Zuldaer Zeitung
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Montag den 24« November j9|3»
40. Zahrgang.
Crstes Blatt
Nr. 27j.
ventschrs Reich
mußte
das ist Reichs-
30 212 069 Bankwesen 1971000
Mk. (Weniger 1179 820 Mk-), aus dem werden erwartet 18 271000 Mk. (mehr
** Berit«, 23. Nov. 1913. Der Kaiser sich am Samstag noch Schonung aukerlegen. Deshalb wurde der Empfang des bayerischen Gesandten Grafen Lerchenfeld zur Notifikation der Thron- besteigung der deS Königs Ludwigs und Ueberreichung des Beglaubigungsschreibens auf Montag verschoben. — lieber die Patentanwälte hat das Reichsamt des Innern eine Denkschrift ver- faßt. Danach hat sich herausgestellt, daß das Reichs, gesetz, bett, die Patentanwälte, vom 31. Mai 1900
Mk.); zur Schuldentilgung werden 68883399 Mk. bereitgestellt, die Anleihe ist mit 17 697 160 Mk. gegen 39151035 Mk. im Vorjahre
= Der neue Reichsetat
ist ein 3% Milliarden-Etat. Der Etatsentwurf schließt in seinen ordentlichen Einnahmen und Ausgaben mit 3 403 011671 Mk. ab, gegen 1913 weniger 174 378 044 Mk. Die Mehrerträge aus den bestehenden Zöllen, Steuern und Gebühren sowie den Ausgleichsbeträgen ttafür sind auf 12582 037 Mk. angenommen. Die Ueberschüsse im ordentlichen Etat sind veranschlagt: bei der Post auf 100 321 931 M. (gegenüber 1913 weniger 12 513185), bei der Reichsdruckerei auf 3 324 225 Mk. (mehr 143 560 Mk.), bei der Eisenbahnverwaltung auf
sich nicht voll bewährt hat. Die Zahl der Patent, agenten ist um das Dreifache gestiegen, während die Zahl der Patentanwälte sich seit 1900 nur etwa verdoppelt bat.
-> Wahlpriifungen im Reichstag. Der Reichstag hat bekanntlich aus seiner letzten Tagung noch einige Wahlprüfungen zu erledigen, darunter die der Abgg. Haupt (Soz.) und Kültsch (natl.), deren Wahlen bereits zweimal in der Wahlprüfungskommüston für ungültig erklärt worden find. Die Entscheidung über diese beiden Wahlen wurde jedoch immer wieder hinausgeschoben. Jetzt verlautet, daß sie in der ersten Woche der neuen Reichstagstagung herbei- geführt werden soll. Sollte der Reichstagspräsident, schreibt die .Deutsche Tagesztg/ die Wahlprüfungen nicht von selbst auf die Tagesordnung setzen, so wird vermutlich ein dahingehender Antrag aus dem Hause gestellt werden. Auch die Mandate der Abgg. Kuck- hoff (Ztr., Köln-Land) und Hegenscheidt (Rp., Rotenburg. Hoyerswerda) sind gefährdet, da in der Kom- Mission Anträge auf Ungültigkeitserklärung dieser Wahlen vorliegen.
** Eine scharfe Kennzeichnung der Kirchenaustritls- bewegung. Die ,Post' veröffentlicht in einem Leitau'- satze die Schilderung einer der letzten Berliner Kirchenaustrittsversammlungen. Die Schilderung ist so be- zeichnend, daß wir aus ihr noch einiges nachtragen möchten:
Zn der Schule des Leidens.
29] Roman aus dem New-Yorker Leben.
Von Erich Friesen.
