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Flr. 272.

Erstes Blatt.

Dienstag Öen 25. November 1913.

40. Jahrgang.

vo

0 Der Reichstag.

Die schöne Zeit der Ferien ist vorüber. Heute tritt der Reichslag wieder zusammen, und die Rede, müblen in dem hohen Hause m Berlin kommen wieder in Gang. . _

Viel praktische Arbeit wird in der kurzen Zeit bis Weihnachten gewöhnlich nicht geleistet, dafür aber um io mehr über alt das verhandelt, was sich in den parlamentarischen Ferien ereignet und Gegenstand der öffentlichen Erörterung gebildet hat. Besonders die äußerste Rechte und die äußerste Linke scheinen ge. sonnen zu sein, die „Redefreiheit" bis Weihnachten, die die allgemeine Etatsberatung und die zu er­wartenden Interpellationen bieten, zu benutzen, um ihrer Unzufriedenheit mit vielem und mit jenem, besonders aber mit dem Reichskanzler Lust zu machen.

Tas führende Organ der Konservativen, die .Kreuzzeitung' (Nr. 549), hat bereits den Ton ange­geben, auf den die Konservativen anscheinend ihre Reden stimmen wollen.

Sie gedenkt zunächst der Erledigung der braun­schweigischen Thronsolgesrage, deren Rechl- ferligung sie für Herrn v. Belhmann-HoUweg nicht ge­rade leicht nennt. AlSdann macht ste den Reichskanzler auch für die Vorfälle in Zadern haftbar und ver­langt von ihm eine entschiedene Stellungnahme; „andern- falls", meint sie, „entsteht das Gefühl der Führeriostg- keit. Die Zügel schleifen am Boden und dabei kann der Staatswagen nicht vorwärts tommen". Und noch einen dritten uno vierten Wunsch äußert das lonseroatw» Or­gan für die nächste Zeit der Reichstagsverhanvlungen; einmal eine schleunige Erledigung der 14 noch un­erledigten Wahlprüfungen und dann, was ihm zu­meist am Herzen liegt, die praktische Inangriffnahme der Frage des Arbeitswilligenschutzes.

Wir glauben, dah Herr b. Bethmann in der braunschweigischen Frage keinen gar zu schweren Stand haben wird; der von den Alldeutschen angekündigte Entrüstungssturm ist ausgeblieben, und darum kann auch aus den Attacken, die im Reichstag gegen den Kanzler geritten werden könnten, höchstens ein Sturm im Wasserglas entstehen. Das deutsche Volk ist mit der Beilegung des alten leidigen Welfen- streits ganz zufrieden und fühlt sich in seiner Ruhe und Sicherheit durch den Weifenherzog auch keines­wegs bedroht. Zur Z a b e r n e r Affäre, zu der die Elsässer eine Interpellation einbringen wollen, werden nicht nur die Herren von der Rechten ein ernstes Wörtchen zu sprechen haben; auch vom Zen­trum wird zweifellos von der Regierung restlose Auf­klärung über die unerquicklichen Vorgänge und ener­gisch« Abhilfe gegen etwaige Mißstände gefordert werden. Bei den großen Opfern, die unser Volk noch kürzlich für sein Heer gebracht hat, kann es verlangen, dah die Militärverwaltung auch seinen berechtigten Wünschen Rechnung trägt. Gegen eine baldige Er­ledigung der Wahlprüfungen ist auch nichts einznwenden, wie überhaupt die Forderung durchaus berechtigt ist und unterstützt werden kann, die zwei­felhafte Mandate gleich nach Zusammentritt eines neuen Reichstags geprüft wissen toUI und zwar am besten durch eine endgültig entschließende besondere Kommission, damit die Rechtsfrage der Gültigkeit eines Mandats im Plenum nicht als Machtfrage mehr behandelt wird. Den Schutz der Arbeits­willigen wollen wohl alle bürgerlichen Parteien, aber die Mehrheit des Reichstags wird sich in lieber« einstimmung mit der Gesellschaft für soziale Reform, die eben in Düsfeldorf ihre Tagung abgehalten hat, gegen ein System der Ausnahmegesetze und eine Be­einträchtigung der Koalitionsfreiheit wenden, wie sie von der rechten Seite des Reichstags gewünscht wird.

