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Donnerstag den 4 Dezember 1913»
fir. 280»
Crstes Blatt
40. Zahrgang.
waliuug ist einmütig und hinter ihr stehen alle elsässischen Bürgermeister. Nicht die Politik der starken Hand, sondern die Gerechtigkeit ist bei uns angebracht und nur diese hat Aussicht auf Erfolg. (Beifall.)
Abg. Peirotes (Soz.) begründet die sozialdemokra. tische Interpellation. Er bemerkt, Zabern ist die deutschfreundlichste Stadt im Elsah und war es auch zu frcmzöi. Zeit. Andernfalls wäre es angesichts der flagranten Gesetzesverletzung ganz anders dort her- g’rt 'i gen und da sieht b-r Kriegsminist-r auf und hält n ch eine Entschuldigungsrede. Du-ch diese hat er sich mitschuldig gemacht. (Unruhe.) Solch ein Mann wie der Leutnant Forstner gehört nicht in das Reichsland, der mit geladenem Revolver zu Tisch geht und die Speisenkarte aufspießt, wenn das „französische" Wort Goulasch daraufsteht. Die Information des Kriegsministers ist völlig unzureichend, er hat zweierlei Recht proklamiert; auf der einen Seite steht die sehr milde Strafe gegen den Offizier,-den Rekruten aber wird Verletzung des Fahneneides vor. geworfen. Sett wann find schnodderige Redensärteu eines unreifen Bu schon durch das Dienstgeheimnis geschützt? Die Eisatter bedanken sich für russische Kul. V" "
Unruhe links.) Ich lege scharfe Verwahrung dagegen ein, daß der Abg. Peirotes unter nicht misizuverstehen- dem Hinweis auf die Offi-iere von H och b*e r r a t ge- svrochen bat. sZuruie der Soz.: Es war Hochverrat!) ES ist nicht richtig, die traurigen Vorgänge in Zabern als den Ausbruch eines tiofg henden Gegensatzes zwi- । scheu Militär und Zivil anzuseben. Der Vorfall ist aus verhältnismäßig kleinen örtlichen Vorgängen,, aus kränkenden Worten in der Kaserne, aus bubenhaften Schmähungen auf der Straße, unter fortgesetzter Steigerung von Wirkung und Gegenwirkung erwachsen. Wir wollen nicht an der Vergangenheit festkleben, sondern in Me Zukunft sehen. Es kommt darauf an, daß in Zabern wieder normale Verhältnisse einkehren und eine gesunde Kooperation zwi'chen den Organen der Gewalten sich einstellt. Dazu gehört ein andauernder Kontakt zwischen Zivil, und Militärbehörden und die Wiederherstellung des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Militär und Bevölkerung, wie es in Deuischl nd allgemein ist und in Zabern war. lHört, hört!) Ein General n't nach Zab rn entsandt worden, um von militärischer Seite das Nötige zu tun. Hoffentlich unterstützt die Bevökerung das Bestreben der Behörden. Mit Rücksicht auf die Erregung war ich be- muht, den Fall objektiv darzulegen. (Wid-rspruch und Lachen bei den Soz.) Ich habe vorigen Montag gesagt: Die !l u t o r i tä t der öf f e n t l l ch ; n Gewalt muß eb°nso geschützt werden wie die Autorität des Gesetzes. Dabei bleibe ich, und werde ich blechen. (Beifall rechts. — Andauernde Unruhe bei den Sezialdemekraten.)
