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Fuldaer Zeitung

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Nr. 275. Erstes Blatt. Freitag den 28. November |9|3. 40. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 17. November 1918.

Präsident Dr. Kämpf teilt mit, daß der Abg. Kölsch (uatl.) sein Mandat niedergelegt hat.

Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung des Gesetzes wegen

Aenderung der Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige.

Die Novelle hat ihren Grund in der Aenderung der wirtschaftlichen Verhältnisse seit 1878. Die Zeugen, gebühr von 10 Pf. bis 1 Mk. auf die Stunde ist unverändert geblieben. Dagegen soll der Höchstsatz der Tagegelder für auswärtige Zeugen und Sachverständige von 5 auf 7% Mk. und die Ent. schädigung für ein Nachtquartier von 3 auf 4% Mk. heraufgesetzt werden. Die Gebühr der S a d> verständigen soll in besonders schwierigen Fällen bis auf 6 Mk. bemessen werden können. Vor allem aber können den Zeugen und Sachverständigen künftig auch notwendige bare Auslagen, namentlich solche für eine durch ihre Abwesenheit erforderlich gewordene be- brufliche Vertretung, angemessen erstattet werden.

Abg. Dr. Cohn (Soz.): Nicht nur die Sachverstän. digen, sondern auch die Zeugen sollten höhere Gebühren erhalten schon mit Rücksicht auf die teuren Lebens- Verhältnisse. Wir beantragen Kommissionsberatung.

Abg. Dr. Werk (Ztr.): Wir begrüßen die Vorlage und schließen uns dem Antrag auf KommissionZbera. tung an. Einzelne Bedenken haben auch wir. Vor allem meine ich, daß eine den tatsächlichen Verhältnissen entsprechende Entschädigung auch den Zeugen gewährt werden sollte. In diesem Punkte entspricht die Vor. läge zu wenig der ländlichen und kleinstädtischen Rechts­pflege. Der in § 2 vorgesehene Satz von 10 Pf. bis 1 Mk. bedarf einer angemessenen Erhöhung. Ich hoffe, daß in den Kommissionsberatungen unsere Anregungen die Anerkennung der Parteien und der Regierung fin- den werden, da finanzpolitische Bedenken nicht geäußert werden können. (Beifall.)

Abg. List (natl.) timmt der Vorlage zu, bedauert aber ebenfalls, daß die Zeugengebühren nicht erhöht werde» sollen.

Die Abgg. Haas (Vp.), Giese (k.) und Werner- Hersfeld (Rfp.) sprechen sich auch für eine Erhöhung der Zeugengebühren aus, und wünschen eine vernünf. tigere Ansetzung der Tagesordnung, damit die Zeugen nicht stundenlang warten muffen und so unnötige Kisten entstehen.

Nach weiterer unerheblicher Debatte geht die Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern über.

Es folgt die 1. und 2. Beratung des Entwurfes eines Gesetzes betr.: Die Beschäftigung von Hilfsrichtern beim Reichsgericht, wonach diese bis zum 1. Juli 1914 weiterbeschäftigt werden sollen.

Die Vorlage wird ohne Kommissionsberatung de. batte los angenommen.

Es folgt die 1. Lesung des Gesetzentwurfes betr.:

Errichtung eines Kolonialgerichtshofe».

Die Vorlage fordert für Sachen der Kolonial- geriebtsbarkeit die Errichtung eines obersten Gerichtes als „Kolonialgerichtshof". — Der Entwurf beschäftigte Son den vorigen Reichstag, kam aber nicht zur Ver. schiedung. Der wichtigste Streitpunkt war, ob H a m. bürg oder Berlin der Sitz sein sollte. Der Ent­wurf schlug und schlägt auch jetzt Berlin vor.

Abg. Stolten (Soz.): Dem Kolonialgerichtshof mutz auch bie Konsulargerichtsbarkeit unterstellt werden. Als Sitz schlagen wir Hamburg vor. Wir sind gegen eine übertriebene Zivilisation (Große Heiterkeit) — ich meine Zentralisation. Die Berliner Luft ist freiheit­lichen Institutionen nicht günstig.