Auch mit der Sozialdemokratie wird der Reichskanzler einen Strauß auszufechten haben. Eine Interpellation über die Ausschließung des Abg. Liebknecht von der Kommission zur Untersuchung Der Rüstungslieferungen ist bereits beim Reichstag eingegangen. Bei dem Kriegstanz, den da die So-

Zn der Schule der Leidens.

801 Roman aus dem New-Jorker Leben.

Von Erich Friefen.

Peinlichste Verlegenheit malt sich in Norberts Zügen.

„Bitte, hören Sie mich an, Herr Direktor! Meine Frau ift augenblicklich nicht bei mir, weil sie eine Strafzeit in Newyork abbüßt. Weshalb, wird Sie wohl kaum interessieren. Es genügt, wenn ich Ihnen sage, daß sie im Sterben liegt. Hier — der Gefäng­nisdirektor schickt mir soeben diese Depesche."

Mit gerunzelter Stirn überfliegt Direktor Dud­ley das Telegramm. Die ganze Angelegenheit ist ihm äußerst unangenehm. Wenn das Publikum er­fährt, daß der „erste Liebhaber" eine Frau hat, die im Gefängnis sitzt, so ift, der ganze Nimbus dahin. Anderntcils möchte er auch wieder seinen besten Dar­steller nicht verlieren.

Nochmals überfliegt er das Telegramm.

Ja, die Frau liegt unbedingt im Sterben! Das Veriiünstigste ist, Parrington spielt heut abend seine Partie, reift morgen früh nach Newyork, findet seine Frau schon tot — und niemand braucht von der gan­zen dummen Geschichte etwas zu erfahren. In den Augen des braven Theaterdirektors ist der Erfolg einer Vorstellung eine viel wichtigere Sache, als das Leben und Sterben eines Weib.es, welches im Zucht­haus sitzt.--

„Hier haben Sie Ihr Telegramm zurück, Bar­rington. Heut abend nach der Vorstellung können Sie reifen. Jetzt nicht."

Einen Moment steht Norbert wie erstarrt. Gleich einer Vision schwebt an seinem geistigen Auge das Bild seiner lieblichen Gattin vorüber. Es lächelt ihn an mit dem bezaubernden Grübchenlächeln; es streckt die Arme nach ihm aus.--

„Und ich sage Ihnen, ich reife jetzt!" ruft er leidenschaftlich, „und wenn ich mein Engagement bei Ihnen ausgeben müßte! Adieu, Herr Direktor!"

Ehe der verblüffte Direktor sich von seinem Ent-

zialdemokraten aufführen werden, wird es indessen dem Herrn v. Bethmann wohl kaum gruselig werden. Im übrigen muß man allerdings darauf gefaßt sein, daß die „Genossen" jetzt alles vor die Oeffentlichkeit schleppen werden, was sie nur immer gegen die Mili­tärverwaltung und unsere Rüstungssirmen auftreiben können. Gedeihlicher werden sich hoffentlich die Ver­handlungen über die Arbeitslosen frage ge­stalten, die ebenfalls von sozialdemokratischer Seite durch eine Interpellation angeschnitten werden wird. Allgemein ist die Ueberzeugung, daß hierin etwas geschehen muß, was und wie, darüber wird sich aller­dings schwerlich Einigkeit schaffen lassen. Das Pro­blem der Arbeitslosenfürsorge ist äußerst heikel und vielleicht das schwierigste, das sich der ganzen Sozial­gesetzgebung darbietet.

