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Huldaer Zeitung

^nd)<tnt ttlgfld) mW fhisnchmt bei Sonn und Feiertage Oiertel- |6hrlld)cr Btxugsprel» ohne Brtnyerlotjn anö ßefteltgetö in Sulöa sowie ausa>ärt» IJO matt. —• Rotati«nsöru» und Oertag der g g Zuldaer flcHenbnidterei In Zulda. $em|pred)er fir. 9. 5 s

nr. 273.

Crftes Blatt.

r. :: Wochen-Veilage: s 5 | s s Monats-VeNage: - s

Illustrierte Sonntagszeifung | Fuldaer Seschichtsblätter

n Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Laschensahrplan, s

Mittwoch den 26, November j9|3.

rin) eigen: Oct Raum dnei dntpalHgeh Inlondldl«, 47 ■> arcIL «ulio «J PM, Reklamen: Der Raum einer Cetonel)eUe, 14 am beeil, taflet 40 Plg Bai (DieOerholungen Rabatt Zür Osten- und buskunlion)eigcr. 2C pt Ultra le Konkursfällen Wied der eewltllgte Rabatt hinfällig trltllungsorr fOi da» eie» klagen eon Sor6erungen ist Sulbo. flnielgen-flnnahme kl« 10 Ütze «erminage. - c 6r«fiere Rn,eigen «litten wir uns tag« oorheL c >

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40. Za^rgang.

3n der Schule des Leidens.

31] Roman aus dem New-Aorker Leben.

Lon Erich Friesen.

Kurze Zeit darnach hat er bereits die Gefängnis­mauern im Rücken.

Gleich einem Nachtwandelnden schwankt er die Straße entlang. Ihm ist, als sei er aus einem bösen Traum erwacht, als sei er von der Schwelle des Todes hinausgetreten in Warmpulsierendes, blühen­des Leben. . . .

Er blickt um sich. . . -

„Ha, dort hinten die düstern Gefängnismauern! Dort liegt noch immer krank fein Weib! Dort wird sie noch jahrelang schmachten!

Zum erstenmal kommt es ihm voll zum Bewußt­sein, was Felicie für ihn getan, und er schwört sich, ihr alles, alles später zu vergelten.

„Nun zuerst zu meinem Kinde!"

Dieser Gedanke gibt ihm neue Kraft.

Schnell nimmt er einige Bissen zu sich. Dann winkt er eine Droschke heran und fährt nach Gerda Douglas' Wohnung. Aus den Zeitungen weiß er, daß das Furrer'sche Schauspiel-Ensemble nach New- jork znrückgekehrt ist und demnächst die Vorstellungen im „Metropol-Theater" wieder ansnehmen wird.

Gerda ist zu Hause. Ihr Mädchen offner die Tur zum Wohnzimmer und zieht sich zurück.

Einen Augenblick ist Norbert wie geblendet. Vol­les Abendrot flutet zum offenen Fenster herein und bestrahlt die Gruppe daneben.

Im Fauteuil zurückgelehnt sitzt Gerda Do"glas. Ein bequemes Hauskleid von mattblauem Wollstoff fließt in weichen Falten an ihr hernieder. Au? dem Schoß hält sie ein Kind, dessen rosiges Gesichtchen aus einer Wolke weißer Spitzen lugt.

Beim 5)offnen der Tür wendet es das Köpfchen. Seine großen blauen Augen blicken verwundert «uf den iren'don Mann.

Langsam, zögernd nähert sich Norbert.

Da zieht Plötzlich wie Sonnenschein süßes Lächeln

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 25. November 1913.

Präsident Dr. Kämpf eröffnet die Sitzung um 2.18 Uhr und begrüßt die Abgeordneten. Der Präsident gedenkt dann der inzwischen verstorbenen fünf Mitglieder des Reichstages: Kohl, Klose, Lender, Graf v. Kanitz und Bebel, und erinnert an ihre umfang, reise und tiefeingreifende Parlamentstätigkeit. Dann erinnert der Präsident an den Untergang der beiden Marineluftschiffe „Z. 1" und „Z. 2". Der Reichstag werde allen diesen Männern, die dort ums Leben gekommen feien, ein ehrendes Andenken bewah­ren. (Das Haus hört diese Worte des Präsidenten stehend an.)