Abg. Dr. Belzer (Ztr.): Wir können dem Gesetz, entwurf im großen und ganzen zustimmen, da unsere früheren Bedenken von der Regierung berücksichtigt worden sind. Indessen ist doch wohl zu erwägen, ob eS nicht genügen würde, die Entscheidung in Kolonial, strcitigkeiten einem Senate des Reichsgerichts zu über, weilen im Jnteresse der Einheitlichkit der Rechtspre. chung, zumal dem Reichsgerichte ja auch nach diesem Entwurf die Konsulargerichtsbarkeit verbleiben soll, lieber den Sitz des Kolonialgerichtshofes müssen wir uns in der Kommission einigen.

Abg. Dr. Paasche (natl.) hält eine Angliederung an daS Reichsgericht für annehmbar, anderenfalls tritt er für Hamburg ein.

Die Abgg. Dr. Giese (k.) und Dr. Junck (natl.) £ii> für Angliederung an das Reichsgericht, während r Abg. Dr. Tove für Berlin und Abg. Dr. Waldstein (Vp.l für Hamburg eintreten.

Staatssekretär Dr. Solf bittet die Mitglieder der Kommission um möglichst schnelle Erledigung der Ar. beiren.

Die Vorlage geht an eine Kommission von 21 Mit­gliedern. ES folgt die Beratung der Novelle betr.

Einschränkung des Hausierhandels.

Nach der Vorlage sollen vom Hausierhandel ausgeschlossen werden Gold, und Silberwaren, Bruchgold und Bruchsilber, Rohbernstein, Taschen, uhren, Pfandscheine, Gifte, Arzneimittel, besonders solche, die zur Verhütung der Empfängnis oder zur Beseitigung der Schwangerschaft dienen. Auch der Hau. sierhandek mit Gemüse- und Blumensamen wird ver. boten. Zum Betrieb eines Wanderlagers soll die Erlaubnis der zuständigen Behörde notwendig sein.

Ministerialdirektor Dr. Caspar begründet den Ent. Wurf. Vorläufig handele es sich darum, nur den dring, lidifter Mißständen auf dem Gebiete des Hausierhandels abzuhelfen. Daneben wolle der Entwurf die Errich. tung von Wanderladern von der Erlaubnis der zustän. digen Behörde abhängig machen, wodurch am besten den verschiedenartigen Verhältnissen der einzelnen Bundesstaaten Rechnung getragen würde.

Abg. Breh (Soz.) ist gegen den Entwurf und be. antragt Ueberweisung an eine Kommission von 14 Mit. gliedern.

Abg. Irl (Ztr.): Der Entwurf entspricht durchaus nicht unseren Erwartungen. Er trägt in keiner Weise den Forderungen Rechnung, die in einer von uns ein. gebrachten und vom Reichstag angenommenen Reso. lution niedergelegt worden sind. Was die Wander, lager anbetrifft, so sollte man zu strengeren Maßregeln greifen. Dem Ausländertum unter den Hvusierern muß entgegengetreten werden. Wir wollen nicht den Hausierhandel mit Stumpf und Stiel ausrotten. Der seßhafte Erwerbsstand mutz aber weitgehendst geschützt werden. Besonders bedenklich ist es, datz durch bett Hausierhanbel vielfach auch Gegensätze zur Verhütung ober gar Beseitigung der Schwangerschaft vertrieben werden. Das ist ein ganz besonberS bedrohlicher Miß. stanb, gegen ben mit aller Schärfe eingeschritten wer. den muh. Ich beantrage baher die Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission von 28 Mitgliedern.

Dr. Bitiger (natl.i: Die Wanderlager sind zu be. kämpfen, weil sie zumeist Schund auf den Marit bringen.

abg. v. Payer (Vp.): Wenn auch das sehhäfte Ge. werbe geschützt werden mutz, so darf doch der Hausier, handel nicht für vogelfrei erklärt werden. Die Wander, lager sind oft geradezu eine Notwendigkeit für die Kon. stamenten, nämlich dort, wo keine Konkurrenz vorhan.