Kricgsminister von Falkenhavn: Meiner Antwort auf die kurze Anfrage über die Vorgänge in Zabern habe ich für die Zeit vom 6. bis 11. November nichts hinzu z u f ü g e n. Natürlich konnte meine Antwort nicht die Zusicherung enthalten, daß sich die Militärbehörden von lärmenden Tumultuanten u. hetzerischen Preßorganen ... (Ungeheurer Lärm bei einem großen Teile des Hauses. Tie unablässigen Zwischenrufe verhindern den Minister minutenlang am Weitersprechen. Ter Präsident versucht vergeblich Ruhe zu schaffen. Als endlich nach längerem Tumult Ruhe eintritt, wiederholt der Minister seine Worte, worauf der L ä r m sich erneuert. Stürmische.Zurufe vonseitett der Sozialdemokraten. Ter Präsident ruft mehrere sozialdemokratische Abgeordnete zur Ordnung.) Die Zusicherung nämlich, daß die Militärbehörden sich den von lärmenden Tumultuanten u”i» betzeri» ,
Reichskanzler v. Bethuian -Hollweg: Nich den Erhebungen der amtlichen Stelle stellen sich die Zaberner Vorgänge also dar: Der Leutnant v. Forstner hat seinem Auftrage entsprechend die R kruten darüber belehrt, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie angegriffen wurden. Er bat dab i auch eine Geldprämie ausgesetzt Iür denjenigen der einen Angreifer nleberstäch.'. Der lnteroffizier Jjat die Prämie erhöht. Diese Aussetzung einer Geldprämie ist eine Ungehörigkeit. Weiter hat der Leutnant die Rekruten vor dem Eintritt in die Fremdenlegion gewarnt. Er hat dabei mit Bezug auf den Dienst in der Legion einen ungehörigen Aus- druck gebraucht. Daß er die französische Fahne beschimpft habe, ist nach dem Ergebnis der bisherigen Untersuchung un-ichtig. (Hört, hört! rechts.) Es mutz Klarheit darüber geschaffen werden, ob es doch so ist und eine weitere Untersuchung ist im Gange. Jedenfalls darf ein solcher Ausdruck über eine Armee, mit der wir vor 40 Jahren in so ehrenvoller Weise die Waffen gekreuzt haben, in der deutschen Armee nicht gebraucht werden. Weiterhin hat Leutnant von Forstner drei elsässische Rekruten als „Wackes" angeredet.
I scheu Preßorganen gepellten Forderun- ■ gen fügen sollten. (Erneute Entrüstungs- und Zurufe: Herunter von der Tribüne!) Das ist der sprin-
I gende Punkt, um den sich seit dem 9. November der ganze Sektakel in Zabern drehte, u. es sind nicht mehr die mehr.
I oder minder übertriebenen Verfehlungen dos Leutnants oder seiner Rekruten. Man wollte durch Pretztreibereien ungesetzlichen Einfluß üben. (Unruhe und
I Lach, links.) Wären die Militärbehörden zurückgewichen, I w wäre vielleicht für einen Augenblick Ruhe geschaffen, I ober die Ruhe wäre trügerisch gewesen, I denn der Appetit kommt beim Essen. Der Versuch würde dann Nachfolger gefunden haben. So nähert man sich
I aber dem Chaos. Wir wünschen Ruhe und Ordnung, sowie Aufrechterhaltung der Gesetze. Die Armee konnte also nicht zurückweichen. (Andauernde
I Hnru^e un& Lärm links.) Die Armee ist ein Teil des Volkes .(Lachen links.) Das beweist die unbestreibare
I Tatsache, daß nicht ein Stein dieser stolzen Mauern hier stände, ohne die Tätigkeit des Heeres. (Schallendes Gelächter und Zwischenrufe links.) Wie der Sauerstoff
I Zum Atmen gehört, gehört die Autorität, die Disziplin I und das Ehrgefühl zur Armee. Die Disziplin' ist nichts I aufrecht zu erhalten, wenn durch unverantwortliche und I ununterrichtete Treiber die Entschließungen der verant- I wörtlichen Stellen beeinflußt werden. Ich spreche von I dem Ehrgefühl, daß es den Soldaten nicht einen Augen» I blick zweifelhaft sein soll, wenn es sich um die Entschei- I oung zwischen Schande und Tod handelt. (Rufe links: I <§u,r ®nc£>e!) Der Soldat darf nicht dauernd planmäßige I Beschimpfungen ertragen. Die Armee braucht junge I Führer so sehr, daß sie gern die manchmal etwas täppischen Aeutzerungen ihres jugendlichen
I Uebermutes in Kauf nimmt. (Lachen links und im Zentrum.) In einem Eingesandt des „Zaberner Tage-
I blattes" heißt eS, daß die Skandalfälle der letzten Zeit I f° z"m Himmel schreien, daß die deutschen Behörden zu I gunsten einer hochverräterischen Anarchie abdanken muß-' I ‘en, wenn sie nicht mit Entschiedenheit eingeschritten I wären. Ich bedauere eS sehr, wenn die Armee einmal) I vorgehen muß, trotz wiederholter Warnungen. Geschieht' I es dann aber, so sind Härten unvermeidlich.
