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Samstag den 22. November 1913.

40. Zahrgang.

Erstes Blatt.

Nr. 270. 1

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je? Der Massenstreik gegen die Kirche.

Die 12 Berliner „Massenversammlungen", in denen für die Austritte aus der Kirche agitiert Wer­ben sollte, haben zwar nicht am Butztage, aber am fol­genden Donnerstag stattgefunden, und die „aufge­klärte" Presse meldet, datz über 4000 Teilnehmer an Ort und Stelle das Austrittsformular unterzeichnet hätten. Ob alle diefe Anträge endgültig aufrechter- halten werden, mutz dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall liegt ein bedeutender Erfolg der reli­gio nsfeindlichen Agitation vor, der zu ernsten Besorgnissen Anlah gibt. Man sagt zur Er­klärung, ein Teil der Austretenden sei durch die Hetz­reden hypnotisiert worden, und ein anderer Teil sei dem Terrorismus erlegen, der besonders von den sozialdemokratischen Fanatikern gegen Geschäftsleute und andere abhängige Existenzen ausgeübt werde. Diese Erklärungsversuche wirken aber leider nicht be­ruhigend. Denn die Verführung des Volkes im Dienste der religionsfeindlichen Versammlungen wird nun erst recht fortgesetzt werden, und auch der D r u ck auf die wirtschaftlich Schwachen wird gewiß nicht auf­hören.

Die Austrittsbewegung ist zu gleicher Zeit von rinem protestantischen Prediger und von einem her­vorragenden katholischen Abgeordneten besprochen worden.

Der Berliner Paswr Le Seur kennzeichnete in einer Rede im Stcwtmissionshause den bitteren Ernst der Angelegenheit mit der Frage: Was wird aus den Kindern der Austretenen? liebet die Ab­wehr bemerkt er:

„Natürlich, die Landeskirche wird tun, was sie kann; aber es wird ihr nichts nützen, wenn nicht auch die Gemeinden tun, war sie können. Schließlich kommt das auf eine Gewisfenspflicht des Einzelnen hinaus; darum prüfe sich jeder einzelne, ab er im Geist und in der Wahrheit Jefu lebt. Sonst wirkt jeder einzelne für die Kirche zerstörender, als irgend eine der Austrttts- verfammlungen. Ein Sturm von außen wird die Kirche niemals überwinden; aber wenn ihre Glieder faule Unechte sind, wird das Verderben über sie kommen."

Auf dem westfälischen Zentrumsparteitag zu Münster hielt der Abg. Geheimrat Dr. Porsch, der"Vorsitzende der Zentrumssraktion des Abgeordne­tenhauses, eine weit umfassende Rede, in der auch die Austrittsbewegung berührt wurde. Den reichen In­halt dieses programmatischen Vortrages können wir hier nicht im einzelnen wiedergeben. Wir wollen nur kurz erwähnen, daß Herr Abg. P o r s ch in der Sorge wegen der Kinder sich mit dem erwähnten Ber­liner Prediger berührt, und dann die Frage der A tz- weh r seinerseits vertieft, indem er sie als einen Teil des allgemeinen Kreuzzuges gegen den Un­glauben betrachtet und die Einwirkung der Ge- setzgebung berücksichtigt.

Herr Le Seur appelliert an die Gemeinden und an die einzelnen Christen. Wer schützt nun aber die Gemeinden dagegen, daß die Agitation des Unglau­bens und des Umsturzes durch berauschende Ver­sammlungen und systematische Verbreitungen reli- gionsfeindlicher Hetzschriften das Volk verführen? Wie soll der einzelne Christ treu und fest bleiben, Wenn man ihn schutzlos den Verführern überläßt? Die bedrohten Christen müssen belehrt, gewarnt, in ihrem Glauben befestigt und gestärkt Werden. Die Feinde des Glaubens haben volle Aktionsfreiheit, die berufenen Ver­teidiger des Glaubens aber nicht. Dar­auf hat Geheimrat Dr. Porsch mit eindringlicher Schärfe bingeWiesen. Es bestehen Ausnahmege­setze und einschränkende Vollmachten der Be­hörden; aber sie richten sich nicht gegen die Agi- toteren des Unglaubens und des Umsturzes, sondern gegen die besten Pfleger und Hüterder Religion, insbesondere gegen die Ordens­leute, deren Streben auf die Erhaltung des Glau-

3n der Schule des Leidens.

