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e Eieijungsliften der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Laschenfahrplim. ß

40. Zahrgang.

Montag den 1. Derember 1913

Crstes Blatt.

Nr. 277

tncodw «glich mit flusnafjme der Som- und Feiertage, viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn and Bestellgeld In jppu austnärU 1.50 Mark. •••• Roialiensörudt und Verlag der 8 - julbaer ftctienörudterti in Zulda. Zemsprecher fir. 9. ::

Zuwaer Zeitung

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| Illustrierte Sonntagszdfung | Zuldaer SeschichtsblLtter

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Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 29. November 1913.

Zunächst wird eine Anzahl Rechnungssachen der Rech­nungskommission überwiesen. Es folgt die erste Bera. tung der Bemerkungen des Rechnungshofes zu der all­gemeinen Rechnung über den Reichshaushaltsetat für 1909. . ,

Abg. Noske (Soz.): ES ist dringend erwünscht, Latz die Rechnungslegung schneller als bisher vorgenrmtmen wird. Auch würde es sich empfehlen, datz sich der Reichs­tag intensiver mit dieser Sache beschäftigt.

Abg. Erzbcrger (Ztr.): Ich bedauere, datz lern Mit- fllieb des Rechnungshofes bei unseren Beratungen zu­gegen ist. Das wichtigste Recht des Reichstages ist das Kontrollrecht. Dies ist noch wichtiger als das Bewilli­gungsrecht. Den Herrn Reichsschatzsekretär mochte ich um Auskunft bitten, wann wir endlich das unS nun schon seit 40 Jahren zugesagte Etatsbewirtschaftvmgs- gesetz erhalten. Bezüglich einer ganzen Rethe von Rech, nüngen find die darin jür die Ausgaben von der Regie­rung abgegebenen Erklärungen in keiner Weise überzeu. gend nachgewiesen. Der Reichstag hat die Pferdegelder für die Adjutanten gestrichen, trotzdem sind sie wieder aufgeführt. Das ledeutet denn doch eine direkte Um­kehrung des Budgetrechts.

Staatssekretär Kühn erklärt, datz daS EtatSbewirt. schaftungsgeseb durch die Schwierigkeiten bei der Auf­stellung sich verzögert habe. Der Entwurf werde jetzt gefördert und könne vielleicht schon in der nächsten Tagung dem Hause vorgelegt werden.

Die Vorlage wird an die RechnungSkommtssion der. wiesen.

Die 3. Lesung des Gesetzentwurfes betr. Beschäftigung von Hilfsrichtern beim Reichsgericht wird debattelos er. ledigt.

Es folgt die Fortsetzung der Beratung des Gesetzent­wurfes auf Einschränkung des Hausierhandels.

Abg. Stolle (Soz.) ist der Ansicht, datz durch den Gesetzentwurf der kleine Mittelstand eher geschädigt werde.

Abg. Pauly-Cochem (Ztr.) wünscht noch eine Reihe Aenderungen durch die Kommission, damit der Entwurf überhaupt brauchbar werde. Die Wanderlager mutzten vor allem verboten werden und gegen die Auswüchse des Hausierhandels, der nur minderwertige Ramschware veräußere, vorgegangen werden. Sollten die Blanderlager nicht aufgehoben werden, so sei er für eine Reservation derselben.

Abg. Arnstadt (kons.) bittet im Hinblick auf die gro­ßen Bezirke, dte auf den Absatz ihrer hausgewerblichen Produkte ausschließlich angewiesen seien und auf die ländliche Bevölkerung, die vielfach den Hausierhandel nicht entbehren könne, den ehrlichen und reellen Hausier­handel nicht zu schädigen.

Abg. Astor (Ztr.): Ich möchte die dringende Bitte aussprechen, datz bei dieser Gelegenheit dem Unwesen der Wanderlager, durch die das setzhafte Gewerbe emp. findlich geschädigt wird, der Garaus gemacht wird. Der Einwand, daß namentlich in dünn bevölkerten Gegenden die Wanderlager ein wirtschaftliches Bedürfnis seien, trifft nicht zu, da eS tatsächlich in den wenig bevölkerten Regierungsbezirken überhaupt keine Wanderlager gibt. Der Mittelstand kann nicht anders als ein generelle» Verbot der Wanderlager fordern. (Seif. i. Zentrum.)

