Zuldaer Zeitung
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J'JJJ | Illustrierte Sonntagszeitung
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40. Zahrgang.
Samstag den 29. November 1913
Crftes Blatt.
Nr. 276
trid)etie «glich mit fluenchme 6er Senn- tmb Vertage. Wertet- lOhrttdjer Bezugspreis ohne Brtngerlohn «nö Bestellgeld In «pWlt euswdrb I JO mark. •••• Rotatie nsbru» und Oerlag der « S Sulbaer ftcttenörutkerel tn Sulöa. $em(predjer fir. 9. ::
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Innern fiat eine
der Armee erwidert
Generalleutnant Wild v. Hohenborn: Wegen des großen Bedarfs mutzte alles vorgestellte Material auf. gelaust werden. Eine Benachteiligung der deutschen Pferdezucht bat demgemäß nicht stattgefunden.
Auf die Frage des Abg. Göhre (Soz.) wegen der Sachverständigenkommission für Wohnungsreform er. widert
Direktor Dr. Lcwalb: Der Zusammentritt dieser Kommission ist für Anfang nächsten Jahres in Aussicht genommen.
Aus die Frage des Abg. v. Morawski-Szier. zykrai (Pole) wegen des
Verbotes geistlicher Exerzitien für weibliche Dienstboten in Posen erwidert Ministerialdirektor Dr. Caspar:
Dem Reichskanzler ist der Vorgang nur aus der Tagespresse bekannt. Er fiat sofort die preußische Regierung um Aufklärung der Sachlage ersucht. Die Ant-
gehen.
Auf die Frage des Abg. Dr. Herzfeld (Soz.) wegen der Beziehungen des englisch-amerikanische« Tabaktrustes zur deutschen Zigaretten-Fndustrie erwidert
Unterstaatssekretär Dr. Richter: Das Reichsamt deS Innern fiat eine Untersuchung in die Wege geleitet. Der Reichstag wird sich alsbald mit dieser Angelegen, fieit zu befassen haben.
Auf die Frage des Abg. Dr. Junck (natl.) wegen des Botschaftsgebäudes in Washington erwidert
Staatssekretär v Jagow: Das Auswärtige Amt hat einen Auftrag zum Bau noch nicht erteilt. Auch im Etat findet sich keine derartige Position. (Heiterkeit.)
Auf die Frage des Abg. Alpers ^Hannoveraner) wegen der Verwendung von ausländischen Pferden in
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 28. November.
Auf der Tagesordnung stehen zunächst kurze Anfragen.
Auf die Anfrage der elsässischen Abgeordneten wegen der Vorgänge in Zobern erwidert
Kriegsminister v. Falkenhayn: Die Anfrage betrifft einerseits die Vorgänge innerhalb des Jnfanterie-Regt- ments Nr. 99, andererseits die Wirkung dieser auf einen Teil der Bevölkerung des Reiches. Ungehörigkeiten in der Armee können nicht geduldet werden und Beleidigungen Untergebener werden bestraft, insbesondere, wenn dabei landschaftliche Emp. findlichkciten berührt werden. Die Untersuchung und Nachprüfung steht dem höheren Vorgesetzten zu. Ich als Vertreter der Heeresverwaltung bin nicht befugt, hier näher darauf einzugehen. Eine Beleidigung oder gar eine Herausforderung der Bevolke- rung ist nicht vorgekommen. (Widerspr. u. Gelächter links und bei den Elsässern.) Der, dem die Acußerung zur Last gelegt wird, ahnte _mcfit, daß sie in die Oeffentlichkeit getragen werden würde. (Lachen und Zurufe: Ahnungsloser Engel! Große Un. ruhe!) Ter beleidigende Sinn des Wortes war dem sehr jungen Offizier ganz fremd. (Heiterk. u. Unruhe.) Ich bin selber vier Jahre in den Reichslanden gewesen, ofine die beleidigende Bedeutung des Wortes gekannt zu haben. Ich will nicht sagen, daß nicht jeder junge Offizier in jedem Augenblick der hohen Pflichten seines ebenso schönen wie schweren Berufes eingedenk sein soll. (Bravo! rechts.) Ist er es nicht, so muß er die Folgen tragen. Ich will nichts beschönigen oder ent. schuldigen. Nein! Aber wenn jede Entgleisung im glücklichen Alter von 20 Jahren im Beruf oder Dienst an die große Glocke gehängt würde, so wurde der Skandal im Reiche so groß werden, daß niemand unser- Stimme verstehen würde. _ (Hört! hört! Große Unruhe.) Die Aufregung ist entstanden, weil dient- liche Vorgänge von Soldaten in die Oef. fentlichkeit getragen und dann in aufreizender Weise ausgebeutet worden lind. Daß ich solche Zustände in der Armee nicht dulden kann, ist klar. (Bravo! rechts. Unruhe.)