Früh am nächsten Morgen öffnet die Wärterin dre Klappe der Ersentur von Zelle Nr. 301
Leichten Schritts schwebt eine weiße Gestalt in ^nt Heinen Raum hm und her. Sie wiegt ihr Ä"'" den Armen, es von Zeit zu Zeit an ihre Brust druckend. v
Seim Eintritt der Wärterin legt sie den Finger an den Mund. a
„»Pst! Still! Ganz still! Mein Kind schläft. Pst' Nicht sprechen! Sehen Sie, ich hab's doch noch bekommen, obgleich man mir's nicht geben wollte Am Tage versteck' ich's; aber nachts, da gehört es mir'"
Leise lacht sie auf — leise und hell, gleich dem Lachen eines Kindes.
Eisigkalt überläuft es die Wärterin.
Jetzt legt die weiße Gestalt das Kissen aufs Lager nieder und deckt es sorgsam mit der groben Wolldecke zu.
„So, mein Liebling! Schlafe! Du bist wieder bei mir; nichts soll Dich mir wieder entreißen. Die Mutterliebe überwindet alles!"
Triumphierend jauchzt sie die letzten Worte heraus. -tann hebt sie beide Hände über den Kopf und beginnt zu tanzen — erst langsam, wiegend--
Zuletzt in wahnsinniger Eile sich um sich selbst drehend, dabei hie und da abgerissene Worte murmelnd ober wild auflachend. —
9Jtem. stuckt der Wärterin. Ein paar Augen- al»'Pe toie gebannt zu; dann verschließt sie schnell die Tur und eilt hinunter zum Gefängnisarzt. Eine stunde später liegt die Gefangene Barrington mit einer Eisblase auf dem Kopfe in einer Ein- Zelzelle der Krankenabteilung. Tas Fieber hat solchen Hohegrad erreicht, die Delirien sind so heftig, daß man sie nicht int allgemeinen Kran^"nsaal unterbringen kann.
Tag um Tag vergeht. Glühende Fieberhitze verzehrt Felieies zarten Körper. Die Schatten des
Wahnsinns umlauern ihr umdüstertes Hirn. Töt- liche Angst, Grausen, Entsetzen schütteln ihre abge- magerten Glieder hin und her. — Bald drückt sie ihr eingebildetes Kind an ihre Brust, es mit den zärtlichsten Namen rufend — bald schreit sie wild auf. weil sie glaubt, daß man es ihr entreißen wolle. — Dazwischen murmelt sie hin und wieder, wie in Gedanken verloren:
„Tas Spiel ist aus! Das Spiel ist aus!"
Der Arzt schüttelt bedenklich den Kopf. Der Zustand der Gefangenen Nr. 301 macht ihm ernstlich Sorge.
Zwischen ihm und dem Gefängnisdirektor findet eine längere Konferenz statt, wobei der Arzt eindringliche Vorstellungen macht.
„Nun wohl", erwidert endlich der Gefängnisdirektor ernst. „Es ist zwar gegen das Reglement — aber sei es drum!"
Frauengefängnis, Newyork."
Zuerst begreift Norbert den Sinn der Worte gar nicht. Zwei-, dreimal lieft er sie:
„Kommen Sie schnell, Ihre Frau stirbt!"
Jetzt versteht er.
Seine Frau stirbt — seine liebreizende kleine Licy, der er die schönsten Tage seines Lebens verdankt!
Ein Schleier legt sich vor seine Augen. Er sinkt auf eilten Stuhl. Sein Blick fällt auf die dunkle Lockenperrücke. auf bas schwarze Samtspencer, auf die verschiedenen Toilettengegenstände, welche zu seinem heutigen Kostüm gehören.
Norbert Barrington steht gerade vor dem Spiegel in seiner Garderobe, um sich für die heutige Vorstellung herzurichten, als es klopft.
„Ein Telegramm, Herr Barrington!"