Dqrauf teilt der Präsident die Namen der neu ein» getretenen Abgeordneten mit und verliest die eingegan­genen Interpellationen. Unter den Eingängen befindet sich der Etat sowie eine Interpellation der So. zialdemokraten über die Arbeitslosenversicherung und der Fortschrittlichen über die Vorgänge in Zabern.

Das Haus tritt hierauf in die Tagesordnung ein. Auf derselben stehen

Petitionen.

Eine Petition des Mittelstandsbundes für Hessen- Hkussau betrifft Maßnahmen gegen das Ueberhand. nehmen von Warenhäusern, Filialen, Konsum- vereinen usw. Nach dem Antrag der Kommission soll die Petition der Regierung als Material überwiesen werden.

Abg. Briihne (Soz.): Aus den teuren Lebensmittel- preisen ergibt sich der Zusammenschluß der Arbeiter zu Konsumvereinen von selbst. Die Konsumvereine wirken geradezu erzieherisch. Wir beantragen, über die Peti­tion zur Tagesordnung überzugehen. ,

Der Präsident stellt gleichzeitig zur Debatte eine Pe­tition betr. die Besteuerung der Konsumvereine und das Verbot für Lehrer und Beamte, einem Kon- sumverein anzugehören.

Abg. Schulenburg (natl.): Der Mittelstand leidet Not, und wenn man auch die Konsumvereine nicht ver- bieten darf, so darf man sie doch nicht steuerlich bevor­zugen.

Abg. Sachse (Soz.): Die Aktion würde auf weiter nichts hinauslaufen, als auf eine abermalige SBerteue. rung der Lebensmittel. Wir bitten, auch über die zweite Petition zur Tagesordnung überzugehen.

Abg. Irl (Zentr.) bedauert, daß das Reichsamt des Innern es nicht einmal für nötig gehalten hat, sich hier vertreten zu lassen. Dasselbe Bedauern sei gegenüber der preußischen Regierung auszusprechen, wenngleich es anzuerkennen ist, daß sie durch einen Erlaß den Beamten wenigstens die Fernhaltung von der Leitung der Kon­sumvereine anempfohlen habe. Offenbar hat man un­seren Hinweis erkannt, daß ein Beamter, der gewissen­haft nach feiner Pflicht feine Kräfte dem Staate ge. widmet hat, wofür er doch bezahlt wird, sicherlich durch­aus nicht gleichzeitig auch noch die Geschäfe eines Kon- sumvereins befolgen kann. Diese Gesichtspunkte hat die Regierung anerkannt, aber sie scheint unsere wei- teren Hinweise, daß das heutige Konsumvereins» toefen zum vollständigen Ruin des Mit­telstandes führen mutz, zu ignorieren, obgleich der Reichstag wiederholt mit großer Mehrheit diese Auffas. sung unterstützt hat und hohe Staatsstellen sich wieder­holt in ähnlichem Sinne ausgesprochen haben. Wenn das Kapital sich in immer weniger Händen konzentiert, dann wird es dadurch dem einzelnen immer schwerer gemacht, zur Selbständigkeit zu gelangen, und das ist ein bedrohlicher Nachteil für das ganze Volk. Mit schö­nen Worten und noch schöneren Beschlüssen freilich ist dem “ 1 elitärnid-t oebolfen. W i r wollen Ta- t e n sehen. Man darf nicht immer Hinweisen auf die Beamten: ein Vergleich zwischen Beamten uno freien Gewerbetreibenden ist hier doch nicht möglich, denn bei einem Beamten ist für die Familie gesorgt, nicht aber für den kleinen Gewerbetreibenden. Ich bitte dringend, die Sache der Regierung als Material zu überweisen. (Lebh. Beifall im Zentr.)

Abg. Meyer-Herford (natl.): Ein Verbot für Beamte und Lehrer, den Konsumvereinen anzugehören, würde einen Eingriff in ihre Staatsbürgerrechte bedeuten. Sie sollten es aber als ihre Pflicht ansehen, den Mittelstand nicht zu schädigen.

Abg. Gunsser (Vpt.) ist der gleichen Ansicht.

Abg. Burkhard (wirtsch. Vgg.): Das ganze Genossen- schaftswesen kann und soll nicht verboten werden. Wir bekämpfen es aber, daß die Konsumvereine von den Sozialdemokraten dazu benutzt werden, den ganzen Mit­telstand zu ruinieren.

