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5 s IDodjen-Beilage: s r cs ITlonots-Beflage: z s Illustrierte Sonntagszeitung Fuldaer Seschlchlsbläller

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Br. 282.

€rftes Blatt.

Samstag den 6. Dezember 1913.

flnielgtn; Der Ream etnn etnfrotflceT, Coletiehdle, 41 ■» «ttn, roirci U vm. Re» amen. Oer Reurr ein« Cotcnelieile, 14 n »reit, »oflei 40 ptg SM Wiederholungen Rabatt C fiert- und huskunftenteiptr. 20 DL ahe )e

Konbursfälicn wird der vewttUcte Rabah fiir IClhc trfCKungsott für dar Lln* Magen oon Forderungen ist Fulda. 6n)ciccn-f nnohmt bis 10 Uhr termlttags. s c örÄfier» ünzetgen erbitten elf uns tags vorher. 8 8

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 5. Dez. 1913.

Zunächst wird gemäß dem Anträge der GeschäftS- ordnungskommission die Erteilung der Genehmigung zur Einleitung ton Privatklageverfahren gegen die Abgg. Schmidt-Meißen (Sog.), Dr. Bollert (natl.), Dr. Schatz (®lf.) und Bruhn? (Refp.) versagt. Es folgt die In. terpellation der Sozialdemokraten betr.

Arbeitslosigkeit.

Abg. Silberschmibt (Soz.): Schon seit länger als einem Viertcljahrhundert beschäftigt uns die Frage der ArbeitSlosenfürsorge und der Arbeitslosenversicherung. Die Maßnahmen der Kommunen reichen bei weitem nicht nicht aus. lieber den jetzigen Umfang der Arbeitslosig­keit besteht auch in bürgerlichen Kreisen kein Zweifel mehr. Alle Arbeiterorganisationen sind sich einig, daß hier daS Reich helfend eingreifen muß. Die Industrie geht jetzt dazu über, sogar noch Arbeiter zu entlassen. Dabei leitet sie die Profitgier. Aeltere Arbeiter finden überhaupt keine Beschäftigung. In der Hauptsache trägt die Wirtschaftspolitik die Schuld an den jetzigen Zuständen. Schlimm ist auch die Lage im Baugewerbe. Die bürgerliche Gesellschaft sollte bedenken, daß die Ar­beitslosigkeit die Zahl der Verbrechen steigert. Um der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, müßten alle öffcnt- lichen Institutionen, die in Aussicht genommenen Not - standsarberten sobald als möglich beginnen. Bei der Ausführung dieser Arbeiten sollten nur einheimische Arbeiter Berücksichtigung finden. Wir fordern die Ar­beitslosenversicherung in der Weise, daß die bestehenden Arbeiterorganisationen die DersicherungSträger sind. Wir laden den Reichstag zur Mitarbeit ein und erhoffen von der Regierung eine zusagende Antwort.

