschen Militärmission für die Türkei er­nannten Kommandeurs der 22. Division, des Gene­ralleutnants Liman v. Sanders, ist der Ober« quartiermeister im Generalstab der Armee zu Berlin, Generalleutnant Frhr. p. Frehtag-Loring- Hoven zum Kommandeur der 22. Division in Kassel ernannt worden. Exzellenz v. Liman, der neue Chef der deutschen Militärmission für die Türkei, wird Ende dieser Woche nach Konstantinopel abreisen und wahrscheinlich am 15. Dezember das dortige Kom­mando übernehmen. Der neue Divisionskomman­deur entstammt dem deutsch-russischen Zweig der westfälischen Adelsfamilie Frhdag oder Freytag. Sein Vater war der in Weimar als russischer Gesandter a. D. 1882 gestorbene Freiherr Karl Gottlieb. Er selbst ist geboren am 26 Mai 1853 in Kopenhagen und seit 1884 vermählt mit Margarete von Zedlitz.

•2s Die Kosten der Armenpflege in Fulda sind im Jadre 1912 nicht zurückgegangen. Eine lieber» zahlung konnte nur dadurch vermieden werden, daß der durch die Aufhebung der Wanderarbeilsstätte für die Armenkasse entstanden Ausfall und die infolge der allgemeinen verteuerten Lebensweise in den letzten Jahren erforderlichen Mehraufwendungen durch Er« höbung des Zuschusses der Stadtlafle von 19 000 Mk. auf 25000 Mk. gedeckt wurden. Unter den Einnahmen befinden sich u. a. folgende Posten: Be träge und Zuschüsse aus K'rchen-stiftungs» und anderen Kassen 35384 Mk., Strafgelder aus Sühne­versuchen 207 Mark, erstattete Armenpflegelosten von Unterstühungspflichtiaen 4052 Mk., desgl. von auswärtigen Verbänden 866 Mk., vom Landarmen« verband 1475 Mk., für Verpflegung armer Durch» reisender 113 Mk., weiter nochmals 1086 Mk. vom Landarmenverband für Kinder- und Waisenpflege. AIS Ausgaben find u. a. verzeichnet: Verwaltungs- kosten, Gehalte 8451 Mk., Unterhaltungskosten für das Hl. Geifthospital 2843 Mark, für das Waisen­haus 913 Mark, Brandsteuer, Kanalisationsgebühr, Beiträge 1357 Mark, Kosten der Armenpflege im Hi. Geisthospital für Lebensmittel und häusliche Bedürfnisse 24007 Mk., für Kleider 797 Mark; Unterhaltung der Armen in Fulda mit Geld 12561 Mk., mit Brot, Suppe und Kartoffeln 4032 Mark, mit Brennmaterialien 600 Mk., mit Kleidungs­stücken 2460 Mk., für Leitung und Verpflegung Der Kleinkinderbewahranstalt 1038 Mk., Zuschuß zur evangel. Kleinkinderbewahranstalt 150 Mk., Zuschuß für die Ferienkolonie 400 Mk, Unterstützung der Armen in auswärtigen Verbänden 564 Mk., Unter­stützung armer Durchreisender 212 Mk; Kranken­pflege: Arztkosten 1823 Mk., für Armenentbindungen 240 Mk., tüt Krankenkost 1036 Mk., Verpflegung armer Wöchnerinnen 1289 Mt., für Medikamente 1591 Mk., Begräbniskosten 339 Mk., an die Fried­hofskaffe für Armenbestattungen 559 Mk, für Unter­bringung bedürftiger Lungenttanken in Heilanstalten 1000 Mk, außerordentliche Armenlasten 347 Mk. Pflegekosten für Kinder und Waisen: für Kleidungs­stücke 1903 Ml , Schulbücher und Lernmittel 251 Mk., für Inventar 898 Mk., für Pflege der in Familien untergebrachten Kinder 1865 Mk., an auswärtige Ver­bände, Private und Anstalten 866 Mk., für Fürsorge- Erziehung 246 Mk., für Stiftungen zu be>anderen Zwecken 1182 Mk. Die Kosten für Lebensmittel und häusliche Bedürfnisse für daS Hl. Geist-Hoipital be­trugen pro Person und Tag in 1912 — 72,62 Pfg. gegen 68,56 Pkg. im Jahre 1911 und 61,03 P,g. im Jahre 1910, daS ist in zwei Jahren eine Steiger­ung von über 11 Plg. die Person und Tag. Die beim Kranken- und Begräbniswesen ersparten 408 Mk. wurden dem Fonds für Unterbringung bedürftiger Lungenkranke in Heilstätten überwiesen. Dieser Fonds beträgt jetzt 1272 Mark.

