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Monats-Vellage:

40. Jahrgang.

Mittwoch den 3* Dezember 1913»

€rftes BlotL

Nr. 279.

Zn der Schule des Leidens.

37] Roman aus dem New-Dorker Leben.

Von Erich Friesen.

Das Mädchen lächelt bei diesen Worten. Augen­scheinlich liebt es das Kind.

Das Herz der Mutter frohlockt.

Eine Warmfühlende Seele! Vielleicht — vielleicht ---Felicie wagt kaum weiter zu denken.

Plötzlich faßt sie einen Entschluß.

Mit einer heftigen Bewegung reißt sie sich den Hut vom Kopf. Frei und fessellos flutet die schwarze Lockenfülle um Stirn und Schläfen.

Verwundert blickt das Mädchen auf die eigentüm­liche Dame. Sie sieht auf einmal ganz verändert aus — so sein, so vornehm, so durchgeistigt. . . .

„Schließen Sie die Tür noch nicht!" flüstert Fe­licie hastig. „Ich will Ihnen sagen, wer ich bin!"

„Dann aber schnell! Ich habe wenig Zeit!"

„Lassen Sie mich eintreten! So! Ich weiß nicht, warum ich Vertrauen zu Ihnen fasie. Vielleicht, weil Sie mein Kind lieben. Was ich Ihnen jetzt sagen werde, muß tiefstes Geheimnis zwischen uns bleiben — verstehen Sie? Sie bringen sonst mich und den kleinen Walter in tiefstes Unglück!"

Die Augen des Mädchens öffnen sich weit. Ihre Neugierde erwacht.

„Ich werde nichts ausplaudern. Sprechen Sie nur!"

Können Sie sich nicht denken, wer ich bin?"

Nein."

„Haben Sie nie etwas von Walters Mutter ge­hört?"

„Nein."

„Ich — ich bin seine Mutter."

„Sie —?"

— und heut« aus dem Gefängnis entflohen!" „Großer Gott!"

Das Mädchen weicht zurück.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 2. Dezember 1918.

Auf der Tagesordnung stehen

Kurze Anfrage«.

Auf die Frage zweier nationalliberalen Abgeordneten wegen der Anforderungen an die SU kaufenden 1t e« menten erwidert Generalmajor Wild v. Hohenborn. Die Anforderungen muhten zwar erhöht werden, auf die diesjährigen Remontebestande wird aber Rücksicht genommen, sodaß der Markt mcht beeinträchtigt wird 8 Auf die Frage der Abgg. Waldstem (Vp.) und Hoff ivp.l wegen des Wehrbeitrages erwidert Staats­sekretär Kühn: Der sogen. Generalpardon kommt allen Personen zugute, die die Voraussetzungen der subiektwen WehrbeitragspfliLt erfüllen, tote ste m ben §§ 10 unö 11 des Gesetzes näher bestimmt sind. Er habe die Bun. deSreaierunaen ersucht, in die öffentliche Aufforderungen nicht bloß den betr. Wortlaut des Gesetzes, sondern auch eine Belehrung über dessen Bedeutung aufzunehmen, oder für anderweite Bekanntmachung einer solchen Be. lehrung Sorge zu tragen.

Aus die Frage des Abg. Dr. Quarck (Soz.) wegen der Verbandlungen über die Erneuerung der Handelsverträge erwidert Ministerialdirektor Müller' Die vom Statistischen Amt vorgenommenen Vorarbeiten betreffen nicht die Erneuerung der Handels­verträge Die Voraussetzungen der Anfrage treffen also m*9IufU‘ die Frage der Abgg. Feldmann und Sachse (Sozialdemokraten) betr. die Maul» und Klauen­seuche in einigen schlesischen Kreisen erwidert Mini, sterialdirektor von Ionquic-res: Die Abschlachtungen erfolgten nach Anweisung des Viehseuchenyesetzes. Die Seuche ist in den betreffenden Kreisen mit Ausnahme von zwei Gebösten erloschen. Irgendwelche Beschwer, den von den Besitzern sind an das LandwirffchaftSmini. sterium nicht gelangt. .