Staatssekretär Dr. Delbrück: Tie Frage der Be­kämpfung der Arbeitslosigkeit und ihre unerfreulichen Begleiterscheinungen gehört zu den ungelösten Prob­lemen, ungelöst nicht, weil uns das Verständnis oder der gute Wille fehlt, sondern wegen der in der Sache liegenden Schwierigkeiten und weil sie zur Lösung noch nicht reif sind. Parlamente und Stadtverwal- tuugen zerbrechen sich seit einem Menschenalter den Kopf, wie man der Arbeitslosigkeit beikommen kann. Ein klares Bild über die Verhältnisse des Arbeitsmarktes ist außerordentlich schwer zu geben. Dazu fehlt uns die nötige statistische Unterlage. Ein Vergleich der Zah­len dieses IabreS mit denen früherer zeigt allerdings eine leichte Abschwächung des BeschäfigungSmark- tes. Eine Notlage i st noch nicht z u erkennen, wenn auch an einzelnen Orten und in einzelnen Er­werbszweigen die Verhältnisse unerfreulich find. ES muß in Betracht gezogen werden, daß im Ganzen ge­nommen unter normalen Verhältnissen Deutschland nicht so v -ete Arbeiter hat, als es braucht. Die Lanowirtshaft und die Industrie brauchen auSlän. dische Arbeiter. Dabei ist die Zahl der in der Industrie tätigen Ausländer größer geworden als die Zahl der von der Landwirtschaft Beschäftigten. ES gibt indu­strielle Gebiete, die ohne diese Ausländer gar nicht Be­fielen könnten, z. D. Oberschlesien. Es ist also unrichtig, daß Ausländer ausschließlich ins Land gezogen werden, um die Löhne zu drücken. (Sehr richt.! rechts.) Die aus­ländischen Arbeiter sind — mag das erfreulich oder un. erfreulich sein — ein Bedürfnis für unsere Volkswirt­schaft. Der Rückgang der Konjunktur zeigt sich auch in anderen Ländern. Von einer Krise kann nicht die Rede fein. Eine Aenderung unserer WirtschaftS. Politik würde nicht im Interesse der Arbeiter liegen. Die einzige Möglichkeit, zu helfen, ist die Schaffung günstiger Arbeitsgelegenheit. Ich habe grundsätzlich Bedenken gegen die Bewilligung öffentlicher Mittel an Kainpsorganisationen. Das ist mein Haupt- Bebenfen gegen den Anschluß einer Reichsversicherung an die Gewerkschaften. ES ist nicht richtig, daß uns das Ausland in dieser Frage voraus ist. Eine all­gemeine Arbeitslosenversicherung i st zurzeit noch nicht spruchreif. Sie ist nicht zu denken, ehe Handel und Industrie, Handwerk und Landwirtschaft über die neuesten Lasten der Ange, stelltenversicherung und der Versicherungsordnung und ihre Wirkungen klar sehen. Notwendig ist eine Vervoll­ständigung der Statistik und der Ausbau der Arbeits­nachweise und ’n dieser Hinsicht sind die Arbeiten bereits im Gange. iBeisall bei der Mehrheit. Zurufe bei den Sozialdemokraten: Ist das alles?)

Abg. GieSberts (Ztr.): Die vorhandenen Schwierig­keiten dürfen nicht dazu führen, die Hände in den Schoß zu legen. Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit müßte der Staat durch Fühlungnahme und Beratung mit indu­striellen und laulwirtschaftlichen Kreisen eine gewisse Regelung unserer ProduktionSverhält. nisse zu gewinnen suchen. Ferner müßte die Diplo- matie ein Augenmerk darauf richten, daß unsere Export. Industrie nicht zu sehr unter momentanen Krise n leidet, und auch ihr neue Export gebiete er. schließen. Auch mit den Arbeitgebernachweisen müßte ein Konnex gefunden werden. Bei der Versicherung wäre eine Kombination: Selbstverantwortung, Selbsthilfe, öffentlich-rechtliche Staatshilfe und die Hilfe der Ge­meinden wünschenswert. Da? Reich könnte bestimmte Richtlinien aufstellen, nach denen im Lande die Versuche der Arbeitslosenversicherung fortgesetzt werden. Zur Förderung der kommunalen Arbeitslose—r--g könnten Staatsmittel zur Verfügung grr ’icn. Der Vorschlag, einfach die gewerkschaftliche '.ttion mit der A rbeitslosenversicherung zu betrau -.-scheint auch mir bedenklich und wegen der Verwaltung, der Sicherstellung des Vermögens undurchführbar.

Abg. Dr. Luarck-Koburg (natl.): Es fehlt nicht an Arbeitsgelegenheit sondern an guter Verteilung der Arbeit. Die Kosten einer Arbeitslosenversiche- rung wären so ungeheuer, daß die Industrie sie jetzt nicht zu tragen vermöchte.

Abg. Weinhaufeii (Vpt.): Große Schwierigkeiten wird die Beschaffung der Mittel bieten. ES bleibt schsiei lich nur übrig, daß die Kassen der Organisationen das Geld hergeben und das Reich einen Zuschuß leistet. Wir verschließen uns den Schwierigkeiten freilich nicht. Not- wendig wäre eine regelmäßige wiederkehrende Reichs­statistik. Die beste Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist die innere Kolonisation. Die Arbeitsnachweise müssen erheblich ausgebaut werden. Hier wäre ein ZwangSgesetz am Platze, das die ArbeitSvermittelung im ganzen Reiche regelt.

