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Zuldaer Zeitung

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Nr. 278. erstes Blatt.

Dienstag den 2. Dezember |9|3.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung Dom 1. Dezember 1913.

Am Bundesratstische: Reichskanzler v. Bethmann. Hollweg, Dr. Delbrück. Auf der Tagesordnung steht zunächst bie Interpellation der Elsässer wegen der

Vorgänge in Zabern.

Der Schriftführer verliest ein Telegramm des Gemeinderats von Zabern, wonach am Freitag abend etwa 30 ruhige Bürger von Militärpersonen ohne Grund gewaltsam festgenommen und alle mit Ausnahme eines Landgerichtsrats trotz Einspruches der Zivilbehör. den in einem Keller über Nacht eingesperrt worden seien. (Hört, hört! und Unruhe links.) Der Gemeinde, rat habe in besonderer Sitzung seiner Entrüstung über dieses provokatorische Vorgehen Ausdruck gegeben und bitte um Schutzmaßnahmen für die Bürgerschaft. (Lebh. Beifall links und im Ztr.)

Zu der Interpellation erklärt der

, Reichskanzler von Bethmann-Hollweg: Die Inter- pellation betrifft den gleichen Gegenstand wie die der Fortschrittlichen Volkspartei, von der bisher zu ermatten war, daß sie erst nach der ersten Etatsberatung behandelt 'werden würde. Inzwischen haben sich in Zabern Vor. gänge so bedauerlicher Art ereignet, daß ich selbst den größten Wert darauf lege, baldmöglichst dem Reichstag und dem Lande Auskunft zu geben (Beifall) und jeden Zweifel zu beseligen, daß die Autorität der Ge. setze ebenso geschützt wird, wie die öffent. liche Ordnung und die Autorität der öffentlichen Gewalt. Ich werde deshalb, sobald mir das Ergebnis ber sofort eingeleiteten Untersuchung vorliegt, dcn Herrn Präsibenten bitten, die Etatslesung zu unterbrechen und die Interpellation sofort zur Be­ratung zu stellen. Hoffentlich wird das am Mittwoch möglich sein.

Es folgt die Beratung des

Handelsprovisorium mit England.

Die Vorlage will das Ende dieses Jahres ablaufende Provisorium um 2 Jahre verlängern.

Abg. Hoesch (kons.) erklärt sich gegen das Provi­sorium, selbst ein Zollkrieg würde für uns vorteilhafter sein. Er betont, daß wir im besten Zuge seien, unsere Ausfuhr nach den englischen Besitzungen ganz einzu- bützen unb dafür mehr und mehr ein Ablagerungsplatz für die englischen Jndustrieprodukte und Argrarpro. dukte der englischen Kolonien zu werden.

Staatssekretär Dr. Delbrück ist enttäuscht, daß die Vorlage auf der Rechten einen so grundsätzlichen Wider- spruch findet, zumal der Vorredner nicht gesagt habe, wie es eigentlich werden soll, wenn am 1. Januar des nächsten Jahres das jetzige Provisorium ablaufen würde. Nach den Ausführungen des Vorredners würde der Zoll­krieg in Kanada ewig fortdauern, davon wollten aber die SNtrtreter von Handel und Industrie bei uns nichts wis. Jftt. Er bittet, die Vorlage anzunehmen.

Abg. Herold (Ztr.): Unser Handel mit England ist für die Entwicklung der Industrie von der aller­größten Bedeutung, und die Ausfuhr hat sich immer günstiger gestaltet. In der Hoffnung, daß es der Re- gierung gelingt, mit den weitgehenden Vollmachten, die ihr durch diese Vorlage eingeräumt sind, nach Ablauf dieses Provisoriums noch günstigere Bedingungen für Handel und Industrie zu erlangen, bitte ich Sie, die Vorlage unverändert anzunehmen. (Beifall im Zentr.)