Abg. Werner-Hersfeld (Rfp.): Der Kern der Pe­titionen ist zweifellos berechtigt. In ihrer heutigen Ge­staltung fchädigen die Konsumvereine den Mittelstand. Die Konsumvereine besorgen Parteigeschäfte und auch die Warenhäuser kann ich acht als Kulturträger an­erkennen.

Abg. Feuerstein (Soz.): In den Konsumvereinen ist das Wirtschaftsinteresse von 2 Millionen Familien, da­runter 1% Millionen Arbeiterfamilien, zu erblicken.

Nach weiterer Erörterung, an der sich der Abgg. Sachse (Soz.), Dr. Burkhardt (W. 33g.), Thiele (Soz.) beteiligen, erklärt

Abg. Peus (Soz.): In Dessau haben durch die genos­senschaftliche Bäckerei 4000 Arbeiterfamilien 40 000 Mk. jährlich gefpart. Das ist doch wertvoller, als wenn 30, 40 Bäcker dort bestehen würden. (Rufe: Oho!) Es ist wirklich kein Unglück, wenn zahlreiche ab­hängige, armselige, kleine Mittelstands- existenzen verschwinden. (Hört, hört!) Ja­wohl, sie müssen vor jedem Kunden ihre Verbeugung machen. (Unruhe.) Kräftige, große Konsumgenossen, schäften sind da viel wertvoller.

Die beiden Petitionen werden als Material überwiesen.

Bei der Petition betr. die Erteilung dauernder Dispense von der Bäckereiverordnung be­antragt die Kommission die Ueberweisung zur Erledi­gung, während die Sozialdemokraten Uebergang zur Ta­gesordnung beantragen.

Abg. Bender (Soz.): Die Bäckereiverordnung gibt zu vielen Beschwerden Anlaß. Redner erörtert dann die einzelnen Bestimmungen, wird aber vom Vizepräsiden- ten Dove ermahnt, sich kürzer zu fassen, und beantragt schließlich Uebergang zur Tagesordnung.

Abg. Frerker (Zentr.) führt aus, daß die Erregung der Bäcker sich nicht gegen die Bäckereiverordnung als solche richte, sondern gegen die vielfach zu rücksichtslose Anwendung der Verordnung, z. B. bei der Raumhöhe, den Kellerbäckereien und vor allem den Vorschriften über daS Maß des Luftraumes, das auf jeden Angestellten entfallen soll. Man solle doch lieber dabei bedenken, wie unendlich viel weniger Luftraum in den Berliner Arbeiterwohnungen auf den Kopf der Bewohner ent­fallen. (Lebh. Zustimmung.) Man sollte wirklich nicht so rigoros vorgehen. Aber die Bäckereien haben sich ja überhaupt keines besonderen Wohlwollens an maßgeben­den Stellen zu erfreuen. Es ist sogar in Vorschlag ge­bracht worden, man solle den Bäckereien vorschreiben, daß sie durch Anschlag in ihrem Laden bekannt geben, wieviel Margarine sie gebrauchen. (Lebh. Heiterkeit.) An Restaurants und Speisewirtschaften stellt man der­artige feltfame Ansinnen nicht. Unter diesen Umständen scheint es dringend geboten, daß die Regierung durch Ueberweifuna zur Erwägung Veranlassung erhält, sich mit der Sache von neuem zu befassen. (Lebh. Zustim. mang im Zentrum.)

Abg. Lützel (natl.): Wollte man gerecht verfahren, so müßte man auch für die sonstigen Gewerbe eine der­artige Verordnung schaffen.

Abg. Neumann-Hofer (Vpt.): Wir stimmen dem Kommissionsantrage zu.

Abg. Dr. Burkhardt (SB. Vgg.): Die Polizeiverord- nungen legen Bestimmungen in die Bäckereiverordnung hinein, die nicht in ihr enthalten sind.

Abg. Dr. Quarck (Soz.): Bei der Bäckereiverordnung ist der erste Anfang gemacht worden, Bäckereien in ge» funbe Räume zu verlegen, und sofort schreien die Haus» besitzen und das Unternehmertum nach Beseitigung die­ser vernünftigen Maßnahme.