;; Das Fallen der Schweinepreise. Seit dem Biehmartt am 10. November d. Js. find auf Dem Frankfurter Schlacht- unD Viehhof, Der für die Preis- gestaltung in der Fuldaer Gegend von großer Be- Deutung ist, Die Preise Der Schweine in allen Quali­täten in stetem Fallen begriffen. Auch an dem letzten Markttage gingen die Schweinepreise gegen Die vor­wöchigen durchweg um einen Pfennig pro Pfund Schlachtgewicht zurück, sodaß für vollfleifchige Schweine

von 80—100 Kilogramm 71—73, für vollfleischige Schweine unter 80 Kilogramm 70—72 Pfg. pro P,und Schlachtgewicht notiert wurden. Vergleiche man die Preise gegen die im November 1912 ge­zahlten, so ist ein nennenswerter Rückgang bei dieser Viehgattung zu ko flatteren. Notierte doch der Frank» turter Viehmarkt im November 1912 für die erste Qualität Schweine 86 — 87, teils sogar 88—89 Pfg., für die zweite Qualität 84—87 bezw. 87—89 Pfg pro Pfund Schlachtgewicht. Die Notierung am 9, Dezember 1912, also vor einem Jahre, zeigte für erste und zweite Qualität 86—88 Pfg. pro Pfund Schlachtgewicht. In den Kreisen der Produzenten rechnet man mit einer weiteren Baisse-Bewegung in Schweinen. Demnach eröffnen sich Der Hausfrau günstige Aussichten für die bevorstehenden Festtage, denn sie wird einen bei der Teuerung aller Lebens­mittel immerhin etwas billigeren Schweinebraten aus die Ta'el stellen können.

X Naiurheilvereitt. Aus den Verhandlungen der am Montag abgehaltenen Monatsversammlung teilen wir folgendes mit: 1) es wurden 20 Mitglieder aus­genommen! 2) Der Geschäftsführer berichtete über die drei letzten Vorträge und den Verlauf des Stif­tungsfestes und gab Aufstellungen über Die aufge- roenoeten Kosten und die erzielten Einnahmen. Da­raus war ersichtlich, • daß die Vorträge erhebliche Kosten-Zuschüsse aus der Vercinskaffe erfordern, da die Mitglieder nebst Angehörigen freien Zutritt haben und nur von Gästen Eintrittsgeld verlangt w rd. 3) Am 7. Januar wird Herr Schriftsteller Peters aus Neuenhagen bei Berlin den bereits im Februar d. Js. gehaltenen Vortrag über „Liebe und Ehe' wiederholen. 4) Ein weiterer Vortrag (von Herrn P. Schirrmeister-Berlin) Über „Die Lungenschwind- luckt, eine Kulturgefahr, ihre Heilung und Verhütung" wird am 8. März gehalten werden. 5) Es wurde beschloffen, einen Familienabend anfangs oder Mitte Februar zu veranstalten. Ein aus 7 Damen und Herren bestehender Ausschuß wird die Veranstaltung vorbereiten.