Auf die Frage des Abg. Bock (Soz.) wegen der Einschränkung des Handels mit Waffen erwidert
Direktor Dr. Lewald, daß in Verbindung mit Ver. tretern der Waffenindustrie und des Waffenhandels alle Vorbereitungen getroffen worden seien, dem Miß. brauch mit Revolvern zu begegnen. Ein Gesetz- enttvurf wird dem Reichstag noch in dieser Session zu-
Das große Los.
Humoreske von Dr. Edmund Göhring.
(Nachdruck verboten.)
Im „Schwarzen Bären" zu Dusterwitz saßen die Getreuen am runden Stammtisch beim Abendschoppen.
Als Aeltester der Steuerrat Knauer, mit seinem bärbeißigen Gesicht, dann der dicke und allgemein beliebte Assessor Neuhof; neben ihm der stets gekränkte Oberlehrer Igel: ferner der Essigfabrikant Schnalzer, dem man wegen seiner kulinarischen Liebhabereien den Titel Dinerrat verliehen hatte; weiter der Doktor Wihel, immer zu malitiösen Bemerkungen geneigt, und endlich, last not least, der übermütige Referendar Schönborn. Dieser trug ein schnurrbärtiges Sclbstbewußtsein zur Schau und eine grenzenlose Verachtung aller Dinge in Dusterwitz, war aber im Grunde ein ganz famoser Kerl.
Man verulkte gerade den Assessor Neuhof. Er spielte seit zwölf Jahren unentwegt in der Landeslotterie, sparte geradezu darauf, gewann aber nie etwas.
„Wie können Sie nur, als Vertreter der Gerechtigkeit, auch noch so etwas beanspruchen? Das Glück in der Liebe lächelt Ihnen doch sch^n fabelhaft lange", bemerkte Dr. Witzel
Und das war unbestreitbar. Denn der Assessor war seit drei Jahren verlobt mit Röschen, der fünften Tochter des Schuldirektors Muffel, einem reizenden Mädchen.
Aber zum Heiraten langte es noch nicht.
Der Assessor erwiderte scheinbar stolz: „Sie verkennen mich. Ich spiele in erster Linie aus Patriotismus, dem Staate zu bekanntem Nutzen. In zweiter Linie aber als Philosoph, als Fanatiker der Freude. Ich will mich ein halbes Jahr lang an der Hoffnung erfreuen können. Wenn es dann nichts ist, geht eben mkin Vergnügen von neuem los. Schnöde Gewinnsucht aber, welche die törichte Masse leitet, liegt mir fern."
wort steht noch aus. (Lachen im Zentrum und bei den Polen.)
Zu der sozialdemokratischen Interpellation wegen der Vorgänge in Zobern erklärt Generalleutnant Wild v. Hohenborn: Soweit die Interpellation nicht durch die vorherige Antwort erledigt ist, ist der Reichskanzler be. reit, sie in der zweiten Hälfte der nächsten Woche zu beantworten.
Zu der sozialdemokratischen Interpellation wegen der Besetzung der Rüstungskommission erklärt Ministerial- direktor Dr. Richter: Der Reichskanzler ist bereit, die Interpellation in der zweiten Hälfte der kommenden Woche zu beantworten. — Es folgen
Wahlprüfungen.