Abg. Kopsch (Vp.): Ich bitte, es bei dem Kommis, sionsantrag zu belassen.

Abg. GiesbertS (Zentr.): Man darf nicht kleinlich, bureaukratisch vorgehen und mit dem Zentimetermaß den Bäckermeistern das Leben sauer machen. Wir ver­langen von den Behörden Rücksichtnahme auf die be. fonberen Verhältnisse in jebem einzelnen Falle. Ge- fetze sind nicht bloß dazu ba, um bie Leute zu ärgern. Die unnötigen Härten müssen heraus.

Abg. Wurm (Soz.): Die Fürsorge für einzelne Bäcker muß zurücktreten hinter ben Schutz des Publi­kums, bem man es nicht, wie ber Abg. Giesberts will, zumuten, barf, ekelhafte, schmutzige Waren zu essen.

Zimmer.

XXIII.

über das reizende Kindergesicht. . . . Die dicken Aerm- chen strecken sich aus — dem Nähertretenden entgegen.

„Mein Kind!"

Mit einem Jubelruf stürzt Norbert vor der Gruppe nieder. Fest preßt er die kleinen Händchen an seine Brust.

Und der Kleine lächelt und lächelt, als wüßte er, daß er in diesem Augenblick das Vaterherz für immer errungen hat. . . .

Gerda spricht kein Wort. Mit verklärten Augen blickt sie vom Vater auf das Kind.

Auch ihr Herz durchbebt ein tiefes Glücksgefühl.

Da öffnet sich leise die Tür. Frau Mackay fugt herein.

Beim Anblick der Gruppe dort am Fenster zuckt sie zufammen.

Ohne ein Wort zu sagen, verläßt sie wieder das

Felicies Genesung schreitet langsam vorwärts. Schritt für Schritt durchwandelt sie die verschiedenen Stufen vom finsteren Abgrund des Todes, an dem sie bereits gestanden, bis zu den sonnigen Höhen vollpul­sierenden Lebens.

Das Fieber ist nicht wiedergekommen. Nie wie­der glaubt sic in wilden Phantasien ihr Kind im Arm zu halten.

Aber merkwürdig — sie spricht auch niemals von dem Kinde. Hat sie seine E.ristenz vergessen?

Langsam kehren ihre körperlichen Kräfte zurück; gesundes Rot beginnt, die bleichen Wangen zu färben.

Und noch immer diese Apachie, diese Gleichgültig­keit gegen alles um sie her. . . .

Die Aerzte schütteln die Köpfe. Sie wissen nicht, was sie aus tfjretr. Zustand machen sollen.

Einmal, bald nach Larrinotons Besuch im Ge­fängnis war ein Brief an Felicie angekommen. Er war von ihrem Gatten. Aus Vorsicht hatte man ihr derselben jedoch nicht gegeben. Ein zweiter folgte nicht,

Da sie noch sek"- schwach ist, beschließt man, sie vorläufig noch in der Krankenabteilung zu behalten.

Abg. Giesberts (Zentr.): Ich mutz dagegen prote­stieren, batz ich für bie Möglichkeit eingetreten bin, baß bas Bäckereigewerbe in ekelhaften Betrieben ausgeübt werben könnte.

Abg. Kopsch (Vp.): Die Sozialdemokraten sollten nicht einseitige Interessen vertreten, sondern auch an die Notlage ber Bäckermeister und Grundbesitzer denken.

Abg. Chrysani (Zentr.): Mit der Sauberkeit oder Unsauberkeit hat die Bäckereiverordnung nichts zu tun. Ich muß gegen diesen Ausdruck des Abg. Wurm im Namen der deutschen Bäckermeister protestieren.

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird die Peti­tion zur Erwägung überwiesen.

Mittwoch: Interpellation zur Arbeitslosenversiche­rung, Interpellation über bie Zaberner Vorgänge, erste Lesung des Spionagegesetzes und des Gesetzes betr. Ge­währung von Zeugen- und Sachverftändigen-Gebühren.

