z. Blatt.
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<» Zuldaer Zeitung
Jß 282.
»amstag 6. vezemder 1915.
Kleines Feuilleton.
ExmüdungSgiste im Atem. Wer in der Schule, im Theater oder sonst mit vielen Menschen zusammengepfercht im geschlossenen Raume sitzt, merkt nach einiger Zeit, wie chn das Gefühl geistiger und körperlicher Müdigkeit überkommt. Woran liegt das? Das große Publikum sagt: Es herrscht „schlechte Luft" in dem Raum. Welche Bestandteile dieser „schlechten Luft" sind es nun aber, die diese Ermüdungserschei- nunaen Hervorrufen? — Früher griff man den Kohlen säuregehalt der Luft als Maßstab ihrer Güte heraus, was eine gewisie Berechtigung hatte, ferner suchte man die geschilderte Erscheinung durch „Wär- mestauung" zu erklären. Neuerdings hat nun Prof. Dr. Wolfgang Weichardt, der durch seine bahnbrechenden Forschungen über Ermüdungserscheinungen und Ermüdungsgifte bekannte Erlanger Gelehrte, .nachgewiesen, daß die von ihm entdeckten und auch synthetisch hergestellten Ermüdungsstofse auch an der Verschlechterung der Lust beteiligt sind; die ausgeatmete Luft enthalt nämlich die Ermüdungsgifte in geringen Mengen. Neuerdings hat Gerhard Stroede m Berlin die Weichardtschen Versuche wiederholt und berichtet darüber in der „Zeitschrift für Gesundheitspflege". Die „Kenotoxine", diese Ermüdungsgifte (Abbaustufen von Körpereiweiß) lassen sich durch verschiedene chemische Prozesse, wie auch durch den Tierversuch nachweisen. Spritzt man Säugetieren Erinü- dungsgifte ein, so treten alle Erscheinungen hockgra- diger Ermüdung, Herabsinken der Körpertemperatur, Atemverlangsamung usw. auf, und diese Erscheinungen können durch ein Gegengift aufgehoben werden. Die Ermüdungsgifte in der ausgeatmctcn Luft müssen natürlich erst dingfest gemacht werden, wenn man sie nachweisen will. Man verdichtet sie, indem man das Aremkodenkwasser untersucht oder Wasser nimmt, -durch das ausgeatmete Lust längere Zeit hindnrchge» blasen worden ist. Erne — am besten ältere — Per- fort, die mehrere Stunden angestrengt gearbeitet hat, bläst ihren Atem durch ein winklig gebogener Glas- rohr in kaltes Wasser hinein. Tie Versuchsperson blast in den aussteigcnden Schenkel der Glasröhre, diese ist mit einem Dattesilter versehen, und diese
L Die Freiheit des Papstes
behandelte, wie schon gemeldet, der Erzbischof von Udine, Msgr. Rossi in der Sozialen Woche zu Mailand als erster Vortragender über das Thema „Die Jahrhundertfeier Konstantins und die Freiheit bet Kirche . Die Freiheit und Unabhärgigkeit des Papstes müsie wirklich und tatsächlich, nicht bloß dem Namen nach bestehen, anders wäre die Kirche ielbst nicht frei. Sie müsie eine regelrechte Selb- tändiakeit sein, so daß der Papst unabhängig von redet Macht sei. Wie könne das det Fall sein, wenn bet Papst erst noch Gegenstand eines Gesetzes sein müsie, also inditekt abhängig von dem Staate, det das Gesetz erlasien habe? Die wichtigste Stelle det Rede ist folgende:
Es genügt nicht die persönliche Unverletzlichkeit des Papstes und seiner Minister oder die Exterritorialität odxr die Portofreiheit bei der Postverwaltung. Vollkommene Freiheit heißt, dah sich alle ohne Hindernis an den Papst wenden können, daß alle zu jeder Zeit und in allen Verhältnissen, im Frieden wie im Krieg, mit ihm verkehren können, daß er allen seinen Willen kund- tun kann ohne Gefahr für seine Vertreter. Vollstän. dige Freiheit bedeutet, daß die internen und besonderen Beziehungen zu dem Reiche, in dem das Papsttum seinen Sitz hat, gesichert sind, ebenso die internationalen Be- ziehungen des Papstes mit den Staaten und Nationen der ganzen Welt.
