Einzelbild herunterladen
 

Zuldaer Leitung

Nittvoch 3. Vezemver 1913.

Reklame»- und Anzeigenteil.

Ausland.

** Ein deutscher Sozialist in Amerika. Der sozial- demokratische Abgeordnete Scheidemann hat sich auf einer Reise durch Amerika dieser Tage in Phila­delphia aufgehalten und im dortigen Labour Lyzeum vor der sozialistischen Arbeiterschast gesprochen. Die sozialistische Zeitung,Philadelphiaer Tageblatt'berichtet über diese Rede. Danach bat Herr Scheidemann wie mancher seiner Parteigenossen aus Deutschland auf seinen Studienreisen durch Amerika die Erfahrung gemacht, daß es dem deutschen Arbeiter daheim doch viel besser geht als dem Arbeiter in Amerika. Besonders schlimme Eindrücke hat er aus Colorado von dem dortigen Msstand der Bergarbeiter mitgebracht. m .

„In Deutschland", erklärte er tn feiner Rede, „tarnt man solche brutal geführten Kämpfe wie der gegenwärtige Streit in Colorado, nicht verstehen. Unsere Kampimethoden draußen sind schon mehr zinilisiert. Das deutsche Unternehmertum ist gut organisiert. Das haben die deutschen Kapitalisten von uns gelernt, (©eitetfeit? Und da ihnen eine starke Gewerkschaftsbewegung gegenüber- steht die stets gerüstet und tampfbereit ist, so gebt es in den meisten Lohnlämpfen ohne Ausstand oder Aussperrung ab Man einigt sich auf sriedli»e Weise, weil man das für profitabler und billiger findet als lange, kostspielige Arbeiterausstände."

Interessante Bemerkungen machte Herr Scheide­mann weiter über das Verhalten der Polizei beider Länder bei Arbeiterbewegungen.

„In keinem Lande der Erde wird durch Polizei so viel auf den Köpfen der Arbeiter herumgeknüppelt wie in Amerika. (Sehr richtig! Beifall.) Auch in Deutsch­land gebraucht hier und da ein Polizist seine Waffe aus- ständischen Arbeitern gegenüber. Aber wenn dies einmal geichieht, dann geht euch ein Sturm der Entrüstung durch ganz Deutschland. Aber hierzulande gehört das polizei­liche Verknüppeln und da? Totschießen von Arbeitern derart zu alltäglichen Vorkommnissen, daß man der Sache wenig Aufmerksamkeit schenkt und die schlimmsten an der Arbeiterklasse begangenen Verbrechen schon in wenigen Tagen vergessen hat."

Die Beobachtungen des Abg. Schetdemann sind >ür die deutschen Arbeiter gewiß recht lehrreich. Nur hätte er das Prophezeien besser lassen sollen. In St. Lonis erklärte Scheidemann näm'ich, in 15 Jahren w rde in Deutschland die Sozialdemokratie am Ruder sein. Angesichts der schweren Niederlagen, v'.e die Sozialdemokratie sich in letzter Zeit geholt Hai, es sei nur an Baden erinnert, klingt diese „Weis­sagung" last so töricht wie die Prophezeiungen Bebels über den allgemeinen Kladderadatsch der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

3. Blatt.

»et 'Älbeet üeiiendrvcerei in Snlba.

Literarischer.

Welriabrbuch für 1914. Verlag der .Germania' A.-G.- Berlin C 2, Stralauer Str. 25. 160 seilen mü über 250 Illustrationen und 2 Kunstbetlagen. Preis in dauerhaftem Karton 1 Mark.

Wieder liegt das fest einer Reihe von Jahren regel­mäßig erscheinende Weltjahrbuch vor. Mil leinet Chronik über die Zettereiaviff -, mit der ausführlichen Besprechung der wichtigsten Momente aus Kunst und Leben, mit seinem reichen illustrativen Material, seinen Gedichten lind Er­zählungen hat es sich längst einen treuen und sich stetig erweiternden KäuferkreiS erworben. Auch das neue .Weltjahrbuch für das Jahr 19 4“ wird keinen enttäuschen, der die im Vergleich zum Werte des Bandes geringe Ausgabe von 1 Mark nicht icheut. Man muß dem Verlag jüt diese in jedem Hanse wahrhail willkommene und be­sonders zum Wechnachtsjeit als Gefchenk iüt,ung und alt höchst geeignete Gabe dankbar fein. Et liefert damit ein Buch, das ebensoviel Interesse für den gegenwärtigen Augenblick, wie für die. Zukunft hat.