Auf die Anfrage der Abgg. Dr. Haegh (Elsässer) und Genossen wegen der Vorgänge tn Zabern vom 28. November erwidert Generalmajor Wild v. Hohen­born: Dem Reichskanzler sind die Vorgänge in Zabern, tote er gestern hier ausgeführt hat, bekannt. Die getrof­fenen Maßnahmen wird er morgen hier darlegen. (Lachen und Heiterkeit links.)

Es folgt die Interpellation der Abgg. Arnstadt und Genossen (kons.). Die Interpellation betrifft die Hin­ausschiebung des Inkrafttretens der Bestimmungen über die Krankenversicherung in der ReichsversicherungSord- nutift.

llnterstaatssekretar Dr. Richter: Der Reichskanzler ist bereit, die Interpellation in der zweiten Hälfte der nächsten Woche zu beantworten. Es folgt die Abstim- tuntig über die

Wahlprüfungen.

Für gültig werden erklärt: die Wahlen der Abgg. Dr. Henenscheidt (Rpt.), Graf Carmen-Osten (kons.), Dr. Burckhardt (W. Vgg.), v. Bonin (kons.), Reck (kons.). Beweiserhebung wurde beschlossen bei den Wah- len der Abgeordneten Peus (Soz.) und Dr. Pachnicke (Vp.). Für ungültig werden erklärt die Wahlen her Abgg. Haupt (Soz.) und Kuckhoff (Ztr.). Be- weiSerhebung wurde ferner beschlossen für die Wahl des Abg. Laser (natl.). Für gültig werden schließlich noch erklärt die Wahlen der Abgg. KopschsVp.), Dr. Cobn-Nordbausen (Soz.), Sosinski (Pole) und Her­zog (Wirtsch. Vgg.)

Hieraus beginnt die

Etatsberatung.

Reichsschahsekretär Kühn: Bei der Aufstellung des Ihnen vorliegenden Etats haben die Verwaltungen sich bemüht, die innere Festigkeit und die solide Basis aufrecht zu erhalten und nickt von den erprobten Grund- sähen abzutoeicken. Die Gleickung, die wir zwischen Ein­nahmen und Ausgaben aufzustellen haben, hat diesmal mit zwei Unbekannten zu rechnen, nämlich den Erträgen des Wehrbeitrages und der künftigen Gestaltung der Konjunktur. DaS Ergebnis des Wehrbeitrages wird erst bekannt fein, wenn es für diesen Etat berests zu spät, wenn bereits ein Teil des nächsten Jahres ins Land gegangen ist. Ihre Kommission ging s. Zt. bei der Finanzierung der Wehrvorlage davon aus. daß der Wehrbeitrag mit 1200 Millionen, also mit annähernd fünf Viertel Milliarden einzuschätzen sei. In­

zwischen haben sich Stimmen erhoben, von hervorragen, dc' saLkut'tipec Seite, die Deutschlands Wohl- stand noch höher einschätzen. (Hört! Hört!) Wtr wollen wünschen, daß sie recht behalten und daß die große Inventur, die zu Anfang des neuen Jahres 'm T eutlcken Reiche ausgenommen wird, den w i r t s ch a f t- lichen Fortschritt wieder in hellem Lichte er- scheinen läßt. «Lebhafte Zustimmung.) Bei dem Dunkel, das darüber herrscht, dürfen wir aber auch nicht die Möglichkeit außer acht lassen, daß daS Ergebnis u n gü n st ig e r ausfällt, als man ursprüngltch annahm. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls war es eine bedeutsame Tat des nahezu einmütigen Reichs, tages, daß er, als die Notwendigkeit einer Milliarden- ausgabe an ibn herantrat, diese auch nicht zu einem Teile auf die Zukunft abzuschieben versuchte, sondern sofort die volle Deckung beschloß. Nachdem einmal so riefenljcifte Anstrengungen gemacht worden sind, um in schwerer Zeit das finanzielle Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, wird man auf die Dauer an den strengen Grundsätzen unserer F i n a n z g e ba h r u n g festhalten müssen. (Sehr richtig!) Da die Nation nun eimal so gewaltige Last auf sich genommen hat, wird die Inanspruchnahme der Steuerzahler für die nächsten Jahre nur in schonender Weise

