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Zuldaer Zeitung

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Dienstag den 9. Dezember 1913»

40. Zahrgang.

Erstes Blatt.

Nr. 284.

Jü Hier Kaiser und Reichstag — Vort der schwankende Kanzler!

Eine absonderliche Sage, wie sie bisher nicht ba- gewesen: Der Kaiser trifft Entscheidungen, die mit den Ansichten und Wünschen des Reichs­tages sich berühren, und derselbe Reichs­kanzler, der mit dem Reichstag in scharfen Kon­flikt geraten, übernimmt die Verantwortlichkeit für Maßregeln, die nach seiner Mittwochsrede kein Mensch von seiner Regierung erwartet hatte, — am wenig­sten die 54 Abgeordneten, die ihm ihr Vertrauen be­kundet hatten.

Die Entwicklung der Dinge ist gut und erfreulich; nur der Reichskanzler hat keme Ehre und kein Vorteil davon. Das Volk preist den Kaiser und widmet ihm neue Verehrung und Dankbarkeit wegen seines weisen, landesväterlrchen Entschlusses. Tas Volk widmet auch dem Reichstage Dankbarkeit und Vertrauen, da er sich in fast einmütiger Willens­kundgebung als Hort des Rechtes und der Gesetzlich­keit bewährr hat Für die Nörgler aus den Scharf­macherkreisen .sei nebenbei bemerkt, daß man für die Grobheiten und Maßlosigkeiten der Sozialdemokraten weder die bürgerliche Mehrheit noch den Reichstag im ganzen verantwortlich machen kann. Die roten Tumultuanten sind eine häßliche, aber leider unvcr- rneidliche Begleiterscheinung, ebenso wie die jetzt überall im Sand stattsindenden „Zabern"-Versamm- lungen dieser Partei, die nichts nützen, sondern nur schaden können Zum richtigen Verständnis kommt man, wenn die sozialdemokratischen Elemente voll­ständig ausgeschaltet werden. Von der Reichstags­mehrheit (293 gegen 54) kann man ein ganzes Hun­dert anwesende Sozialdemokraten abziehe.i; dann bleibt immer noch mehr, als eine Dreiviertel­mehrheit, fast eine Bierfünftelmehrheit der bürgerlichen Stimmen übrig. Wahrlich, das ge­nügt! So einig und entschlossen ist selten die Ver­tretung des staatstreuen Volkes befunden worden.

Im vorliegenden Falle hat das eine erhöhte Be­deutung, da es galt, die Verstimmung und das Miß­trauen der gekränkten Elsaß-Lothringer zu überwinden. Die eingeborenen Reichsländer haben gesehen, daß nicht allein ihre zugewanderten Mit­bürger, sondern fast das ganze Altdeutschlaud jenseits des Rheins und die verfassungsmäßige Volksver­tretung des Reichs in dieser Heimsuchung mit brüderlicher Treue ihm zur Seite stand. Und von der böchsten Stelle haben sie Väter liches Verständnis und Entgegenkommen gefunden. So darf man hoffen, daß der Reichstag, den die traurigen Vorgänge in der Entwicklung der elsaß-lothringischen Volksseele berbeiführten, bald überwunden wird durch das neue belebte Vertrauen zum Kaiser und zum Reichstag.

Aber wo bleibt das Vertrauen zu dem Reichs­kanzler?—

In seiner zweiten Rede am Donnerstag hat er sich freilich als Vater der elsaß-lothringischen Ver­fassung vorgestellt und sich zur Fortsetzung der Ver- söhnungspolittk bereit erklärt. Aber das kam 24 Stunden zu spät. In der ersten, grundlegenden Mittwochsrede hatte er als Anwalt der militärischen Kampfpartei gesprochen, das ließ sich nicht wieder ausradieren. Um so weniger, als er schließlich ein Vertrauensvotum erhielt von jener Minderheit, die stets die elsaß-lothringische Verfassung und die ganze versöhnliche Politik der moralischen Eroberung be­kam P f l hatte.