Wenn so die Wünsche und Interessen der einzel­nen bürgerlichen Parteien sich auch nicht alle unter einen Hut bringen lassen, so darf doch auf keiner Seite aus den Augen verloren werden, wie dringend not gerade heute, vor allem auch im Hinblick aus die kommenden Erörterungen über unsere Handelspolitik ein verständiges Zusammenwirken der Rechts- und Mittelparteien ist. Die ba­dischen Landtagswahlen sollten auch für die Partei­gruppierung im Reiche beherzigenswerte Fingerzeige geben und auch die weitgehende Interessengemein­schaft der bürgerlichen Rechts- und Mittelparteien in Preußen sollte auf eine im vaterländischen Interesse gebotene Gemeinschaftsarbeit im Reich fördernd wirken.

vr. Zur Landtagseröffnnng in Baden.

Am 27. November erfolgt die Eröffnung des neu- gewählten badischen Landtags. Sie wird in Baden in den Blättern aller Parteirichtungen eingehend be­sprochen. Es kann nicht fehlen, daß hierbei die mög­lichen politischen Konstellationen eine ausführliche Erörterung finden. Wir sind der Meinung, daß es sich schon gleich an der Präsidentenwahl zei­gen wird, ob der Großblock überwunden ist, oder ob man sich in liberalen Kreisen wiederum seiner Poli­tik verschreiben will. Wenn es nach dem Willen Rebmanns und seiner Gefolgschaft in der Presse geht, soll der Großblock allerdings auch in der parlamen­tarischen Form einer Arbeitsgemeinschaft zwischen Liberalen und Sozialdemokraten eine Auferstehung erfahren; diese schlösse selbstverständlich eine Teil­nahme der Sozialdemokraten am Präsidium in sich.

Während bis zum Jahre 1905 der erste Präsiden­tenposten nach friedlichem Abkommen unter den Par­teien stets der stärksten Partei zugebilligt wurde, än­derte sich dies sofort mit dem Inkrafttreten des Rot- bwcks. Das Zentrum wurde 1905 die stärkste Frak­tion, die Nationaliberalen wollten aber auf den lieb­gewonnenen Sitz nicht verzichten, deshalb bildeten sie bei der Konstituierung des Hauses und der Kommis­sionen mit den Demokraten und Freisinnigen die so­genannte „liberale Vereinigung", die nun ebenso stark war wie das Zentrum. Die Sozialdemokraten gaben den Ausschlag. Sie stimmten für den nationallibe­ralen Präsidentschaftskandidaten, weil ihnen dafür der Posten des zweiten Vizepräsidenten zugebilligt wurde, auf die Zusicherung hin, daß ihr Vertreter sich mit den höfischen Verpflichtungen „taktvoll" ab­finde. So wurde ein Nationalliberaler Präsident, ein Zentrumsmann erster Vizepräsident, der Sozial­demokrat Geck zweiter Vize.

Geck fand sich mit den höfischen Verpflichtungen bekanntlich so „taktvoll" ab — er weigerte sich sogar, anläßlich des Todes des Großherzogs Friedrichs i. im Namen der Kammer mit zu kondolieren —, daß die Nationalliberalen im Jahre 1907 es nicht wagen konnten, ihn wieder ohne weiteres zu wählen. Sie beschlossen, von einer Wiederwahl Gecks unter allen Umständen abzusehen und von jedem anderen ins

setzen über diese Kühnheit erholt, ist Norbert bereits auf und davon.

XXII-

Am folgenden Morgen — kaum beginnt die Dämmerung heraufzuziehen — hält eine Droschke vor dem großen Eifentor des Frauengefängnisses in Newyork.

Bleich und übernächtig springt Norbert vom Trittbrett. Er weist dem Posten das Telegramm vor und wird sofort eingelassen.

Ein anderer Posten führt ihn ins Wartezimmer, bis seine Ankunft gemeldet ist.

Nachdenklich stützt Norbert den Kopf in die Hand.