Herz-Jesu- und Kommunionandacht der hl. Gertrud der

Großen. Von Pater Tezalen H ° l u s a. 200 Seiten. Preis gebunden in Leinwand-Rotschnitt 1,20 Mk., in feinem Lederband mit Goldschnitt 2,10 Mk. Verlag Karl Ohlin-geri, Mergentheim

Diese Schrift ist zum Herold Berufen für das Kom­munion-Dekret Pius X. Schon vor Jahrhunderten emp­fahl die hl. Gertrud die häufige Kommunion aufs an- gelegentlichste. Ihre Anleitung hierzu ist von wunder- barer Art. Sie ermutigt die zartesten und ängstlichen Seelen und entflammt die lauesten Herzen zum oft­maligen Hintritt zum Tische des Herrn.

lätzen nicht schon während seiner Amtszeit immer Rechnung Getragen hat.

# Karlsruhe, 1. Dez. 1913. Die Präsidenten­wahl im badischen Landtag ist in Baden weit ruhiger ausgenommen worden, als es zum voraus den An­schein haben konnte. Das kommt einmal davon her, daß man sich von vornherein sagte, es sei ein un­sicherer Posten in der Rechnung und dann aber da- von, daß man sich der Vorteile für die Zentrums-

ihre sämtlichen 5 Kinder, 23 Enkel und 17 Urenkel am Leden zu w.sten. Die Greisin erfreut sich einer verhältnismäßig gefunden, geistigen und körperlichen Frische. Mit Stolz erzählt sie, daß sie tn ihrem ganzen Leben noch nie einen Löffel Medizin über den Mund gebracht habe. Dagegen labt sie sich lüg. lich mit einigen Stücken Würfelzucker.

öernitfd)tes.

♦ Der Schwindel mit dem „Euergoskamm". Wie gemeldet, hat die Staatsanwaltschaft in München gegen die Eigentümer des Versandgeschäftes „Ener- gos" ein Verfahren wegen Betruges eingeleitet.' Die Gesellschaft vertrieb einen Kamm, nach dessen Ge­brauch Kahlköpfigen die Haare wieder wachsen soll­ten. Für den Kamm, dessen wirklicher Wert 95 Pfennig betragen soll, ließ sie sich 25 bis 35 Mark zahlen. Da die Sache einen ausgemaaften Schwindel darstellt, sollen nun auch viele Aerzte, oie gegen hohes Honorar die großartige Wirkung drS Kammes be­stätigten und wissenschaftlich begründeten, wegen Vor­schubleistung zum Betrüge zur Verantwortung ge­zogen werden. Es haben sich mehrere hundert Be­trogene gemeldet, die von der Wirkung des Kammes nichts weiter verspürten, als daß sie ihr Geld losge­worden waren; viele von ihnen sind gegen die Ge­sellschaft auf Zurückerstattung des Kaufbetrages klag- bar geworden. t ,

* Ein kühner Lebensretter. In dem englischem Seebad Weymouth in Dürfet wird gegenwärtig ein sechzigjähriges Mitglied der Stadtverwaltung als Held gefeiert. Mister Samuel Wallis ging des Abends am Kai vorüber, als er von einigen Knaben, die ängstlich ins Wasser blickten, den Ausruf hörte: „Da ist er wieder!" Schnell eilte er zu der Stelle und sah ein Paar Kinderarme aus der dunklen Flut auftauchen. Ohne Besinnen stürzte der Mann sich in die Bai und ergriff den Knaben, der im Begriff war, zum drittenmal unterzugehen. Während der kühne Retter das Kind mit einer Hand über Wasser hielt, suchte er mit der andern sich seines schweren Ulsters zu entledigen. Es gelang ihm nach vieler Muhe Nahezu etne Viertelstunde mußte der Er­schöpfte dann noch mit den Wogen kämpfen, bis ihm Hilfe gebracht wurde. Der hohen Kaimauer wegen konnte der Tapfere nicht selber mit seiner Bürde das Ufer erreichen.