I (Lärm links.) Wie kann ein deutscher Abgeordneter es provokatorisch nennen, daß der Leutnant mit einigen
I Leuten eskortiert sich Schokolade kaufen ging. Aber Ware' I es besser, wenn etwa ein Offizier ohne Mannschafts- I Begleitung den Mann, der ihm ein unflätiges Schimpfwort zuruft, den Degen durch den Leib stößt (Stürm. Hört! Hört! Abg. Ledebour ruft: Aufforderung
I zum Mord!) oder daß er eine Patrouille mitnimmt, I die den Schimpfenden festnehmen und der Polizei übergeben kann. (Große Unruhe und lebhafte Zwischenrufe
I links.) Wi- kann man heute noch nach sieben Jahren I dem General Deimling seine Entgleisung im Reichstag vorwerfen! Im Reichstage sind schon mehr Leute
I entgleist. (Große Heiterkeit und ironische Zustimmung. I Zuruf: Deimling ist heute genau derselbe wie damals!) I Das ist ja das Beste an ihm. (Schallendes Gelächter links.»
I . Auf Antrag des Abg. Haase (Soz.) findet eine B e- I sprechvng der Interpellation statt. j
Abg. Fehrenbach (Ztr.): Das Unzulängliche, hier
I wird's Ereignis. (Lebh. Zustimmung.) Das Unbegreif. I iiche, hier wird's getan. (Erneute Zustimmung.) Das war unser Empfinden bei den eben gehörten Ausfüh. rungen. (Stürm. Beifall.) Das Gefühl der S8 e.1 schämung ist über uns gekommen, dazu gesellt sich'
I der bittere Schmerz über die moralischen Verluste dieses Unglücksmonats. (Lebh. Zustimmung.) Ich werde mich durch die allergrößte Aufregung, nicht einmal durch die Aufregung meines' unmittelbaren Vorredners von meiner Absicht abbrin-
I gen lassen, ruhig und gerecht die Sache zu behandeln. Unser Zweck wird es fein, zu unserem Teile an den Schäden, die eingetreten sind, und die wir noch weiter befürchten, heilend zu arbeiten. Ich bedauere nur außer, ordentlich, daß meine bestimmte Erwartung, dahin, durch die Ausführungen des Reichskanzlers und des Kriegsministers eine mächtige Vorarbeit vorzufinden, so schwer enttäuscht worden ist. (Sehr richtig!) Es wird mir keiner int Hause, der mich kennt, und meiner Partei auch niemand nachsagen können, daß uns und mir das Gefühl für Autorität abgeht, (Sehr rich. tig!) daß wir nicht voll bestrebt sind, auch die Bedeutung und die Machtstellung unseres Militärs in dieser Be- Ziehung zu würdigen. Aber was heute hier vor. getragen worden ist, das klingt aus einer anderen Welt. (Stürmischer Beifall.) Das war so schmerzhaft, da gibt es gar keine Neber- b r ü ck u n g mehr (Stürmischer Beifall in der Mitte und links.) Das Recht geht voran! Und wenn der Reichskanzler sagt, er wolle Schützer des Gesetzes- aber auch Schützer der öffentlichen Gewalten fein, dann sage ich: das zarteste Pflänzchen, das des meisten Schutzes bedarf, ist Recht und Gefetz (Sehr richtig!), und wenn Recht und Gesetz beeinträchtigt werden durch eine öffentliche Gewalt, dann sind die hiesigen Stellen berufen, Remedur eintreien zu lassen und ein kräftiges Wort zu