Abg. Graf v. Earmcr-Zieserwih (kons.): Die For­derungen der Interpellation können von nnS unterschrie. Ben werden Bis auf die Forderung der allgemeinen Ar- Beitklofenversicherung. Von einer Versicherung wären von vornherein auszuschließen Arbeitslose auf Grund von Streik und Aussperrung sowie die Arbeitsscheuen, Mang-I an Arbeitsgelegenheit ist gewiß nicht Vorbau- den. Auf dem Lande herrscht großerLeutemangel. Wer ohne Not feine Arbeitsgelegenheit aufgibt, ist dafür selbst verantwortlich.

Abg. Warmiith (Rp.): Die Schwierigkeiten sind un­überwindbar. Denken Sie an die Saisonarbeiter! Und wie steht es mit den streikenden Arbeitern, die doch auch arbeitslos sind Ein Reiv sgesetz würde eine Unter, stützung und eine Reklame für die Gewerkschaften Be. deuten und würde nur eine Entvölkerung des flachen Landes zur Folge haben.

Samstag: Weiterberatung der ArbeitSlofeninterpel- lation. Interpellation Arnstadt (kons.) über die Dienst. botenversicherung. Wahlprüfungen.

* Die Botschaft ans Donaueschingen.

In Donaueschingen, wo gestern vormittag 11 Uhr der Reichskanzler eintraf, ist über die Habern er An. gelegenheit eine Entscheidung gefallen. Em halb- amtliches Telegramm meldet:

wb. Donaueschingen, 5. Dez. 1913. Der Kaiser hatte für heute vormittag den Reichskanzler, den Statthalter v. Wedel und den kommandieren- den General v. Deim ling nach Donaueschingen befohlen, um weitere Vorträge über die bekannten Vorgänge in Zaber» entgegenzunehmen. Der Ka ser hat darauf bestimmt, daß die Garnison von Zabern bis ans weiteres noch dem Truppenübungsplatz Hagenau verlegt wird. Die ichwebenden kriegsgerichtlichen Verfahren werden mit Beschleunigung zu Ende geführt. Am Nachmittag reiste der Reichskanzler nach Berlin zurück.

Zn der Schule des Leidens.

39] Roman aus dem New-Dorker Leben.

Von Erich Friesen.

Sie beugt sich über das Bettchen. Ruhig schlum- knernd liegt das Kind da. Nicht einmal das Kissen bat er verschoben, der liebe kleine Kerl; es ist, als sei es soeben erst aufgeschüttelt worden.

Frau Mackay setzt ihr Licht auf das Nachttischchen und beginnt sich auszukleiden, dazwischen von Zeit zu Zeit heftig gähnend.

Gerade will sie ins Bett steigen, als der Fenster­borhang sich leise bewegt. Gleichzeitig wird ein schwaches Geräusch hörbar.

Mit einem Schrei springt die alte Dame wieder empo’-. Sind Diebe hier im Zimmer? Oder Mörder?

Aengfilich lugt sie nach dem Fenster, jeden Augen­blick g-toärtig, daß ein schwarzbärtiger Kerl mit einem Messer auf sie zustürzen werde.

Da--sieht sie recht? Täuscht sie ihre erregte

Phantasie?--

Die Vorhänge teilen sich. Eine zierliche weibliche Gestalt in roter Bluse, die dunklen Haare wirr um das bleiche Antlitz hängend, tritt langsam näher.

Abwehrend streckt Frau Mackay beide Hände auS, als sehe sie einen Geist.

„Erschrick nicht, Mutter! Ich bin es wirklich, Dein Kind, Deine Felicie!"

Sie sinkt zu Füßen der Mutter nieder; den Kopf in deren Schoß bergend.

„Kind! Kind!"