Mons. Ross, Betonte, daß die Freiheit nicht auf schtvachen Füßen stehen dürfe, sondern daß sie dauernd und unangreifbar sein müsse. Darum dürfe sie kein Zugeständnis sein, noch weniger dürfe sie von dem Wechsel der Parteien abhängen. Ohne eine in ter. nationale Sicherheit sei diese vollkommene Freiheit nicht denkbar. Der erzbischöfliche Redner untersuchte dann, ob nach dem Ende der weltlichen Herrschaft, die ein Jahrtausend lang diese Sicherheit gewesen sei, eine Lösung leicht zu finden sei. Er stellte fest, daß die Zeiten sich geändert haben und daß die Lösung in Gestalt der Wiederaufrichtung der weltlichen Herrschaft, die von der Vorsehung Jahrhunderte hindurch als geeignetes Mittel erachtet war, nicht ohne weiteres gangbar sei:
Unter neuen Verhältnissen, in denen die Gesellschaft ihr christliches Gesicht verloren hat und gottlos und heidnisch geworden ist, könnte die Vorsehung der Kirche nicht eine andere Form der Garantie und der Unabhängigkeit zuweisen?
Mons. Rossi schloß feinen Vortrag mit dem Wunsche, daß die Jahrhundertfeier Konstantins, wenn sie auch nicht die Lösung der Frage der Beziehungen zwischen Staat und Kirche m Italien bringt, wentgstens dazu beitragen möge, die Gewissen an wiegen und zu erleuchten, damit jener Tag sich »nähere, an dem der Sieg der Gerechtigkeit und die Anerkennung der Rechte, die Christus seiner Kirche gab, den Fr,eben zwischen Staat und Kirche in Jta- lien bringe, einen fruchtbaren Frieden des Gedeihens und bet Größe für das italienische Vaterland.
Begreiflicherweise beschäftigt sich die ganze itc- nenische Presse mit dieser Rede. Man kann die große Aufregung, welche sie hervortust, verstehen, wenn man weiß, daß die„Römische Frage" von allen großen Politikern von Crispi und Bismarck angefangen, als das schwierigste moderne Problem angesehen wurde. Natürlich erregt jetzt besonderes Interesse, wie sich die italienische Regierung zu der Wendung der Dinge stellt. Die offiziöse Tribuna hat es sehr eilig, die bargebotene Hand zurückzustoßen. Sie lehnt ein Eingehen auf bie von bem Kardinal borgetragenen Wünsche ab, sie erblickt in bet Rede des Erzbischofs die Forderung einer Garantie internationalen Charakters, eine solche Garantie aber bedeute eine Demütigung Italiens. Die Leser wissen, daß die italienischen Garantiegesetze vom hl. Vater nie angenommen wurden, weil der Papst eben in diesen Gesetzen keine erschöpfende Gewähr für seine Freiheit und Unabhängigkeit sehen kann. Das würde sich ändern, wenn die intetesiierten fremden Mächte mit Italien die Ausführung der neuen Garantiegesetze überneh- men würden. Italien würde dabei an seiner Größe und Würde nichts einbüßen: im Gegenteil würde eS angesichts bet anberen Nationen an Ansehen wachsen an bem Tage, ba es seinen Frieden mit dem Papst- tum macht. Wenn indessen dix übrigen Mächte für die Römische Frage ebenso wenig Verständnis zeigen wie das offizielle Italien in den Spalten bet Tri- buna, bann läßt auch bie internationale Garantie für bie Freiheit und Unabhängikeit des Papsttums noch lange auf sich warten. Und das ist so wahrscheinlich. daß wir auch an eine Lösung der Römischen Frage auf diesem Wege vorläufig noch nicht glauben können. Wie kann man von nicht katholischen San. dein und Staaten in der Beziehung mehr erwarten, als vom katholischen Italien? Biel praktische Bedeutung hat also die Rede des Erzbischofs
Rossi zurzeit noch nicht. Jedenfalls war es aber ein Verdienst, einmal klar und deutlich auf die Notwendigkeit einer baldigen und praktischen Lösung der „Römischen Frage" hingewiesen zu haben.