Die Abgg. Dr. Paasche (natl.) und Dr. Pachnicke (Vp.) stimmen gleichfalls für unveränderte Annahme der Vorlage.

Nach weiterer unwesentlicher Debatte wird die Vor. läge in 1. und 2. Lesung gegen die Stimmen der Kon. servativen angenommen.

Es folgt die 1. Beratung über die

Wiederaufnahme des Disziplinarverfahrens.

Die Vorlage führt das Wiederaufnahmeverfahren auch im DiSziplinarrecht ein. Die Wiederaufnahme kann sowohl zu Gunsten des Verurteilten, wie auch zu seinen Ungunsten erfolgen. Voraussetzung ist, daß ent. weder auf Entfernung auS dem Amt erkannt war, ober, daß die Dienstentlassung zu erwarten ist. Die Schad, loshaltung eines im Wiederaufnahmeverfahren freige­sprochenen Beamten, der zur Dienstentlassung verurteilt war, soll so erfolgen, daß er für die Zeit von seiner Dienstentlassung bis zur Wiederanstellung ein Warte- gelb von drei Viertel seines letzten Gehalts erhält.

3n der Schule des Leidens.

36] Roman aus dem New-Iorker Leben.

Von Erich Friesen.

. Aus Felicies Gesicht ist jede Spur von Farbe ge­wichen, als sie jetzt mit leise bebender Sitmme die Frage durch eine andere beantwortet:

»Woher wisien Sie, daß ich nicht Anny bin?"

Olivia rückt ihren Stuhl etwas näher an Felicie heran.

„Hm, ich ahnte schon so etwas, als Sie dort im Wagen so energisch auftraten, als Sie mir Ihr Geld nicht geben wollten. Anny war schon als Kind schwindsüchtig und deshalb energielos. Auch kam mir auf einmal Ihr Organ so fremd vor. Ich guckte Sie schärfer an — und nun war ich meiner Sache sicher. Das Muttermal neben dem rechten Ohr fehlte. . . . Aber wer sind Sie eigentlich?"

Felicie kämpft einen Augenblick mit sich. Dann erwidert sie ernst:

„Vielleicht ist es bester, Sie erfahren meinen Na- men nicht — besser für mich und auch für Sie. Anny dachte sich den Plan aus. Sie wollte ihrer Schwe­ster nicht zur Last fallen."

„Wenn es aber herauskommt und man mich als Helfershelferin einsperrt? Was wird Tom sagen?"

„Sie waren ja nicht im Komplott; Ihnen kann merkt "geschehen' ®ie ^a6etI einfach gar nichts ge-

,,Hm. hm — und Anny?"

"Snrbt im Gefängnis unter meinem Namen." Olivia wird nachdenklich.

"Sie sind also jetzt „Anny Holm", wie mir scheint. Was fangen Sie nun an?7,

iassen Sie meine Sorge sein!"

.... tpir kann ich Sie natürlich unter diesen Um­standen nicht nehmen. Tom —"

"3$ s? H ) 9ar nicht mit Ihnen gehen."

°te Asuse und den Hut geben Sie nur auch tmeder her. Für meine Schwester ist mir nichts zu schade; aber für eme Fremde —"

Staatssekretär Dr. Delbrück: Die Vorlage bedeutet bie Erfüllung einer bem Reichstag gemachten Zusage. Eine nennenswerte Belastung ber Disziplinarbehörben ist von ber Zulassung ber Wiederaufnahme nicht zu be­fürchten, ba bie Zahl ber Disziplinarverfahren überhaupt ziemlich gering ist. Wir hoffen auf Annahme ber Vor- lagt.

Abg. Dr. Landsberg (Soz.): Der Grundgedanke ber Vorlage ist zu begrüßen. Aber sie geht nicht weit genug. Die geheimen Personalakten müssen abgeschafft werben.