sprechen. (Lebhafter Beifall.) Wir haben ja einige bedauernde Steuerungen über das Vorgefallene in Zabern gehört. Aber haben wir irgend etwas gehört, was dagegen gemacht wird? (Sehr gut!) Wie soll Remedur geschaffen werden? Wir haben darüber nichts gehört. (Stürm. Zustimmung.) Wir haben Ausführungen vom Reichskanzler gehört, die er auf Berichte der Militärstellen stützt. Und was wir vom Kriegsminister gehört haben — dieser Mur, dieser unnötige Mut, diese unnötige Forschheit und dieser Schneid, wenn der in die Herzen der jungen Leutnants einzieht, dann Gnade der Zivilbevölkerung. (Stürmischer Beifall.) Wenn ich das Wort höre von dem Säbel, der einem durch den Leib gestochen wird — (Lebhafte Rufe: Aufforderung zum Mord!) —, das war doch ein zu gewaltsames Wort. (Stürmische Zustimmung.) Unser Militär untersteht dem Gesetz und dem Recht. (Deif.) Das Militär ex lex zu stellen und die Zivilbevölkerung der Willkür des Militärs vreiszugeben — dann finis germaniae! (Sürmi'cher Beifall.) Es ist schmerzhaft, in dieser Stunde so reden zu müßen, ich will nur die Hoffnung haben, daß der Ton, mit dem der Kriegsminister gesprochen hat, nicht die Resonanz von Unterredungen ist, die kurz vorher stattgefunden haben. (Stürmischer Beifall und Sehr gut!) Das mutz ich aussprechen, es ist ein dies ater für das Deutsche Reich. (Brausende Zustimmung.) Ich hatze nicht erwartet, so reden zu müssen, es stimmt gar nicht mit der ganzen Disposition, wie ich sie mir zurechtgeleat habe.
können. Wir kennen ja im Reichstag den damaligen Obersten von Deimling vom Jahre 1906 her. Damals sagte er Abg. Müller-Sagan, so rede die Soldateska! (Lärmender Beifall links.) In diesen sieben Jahren hat Deimling nichts gelernt und nichts vergessen. Die Zivilverwaltung soll versagt haben? Sie war ohnmächtig, aber höchstens gegen die Sol. baten. Ist es nicht zum Lachen, wenn vier Sol. baten von Forstner zum Schokolabekaufen d-.gleiten müssen? Bedauerlich, daß Soldaten sich zu einem solchen Mummenschanz hergeben müssen. In die Begleitung gehören keine Soldaten, sondern eine Amme zum Trockenlegen. (Heiterkeit.) Im Manöver hätte er damals tun sollen, was andere in solchem Falle tun, und schleunigst verschwinden müssen. (Heiterkeit.) Die armen Rekruten haben ja ihre strenge Strafe erhalten und sind ins Exil gewandert. Einer aber ist un. behelligt geblieben, Leutnant von Forstner. An. derSwo wäre her Schuldige schnell über die Grenze ge. flohen, wie 18S2 in Oldenburg ein Leutnant, der die Rekruten Oldenburger Ochsen genannt hatte. Die Ochsen wurden fuchStufelSwild. Warum geht das nicht auch in Elsatz-Lothringen? Die loyal gesinnten Elsatz- Lothringer stehen heute auf dem Trümmerfelde längs"*, iger VersöhnungSastbeit. Auch die Altdeutschen im Lande sind darin mit ihnen einig. Wir hoffen aber, es gibt noch Richter in Deutschland. (Beifall links und bei den Elsässern.!