Run ist ja nachträglich noch ein halbamtlicher Artikel erschienen, den ein Berliner Blatt mit gutem Witz als „dritte, ungehaltene Rede desReichskanzlers" bezeichnet Wenn der Reichskanzler diesen Artikel als erste und einzige Rede vorgelesen hätte, so wäre er, wie wir schon gestern sagten, viel besser gefahren! Einige Einzelheiten darin hätten freilich Zweifel und

Berichtigung herausgefordert; aber aus dem gan­zen hätte man doch ein Streben nach Objektivität und Gerkchiigkeit erkannt, das beruhigend gewirkt hätte. In der konservativen Presse wird aus diesem halbamtlichen Berliner Artikel sowie aus Mitteilun­gen der Straßburger Statthalterpresse bereits der Schlikß gezogen, daß die Regierung sich in vollem R ü ck z u g befinde. Nun faßt man sich an den Kop: und fragt : Warum hat der Reichskanzler das Wahre und Richtige erst so spät gesagt, daß er jetzt von den Tatsachen desavouiert und zu einem Umfall nach dem andern gezwungen erscheint?

Am Mittwoch war der Reichskanzler von allen guten Geistern verlassen. Wie er es anstellt, die Scharte auszuwetzen, ist seine Sache. Wir freuen uns, daß die Weisheit des Kaisers sich bewährt hat, wie die Einsicht des Reichstags.

♦ Die ergänzenden Mitteilungen der„Nordd.All«. Zig." werden fast in der ganzen bürgerlichen Presse als geeignet angesehen, die berechtigte Erregung in Zabern zu mildern. Allerdings wird um so schärfer die höchst ungeschickle Haltung des Reichskanzlers, dem die Befehle des Kaisers bekannt waren, und noch mehr das provozierende Aufireten des Kriegsministers verurteilt werden. Die Behandlung der Angelegen­heit im Reichstag durch die Regierung stellt, so sagt selbst die regierungsfreundliche »Köln. $tg.*, ein sehr unangenehmes Kapitel unsrer innerer politischen Ge- schichte dar, das den Staatsmännern für die Zukunft hoffentlich zur Sehre dienen wird. ES hat sich gezeigt, daß es heute nicht mehr angeht, Perfehlungen des Militärs besonders leicht und Verfehlungen des Publikums besonders ichwer zu nehmen, sondern daß Licht und Schatten gerecht verteilt werden müssen. Hakte man mehr nach diesem für einen modernen Staat selbstverständlichen Grundsatz gehandelk, so wäre der Weg zu einer ver- rünftigen Verständigung gebahnt gewesen. Wie die Dinge lagen, war es ganz nalürlich, daß der Reichs- tag daS bescheidene Zurücktreten der Staatsautoriläl vor der militärischen Auffassung schwer empfunden und mit seinen Mitteln gerügt hat. Run braucht man aber in der scharfen Stellungnahme des Reichstages kein Malheur zu erblicken. Die Stellung der Armee m Preußen-Deutschland ist, wie sich gezeigt hat, aus tausend Gründen — darunter auch aus Gründen veralteter Gesetzgebung — eine so überragende, daß es an sich em ganz gesunder Zustand ist, wenn ihr gegenüber daS versasfungsmäßig-gefetzliche Gefühl rege ist. Ein Reichstag, der hier m die Knie knickte, wäre kein Glück für das Reich.

— Ob der Reichskanzler heule bei der Etats- Beratung rm Reichstage auf seine Haltung gegenüber den Zaberner Vorgängen zurück'ommen wird, muß man abwarten. Einige behaupten es, andere be­streiten es. Von der Sozialdemokratie hat man bei den übrigen Parteien, die dem Mißtrauens« Votum gegen den Kanzler zustimmten, angeuagt, ob von ihnen weitere Folgerungen aus ihrer Abstimmung beabsichtigt werden. Wie verlautet, haben sich die betreffenden Parteien ablehnend verhalten, da man vorerst weitere Aeußerungen des Kanzlers abwarten will. Man nimmt an, daß Die Regierung, wenn nicht heute, dann sobald das kriegsgertchillcye Verfahren zum Abfchluß gekommen ift, sich nochmals über den Fall Zabern äußern wird.

Die Anklaae gegen die Zaberner Rekruten. DaS kriegsgerichtliche Verfahren gegen die sechs Rekruten, die die Aeußerungen des Leutnants v. Forstner aus der Jnstruklionsstunde einer Zeitung übermittelt hat­ten, lautet, wie einige Blätter melden, auf Insub­ordination und Zuwiderhandlung gegen einen dienst- lichen Befehl. Von den beschuldigtea sechs Rekrmen befinden sich drei noch immer m Hast, weil diese auch unter der weiteren Beschuldigung zum mili-

3n -er Schule des Leidens.

411 Roman aus dem New-Dorker Leben.

Von Erich Friesen.