Abg. Bolz (Ztr.): Die Vorlage bringt zu wenig. Zahlreiche Wünsche sind nicht berücksichtigt worden. Die Garantien der Kolonialbeamten haben die Reichsbeamten nicht. Die Post- und Eisenbahnbeamten sind von einem ganzen Wall von Dienstvorschriften umgeben, an denen der normale Beamte einmal anstoßen muß. Die Art unb Weise ber Entschädigung fordert Widerspruch her- aus. Das gilt auch für Strafversetzungen und Dienst, entlassung. Strittig ist namentlich die Stellung der Reichsbeamten. Hat ber Präsibent bie Disziplinar­gewalt ober der Staatssekretär des Innern? Ist gegen die Entscheidung des ersteren Berufung möglich? Jeden­falls ist noch manches an bem Entwurf zu verbessern, unb bas Zentrum beantragt daher Verweisung des Ent­wurfes an eine Kommission von 21 Mitgliedern. (Bei. fall im Ztr.)

Abg. Thoma i.nall.) stimmt der Vorlage trotz ran« cher Bedenken im Prinzip zu, wünscht aber für sie rück, wirkend- Kraft.

Die Abgg. Lirschmg (Vp.), Dr. von Beit (kons.) und Dr. Liibkmcht (Soz.) stimmen ber Vorlage gleich­falls zu, wenn sie auch noch sehr berbeffetungSbebürf. tig jei.

Dienstag: Anfragen, Interpellation Arnstaot tfonf.) bett. Hinausschiebung des Inkrafttretens der D'-nst. boienversicherung, Abstimmungen über Wahlprüfunaen erste Lesung des EiatS.

Je? Bis Mittwoch verschoben

ist die parlamentarische Behandlung der Zaberner Vorgänge. Der Reichskanzler forderte für seine Antwort aus die Interpellation noch eine Frist von wenigstens zwei Tagen, damit ihm das Ergebnis der sofort eingeleiteten Untersuchung vorher zn- gehe Es wird ihm auch wohl recht sein, daß in die­ser Frist auch der Kriegsminister über die Aufnahme seines Vortrages beim Kaiser in Do­naueschingen Bericht erstatten wird, denn gerade in dieser Angelegenheit, die sich auf einen Kampf der Militärgewalt gegen die Zivilbehörden zuspitzt, kommt alles auf die Entscheidung des Kai­sers an, der zugleich der höchste Inhaber der Kom­mandogewalt und der Urquell aller ministeriellen, statthalterlichen und sonstigen behördlichen Gewalt ist.

Herr von Bethmann Hollweg wird sich gewiß nicht verhehlen, daß die Wellen, die tn Zabern ausgerührt worden sind, bis an seinen Reichskanzlersessel vordrin­gen. In den Scharsmacher-Blättern, die aus den militärischen Kreisen von Zabern und Straßburg Stimmungsbilder bringen, werden nicht bloß die elsatz-lothrigischen Landesbehörden bis zum Statt­halter hinaus des fahrlässigen oder gar absichtlichen Verrates an der „deutschen Sache" beschuldigt, son­dern es wurde auch der Reichskanzler wegen der von ihm durchgesetzten Verfassung für die Reichslande angegriffen. Man drängt auf einen S yst e m w e ch s e l, der natürlich einen sehr eingrei­fenden Personenwechsel zur Voraussetzung haben müßte-

Unter den obwaltenden Verhältnissen ist es be­merkenswert, daß der Reichskanzler, obschon er sich noch eine Untersuchungsfrist ausbedang, doch am Montag schon ein paar Sätze zur Sache einsließen ließ. Er bezeichnete die neuesten Vorgänge von Za­bern als so bedauerlich, daß er selbst auf die baldige Auskunfterteilung den größten Wert legen müsse. Nach w e l ch e r S e i t e hin sich sein Bedauern gänzlich oder vorzugsweise richte, sagte er freilich nicht. Doch die weitere Versicherung, daß auch die

„Lassen Sie mir beides!" bittet Felicie, chre Hand auf Olivias Arm legend. „Ich gebe Ihnen das ganze Geld, welches ich in der Tasche habe, dafür."