_ . . Um so mehr ist das Maul, ihm ausgeprägt. (Sehr richtig! links.) Allerdings ist Herr von Forstner nicht in der Lage gewesen, hinter seinem Vorgesetzten die richtige Beleh- rung zu finden. Dieser ist nicht geeignet, Helden zu
tur, eine Kultur der Junker. (Der Präsident rügt den Ausdruck.) Wäre von Forstner versetzt worden, dann wäre eS anders gekommen. Berechtigt sind die Klagen der elsaß-lothringischen Bevölkerung, wenn sie sagt: Werden unsere Söhne darum Soldaten, daß sie im eigenen Hause beschimpft werden können? Zahlen wir darum Steuern, um unS blaue Bohnen in den Bauch schießen zu lassen? Der Belagerungszustand sollte über Zabern verhängt werden; 45 000 Patronen waren bereit zur Verteilung. Am Mittwoch, den 26. November, also zwei Tage bevor der Kriegsminister seine Entschul. bigungsrede hielt, hatte baS Militär sich bereits die Poli. zeigewalt angemaht unb sie ber Zivilbehörde genommen. (Hört, hört!) Das ist eine flagrante Gesetze». Verletzung und bann stellt sich der Kriegsminister hin und hält eine Entschuldigungsrede, die selbstverständ. lich Herrn von Forstner unb diejenigen Leute, die mit ihm geistesverwandt sind, ermutigen muß. (Sehr richtig!) In Zabern herrscht die Säbeldiktatur. Die Haupt, schuld an den Erregungen trägt neben dem KriegSrnini. ster ber Herr von Deimling, ber Sieger au» bem Hereroland. (Große Unruhe links, stürmische Zurufe rechts unb Hochrufe auf Deimling.) Dieser Typus einer übermütigen Soldateska, diesen Herren von Deimling, dessen Auftreten hier im Reichstage stürmische Ent. rüfhtng hervorgerufen hat, setzt man uns hin. (Zurufe links: DaS ist ia unglaublich, unerhört.) — Rufe rechts: Zur Ordnung!) Heute kann man schon nicht mehr von einer Nebenregierung des Militärs reden, heute ist das Militär die Regierung. (Sehr richtig! links.) Tas Volk unter die militärische Knute zu bringen, dafür ist Herr von Deimling allerdings ber richtige Mann. Er ist mit schuld daran, daß die Ruhe unb öffentliche Ordnung gestört wurden; er ist mit schuld an dem unerhörten Rechtsbruch, er ist mit schuld daran, daß die persönliche Freiheit ber Bürger nicht geschützt ist, unb daß in Elsatz-Lothringen Gesetz und Recht von ber Militärbiktatur mit Füßen getreten werden. Man erzählt, daß Herr von Deimling von der Nebenregierung ein Telegramm erhalten bat, worin ihm daS volle Ein. Verständnis mit seinem Borgehen ausgesprochen wirb. (Lebh. Hört, hört!) Ich frage den Herrn Reichskanzler, ob daS richtig ist. Wir verlangen die Bestrafung dieser Gesetzesverletzer, dieser Hoch.
Deutscher Reichstag.
' Sitzung vom 8. Dez. 1913.
Am BundesraiStisch: der Reichskanzler, KriegSrnini. ster v. Falkenhayn, Dr. Delbrück, Dr. LiSco, Dr. Solff, Kraetke, v. Jagow, Unterstaatssekretär Mandel. Haus und Tribünen sino sehr stark besetzt. Aus ber Tagesordnung stehen die drei
I Ein Rekrut mußte sich auf Anweisung durch den Un. I teroffizier mit den Worten melden: Ich bin ein WackeS. I Für alle diese vorgetragenen Ungehörigkeiten sind der I Offizier und der beteiligte Unteroffizier bestraft wor. I den. Das ist selbstverständlich. (Lebh. Beifall.) Die I Vorgänge wurden nun durch die beteiligten elsässischen I Rekruten in die Öffentlichkeit gebracht. Deshalb gehen I die Schuldigen ihrer Bestrafung entgegen. (Beifall.) I Diese Tatsachen sind der Anlaß der späteren I Erregung. Diese Erregung und ihre Begleiterscheinun- I gen stehen in keinem Verhältnis zu den Ungehörigkeiten I einer Offiziers, begangen zwischen den Wänden einer I Kaserne. Ich halte eS für müßig, darüber zu streiten, I ob der Elsässer eine Berechtigung hat, zu *agen, daß I er durch da» Wort „WackeS" beleidigt wird; tatsächlich fühlt er sich beleidigt. Früher ist der Gebrauch des Wortes ausbrücklich untersagt worden an einzelnen Stellen, und ich kann die Erwartung auchprechen, daß nach den jetzigen Vorkommnissen