Abg. Dr. Böttger (natl.) beantragt statt der Kom. Mission von 14 Mitgliedern eine solche von 28 ei/izusetzen.

Abg. Pfeiffer (Ztr.): Bei keiner Partei herrscht be­sondere Freude an dem Gesetzentwurf. Jedenfalls müs- sen wir die Schäden und Auswüchse des Haufiergewerbes durch das neue Gesetz endgültig beschneiden. Vor allen Dingen muß der Lohnhausiererei, die zu ihrem Gewerbe körperliche Gebrechen ausnutzt, entgegengearbeitet wer. den. Dagegen müssen wir das Hausiergewerbe in ye- wissen Gegenden, z. B. im Westerwald, in der Pfalz, tm EichSfeld, wo dieses Gewerbe eine direkte wirtschaftliche Notwendigkeit ist und wo die durch Hausierhandel der. kauften Waren selbst fabriziert werden, sogar ebenso schützen tote den Mittelstand. Die Wanderlager können nicht genug bekämpft werden. (Beifall im Zentrum.)

Die Vorlage wird an eine Kommission von 28 Mit. gliedern überwiesen.

Montag: Interpellation über den Fall Zabern.

)n der Schule der Leidens.

35] Roman aus dem New-Iorker Leben.

Von Erich Friesen.

Ihre Gefänguiszeit lst abgelaufen! Diese Tatsache macht sie für alle zum Gegenstand des Interesses. Sehnsüchtig blicken die Sinnen, die hier bleiben müs­sen, in die ferne, ach so ferne Zukunft, da auch sie tote» der herumtoandeln, daheim bei ihren Familien sein, ihre Lieben Herzen und küsien können.

Ob es alle erreichen werden? Ob nicht für die Meisten die düstern Gefängnismauern das Grab be­deuten?

O, ihr Armen, die ihr eine schwache Stunde mit 6er Freiheit, Wohl gar mi. dem Leben büßen müßt! Eine Stunde, die ihr vielleicht gleich darauf aus tief­stem Herzen bereutet, die aber keine Reue, kein Flehen, feilt Gebet ungeschehen machen konnte! Möge Ruhe und Frieden in eure geknickten Seelen ziehen! . . .

Endlich ist der allgemeine Abschied vorüber. Nur Felicie — oder vielmehr diejenige, welche man für Felicie hält — fehlt noch.

„Wo ist die Barrington?" heißt es allgemein. Je- dermann kannte die Freundschaft, welche die beiden Gefangenen miteinander verband und verwundert sich nun über die Gleichgültigkeit der Barrirtgton.

Doch merkwürdig, die „Barrington" laßt sich nicht blicken — zur großen Erleichterung Felicies, welche glaubt, die Freundin vor all den neugierigen Augen nicht ruhig umarmen zu können.

Vorsichtig geleitet man die vermutete Schwer- kranke, welche seit langem zum erstenmal den Kran­kensaal verläßt, die Treppe hinab, in das Zimmer des Direktors.

Dieser hat gerade mit dem Arzt eine Konferenz. Beide blicken nur flüchtig auf, als ihnen gemeldet wird, die „Holm" wolle ihnen Lebewohl sagen.

„Halten Sie sich brav!" sagt der Direktor zer­streut ihr die Hand reichend.

„Hübsch vorsichtig, damit Sie noch ein bißchen Ihre Freiheit genießen können!" fügt, der Arzt hinzu. |

B Immer wieder: Zabern.