A^g. Graf Carmer-Zieserwitz (k.): Die Ausländer müssen bei dem Hausierhandel auSgemerP werden. Der Hausierhandel mit Blumen, und Gemusesamen mutz verboten werden.

Abg. Dr. Hegenscheidt (Rp.): Auch Uhren sollten vom Hausierhandel ausgeschlossen werden.

Darauf vertagt sich das HauS.

Freitag: Kurze Anfragen, Interpellation betr. Za. Bern und die RüstunWSommisfion, Wahlprüfungen, Gesetz betr. Wiederaufnahme im BeamtendiSziplinar- verfahren. ______________

§ Zabern.

In einer etwas seltsamen Form ift gestern die Nachricht verbreitet worven, daß eine Bestrafung ves Frhrn. v. Forstner erfolgt sei. Sie wurde verbreitet als Meldung eines Straßburger Blattes. Äuf amtliche Quellen stützte sie sich nicht, man konnte sie also glauben und konnte eS auch lasten. Die Straßburger Meldung ist dann durch daS .Wolffiche Telegrapbenburea i' verbreitet worden und dadurch soll sie jedenfalls offhtöfen Caratter erhalten. Das ist aber eine merkwürdige Art, der Oeffentlichkeit mitzuteilen, daß Leutnant v. Forstner einen Verweis

Zn der Schule des Leidens.

331 Roman aus dem New-Iorker Leben.

Von Erich Frie,en.

In nervöser Hast beeilt Felicie sich, um den Pa- ftenttnnen, die unter ihrer besonderen Obhut stehen, den dünnen Morgenkaffee zu bringen. O, nur etwas zu tun haben, herumlaufen können, damit die kör­perliche Anstrengung den Seelenschmerz weniger fühl­bar macht!

Jetzt kommt Anny Holm an die Reihe.

Die Arme fühlt sich heute besonders schwach. Sie hat eine schlaflose Nacht gehabt und freut sich schon lange aus tue Viertelstunde, da Felicie ihr von ihrem Kinde erzählen, vielleicht auch ein paar Bilder aus ihrem Bühnenlebe.i vor ihr entrollen wird.

Arme Anny' Der Gedanke an die Freundin ist der einzige, der sie für kurze Zeit dem traurigen Be­wußtsein entreißt, daß chr leckes Lebensschiffchen un­aufhaltsam und sicher dem unerbittlichen Abgrund des Todes zutreibt.

Als Felicie ihr das Frühstück ans Bett bringt, faßt Anny rasch die Hand der Freundin.

„Was ist geschehen, Step? Du bist ganz verändert. Ist das Kind krank?"

„Nein, etwas viel Schlimmeres! Frage mich nicht, Anny! Hier, wickele Dich in diesen Schal! Es ist kühl heute!"

„Aber willst Du mir nicht sagen —"

»Nein. Laß mich'"

. Auch die Oberwärterin sieht Felicie heute mit knirschen Blicken an.

„Sie sind krank, Barrington. Lasten den Kopf hangen, wie eine Blume, die vom Reif befallen wurde. Haben Sie Schmerzen?"

„Nein, danke, Frau Palmer! Ich fühle mich ganz wohl."

„Reden Sie mir nichts vor! Ich werde den Dok­tor holen.

„Bitte, nicht, Frau Palmer! Er kann mir doch nicht —

Gin heftiger Huftenanfall läßt sie inne halten.

Frau Palmer schüttelt den Kopf.

„Zartes Pflänzchen!" meint sie mitleidig. „Eben- solche Sorte wie die da —" sie deutet auf Anny, die mit Anstrengung und oft von Husten unterbrochen, ihren Kaffee trinkt. „Aehnelt Euch sowieso schon wie ein Ei dem andern. Besonders heut, wo Ihr beide gleich blaß seid. Wenn Sie sich nicht in Acht neh­men, Barrington, werden Sie der Holm bald nach- ölgen."