und Erfahrungen daS Wort in Zukunft nicht mehr gebraucht werden wird. (Bravo!) Aber, meine Herren, ich trete den Herren doch wirklich nicht zu nahe, wenn ich meine, die Elsässer sollten doch nicht empfindlicher sein wie an. bere. (Sehr richtig.) Und wenn sie sich tatsächlich beleidigt fühlten, so bildet das doch noch in keiner Weise irgend eine Rechtfertigung dafür, daß in der Folge tat. sächlich Offiziere ober Mannschaften be- leibigt werben. (Hört, hört!) Das ist tatsächlich geschehen Nach ber dienstlichen Meldung des Generalkommandos warfen am 9. November Kinder mit Steinen nach dem Leutnant v. Forstner. Am Nachmittage versammelte-sich eine johlende Menge vor der Kaserne. Auf die beiden Begleiter des Leut, nants von Forstner wurden aus der Menge heraus Steine geworfen Am 10. November schrewn und johlen etwa hundert hauptsächlich junge Leu'e hinter Ofsi. zieren auf der Hauptstraße her, am 26 November werden mehrere Offiziere von Arbeitern, Schiffern und Jungen umringt und angeschrien. Zwei von den Schrei, ern werden vom Militär an die Polizei abgegeben. Am 20. November' wird von der Menge gejohlt und gebrüllt, als die Offiziere aus der Turnstunde kommen. Ein Arbeiter, der dem Leutnant von Forstner Schimpf. Worte nachruft, wird festgenommen. Das war un. zweifelhaft gesetzlich berechtigt. (Widerspruch der Soz.) Um Oii;ziere vor weiteren Beschimpfungen zu schützen, ließ her Oberst den Schießplatz räumen. Auch wenn zu tiefer Maßregel keine formelle Befugnis Vortag, so entstand r>e doch lediglich aus dem Bestreben Schlimmerem vorznbeugen (Lachen und Unruhe links.) Es war vollkommen verständlich, wenn der Oberst sagte, daß et so eventuell tätliche Beleidigungen der Offiziere ber. hindern wollte. (Unruhe links.) An die Räumung des SchloßplatziS schlossen sich Patrouillengänge, bei denen daS Militär gegen 80 Personen, darunter auch einige unbeteiligte Passanten, verhaftete. (Aog Stadthagen: Leidet nur einen .Staatsanwalt.) Sie wurden bis zum nächsten Tage h: der Kaserne festgehalten. Soweit fest- gestellt werden konnte, lag die gesetzliche Befug, nis hierzu nicht vor. (Hört, hört! linkst DaS Militär war ber Ansicht, baß die zivil en Sicher. EeitSotgane versagt und ben Militärs bisher keinen genügenden Schutz ge. währt hätten. Die Zivilbehörden von Zabern be« streiken das aber auf das allerentschiedenste. (Hort, hört!) Die Ansichten stehen sich also schroff gegenüber. Wer reckt hat, lohn ich noch nicht entscherden. und ob eS in ber Zukunft möglich sein wirb, im Augenblick auch nicht sagen. (Lärm links. — Zuruf des Abg. Ledebour: Das ist eine Bankerotterklärung!) Wenn mich die Herren nur auSreden ließen, und nicht ihr Urteil sprächen, bevor ber Satz zu Ende rf- (Abg. Ledebour: Der Satz war zu Enbe! — Heiterkeit) Das Militär erklärt, daß es den Zivilorganen selbst bei ber vorgenommenen Verstärkung nicht möglich ist, überall sofort zur Stelle zu fein. (Heiterkeit.) Ich glaube, baS ist nach der Vorgeschichte nicht ganz unbe- rechtigt. (Große Unruhe links.) Die Militärbe- I hörbe vertritt ben Standpunkt, daß Militärs Beleidi- I gungen nicht auf sich sitzen lassen dürfen. Ob wegen I Ges tzeSverletzung ziv lrechtlicke Entschädigun tsonsprü- I che geltend gemacht roerbne können, wird der Richter I entscheiden. Ich bitte aber, nicht zu vergessen, daß die I Armee das Recht hat, sich gegen direkte Angriffe zu I schützen, nicht nur bas Recht, sondern auch die Pflicht. I (Anbauernde Unruhe links.) Ohne das kann keine I Armee in der Welt bestehen. Der Rock des Königs muß I um er allen Umständen respektiert werden. (Andauernde I
gnterpeiationen Über die Borgöllge in zabern.
Präsident Dr. Kampf teilt mit, daß er die Interpol.
Tationen in ber Weife zu erledigen gedenke, daß sie in der Reihenfolge ber (Einbringung begründet werden unb bann ber Reichskanzler das Wort erhalte.