Ueber die Wahl des Abg. Pens (Soz.) (Wahlkreis Potsdam, Brandenburg, Westhavelland) und Dr. P a ch- nicke tBp.) (Wahlkreis Mecklenburg- Schwerin, Parchim-Ludwigslust) wird ohne Debatte Beweiserhebung beschlossen. Dre endgiltige Abstimmung über diese und über die folgenden Wahlprüfungen wird allerdings am Dienstag erfolgen.
Bei der Wahl des Abg. Dr. Hegenscheidt (Rp.) (Wahlkreis Liegnitz. Rotenburg, Hoyerswerda) beantragt die Kommission, die Wahl für gütig zu erklären, während die Sozilademokraten den Antrag auf Ungiltigkeitserklärung gestellt haben.
Abg Sudthagen (Soz.): Der Abg. Dr. Hegenscheidt hat die Wahlaufrufe als Landrat unterzeichnet. Das ist ein Fall von amtlicher Beeinflussung sondergleichen.
Abg. Mertin (Rp.): Abg. Dr. Hegenscheidt ist auf den amtlichen Wahlzetteln als Landrat bezeichnet worden, da wäre es doch geradezu widersinnig, wenn er sich auf dem Wahlaufrufe nicht ebenfalls als Landrat unterzeichnen dürfte.
Abg. Dr. Neumann-Hofer (F. Vp.): Wir betrachten die Unterzeichnung in der Eigenschaft als Landrat für eine Wahlbeeinflussung. Deshalb bitte ich für Un- giltigkeitSerklärung der Wahl Dr. Hegenscheidts.
Abg. Dr. Bollert (natl.): Wir können uns dem Anträge auf Ungiltigkeitserklärung nicht anschließen.
Abg. Dr. v. Beit (I.): Dr. Hegenscheidt hat als Landrat nur das getan, was sein gutes Recht und all. gemein üblich ist.
Nach weiterer unerheblicher Debatte wird die Abstimmung bis zum Dienstag ausgesetzt.
Es folgt dre Prüfung der Wahl des Abg. Haupt (Soz.). Die Kommission beantragt Ungiltigkeit, da Wahlunregelmäßigkeiten vorgekommen sind.
Abg. ReipauS (Soz.) fordert nochmalige Beweiser- Hebungen.
Abg. Dr. Ncumann-Hofer (Vp.): Wenn Stimmzettel statt in die Wahlurne neben sie gelegt wurden, hat der Reichstag stets auf Ungiltigkeit erkannt. Weitere Be. weiserhebungen würden an dem Ergebnis nichts ändern.
Abg. Tr. v. Seit (k.) schließt sich dieser Auffassung an. Die Abstimmung findet am Dienstag statt.
Bezüglich der Wahl des Abg. Kuckhoff (Ztr.) (Landkreis Köln) beantragt die Kommission Beweiserhebungen, da in einzelnen Wahlbezirken die Wahl, zellen unaenügenb gewesen und in anderen Wahlbezirken mehrere Wähler zu gleicher Zeit in einer Wahlzelle ge. standen haben sollen.
Abg. Stadthagen (Soz.) beantragt Ungültigkeitserklärung ohne heitere Beweiserhebung.
Abg.' Dr. Pflegerer beantragt außer der von der Kommission beantragten Beweiserhebung noch die eidliche Vernehmung der in der Eingabe des Parteisekretärs Schaeven aufgeführten Zeugen zu veranlassen.
Abg. Bollert (natl.) tritt für Ungiltigkeitserklärung der Wahl ein, weil im Wahlbezirk 104 der Wahlvorstand nichts ordnungsgemäß zusammengesetzt gewesen sei.
Die A b st i m mu n g erfolgt ebenfalls am Dienstag.
Abg. Abiah (Vp.) führt Beschwerde, daß man den Magistrat in ©reiffenberg von amtlicher Seite zwingen wollte, in einem ultramontanen Blatte zu inserieren. (Zuruf im Zentrum: Ultramontane Blätter gibt es nicht.) Die Konjervativen haben den Versuch gemacht, für 500 Mk. die Sichwahlhilfe der Sozialdemokraten zu gewinnen. (Unruhe rechts.) So lassen sich die Kon. servativen mit der Sozialdemokratie, diesem politischen Gottseibeiuns ein. (Hört, hört!) Nun hat ja allerdings der Vorstand erklärt, solche Sünder in Zukunft ausfchlietzen zu wollen. Reichlich spät! (Unruhe und Zurufe rechts.) Solche Techtelmechtel schaden den ton. servativen Herren nichts. Diese Machinationen setzen die politische Moral herab. (Beifall links.)