erfolgen dürfen, und es wird der ganzen Kunst der Finanzierung bedürfen, um zu einer Beschränkung der Reichsausgaben auf das wesentlichste zu ge. langen. (Lebhafte Zustimmung.) Keinesfalls darf die Reichsfinanzverwaltung leichtfertig und ohne sorgfältige Erwägung weiterhin die Forderungen bewilligen, die in großer Zahl an sie herangetreten sind. Die Reichsfinanz. Verwaltung rechnet darauf, bei dieser Auffassung den Reichstag an ihrer Seite zu haben. (Sehr richtig!) links.) Das zweite Element von Bedeutung ist die Weiterentwicklung des Geschäfts, und ArdeitSmarktes. Die mitten im GeschästSleben Stehenden verschließen sich nicht länger der Ueberzeu. gung, daß wir in den Perioden des Auf und Ab der Verhältnisse wieder einmal an einem Gipfelpunkt ange. langt sind. Ob wir auf dem Hochplateau mit geringen Unebenheiten weiter wandern oder ob bereits und in welches breite und tiefe Tal sich der Blick öffnet, wer vermag das zu sagen? Man wird aber anerkennen müs. fen, daß sich dem ruhigen Beobachter auch erhebliche AuS. blicke bieten. Die Lage der Reichsbank war bisher be. sonders glänzend, wie besonders die Handelsbilanz und daS Erträgnis des Wechselstempels zeigt. Auf der an. dem Seite fehlt es nicht an Anzeichen für ein Abflauen der ErwerbStätigkeit und wir werden uns auf einen gewissen Abstieg ein richten müssen, wenn die. fer auch nicht so plötzlich eintreten wird und sich so nach, haltig zeigen wird, wie im Jahre 1907. Eine Stütze wird in dieser kritischen Zeit unser WirffchaftSleben in der diesjährigen Ernte finden. Der Schatzsekretär be. sprach dann weiter die einzelnen Etats. Trotz der im Frühjahr 1912 aus Anlaß der damaligen Wehrvorlage notwendigen Erhöhung der Ausgabepositionen haben wir am Schluß des JahreS 1912 noch einen Ueberschuß von 77 Millionen zu verzeichnen. Die kriegerischen Entwickelungen auf dem Balkan haben bei der damals noch allgemein günstigen Geschäftslage in Deutschland die Entwickelung unserer Zoll, und Steuer, einnahmen nicht zu hemmen vermocht. Die deutsche Zuckererzeugung deS abgelaufenen Betriebsjahres bildet geradezu eine Weltrekordernte. Trotz der Beun­ruhigung, die vom Südosten Europas auSging, und trotz der Stockung der Wirtschaftsbewegung sind die Einnah. menergebnisse bisher so günstig gewesen, daß selbst der hohe Etatssatz noch übertroffen werden würde, wenn nicht ein Ausfall an Getreidezöllen einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Die reichliche Körner- ernte von 1912 und 1913 haben den Bedarf Deuffcklands an AuSlandSgetreide bedeutend herabgemindert. So er. freulich es ist, daß die deutsche Landwirtschaft dem Ziel, den heimischen Getreidebedarf voll zu decken, näher gekommen ist: für die Reichskaffe bedeutet eS einen Ausfall. Der Etat schließt im ordentlichen und im außerordentlichen Etat mit Mindererträgnissen in den Gesamterträgen ab. Wenn wir trotzdem froh fein müssen, daß wir in diesem Jahr nicht mit einem Defizit abschließen, so hat daS seine Ursache in den Mehrausgaben der Einzelverwaltungen. Geht der Wehrbeitrag in der erwarteten Höhe nicht ein, so stehen wir einer schwierigen Situation gegenüber, die wir schon jetzt ins Auge fassen müssen. Wenn ange­sichts einer ungewissen Zukunft große Vorsicht geboten

„Ja, ich bin Frau Barrington und komme direft aus dem Gefängnis," wiederholt Felicie ruhiger. „Diesen Hut und die rote Bluse legte ich nur an, um mich unkenntlich zu machen. Glauben Sie mir oder nicht?"