Abg. Röfer (DolkSpartei) begründet die Interpellation der Fortschrittlichen Polkspartei. Die ganze Affäre ist hervorgerufen durch einen übertriebenen militärischen Ehrbegriff. Es ist höchste Zeit, daß die militärische Willkürherrschaft in den Reichslanden aufhört. Sie ist der Verdeutschung nicht förderlich. Beachtenswert ■ ist, daß der Oberst und die vier jüngsten Leutnants die ganze Geschichte durchgeführt haben. Das Verbot, daS Wort W a ck e s zu gebrauchen, besteht schon seit Jahren und dieser Regierungsbefehl ist .unterschrieben: zur Kenntnis genommen, von Forstner. Trotzbem hat von Forstner Rekruten sich melden lassen mit den Worten: Ich bin ein WackeS I (Hört! Hört! Pfuirufe.) Die Be. völkerung Elsaß-Lothringens begrüßt alles, was zur Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich dien- lich ist, deshallb sollte man Rücksicht nehmen auf die dort herrschenden Gefühle. Eine Spannung zwischen Zivil und Militär habe früher in Zabern nicht bestanden, so sagt der Oberst, und ich kann eS bestätigen, daß sie auch heute nicht besteht, ausgenommen bei vereinzelten Personen, die sie von Anfang an gewollt haben. Zuerst hörte man von den Vorgängen am Donnerstag, den 6. November. Am demselben Abend ereigneten sich einige Kundgebungen, die sich am Freitag wiederholten. Am SamStag kam die Nevolteaffäre. Die jungen Leutnants haben an diesem Tage bereits provozierende Spaziergänge durch die aufgeregte Volksmenge gemacht. Am Sonntag, wenn Zabern Zuzug von aus. . ■ .. , ■ ,
Worts erhält und bie Bevölkerung durch Landpublikum I !?eträter. (S •itfdje SntniftungBrufe rechts.) erheblich verstärkt wird, war Leutnant von Forstner I Tun Sie baö mck Herr Reichskanzler, so rangiert Offizier vom Dienst und spazierte mehrmals durch die Deutschland tn den Augen deS Auslandes noch hinter Straßen der Stadt. Schließlich hatte er zu seiner Be- Venezuela unb Mexiko. (Lachen recht,.) Dann wirb deckung eine Patrouille mit gelabenen Ge. I der stolze „Cwis GermanuS , von dem der Kaiser einst wehren. Es war selbstverständlich, daß ihm an diesem gesprochen hat, zu entern verächtlichen Ding. (Unruhe Tage einige Bemerkungen nachgerufen wurden. Am I rechts.)
Nachmittag dieses Sonntages erging ein anderer Regt. I Präsident Dr. Kämpf: Ihre Ausführungen sind be. mentsbefehl, der sämtliche Offiziere unb Mannschaften I leibigenb für ben Reichskanzler unb für das deutsche in die Kaserne beorderte. Nur die vier Leut. I Volk. (Lebhafter Widerspruch bei ben Sitzialdemokra. nants, diese vier Herren, die am Tage vorher die I ten.) Wenn Sie auch nicht direkt eine Beleidigung ganzen Reibungen herbeigeführt hatten, blieben auf der I ausgesprochen haben, so lag doch jedenfalls eine Belei. Straße; sie zogen durch die Straßen mit gelockertem I bigung in dem Sinn ber Worte. Ich rufe Sie zur Säbel unb einer großen Dogge, als wenn sie nur einen I Ordnung. (Beifall rechts; Gelächter bei ben Soz.) Anlaß suchen wollten. (Sehr richtig! und Hört, hört! I t. re* ^;n „
links.) Dann kam bie Demission bcs Oberst von Reut- I V 1”t.® b*18 deutsche Volk
ter. Von diesem Augenblick an herrschte Ruhe in ber I m sondern vor Beleidigungen schützen. Stadt, alles atmete auf; aber nach zwei Tagen war ber I ..^'chskgnzler, holen S,e nach, was Sie und Ihre
Herr Oberst schon wieder da. Es hieß, ber Herr I ?bisher berfaumt hoben. Bestrafen Sie von Deimling sei mit ihm in Berlin gewesen. Als eS ®^Lb,9Ckn U»b
noch möglich war, gegen den Herrn Leutnant eine Unter- I ^8) ^ ^r Umgestaltung deS Deutschen Rei. suchung zu eröffnen, bestaub bie ganze Weisheit ber S» freiheitlichen Staat. (Beifall
Militärbehörbe darin, daß sie nach dem Staat San. I °et “en Sozialdemokraten.)