♦ Nilaufwärts im Flugzeug. Erneu Flug von Alexandrien nach Kartum und weiter hinaus bl§ an die Quellen des Nils gedenkt der französische Aviatiker Mare Pourpe durchzuführen. Der Flieger,, der sich am Samstag mit seinem Moräne-Eindecker m Mar­seille nach Aegypten einschiffte, will Luxor, Assuan, Abu Hamed und Wadihalfa berühren, somit den gan­zen Nil stromaufwärts ziehen und auch die nubische Wüste überqueren. Die Strecke betragt etwa 5000 Kilometer. .. .

* Von einem Lastauto „gefangen genommen und fefigeMten wurde in Newyork etne Tischgesellschaft. Auf dem Broadway fuhr infolge Versagens der Brems­vorrichtung ein Lastwagen in das Schaufenster eines Hotels, in dem gegen 300 Personen zu Mittag sMstE" und versperrte den einzigen Ausgang, sodaß die Gaste gezwungen waren, drei Stunden in dem Hotel zu ver­weilen, bis es gelang, den Wagen abzuladen und den Ausgang freizumachen. Die Gefangenen wider Willen waren sehr entrüstet, während die draußen stehende Menge sich ersichtlich an der Unruhe und dem Zorn der Eingeschlossenen ergötzte.

2Ius dem Nachbargebiete.

# Kleinlüder, 2. Dez. 1913. Am letzten Sonn­tag beging auch unsere Gemeinde die 1600-Jahrseier zur Erinnerung der Befreiung der Kirche durch Konstantin den Großen. Zur Eröffnung der Feier trug der hiesige Gesangchor das Lied .In diesem Zeichen wirst du siegen" von Aug. Wiltbergcr vor. Nach einem von Frl. Röhrig gesprochenen Prolog ergriff Herr Kaplan Lotz das Wort und schilderte in fesselnder Weise das Ringen des Christen- tum? mit dem mächtigen Heidentum, die Leiden und Verfolgungen der Christen, den Sieg Konstantins des Großen und die hohe Bedeutung des Erlasses von Mailand. Zum Schluffe der anberlhalbstünbigen Ausführungen forderte Redner dte so zahlreich Er- schienenen auf, auch in den Kämpfen der Kirche in unseren Tagen stets Treue und Liebe der hl. Kirche zu zeigen und zu bewahren. Und dieses Treue­gelöbnis 'and seinen Ausdruck in dem gemein,chafl- heben Schlußzesang: »Fest soll mein Taufbund immer steh'n!"

* Burgsinn, 2. Dez. 1913. Der in weiten Kreisen bekannte Gascho; besitzet: und Großkaufmann Joh. Ad. Schröder aus Neuengronau kam mit dem Personen- zug hier an. Auf dem Wege zur Apotheke erlitt Schröder p ötzlich einen Schlagan'all und blieb auf der Stelle tot. Schröder erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.

ventjches Reich.

* Fürst Bülow über daS Zentrum. In dem Werke deS früheren Reichskanzlers über die „Deutsche Politik" findet sich auch eine Stell über das Zentrum, die umso größeres Interesse finden dürste, als Fürst Bülow während der letzten Zeit seiner Reichskanzler- täligkeit in scharfer Frontstellung gegen die Zentrums­partei gestanden hat. Rian lieft da:

„Das Zentrum ist eine starke Bastion, dte sich der katholijche Teil des deutschen Volkes geschaffen hat, um sich gegen liebergriffe von feiten der protestan­tischen Mehrheit zu schützen. Die Vorgefchichle des Zentrums ließe sich roeit zutiickverfolgen, bis tn die Zeit, wo im alten Reich dem Corpus evangelicorum das Cotpus catboltcorum gegenüberstand. Während aber im alten Reich Katholizismus und Protestantismus sich annähernd die Wage hielten, ist im neuen Reich der Katholizismus in die Minderheit geraten, dem alten katholischen Kaiser­tum ist im neuen Reich ein protestantisches gefolgt. Allerdings hat die katholische Minderheit gegenüber der protestantischen Mehrheit den großen Vorteil innerer Einheit und Geschlossenheit. Selbst guter Protestant, bestreit» ich doch nicht, daß, wenn die Protestanten nicht selten mit Grund über mangelndes Verständnis von Seite der Katholiken klagen, anderer­seits auch in protestantischen Kreisen vielfach n ich t die wünsch en sw erteDuldfamkeit gegen­über den Katholiken herrscht. Das Gefühl der Zurücksetzung, da» vielfach noch in der katholischen Kirche herrscht, kann nur überwunden werden durch eine wahrhaft paritätische Politik, durch etne Politik für dre es, wie ich eS einmal im Abgeordnetenhaus aus­gesprochen habe, weder rin katholisches, noch ein protestantisches Deutschland gibt, sondern nur die eine und unteilbare Fraktion, unteilbar in materieller, und unteilbar in inbeeUer Beziehung."

Diesen Ausführungen deS Fürsten Bülow können wir im allgemeinen durchaus zustimmen und eS ist nur bedauerlich, daß er den hier ausgestellten Grund-

4- Ein bedeutsamer Kongreß

Zum dritten Mal seit dem Jahre 1903 ist am Sonntag in Berlin der Deutsche Arbeiter­kongreß zusamme.igetreten. Er stellt die Vertre­tung bei gesamten christlich-nationalen Arbeiterschaft dar und repräsentiert in seinen über 400 Mitgliedern ein und einvicrtel Mill. Arbeiter und Angestellte.

Die große Zahl dieser Männer und Frauen hat sich zusammengefunden in dem Entschluß, in treuer Gemeinschaftsarbeit die gemeinsamen Ziele und In­teressen zu verfolgen und in dem Bewußtsein, in der Sozialdemokratie ihren gemeinsamen Feind zu haben. Der Kongreß ist sich des Interesses und des Wohl­wollens der Regierung und der bürgerlichen Parteien von der äußersten Rechten bis zu den Nationallibera­len hinüber bewußt und kann darum in der Gewiß­heit seine Beratungen pflegen, daß feine Beschlüsse und Wünsche in diesen Kreisen eine wohlwollende Aufnahme und sorgsame Prüfung finden werden.

Die christlich-nationalen Arbeiter haben gegen­wärtig ein um so größeres Interesse an der Geltend­machung ihrer Forderungen, als in weiten Kreisen der Arbeitgeber der Wunsch nach einer „weisen Be­schränkung" der Sozialpolitik laut wird und auch in Regierungskreisen sich eine gewisse soziake Müdigkeit bemerkbar 51t machen scheint. Gerade in der Jetzt­zeit bieten sich der Arbeiterschaft und allen sozial­politisch Interessierten große Ausgaben und schwierige Probleme dar, an deren Lösung mit ernster Hingabe und vaterländischer Treue gearbeitet werden muß. Die Arbeitslosenfrage ist mit der Zeit im­mer brennender geworden und erheischt um so dring­licher schleunige Lösung, als die Konjunktur wieder unaufhaltsam zu sinken scheint und die Lebenshaltung sich immer mehr verteuert. Die Lebensmittel­verteuerung bildet einen weiteren wichtigen Ge­genstand der Erörterung des Arbeiterkongresses, da eine.Beantwortung der Frage dringend wird, ob die Lebensmittelversorgung in der gleichen Weise wie bis­her geführt werden kann. Die christlich-nationalen Arbeiter und Angestellten fügen sich willig in den Rahmen des Gesamtwohls ein, verlangen aber, daß ihre Interessen in gleichem Maße Berücksichtigung finden, wie die der anderen Stände. Sie haben an der Schaffung der Lebensmittelzölle opferwilligen An­teil genommen und stehen auch heute nicht an, der landwirtschastlichen Produktion jeden erforderlichen Schutz zu gewähren, aber sie müssen dann auch dar­auf dringen, daß die Landwirtschaft sich fähig erweist, den einheimischen Bedarf ohne zu hohe Steigerung der Preise zu decken; andernfalls erachten sie es für eine Pflicht der gesetzgebenden Körperschaften, in weise Erwägungen darüber einzutreten, ob nicht ge­wisse Zollerleichterungen zur Verbilligung der Le­benshaltung möglich sind.