0 Noch immer der Fall Zabern.

Die Erörterungen über den Fall Zabern dauern fort. In ihrer Sitzung vom Montag hat die Zentramsfraktion des elsaß - lothringischen Landtags zu dem Fall Stellung genommen. Es wurde eine Re.olution beschlossen, in Der die Fraktion „gegen Die Beleidigung des elsässisch »lothringischen Volkes und gegen die Behandlung des Falles seitens der zuständigen Behörden aufs schärfste protestiert". Weiter wurde beschlossen, den Fall im Landtag ge. bührend zu beleuchten.

Im Reichstage steht heute, Mittwoch, eine Interpellation der fortschrittlichen Volksparte über die Vorgänge in Zabern auf der Tagesordnung. Man nimmt nicht an, daß der Reichskanzler sie schon heute beantworten wird. Die elsaß-lothringische Gruppe des Reichstages wandelte deshalb ihre ur­sprüngliche Interpellation über die Vorgänge in Zabern in eine kurze Anfrage an die Regierung um, um dadurch zu bewirken, daß bereits bis zum kommenden Freitag dem Reichstag eine offizielle Dar­stellung deS Sachverhalts von der Regierung gegeben wird. Diese kurze Anfrage lautet:

«Ist bem Reichskanzler bekannt, daß im Infanterie­regiment Nr. 99 in Zabern etn Offizier sich gegenüber etsaß-lothringiichen Soldaten höchii beleidigende, die Ge- fühle der Bevölkerung am das schwerste verletzende Aus­drücke zuschuwen kommen ließ, ohne daß die Militär­behörde für eine genügende Sühne sorgte, und was gedenkt der Reichskanzler zu tun, um die elsaß-lothringischen Soldaten vor solchen JnsuUen und bie gesamte Bevölke­rung Eliaß-Lokhringens vor Derartigen Herausforderungen zu schützen?“

Der .Elsässer' hält in einem Leitartikel der reichs. ländischen Landesregierung vor, sie habe ihre politische Aufgabe verkannt:

Die Ueberjeugung ist heute allgemein, daß die Re- flterung ihren Aufgaben nicht gewachsen ist. Sie cheint nur noch die Bedeutung eines von Berlin ab­hängigen Oberpräsidiums zu haben, dem jede selbständige Regung, aklch wenn sie durch dringliche Landesinteressen geboten erscheint, zum Schaden des Landes versagt ist. Es fehlt uns die starke Hand, die nötig ist, um dem Druck des Miliiärregiments em Paroli zu bieten. Immer mehr bürgert sich die Gewißheit ein, daß es so nicht weiter gehen kann, soll das Ansehen ber Krone und ber Wert ber monarchischen Institution nicht Dauernd im Lande herabgedrückt werden.

Dann wird der Militärverwaltung vorgehalten, baß sie Ungeschick auf Ungeschick gehäuft habe; es hätte ihrem Amehen keinen Abbruch getan, wenn man geschehenes Unrecht offen eingestanden halte. Aus Jahre hinaus seien tm Lande monarchische Werte vernichtet; es sei höchste Zett, daß der Vernichtung des monarchischen Gewissens Einhalt geboten werde. Fast sämtliche Blätter in Eftaß - Lothringen sichren eine ähnliche und noch schärfere Sprache. Der natlib. ,Röln. «la? wird aus Straßburg gelchrieben:

Die Zaberner Vorfälle sind über bie elsaß-lothrin­gischen Zustände wie ein förmliches Hagelwetter her- niebergepraffett, bas von dem schlimmsten, was wir bis­her erlebt hatten, kaum noch Überboten wirb an unheil­voller Nachwirkung. Die Folge ber dadurch erzeugten

Nach einiger Zeit erhält sie die Erlaubnis, in den Hof hinunter zu gehen. Hier sitzt sie oft stundenlang im Sonnenschein auf einer Bank, mit großen Augen die hohen Mauern anstarrend. Oder sie schleicht ge­senkten Hauptes den Rasenplatz entlang.

Einmal, als Felicie gerade wieder auf ihrer Bank sitzt, kommt die Gefangene Johnfon auf sie zu. Tie robu,.e Frau ist auch einmal von Unwohlsein ge­packt worden, sodaß sie für einige Tage nach der Kran­kenabteilung übersiedelte.

„Ra, wie geht's? Waren lange krank, wie?"

Felicie blickt auf.

geht's wieder bester?"

»Ja."

„Freut mich, 's war Auch zu dumm von Ihnen, damals in Ohnmacht zu fallen. Gewöhnen sich end­lich daran, von Ihrem Kinde getrennt zu fein, wie?" Liddy Johnfon erhält keine Antwort mehr.