Die kleine Bronzeuhr auf dem Kaminsims im Salon schlägt achtmal.

Felieie fahrt empor.

„Theateranfang!"

Unwillkürlich drängen sich ihr die Worte über die Lippen.

Und plötzlich ergreift sie ein wahnsinniges Ver­langen, der Borftellung beizuwohnen, Norbert und Gerda noch einmal auf der Bühne zu sehen, sich zu überzeugen, daß das Liebesspiel der beiden fein Spiel, sondern Wahrheit ist, daß sie sich lieben. — Und bann ---

Weiter denkt sie nicht.

Wie her Wind bringt sie vom Stuhl empor. Hastig reißt sie ein sck-ittffck.-karriertes Umschlagetuch der Mutter vom Haken, setzt Olivias weißen Hut auf und will zur Türe eilen.

Ta fäll« ihr plöblich das Kind ein.

»Es allein zurücklassen? Nein. Es Marh anver- trauen? Tann müßte sie dem Mädchen von ihrem Theaterbesuch Mitteilung machen.

„Ha ich nehme Walter einfach mit mir!"

Vorsichtig hebt sie das Kind, das schlaftciinken seine großen Augen öffnet, aus dem Bettchen, zieht ihm rasch ein weißes gesticktes Kleidchen an und schlingt das schottisch-karrierte Umschlagetuch um den kleinen, vom Schlafen heißen Körper.

Tann fort — hin nach dem Theater!

Der Abend ist herrlich schön. Mattbleich hebt sich die Mondsichel vom zartgeröteten Himmel ab, dessen Bläue von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne violett gefärbt ist.

Ein echter, rechter Sommerabend. .

felieie merk« nichts von dem bezaubernden Far- benspiel in der Natur.

»Ans Theater! Ins Theater!" drängt ihre Seele.

Schneller und immer schneller eilt sie vorwärts. Tas Gewichr des Kindes beginnt sie nieoerzurrücken:

doch die Aufregung verleiht ihr neue Kräfte. Vor­wärts. nur vorwärts! . . .

Endlich ist das „Metropol-Theater" erreicht.

Sie kaust ein Galeriebillet und schwankt, fast zu- sammenbrcchend unter der Saft des Kindes, dis Trep­pen hinauf.

Ter erste Akt ift gerade beendet. Eine ungeheure Menschenmenge drängt auf Treppen und ©aherien.

„Quetschen Sie sich lieber nicht durch, Fräulein!" rät ihr ein alter Arbeiter mit einem bedenklichen Blick auf ihr bleiches, zartes Gesichtchen. „Die Stehplätze auf der Gallerte sind so tote so überfüllt."

Felicie antwortete nicht. Die Verzweiflung in ihrem Herzen vergrößert sich von Minute zu Minute. Es ist. als treibe eine unsichtbare Gewalt sie vor­wärts — immer vorwärts.

Mit fast übermenschlicher Anstrengung bahnt sie ich ihren Weg durch das wüste Gedränge, bis hin zu den Bänken. Manch verwunderter Blick folgt dem bleichen Geschöpf mit dem auffallenden weißen Hut und dem schottischen Umschlagetuch, aus dessen Falten hin und wieder em blondes Lockenköpfchen sichtbar wird.

Eine alte Frau, von der Schönheit des Kindes angezogen, rückt beiseite, um neben sich Platz zu machen.

Eine Weile beobachtet sie kopfschüttelnd Felleies erregtes Eebahren. Dann sagt sie mißbilligend, mit einem vorwurfsvollen Blick auf die schlaftrunkenen Augen des Kleinen:

„Weiß Ihre Herrin, daß Sie zu dieser Zeit mit dem Kinde noch aus sind? Und gar im Theater?"

«Ich bin seine Mutter," erwiderte Felicie abwei­send. „Stören Sie mich jetzt nicht, bitte! Der Vor­hang gebt gerade in die Höhe!"

Felicie hat sehr scharfe Augen. Trotzdem sie weit entfernt von der Bühne sitzt, entgeht ihr keine Bewe­gung, kein auch noch so kleines Mienenspiel der Mit- wirlenden.

Niemals sah Barrington als „Harry Cheverill" vornehmer aus, niemals spielte Gerda Douglas die „Tiana Vernon" inniger als heute. Die vornehme Grazie ihrer Bei- — ngen, der leuchtende Blick, die

tärischen Aufruhr stehen. Die Verhandlung findet am heutigen Dienstag statt.