Mehr bringt Frau Mackay nicht heraus. Sie hebt Felicie vom Boden auf, schiebt sie mit beiden Armen etwas von sich ab, um sie bo'ser betrachten zu können und schüttelt bann traurig den Kopf.

„Mein armes, liebes Kind!"

„Laß mich ein bischen ruhen, Mutter! Ich bin todmüde."

«Mein armes, liebes, liebes Kind!" Aufschluchzend schlingt Frau Mackay die Arme die vor Müdigkeit fast umfallende Tochter.

„Kann ich ein Weilchen in Deinem Bett liegen, Mutter?"

„Aber natürlich. Komm, Kind, ich will Dich ent­kleiden! Fort mit den alten Sachen! Was für gräß­lich plumpe Schuhe! Und erst die grailgestricktcu Strümpfe! Deine Füße sind ja ganz kalt, Licy! Schnell zu Bett! Ich reibe sie Dir dann so lange, bis sie warm find. Hier hast Du ein Nachthemd von mir, mein allerschönstes, mit Spitzen besetzt! Riech' mal — es duftet nach Lavendel! Schnell über mit dem Nachthemd! So! Fühlst Du Dich nicht wie neugeboren?"

„Prachtvoll!" schluchzt Felicie, sich behaglich streckend.

Tränen ersticken fast ihre Stimme.

„Jetzt leg' Dich nieder! Und dann geb' ich Dir Walter ins Bett! So —! Ist er nicht ein herziger Junge? Jetzt will ich Dir Schokolade machen —"

„Bitte Tee, liebe Mutter!"

„Auch gut. Also Tee!"

„Und. bitte, hebe Mutter, wecke Norbert nicht!"

AIS Frau Mackov nach einigen Minuten mit dem Teebrett ans der Küche zurückkehrt, schlafen Mutter und Kind bereits tief und fest.

Frau Mackay ist eine einfache, praktische Frau. Wie es kommt, daß Felicie hier ist, was später aus ihr werden soll — darüber zerbricht sie sich vorläufig nicht den Kopf. Felicie ist da und unglücklich dazu — das bleibt für ihr schlichtes Gemüt die Hauptsache.

Und nun schläft Felicie so schön und sest; Frau Mackay beschließt, sie nicht zu wecken. Der Tee läuft ja nicht fort.

Und Felicie schläft die ganze Nacht hindurch. Erst gegen Morgen, als Walters Fingerchen an ihren Haaren herumzupfen, öffnet sie die müden Lider. La- chend blicken die blauen Kinderaugen in die ihren.

Es ist noch früh am Tage. Leuchtender Sonnen- schein erfüllt das ganze Zimmer. Frau Mackay hat beide Fenster geöffnet. Lust und Licht in Menge strömen herein.

Newyork im Hochsommer ist im allgemeinen kein erfrischender Aufenthalt. Aber selbst ein Augustiner- ' -n in Newyork kann sein angenehmes haben.

DaS ist eine gute Kunde. Erledigt und ausge­räumt ist die verzwickte Angelegenheit noch nicht; aber der fiieblite Abschluß wirb wenigstens ange- babnt. »Schiedlich — friedlich". Wenn Militär und Bürgerschaft sich nicht vertragen können, so laßt man eine örtliche Trennung eintreten. Die Stabt- gemeinde Zaber» kann nicht verlegt werden, wohl aber das Regiment. — So ist vielleicht der Gedanken- gang im hohen Rat gewesen.