Rasch zieht er das faltige Spitzenvorhemd zurecht. Dann offner er die Tür. Die Depesche war an seine Newhorker Adresse gerichtet und ist von Gerda Douglas an seine jetzige Adresse nach Baltimore übertragen worden:
in Aussicht genommen. An Ausgaben für nichtwer- benbe Zwecke ist nur noch der aus Anlaß der älteren Flottengesetze zu leistende Zuschuß zu den Posten der Schiffsbauten mit 29 410 000 Mark auf den außerordentlichen Etat übernommen. — Aus Anlaß der W'ehrvorlage von 1913 sind eingestellt: an fortdauernden Ausgaben 152 782 119 Mk, an einmaligen Ausgaben 268 820 871 Mk., also im ganzen 421 602 990 Mk. Auf den Wehrbeitrag sollen von den in Rede stehenden Ausgaben 393820871 Mark übernommen werden.
Im Etat des Auswärtigen Amts ist bemerkenswert, daß dem Verlangen des Reichstages nach Reform des diplomatischen Dienstes entfprochen werden soll, daß künftig Legationssekretären im Falle eines autzerordent. lichen Bedürfnisses besondere Zuschüsse bewilligt werden können. Die Attachees sollen während der Vorbereitungszeit Vergütungen erhalten. Die Konsulate in Jerusalem und Montreal werden in Generalkonsulate, die Bizekonsulate in Haifa und Jaffa in Konsulate umgewandelt, in Erzerum und Mossul, Panama, Täbris und Tetuan werden neue Berufskonsulate errichtet. Der Fonds für die deutschen Auslandsschulen ist von 400 000 auf 1500 000 Mk. erhöht worden.
Im Etat des Reichsamts des Innern zeigen steigende Einnahmen das Patentamt und das Kanalamt. Die allgemeinen Fonds enthalten verschiedene Erhöhungen, u. a. für den Verband deutscher Arbeitsnach- w e i s e über 20 000 Mk., für den öffentlichen Wetter, d i e n st, der auf den Monat Oktober ausgedehnt werden soll, über 110000 Mk. Der vom Reiche auf Grund der Reichsversicherungsordnung zu leistende Aufwand erhöht sich um 1 942 000 Mk. Durch Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen ein- berufenen Reservemannschaften und für Aufwandsentschädigungen für solche Familien, von denen bereits drei Söhne ihrer gesetzlichen 2 oder 3jährigen Dienstpflicht im Reichsheere oder in der Marine als Unteroffiziere oder Gemeine genügt haben oder noch genügen, fällt dem Reich ein Mehraufwand von 1757 000 Mark bezw. 240 000 Mark zur Last. Bei den einmaligen Ausgaben sind wiederum für wissenschaftliche, sanitäre und volkswirtschaftliche Zwecke Mittel zur Verfügung gestellt.
Der Militäretat enthält die neuen Offiziers-, Unteroffiziers- und Beamtenstellen, die im Zusammenhang mit der Neuaufstellung angefordert werden. Gefordert wird die Errichtung eines Exerzierplatzes in Mar. b u r g. An Forderungen von besonderem allgemeinen Interesse sind zu erwähnen: Erhöhung des festen Bestandteiles des Beköstigungsgeldes, Gewährung emes besonderen V e r pf le g un gs z usch u sse s an die am Standort auf Selbstbeschaffung der Verpflegung angewiesenen Unteroffiziere und Mannschaften, Er- bohung des Lohnungszuschusses für Soldaten- familien bei dienstlicher Abwesenheit der Männer. @e« toabrung des BeköstigungSgeldeS der Unter- otsiziere an sämtliche Kapitulanten, Bewilligung der Verpflegungsbedürfnisse an die Kapitulanten während eines Urlaubs.