2(1 Elsässer gehe» zur Fremdenlegion. Die Folgen von Zabern zeigen sich in eigenartiger Weise: Wie sich der Züricher Tagesanzeiger aus Belfort melden läßt, haben sich dort und auf dem Werberbüro in Nancy 2 6 Elsässer für die französische Frem­denlegion anwerben lassen. — Sie gleichen dem Jungen, der bei bitterer Kälte auf die Straße lie: und sich die Finger erfrieren ließ, weil ihm der Vater keine Handschuhe kaufen wollte.

D Das neue französische Minifte.-nm ist fertig. Es zählt unter dem Präsidium Dou- merques neun Mitglieder der Radikalen und -ozialistisch - Radikalen Partei, nämlich außer dem Mimsterprästdenten die Senatoren Bienvenu-Marlin und Monis, sowie die Abgeordneten Caillaux, David, Roulens, Malvy, Renault und Motin, zwei Mit­glieder der gemäßigten republikanischen Linken, nämlich Die Abgeordneten Lebrun und Raynaud, endlich einen unabhängiaen Sozialisten, den Abgeordneten Viotant.

Das Kabinett kennzeichnet sich somit als ein Ka­binett von fast rein radikalen Farben. Als solches begegnet es schon jetzt in den Kreisen der rech'tsrcpu- blikanischen Opposition einer äußerst abfälligen Be­urteilung. Mit einiger Spannung fragt man sich auch in anderen politischen Lagern, welches das Pro­gramm des Kabinetts den drei großen Fragen gegen­über sein soll, die die politische Sage beherrschen: der Steuerreform, der Wahlreform, der Anleihe in Ver­bindung mit den Lasten der dreijährigen Dienstzeit? Der Radikalismus ist sich wohl für seine Ansprüche auf die Regierung einig, aber selbst gespalten in allen diesen Fragen. Die Anleihe ist nun mal beschlossen, dagegen wird auch die neue Regierung nichts mehr ausrichten können; ihr aber fällt die Aufgabe zu, die nicht leichte Teckungsfrage zu losen. Tas plutokratischc System in Frankreich kann sich mit direkten Steuern nicht befreunden und eine, wohl gar progressive Einkommensteuer, wie man sie in Preußen kennt, würde in Frankreich im Bürgertum auf starken Widerstand stoßen und jedem Ministe­rium, das sie durchzuführen versuchte, die größten Schwierigkeiten machen. Darum versuchen die sran- zösischen Finanzkünstler bei großen Ausgaben immer mehr die Z u k u n f t als die Gegenwart zu belasten und darum erstrebte Herr Barthou auch die Steuer- freiheit der neuen Rente. Der frühere Finanzmini- fter Caillaux und fein Anhang wollten aber ge­rade die Renten st euer durchsetzen, um dadurch das wohlhabende Bürgertum vor neuen Rüstungen kopfscheu zu machen. Die Radikalen bestehen darauf, daß die Lasten des Militärgesetzes auf die stärksten Schultern gelegt werden müssen, aber über die Art, wie dies geschehen soll, sind auch sie nicht einig.

Das neue Ministerium wird darum keinen leichten Stand haben; vielleicht wird es schon an der Lösffng der ersten ihm gestellten Aufgabe schei­tern, jumal bei den bevorstehenden Neuwahlen zur Kammer von den Parteien ein rücksichtsloser Kamps geführt wird. Doumerguge stammt aus der Schule Waldeck-Rousseau und hat sich als Mitglied der Ka­binette Eombes, Clemenceau und Bria.id stets be­müht gezeigt, den Kontakt zwischen Radikalen und den anderen republikanischen Fraktionen zu erhalten. Der alte Clemenceau hat aus Gesundheitsrück­sichten nicht wieder in das Kabinett eintreten wollen, er zieht es anscheinend vor, in unverantwortlicher Stellung der getftige Leiter der neuen Regierung zu werden. Caillaux, der die Finanzgeschäfte fuhrt, toirb darum in den kommenden Kammerdebatten und Kämvsen ton- und richtunggebend sein. Seine Zu­gehörigkeit zum Kabinett stempelt dieses" unbedingt zu einem Kampfministerium. Besonders den nalio- nalistischei Blättern ist Caillaux seit der Agadir-

leidenschaftliche Glut, welche aus jedem ihrer Worte spricht — alle? dies versetzt das übervolle Haus in einen wahren Taumel der Begeisterung.