„Alles ruhig mit Ausnahme der Polizei", hat ein­mal ein kommandierender General während einer großen Ausstandsbewegung gemeldet. „Alles ruhig mit Ausnahme des Militärs", so hätte, wenn man den Berichten glauben soll, die Behörde aus Zabern melden können, als die Welt mit Nachrichten über neue Zusammenstöße in der elsäsiischen Provinzstadt überschüttet wurde. ES könnte gar nicht Wunder nehmen, wenn man im Auslande allgemach glaubte, man stehe in den Reichslanden am Vorabend einer Revolution. Diese Auffassung ist natürlich unsinnig. Aber Aufgabe der entscheidenden Instanzen, in erster Linie des Reichskanzlers ist es, endlich durch entschie­dene Maßregeln dafür zu sorgen, daß sich Vorgänge nicht wiederholen, die einer solchen Beurteilung der Dinge weiterhin Vorschub leisten.

Erst handelt es sich um die Entgleisung des jungen Leutnants; jetzt ist das ganze Regiment ent- gleist. Alle unbefangenen Beobachter vertraten bisher die Ansicht, es hätte zur Wiederherstellung der Ruhe genügt, wenn man den unvorsichtigen Leutnant von der Bildfläche entfernt hätte. Nunmehr schüttelt man den Kopf und fagt: Es muß noch viel mehr abgeschoben werden, als der sehr junge Offizier; nach­dem man über zwei Dutzend friedliche Bürger eine Nacht hindurch im Kohlenkeller der Kaserne gefangen gehalten hat, ist dieser Oberst und vielleicht sogar die­ses Regiment in Zabern unmöglich ge- worden!

Ist es nötig, daß ein Offizier militärische Be­deckung erhält, wenn er Schokolade und Zigarren ein. kaufen will? Wenn er deren bedarf, so ist es sicherlich besser, daß er still und unbemerkt in der Kaserne bleibt. Ist es nötig, daß auf höhnische Rufe einer Handvoll Straßenjungen eine Truppe aufgeboten wird, als hätte sie die Ordnung gegen den inneren Feind oder das Vaterland gegen den äußeren Feind zu verteidigen? Und ist es nötig und nützlich oder irgendwie zu rechtfertigen, daß harmlose Menschen aufgegriffen und emgesperrt und selbst Richter und Staatsanwalt, die zufällig des Weges kommen, weil sie eben den Gerichtssaal verlassen haben, dingfest ge­macht werden wie lichtscheues, aufrührerisches Ge- sindel? .

Die Gesetze gestatten dem Militär die notige Selbsthilfe, wenn eS angegriffen wird. Wenn nun ein grüner Bursche auf der Straße dem Frhrn. v. Forftner und seinen Kameraden ein schnod­driges Wort zuruft, so wird das als Angriff betrach­tet; man veranstaltet eine Hetzjagd auf den frechen Bengel, ruft die Wache ins Gewehr, läßt ein Kom­mando «mit geladenen Gewehren ausrücken, führt unschuldige Straßenpasianten zu Dutzenden ab, sogar hohe Gerichtsbeamte, dringt in die Häuser ein und holt Leute heraus. Kurz: Zabern toirb tatsäch­lich in Belagerungszustand versetzt, und zwar nur deshalb, weil ein Schüler int Gebrauch sei­ner Zunge ebenso unvorsichtig gewesen ist, wie der sehr junge Leutnant. Auf militärischer Seite ist man offenbar überempfindlich, nervös geworden, u. in dem Zustande übertreibt man den Gebrauch seiner Machtmittel. Sogar Blätter der scharfmacherischen Richtung müssen eingestehen, daß das Militär Un­geschicklichkeiten, vielleicht sogar Gesetzwidrigkeiten be- gangen habe. Sie schieben freilich doch die Schuld auf die Bevölkerung und wollen ein Regiment der starken Faust. Wie weit man mit der Gewaltpolitik kommen würde, macht diesen Kampfhähnen keine Sorge. Wir aber sagen: Wenn man die bürgerlichen Behörden ausschalten und das Volk der Militärdiktatur unterstellen will, dann möge man auch offen Farbe bekennen und klare Rechts- oder Unrecktsverhält- nifse schaffen. Dann verwandle man den tatsäch­lichen Belagerungszustand von Zabern in einen ausgesprochenen Belagerungszustand für Za­bern oder ganz Elsaß-Lothringen. Dann hört wenig-

Dann wird sie noch in aller Eile photographiert, ihr der neue „Abgangsanzug", ein Bündelchen, ihre übrigen Sachen enthaltend, und dreißig Dollars ein» gchändigt. Und nun geht's zum Geistlichen.