„Das sollte mir schon recht sein!" murmelt Fe­licie in sich hinein.

Achselzuckend verläßt Frau Palmer den Kran- kensaal.

Da es jetzt int Hochsommer im Gefängnis wenig Schwerkranke gibt, ist der Saal ziemlich leer Außer Anny Holm liegt dort hinten am äußersten Ende nur noch Nelly Johnson neben einer siechen, weiß­haarigen Frau. Beide scheinen zu schlafen. Die übrigen sitzen bereits draußen im Hof im Sonnen- chein.

„Felicie!" ruft plötzlich Annys matte Stimme.

Sofort eilt Die Gerufene herbei.

„Gib mir Deine Hand, Felicie! So! . . . Sieh nur, unsere Hände sind einander ganz ähnlich — ge­rade so, wie unsere Gesichter. Ob unsere Seelen einander auch ähneln? Ich liebe Dich so sehr, Step!"

„Arme liebe Anny!"

Die Holm schweigt eine Zeitlang, indes ihre durchsichtigen Finger zärtlich Felicies schmale Hand treicheln.

Dann sagt sie plötzlich leise:

„Felicie, mir fiel heut Nacht, als ich nicht schla- en konnte, etwas ein. Bück' Dich zu mir herab, da­mit niemand uns hört! Dir ist ein großes Unglück widerfahren, ich sehe eS Dir an."

Felicie schweigt.

„Und —" fährt Anny eifrig fort, „ich glaube, wenn Tu frei wärest, könntest Du dieses Unglück bannen."

Felicie schweigt noch immer. Ihr Gesicht zeigt einen müden, apathischen Ausdruck.

„Möchtest Du frei sein, Felicie?"

„Wozu die Frage! Es ist ja nicht möglich."

erhalten habe. Diese Mitteilung hätte amtlich oder mmhenen« halbamtlich enol.ien muffen.

Warum hat es überhaupt wochenlang ge­dauert, bis man sich endlich zu einem Schritt entschloß. Tie Langsamkeit wird doch sonst nicht zu den Militär. Tugenden gerechnet. Die Verzögerung war in diesem Falle besonders nachteilig. Denn jetzt wi.d der Ein­druck erweckt, daß erst die b e v o r st c h e n b e n Reichstagsverhandlungen die Sache in Fluß gebracht hätten Gegen den inneren Zu­sammenhang zwischen den parlamentarischen „An­fragen" und der militärischen Aktion wird man viel­leicht Einspruch erheben; aber der zeitliche Zu­sammenhang ist Da und wird auf das Volksempsinden bestimmend eintohfen

Ist der „scharfe V e r w e i s" eine genügende Sühne für den argen Fehltritt? Das wird vielfach bezweifelt werden, und zwar umsomehr, als soeben ein elsässisches Gericht einen streikenden Arbeiter, der einen arbeitenden Kameraden „Wackes" geschimpft hatte, zu acht Tagen Gefängnis verurteilt hat. Nun wollen wir freilich gelten lagen, daß in diesem straf­rechtlichen Falle nicht bloß die beleidigende Absicht, sondern auch ein Angriff auf die Arbeitsfreiheit klar vorlag. Der Leutnant von Zabern wird vermutlich an feiner Erklärung festgehalten haben, daß er mit „Wackes" nur die Rowdies gemeint habe, nicht aber die einheimische Bevölkerung als solche. Doch wenn man das auch gelten lassen wollte, so würde der un* vorsichtige Gebrauch des Ausdrucks auf jeden Fall gezeigt Haden, daß bet betreffende Offizier ben Sprach- Sebraud) und die Volksseele Überhaupt gar nicht ennt und deshalb am unrealen Platze ist. Es kommt aber noch hinzu, daß 1) das häßliche Wort im sonstigen Tienstbetried sehr häufig gebraucht wor­den ist, daß 2) der Leutnant durch die Ausfetzung der S1 i ch p r a m i e seine Ungeeignetheit zum Er- zieher erwiefen und daß 3) derselbe Leutnant in einer späteren Jnstruktionsstunde durch die Anwendung eines niedrigen Wortes auf eine französische Einrich­tung Aergernis gegeben hat. Wenn man alles in allem nimmt, so liegt es ganz klar auf der Hand: das einzig richtige und unerläßliche Mittel zur Ab­hilfe war die Versetzung des Le u t n a n t s in ein altdeutsches Regiment, wo er weniger Ver­suchung zu gemeinschädlichen Redewendungen hätte.