Ein paar Sekunden blickt das Mädchen fest in Felicies voll zu ihm aufgeschlagenen Augen. Dann entgegnet es ernst:

„Ich glaube Ihnen."

„Darf ich eintreten und mein Kind sehen?"

„Ja.

Sanft faßt das Mädchen Felicie bei der Hand und zieht sie in den Korridor.

„Führen Sie mich in das Zimmer meines Man- nes! Das Kind schläft gewiß daneben?"

„Nein, das Zimmer des Kindes liegt neben dem gemeinschaftlichen Salon."

„So führen Sie mich ins Kinderzimmer. Ist meine Mutter — ich meine Frau Mackay, bei Walter?"

„Nein, Madame. Frau Mackay ist auch im Thea- ter. Ich habe versprochen, oft nach dem Kinde zu sehen. Es ist ein sehr gutes Kind — schläft gewöhn­lich die ganze Nacht hindurch. Kommen Sie, Ma- dame!"

Mtt zitternden Knieen eilt Felicie dem Mädchen nach — durchs Eßzimmer, durch den Salon, hin zum Kinderzimmer. Vor ihren Augen dreht sich alles. Wiederholt lehnt sie sich an die Wand, um neue Kraft zu sammeln.

Jetzt öffnet das Mädchen bi« Tür nach dem Kin- derzrmmer.

Felicie tritt ein.

Im ersten Augenblick vermag sie nichts zu er­kennen. Die Vorhänge der beiden Fenster sind herab­gelassen. Auf dem Tisch brennt eine kleine Nacht­lampe, alles um sich in dämmeriges Halbdunkel hüllend.

Doch nach und nach unterscheidet Felicie die ein­zelnen Gegenständ«.

ist, wird es doch möglich fein, nicht nur für dringliche materielle Bedürfnisse, ich möchte sagen für das tägliche Brot des Reiches, sondern auch für eine ganze Reihe auf weiterem Gebiet liegende Forderungen Vorsorge zu tref­fen. Daß zahlreiche Wünsche unberücksichtigt bleiben müßten, ist eine unvermeidliche Folge der Lage. Ein- scyränkung und Bescheidung müssen heute, und ich füge hinzu, auch in Zukunft, uns ge­fielen fein, wenn wir nicht die Verhältnisse entweder des Firanzwesens oder der Steuerzahler in unheilbare Zerrüttung bringen wollen. (Hört! Hört!) Ein früherer Minister hat ein von ihm herausgegebenes volkswirt­schaftliches Werk mit dem Ausspruch eines alten römi- schen Schriftstellers als Motto versehen. Der Ausspruch geht dahin: -Die Menschen wollen nicht ein. sehen, eine wie große Einnahmequelle sie an der Sparsamkeit haben." (Heiterkeit und Hört! Hört!) Das heißt, in die parlamentarische Sprache unserer Zeit übersetzt: Man glaubt nicht, wie großen und folgenschweren Steuerkämpfen und Steuer­nöten man aus dem Wege gehen kann, wenn man nur rechtzeitig die Ausgaben den jeweilig ver. fügbaren Mitteln anpaht. (Lebhafte Zustim­mung — Heiterkeit! Zurufe: Sagen Sie das doch dem Bundesrat!) Meine Herren, das gilt für alle, für beide gesetzgebenden Körperschaften sowohl wie für die Breiten Massen der Bevölkerung. Jeder muß unerfüllbare Wünsche zurückschrauben. Lassen Sie uns danach handeln. (Lebhafte Zustimmung!)