„Zieh mit Gott, meine Tochter!"

Ernst ruhen die klaren Augen des Seelsorgers auf den Zügen der entlassenen Strafgefangenen. Felicie ist cs, als müsse sie in die Erde sinken vor diesem forschenden, gütigen Blick.

Doch auch diese Minute der Angst ist glücklich vorbei.

Felicie betritt, mit ihrem Bündelchen in der Hand, das Empfangszimmer.

Vom Sopha erhebt sich eine mittelgroße, statt­liche Dame in moderner, etwas auffälliger Toilette.

Das muß Olivia fein, Annys Schwester.

Felicie fühlt ihre Knie ztttern. In ihrer Aufre­gung vergißt sie. nach „Tom" und „Jack" und „Alice" zu fragen. Selbst das Wort „Olivia" bringt sie nicht über die Lippen

Nur ihre großen Augen schlägt sie voll zu der Dame auf — Augen, in denen ein rührend stummes Flehen um Vergebung geschrieben steht.

„Ta bist Du also!" beantwortet die Dame das stumme Bitten und küßt Felicie auf die Wange. „Wie gräulich Du aussiehst - die reine Nachteule! Wirst recht schlecht in unfern Haushalt passen. Nun komm' mal mit! Unten steht ein Wagen."

Krampfhaft umklammert Felicie die Hand der Dame und schreitet nut ihr die Treppe hinab, durch den Hof, an dem aufgestellten Posten vorbei.

Gleich darauf schließt sich das hohen Eisentor hin­ter den beiden.

..Frei! Frei!! Frei!'!"

Felicie breitet beide Arme aus. Kaum vermag sie die lauten Jubelrufe, die sich ihr auf die Lippen drän­gen, zurückzuhalten.

Mit dem Bewußtsein der Freiheit wächst ihr Mut. Leichtfüßig springt sie in den Wagen und reicht ihrer etwas schwerfälligen Begleiterin die Hand.

„Komm', liebe Olivia, laß mich Dir helfen. Es tut mir so leib, daß Du soviel Plage mit mir hast!"

stens 'der Zwiespalt auf; die Bevölkerung weiß, wo­ran sie ist, und die Verantwortlichkeit fallt dann ausschließlich auf das Generalkom­mando und dessen Organe.

Die gegenwärtige wirre und wilde Wirtschaft kann unmöglich weiter gehen. Auf die Mühle der Sozial- demokraite ist wahrlich schon wasser genug geleitet worden, und den Franzosen haben wir in der Tat schon Freude genug bereitet- Entweder muß Herr v. Bethmann Hollweg die Zügel der deutschen Politik wieder in seine Hand nehmen, ober er muß Platz machen für ben Oberst Reu11er.

Noch keine Rnhe.

Auch am Samstag haben sich in Zabern Aus- schreitungen und Zusammenstöße zwischen Volksmenge und dem Militär ereignet. Als bet einer größeren Ansammlung ein Konflikt unvermeidlich er- schien, trat der städtische Beigeordnete Guntz, der der wegen der Erkrankung des Bürgermeisters diesen vertritt, herbei, um zu vermitteln. Aus bisher noch nicht erklärten Gründen wurde aber Herrn Guntz von der Militärpatrouille die Türe seiner Wohnung eingedrückt. Es herrschte den ganzen Tag üb.r eine sehr erregte Stimmung in der Bevölkerung. Die meisten Läden haben vorzeittg geschlossen, Militär mit aufgevflanztem Bajonett stand vor der Kaserne, allein die Nähe dieses Gebäudes wird von der Bevölkerung gemieden. , L . ,,, , .