Zn der gestrigen Schöffengerichissitzung wurde der 51 jährige Gelegenheitsarbeiter R. B, gebürtig! aus dem Meiningischen, vorgeführt. Sein Straf- regifter weißt „nur" 64 Nummern, meistens Bettej- und Landstreicherstrafen, auf. Am 19. November, am Buß- und Bettag, nachmittags gegen 2 U it trieb er sich, Ziehharmonika spielend, in der Buttlarstraße herum, bettelte hierbei und veranlaßte durch tolle Sprünge e neu großen Mm chenauflauf. Dies muß er mit 5 Wochen Haft büßen; .außerdem muß Der unverbesserliche Bettler und Landstreicher nach ver­büßter Strafe wieder einmal ins Arbeitshaus. — Ein 16 jähriger Bäckerlehrling, der aus einem Automobil in der Friedrichstraße die Automobiluhr gestohlen hatte, kam mit einem Verweis davon; Der Amts­anwalt halte 3 Tage Gefängnis beantragt. — Im Kgl. Waldgebiet Der Oberförfterei Giesel, nahe bei Har merz, sollte von einem Harmerzer Landwirt am 16. August unbefugter We'se ein Hirsch erlegt worden fein. Der zuständige Oberförster sagte aus, daß gerade in jernr Gegend von einzelnen Personen viel gewildert werde. Der Schuldbeweis in dem zur Anklage stehenden Fall gelang jevoch nicht und es erfolgte Freisprechung. — Ein 17 jähriges Mäochen aus Edelzell, das gegen seinen früheren Arbeitgeber übele, gänzlich unbegründete Nachreden geführt hatte, wurde zu 20 Mk. Geldstrafe verurteilt. Nur ihre Jugend schützte sie vor höherer Strafe. — Ein Freund von billigen Kanarienvögeln scheint der 44 jährige Arbeiter A. K. hier zu sein. Im Sept, d. IS. erbrach er die verschlossene Wohnung des Arbeiters I. K. hier und nahm sich 5 gelbe Hähne mit. Er pflegte sie zu Hause. Erst als die Kriminalpolizei die Vögelchen bei K. fand, bequemte er sich zur Zurückgabe an den Eigentümer. Wegen Der Dreistigkeit bei Dem Diebstahl beantragte Der Amtsanwalt 1 Woche Gefängnis; das Gericht er­kannte auf 3 Tage Gefängnis, Da Der Angeklagte bis jetzt noch nicht vorbestraft ist.

-i- Eine traurige Szene konnte man, so wird uns geschrieben, gestern nachmittag im süblichen ©tabtteil beobachten. Ein Trunkenbold» schlevpte sich Durch Die Straßen, ein Greis von ungefähr 60 Jahren, Die Scknapsflasche in Der Ha >d, aus Der er von Zett zu Zeit trank. Gewiß ein erbärmlicher Anblick! Noch trauriger aber war es. Daß eine große Schar KinDer Den armen Meirichen johlenD begleiteten, Die ihn stieß unD ihn fortwährend hin« und herzerrte. Das fchlimmste war, daß große Jungen aus den oberen Schulklassen, ja sogar ein Schüler einer höheren Lehr­anstalt, Die Haupthelden waren. Der letzte riß Dem Bedauernswerten Den Hut vom Kopf und steckte ihn auf einen Gartcnzaun. Ein trauriges Bild der Ver­roh u n g unserer Jugend! Keinem Der Vorüber­

gehenden fiel eS ein, Die Flegel zurechtzuweisen. Derartige Fälle kann man übrigens recht oft und auch sonst beobachten. Hier muß auch eine ver­nünftige JugenDpflege schon in Der Schule einsetzen. Ekel vor Dem Laster, Mitleid mit seinen Opfern muß Der Jugend beigebracht werden.

rh Sofort 24 Stunden ins Gefängnis wegen un» gebührlichen Benehmens vor Gericht mußte in der gestrigen Schöffengerichtssitzung Der schon wiederholt vorbestrafte 40jährige Arbeiter I. Sch. von hier marschieren. Er 'ollte sich wegen Unterschlagung von Kartoffelgeldern verantworten. Da er Den Anord­nungen des Vorsitzenden nicht nachkam, wurde die Ordnungsstrafe über ihn verhängt. Bei Der sofortigen Ueberfübrung ins Gefängnis ging es, da Sch etwas „iOumin crt* war, -rleichfalls recht laut her.

j; Besondere Wagen für Schiläufer. Einem Antrag des Gießener Schiklubs folgend, hat die Eisen- bahndireklion Frankfurt a. M. veranlaßt, beson­dere Wagen 3. Klasse für Schiläufer einzustellen. Die Wagen werden Samstags und Sonntags in den von Schneeschuhläufern am meisten benutzten Zügen ver­kehre». Dadurch wird es den Schiläufern ermög­licht, ihre Sportgeräte im Auge zu behalten und die übrigen Reisenden werden durch die langen Bretter nicht belästigt.