Man lachte, aber man wußte, auch ihn verfolgte» materielle Wünsche. Sein unbescheidener Traum war, im eigenen Cabriolet selbst zu kutschieren, Röschen mit einem modernen Hut lächelnd ihm zur Seite.
Es wurde lebhaft über das Lotteriespiel debattiert. Da kam Fritz, der Pikkolo, mit der Abendzeitung, den „Neuesten Nachrichten" von Dusterwitz.
Der Referendar griff danach und blätterte: „Politik, lassen wir, Gehaltsaufbesserungen zweifelhaft. ---Mangel an Gänsen in Deutschland. Mir ganz schnuppe. — Hier aus der Metropole, von Ihrer geliebten Lotterie, Neuhof. Das große Los ist wieder mal weg. Schade!"
„Der Haupttreffer mit 500 000 Mark fiel in heutiger Ziehung in die Kollekte des Herrn Friedrich August Müller hier auf Nr. 13708."
„Wa—as?"
Neuhof riß die Augen weit auf, griff sich an den Schädel und fprang in die Höhe. Die Stimme versagte ihm. Er riß das Blatt an sich, die Buchstaben tanzten vor seinen Augen und mit unartikuliertem Freudenschrei fiel er Schönborn um den Hals. Aus feinen abgerissenen Lauten hörte man heraus: Er war der glückliche Gewinner.
Unbeschreibliches Hallo im „Schwarzen Bären". Alles drängte fick um Neuhof. Man frag ihn aus, beglückwünschte und beneidete ihn aufrichtig.
„Mensch, Assessor. Duselfritze, Karlchen! Ist es denn wahr?"
„Haha! Meine alte brave 13 708. Seit 12 Jahren halte ich ihr die Treue mit Kollegen Schumrich zusammen. Ter hat das Los. — Ein Fünftel macht hunderttausend. Röschen, ich muß zu Röschen. — Doch nein, es ist zehn Uhr vorbei. Röschen träumt schon, wohl einen billigen Traum. Aber wenn du morgen aufwachst, soll dich Fortuna im Sonnenschein umgdukeln. — Sagte ich nicht immer, unsere Landeslotterie ist die beste Geldanlage? — Ehrwürdiger Vater Krause, an mein Herz! Sie wollen mir gratulieren. Wie heißt doch Ihr echter Schampus von jenseits unserer Westgrenze? Heidsiek? Der brave alte Knabe! Gut. Franz, Fritz! Heraus damit aus
Abg. Graf Praschma (Ztr.): Es ist für die freisinnigen Herren peinlich, daß die Greiffenberger Zeitung „Greif" in die freisinnigen Machenschaften fiineinge. leuchtet fiat (Lachen links.) Das hat auch den Angehörigen meiner Partei, die in unglaublicher Verblendung sich von freisinniger Seite haben betören lassen, die Augen geöffnet. (Hört, hört.) Herrn Ablaß möchte ich nur auf di- freisinnigen Machenschaften im Kreise Hirschberg und in Löwenberg Hinweisen. Wenn wir das einmal Vorbringen werden, dann wird man aus einem ganz andern Loch pfeifen. (Unruhe links.) Herrn Ab- laß hat von uns als Ultramontanen gesprochen. Ueber guten Geschmack soll man nicht streiten, aber im allgemeinen nennen anständige Leute einen andern so, wie er sich selber nennt. (Beifall im Zentrum; große Un- ruhe links.)
Vizepräsident Tove: Sie wollen doch nicht einem Mitglieds des Hauses vorwerfen, daß es nicht zu den anständigen Leuten gehört.
Abg. Graf Prnschma (Ztr.): Nein. (Heiterkeit.)