Ueber die Vorgänge vom Freitag wird jetzt folgende Darstellung gegeben:

Gegen 7 Uhr abends stand eine Gruppe von Offi­zieren, darunter Leutnant v. Forstner, vor Forftners Wohnung. Einige Fortbildungsschüler, die herüber- kamen und Forstner erkannten, riefen ihm ein Schimpf­wort zu. DaS Schimpfwort hatte Bezug auf einen vom „Journal d'Alsace" verbreiteten, aber etwas schmutzi­gen Vorgang, der sich im Manöver ereignete und in den Leutnant v. Forstner verwickelt sein soll. Die Offiziere waren empört, und der diensthabende Offizier, Leut­nant Schadt, begab sich sofort auf den Schloßhof und requirierte die Wache. Etwa 50 Mann mit ausgepslanz- tem Seitengewehr rückten heran. Inzwischen hatte sich auf dem Schloßplatze eine kleine Menge von Personen angesammelt. Nach der mehrmaligen Aufforderung an das herbeiströmende Publikum, auseinanderzugehen, widrigenfalls von der Waffe Gebrauch gemacht werde, schwärmten die Truppen aus und suchten des Fortbil- dungSschülerS habhaft zu werden, der die beleidigenden Aeußerungen getan hatte. Natürlich vergebens. Be, der Gelegenheit kam es zu V e r h a f t u n g e n aus der Menge, die nach der Art von Neugierigen Nicht von der Stelle wich. Landgerichtsrat K a l i s ch, der auf die Auf- forderung eines Soldaten, weiterzugehen, erklärte, die. ser habe ihm nichts zu befehlen, wurde ergriffen und in Begleitung des LanSgerichtsrats Beemelmans zur Wache gebracht. Dort wurden die Herren später durch den herbeigeeilten Landgerichtspräsidenten Fürst befreit. Im ganzen wurden etwa 30 Personen feftge- tommen, die Samstag mittag gegen 12 Uhr dem zu­ständigen Amtsgericht von einer Militärpatrouille von vier Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr vorgeführt wurden. Nach Feststellung ihrer Personalien wurden sie wieder freigelassen. Sie sagten aus, daß sie die Nacht über in einem feuchten Raume zugebracht hätten, wobei ihnen nur zwei Decken zum Schutz gegen Feuchtigkeit und Kälte zur Verfügung standen. Auch ein Austreten war ihnen nicht gestattet. Böses Blut machte die Tatsache, daß eine Militärpatrouille am Samstag gegen 11 Uhr mit Gewalt in das Haus eines Bürgers eindrang der al fällige Bemerkungen über die gestrigen Vorgänge getan hatte.

Em balbamtltd;ei Bericht stellt die Vorgänge rn etwas milderem Lichte dar. Die Offiziere seien aus der Turnstunde in der städtischen Turnhalle gekommen und Zivilisten hätten hinter ihnen hergeschrien. Die Wache sei ins Gewehr getreten, weil kein Sicherheits­beamter anwesend gewesen sei. Die Leute seien fest­genommen worden, teils weil sie geschrien hatten,, teils weil sie sich weigerten, weiter zu gehen, dazu habe auch der Staatsanwalt gehört. Die Patrouillen seien ausgesandt, um die Hauptstraßen sreizuhalten und den Offizieren, die nach Hause gehen wollten.

„Mein Gott, 's ist ja meine Pflicht als Schwe- fter!" Und bie „liebe Olivia" stößt einen tiefen Seuf­zer aus. „Schnell nach dem Bahnhof, Kutscher! Ich will nach Philadelphia. Unb jetzt, Anny, zieh' Dir hier im Wagen rasch diese Bluse an! Du wirft doch nicht denken, daß ich mich mit Dir in solchem Aufzug auf der Straße sehen lasse. Jedermann hält Dich für eine durchgebrannte Zuchthäuslerin. Warum wirst Du auf einmal so bleich? Na, 's war nicht so schlimm gemeint! . . • Sieh', ich hab' Dir hier in dieser Handtasche eine alet rotseidene Bluse von mir mitgebracht und einen weißen Strohhut. Die Bluse wird Dir etwas weit fein. Schadet nichts; ziehst den Gürtel mehr zusammen. Nun schnell herunter mit der grauen Joppe und hinein in die Bluse! Niemand sieht Dich in dem geschlossenen Wagen auf dem ein­samen Weg. Wie gefällt Dir der Hut? Hast lange genug kein anständiges Kleidungsstück mehr auf dem Körper gehabt, armes Tin»! Hübsche Bluse, wie?"