** In der Rebe des Diözesanpräses bei der Kolping- feier wurde das Werk Kolpings als die größte soziale Tat des 19. Jahrhunderts bezeichnet, nicht schlechthin als die größte Tat, wie es versehentlich in dem gestrigen Bericht hieß. _ _____________

Ans dem Nachbargebiete.

A Hofafchenbach, 10. Dez. 1913. Am Sonntag abend hielt gelegentlich einer Versammlung DeS hie­sigen Kriegervereins Herr Wilhelm Hl üb er von hier einen etwa 1*/»stündigen Vortrag über die Frem­denlegion. Sehr packend schilderte er das Leb.n des Fremdenlegionars vom Werbe«Bureau bis zum Tode im Wüstensande. Traurig mutete es die über­aus zahlreichen Zuhörer an, zu hören, daß weitaus hie meisten der Legionäre deutsche StarnmesbrüDer sind. Die für einen täglichen SolD von 4 Pfg. ihr Blut und Leben Den Franzosen zur Eroberung und Erhal­tung ihrer Kolonien opfern. Auf allgemeinen Wunsch versprach Der Redner, Demnächst in einer öffentlichen Versammlung wieDer einen solchen Vortrag zu holten.

(:) Salmünster, 9. Dez. 1913. Am Sonntag abend veranstaltete Der hiesige Jungfrauenverein m Dem dis fast zum ErDrücken gefüllten Wölfischen Saale (eine große Anzahl von Theaterfreunden mußte leider wegen Platzmangel umtebren) seine diesjährige Theateraufführung. Als erstes Stück wurde aegeben »Die hl. Elisabeth" von Schwester Gabriele 0 8. D. Dies Schauspiel auf historischer Grundlage neflt nicht geringe Anforderungen an Die Mitwirken« Den und ist auch nicht zu den Dichtungen zu »äblen, Die dem Spieler ohne Weiteres Den Beifall sichern. Wenn nun Das Schauspiel doch sehr gefiel und mit großem Beifall ausgenommen wurde, so lag Der Grund hierzu darin, daß namentlich die Darstell rinnen der Hauptpersonen die Anforderungen nicht nur ge­recht wurden, sondern sich ihrer fiaer beherrschenden Rollen mit Verständnis und ebenso natürlich wie kunstgerecht entledigten. Ergreifend wirkten besonders Die „Rosenszene" und der Abschied Elisabeths von der Wartburg. Die Darstellerin des „Walther von Der Vogelweide" fang Das schwierige Lied „Gott will eS" wirklich formvollendet und ihr schönes Organ ließ sie in „Ave Maria" von Schubert einen wahren Beifallssturm ernten. Hierauf trugen die mitfptelen« den Jungfrauen zwei zweistimmige Lieder „Nennst du Das Land" von Pater Leonard Wilke und „Leise zieht durch mein Gemüt" von Mendelssohn vor, die recht gut zu Gehör gebracht wurden. Zwei Lustspiele „Die Hausbesitzerin" und „Die moderne Köchin" sorgten auch für die Tätigkeit Der Lachmuskeln. Man verließ voll befriedigt den Saal. Die Jungfrauen- fongtegation kann mit ihrem Theaterabend zufrieden lein, er bedeutet einen Erfolg. Am Montag abend wurde bei nochmals besetztem HauS das Programm wiederholt.

* Rotenburg (Fulda), 9. Dez. 1913. Landgraf Chlodwig mit Familie und der gesamten Hofhal­tung sind ins hiesige Schloß übergesiedelt. Der Auf­enthalt soll auf ca. 3 Atonale in Aussicht genommen fein.