Tie christlich-nationale Arbeiterschaft hat es na­türlich nicht angenehm empfunden, daß Arbeitgeber­stände sich zur Aufrechterhaltung und zum Ausbau unserer bewährten Schutzzollpolitik in einem Kartell zusammengetan haben, ohne die Arbeiterschaft, ohne die heute die bisherige Schutzzollgesetzgebung nicht auf­recht erhalten toerden dürfte, zur Beratung mit heran­zuziehen. Mehr aber noch als dies hat in der natio­nalen Arbeiterschaft die Stellung des sogenannten Leipziger Kartells zur Sozialpolitik Besorg­nis hervorgerusen. Man befürchtet, daß in diesem Kartell die Schwerindustrie, die im Zentralverband deutscher Industrieller hauptsächlich vertreten ist, die Führrmg in sozialpolitischen Fragen an sich reißen wird, was dann gleichbedeutend wäre mit der For­derung eines Bremsens, ja Rückwärtsschraube.is un­serer bisherigen Sozialgesetzgebung.

Die christlich-nationale Arbeiterschaft will jetzt er­neut zum Ausdruck bringen, daß sie keine Scharftna- chergesetze will und statt einer Beschränkung weiteren Ausbau der Koalitionsfreiheit und des VereinigungS- rechtcs verlangt. Dem Kongreß ist reicher Erfolg zu wünschen.

[] Der Reichshaushaltsetat für 1914.

Der neue ReichshauShaltSetat, der jetzt im ReichS- iag zur Beratung steht, bietet im großen Ganzen kein ungünstiges Bild; man merkt an allen Ecken und Enden daS Bestreben der Reichsverwaltung, sich nach der Decke zu strecken, die allerdings durch die Reichs­finanzreform um ein gutes Stück verlängert ist und durch den einmaligen Wehrbeitrag auch eine so er­hebliche Erweiterung erfahren hat, daß sie nunmehr Schutz nach allen Seiten bietet. Die Ueberschüffe aus den Etatsjahren 1911 und 1912 werden dabei aller­dings gänzlich aufgezehrt, und die Spartöpfe Wer­muths sind nun gründlich geleert; sie sind uns aber gut zustatten gekommen bei der verschärften politischen Lage und haben uns in ernster Stunde unschätzbare Dienste geleistet.

Als im Hochsommer die Wehrvorlage angenommen wurde, wußte man, daß der 3 Milliarden-Etat, dem man sich so schnell näherte, mit einem Schlage ge­waltig überschritten wird; dieser Etat sollte aller­dings jedes folgende Jahr sich ermäßigen, bis er 1916 feinen normalen Stand erreicht haben würde, falls bis dahin nicht neue große Ausgaben kommen. Aber man kannte auch das politische Etatsgesetz von • der Trägheit' der Masse: was einmal an Ausgaben erreicht worden ist, ist recht schwer wieder zu ver­meiden. Entgegen dieser Befürchtung bringt nun der Etat 1914 eine recht erhebliche Abnahme der Ausgaben; 1915 und 1916 muß dieser Weg weiter beschritten werden; muß, wenn nicht unser ganzes ReichSfinanzsystem zusammenbrechen soll, wenn nicht neue Steuern oder neue Schulden ruinös im StaatS- und Wirtschaftsleben wirken sollen. Man spricht heute so viel von Ruhepausen und Schonzeiten; den ersten Anspruch auf Scho n z e i t und R u He­pa u s e n. hat jetzt der deutsche Steuerzahler. Jede Politik betr nächsten Jahre, die sich' nicht um diesen Kardinalsatz dreht, tst keine nationale und volkswirtschaftlich richtige. Wenn die öffentlichen Lasten aller Art weiter in demselben Tempo steigen, wie im letzten Jahrzehnt — unbekümmert ob eS di­rekte oder indirekte Steuern oder soziale Lasten sind —, dann wird der Unternehmungsgeist im Heimat­lande gelähmt und man zwingt deutsche Kaufleute und Industrielle, ins Ausland zu gehen; denn von dem benachbarten Oesterreich abgesehen, hat kein Land so hohe öffentliche Abgaben wie Deutschland. Auch unsere Industrie ist nicht unbegrenzt zahlungsfähig. Der enge Zusammenhang zwischen Etat und Wirt­schaftsleben dars nie vergessen werden; denn der Etat ist verwachsen und verfilzt mit der Wirtschaft deS deutschen Volkes; die Einsetzung der Zölle mit 8,5 Mill. Myrk Minus gegenüber 1913 ist ein be­gründetes, ernstes Menetekel.