„So —? Das ändert die Sache. Behalten Sie also Bluse und Hut! Hätte Wohl ohnehin kaum das Herz gehabt, es ihnen fortzunehmen. Bin eben eine gute Seele — sagt Tom. Und nun geben Sie mir das Geld! Werd' dann sofort nach Philadelphia zu­rückfahren."

„Hier. Ich behalte nur ein paar Cents für die Stadtbahn."

Olivia steckt die Banknoten ein. Dann reicht sie Felicie die Hand.

„Lasten Sie es sich gut gehen!"

„Danke, ebenfalls!"

Olivia steigt in den Zug. Felicie eilt zur näch­sten Stadtbahn-Haltestelle, um nach dem „Mctropol- Theater" zu fahren und sich dort nach der jetzigen Adresse ihres Mannes zu erkundigen.

XXVI.

In Olivias roter Bluse und dem hohen Strohhut macht Felicie durchaus nicht den Eindruck einer vor­nehmen Dame.

Als sie in den Stadtbahnwagen einsteigt, begegnet sie bereits einigen zudringlichen Blicken, denen bald anzügliche Scherze und Bemerkungen folgen.

Ueber und über rot im Gesicht, drückt sie sich ver­legen in eine Ecke und beginnt, über ihre Zukunft nachzudenken.

Die Aufregungen der letzten Tage, die geplante Flucht, die Angst, ob dieselbe gelingen würde, die Freude über die plötzlich wiedergewonnene Freiheit — all dies hat Felicies leicht erregbares Tempera­ment in eine Art Taumel versetzt. Sie kam gar nicht dazu, an den Brief ihrer Mutter und die darin ent- haltenen Mitteilungen zu denken.

Jetzt, zum erstenmal, seit sie frei ist, stürmen diese Gedanken wieder mit aller Macht auf sie ein.

Sie malt sich das Entsetzen ihres Mannes bei ihrem unerwarteten Anblick in ben grellsten Farben

Autorität der Gesetze ebenso geschützt werden müsse, wie die öffentliche Ordnung und die Autori­tät der öffentlichen Gewalt, läßt doch erkennen, daß er mit der Wahrscheinlichkeit rechne:, Gesetzüberschrei­tungen seitens der Militärgewalt erwiesen zu sehen. Zum mindesten darf man in dieser Bemerkung des Reichskanzlers wohl den Beweis sehen, daß er un- , a r t e i i s ch die Vorgänge prüfen will und daß er ich zur Zeit noch die Kraft zutraut, auch die militari» chen Kampfhähne und deren Politischen Anhang in die gebührenden Schranken zurückzuweisen.

Durch die Vorgänge am Sonntag sind die Ver­treter der Gewaltherrschaft noch weiter in's Unrecht gesetzt worden. Das Militär suchte seine weitaus­greifende „Selbsthilfe" zu rechtfertigen mit der Be­hauptung, daß die Zivilbehörde die Offiziere nicht genügend gegen Beleidigungen geschützt habe. Nun war die Zaberner Polizei schleunigst um 14 Gendar­men vermehrt worden. Für eine Stadt von 9000 Einwohnern ist das doch wahrlich eine ausreichende Polizeimacht. Erst recht für eine Stadt mit einer friedlichen Bevölkerung; denn deren Friedlich­keit wurde durch den ruhigen Verlaus des Sonntags auf das durchschlagendste erwiesen. Trotz der Ver­stärkung der Polizei und ungeachtet des Ersuchens der Zivilbehörde ließ aber Oberst Reutter auch am Sonn­tag militärische Patrouillen durch die Straßen ziehen und einige Verhaftungen vornehmen; ein ernster Grund für das kriegerische Aufgebot und für die Ver­haftungen ist bisher nicht ersichtlich geworden. Soll man den Mangel an Besonnenheit und Selbstbeherr­schung beklagen? Oder soll man ein zielbewußt durch­geführtes System vermuten?