Ausland.
** Der Sturz des Kabiuets Barthou ist vorwiegend erfolgt durch die Radikal-Sozialisten, die es diesem Ministerium nicht verzeihen können, daß es die dreijährige Dienstzeit durchgesetzt hat. Das Ministerium Barthou hatte sich, um diese zu erreichen, in eine recht deutschfeindliche Stimmung hineingearbeitet und galt schließlich als ziemlich kriegerisch gesinnt. Sein Sturz kann daher von deutscher Seite nicht bedauert werden. Der Sturz des Ministeriums erfolgte bekanntlich über der Abstimmung wegen der Steuerfreiheit der Rentenzinsscheine. In die Abstimmung spielen noch sehr viele und sehr verwickelte andere Verhältnisse hinein. Wenn die Radikalen und Rabikalsozialisten gegen bie Rentensteuerfreiheit stimmten, so taten sie es, weil sie mit ihrer Abstimmung zugleich bie Widerstände gegen bie wachsende allgemeine Einkommensteuer treffen wollten. Diese Einkommensteuer ist zusammen nut der Rückkehr zum zweijährigen Dienst die Plattform, auf der sie den nächsten Wahlkampf auszufechten gedenken, und das Schlagwort, mit bem sie bie Stimmen der Millionen zu gewinnen hoffen, die widerwillig die Blutsteuer entrichten, die aber nicht reich genug sind, um vor einer Einkommensteuer zu erschrecken, bie offenbar bie besitzenden Klassen weit härter treffen wirb, als die weniger Bemittelten. Im Hintergründe des Kampfes, deren Gegenstand scheinbar die Steuerfreiheit der Rente war, taucht schattenhaft nicht nur die Frage der Einkommensteuer, nicht nur die Wehrpflicht, sondern auch die W a h l r e f o r m und das allgemeine Verhältnis der Kammerlinken zu Herrn Poinears, bem Präsidenten der Republik.
*♦ Einen gewaltigen Sturz der französischen Rente hat der Ministersturz zur Folge gehabt. Die fron- zösifche Rente stand im Jahre 1897 noch auf 105 25 und ist seitdem fast ständig gesunken (jetzt 85,10). Der Wert der französischen Rente hat sich infolgedessen um 5 Milliarden Franken verringert. Der neueste Kurssturz bedeutet einen Rekord; weder beim, Ausbruch des russisch-japanischen Krieges, noch während des Agadir-Zwischenfalles, noch während der Balkankriege hat die Rente an einem Tage soviel eingebüßt, wie beim Sturz des Ministeriums Barthou.
** Aus der portugiesischen Republik. Der Erz- b i s ch o f v o n G u a'r d a ist nach zweijährigem Exil in seine Diözese zurückgekehrt; er wurde setne-zett unter der Anklage, ein Anhänger der Monarchie zu sein, aus seiner Diözese verbannt.
△ Der Katholizismus in China macht große Fortschritte; von Tag zu Tag wächst die Zahl feiner Bekenner .Vor kurzem wurden in Peking allein 37 000 erwachsene Chinesen getauft.
Aus dem Nachbargebiete.