Hat er Recht getan, sein glänzendes Engagement so plötzlich abzubrechen? Wenn es mit Felrcie nicht so schlecht stünde? Wenn sie wieder gesund würde? In zwei Jahren ist sie frei — müßte er da nicht suchen, für sie und sich selbst ein kleines Vermögen zusammenzusparen? Kein Theater wird eine Schau­spielerin engagieren, welche im Zuchthaus gesessen hat! Und auch seine Aktien sinken, wenn man die Tatsache erfährt! — Freilich — ihm bleibt immer noch Direktor Furrer! Der wird ihn mit Freuden wieder aufnehmen! — Und dann ist er auch wieder mit Gerda Douglas zusammen. Ihre Anregung, ihre Inspiration "hat ihm während der acht Tage in Baltimore gar sehr gefehlt. — —

Seine Gedanken beginnen zu wandern. —

Da tritt der Anstaltsarzt ein.

„Gut, daß Sie gekommen sind, Herr Harrington. Folgen Sie mir!"

„Wie geht es meiner Frau?"

„Schlecht."

„Ist keine Hoffnung mehr?"

„Plan darf die Hoffnung nie aufgeben; aber Frau Barrington ist sehr krank."

Langsam schreiten beide durch die büftern Korri­dore der Krankenabt-ilung zu.

„Was ist die Ursache der plötzlichen Erkrankung meiner armen Frau, Herr Doktor?"

„Entsetzen über die unerwartete Trennuna vo» ihrem Kinde."

Norbert fährt zurück.

Präsidium vorgeschlagenen Sozialdemokraten „be­stimmte Garantien" zu verlangen. Die Sozialdemo­kratie ging von ihrem Kandidaten Geck nicht ab und so wurden gewählt: Fehrenbach (Zentr.) als Präsi­dent, Wilckens (natl.) als erster und Heimburger (De­mokrat) als zweiter Vizepräsident. Doch lange hielt die nationalliberale Bekehrung nicht an. 1909 ver­langten die Nationallibcralen wieder den ersten Prä­sidenten, trotzdem auch der Kleinblock, die „liberale Vereinigung", schwächer war als das Zentrum. Der „schlimmste und brutalste Gewaltstreich", wie sogar der nationalliberale „Mannheimer Generalanzeiger" sich damals ausdrückte, wurde ausgeführt. Es war im höchsten Stadium der Rotblockherrlichkeit. Die Sozialdemokratie erhielt für ihre Mitwirkung den ersten Vizepräsidenten, obwohl sie die Erfüllung jeder repräsentativen Pflicht dem Hof gegenüber glatt ab- qelehnt hatte. Tas Zentrum verzichtete unter diesen Umstanden auf eine Vertretung im Präsidium, das sogar den traditionellen Gang zu Hof, um sich dem Landessürsten vorzustellen, abschaffte und dafür die schriftliche Anzeige einführte.

Diesmal liegen die Dinge etwas anders. Eine sichere Rotblockmehrheit gibt es nicht mehr. Die „Straßb. Post" meint, die wenig klaren Mehrheits­verhältnisse dürften besonders der nationaWberalen Partei manche Schwierigkeiten bereiten. Das werde sich gleich zu Anfang der Tagung zeigen, wenn es das Präsidium zu wählen gebe. Das Zentrum, das natürlich als stärkste Fraktion Anspruch auf den ersten Präsidentenstuhl erheben werde, werde vermutlich den Sozialdemokraten den ihnen nach ihrer Fraktio.is- stärke zustehenden zweiten Vizepräsidenten wieder verweigern; damit werde von selbst wieder die Frage des Großblockpräsidiums aufgerollt und bte erste Großblockentsckeidung sei fällig.