So sehr wir uns freuen über die Verhütung weiterer Konflikte, fo bleiben doch die Geiühle nicht n igewischt. Ans der Entfernung des Militärs lönnten Unkundige ober Böswi tge die Behauptung herleiten, baß die Zaderner Bevö tetung sich als unverträglich und feindselig geaen das ganu Regiment ober gar gegen das Militär überhaupt erro eien habe Das ist aber nicht der Fall. Die Ungezogen ieitrn der Straßenjugend habe sich gegen einzelne O filiere gerichtet, tm gründe sogar nur gegen den einen Leutnant, der das ganze Unheil angerichtet. Die Wilde Bürgerschaft von Zubern ist auch mit den Soldaten und dem Gros der Offiziere gut Freund und fühlt sich nur beschwert durch das Verhalten des Obersten Reutter, des Leutnants v. Forstner und nächstens noch eines anderen übereifrigen jungen Leutnants. Im Anfänge des Konflikts hätte es vollauf genügt, nur den Leutnant v. Forstner vorläufig verschwinden zu lassen. Die weitere Ent­wicklung machte freilich auch b n kampflustigen Oberft Reutter für Zaber» unmöglich. Es scheint unS auch heute noch, daß die Entfernung dieser beiden Personen eine genügende Grundlage lür die Versöhnung geboten hätte. An den maßgebenden Stellen aber hat man vorgezogen, statt der eisernen ur haltbaren Persönlichkeiten das ganze Regiment aus Zubern zu mtietnen.

„Bis auf weiteres" — heißt es in dem Tele­gramm. Es wird hlnzugefügt, daß die schwebenden kriegsgerichtlichen Veriahren mit Beschleuni- gung zu Ende geführt werden sollen. Daraus darf man wohl ein Doppeltes folgern: 1) daß über die Zutunst der beteiligten Personen n. ch dem Ab- fchluß des Verfahrens entfchleden werden soll, und 2) daß nach Regelung der perfönlichen Verhältnisse ine Rückkehr des Regiments in feine alte Garnison zu erhoffen ist.

Wir haben es also mit einer vorläufigen Maßregel zu tun. Eine Trennung bis zur Be­ruhigung, aber keine Scheidung dem Bande nach. Daß diese Uebergangsperiode nicht zu lang dauere, ist dringend zu wünschen Denn die fetzt ge­troffene Maßnahme ist zweischneidig. Eine Strafe für die Ausschreitungen der Militärgewalt und eine Sühne für das verletzte Rechtsgefühl; zu­gleich aber auch eine Benachteiligung der Stadt- In einem Ort von 9000 Einwohnern bringt der Weggang eines Regiments empfindliche wirt­schaftliche und soziale Störungen mit sich. Wenn ''ein anderes Regiment zum Ersatz käme, so würde sich bas freilich wieber ausgleichen. Ten Zabernern wäre es aber gewiß lieber, wenn sie ihre alten 99er wieber bekämen — nach Abstoßung ber un­verträglichen Elemente.

Inzwischen müssen sie die unangenehme Begleit­erscheinung in ben Kauf nehmen. Ungleich höher als bas örtliche Interesse steht ber Friebe im Reich, und zu dem ist durch die getroffene Maßregel ber Zugang wieber eröffnet. Die Zurückziehung des Re­giments beweist baß ber Kaiser bie Angelegenheit hoch von einem höheren Stanbpunkt betrachtet unb mit mehr ausgleichenber Gerechtigkeit behanbelt wissen will, als ber Kriegsminister unb ber Reichskanzler vom Mittwoch.

War die Einlenkungsrede des Reichskanzlers vom Donnerstag schon beeinflußt durch eine vorgängige Nachricht übet die Ausgle.chsstimmung des Kaisers? Das ist schwer zu sagen, da ja das ganze Verhalten des Reichskanzlers in dieser Angelegenheit höchst

Mit großen, glänzenden Augen blickt Felicie sich in dem lichtdurchfluteten Zimmer um. Dann setzt sie sich aufrecht im Bett, nimmt ihr Kind empor unb sängt an, mit ihm zu spielen.

Frau Mackay bereitet inzwischen ben Tee, ohne Mutter unb Kinb mit irgenb welchen Fragen zu be­lästige».

Während Felicie bas aromatische Getränk her­unter schlürft unb ein paar Cakes dazu ißt, sitzt Frau Mackay still an ihrem Bett.

„Wie spät ist es, Mutter?"

„Sechs Uhr, Kind."

„Ist noch niemand auf?"

„Meiner Seel' — nein. Fräulein Douglas früh­stückt in ihrem Zimmer unb kommt nie vor zehn Uhr zum Vorschein.

„Unb Norbert?"