Mittwoch: Interpellation über Zabern.

Je? Der Schatzsekretär predigt Sparsamkeit.

Die Rede, welche der Reichsschatzsekretär Kühn am Dienstag zur Einleitung der E t a t s b e r a- tu n g hielt, berührt sich in einem Haupt- und Kern- punfte mit den ernsten Worten des bayerischen Mini­sterpräsidenten Frhrn. v. H e r t l i n g. In München erklärte Frhr. v. Hettling es für notwendig, für die nächsten Jahre von weiteren Rüstungslasten abzu­sehen und dem Volke R u h e zu gewähren. In Ber­lin drückte Schatzsekretär Kühn denselben Gedanken in seiner Art aus: Da die Nation nun einmal eine so gewaltige Last aus sich genommen habe, werde die Inanspruchnahme der Steuerzahler für die nächsten Jahre nur in schonende rWeise erfolgen dürfen, und es werde der ganzen Künste der Finanzierung bedürfen, um zu einer Beschränkung der Reichsausgaben aus das Wesentlichste zu gelan­gen. Herr Kühn spricht freilich nicht ausdrücklich von den Nüsttingsausgaben; aber da die letzteren den weit­aus größten Teil der RcichsauSgaben ausmachen, so liegt tn seinen Watten eine höfliche aber doch deutliche Verwahrung gegen neue Erhöhungen der Wehrlasten.

Unterstützt wird diese Mahnung durch den Hin- weis auf den schwebenden Wehrbeitrag. Welche Schlußsumme bei diesem außerordentlichen Beitrag schließlich herauskommen wird, weiß noch niemand mit ganzer oder auch nur halber Sicherheit zu sagen. Es ist möglich, daß die erhofften % Milliarden erreicht oder vielleicht sogar überschritten werden. Es ist aber ebenso gut tkiöglich, daß der Ertrag erheblich hinter dieser Summe zurückbleibt. Im ersteren Falle brau­chen wir uns noch keineswegs zu Üuxtlsausgaben zu versteigen, da bei den unsicheren und gespannten Ver­hältnissen des Gesamthaushalts noch eine Menge von ungedeckten Bedürfnissen in der Z i v i l Verwaltung vorhanden sind. Im zweiten Falle aber würden wir wieder vor einem Desizit stehen, und dessen De­ckung müßte unter den obwaltenden Verhältnissen die ärgsten wirtschaftlichen und politischen Schwierigkei­ten heraufbcschwören.

Tie Mahnung zur Sparsamkeit wird weiterhin unterstützt durch die kritische Lage des Ge- chästs- und Arbeitsmarktes. Wir meinen per kritisch nicht in dem Sinne, als ob schon eine chwere Storung in Handel und Wandel sicher vor der Türe stände; sondern der Zeitpunkt ist insofern kri­tisch, als sich in den nächsten Monaten e n t s ch e i-

Die Längswand des Zimmers nimmt ein großes Bett ein. — Und dort, im Schatten der Nachtlampe, steht ein Himmelbettchen mit mattrosa Vorhängen und Spitzenvolants.

Felicie will hinstürzen zu dem Bettchen. Doch nein — nicht aufwecken! . . .

„Ich danke Ihnen", wendet sie sich zu dem Mäd­chen, welches in der offenen Tür stehen geblieben ist. „Sie können jetzt gehen."

Ein etwas ängstlicher Ausdruck fliegt über die gutmütigen Züge des Mädchens.

„Ihr Wott darauf", beginnt sie swckend, „Sie sind —"

„Die Mutter des Kindes! Und ich wünsche mti ihm allein zu sein."

Ihr Ton hat etwas so Hoheitsvolles, Befehlendes — das Mädchen verläßt sofort das Zimmer.