♦ Kassel, 9. Dez. 1913. Der Regiments-Adjutant des Infanterie Regiments von Wittich (3. Kurhes- sisches) Nr. 83, Herr Oberleutnant Merkel, ist auf einem Spazierritt in der Kaiserstraße vom scheuenden Pferde gestürzt und hat bei dem Aufschlagen auf den harten Boden einen Bruch des Schlüsselbeines und eine Gehirnerschütterung erlitten.

Mit einem herzzerreißenden Aufschrei stürzt Fe­licie zu feinen Füßen nieder.

Norbert übersieht sofort die Situation. Vom ge­feierten Helden des Abends sinkt er urplötzlich herab zum ganz gewöhnlichen Sterblichen — ja noch v»el tiefer: zum bemitleidenswerten Gatten einer entlau­fenen Zuchthäuslerin! Von schwindelnder Höhe her­unter in tiefsten Abgrund! . . .

Rauh faßt er ihre Hände und zieht die Weinende empor.

„Komm! Hier ist kein Platz für Dich!"

Seine Stimme klingt heiser vor Erregung.

Willenlos gehorcht Felicie. Die Reaktion der Auf­regungen der letzten Stunden beginnt, sich bei ihr geltend zu machen. Seine Hand fest umklammernd, schwankt sie ein paar Schritte weiter.

Da öffnet sich abermals die Tür.

Eine Anzahl hellgekleideter junger Damen schwebt über die Schwelle — in ihrer Mitte Gerda Douglas. Wie im Tanzschritt biegen und wiegen sich die schlan­ken Taillen, die Augen blitzen, die Wangen glühen. Lustiges Gelächter perlt von den heiter geöffneten Lippen.

Felicie steh' einen Augenblick wie geblendet. Daun reißt si» sich von der sie umklammernden Hand des Gatten los.

„Verräterin!" schreit sie auf und will sich auf Gerda stürzen.

Da plötzlich — was ist das?

Unwillkürlich läßt Felicie die wie zum Schlage erhobene Hand wieder sinken. Gleich den Uebrigcn beugt sie lauschend den Oberkörper vor. . . .

Sind das nicht Angstrufe aus dem Zuschauer- raunt, gefolgt von dumps-m Gemurmel, hastigem Auf- unD Zuklappen der Stühle? , . .

Und jetzt —

„Feuer! Feuer!"

Eine all gerne m e Panik entsteht.

Auskreifchend stürzen die in leichte Gewänder ge­hüllten Mädchen in ihre Garderoben. Schnell, wenn auch mit mehr Falluno. fnr»on die Herren.

Niemand kümmert sich mehr um die fremde, düstre Frauengestalt, die, am ganzen Leibe zitternd, an der Tür lehnt.

„Wo — wo ist Feuer?"

„Auf der Gallerie!"

Bitt einem wilden Aufschrei springt Felicie em­por.

„Aus der Gallerie? O Gott, dort ist das Kind! Laß mich! Laß mich, Norbert! Mein Kind, mein ar­mes, sußkö Kind!

Ehe Norbert noch den Sinn ihrer Worte begreift, ist Felicie bereits verschwunden.

Jetzt will auch er davon eilen, als Gerdas Stimme ihn zmmckhält.

„Lausen Sie in meine Garderobe, Barrington, und holen Sie meinen Gummimantel, einen dicken Schal und ein paar Stecknadeln! Rasch, rasch, ohne Aufenthalt!" *

Schweigend gehorcht Norbert und kehrt gleich dar­auf mit dem Gewünschten zurück.

In fliegender Hast steckt Gerda ihr mattfarbenes Seidenkleid eng über den Hüsten zusammen, wirst den Gummimantel über und wickelt den dunklen Woll­schal um ihr üppiges Blondhaar.

Mit steigender Verwunderung folgt Norbert die­sen eigentümlichen Vorbereitungen.

„Was ist? Was bedeutet diese Vermummung, Gerda?"

„Haben Sie nicht gehört, was Ihre Frau sagte?"

„Meine Frau? Sie hat sich schon gerettet!"

„Aber dis Kind, das Kind!"

„Was für ein Kind?"

„I h r Kind!"

„Mein Kind? Walter? Was ist's mit ihm?"

„Cö ist oben auf der Gallerie!"