Daß das Zentrum als weitaus stärkste Fraktion Anspnich auf den Präsidentenstuhl erhebt, ist selbst­verständlich. Ebenso selbstverständlich, daß die Zen­trumsfraktion keinen Sozialdemokraten ins Präsi­dium wählen wird, der nicht das ganz bestimmte und bündige Versprechen abgibt, daß er auch alle üblichen Verpflichtungen dem Landesherrn gegenüber übernimmt, an den üblichen Besuchen bei Hof teil* nimmt usw. Der Schwäb. Merkur ist der Ansicht, daß das Zentrum unter den jetzigen Verhältnissen das Präsidium auch erhalten werde, obwohl die Linke alles aufbiete, um ein solches Präsidium zu verhüten, das dem ganzen Lande den Wert des Viktoriaschreiens nach der Stichwahl zu erkennen gebe. Es seien in der nationallibelalen Partei einige Mitglieder die ein Großblockpräsidium nicht mitmachen. Wenn die Sozialdemokrafte sich nicht entschließe, zu Hof zu gehen und ganz artig zu sein, komme diesmal keiner von ihr ins Präsidium, sie möge darüber schelten und jammern wie sie wolle. Helsen werde der Jam­mer nichts. Und im ganzen Lande werde man damit einverstanden fein, daß es heiße: Entweder ober.

Es wäre schön und bedeutungsvoll, wenn nicht nur die rechtsstehenden nationalliberalen Abgeord­neten, sondern die ganze nationalliberale Partei es über sich gewänne, die Großblockpolitik als eine Epi­sode der Leidenschaft und Verirrung den Geistern der Vergangenheit zu überantworten und die gerade Linie einer männlich-bürgerlichen Politik zu betreten.

Deutsches Keich.

5 Berlin, 24. Nov. 1913. Der Kaiser hat vom bayerischen Gesandten, Graten Lerchenfeld«Köfering, die Anzeige der Tdronbesteigung des Königs Ludwigs III. in feierlicher Audienz entgegengenommen. — Prinzessin August Wilhelm von Preußen ist zum Besuch ihrer erkranlten Schwester, der Frau Herzogin Viktoria Adelheid, in Koburg eingetroffen.

* Ter Kaiser hat sich von feiner Erkaltung voll­ständig wieder erholt.

„Barmherziger Gott! Mein Weib stirbt, weil es die Trennung von dem Kinde nicht ertragen kann, und ich — ich habe es noch nicht einmal gesehen!"

Schweigend gehen die beiden Männer weiter, bis der Arzt plötzlich vor einer Tür Halt macht.

„Da sind wir!"

Leise öffnet er die Tür und bedeutet Norbert ein­zutreten.

Dann schließt sich die Tür wieder hinter ihm.

Auf einem eisernen Bettgestell liegt eine weiße Frauengestalt. Zwei dunkelrote Fieberflecken bren­nen auf den schmalen Wangen. Das ehemals so üppige schwarze Lockenhaar ist kurzgeschnitten; nur auf Stirn und Schläfen ringeln sich noch ein paar vereinzelte Löckchen. Die Augen sind geschlossen.

Norbert wagt kaum zu,atmen.

Ist die stille Gestalt dort wirklich jein Weib — seine muntere, lustige, jugendfrische Lwy? Lebt sie noch? Oder bat der Tod bereits mit seinen knöcher­nen Fingern Besitz von ihr ergriffen?

Zögernd tritt er näher. Mit angstvoller Scheu beugt er sich über das abgezehrte Gesichtchen.

Wie von einem Magnet angezogen, öffnet Felieie die Augen. Groß und voll blickt sie den Gatten an, ohne irgend ein Zeichen der Ueberraschung.

„Norbert!" flüstert sie kaum hörbar. „Norbert!"

Mit unterdrücktem Aufschluchzen kniet er neben dem Lager nieder. In diesem Augenblick ist alles andere vergessen — das Theater, Gerda Douglas, das Kind. Nur an sie denkt er — an sie, die hier, mit bet Fieberröte auf den Wangen, tief unglücklich auf dem Schmerzenslager im Gefängnis ruht — an sie, die um seinetwillen zur Verbrecherin geworden, um seinetwillen jetzt vielleicht sterben muß.