Die Mutter ist allein mit ihrem Kinde.--

Ganz leise, auf den Fußspitzen, schleicht Felicie hin zu dem Bettchen. Ein ganz eigenes Gefühl er­faßt sie. Sie hat die Empfindung, als versänke die Erde ringä um sie her und eine unsichtbare Macht trage sie aufwätts — höher und immer höher, direkt ins Paradies. . . .

Mit zttternden Händen schiebt sie die rosa Vor­hänge beiseite.

Ein kleiner Kopf mit blondem Lockenaeringel wird sichtbar und ein geballtes Grübchenhändchen und ein weißes gesticktes Nachtkleid.

Tief aufatmend Preßt Jte ihre Lippen auf das Händchen. Eine Welle glückseligen Fttedens durch­flutet chre Seele.

Das Kind fähtt ein wenig zusammen. Dann öffnet es schlaftrunken seine großen, blauen Augen und richtet sie auf die fremde Frau.

Mit einem unterdrückten Freudenschrei nimmt Felicie das Kind hoch. Jede Furcht ist geschwunden, jeder Schwächeanfall vorbei.

Ihr Kind fest an die Brust gedrückt — so sinkt sie nieder auf die Chaiselongue.

Bald schlafen beide tief und fest.

den muß, ob wirklich das Wittschaftsleben wieder einmal „ein weites und tiefes Tal" des Niedergan­ges durchwandern muß. Das Auf und Ab des witt- schaftlichen Thermometers ist für den R e i ch s haus­halt nach viel mehr entscheidend, als für den Staats­haushalt, da das Reich hauptsächlich für die schwan- kenden Erträge von Zöllen, Umsatz- und Verbrauchs­steuern angewiesen ist. Der Rerchsschatzsekretär ist im Grunde eine optimistische Natur; auch die gegen­wärtigen Erscheinungen im Wittschaftsleben betrachtet er mit Vorliebe von der günstigen Seite. Trotz­dem kann auch er der Besorgnis nicht wehren. Er meint mit Recht, daß wir uns die Möglichkeit einer „überaus ernsten Situation" vor Augen halten müs­sen, um nicht unangenehme Ueberraschungen zu er­fahren.

Als nun schließlich der Schatzsekretär eindringlich die Sparsamkeit Predigte, ettönte der Zuruf: Sagen Sie das doch dem Bundesrat! Herr Kühn erwidette schlagfertig: „Das gilt f ü r a l l e, für beide gesetzgebenden Körperschaften sowohl wie für die breite Masse der Bevölkerung. Jeder mutz un­erfüllbare Wünsche zurückschrauben."

Tas stimmt; aber nicht unberechtigt war auch das Ersuchen, das in dem Zwischenruf lag: daß nämlich vonobenmit dem guten Beispiel der Zurückschrau- bung unerfüllbarer Wünsche borangegangen werden möge. Der Reichstag wird sich gewiß gern der Sparfamkeitspolitik anschließen. Das Volk selbst ist freilich in der modernen Zeit in bedenkli­cher Weise von der altväterlichen Einfachheit und Sparsamkeit abgelommen, sodaß die Ausdehnung der Sparsamkeitspredigt auf die Private Finanzpolitik der Bürger sehr am Platze war. In der Tat können alle, sowohl die Subjefte als die Objekte der Gesetz­gebung, heilsame Lebensweisheit schöpfen aus dem Spruch, den der Schatzsekretär bei einem alten römi­schen Schriftsteller ausgegraben hat:

„Die Dien«dien roouen licht emfehen, eine wie große Einnahmequelle sie an Der Sparsamteit haben."

Dix Volkserzieher in den oberen Regionen dürfen fteilich auch den andern römischen Spruch nicht ver­gessen: Wotte bewegen, Beispiele ziehen.

X Zabern und immer noch Zabern

Ein neuer Forstner-Zwischenfall.