Der Schrecken macht Barrington einen Augenblick sprachlos. Sein Kind oben auf der brennenden Gallerie! ...

„Norbert, raffen Sie sich auf!" Gerda rüttelt ibn am Arm „Suchen S i e Ihre Frau! I ch hole das Kind!"

„Nein, nein, Gerda! Bleiben Sie! Unmöglich können Sie die Treppen zur Gallerie hinauf. Ter

* Von der Edertalsperre, 9. Dez. 1913. Das alte Dorf Bringhaufen gehört der Geschichte an. Nach der letzten großen Stauung der Eder haben auch die letz­ten Bewohner das alte Dorf verlassen müssen. Bis zuletzt hatte Gastwirt Fuchs ausgehalten, der fett eint, gen Taget seinen Wirtschaftsbetrieb in das neue schmucke Dörfchen Neu-Bringhausen verlegt hall In dem verwaisten Bringhausen wird geraubt, auch was noch niet- und nagelfest ist. So sind vor einigen Tagen aus den Häusern ganze hölzerne Treppen während der Nacht verschwunden. Auch zurückge­lassene Krippen und Oefen finden ihre Liebhaber. Ter Ort erweckt lebhaft die Vorstellung, als habe hier der Krieg gehaust und die gesamte Einwohner­schaft fei ihm zum Opfer gefallen, wie es ja im dreißigjährigen Kriege vorkam. Nur noch wenige Wochen, und das Waffer überflutet diese Stätte. Ta in bezeichnen die aus dem Waffer hervorschaueitden Trümmer der uralten Burg Brink die Stelle, wo einst das blühende Ederdörfchen gestanden.

* Eisenach, 9. Dez. 1913. Zwölf Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust hat der 21 Jahre alte Landwirtssohn Gustav Bruder aus Bür­bach bei Eisenach erhalten, der sich to^gen Mordes vor dem hiesigen Schwurgericht in dreitägiger Verhand­lung zu verantworten hatte. Nach der Anklage hat Bruder, der einzige Erbe eines großen, schuldfreien Hofes, am 23. Mai d. I die bei seinen Eltern tätige Dienstmaad Ida Bürbach aus Hörselgau durch Re­volverschüsse, die er erst auf dem Felde und dann noch einmal im Kuhstall auf sie abfeuerte, töten wol­len. An den Schußwunden ist die Verletzte auch bald gestorben Der Angeklagte bestritt die ihm zur Last gelegte Tat ganz entschieden. Die Bürbach hat zuerst angegeben, daß sie sich die Schüsse selbst beige­bracht habe; auf dem Sterbebette nannte sie bei voll­ständig klarem Bewußtsein aber den Täter, nämlich den Angeklagten. Durch zirka 70 Zeugen und Sach­verständige 'wurde ziemlich einwandfrei fest-gestellt, daß die Schußwunden nicht von eigener Hand, son­dern von anderer Seite beigebracht worden find. Die Geschworenen waren der Ansicht, daß nur der An­geklagte der Täter fein könne. Weil er sich aber zu keinem Geständnis herbeiließ, wurde die Schuldsrage auf vorsätzlichen Mord verneint, dagegen die auf Totschlag bejaht. Der Staatsanwalt beantragte die höchste zulässige Strafe von 15 Jahren Zuchthaus, doch erkannte das Gericht nur auf 12 Jahre Zucht­haus und 10 Jahre Ehrverlust. Der Angeklagte nahm das Urteil kühl entgegen.

* Gießen, 9. Dez. 1913. Das Hausmädchen Chri­stine Garben stieß bei Weihnachtsarbeiten die Lampe um und erlitt so schwere Brandwunden, daß sie zwei Stunden darauf starb.

b. Butzbach, 9. Der. 1913 Die Butzbacb«Licher Eisenbahn hatte im letzten Geschäftsjahr einen Verlust von 7617 Mark. *"

g Friedberg, 9. Dezember 1913. In Heldenbergen kann Die Maul« und Klauenseuche als erloschen gelten. Die Sckutzmaßregeln wurden bereits wieder aufgehoben. Dagegen ist in Niederw öllstaDt unter Den Kühen Des Landwirts K F. Ko st die Seuche ausgebrochen Die kranken und verdächtigen Tiere, Die auch aus Berlin eingeführt waren, wurden sofort abaeschlachtet.