* Zu dem Schulstreik Finkenhain
schreibt uns ein Verurteilter aus Wolferts:
Ich bn verurteilt — mir wieviel Tagen Haft in meinem Unvermogensfall will ich hier nicht verraten — aber ich B'n verurteilt als Renitent gegen schul, behördliche Verfüa.ingen, und doch bin ich von Natur nichts weniger als Renitent; denn ich habe vor nichts uu^r R'ipekt al? vor behördlichen Verfügungen; es ist aber Tatsache: Ich bin verurteilt, weil mein Kind gesund ist, wäre es krank, d. h. durch zwei Aerzte für krank befunden, wäre ich sicher gerechter Weise auch freigesprochen worden, so bin ich nun verurteilt, weil mein Kind gesund ist, und ich mein Kind durch meine Handlungsweise gesund erhalten wollte und mit GotteS Hilfe auch weiter gesund mir erhalten will. Ich wieder- hole, ich bin kein Renitent, wenn auch der Gerichtshof diese Ueberzeugung gewonnen hat — ich unterwarf mich der in Frage kommenden' Verfügung und sandte mein Kind, so ungeheuerlich mir auch die Neuerung für unsere Kinder schien, tortzdem zunächst täglich zweimal den schlimmen Weg zur Schule. Als ich aber innerhalb von 14 Tagen beobachtete, wie das Kind — wenn e? gegen 12 Uhr nach Hause kam — und drängte und eilte, um pünktlich 1 Uhr wieder in dec Schule zu sein — in der Eile etwas verschlang, oder das Essen stehen ließ, ein anderes Mal nichts essen konnte — dann über Kopfschmerz klagte, des Nachts unruhig schlief, zuletzt bleich und müde aussah, stet- über Mü. digkeit klagte, erst da hielt ich mein Kind vom zweiten täglichen Schulbesuch ab. — Nicht, weil ich mein Kind zur Arbeit brauchen wollte, ich habe für meine Arbeit nachweislich Arbeitskräfte genug — nicht aus Oppo
sition gegen die Schulbehörde — ich will, daß mein Kind etwas lernt — ich will aber an erster Stelle, daß mein Kind gesund bleibt. Fünf Kinder sind aus der Schule, zum Teil jetzt beim Militär, und noch hätte ich bis jetzt die erste Schulstrafe zu zahlen, ja, noch hätte bis jetzt eines meiner Kinder das erste Mal ohne begründete Entschuldigung in der Schule zu fehlen. Jetzt auf einmal täglich zweimal durch Wind und Wetter zur Schule, sodaß oa5 Kind von morgens 6 Uhr bis nachmittags 4 Uhr vom Eltern- hause abwesend ist, das erweist sich auf die Dauer als unmöglich, ohne ernstliche Gefährdung der Gesundheit der Kinder. — Ich hoffte auch unterdes auf Gewäh. rung unserer an die Königliche Regierung gerichteten Bittgesuche um Aufhebung dieser für unsere Verhält, nisse undurchführbaren Verfügung, hatte ich doch schon gehört, daß es Verfügungen gibt, nach denen es der Schulverwaltung zur Pflicht gemacht ist, bei Einteilung der Unterrichtszeiten darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Kinder am gemeinsamen Familientisch teilnebmen können. Allerdings wurde mir bedeutet, daß diese Verfügung nur für Städte gelte. Nun hoffte ich, daß unsere Besorgnis doch noch als begründet erachtet und die Schulversügung zurückgenommen werde mit Rücksicht auf die in der letzten Zeit von der Königlichen Regierung so sehr geförderte Körperpflege der Jugend; ich konnte mir nicht denken, daß gerade unsere Kinder unbedingt leisten müßten, was ihre Gesundheit nach kurzer Zeit untergraben muß. Der Arzt hat so schon bekundet, daß in unserem Dörfchen doppelt so viele kranke Kinder jahraus, jahrein seien, als in dem dreimal größeren Dorfe Dipperz. Jene haben die Schule im Dorfe. Der Arzt führt viele Erkrankungen auf den ungemein schwierigen Schulweg (Witterung) zurück. Heber 86 Prozent unserer Kinder sind ja auch kürzlich von zwei Aerzten für nicht wegefähig erklärt worden. Ich halte meine Besorgnis für die Gesundheit meinet Kinder nach meinen Erfahrungen auch weiterhin für begründet und so gibt mir mein Gewissen, trotz der Bestrafung durch den irdischen Richter, recht; und Va- terliebe macht es mir möglich, mir zur Erlegung der in diesem Falle angedrohten Schulstrafen mir lieber meine zwei Kühe aus dem Stalle pfänden zu lassen, als die Gesundheit meines Kindes aufs Spiel zu setzen, ja eher als die Gesundheit meines Kindes, eher opfere ich meine Hütte.