Ueber einen blutigen Vorfall in Dettweiler, nahe bei Zabern, bei dem abermals Leutnant von Forstner die Haupttolle spielte, verbreitet das ..Wolff- sche Telegraphenbureau" von zuständiger (soll wohl heißen militärischer) Seite folgende Darstellung:

Leutnant v. Forstner wurde Dienstag morgen in Dettweiler während einer Uebung be)d)tmpiL Bei dem Bettuche der Festnahme Drohte Der Fabritschuster Blank dem Gefreiten Wiß, der die Schimpfenden verfolgte: Warte, Junge, gleich wirst du gewetzt. Dabei griff er in die Tasche, in der nachher ein 'Kieffer gefunden wurde. Als Blank nun festgenommen werden sollte, schlug er dem Gefreiten Wiß mit der Faust ins Gesicht und stürzte sich auf Leutnant v. Forstner. Dieser zog den Degen und schlug Blank über den Kopf. Nun ließ dieser sich fest­nehmen. Er hat eine 10 Zentimeter lange Wunde am Kopf. Blank wurde dem Bürgermeister in Dettweiler übergeben.

Nach Privatberichten soll sich sich der bedauerliche Vorfall erheblich anders zugetragen haben:

Zunächst wird da betont, daß auch in Dettweiler in letzter Zeit die Besuche seitens der Zafierner Gar- nifmi zu nachtschlafenden Zeit in ganz auffälliger Weise sich gemehrt und daß die Soldaten stets laut gesungen hätten; der Bürgermeister von Dettweiler hat über diese Seite der Frage bereits eine Untersuchung einge­leitet. Auch gestern Morgen zogen wieder, kurz ehe die Arbeit in der Schuhfabrik begann, die Soldaten singend durch den Ott. Kinder, die wahrscheinlich zum Glockenläuten in die Kirche gingen, riefen ein Schimpf- wort hinter den Soldaten Drein, als sich gerade ein Trupp Arbeiter kurz vor 7 Uhr zur Fabrik begab. So­fort wurde Jagd auf alle in der Nähe befindlichen Per- fonen gemacht und alle entkamen bis auf den lahmen

XXVII-

Nach einigen Stunden erwacht Felicie dturch Stimmengeräusch im Zimmer nebenan. Hastig springt sie empor und legt das Kind in sein Bettchen.

Dann setzt sie sich in den Schatten neben das Bett­chen und lauscht. . . .

Die Stimmen werden lauter. Jemand steckt ein Streichholz an. Gleich daraus glänzt Licht durch die Türspalte.

Jetzt öffnet sich die Tür nach dem Kinderzimmer. Frau Mackay steht auf der Schwelle. Sie ist noch tn Hut und Spitzenumhang, gerade so, wie sie aus dem Theater kam.

Nach einem Blick auf das Bettchen nickt sie be­friedigt mit dem Kops.

„Walterchen schläft." Da kann ich in Ruhe zu Abend esien."

Ehe Felicie sich überlegt, wie sie ihre Gegenwatt der Mutter am besten beibringen kann, hat Frau Mackay die Tür schon wieder hinter sich zugezogen, ohne sie jedoch zu schließen.

Nach einer Weile unterscheidet Felicie die einzel­nen Stimmen genauer. Der tiefe Schlaf hat ihre Nerven gekräftigt, so daß sie jetzt im Stande ist, zu überlegen.

Die Stimme ihres Gatten läßt zuerst ihr Herz schneller klopfen. Aber ach, sie klingt so voll und zu­frieden — der Besitzer dieser Stimme vermißt augen­scheinlich nichts in seinem Leben.

Gerdas tiefe Altstimme antwortet ruhig und klar, Siie und da unterbrochen von Frau Mackay's schril- em Organ.

Dazwischen das anheimelnde Geklapper von Mes­ser und Gabeln.

Die Speisenden nebenan fühlen sich ersichtlich be­haglich und satt. Und die arme Mutter am Bett chres Kindes ist hungrig und unglücklich.

Nein, nein — nicht unglücklich! Ein Blick auf das im Schlaf lächelnde Antlitz chres Kindes und Fe» litte lächelt ebenfalls.

(Fortsetzung folgt.)