®“8 dem Marineetat ist hervorzuheben: es fehlen o? . ’J'L affcbhifjen Schiffsfollbesiand wie 1918 noch 2 -tmenfänffe und 8 kleine Kreuzer, da für 1914 nur Ersatzbauten anzusordern sind. Zur Durchführung des
Flottengesetzes sind wie im Vorjahre eine Reihe neuer höherer und niederer Stellen beim Sceoffizierskorps, beim Jngenieurkorps, Sanitätsoffizierskorps, Zahlmeisterpersonal usw. vorgesehen. Außer den Raten für die Fortsetzung der bereits begonnenen Schiffsbauten werden erste Raten gefordert für das Linienschiff „Ersatz Kaiser Friedrich III.", den großen Kreuzer „Erscri Viktoria Luise", die kleinen Kreuzer „Ersah Gazelle" und „Ersatz Niobe", sowie eine Torpedobootsflottille. Für Unterseeboote sind 19 Mill, eingestellt. Zur Gewährung von Beihilfen an hilfsbedürftige Kriegsteilnehmer werden die Mittel unter Berücksichtigung der durch das Gesetz vom 19. Mai 1913 verursachten Mehrausgaben um 8 Mill. Mk. höher ver. anschlagt, also mit 89 Mill. Mk. eingestellt.
Der Etat der Reichs-Post- und Telegraphen-Bcrwal- tung bringt eine erhebliche Vermehrung der etatsmäßigen Beamtenstellen. U. a. ist eine größere Zahl von Vizedirektorenstellen (124 bei Einziehung von 75 Jn- spektorenstellen) vorgesehen, wodurch die ungünstigen Aufrückungsverhältnisse der höheren Beamten eine Verbesserung erfahren. Gefordert sind u. a.: 2400 neue Stellen für Post- und Telegraphen-Assistenten, 1500 für Post- und Telegraphengehilfinnen, 4500 für Unterbeamte der Schaffnerklasse. Grundstücksankäufe und Bauten sind u. a. in Aussicht genommen für Hanau und Fulda. (Um- und Erweiterungsbau.) Ferner wird wieder die Ostmarkenzulage in Höhe von 1200 000 Mk. verlangt Aus Anleihemitteln sind für FernspreLanlagen 39 Millionen Mk. vorgesehen.
Beim Etat des Reichsschatzamtes wird der auf rund fl2'/- veranschlagte Gewinn auS der Prägung (von Reichsmünzen zum größten Teil zur Anlage des Sil. berkriegsschatzes von 120 Millionen Mk. verwendet.
Im Etat der Schutzgebiete sind die eigenen Ein. nahmen um rund 19% Mill, gestiegen. Togo und Samoa bedürfen keines Reichszuschusfes; für die übrigen Schutzgebiete sind insgefamt rund 30% Mill. Mark, um 1 165 000 Mk. weniger als im Vorjahr, an zufchüssen zu leisten.
„Wir waren von vornherein auf einen unerqulick- lichen Abend gefaßt. Wir sagen auch nichts über die ätzenden Ausführungen der beiden Referenten, die kein gutes Haar an der Kirche ließen und nur Pfaffen, aber keine Pfarrer zu kennen scheinen. Wir nehmen auch die peinliche Tatsache mit in Kauf, daß sich Sozialdemokratie und Glaubenslosigkeit als identische Begriffe herausstellten. 'Aber eines hat uns geradezu erschüttert: ein solches Matz von Roheit, eine solche Ver. lumptheit der Gesinnung hätten wir nicht für möglich gehalten. Nicht nur, daß jeder, aber auch jeder, der audi nur andeutungswesie für seine Kirche einzutreten wagte, niedergebrüllt, vom Podium gezischt und mit unflätigen Schimpfworten bedacht wurde. Nein, nicht einmal sich zu Idealen zu bekennen ward einem Diskussionsredner verstattet. Als er an die echten, inneren Gefühle im Menschen appellierte, als er meinte, jeder Mensch müsse sich doch den Glauben an etwas Höheres bewahren, da ertönte ein tausendstimmiges „Huh", schrille Pfiffe durchgcllten den Raum, höhnisches Lachen aus vollem Halse quittierte über ein solches Bekenntnis. Man glaubte in einer Versammlung von Verbrechern zu sein, nicht unter Menschen von Gefühl und Gesinnung.