„Tein Mann frühstückt» ebenfalls in feinem Zim­mer. Ich sehe ihn nur bei ben Hauptmahlzeiten."

„Besticht er Walterchen nicht jeben Tag?"

„Bewahre. Denkst Du, berühmte Künstler küm­mern sich um Kinderstuben? Die sind für uns Frauensleute."

Ein Seufzer hebt FelicieS Brust.

„Du magst Recht haben, Mutter. Aber Gerda — kümmert sie sich auch nicht um Walter.

„Doch, sie hat ihn sehr lieb. Jeden Tag muß ich ihr den Kleinen für ein halbes Stündchen hin- überbriitgen."

„Sie selbst kommt nie hierher?"

„Bewahre, Kind. Sie hat soviel zu tun. Jeden Tag Probe unb Vorstellung! Du kennst das ja."

So plaudern bie beiben fort, bis es Frau Mackay auf einmal einfällt, baß ber Tag fortschreitet unb baß sie halb wissen muß, was mit Felicie anfangen.

Vorsichtig beginnt sie auszufragen, warum sie nicht mehr im Gefängnis sei, ob man bie Polizei fürchten müsse und wie alles gekommen wäre.

Felicie legt ihr Kinb sorglich in bie Kissen nieber unb streicht sich das Haar aus ben Augen.

„Warum ich hier bin, Mutter? Du trägst bie Schulb."

„Ich? Bist Du wahnsinnig, Licy?"

rätselhaft ist. Man kann nur auf bas lebhafteste bedauern, daß die jetzt getroffene Entscheidung nicht schon am Mittwoch bekannt gegeben oder wenigstens in Aussicht gestellt werden konnte. Dann hätte sich ber Kanzler die unselige Rede sparen können; der Reichstag und bas ganze Volk wäre von ber tiefen Aufregung unb schweren Besorgnis bewahrt geblie­ben. Warum hat der Reichskanzler nicht früher den Kaiser richtig unb gründlich informiert und dessen beruhigende Entschließung vor der Debatte yerbeige- führt? Konnte er nicht? Oder hat er ’clbft erst den Ernst ber Lage unb bas Gebot ber Stunde nach seiner Mittwochsrede erkannt?

Heißsporne von links und von rechts wollerx in der Aktion des Reichstags „M t n i ft e r ft ü r 5 e r e i" sehen. Das ist grundloses Gerede Die große Mehr­heit ber bürgerlichen Parteien im Reichstage hat recht­mäßig und pflichtgemäß ihre Meinung gesagt, ou8 sachlichen Grünben unb im Interesse des Reiches, ohne sich von persönlichen Rücksichten auf den Herrn v. Bethmann ober seinen Nachfolger bestimmen zu lassen. Die Reden unb Beschlüsse der Abgeordne­ten sind auch keineswegs erfolglos geblie­ben; denn sicherlich haben sie dazu mitgewirkt, daß an der entscheidenden Stelle bie Lage richtig erkannt unb bie Anbahnung bes Friedens erfolgt ist.

Das genügt. Ob unb wie lange der Reichskanzler noch fähig ist. seinen Posten gehörig zu versehen, das bleibt abzuwarten. Wen» nur erst bas Feuer von Zabern gelöscht wird! Das Volk ver­langt n'ch, be* Kanzlers Sinn tbm wünscht es mehr Rückgrat u»b Empfinden mit bem Volk - son­dern einen Bruch mit dem veralteten System, mit Anschauungen, die aus einer anderen Welt zu stam­men scheinen; es wünscht eine unverbrüchliche Eini­gung zwischen sich und beftt Heere, bamit in der Stunde der Not der Wille und die Liebe des Volkes wahrhaft hinter dem ganzen Heer unb all seinen Führern stehen.