Am Mittwoch wird es sich zeigen müssen, ob die Geschicke Deutschlands vom Reichskanzler ge­lenkt werden oder von einer militärischen Ueberregierung.

Aus Berlin wird uns noch geschrieben: Was in Zabern geschehen ist, das ist selbst für Leute, die nicht überempfindlich sind, mehr als genug, um einmal kräftig mit der Faust auf den Tisch zu schlagen unb den Herren, die es angeht, zuzurufen: nun aber Schluß! Was da unten verpfuscht wird, ist mehr als ein Leutnant und ein Regiment, mehr auch als Za­bern und Elsaß. Die Vorgänge in Zabern haben sich nachgerade zu einem Skandal ausgewachsen und viel­leicht jetzt schon unübersehbaren Schaden angestiftet. Man ftagt sich, wie es nur möglich war, daß die Ver- hältniste sich in solcher Weise zuspitzen konnten; wie man es zulassen kann, daß in solch kopfloser Art zer­trampelt wird, was jahrzehntelange Arbeit mühsam aufgebaut hatte. Das Elsaß ist doch keine afrikanische Kolonie und die elsässische Bevölkerung kein rebelli­scher Negerstamm. Wenn unser Militär so in den Grenzlanden haust, dann kann es allerdings nicht wundernehmen, wenn die beste Politik nichts Gutes wirkt. Wi^ haben doch noch Gesetze im Land, denen auch das Militär untersteht und noch hat Elsaß- Lothringen seine Verfassung und untersteht nicht einer Militärdiktatur. Darf denn noch müssig zugesehen werden wie ein paar uniformierte Draufgänger über die Auwrität der Gesetze sich Hinwegsetzen, eine Stadt geradezu in Kriegszustand versetzen, die Bevölkerung verängstigen und verhaften und als die Herren des Landes sich aufspielen! Soll unser Volk das als die Antwort des Heeres auf die gewaltigen Opfer betrach­ten, die es im Sommer dieses Jahres willig aus sich genommen hat? Unser Heer ist der Bürger wegen da und nicht die Bürger der Soldaten wegen; das muß einmal mit aller Deutlichkeit gesagt werden. Wir mißbilligen es ganz entschieden, wenn un ere preußischen Soldaten in den Reichslanden häßlichen Anfeindungen deutschfeindlicher Elemente ausgesetzt sind; aber das jetzige Vorgehen der Militärbehörden kann nie und nimmer entschuldigt werden, es zeugt von einer Nervosität unb Kopflosigkeit, bie man bei

aus. Er glaubt sie im Gefängnis. Im Gefängnis sein, ist so gut wie tot. Unb nun soll sie Plötzlich vor thn hintreten unb ihm sagen:

„Da bin ich wieder — ich. Dein Dir angetrautes Weib, bem Du am Altar gelobtest, es zu lieben unb zu ehren, bis baß ber Tob uns scheidet. Hast Du die­sen Schwur gehalten?"

In ber Nähe des „Metropol-Theaters" verläßt sie den Stadtbahnwagen. Sie fürchtet nicht, im Theater Bekannten zu begegnen. Es ist zwei Uhr — die Zeit, da bie Probe zu Ende ist und die Mitglieder zu Mittag esten. Außerdem sieht sie in der auffal­lenden Kleidung und mit der veränderten Haarfrisur sowieso der früheren Felicie Barringwn gor nicht ähnlich.

Das ganze Theater ist wie ausgestorben. Nur ein Arbeiter nagelt an eitzer widerspenstigen Kulisse herum.

Felicie fragt ihn nach der Adresse von Norbert Barrington.

Der Mann nimmt sich gar nicht die Mühe aufzu­blicken. Daß eine Dame sich nach der Adresse des ge­feierten „ersten Liebhabers" erkundigt, ist nichts außergewöhnliches.