28s Roman aus dem New-Iorker Leben.

Von Erich Friejen.

Gleich darnach erscheint der Gefängnisdirektor — ein ältlichem, militärisch aussehender Herr — in Be­gleitung seines Gehülfen und zweier Ober-Gefangen- Wärtennnen.

Nachdem alle Formalitäten erfüllt sind, Wird jede Einzelne nach ihrer Zelle abgeführt.

Es ist gerade Mittagszeit. Felieie erhält durch die geöffnete Klappe der eisernen Zellentür chr Mit­tagessen: Brot und Suppe. Dann sindet eine ärzt­liche Untersuchung statt und die Uebergabe der neuen Anstaltskleiduntf.

Während der ganzen Prozedur hat Felieie kein Wort gesprochen. Eine der Ober-Wätterinnen, eine freundlich blickende ältliche Frau, auf welche die ernste Schönheit der jungen Gefangenen Eindruck macht, teilt ihr mit, sie werde dafür sorgen, daß man ihr keine zu schwere Arbeit zuerteile. Auch werde sie es insofern angenehmer haben, als im Brooklyner Hülfsgefänqnis, weil sie nicht zu Jsolierhaft verur­teilt sei. Zwar schlafe sie in ihrer eigenen Zelle und nehme auch ihre Mahlzeiten dort ein; aber sie arbeite in einem großen Saal in Gemeinschaft mit andern, sie säße in"ber Kirche zusammen mit den Mitgefange­nen^ und könne während der Freistunden auf dem Gefängnishof mit einer Kameradin, die ihr zuerteilt werde, spazieren gehen. Sie dürfe an den allgemei­nen Chcrgesangubungen, sowie an den täglichen Unterrichtsstunden teilnehmen. Auch erhalte sie ans Wunsch Bücher zum Lesen. Wenn sie sich ordentlich ausführe, so gehöre die Zeit von fünf Uhr bis zum Schlafengehen ihr: sie könne dieselbe ganz nach Be­lieben ausnützen.

Felieie hat anfangs gleichgültig zugehört. Doch als die Wärterin bei Aufzählen des Tagewerkes das Kind gänzlich unerwähnt läßt — da bemächtigt sich ihrer große Unruhe.

„Wisien Sie, daß ich verheiratet bin?" fragt sie

bens und der Sittlichkeit unter den katholischen Mit­bürgern gerichtet ist.

Was ist das für eine „staatserhaltende" Politik in einem christlichen Gemeinwesen, wenn man gerade die tüchtigsten Vorkämpfer von Glauben und Tu­gend dem Volke vorenthält! Wenn man die religiö­sen Vorträge eines P- Cohausz oder die erbauliche Volksmission in Coesseld verbietet, während die re­ligionsfeindlichen Massenversammlungen am Tage nach dem Bußtage und überhaupt an 362 Tagen des Jahres in voller Freiheit „unter dem Schutze des Gesetzes" stattsinden und ihre traurigen Erfolge triumphierend ankündigen dürfen!

Die geistigen Werke der Barmherzigkeit, so sagt Dr. Porsch sehr schön, sind nicht minder wichtig, als die leiblichen Werke der krankenpflegenden und wohltätigen Orden, besonders in der gegenwättigen Zeit.

Man redet vom Schutz der Arbeitswilli­gen gegenüber den streikenden Arbeitern. Wir for­dern mit noch mehr Recht den Schutz der Ar­beitswilligen gegenüber dem antikirchli- chen Streik. Nicht Schutz in dem Sinne irgend einer Bevorzugung, sondern nur Schutz vor Aus­nahmegesetzen und Verfolgungsmaßregeln, Gleich­berechtigung aller Verteidiger des Glaubens mit den Gegnern des Glaubens.