f. Frankfurt a. M., 5. Dez. 1913. Auf dein großen Gelänbe zwischen Seckbach unb bem Norbenb beabsichtigt bas Hospital. zum Heiligen Geist, als Eigentümerin bes Gebietes, bie Erbauung einer G a r t e n st a b t, bie nur Heine einstöckige Häuser zum Alleinbewohnen für Arbeiterfamilien erhalten soll. Das Projekt ist schon soweit gediehen, baß eine Einigung über Fluchtlinien unb Bebauungsplan erzielt ist. Das Gelände soll in Erbpacht vergeben und die Ausführung einer neu zu gründenden Baugemeinschaft übertragen werden. In dem Unternehmen ist eine begrüßenswerte Neuerung aus dem Gebiete der Verwertung von Stiftungsgrundbesitz zu erblicken.
* Eschwege, 5. Dez. 1913. Eine bemerkenswerte schwier ig'e Arbeit wurde in der verflossenen Woche an dem großen Eisenbahnviadukt bei Lengenfeld, der allen Reisenden der Strecke Leinefelde— Treysa bekannt ist, ausgeführt. Die alten, im Jahre 1878 erbauten Brücken genügten in der Festigkeit nicht mehr den heutigen schweren Lokomotiven und der gesteigerten Geschwindigkeit der Züge und sollten durch neue Ueberbauten ersetzt werden. Am vorigen Dienstag ging bie Auswechselung des ersten Um. baues vor sich, unb am Freitag erfolgte die Auswechselung des zweiten UeberbaueS. Der neue lieber« bau im Gewichte von zirka 30 000 Kilogramm war in der Nähe der Baustelle auf einen Holzstapel in Waggonhöhe montiert und wurde in einer Pause zwischen zwei Zügen, auf einem bereitgehaltenen Wagen verladen. 'Für diese Auswechselung waren zwei große Portalkranen, welche beide Gleise überzahlten, auf bie Brückenpfeiler montiert. Jeber Kranlauf- träger trug zwei Laufkatzen (fahrbare Flaschenzuge). Freitag früh wurde ber Oberbau (Schwellen unb Schienen) von ber alten Brücke entfernt. Nach Durchfahrt bes Zuges 7.23 Uhr früh brachte eine Loko' Motive bie schon tags vorher verladene neue Brücke. Diese wurde nun in ca. 30 Minuten mit den Fla- schenzügen hochgezogen, seitlich über den leeren Wagen gefahren und auf diesen verladen. Hierauf wurde die neue Brücke, nachdem diese unter die Krane gerückt worden war, an den Flaschenzügen befestigt, an« gehoben, seitlich über die Brückenöffnung gefahren und auf die schnell verlegten neuen Lager abgefenft. Diese Arbeit erforderte ca. eine Stunde. Nach Aufbringung des Oberbaues konnte bei fahrplanmäßige Zug schon über bie neue Brücke fahren. Mehrere Bauräte unb Regierungsbaumeister von der Eisen- bahndwektion Kassel und vom Eisenbahnbetriebsamt Eschwege wohnten der interessanten Feier bei.
beiden Maßregeln verhindern, baß Speichel in die Flüssigkeit gelangt. Stroede hat mit ber so ausge- atmeten unb konzentrierten Luft nun Tierversuche gemacht. Das „Ausatemluftwasser" würbe weiter konzentriert unb bann verschiebenen Versuchsmäusen eingespritzt, von benen einige vorher durch das Gegengift des Ermüdungsgiftes unempfindlich gemacht waren, während andere unvorbereitet den Versuchen unterworfen wurden. Es stellte sich dabei heraus, daß die vorbehandelten Mäuse fast intakt bleiben, während bei nicht geschützten Tieren alle Kennzeichen hochgradiger Ermüdung, z. B. Sturz ber Körpertemperatur von 38 Grab auf 30 bis 25, Verlangsamung ber Atmung sowie Sopor (Schlafsucht) in Erscheinung treten. Daß „schlechte Luft" deswegen schlecht ist. weil sie Ermiidungsgifte enthält, scheint hierburch nachgewiesen zu sein.