„Ja, Licy, ich bin es, Dein Norbert!"

Mühsam hebt sie die Hand und legt sie auf seinen gesenkten Kopf.

So verharren die beiden einige Sekunden lang beweo'inn?!os, ohne ein Wort zu sprechen.

Plötzlich nähert Felieie ihre Lipven seinem Ohr.

„Ich nmß Dir elde-s zeigen, Norbert!" w'spert sie geteimni-^on. „Ol»h hier das Kind! Wie heb es in meinen Armen liegt! Hat es nicht schöne Augen?

** Der Bundesralsausschuß für die auswärtigen An- gelegenherten ist ge|tern unter dem Vorsitz oes Frei- Herm v. Hertling juiammengetreten, und der Reichskanzler hat in längeren Auseinandersetzungen, Die dann tm einzelnen noch vom Staatssekretär von Jagow ergänzt wurden, unsere auswärtige Politik während des Balkankrieges erläu­tert und unsere Beziehungen zu den Mächten ge­schildert. Diskussionen finden nicht statt. Den Mit­gliedern zu Ehren fand abends beim Reichskanzler wie immer ein Festmahl statt.

* Zur Frage des ArbeitsWilli genschuhes nimmt das Organ oer CaristkichenGewerkjchaften Stel lung. Forderungen auf Verschärfung der Strafgesetze werden von den Christlichen Gewerkschaften mit aller Entschiedenheit ab gelehnt, da die jetzigen Gesetze für den Schutz der Arbeitswilligen mehr als ge­nügend sind. Für eine Reform des Koalttionsrechtes stellt das Blatt folgende Forderungen: Sicherung des Streik- und Boyloltpostenrechts vor Polizeiwillkür, Sicherung vor schwarzen Listen und ähnlichen Ein­richtungen des Unternehmertums, Aushebung des § 153 der Gewerbeordnung als eines Ausnahmege­setzes.

* Für die Sonntagsruhe. Eine Kundgebung gegen den neuen Regierungsentwurf über die Sonntagsruhe veranstalteten gestern abend die 14 Handlungs­gehilfen-, Bureau- und Bankbeamtenvereinigungen Berlins in der Brauerei Friedrichshain. Redner ver­schiedener politischer Parteien kamen zu Wort, und alle waren sich einig in der Verurteilung der von der Regierung vorgeschlagenen Bestimmungen über die Sonntagsarbeit. Die kaufmännischen Angestellten mehrerer großen Firmen hatten einen gemeinfamen Demonstrationszug nach dem Versammlungslokal verabredet. Um 1/<9 Uhr setzte sich ein Zug von 54 Droschken mit über 300 Periown in Bewegung. Auf jedem Wagen hatte neben dem Kutscher em Pkakat- iräger Platz genommen, die Plakate mit der Auf­schrift trugen: „Wir demonstrieren für die Sonntags­ruhe", „Her mit der Sonntagsruhe" usw. Der Zug bewegte sich durch mehrere Strafen ohne Störung nach der Brauerei Friedrichshain,'die von über 5000 Personen besucht war. — Gegen den § 3 des Sonn­tagsruhegesetzes, der den jüdischen Geschäften, die am Samstag unbedingte Sabbatruhe halten, eine fünfstündige Beschäftigung ihrer Angestellten am Sonntag gestattet, wendet sich der deutsch-nationale Handlungsgehihenverband, indem er hervorhebt:

/.Das neue Sonntagsruhegeseh verlangt von dem christlichen Inhaber eines Kontorbetriebes völlige Sonn­tagsruhe. Der jüdische Geschäftsinhaber darf seine An­gestellten am Sonntag fünf Stunden beschäftigen; er erlangt dadurch vor seinem christlichen Konkurrenten einen Vorsprung von 24 Sunden, der von der größten Bedeutung sein kann, wenn es sich um eilige Geschäfte, Angebote usw. handelt. Man würde einwenden kön­nen: der jüdische Kaufmann hat dafür ja am Sabbat geschlossen. Der Einwurf ist nicht stichhaltig, weil hier ein großer Unterschied besteht. Der christliche Kaufmann wird gesetzlich gezwungen, seinen Betrieb am Sonntag einzustellen; kein Gesetz zwingt aber den jüdischen Kaufmann, am Sabbat zu feiern. Tut er es frei­willig, mutz, er die Folgen dieses Opfers, das er seinem Glauben bringt, selbst tragen."

* Eine Stimme. Unter dieser Spitzmarke schreibt die „Frankfurter Zeitung":

Wie oft denkt der laue Wähler „auf meine Stimme kommt es nicht an". Er bleibt zu Hause, versäumt seine Bürgerpflicht und redet bann hinterher weise, wie es gemacht werden müßte und was für eine falsche Politik getrieben werde. Wie sehr es aber oft auf die eine Stimme ankommt, beweist der Ausfall der zweiten Ab­teilung der Hirschberger Stadtverordnetenwahl. Dort siegte mit 179 gegen 178 Stimmen die reaktionäre gegen die fortschrittliche Liste. Und dieser „einstimmige" Sieg hat weiterhin noch die empfindliche Folge, daß dadurch die fortschrittliche Mehrheit der Stadtverordnetenver­sammlung in eine konservative verwandelt worden ist. Und das alles wegen einer einzigen Stimme! Also kommt es doch auf die eine Stimme an! Gewiß sind

O Tu süßes goldnes Kerlchen! Du darfst niemand sagen, daß ich es da habe, Norbert. Ich verstecke es. Frauen, die im Gefängnis sind, die etwas Schlechtes gemacht haben — die dürfen eigentlich ihre Kinder nicht bei sich behalten. Auch mir hat man es weg- genommcn. Aber ein Engel brachte es mir zurück. Hahahaha, jetzt halt' ich es wieder in meinen Armen- Sieh doch, sieh! Es ist ja auch Dein Sohn!"

Norbert schweigt.

Jener Abend kehrt in fein Gedächtnis zurück, 'da Felieie die „Ophelia" gespielt, da das ganze Publi­kum in Entzücken geriet, ob der grandiosen Wahn­sinnszene. —

Sieht er jetzt nicht „Ophelia" vor sich? Gerade so sah sie damals aus; gerade so sprach sie; gerade so lachte sie.

Ein Schauder überfliegt seinen Körper.

„Sie müssen ihrer Idee nachgeben!" flüstert ihm die Pflegerin zu, die am Fußende des Bettes sitzt. „Sie weiß nicht, was sie spricht."

„Sieh doch, sieh!" wiederholt Felieie eindring­lich- »Ist Dein Sohn nicht ein Prachtjunge? Seine hübschen Haare — gerade wie Deine. Es lockt sich genau so hinter dem Ohr wie bei Dir. Sieh doch, Norbert, sieh!"

„Ja, mein Liebling", erwidert Norbert gepreßt.

„Pst! Nicht so laut! Man könnte Dich hören, und dann nimm man ihn mir wieder weg. Er ist so brav, so artifl Oh, er weiß, daß er fort muß, wenn er schreit. Er heißt Walter, nach meinem Vater. Es ist Dir doch recht?"

„Meine Licy!"

Das erregte Sprechen hat die Fieberkranke er­sichtlich angegriffen. Rasch hält die Pflegerin ein Glas Wasser an die heißen, trockenen Lippen. Gierig schlürfen sie den erfrischenden Trank.

Tann sinkt der Kopf in die Kissen zurück.

Norbert nimmt beide fieberheißen Hände seines .Weibes in die seinen.

Zuerst zucken sie noch ein wenig unter de» festen Druck. Tann fügen sie sich still.