*

* Die Karnikon Zabern. Bei ber Bestimmung bes Kaisers, bie Garnison von Pabern dis auf weiteres nach bem Truppenübungsplatz aaenau zu ver­legen , handelt es sich um eine vorläufige Massregel, bie sich, wie in Berlin vermutet wird, vielleicht auf fünf bis sechs Wochen erstrecke» wird. Die Absicht, ber Stabt Zabern für immer bie Garnison zu entziehen, besteht keineswegs. Ob allerdings nach Erledigung ber ganzen Zwischenfälle das 99. Infan­terie Regiment nach Zabern zurückkebren ober ob ein anderer Truppenteil an feine Stelle treten wirb, muß noch abgewartet werden.

(*) Der Eindruck in Zabern. Au? Zabern wird gemeldet: Hier hat die Entscheidung des Kaisers auf die Bürgerschaft starken Eindruck gemacht. Man kann diesen Eindruck dahin gufammenfaffen, daß die Bevölkerung bie Verlegung des gesamten 99. Inf.- RegtS. bedauert, da die gegenseitigen Be­ziehungen zwischen Militär- und Zivilbevölkerung sietS sehr gut gewesen sind. Die Versetzung des Obersten von Reutter, ferner von vier Leutnants und eines Sergeanten wären hier als befriedigende Genug- tuung betrachtet worden. Die Uebcrsiedlung deS R gi- mentes nach Hagenau wird unmiitelb r in den nächsten Tagen erfolgen,das Barackenlager am Truppenübungs­platz ist zur Ausnahme bereit. Man ist in Zabern geneigt, in ber Verlegung des Regiments eher eine Strafe für die Stadt als eine solche für das Regi­ment zu sehen. Tatsache ist, daß durch die Verlegung des Regiments von besten Angehörigen gerade die­jenigen am härtesten betroffen werden, die nicht nur an den ganzen Vorfällen unbeteiligt waren, sondern sie auch mehr ober weniger mißbilligten. Die nanjen Attacken auf die Bevöl erung sind von dem Obersten mit einigen der jüngsten Leutenants durch« geführt worden, und bie älteren O ftüere, die nun ihre Familien in Zabern zurücklassen wüsten, fah man

„Nein, Mutter. Aber an bem Tage, an welchem ich Deinen Brief erhielt, fehlte nicht viel dazu."

„Mein Gott! Unb wie führtest Du Deine Flucht aus?"

„Anny half mir babei."

„Wer ist Anny?"

„Gleichviel, Mutter. Anny ist ein liebes Mädchen unb fand Mittel mich zu befreien. Mehr kann ich Dir nicht sagen/

Frau Mackay schweigt verblüfft. Dann murmelt sie ängstlich:

„Ich hätte es Dir nicht schreiben sollen, Kind."

„Doch, Mutter. Unb nun bin ich hier, um her- auszusinben, ob Du mit Deinem Briefe Recht hattest. Wenn ich ben Inhalt leicht genommen hätte, würde ich nie ben Mut gefunben haben, bas zu wagen, was ich wagte. Glaubst Du, es ist leicht, Mutter, aus ben doppelten unb breifachen Gefängnismauern zu entkommen? Nein, Mutter. Tu hast bas Feuer ber Eifersucht wieder in mir entfacht. Entweder es ver­löscht gar bald ober es flackert immer höher auf, alles um sich her mit fortreißend. Du siehst eine Frau in mir, die zu allem fähig ist; aber erst muß ich Beweise haben — Beweise. Unb wenn ich sie habe, bann ist Felicie Barrington tot für immer; dann belästigt sie Euch nicht mehr."

„Kind, Kind!" ruft Frau Mackay entsetzt, „was hast Tu vor? Deine Augen erschrecken mich."

„Ich bin eine Zuchthäuslerin, Mutter." Bitter lacht Felicie auf. „Wir Zuchthäusler sind nun ein­mal nicht anders. Einen Tag mußt Du mich noch hier behalten — bann wirb es wohl entfliehen sein."

„Unb ich soll Deinem Man» nichts davon sagen, baß Tu hier bist?"

„Nein."

„Unb Fräulein DonLfas?"

«Auch nicht."

„Aber bas Mädchen? Es hat Dich herelngelasfen, Lich!"

„DaS Mädchen nehme ich auf mich. Es wirb schweigen. Schicke es nachher zu mir, Mutter!"

(Fortsetzung folgt.)