— Unerwarteter Erfolg. Aus seinen Lebenserfahrungen erzählt ber „Teekönig" Sir Thomas Lipton irrt „Windsor-Magazine" eine nachdenkliche Ge- fchichte. „Als ich mein Geschäft anfing", so plaudert er, „da war ich blutarm unb brauchte jeden Pfennig, den ich verdiente, um mein kleines Geschäft auszudehnen. Als einzige Hilfe hatte ich einen jungen vierzehnjährigen Burschen. Eines Montags morgens kommt' der Junge ganz betrübt ins Geschäft unb macht so traurige Augen, daß ich ihn frage, was beim los fei." „Ach", sagt er schluchzend, „ich hab keinen Anzug, in bem ich in bie Kirche gehen könnte, Sir. Mein alter ist schon zu schlecht und einen neuen kann ich mir nicht kaufen, weil mein Vater tot ist unb ich mit meinem Gehalt ber Mutter helfen muß, bie Miete zu bezahlen." Die Sache ging mir durch den Kopf: ich backte hin und her, und endlich hracki- ich mühsam so viel von meinem schwerverbienten Gelb zusammen, um bem Jungen einen guten warmen Anzug zu kaufen. Glückstrahlenb zog er abends ab. Aber am nächsten Tage kam er nicht wieder, ■ h den nächsten auch nicht. Ich wartete noch ei’.n ;, unb als ick auch ba noch nichts von ihm hörte, l ich nach Gefchäftssckluß in seine Wohnung, um hören, was denn passiert fei. Ich traf nur bie ittfer an, eine würdig aussehende Matrone. „Ja. •n Sie, lieber Herr", sagte die Mutier auf meine | i“ nach dem Jungen, „Ricker* jetzt in seinem
neuen Anzug, dank Ihrer Güte, so anständig aus, daß wir dachten, er sollte lieber mal ein b ßchen durch bie Stabt gehen und zusehen, ob er nicht eine besser bezahlte Stellung finden könnte."
_ Sichtbarkeit des Planeten Merkur. Dieser Wandelstern gehört zu den hellsten und zeichnet sich durch fein funkelndes Licht aus; gleichwohl haben außer den mit Fernrohren bewaffneten Astronomen nur wenige Menschen ihn jemals gesehen. Coper- nicuS soll noch kurz vor seinem Tode beklagt haben, er werde ins Grab steigen, ohne jemals den Merkur gesehen zu haben. Der Grund seiner schwierigen Sichtbarkeit liegt in seiner geringen Entfernung von der Sonne, weshalb er stets in ihrer Nähe, unb also für uns in ber Hellen Dämmerung erscheint. Gegenwärtig sind die Sichtbarkeitsverhältnisse des Merkurs für das bloße Auge ungewöhnlich günstig, und man kann ihn als Morgenstern fast eine Stunde hindurch vor Aufgang ber Sonne sehen. Nach bem 11. Dezember nähert er sich 'rasch der Sonne unb ist am Enbe des Jahres wieder in den Sonnenstrahlen ber« schwunden. In seinem größten Glanze ist ber Pia- net so hell wie der Sirius, und seine Farbe ist nicht rein weiß, sondern etwas gelblich. An Größe steht der Merkur der Erde erheblich nach, indem sein Durchmesser etwa 4800 Kilometer, fein Rauminhalt i/ des Rauminhalts der Erde beträgt. Seine Umlaufszeit um die Sonne ist 87 Tage 231,4 Stunden, und genau ebenso lange dauert die Umdrehungsdauer der Merkurkugel um ihre Achse. Dieser Planet hat also eine Seite, die ewig der Sonne zugewandt ist, also ununterbrochen Tag hat, während die entgegengesetzte die Sonne niemals sieht, also in ewige Nacht begraben ist.
— Ucberlistet. Ein etwas ängstlicher Sanbbe» wohn er, der in einem Newyorker Hotel abgestiegen war, gab bem Hvtelelerk einen Hundert-Dollarschein zur Aufbewahrung, ba er sich vor Taschendieben fürchtete. Als er am nächsten Tage um Rückgabe des Scheines bat, erklärte der Clerk zu seinem größten Erstaunen, daß er nichts von einem Hundert- DoNarsckein wisse. Ter Landbewohner ging schleunigst zu einem Anwalt. „P-fchaffen Sie sich einen anderen Hnndert-Tollarscheiift, sagte ber Anwalt.