Man hatte die Pfarrer eingeladen. Einige beherzte Männer hatten den Leidensweg angetreten und die schwere Aufgabe übernommen, in dieser tollen Brandung i$rer_ Ueberzeugung Gehör zu verschaffen. Mit ruhigen, wägenden Worten versuchte Pastor Le Seur. Groß-Lichterfelde der Masse den ganzen Ernst des Problems klarzumachen, mit dem hier von gewissenlosen Hetzern Fangball gespielt wurde. Freimütig gab er zu, daß die Landeskirche schwere Mängel aufweise. Unter einer Flut von Hohn, Gelächter und Beschimpfungen trat er ab. Und dann kam eine Arbeiterfrau. Die schrie den Pastoren, die dicht neben dem Rednerpult standen, höhnisch ins Gesicht: „An zehntausend Teufel kann ich glauben in dieser Welt, aber nicht an ihren Gott, Herr Pastor!" Und die Menge brüllte Beifall."
Die ,Pofst schließt ihre Betrachtung über die Kirchenaustrittsbewegung mit folgender Bemerkung:
»Das Ende vom Lied? Wir glauben es zu kennen: die Kirchen werden leer. Wir brauchen keine neuen mehr zu bauen. Aber vielleicht werden wir bald die Zahl unserer Zuchthäuser verdoppeln."
Welch' eine Unsumme von Arbeit bleibt da noch dem Evangelischen Bunde zu tun! Wird er sich daran wagen oder wird er fortfahren, auf den „Ul« tramontanismus" und die Jesuiten zu schimpfen?
* Zur Frage der Arbeitslofenversicherunq äußert sich in ihren Rückblicken die ,Nordd. Allg. Ztg.:
„Soll nicht geleugnet werden, daß eine große Zahl von Arbeitern unverschuldet arbeitslos wird, so läßt sich doch die Frage, wo hier die Grenze liegt, wer schuldlos und wer verschuldet arbeitslos geworden ist, außerordentlich schwer entscheiden. Die arbeitsscheuen Elemente werden sich naturgemäß in aller erster Linie zur Arbeitslosenunterstützung herandrängen und keine ernsthaften Versuche machen, Arbeit zu erhalten. Die Arbeitslosenversicherung kann überdies im Gegensatz zu den übrigen Zweigen der Arbeitversicherung, bei denen der einzelne Versicherungssall genau feststellbar 'st, nicht aut versicherungstechnischer Basis begründet weiden. Wenn die Gemeinden auf diesem Gebiete etwas tun wollten, dann kämen vor allem NotftandSar- beiten in Betracht, die immer noch das beste Mittel sind, den Arbeitslosen vorübergehend zu helfen. Wichtig ist sodann die Nachweisung von Arbeitsgelegenheit. Darum müssen die Arbeitsnachweise, namentlich die oemeiudlichen, immer beffer organisiert und zentralisiert werden."
= Neues aus Zabern. Verhaftet wurden — keine Sorge: nicht der Leutnant b. Forstner und der ihm sekundierende Feldwebel — fordern der Feldwebel und neun andere Elsässer der 5. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 99 in Jabern, toeil sie Mitteilungen über die schwebende Angelegenheit nach irgend einer Seite weitergegeben haben sollen, von wo aus sie den Weg in die Preffe fanden. Es sind die einzigen Reichsländer, die noch in der Zaberner Garnison geblieben sind, da die übrigen alle versetzt wurden. Es wird sich um die Soldaten pendeln, bie als Absenber bes Schreibens an bett „Elsässer angesehen werden, wonach Leutnant
In einer Stunde würde er als „Romeo" auf der Buhne gestanden haben, während fein Weib fein armes, unglückliches Weib vielleicht mit dem Tode ringt!
Niemand in Baltimore weiß, daß er verheiratet ist. Als er vor acht Tagen sein Engagement am „Exzelsior-Theater" antrat, hielt er es für beffer, darüber zu schweigen. Die Nachricht, daß seine 'm Gefängnis sitzt, hätte seine ganze Zukunft verderben können. Wozu also trübe Familienangelegenheiten erwähnen, nach denen niemand fragt und die niemand etwas angehen!