Die dauernden Ausgaben sind im neuen Etat stark zurückgeschraubt worden. Gegen 1913 ist eine Ausgabe, die man mit „Sonstiges" bezeichnet und die für hie HeereSreorqanisation 'bestimmt war, vollständig verschwunden, und vom Wehrbeitrag blei­ben nur noch 393,8 Millionen für 1914. Die Ein­nahmen aus dem Wehrbeitrage waren anfänglich auf rund eine Milliarde geschätzt worden. Davon fallen auf Das Jahr 1913: 416,8 Millionen. Mit Schluß des Etatjahres 1914 werden also rund 80 vom Hundert der Milliarde auSgegeben worden sein eine hohe Versicherungsprämie für Erhaltung des Friedens, die hoffentlich nicht unnütz auSgegeben ist und das deutsche Volk in die Lage setzen wird, in angestrengter Friedensarbeit daS 'Nationalvermögen zu erhalten. b

S)ie e inmaligen Ausgaben konnten im neuen (Stcit bon 381,5 Millionen niedriger angeietzl werden, wahrend bei den fortdauernden ein Wachs- h™ um 213,2 eingetreten ist. Dieses Wachstum er- gibt sich aber aus dem Bestreben der ReichSreqie- mng. den Wünschen des deutschen Volkes und des Reichstages entgegenzukommcn und ist mithin zu be­grüßen. -2o verlangt daS Reichsschatzamt 3,8 Millio- uen mehr die fast ausschließlich für die Gewährung von Beihilfen an hilfsbedürftige Kriegsteilnehmer bestimmt stnd. ES entfallen auf die HeereSverwal- tung 96,4 auf die Marine 23,7 Millionen. Die Ausgaben für Jndiensthaltungen sind um 10 Mil- honen auf 67 Millionen gestiegen, hauptsächlich wegen vermehrter Dienstbereitschaft größerer Schiffe und wegen Steigerung der Betriebskosten. 50 Mil­lionen mehr fallen auf Geld- und Naturalpflege der Tnippen, was sich durch die Erhöhung der Truppen- zahl und die für ihre Verpflegung, Prämiierung usw. H?1.r9te,*fta9e Leitend gemachten Forderungen zum Teil erklären laßt. Die Reichsschuldenverwaltung verlangt 11,6 Millionen mehr, was in dem Anwach- sen der für Verzinsung und Tilgung der Reichsschuld erforderlichen Summen seinen Grund hat. Die Retchspost. und Telegraphenverwaltung erfordert 51,3 Millionen mehr, die überwiegend zu werbenden Anlageerweiterungen bestimmt sind und somit dem ganzen Volke zugute kommen, was auch schon damit angedeutet ist, daß dieser Forderung eine Erhöhung der ordentlichen Einnahmen um 39 Millionen gegen« übersteht.

Die im Vorjahre bewilligten FestungS- und Ka­sernenbauten sind teilweise durchgeführt, die neuen Truppenübungsplätze beschafft und hergerichtet wor­den, kurz, die einmaligen Aufwendungen für die HeereSverstärkung ließen sich um viele Millionen herabdrücken. Den Ersparniffen auf der einen Seite stehen freilich auch neue Forderungen für Bauten, Geräte, Beschaffungen usw. gegenüber; daS End­ergebnis bedeutet jedenfalls eine auerordentliche Ent­lastung des AuSaabenetatS und dadurch die Aufrecht­erhaltung deS Gleichgewichts zur Einnahme. Die Ausgabenseite des Etats bringt auch Enttäuschungen; auf manche Posten war man nicht gefaßt; andere hätte man gerne gesehen. Jedenfalls fehlt noch eines, waS gegeben werden muß: die gesetzliche Auf­besserung der Bezüge der Altpensionäre. Holt man daS hierfür erforderliche Geld von den Wetten heran, so ist hier keine neue Steuer geschaffen, sondern ein ReichStribut, dem sich jeder leicht entziehen kann, indem er trotz der „totsicheren" TiPS eben nicht wettet.