Vielleicht hat man von der Versetzung abgesehen, um ben Schein, zu vermeiden, daß ein Offizier einer „Volksbewegung" geopfert werden könnte. Aber bie jetzt vorliegende Entschließung zeigt ja, daß es ohne Sühne, ohne ein gewisses Opfer doch nicht ab­geht. Die prompte Versetzung des ungeeigneten Leutnants wäre zweifellos die beste Lösung gewesen. Tie Militärbehörde hätte dadurch nicht an Respekt verloren, sondern gewonnen, und an Ver­trauen erst recht. Dann wäre auch der Eindruck vermieden worden, als ob man erst unter dem Da­moklesschwert der Reichstagsverhandlungen entschluß- fähig und tatkräftig geworden wäre. Und schließlich hätte die schnelle Entfernung des Urhebers des Aer- aernisses noch verhütet, daß die Kunde von Zwi- ft i g I e i t e n zwischen den militärischen und ben bürgerlichen Autoritäten die Gemüter be­unruhigte und verwirrte. Zur Beschwichtigung hat man ja verlauten lassen, die Statthalterschaft und das Generalkommando seien in der Hauptsache einig und bie Ansichen wären nur in einigen Einzelheiten geteilt gewesen. Aber in solchen Dingen des Taktes unb ber politischen Klugheit sinb oft gerade bie „Ein­zelheiten" von ausschlaggebenber Bedeutung. Die prompte Versetzung des Leutnants nach dem Osten wäre auch nur eine „Einzelheit" gewesen, aber eine klärende, lösende. Vermutlich wirb auf den „scharfen Verweis" in absehbarer Zeit noch bie Versetzung fol­gen; leider hat sie dann nicht mehr die rechte Wir- hing.

Daß ber Gebrauch des Wortes „Wackes" aus­drücklich verboten worden ist, verzeichnet man gern.

„Doch, Felicie — es ist möglich!"

„Wie?"

„Indem nicht ich —" Annys Stimme sinkt zum Flüsterton herab — „indem nicht ich in wenigen Ta­gen das Gefängnis verlasse, sondern — Du!"

Kleine Pause.

Felicie findet lange Zeit keine Worte. Der Ge- bänke erscheint ihr so ungeheuerlich, daß sie ihn gar nicht in sich aufzunehmen wagt. . . .

Doch Anny entwickelt schon einen vollständigen Plan.