„Zehnte Avenue Nr. 32 parterre links," leiert er mechanisch herunter und klopft mit dem Hammer auf dem Nagel herum.

„Tanke. Wohnt er allein?"

Jetzt hebt der Mann doch den Kopf. Ein miß­trauischer Blick trifft die seltsame Fragerin.

„Er bat sein Kind bei sich. Daneben — zehnte Avenue Nr 32 parterre rechts — wohnt Fraulein Gerda Douglas."

Ohne ein Wort zu sagen, verläßt Felicie den ver­blüfft dreinschauenden Arbeiter.

„Also — es ist doch wahr! Vorbei! Vorbei!"

Ihre wiedergewonnene Freiheit erscheint ihr Plötzlich wie ein Geschenk des Teufels. Was soll sie mit ihr anfangen? Wohin sich wenden?

Ach, nur einmal noch möchte sie ihr Kind sehen, fein herziges Lachen hören, ferne weichen Händchen fühlen!

einem deutschen Offizier nicht hätte vorfinden dürfen. Das Elsaß ist deutsch, und besonders Zabern bekennt sich zum Deutschtum. Die Elsässer müssen wisien, daß das gesamte deutsche Volk zu ihnen hält, daß all« das Vorgehen des Militärs in Zabern mißbilligen unb ber Zaberner Bevölkerung Glück wünschen zu ihrer Besonnenheit unb Ruhe.

Eine Aeußerung des Statthalters. Die „Natio- nalztg." berichtet über eine Unterredung, die ihr Ver­treter mit dem Statthalter von Elsaß-Lothrin- gen, Grafen von Wedel, gehabt hat. Der Besucher fragt: „Es sind in den letzten Tagen mehrfach Ge­rüchte aufgetaucht, daß Eure Exzellenz im Zusam­menhang mit den Vorfällen in Zabern bie Absicht hätten, zurückzutreten. Die Ansicht ist selbst im Reichstag vertreten worden. Können Eure Ex­zellenz diese Annahme dementieren?" — Graf v. Wedel: „Ich kann mich darüber nicht in bestimmter Form äußern, und zwar aus dem Grunde, weil ich meine Stellungnahme zu den Vorfällen in Zabern so lang nicht feftlegen kann, als die Untersuchung der Angelegenheit nicht abgeschlossen ist. Ich muß mit vor Abschluß ber Angelegenheit noch Zurückhaltung auferlegen." — „Es ist Eurer Exzellenz ebenfalls bekannt, baß eine Anzahl Bürger von Zabern, bie verhaftet würben, Schadenersatzansprüche geltend machen wollen. Haben solche Ansprüche eine rechtliche Grundlage und Aussicht auf Erfolg?" —। Graf v. Wedel: „Die Leute machen geltend, daß das Militär gegen sie eingeschritten sei, obgleich kein Be­lagerungszustand über die Stadt verhängt ist. So­weit sind sie im Recht. Der Belagerungszustand bars nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Kai­sers verhängt werden.'7 — „Halten Eure Exzellenz den Gegensatz zwischen Militär und Zivil, wie er in Zabern zum Ausdruck kommt, als einen Einzelfall ober haben sich ähnliche Erscheinungen in Elsaß- Lothringen öfters schon gezeigt?" — Graf v. Webel: „Ich bin ber Ansicht, daß es sich in Zabern um ein« Sondererscheinung handelt. Diese ist um so bekla­genswerter und unerklärlicher, als Zabern eine urdeutsche Stadt ist. Ich hatte keine Ge­legenheit, bisher ähnliche Vorfälle in den Reichslan­den wahrzunehmen. Man muß aber beachten, daß sowohl bie ausländische Presse wie ein Teil der ein­heimischen Blätter eine systematische Wühlarbeit ver­richteten. Diesen ist nicht zuletzt die Schuld an solchen Ausbrüchen der Volksleidenschast zuzuschreiben. Man sieht hier das Ergebnis der Hetztätigkeit." — „Glau­ben Ew. Exzellenz, baß bie Vorfälle in Zabern bei geschickterem Vorgehen des Militärs sich hatten ver­meiden lasien?" — Graf v. Wedel: „Aus diese Frag« kann ich keine Antwort geben. Ihre Beurteilung liegt außerhalb meiner Kompetenz." — „Es ist be­hauptet worden, daß zwischen Ew. Exzellenz und dem kommandierenden General des 15. Armeekorps über die Behandlung der ganzen Angelegenheit M e i - nungsdifferenzen bestanden hätten. Ist diese Mitteilung richtig?" — Graf v. Wedel: „Ich habe bie Meldungen über berartige Differenzen offiziell bementieren lassen. Ich kann nur dazu bemerken, daß verschiedene persönliche Aussprachen zwi­schen mir und General von Deimling stattgefunden haben, daß dabei wohl gelegentlich Meinungs- differenzen zutage getreten sind, daß aber von einem Konflikte keine Rede sein kann." — „Hat der Kaiser bereits Bericht über die Vorfälle erhal­ten?" — Graf v. Wedel: „Ich habe Pflichtgemäß dem Kaiser über alle Meldungen, die mir ^gegangen sind, Bericht erstattet, auch mit dem Kanzler stehe tch stän­dig in Fühlung."