I ..neben S>e damit, beginget pgn einem Freund»
♦ Gießen, 5. Dez. 1918. Geh. Hofrat Prof. Dr. Behag,el, der bekannte Dozent der Germanistik an der hiesigen UmvecsttLt, feiert das 25jabnge Jubiläum seiner Tätigkeit an der Suboiciana. Ihm zu Ehren veranstaltet» die Stubentenicbaft einen KommerS. In den letzten seckS Jahren allem bat er 779 Kandidaten geprüft. — Die Zahl der Stu- dirrend en beträgt in diesem $Bmterfeme|ter 340 gegen 1338 im Winterha bjahr 1912/13 unb 12,2 im Winterhalbjahr 1911/12. Dir Zahl bet Höret tst nicht mitgerecknet. _ .
♦ Mainz, 5. Dez. 1913. Bet den Stadwerord- netenwahlen in Main,-Stadt und Mainz-Land haben leidet die Sozialdemokraten in sämtlichen Wahlkreisen gesiegt. Ä ...
* AnS dem $arj, 5. Dez 1913. Der gewaltige Uhu, der in früheren Jahren noch Liters tm Harze oortam, steht auf dem Aussterbeetat. Es ist in letzter Zeit mit Sicherheit feflgeftettt worden, daß noch ein Uhupaar in einem Seitentale der Bode horstet. Sonst wurde nirgends mehr die Existenz dreies groben Bogels nachgewiesen und beobachtet. Das wate alss der letzte Uhu im Harze.
' HeiUgenfiadt, 5. Dezbr. 1913. In der letzten Stadtverordneten - Sitzung entrollte der Stabtoerorb- nete Wiesmann ein Programm zur wirtschaft' lichen Hebung der Stadt Heiligen stabt, nachdem kürzlich ein Programm des Beigeordneten D. Martin zur Verschönerung der Stadt und ihrer Umgebung die Billi, ung der städtischen Körperschaften gesunden bat. Eingehend besprochen wurde u. a. die Wiedereinjühxung bet Wochenmärtte, die Einrichtung einet regelmäßigen Automobil»Verbindung zwischen Heiligenstabt-Geisleben»Dingelstädt, bte Hebung des Fremdenverkehrs und bie Heranziehung "euer Industrien, nm bei männlichen Arbeitern mehr Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Die gegebenen Anregungen sanden großen Anklang. Es soll eine Kommission ernannt werden, welche die Vorarbeiten in bie Hanb nehmen >oll. t ,
♦ Schmalkalden, 5. Dez. 1913. Gegen den Bürger- meister Vitz, ber seit 1901 in Kleinschmalkalden preußischen Anteil» amtiert und Vorsitzender der Ge- meindesparlaffe ist, stand wegen Unregelmäßigkeiten in der Kaffeniührung der Sparkasse ein Disziplinär« oerabren bevor. Jetzt entfernte sich V. von Schmalkalden. Die von der Gendarmerie folort auü enommene Fahndung ermittelte seinen Auienthaltsort im Spieß- bergbotel aus bet gothaifchen Seite, wo er vergangene Nacht verhaftet unb nack Brotterode in Unlersuchungs- hast gebracht wurde. Die unterschlagene Summe soll angeblich 11000 Mark betragen. Bitz ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
vermischter.
* Postdiebstahl. Nachts brachen Diebe in das Postamt in Mülsort bet M.-Gladbach ein, öffneten sämtliche Pakete unb raubten alles Wertvolle.
♦ Platinweike im Sauerland. Die Gewerkschaft Schlägelsberg tv Menden hat mit den Jahrchaslen Menden unb Möllmicke auf 99 Jahre einen Rieß- btaudiDertrag noiariell abgeschlossen, wodurch die Gewerkschaft bas Recht a .s Platlngewmnung unb Ad- bau aller übrigen Mineralien gegen eine entsprechend der Höhe des Gewinnes steigende Tonnengebuht über- tragen würbe. Im ganzen sinb über 100 Hektar von der Gewerkschaft erworben, welche sich fnr bte ersten Jahre zu einer Abgabe von mindestens 20000 Mark verpflichtet hat. Rian schließt daraus, daß die Schütsungen ein starkes Platmvorkommen gesichert haben müssen.