„O wunderhübsch, wunderhübsch! Dank, Olivia, tausendmal Dank!"

Felicie ist in der Stimmung, die ganze Welt zu umarmen. Die übermächtige Freude, frei zu fein, macht sie fast schwindlig

„Jetzt siehst Du ganz anständig aus," nickt Olivia beifällig. „Rot kleidet Dich,gut. Du siehst lange nicht so schlecht aus, wie man mit da drüben —“ sie deu­tet nach der Richtung des Gefängnisses zu — „weis machen wollte. Von Sterben gar keine Spur. Freust Dich wohl, daß Tu die Geschichte hinter Dir haft, wie?"

„Ach sehr!"

„Glaub's wohl! Hast Du übrigens bei Deinem Abgang Geld erhalten?"

„Ja. Dreißig Dollars."

„So wenig? Ich dachte, mindestens das Doppeste. Na, 's wird schon reichen für den W tgen und bie Villets nach Philadelphia und bie, Bluse und den Hut. Außerdem werde ich zu Hause Deine Gefäng­nissachen gleich an einen Kleiderjuden verkaufen. Da gibt's auch noch etwas 'raus!"

De? Wagen hält am Bast

bie Möglichkeit zu bieten, Leute, die etwa wieder hinterher schreien sollten, sofort festzunehmen. Der Bürgermeister habe krank tm Bett gelegen und der Kreisvirektor sei in Straßburg gewesen. Wegen der angeblichen Verfehlung des Leutnants v. Forstner tm Manöver fei eine Untersuchung im Gange, ihr Ergebnis stehe noch nicht fest. — Auch diese Dar­stellung, die gewiß nichts venchweigt, was das Vor­gehen des Militärs in milderem Lichte erscheinen lasten könnte, läßt das Urteil Über den unerhörten Vorfall unverändert.

In einer Meldung des .Deutschen Telegraphen' heißt es: Die Situation ist geradezu grotesk ge­worden. Die Leutnants des Regiments lassen sich hei ihren Einkäufen von Patrouillen mit auf« gepflanztem Bajonett eskortieren. Auch Leutnant v. Forstner, der gestern Weihnachtseinkäufe machte, ließ sich von einer Patrouille von vier Mann begleiten, die, als er bei Tengelmann Schokolade kaufte, sich mit aufgepflanztem Bajonett vor der Ladentür postierten, ihn in ein Cafe begleiteten und auch vor einem Zigarrenladen sich mit ausgepflanztem Bajonett postierten.

Zabern am Sonntag.

** Zabern, 30. Nov. 1913. Am Nachmittag herrschte großer Verkehr in der Stadt. Von Zeit zu Zeit wurde eine Militärpatrouille mit umgehängtem Gewehr sichtbar und auch die verstärkte Gendarmerie machte sich bemerkbar. 9htr die ständige Aufforderung, nicht stehen zu bleiben, erinnerte an bie ungewohnte Situation. Ein Mann aus Ottersweiler, der, tote berichtet wird, lediglich fragte, ob ein vorübergehender Offizier der Leutnant v. Forstner sei, wurde von einer Militärpatrouille verhaftet und auf bie Wache geführt; ein Gendarmeriewachtmeister, der den Ver­hafteten als Vertreter der Zivilpolizei für sich bean­spruchte, wurde abgewiesen. Da Oberst v. R e u t- ter heute früh in Straßburg weilte, ist anzu­nehmen, baß auch in diesem Falle wieder int Einver­ständnis mit dem Straßburger Militär­kommando vorgegangen wurde. Oberst v. Reutter steht auf dem Standpunkt, baß die Ortspolizeibehörde nicht in genügender Weise für den Schutz der Offiziere gesorgt habe, eine Ausfassung, die von den Zivilbe­hörden auf Grund der amtlichen Untersuchung als gänzlich unhaltbar bezeichnet-werden darf. Da Herr v. Reutter offen erllärt hat, daß er lediglich auf Grund seiner Instruktionen handle, spitzt sich der Fall immer mehr auf einen Konflikt zwischen dem Gene­ral v. Deimling und der Straßburger Zivil­verwaltung zu.