Gedankenvoll sitzt Felicie da, sich die Stirn rei­bend, als suche sie nach irgend etwas in ihrer Erin­nerung . ..

Plötzlich steht sie auf und geht schweigend ins Haus.

„Merkwürdige Sorte!" brummt die Johnson hin­ter ihr her. „Wenn die nicht verrückt ist, will ich so­fort —'■

Was sie will, bleibt ungesagt. Eine Wärterin, welche die kleine Szene beobachtet hat, tritt auf sie zu und führt sie hinweg. —

Eines Tages überreicht die Pflegerin Felicien zwei Briefe.

Unschlüssig dreht diese die Briefe in der Hand hin und her. Dann aber schießt plötzlich tiefes Rot in ihre Wangen.

Briefe im Gefängnis sind eine große Seltenheit. Klopfenden Herzens eilt Felicie i.r ein stilles Eckchen, um ihre Schatze näher zu besichtigen.

Der eine ist von ihrem Gatten. Sic erkennt ihn sofort an Lei Handschrift.

Ibn öffnet sie zuerst. ,

Leuchtenden Auges v'jerflieqt sie die engbcschrie- benen Seiten. U.rd je weiter sie liest, um so -eichtcr

Stimmung ist eine aufs neue auflebenbe Entfrem­dung und Abwendung von bem Gebauten ber Zu­sammengehörigkeit mit bem Deutschland über dem Rhein drüben, „Deutschland, wo man zu uns Wackes sagt", so kann man jetzt hören, wenn man in altelsässi­schen Kreisen von Altdeutschland spricht. Die Unzufrie­denheit mit dem Hergang der Vorfälle ist groß und hat tief in das Gefühlsleben dieses leicht erregbaren Volkes eingegriffen. Wenn die Herbstmanöver noch bevorstün- ben, unb jetzt abzuhalten wären, würbe das Offizier­korps wohl von der sonst so sehr gerühmten herzlichen Aufnahme in den Quartieren eine wenig erfreuliche Ausnahme feststellen müssen. Es ist weniger der unan­ständige Ausdruck, den der Zaberner Leutnant über die Fremdenlegion oder über die französische Fahne ge­braucht hat, ber diese Verbitterung hervorruft. Man ist geneigt, bem Dementi des Generalkommandos zum Trotz die schärfere Lesart für die richtige zu halten, aber man regt sich darüber weniger auf als über den Ausdruck Wackes in Verbindung mit der Auslobung der 10 Mark für das Niederstechen. (Die Mühlhauser Straf­kammer verurteilte letzte Woche einen Arbeiter, weil er einen andern Arbeiter als „Wackes" bezeichnete, zu einer Woche Gefängnis.) Und in allen Gesprä­chen kehrt immer die ungehaltene Verwunderung dar­über wieder, daß die Frage, ob der Leutnant in der Tat feine elsässischen Rekruten habe bei sich antreten lassen mit den Worten: „Ich bin ein Wackes", noch immer keine Antwort gefunden hat . . . Hierzulande kommt es bei allen behördlichen Maßnahmen darauf an, bei der gutgesinnten und das ist die weitaus übertoie- genbe Mehrheit bes elsaß-lothringischen Volkes Ver­trauen zu erwecken. Die nie geleugnete Freube bes Elsässers am Soldatentum zur Begeisterung für das deutsche Heer fortzuentwickeln, ist der Zaberner Fall nicht richtig behandelt worden. Wenn von diesem Fall aus die Elsässer die Uebergeugung gewonnen hätten, daß man für ihr Stammesbewußtsein Verständnis hat, bann hätten die Anfänge der Begeisterung für d a s deutsche Heer, die man bei so manchem ge­dienten Soldaten mit Freude feststellen konnte, eine höchst erfreuliche Steigerung erfahren. So aber ist in der Volksstimmung, wie sie gegenwärtig ist, die Begeisterung verhagelt, und das Vertrauen großenteils in Mißtrauen verwandelt woren. Das festzustellen ist bitter und schmerzlich, aber es entspricht leider den Tatsachen, wie sie jeder beobachten kann, dem es gelingt, mit der Bevölkerung Fühlung zu nehmen.