walt rief. (Zuruf links: Der war doch auch v e r. I Abg. Hauß (Elsässer) begründet die Interpellation haftet! — Große Heiterkeit.) Der Leutnant I ber Elsässer. ES ist bebauerlich, daß der Kriegsminister blieb b a, er, bet Urheber, ber sich noch durch ein Miß.' I kein Wort beS Bedauerns für das Verhalten ber Ofsi- geschick im Manöver lächerlich gemacht hatte. (Hört, hört!) I ziere in Zabern gehabt hat. Dabei gehört bie Zaberner So ist dem Volke zum Bewußtsein gekommen, daß unsere I Bevölkerung zur ruhigsten beS Landes. Einsicht, Reife
Geschicke letzten Endes von Leuten beeinflußt werden, bie I und Selbstzucht finb Begriffe, bie dem Leutnant von
uns nicht verstehen wollen, bie Trennungswände aufrich- I Forstner völlig fremd sind.
ten. (Sehr richtig!) In diesen Tagen sind ungeheure I Heldentum bei ihm auögep
Gefühlswerte in Elsaß.Lothringen ber. I loten gegangen. (Zustimmung.) Zuletzt hat man I !
sogar Leute verhaftet, weil sie gelacht haben. (Lebh. I 1 ____ ... ... ______
Hört, hört! links.) Redner kommt nun auf die Vor. I erziehen. Gleich kam et bei bem kleinen Tumult mit gange am Freitag abend zu sprechen. Da war ein I ben Worten: Er werde jeden zur Strecke bringen, der Schreinermeistet Levv. Et hörte das Trommeln auf I sich zur Wehr setzt. Er hat gegen da? Gesetz Verden, Schloßplatze und glaubte, eS brenne. Er lief hin- I stoßen und im „Zaberner Anzeiger" Hausfriedensbruch unter, und als er vor die Tür trat, sollte er verhaftet I beiübt. DaS Betrübendste ist, daß er sich auf höhere werden. Et sprang ins Haus zurück, und vier MuS. I Stellen berufen kann. (Hört, hört!) Auch in ketiere mit aufgepflanztem Seitengewehr verfolgten ihn I Altdeutschlanb ist man jetzt bet Ansicht, daß solche Zu. bis in ben dritten Stock hinauf. (Hört, hört? und Lachen.) I stände in Elsaß-Lothringen nicht länger bestehen bleiben Seine 78jähtige Mutter tritt den Soldaten entgegen. *" "
Sie halten ihr aber die vier Bajonette auf bie Brust. (Lebh. Hört, hört!) Die Frau wird ohnmächtig, unb ber Mann wird nach ber Kaserne in ben Panduren- keller geschleppt. Auch ein kleiner Junge, ber ein Heft kaufen wollte, würbe verhaftet, ebenso ein Mann, der zum Zahnarzt ging ferner der Redakteur des Ion. servativen „Zaberner Wochenblattes", unb sogar ber Staatsanwalt Dr. Kleinböhme. Der Oberst erklärte ben Vertretern ber Zivilbehörden unb bem Staatsanwalt, er habe nach niemanden zu fragen, er hanble auf höhern Befehl. (Erneute EntrüstungSrufe.) lieber daS Lachen dürfen bie Herren vom Militär sich nicht wunbern. Was soll man beim anders tun, wenn sich jemand wie Leutnant von Forstner beim Einkauf von Schokolade von vier Bajonetten begleiten läßt? (Sehr richtig!) Uebrigenk haben nur kleine Jungen ge- lacht. Den Herren vom Militär scheint die Empfindung dafür zu fehlen, wie lächerlich es ist, kleinen Kindern mit bem Säbel nachzulaufen. Aus dem ganzen Laude kommen Protefffundgebungen. Man soll nicht nach den Rezepten der altdeutschen Ebauvinisten verfahren, bet unS im Elsaß ist nur eine Politik des Rechts unb der Gerechtigkeit am Platze. Beseitigen Sie bie Ursachen der D->"nruhigungen, dann wird es sich zeigen: Gerechtigkeit erhöht ein Polk. (Lebh. Beifall links und im Zentrum? Der Protest der Gemeindever-