Kaiser und Kriegsminister.

W Berlin, 30. Nov. 1913. Der Kriegsmint- ster hat sich heute nachmittag zum Vortrag bei dem Kaiser nach Donaueschingen begeben. — Es ist anzunehmen, daß bfer Kaiser einen Bericht über bie Vorgänge in Zabern gewünscht hat.

.Noch eine Interpellation

über die Zaberner Vorgänge ist im Reichstage ein­gebracht worden. Sie geht von den Elsässern aus und ist auch von den Polen und zahlreichen Zentrumsmitgliedern unterschrieben. Sie lautet:

„Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um die elsaß-loth.mgischen Soldaten und die Bevölkerung Glsab-Lolhringens vor Beleidigungen zu schützen, wie sie sich ein Offizier des Infanterie-Regiments Nr. 99 in Za­bern ihnen gegenüber hat zuschulden kommen lassen? Hält der Herr Reichskanzler die Strafe, die über diesen Offizier verhängt worden ist, für eine Sühne, die geeignet ist, der Wiederholung solcher Vorfälle vorzubeugen?"

Diese Interpellation geht weiter als die fort­schrittliche und sozialdemokratische, da sie auch die Militärgerichtsbarkeit in den Anfragebereich ein­bezieht. — Weiter ist von elsässischer Seite folgende kurze Anfrage eingebracht worden:

„Ist dem Reichskanzler bekannt, daß in Zabern am 28. November Offiziere des 99. Infanterie-Regiments, ohne von der Polizeibehörde requiriert zu sein, einen Zug

Die beiden Damen steigen aus. Da der Zug nach Philadelphia erst in einer Stunde abgeht, nehmen sie im Wartesaal Platz und bestellen Tee.

Felicie hat schon lange darüber nachgedacht, wann sie die Dame da neben ihr ins Vertrauen ziehen soll. Immer noch schrickt sie davor zurück. Wer weiß, wie Annys Schwester die ganze Sache aufnimmt! Viel­leicht schickt dieselbe sie zurück ins Gefängnis!

Ein Schauder überfliegt Felicie. Jetzt, nachdem sie die Freiheit wieder gekostet, obgleich es nur eine Stunde ist — jetzt erscheint ihr das Gefängnis doppelt entsetzlich.

Noch grübelt sie darüber nach, wie sie Olivia am besten die Wahrheit beibringt, als diese sie ganz un­vermittelt fragt:

„Hast Du ein Portemonnaie bei Dir, Anny?" „Nein."

„Das dachte ich mir. 's ist nicht sicher, soviel Geld lose in der Tasche herumzutragen. Gib' es mir!"

Schon streckt sie die Hand aus. um die Summe in Empfang zu nehmen.

Doch Felicie schüttelt den Kopf.

„Nicht jetzt. Ein andermal."

Ihr Ton ist so energisch unb bestimmt, so ganz anders, wie Olivia es an ihrer sanften Schwester gewohnt war — Olivia blickt Felicie scharf an.

Und Felicie errötet schuldbewußt unter diesem durchbohrenden Blick, errötet tiefer und tiefer, je länger der Blick auf ihr haftet.

Endlich hält sie es nicht mehr aus. Sie springt auf und beginnt im Wartesaal auf und ab zu gehen.

„Ruhig, bis die Leute hier in den nächsten Zug eingestiegen sind!" mahnt Olivia leise. „Wir dürfen kein Aufsehen erregen. „Haben Sie keine Angst! Ich venate Sie nicht!"

Felicie schweigt. Ihr Herz klopft fast hörbar.

Endlich leert sich der Wartesaal.

Felicie ist allein mit Annys Schwester.

„Nun sprechen Sie!" beginnt Olivia hastig. „Was bedeutet das? Wer find Sie?"

(Fortsetzung folgt.)