Jetzt ist es seine Pflicht, vor' den Direktor mit der vollen Wahcheit hinzutreten. Wie wird er die Nachricht aufnehmen?
Nervös zerknittert Norbert die Depesche in der Hand. Ei weiß, gegen acht Uhr geht ein Schnellzug nach Newyork ab. Vielleicht kann er den noch erreichen. Dann zieht er rasch feinen Gehrock über und begibt sich nach dem Zimmer des Direktors.
Er klopft.
Keine Antwort. —■ —*
Er öffnet die Tür.
Niemand brinnen. —- —
Der Schweiß tritt Norbert auf bie Stirn. Wo den Direktor suchen? Wenn er den Zug verpaßt und inzwischen vielleicht fein Weib stirbt, ohne ihn noch gesehen zu haben!
In fliegender Hast durcheilt er sämtliche Räume hinter den Kulissen.
Von dem Direktor keine Spur. —-
Endllck findet er ihn am äußersten Ende der Büh.ie, mit heftiger Stimme verschiedenen Arbeitern Befehle erteilend.
.'lergerlich blickt er auf, als Barrington sich ihm rasch nähert.
„Na, was ist los?"
„Ich fürchte, ich komme ungelegen", erwidert Norbert in verhaltener Erregung. „Aber ich muß Ihnen mitteilen, daß ich heut abend nicht auftreten lann."
l „So? Und was wird aus der Heufigen Vorstel-
v. Forstner in beleidigender Weise von der französischen Fahne gesprochen hatte. Der Feldwebel heißt Baillet und stammt aus Pfalzburg in Lothringen; von zwei Unteroffizieren wurde er durch die Stadt geführt und in Gewahrsam gebracht. Die Untersuchung gegen die Verhafteten ist bereits im Gange. Es soll das Delift des militärischen Komplotts in Frage kommen. Also einige Jahre Zuchthaus wird es schon abgeben, wenn sich das Komplott beweisen läßt. Aber hoffentlich gelingt das selbst nach der Zaberner Methode nicht einmal. Uebrigens sind die neun verhafteten Soldaten am Samstag nachmittag wieder e n 11 a f f e n worden, während der verhaftete Feldwebel weiter in Untersuchungshaft verbleibt. Der liberale „Zaberner Anzeiger", der über die Aeußerung des Leutnant v. Forstner über die französische Fahne genau denselben Bericht wie der „Elfäffer" veröffentlicht hatte, erklärt, daß er ihn in allen Teilen aufrecht erhalte, und ersucht die Militärbehörde, doch mit der angedrohten Klage gleich ernst zu machen, damit man 'feststellen könne, „ob wir gelogen haben". Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft fand gestern in der Redaktion des „Zaberner Anzeigers" eine Haussuchung statt, um aus den Manuskripten eventuell die Person, die die in Frage kommenden Informationen geliefert bat, feststellen zu können. Die Haussuchung verlies jedoch ergebnislos. — In seiner Eigenschaft als französischer Reserveoffizier sandte der Chefredakteur des „Antoritö", Paul de Cassagnac, dem Leutnant Freiherrn v. Forstner im 99. Regiment in Zaber« einen eingeschriebenen Bries, der, wie er selbst in seinem P'ari erklärt, eine Herausforderung zum 3“ u e 11 enthieft. D-r Brief kam uncröffne: zu ütf. darauf wiederholte Cassagnac die Herausforderung in einer nach Zabern gesandten Depesche, die in der Jrage gipfelte ob Herr v Forstner durch Duellver- weigeruna ferne Uniform entehren wolle. Den fran- 'bvlchen Berichterstattern gegenüber sagte Caffagnac' „Wenn alle Offiziere diesem gleichkommen, kann das Deutsche Reich wahrhaft stolz auf feine Verteidiger 'em."