h Aus Nassau, 9. Dez. 1913. Wie man vor 100 Iahren Blüchers Geburtstaa zwei- m al feierte. Es dürfte wenig bekannt fein, daß man im Jahre 1813 des alten Feldmarschalls 71. Geburtstag in Nassau zweimal feierte. Das kam so. Blücher weilte im November und Dezember dieses Jahres in Höchst und unterhielt von hier aus nach Frankfurt und Wiesbaden die freundschaft­lichsten Beziehungen, die ihren Ausdruck in mancher­lei Festen und Jagden fanden. Um den greisen Herrn besonders zu ehren, beschloß man in W i e s- bad en, seinen 71. Gebutrstag durch ein glänzendes Fest zu feiern. Auf Anfrage der herzoglichen Regie­rung gab Blüchers Adjutant Goltz das Geburtstags- datüm irrtümlich als den 12. Dezember an. In Wirklichkeit aber war der 16. Dezember der Geburts­tag. Zum 12. Dezember ergingen nun viele Einla­dungen, auch Blücher erhielt selbstverständlich eine. Er machte zwar lebhafte Einwendungen gegen den falschen Tag, sagte aber int Hinblick auf die bereits getroffenen groben Vorbereitungen zu. Er erschien mit feiner Begleitung am 12. Dezember in "Der Resi­denz und feierte feinen Geburtstag vorzeitig. Nichts­destoweniger war er außerordentlich vergnügt und soll beim Festball „mit der rüstigsten Tänzerin gleich einem Jüngling durch den Saal geflogen fein". Sei­nen richtigen Geburtstag feierte der Feldmarschall dann am 16. Dezember in Frankfurt, wo ihm die Stadt ein glanzvolles Fest gab.

d. Dillenburg, 9. Dez. 1913. Frau Witwe Schon- bal?, die nigleick mit 95 Lebensjahren Die älteste

herunterdrängende Menschenknäuel erdrückt Sie! Gerda, Gerda!"

Er will ihr nach, um sie zurückzuhalten. Doch sie ist flinker als er.

„Ich benutze die kleine Wendeltreppe, die von der Bühne aus direkt auf die Gallerie führt und von dort aufs Dach!" ruft sie im Davoneilen. „Halten Sie mich nicht auf!"

„Gerda. Gerda, Sie gehen in den Tod!"

Er erhält keine Antwort mehr.

Schon erklimmt Gerda die schmale Wendeltreppe.

Von oben schlägt ihr stickiger Qualm entgegen. Fast verliert sie die Besinnung.

Doch vorwärts und vorwärts eilt sie — keuchend, atemlos.

Jetzt Hai sie die Gallerie erreicht.

Einen Augenblick hält sie an, um Umschau zu halten. . .

Ueberall hellzüngelnde Flammen, dicke Rauchwol­ken, mederkrachende Balken. . . .

Soweit sie blicken kann — kein Mensch zu sehen. Alle scheinen gerettet zu sein — gewiß auch Walter.

Der Rauch beißt sie in die Augen. Fast geblendet schließt sie dieselben

Ta horch — kommt dort von jener Bank her nicht leises Wimwern!

Noch einmal rafft Gerda sich auf. Ihr ist, als erkenne sie die Stimme des kleinen Walter.

Vorwärts strebt sie — durch Rauchgewölk, vorbei an anstoßenden Flammen, an berstendem Gebälk — dem leisen, ach immer leiser werdenden Gewimmer nach.

Halt — liegt dort neben einer gierig züngelnden Flamme nicht ein schottisch-karriertes Bündel?

Gerda reißt ihre schmerzenden Augen weit auf. Das ist ja Frau Mackahs Umfchlagetuchü

Die Flamme züngelt weiter und weiter. . . .

Jetzt leck: sie an der Bank, auf welcher das Bün­del siegt. Noch einen Augenblick, und sie schlagt über ihm zusammen.

(Fortsetzung folgt.)