Abg. Graf Westarp (kons.): Für die Vorkommission in Söroenberg war ein Einvernehmen der Parteileitung nicht eingezogen. Wie wir die Parteidisziplin handhaben, ist unsere eigene Sache. Der Parceworstand wird in Zukunft in allen solchen Fällen keine Milde mehr walten lassen Sein Beschluß ist immer noch früher gekommen, als einer der Volkspartei. Diese hat noch niemals beschlossen, Mitglieder auszuschlietzen, die für die sozialdemokratische Partei eintreten. (Große Heiterkeit.) Ist ein solcher Beschluß in Kürze zu erwarten, so freut mich das. (Heiterkeit.)
Abg. Ablaß (Vp.): Wir fürchten keine Kritik. In unserem Kreis ist eine unerhörte konfessionelle Verhetzung Eineingetragen worden. Der_ konservative Par. teibeschluß laßt doch an Schärfe zu wünschen übrig. Ratschläge mag Graf Westarp dem Zentrum geben, wir lehnen feine Vormundschaft ab.
Abg. Graf Westarp (kons.): Der Beschluß des Par. teivorstandes ist vollkommen klar und deutlich. Bon dem freisinnigen. sozialdemokratischen Dämpfungsabkommen kann man das nicht sagen.
Die Abstimmung findet am Dienstag statt.
Es eolgt die Wahl des Abg. Dr. C-ljn (Soz., Nord, hausen). Die Kommission beantragt Giltigkeit.
Abg. Dr. Neumann-Hofer (Vp.) beantragt Beweiserhebung. Tr. Cohn war für die Stichwahl amtlicher Kandidat. (Heiterkeit.) Die Gemeindevorsteher erklär, ten, vom Landrat sei die Parole gekommen: Keine Stimme für Wiemer. Ein Reserveoffizier und Amts. Vorsteher versprachen einem Kriegerverein ein Fahnen, band, wenn Cohn gewählt werde. (Heiterkeit.) Ein an. derer sagte, er hätte heute seinen „roten" Tag. (Heiterk.)
Abg. Stückle« (Soz.): Alle Kriegervereine sollten sozialdemokratisch wählen, dann ist ihnen ein Fahnenband sicher.
Auch diese Abstimmung wird ausgesetzt, ebenso die Entscheidung über die Wahlen der Abg. Rock (kons.), Laser inatL), Sosinski (Pole) und Herzog (wirtsch. Vgg.).
Samstag: Einschränkung des Hausierhandels, Dis- ziplinarverfahren.
d Arg wenig!
Die Antworten der Regierung auf die am Freitag gestellten kurzen Anfragen über die Vorgänge in Zabern und die Jesuitenausweisung in Posen entsprechen kaum den Mindestänsprüchen und Mindesterwartungen, die man zu stellen sich berechtigt glaubte.
Auf die Anfragen über die Ausweisungvon I e f u i t e n hat sich die Reichsregierung bereits eine stets wiederkehrende Formel für die Antwort angewöhnt: es heißt immer: der Reichskanzler hat nur aus der Tagespresse davon gehört und die erbetene Auskunft steht noch aus. Diese nichtssagenden Antworten beweisen am besten die Verlegenheit, in der sich die Regierung in der Jesuitenfrage befindet und wie unmöglich es ist, die Versprechen des Reichskanzlers mit dem Wortlaut des Gesetzes in Einklang zu bringen. Da hilft dem Reichskanzler schließlich nichts anderes, als einzuge- stehen, daß er nicht in der Lage ist, seinem Versprechen Geltung zu verschaffen oder aber er muß die
dem finsteren Keller, und laßt im „Schwarzen Bä- ten" illuminieren."
Die Kellner stürzten davon, geschwollene Trink- aelderhoffnung im Busen, und bald sprudelte in die hohen SPitzgtäser der wundertätige Trank aus der glücklichen Champagne, der auch^ den traurigsten Philister in eine anmutige Stimmung erhebt, ter dem schweren Blut etwas Esprit beimischt.
Man trank ihn selten in Dusterwitz und er der- fehlte auch hier nicht seine Wirkung.