» Ein deutscher Postdireltor Reformator des ferbischen Postwejens. Auf bie Bitte Der serbischen Regierung entjanbte, wie aus Belgrad berichtet wird, bie brutsche Regierung den Postdireklot Masermann nach Serbien, Der bas serbische Post» und Telegraphen« wejen nack beutfebem Muster einriebten wirb.
♦ Todesstrafe für Lebensmittelfiilfcher. Dem russischen Ministerrat liegt ein Entwurf vor, der das geltende Gesetz über Lebensmittelfälschungen abändern soll. Das neue Gesetz bestraft die Schädigung der Gesundheit durch Verfälschung von Lebensmitteln mit den härtesten Strafen: Zwangsarbeit, Prügelstrafe und sogar Todesstrafe. Den beamteten Aerzten soll in Zukunft die Ueberwachung des Handels mit Lebensmitteln übertragen werden. Eine große Zahl von Saboratorien soll eingerichtet werden, in denen auf Antrag jedes Menschen die Untersuchung beanstandeter Lebensrnittel vorgenommen werden muß.
dem Hotel zurück. Entschuldigen Sie sich beim Clerl wegen Ihres Versehens; sagen Sie, Ihr Gedächtnis hätte Ihnen einen Streich gespielt, Sie seien entweder betrunken ober einfach geistesabwesend gewesen. Deponieren Sie den zweiten Hundert-Dollarschein tn Gegenwart Ihres Freundes bei dem Clerk, und dann kommen Sie wieder her." Ohne zu verstehen, was weiter daraus werden sollte, tat der Landmann, was der Anwalt ihm sagte. „Nun", sagte der Anwalt bet feinem zweiten Besuche, „gehen Sie allein zu dem Clerk und bitten Sie ihn um den Hundert-Dollarschein. Da er weiß, daß Ihr Freund gesehen hat. wie Sie ihm den Schein gaben, wird er Ihnen den zweiten Schein anstandslos zurückgeben. Am nach- ften Taae gehen Sie nochmals mit Ihrem Freunde zu dem Clerk und verlangen Sie dreist die hundert Dollars zurück. Da der Clerk keine Zeugen dafür hat, daß er Ihnen den zweiten Schein gegeben hat, wird er nunmehr auch den ersten Schern zurückgeben müssen." Die List wirkte nach Wunsch.
— Ein phqfstaUscker Versuch. Jeder kennt dar Experiment, bas der Maadeburger Bürgermeister, der gelehrte Pdysiker Guericke im Jahre 1654 mit ,wei Halbkugeln anstellte, bie, nur fest zusammen« gehalten, nach dem He-ouspumpen ber Lust nicht einmal von sechzehn P erben auseinandergerissen werden konnten. Das Experiment kann man leicht mit zwei gleichen Wassergläsern nackmacken. ian stellt sie so aufeinanber, baß die Ränder sich berühren, legt aber ein durchfeuchte!es Stück wem en Papieies, am besten Löschpapier, zwilchen die Ränder. Zuvor setzt man em kleines Stück eines Stcarin- ÜchteS in bas untere Glas unb brennt bas Licht an. Die Lust erwärmt sich, behüt sich dem zufolge auS unb wirb zum Teil herausgetrieben. Das Licht verbraucht ben Sauerstoff ber übrigen Lust unb «lucht sehr icknell von selbst. Das Innere beider @laier enthält nun nur noch sehr verdünnte Luit, welch« hinreicht, beibe Gläer so fest aneinanberzuhallen, baß man sie, von oben angeiafjt, eine ganze Weile hockheben kann. Versuchen aber zwei Perionen bte Gläser aureinanderzubringen, so müssen sie schon ernt ganz beträchtliche Gewalt anroenben. no.