<? Darmstadt, 23. Nov. 1913. Die Finanz« ausschüsse beider Kammern traten gestern zu emer gemeinsamen Beratung über die Gesetzesvorlage betr. die Gewährung eines'staatlichen Dar leb en 8 an die Zentralkasse der landwirtschaftlichen Genoffen, schäften zusammen, an der auch das Staatsministerium teilnabm. Von feiten der Ersten Kammer waren eme Reihe von Anträgen gestellt, u. a. sollte statt 1 Million Mark der Betrag von 3 Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden, während ein Antrag des Freiherrn Hey! zu tzernsheim auf Gewährung von 6 Millioncn Mark inzwischen zurückgezogen wurden. Sowohl die Regierung als auch die Mit- glieder des Finanzausschusses der Zweiten Kammer gaben gegenüber diesen neuen Vorschlägen die Erklärung ab, daß man erst die Tragweite derselben und auch die Frage prüfen muffe, welche Stellung die Genoffevfchgften selbst dazu einnebmen.
* München. 22. Nov. 1913. Ministerpräsident b Hertling hat sich nach Berlin begeben.
. Gvcha, 22. Nov. 1913. Die Herzogin Vik- rorra Adelheid von Sachsen-Koburg-Gotha, die M einigen Tagen in Koburg aufhält, ist dort plötzlich an Blinddarmentzündung erkrankt. Zu Besorgnissen liegt fern Anlaß vor. Eine 'Operation Uurd vorläufig nicht für erforderlich erachtet.
* Dresden, 22. Nov. 1913. Die heutigen Eini- gungsvechandlungen zwischen den Vertretern der Aerzte und Krankenkassen Sachsens im Ministerium des -junern beseitigten erhebliche Streitpunkte. Die Aerztevertreter erklärten jedoch, sie konnten sich auf völlige Einigung nicht einlaffen, rtvrtrm te^e sich uicht über das ganze Reich erstrecke. Die Verhandlungen sollen daher im Reichsamt des Innern ihre Fortsetzung finden.
„Ich denke, der zweite Liebhaber —"
„Unsinn! Eine Rolle wie den „Romeo" kann ich keinem „zweiten Liebhaber" anbertrauen!"
Norbert ist sehr bleich geworden.
. «Herr Direktor, ich würde nicht darum bitten, wäre" ° fteizugeben, wenn es nicht unbedingt nötig
„Unb warum ist es denn unbedingt nötig, wenn man fragen darf?"
„Meine — meine Frau liegt im Sterben. Ich erhielt soeben ein Telegramm —"
Direktor Dudley stößt einen leisen Pfiff aus.
. »So — Sie sind verheiratet! Warum sagten Sie mir das nicht früher? Hätte Sie dann kaum engagiert. „Erster Liebhaber" und „erste Liebhaberin" dürfen nicht verheiratet sein. Nimmt beim Publikum das halbe Interesse weg!"
Norbert schweigt.
Das ärgert den Direktor noch mehr.
„Nu.r? Weshalb teilten Sie mir die Tatsache nicht früher mit?"
-Ich hielt es nicht für notwendig. Gleichviel —< ich teile es Ihnen jetzt mit. Meine Frau stirbt und ich muß sofort zu ihr."
. „find ich sage Ihnen, Sie bleiben!" ruft der Direktor ärgerlich. „Es tut mir leid, aber die Pflicht geht vor. Das ganze Haus ist ausverkauft — ich :ann dem Publikum keinen „zweiter Klaffe-Romeo" vorfetzen. In wenig Stunden ist das Theater aus —- dann können Sie machen, was Ihnen beliebt."
„Dann erreiche ich den Schnellzug nicht mehr, Herr Direktor!"
Der Direktor stutzt.
„Ten Schnellzug? Wohnen Sie nicht ganz in der Nähe?"
„Gewiß. Aber — bitte, lassen Sie uns ein wenig zurücktreten: die Arbeiter hören uns zu! — meine Frau wohnt nicht bei mir —"
„Ah — also getrennt! Ein Grund mehr, die Vor- tellung heut abend nicht zu stören."
(Fortsetzung folgt.