Und Felicie?

Sie glaubt noch viel mehr in all diesen Blicken, diesen Worten, diesen Bewegungen zu sehen. Was ist das schwache Säuseln der Eifersucht, welches sie früher öfters empfand gegenüber dem Orkan, der jetzt ihr ganzes Sein durchwühlt!

„Mei.,e Siebe toirb Dich ganz und gar umstricken, Diana!" ruft soeben „Harry Cheverill", vor seiner Herzenskönigin niedersinkend, „Du toähnst Dich stark; aber meine Liebe ist stärker. Du bist mein, mein, mein!"

»Lust! Luft!" keucht Felicie totenbleich, „Ich ersticke."

Ein paar Frauen an ihrer Seite stehen rasch auf, um ihr Platz zu machen.

Mühsam erhebt sich Felicie. Sie schwankt, taumelt und sinkt wieder auf die Bank zurück. Das Kind e it- gleiiet fast ihren matten Armen. Durch die Hitze und die ungewohnt späte Stunde übermüdet, ist es sanft eingcsck'Iiimmcrt

„Geben Si» mir den Kleinen!" sagt Felicies Nach­barin fr cimdl'ch. „Schnappen Sie inzwischen draußen ein bißche r Lust!"

Mechanisch gehorcht Felicie. Hastig wickelt sie Walter in da? große Umschlagetuch und übergibt ibn der braven Alten.

Tann schwankt sie, die Hände an die pochenden Schläfen gedrückt, die Treppe hinab ins Freie.

Drinnen tobt und rast der Beifallssturm fort. Sein Gcbrause bringt heraus bis zu ber einsamen, unglücklichen Frau, die, matt, gebrochen, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, die Häuser entlang schleicht. Ihr ist, als schlage jemand mit einem eisernen Hammer auf ihren Schädel.

»Ich muß hin zu ihr!" knirscht sie. „Ich muß ihr Äug' in Auge gegenüberstehen — ihr, meiner Tod- feinbin — unb ihm, Norbert! Und bann — und bann--"

affäre und wegen feiner Stellungnahme gegen die dreijährige Dienstzeit der schwarze Mann.

Ob die Stellung Poincarss durch das neue’ Ministerium gekräftigt wird, muß vorderhand eine offene Frage bleiben; wenn Clemenceau im neuen Kabinett Der eigentlich bewegende Geist fein wird, bann wirb er seinem Präsibentschaftsrivalen noch manche bittere Stunbe bereiten. Ob ber neue Ministelpräsibent ber Kirche mehr freundlich als feindlich gesinnt sein wird, läßt sich auch noch nicht sagen, denn unter Combes hat er an dem Kampf gegen die Kirche und an dem Trennungsgesetz mit­gearbeitet, aber unter Briand auch ber Rede seines Ministerpräsidenten in Psrigaux Beifall gezollt, in der dieser die Versöhnung mit den Katholiken und die Einigkeit aller Franzosen predigte.

* Das sozialdemokratische Fiasko bei den Kommunalwahlen.

In diesen Tagen, wo allenthalben in der Sozial- bcmofralie Unzufriedenheit und Enttäuschung und im Anschluß daran politische Ermüdung unb Flauigkeit der Wählermassen sich zeigen, dürfte die Partei bejon- ders hart getroffen haben der Ausgang der Ge- meinderatstoahlen, die in den letzten Wochen wieder tn einer größeren Reibe von Kommunen dcS Reiches ftatgefunben haben. Stillstand und teilweise Rückgang ber sozialdemokratischen Bewegung ist auch hier Die Signatur.

Diese Erscheinung muß die Sozialdemokratie um so bitterer berühren, als gerade auch der Gemeinde- sozialismus — nach ihrer Auffassung — eines ber wirksamsten Mittel sein soll, den kapitalistischen Ge­genwartsstaat „auszuhöhlen". Denn — so heißt es tn ber Erklärung bes Internationalen Sozialistenkon- gresses in Paris 1900 — „die Gemeinde ist ein vor­trefflicher Stützpunkt der Sozialisten gegenüber der Zentralgewalt tm bürgerlichen Staat." — Und in ber im „Votwärts"-Berlag erschienenen sozialdemokrati­schen Broschüre „Die Sozialdemokratie in den Ge­meindevertretungen" (Berlin 1907) wird betont iS. 16): „Die Sozialdemokratie wird unentwegt ihrem Ziele zustreben, der Ausgestaltung der Gemeinde zu einer wuchtigen Waffe im Befreiungskämpfe be3' Proletariats."