In Der altoeut'djen Presse rouo im Anschluß an Die inzwischen wieder ausgehobene Verhaftung eines Feldwebels und einer Anzahl Rekruten mit be­sonderem Eifer da§ disziplinwidrige Verhalten dieser Leute besprochen und die Gefährdung der Mannes­zucht im Heere an die Wand gemalt. Das lenkt die Die Aufmerksamkeit ab von den Ausschreitungen des Leutnants. Die letzteren bilden aber die Wurzel des ganzen Nebels und darum muß man allen Ver­suchen enlgcgenlreten, das Beiwerk zur Hauptsache zu machen und die grundliegenden Verfehlungen in Den Hintergrund zu rucken.

Wenn ber Feldwebel und die beschuldigten Re­kruten gegen Tienstvorschriften sich verfehlt haben, so muffen sie natürlich zur Verantwortung gezogen und bestraft werden. Aber alle diese Strafen wegen Indiskretion oder Disziplinwidrigkeit können den Leutnant nicht entlasten. Im Gegenteil: durch derartige Nachwirkungen wird es erst recht klar, tote gemeinschädlich die unglückseligen Redewendungen waren.

Der Wirk!. Geh. Kriegsrat Dr. Romen, der auch sonst schon als strafrechtlicher Scharfmacher her- tiurgetreten ist, schreibt heute im „Tag" über „den groben Verstoß gegen die militärische Disziplin". Er kann aber nicht umhin, auch das Verhalten des Leut­nants zu kritisieren, und bemerkt, man könne ohne Zögern die zwei Aenßerungen in der Instruktivns- stunde „als ungeschickt und verfehlt" bezeichnen. Doch hält er es für durchaus ungerechtfertigt, „ihnen auch nur entfernt jene Bedeutung beizulegen, die ihnen abermals natürlich von Heeres- oder deutschfeindlicher Seite untergefchoben wird". Soll damit etwa gesagt fein, daß nur Heercsseinde oder Reichsfeinde an den fraglichen Aeußerungen Anstoß genommen hätten?

wird ihr. Ihr ist, als ob eine Eiskruste sich von ihrem Herzen löse, als ob alles Weh, welches sich seit Monaten dort anfammelte, hinwegschwände. Trä­nen füllen ihre Augen — die ersten feit langer, lan­ger Zeit.

Jede Zeile fast handelt von ihrem Sohne — wie groß er wird, wie verständig er ist, tote Wohl er aus­sieht. Sie hat die Empfindung, als würde ihr Kind ihr neu geschenkt.

Zuerst nach jener furchtbaren Krankheit hatte sie feine Existenz fast vergeßen. Tann gewöhnte sie sich daran, thn als tot zu oetrachten — tot wenigstens für sie. . . . Und nun lebt er wieder vor ihr auf. Sie sieht ihn auf dem Schoß des Vaters sitzen, sicht ihn in dessen dunklen Haaren wühlen, sieht ihn mit großen, klugen Augen umherblicken.

Ihre Lippen bewegen sich beim Lesen all dieser kostbaren Nachrichten, als wolle sie jedes Wort hin- unterschlürfen.

Einmal ertappt sie sich sogar bei einem kleinen Anfall von Eifersucht. Aber gleich daraus lächelt sie wieder. Baur und Sohn sind eins, sie liebt sie beide gleich tief und innig — es tröstet sie sogar, die beiden bei einander zu wissen. . . .

Noch hat sie den Brief nicht ganz beendigt, als eine Pflegerin sie ruft, sie möge ihr beim Austeilen der Suppe behülflich fein.

Rasch steckt Felicie die beiden Briefe in Die Tcftch» und folgt der Frau in die verschiedenen Kranken- abteilungen.

In einem größeren Raum neben verschiedenen anderen Patientinnen liegt ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren schwer krank an der Auszeh­rung darnieder.

Die Gefangene Anny Holm muß sehr hübsch ge­wesen fein, als noch gesundes Rot die Wangen färbte, als noch frAch- Leben ftust aus den jetzt übergroßen, krankhaft glänzenden Augen leuchtete.

Felicie führt sich merkwürdig zn^esem Mädchen hingezogen, und V-u._) vergißt Nr.se Freundschaft durH fast Demütige ÄnvLnglicyrew