„Siehst Du, Licy", beginnt sie, die Hand der Freundin fest in der ihren haltend, „am Donners- tag um zehn Uhr morgens ist meine Strafzeit um. Man wird mich hinunterholen und mir einen neuen sogenannten „Abgangsanzug" geben. Tun» werde ich zum Direktor gerufen, /roch schnell photographiert unb von meiner Schwester, die mich unten erwartet, miigenommeft. Ich bin frei! . . . Was nützt mir bie Freiheit? Ich weiß, ich kann nur noch zwei bis bret Wochen leben. Ob ich hier sterbe ober bei meiner Schwester — ist egal. . . . Nun paß gut auf! Näch­sten Donnerstag spielst Du meine Rolle. Du bist „Anny Holm"; ich bin „Felicie Barrington". Tu beantwortest alle cm Dich gestellten Fragen in mei­nem Sinne. Du haft zwei Jahre Gefängnis anstatt bret; Tu hast bei Deinem Chef Unterschlagungen gemacht; Du rebeft meine Schwester mit „Olivia" an unb fragst sie, wie es ihren beiben Kindern Jack unb Alice geht unb ob Tom mit seinem Geschäft zu­frieden fei. „Tom" heißt nämlich mein Schwager. . . . Sieh, Licy, nichts ist einfacher als das! Olivia wird bie Verwechselung kaum merken; ich kann mich in ben zwei Jahren, die sie mich nicht gesehen hat, ehr verändert haben. Später magst Du ihr bie Wahrheit sagen. Ich weiß, sie wird froh sein, daß ie mich nicht pflegen muß und bann auch keine Aus­gaben für meine ^eerbigung hat. Anstatt dessen stirbt hier im Gefängnis nach kurzer Zeit „Felicie Barring- ton" an ber <schwinbsucht. Jedermann wird daran glauben; Du siehst feit gestern sowieso sehr krank unb elenb ans. „Felicie Harrington" wirb auf bem kleinen Gefängnis-Friedhof zur ewigen Ruhe bestattet

Es gibt aber auch noch andere Mittel und Wege, wie überschneidige Vorgesetzte die Gefühle ber Sol­daten unb ihrer Angehörigen verletzen können. Hof. fentlich ist in ber großen Offiziersversammlung eine grünbliche unb rinrsasfenbe Mahnung zum richtigen Verhalten ergangen. Wenn bie Vorgesetzten biefe Mahnung befolgen, so werden auch bie Soldaten nicht in Versuchung kommen, bie Verschwiegenheit zu bre­chen. Denn bie Hauptsache bleibt immer, baß im Dienstbetriebe nichts gesagt unb nichts ge» tan wirb, was bas Licht ber Oeffent­lichkeit zu scheuen hat. Der Forstnersche Geist muß ausgetrieben werben; sonst kommt es immer wieber zu Aergernissen. bie auf bie Entwick­lung des Reichslandes und des Reichsgedankens überhaupt wie ein Nachtfrost wirken.

v Verfehlt!

Die Krankenversicherung der Dienstboten.

Daß unsere Parlamente mitsamt der Regierung keine absolut vollkommene Gebilde barstellen, ist selbstverstänblich in dieser Welt ber Unvollkommen­heit, unb irren ist nicht allein menschlich, es ist auch Parlamentarisch. Das hat uns bie Gesetzgebung im beutschen Reiche vom Beginn an gezeigt. Manche Gesetze haben wir wieber ausheben müssen, weil sie sich in der beabsichtigten Wirkung verfehlt erwiesen haben, andere mußten in ihren wesentlichen Bestim­mungen abgeänben unb ergänzt werben. Jnbes zeigten sich ihre Fehler, wenn sie auch von einer Minderheit vorausgesehen wurden, meist nach ihrer Einführung, in ber praktischen Anwenbung.

Nun haben wir ein Gesetz bekommen, von bem man bereits vor seiner Einführung all­gemein ber Ansicht war, baß es gänzlich ver­fehlt ist unb, statt Gutes zu schaffen, bie Zustände auf dem Gebiete feiner Wirksamkeit nur verschlechtern tarnt, verschlechtern muß. Das ist bie Ausbehnung bet Kranke ii Versicherungspflicht auf bie Dienstboten.

Wir wollen hier nicht auf bie Entstehungsge­schichte bieses Gesetzes zurückgreifen, wir wollen nicht weiter suchen, wo unb wie man bei seinem Erlaß es an ber nötigen Um» unb Vorsicht hat fehlen lassen. Wir wollen hier nur feststellen, was verfehlt ist, unb zuschauen, was zu tun ist, um bie üblen Folgen zu verbitten ober wenigstens abzuschwächen.