Oberst Reutter gegen den Zaberner Staatsanwalt. Wie der Mitarbeiter der,Nat. Ztg.' an unterrichtetet Stelle erfährt, hat Oberst Reutter wohl selbständig aber auf höhere Weisung der vorgesetzten Militär­behörde gehandelt. Als am Freitag der Zaberner Staatsanwalt sich dem Oberst bei den Verhören zur

Und dann--

Abends gegen acht Uhr im Zwielicht des entschla­fenden Tages klopft es schüchtern an der kleinen Vill» „Zehnte Avenue Nr. 32 parterre links".

Ein sauber gekleidetes Dienstmädchen öffnet.

„Ist Herr Barringwn zu Hause?"

„Stein, er ist um diese Zeit immer im Theater/

„Wohnt Fräulein — Fräulein Douglas auch hier?"

„Nicht hier. Drüben!" Die Hand des Mädchens weist auf bte andere Seite des Korridors. „Nur das gemeinschaftliche Speisezimmer und der Salon sink auf dieser Seite."

„Ist Fräulein Douglas zu Hause?"

„Nein. Sie ist auch im Theater."

„Wann kehrt sie zurück?"

„Ich weiß nicht. Manchmal um elf Uhr, manch- mal auch später."

„Nicht früher?"

„Nein."

„Wohnt nicht auch eine Frau Mackah hier?"

„Fran Mackah? Ja, so heißt die Pflegerin von unferm Kind."

Bei dem Worte „Kind" fühlt Felicie einen Stich im Herzen.

Dort, nur durch eine dünne Wand von ihr ge­trennt, schläft ihr lieb-s Kind, ihr Augapfel, ihr Son­nenschein: . . . Und sie, die Mutter des Kindes, steht draußen vor der Tür — eine Bettlerin, eine Unglück­liche, eine entlaufene Zucktthäuslerin! . . .

Entlaufene Zuchthäuslerin!!!

Zum erstenmal tommt ihr voll zum Bewußtsein, was sie ist. . . .

Entehrt — vogelfrei — ausgestoßen auS bet menschlichen Gesellschaft--

Ein leiser Schmerzensschrei entringt sich ihrer Brust.

Dem Mäbchen kommt bie Fremde unheimlich vor. Es drängt dieselbe zurück und will die Türe schließen.

Eine bittende Bewegung Felicies hindert es daran.

„Stur noch eins! Wie geht es dem Kinde?" „Gut. Es ist ein lieber kleiner Engel."

(Fortsetzung folgt.)