Wenn nun biefc Waffe, statt wirksamer zu werben» ncuerbingS mehr versagt,, so ist die Unzufriedenheit über beit diesjährigen Ausgang der GemeinberatS- wahlen nicht hloß bei den Massen, sondern auch in den führenden Kreisen der Partei begreiflich. Recht deutlich offenbart sie sich in einem Bericht über die rheinischen Kommunalwahlen in der neuesten •Rüm­mer (1913, 49) des Organs der sozialdemokratischen Gemeindevertreter, der „Kommunalen Praxis".

„Die Soziattemokratie", so wird hier gelingt, „hat bei fast allen Wahlen in der Rheinprovinz einen Summen» rückgang zu buchen. Wieviel davon auf Die allgemeine politische Flaue entfällt, die zurzeit bedauerlicherweise vorhanden ist, und wieviel der Krise und ihren unlieb» 'amen Folgen zuzuschreiben ist kann hier im einzelnen nicht untersucht werden. Aber in jedem Betracht ift der Stiirrinenrückgarrg bedauerlich und verdient unsere ernsteste Beachtung. Immerhin ist zu vermerken/ daß beispielsweise in Köln auch das Zentrum und die Liberalen Stimmenverluste halten, das Zentrum 1250,. Die Liberalen 600, denen ein Berlust der Sozialdemokratie von 1400 Stimmen gegenübersteht. Prozentual und ab- 'olut noch gröber war unser Berlust in Barmen; auch! in Kreseld und Aachen vermochten wir die 1911 erreichte Ziimmenzahl nicht zu hatten. Die Kurve ist wieder mal abwärts g eaan aen — unser aller Sorge muß es 'em, daß sie sich demnächst wieder mit kräftigem Ruck nach oben schieb' I"

Vorausgeschickt wird diesen Lamentationen die übliche billige sozialdemokrattsche „Entrüstung" über bas Zentrum, die den Genossen als Pflaster die­nen soll auf die Wunden, die sie bei den diesjährigen Kommunalwahlen mit nach Hause genommen haben.

Was bann geschieht, weiß sie noch nicht. Aber etwas geschieht — etwas Schreckliches, Fürchterliches, Noch-iucht-TageweseneS. . . .

Da sie die Lokalitäten des „Metropol-Theaters" von früher kennt, findet sie sich rasch zurecht.

Bald steht sie in dem Gang hinter den Kuliffen unb ersucht den Inspizienten um Einlaß ins Konver. sationszimmer.

Der Mann erkennt sie nicht und verweigert ihr den Eintritt.

„önftmt!" ruft sie ungeduldig, sich mit einer hef­tigen Bewegung den entstellenden Hut vom Kopf reißend „Jetzt kennen Sie mich, nicht wahr?" I

Verblüfft blickt d-r Inspizient in das erregte Ge- sicht vor ihm.

Tann öffnet er die Tür zum Kouversations- zimmer.

XXXI.

Das Zimmer ist leer. Felicie setzt sich auf einen Stuhl und wartet. . . .

Bald treten mit lautem Geplauder ein paar Her­ren und Damen ein — Statisten, welche in der heutiger Vorstellung beschäfttgt sind und soeben von der Bühne abtraten.

Die meisten von ihnen sind neu engagiert und auch die wenigen alten erkennen Felicie nicht. Miß- Irautsch schielen sie nach der einsamen Frau in der Ecke bis Zimmers, die so seltsam vor sich hinstarrt und vo.i ihnen gar keine Notiz nimmt.

„Eine Verrückte!" höhnt die dünne Molly Potter achselzuckend „Wollen sie fortschaffen lassen. Sie berb rbt mir die Stimmung."

„Laß sie doch da! Sie tut uns ja nichts!" er­widert ein schönes, großes Mädchen mit einem mitlei­digen Blick auf die in sich jufammengefu uferte Ge­teilt. „Hallo, meine liebe Frau, suchen Sie jeman­den?"

Keine Antwort.

„Ick sag's ja, sie ist verrückt!" knurrt Molly. „Die Aliee spiel! stets bas zart mitleidige Herz!"

Man wendet Felicie den Rücken und beginnt eines jener oberflächlichen Gespräche, wie sie den Statisten eines größeren Theaters eigen sind. (Forts, folgt.)