Alles in allem: Hält man sich vor Augen, daß die außerpolitische Lage unS mit unabweisbarer Not­wendigkeit eine ungeheure militärische Kraftanspan- tung auferlegt, dann kann man nur wünschen, daß der ReichshauShaltSetat der folgenden Jahre keine schwereren Sorgen bereitet alS der für 1914.

* Schweinfurt, 2. Dez. 1913. Am 4. Dezember feiert die BaynexpeditorSwitwe Marg. Schobert Partei bewußt toar, welche ein Großblockpräsidium | nabtet ihren 90 (SeburlStaq. Sie bat das Glück,

bietet. Wurde doch dadurch nicht bloß dem Zentrum | wieder die Offensive zugeschoben, sondern zugleich । auch der Ze.rtrumSfraktion eine so ausgezeichnete , Kraft wie die des Abgeordneten Di Zehnter ganz I erhalten, während insbesondere die nationalliberale | Partei dem Angriff genug Blößen bietet. Tas wissen die Gegner auch. Besonders peinlich ist ihnen, daß die Sozialdemokraten, denen sie einen Vertreter im LaudtagSpräsidium zugestanden haben, offen erklären, daß der sozialdemokratische Vizepräsident dem König gegenüber nicht die einsachsten Gebote der Höflichkeit und deS Taktes erfüllen könne. Auffallen muß, daß ohne jede Notwendigkeit die nur als Großblockgegner mit Hilfe der Rechten gewählten nationalliberalen Abgeordneten vollzählig bei dieser Wahl eines So­zialdemokraten mitgemacht haben. Wer veranlaßte, bezw. zwang diese Herren zu einem Akt, der allem widersprach, WaS man von ihnen erwarten konnte? Nicht die Wahl deS nationalliberalen Präsidenten wird ihnen von unserer Seite so übel genommen, wohl aber die Wahl deS Sozialdemokraten. JSte Lösung dieser Frage gibt der „Schwäb. Merkur" in Nr. 559, indem er schreibt:

„Es ist noch hervorzubeben, daß nicht nur die drei Präfidenten, sondern auch die vier Schriftführer der 2. Kammer ausschließlich den Parteien der „Linken entnommen sind. Durch die Wahl des Großblockprasi- diums wird dem Lande voraetänsckit, es bestehe noch eine Mehrbeit, die im Grunde nicht mehr vorhanden ist, da nur durch den Farktionszwang zu einheitlicher Abstimmung in der nationalliberalen Fraktion die Zwei- stimmenmehrheit zustandekam, obschon einige Mitglieder der Meinung waren, der Anspruch des Zentrums als stärkste Fraktion sei anzuerkennen. Sie mußten sich fügen, aber sie hatten die richtige Meinung, die man hätte befolgen sollen. Das Interesse der nationallibe­ralen Partei wäre dadurch besser gewahrt worden. Jetzt hat diese wieder einmal den Holzweg betreten."

„Siemußten sich fügen7'! Warum? Und warum mußten sie sogar den Sozialdemokraten wählen? Dieses Warum wird noch eine große Rolle spielen.

Viele Millionen

Dorsche werden alljährlich an der norwegischen Küste gefangen, die heften bei den Lofoten-Inseln. Nur der aUetfeinfte Lofoten-Lebertran wird zu Scotts Emulfwn cofts

CEmulHon verwendet und dem Scottschen V rfäh­ren unterzogen, auf welchem der Erfolg des Präparates beruht Scotts Emul­sion schmeckt angenehm, Geruch und Ge­schmack des Tranes stnd völlig gedickt Ä Gehalt, ca.: Lebertran 160,0, Glyzerin 60,0, nnterphospyorigs. Kall 4.3, nnterpoas- xhorigl. Natron 8,0, Tragant 3 0 arab. Glimmt 8,0, Wager 129,0, Alkohol HA Zimt-,MandeI» u. Eaultheriaöl le 2 Troplen

Erhältlich bei der (iaeanstalt und den Firmen-. Er. Herrmann; M. JLaiO u. öunn una U. Wiegand, iuiaa.