Ter Steuerrat, als er das perlende Glas erhob, sah aus wie ein vergnügt gewordener Nußknacker. Von der Stirn des Oberlehrers Igel, des sonst verärgerten Gemütsmenfchen, schwand die düstere Wolke. Der Dinerrat schmunzelte begehrlich, und Schönborn fühlte sich endlich einmal wieder grotzstädftsch angehaucht: er schäumte auf) als wenn er selbst aus einer Sektflasche gesprungen wäre. Unser Held aber war schon von seinem Glück berauscht.
Die Stöpsel knallten und man erging sich in glätt, zenden Zukunftsplänen für Neuhof und seine nunmehr baldige Gemahlin. Man sprach von Straßburger Gänseleberpasteten und großkörnigem Kaviar, von reizenden Zimmern im Jugendstil, von Pariser Toiletten, Equipagen, von einer.Sommervilla, von Roß und Reiter" und spitzenumwobenen Himmelbetten.
Dem Assessor wurde es zu bunt und er entftoh zu Herrn Krause, mit dem er eine komplizierte Zusammenstellung der in Dusterwitz auszutreibenden Delikatessen besprach
Er war schon eine Weile draußen, da tat sich die Tür auf und herein trat, mit einem großen Scblapp- hut auf dem Haupt, ein verspäteter Stammgast, der Redakteur Horn von der Dusterwitzer „Neuesten Nachrichten". Wer, wie dieser Mann der Presse, so vieles durchschaut hat von den Geheimnissen der großen Politik und der ganzen Narretei dieser Welt, der behält nur ein trübes Lächeln im Antlitz.
„Was ist bier los?" fragte er mit diesem Lächeln und hob ungeniert eine Sektflasche aus dem Kübel, um die Etikette zu prüfen.
einzig logische Konsequenz ziehen und tem ganzen Jesuitengesetz den Garaus zu machen.
Ein bischen mehr, aber gar nicht viel, enthielt die Antwort des Kriegsministers auf die Anfrage nach den unerquicklichen Vorfällen in Zabern. Wenn der Kriegsminister sich veranlaßt sah. eine längere Antwort zu geben, dann hätte er doch etwas mehr zum eigentlichen Kernpunkt der ganzen Angelegenheit sprechen können und weniger Wert auf die Entschuldigung des „sehr jungen Offiziers" und auf die Beschuldigung der Rekruten und Bevölkerung legen sollen. Er sand kein Wort des Bedauerns für die militärischen Mißgriffe, was er allerdings immer noch mit dem Hinweis begründen könnte, daß er in ein schwebendes Verfahren nicht eingreisen wolle. Es ist aber schwer verständlich, daß heute noch der Kriegsminister nicht von einer abgeschlossenen Untersuchung und Erledigung des Vor alles im Reichstage Mitteilung machen konnte. Da ist es nicht verwunderlich, wenn schließlich das Volk in der Langsamkeit des Verfahrens eine Gleichgültigkeit und Geringschätzung erblickt. Gegenüber der Beschwerde der Bevölkerung bemühte ter Minister sich gar zu eifrig um die Entschuldigung und Verteidigung des „sehr jungen Offiziers". Er bezog sich auf die alten Ausreden und mildernden Umstände, die wir schon wiederholt kritisch betrachtet haben. Die Bevölkerung läßt sich damit nicht beruhigen; ter „Stein des An- Kes" bleibt in Zabern und int Elsaß liegen. Im rfen Tone des Staatsanwalts wandte sich der Kriegsminister schließlich gegen die Ausplaude- rung und die „A u s b e u t u n g" der dienstlichen Vorgänge. Wer da gefehlt hat, der muß bestraft werden. Doch wenn tem Leutnant so reichlich mildernde Umstände zugut gerechnet werden, so möge man auch berücksichttgen, daß die Verschwiegenheit der Soldaten auf eine übermäßig scharfe Probe gestellt wird, wenn in der Jnstrukttonsstunde sich so sensationelle Dinge ereignen, wie die Aussetzung zweier Stichprämien auf erlegte „Wackes".