Der Hauptfehler liegt darin, daß man einen Berufsstand mit anderen mit Industriearbeitern zu­sammen in einen Topf geworfen hat, bie mit ihm gar nichts gemein haben, die auf ganz anderen Unter­lagen unb Lebensverhältnissen, auf ganz verschiebenen persönlichen unb Erwerbsbebingungen ruhen. Eines paßt sich nicht für alle! Das gilt auch hier. Von einem Notstanb kann unb konnte hier nicht die Rede fein, wenigstens nicht auf feiten ber Dienstboten, um so mehr auf feiten ber Dienstherrschaften, bie mit vollem Reicht über eine Dienstbotennot zu klagen Haden.

Unsere ganze soziale Gesetzgebung beruht auf bem Streben, bem Hilssbebürftrgen zu helfen. Wo ist aber hier bie Hilfsbebürftigkert? Alles, was bem Jn- buftriearbeiter mangelt, steht bem Dienstboten, von Ausnahmesällen abgesehen, in vollstem Maße zur Verfügung: Häusliche Geborgenheit, Pflege in Un­glücks- unb Krankheitsfällen, Rechtsschutz unb vor allem bie Wohltat bem ganzen Wesen ber Person angepaßter Tätigkeit inmitten ber Familie. Da gidt's keinen Kamps ums Dasein in Not und Sorge, keine entnervende, unnatürliche Tätigkeit unter bie Kräfte übermäßig verzehrenden Arbeitsbedingungen, keine Konjunkturschwankungen noch Arbeitslosigkeit, keinen Kampf um Menschenrechte, im Gegenteil einen so­zialen Frieden, wie man ihn auf anderen Gebieten nur wünschen könnte. Wo etwas mangelte, da hat

— „Anny Holm' ist frei. Dein Mann wird froh fein, wenn er Dich wieder hat — ob als „Felicie" ober als „Anny", ist gleichgültig — unb Deinem Kinbe erst recht."

Felicie hat bie Freundin ruhig aussprechen lassen. Jetzt, da diese erschöpft schweigt, sagt sie ernst:

„Ich danke Dir aus vollem Herzen, Anny. Aber, selbst wenn ich eigennützig genug wäre, um Deinen Vorschlag anzunehmen — man würde sicher den Be- trug merken. Was dann?" •

„Man wirb nichts merken. Und schlimmstenfalls erhältst Du ein paar Wochen Kellerarrest unb mir legt man einige Monate Gefängnis zu. Was macht's? Inzwischen bin ich ja längst tot! . . . Licy —" fährt bie Kranke erregt fort, ba Felicie noch immer ungläu­big barein blickt — „kannst Du an Kleinigkeiten beu­len, wenn es gilt, bie Freiheit wieberzuerlaugen? Für Dich wäre es bie Freiheit im wahren Sinne des Wortes, für mich nicht. Ich schrecke davor zurück/ von hiec fort zu müssen, hinein in das brausende Weltstabtleben, herumgestoßen unb berumgepufft als unnützes Mitglied ber Menschheit. Ich möchte nicht mehr fort von hier; ich möchte im Gefängnis ster­ben!"

Ein Hustenanfall läßt sie kraftlos in die Kiffen zu­rücksinken Das erregte Sprechen war zuviel für ihre kranken Lungen. Sie hustet und hustet, wie noch nie zuvor.

Erschrocken beugt Felicie sich über sie. Ein paar große Blutstropfen sickern langsam Annys Mund­winkel herunter. Im Innersten erschüttert, wendet Felicie sich ab.

„Siehst Du — so steht es mit mir!" seufzt Anny mit schmerzlichem Lächeln, nachdem sie sich ein wenig erholt hat. „Unb eine Sterbende willst Du hinaus­stoßen in bie falte, grausame Welt da draußen? . . . Licy, liebe Licy, ich flehe Dich an, laß mich hier! Wenn Du nicht um Deinetwillen meine Bitte erfül­len willst, so tue es um meinetwillen! Ich kann nicht mehr fort von hier - nein, ich kann, ich kann nicht!"

Anny ist so ftirchtbar erregt, auf ihren eingefal­lenen Wangen glühen zwei solch bedenkliche Flecken — Felicie verspricht, über ihren Plan nachzubenken.