Schließlich bleibt für den unbefangenen Beobachter nichts anderes übrig, als die zwingende Erkenntnis, daß ter „sehr junge" Leutnant v. Forstner in Zabern und überhaupt im Elsaß nicht am rechten Platze ist. Seine Versetzung braucht man ja nicht als Strafe zu betrachten, sondern sollte sie als Erlösung für beite Teile ansehen. Man kann ja tem Krieqsminister darin zustimmen, daß bei jungen Leuten häufig „Entgleisungen" vorkommen. Wenn aber ein junger Mann „in dem glücklichen Alter von 20 Jahren" eine besondere Anlage zu Entgleisungen zeigt, dann tut man väterlich und klug daran, ihn nicht auf einen gefährlichen Knotenpunkt des Verkehrs zu belassen, sondern auf eine Station mit einfachem und glattem Betrieb zu versetzen.
Bei der Besprechung der Interpellation in nächster Woche wird ter Regierung Gelegenheit geboten werden, sich noch eingehender mit den Zaberner Bor- fällen zu befassen.
* Nene Skandalfzenen in Zabern.
Die Nervosität der militärischen Kreise in Zabern ist nachgerade auf einer Hö e angelangt, die febr be» denkljch ist. Der »Franks. Zeitung' gehen folgende Berichte zu:
* Straßburg, 28. Nov. 1913. Wie eben hi-rher gemeldet wirb, ist ganz Zabern heute abend in großer Aufregung. Die Stadt macht den Eindruck, als wäre sie im Belagerungszustand. Man weiß noch nicht genau, was eigentlich vorgesallen ist. Man iah, rote eS heißt, am Abend plötzlich ein Dutzend Leutnants mit gezogenen Degen einen Mann verfolgen, der schließlich auch Betteltet wurde, sich aber wieder befreite und entkam. Soiort wurde die Wache olaimtert, die sich mit aus« gepflanztem Seitengewehr an die Verfolgung des Flüchtigen machte. Er wurde einqeholt und aut die Wache geführt. WaS er getan, weiß man augenblicklich noch nicht. Auf dem Schloßplatz hatte sich mzwilchen eine oroße Menschenmenge angesammelt. Dort
„Das große Los ist los", rief Schönborn ihm entgegen.
Der Redakteur stutzte. Ihn ahnte etwas Fürchterliches.
„Der Assessor?"
„Natürlich!"
„Hat er denn schon die Nachricht vom Kollekteur bekommen?"
„Nein, er spielt mit einem Kollegen aus der Residenz auf dessen Namen. Aber in Ihrem Blatte steht es p fchwarz auf weiß: Nr. 13 708 mit 500 000 Mark."
„Verdammt. Es fft ja — ein Druckfehler. Die Nummer ist falsch aus der Liste gedruckt."
„Gemein!" sagte Schönbora tonlos. Das Wort- vom Druckfehler flog wie ein böser Gast in die Fidelität der Gesellschaft. Schönborn mußte es ihm beibringen. Ein übler Freundschaftsdienst. Er wollte ihn draußen festhalten. Da trat der Assessor schon wieder ein.
„Meine Herren! Bei dem überraschenden Glücksfall, ter mich betroffen — was wollen Sie denn, Schönborn? — bitte ich Sie alle, heute abend zu einem kleinen Schlemmeressen meine Gäste zu setn — aber, Kollege, lassen Sie mich doch reden. Ich hoffe, daß — na, was machen Sie denn für ein jämmerliches Gesicht, soll ich Ihnen gleich was pumpen?"
Jetzt hatte Schönborn den Assessor endlich beiseite gezogen.
Man befiirchtete Schlimmes. Der Doktor zog sein Gesicht schon in ärztliche Falten.
„Was, ein Druckfehler?" stöhnte Neuhof.
In stiller Trauer reichte ihm Schönborn die Liste mit der grausamen Zahl.
Sie zitterte in der.Hand des Assessors. Es war ganz still geworden im Zimmer. Jetzt hatte er die Stelle. Jetzt las er.
Ein konvulsivisches, unheimliches Lachen durchschüttelte seinen Körper. Dann schrie er laut auf, fchlug sich auf die Knie und lief tote rasend hin und