Wenn die Macht und die Dreisttgkeit des Unglau­bens so furchtbar angewachsen ist, so kann doch kein vernünftiger Staatsmann etne Politik vertreten, die den berufenen Verteidigern des Glaubens Fesseln an­legt.

Wie hübsch es in den Berliner Kirchenaustritts­versammlungen zugegangen ist, davon liefert die „Post" einige Proben: Als ein Pfarrer die Redner­tribüne bestieg, ertönten Zwischenrufe: „So siehste aus!" „Oller Psaffenkopp!" Und auf die Pastoren Würben die Worte gemünzt: „Verfluchte Lumpen!" „Schweinepriester!" Einem Herrn, ber einen Zwi­schenruf machte, schrie man zu: „Raus mit dem Pfaffengesicht!" Die gewiß nicht fromme „Post" meint, daß „ein widerwärtigeres Schauspiel als die unreife Masse, die über die höchsten und letzten Pro­bleme des Menschenlebens „diskutiert", selbst auf Berliner Boden selten gesehen Ward, und fragt bann: „Das Ende vom Lieb? Wir glauben es zu kennen: bie Kirche Werben leer. Wir brauchen keine neuen mehr zu bauen; aber vielleicht Werben wir bald die Zahl unserer Zuchthäuser verdoppeln."

* Der große Bölkertod des 20. Jahrhunderts.

Der Selbstmord der Nationen durch den gewoll­ten Geburtenrückgang bedroht die modernen Kultur­völker. Deutschland hat keinen Grund, in phari­säischer Eitelkeit die Nase zu rümpfen über die un­sittliche Praxis der Franzosen. Es hat sich anstecken lassen von dieser Pest. Es nützt nichts, vor diesen Dingen die Augen zu schließen. Auch die schläfrig­sten Optimisten müssen wach werden. Es gilt die Existenz der Nation.

Längst ist erkannt worden, daß die k a t h o l i s ch e Kirche in dem Kampf gegen diesen Selbstmord der Völker sich bewährt hat; zu den alten Zeugnissen ein neues. In der deutsch-evangelischen Kirchenzei­tung „Die Reformation" (Nr. 45 vom 9. Nov.) ver­öffentlicht ein Herr Oskar Lezius einen Artikel „Das Unwesen der Neumalthusianer", in dem es heißt:

„Die anitttn Vötter sind roentatt an ihrer Unzucht, als an ihrer Furcht vor dem Kinde zugrunde ge­gangen. Die christliche Kirche des Mittelalter« hat durch ihren Kampf gegen den antiken Bölkerseidstmord die indogermamjche Menschheit gerettet. Was die katho- lijche Kirche auf diesem Gebiete geleistet hat, kann nicht genug gerühmt werden. Daß sie noch heute den Ge­brauch antikonzeptioneller Mittel als Todsünde bekämpft.

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endlich zögernd. „Mein Mann ist ein bedeutender Schauspieler und ich selbst —"

„Sie sind wegen Scheckfälschung hier — ich weiß", fällt die Wärterin ein. „Gehören also zur gebildeten

Klaffe. Sogleich beginnt der allgemeine Spazier­gang unten im Hof. Ich werbe zusehen, baß Jhi eine orbeittliche Partnerin zugeteilt wirb. Gu Morgen!"

„Noch einen Augenblick —"

Doch schon fällt bie schwere Eisentür krachenb hinter ihr ms Schloß. Der Riegel knirscht — Fe- Itcie ist Wieder allein.

„Ich muß Gebuld haben!" seuszt sie in sich hin­ein. „Nach bem Spaziergang Wirb man mir bas Kind wohl bringen. Hätte ich nur den Mut gefun­den, die freundliche Wärterin darnach zu fragen! — Wie hüb ch bie Zelle ist! Viel geräumiger als in Brooklyn Und bas Fenster ist auch größer. Gewiß wirb bie Luft meinem Walterchen gut bekommen!"

Felicies Gesicht heitert sich etwas auf. Wohlge­fällig blickt sie an ihrem neuen Anzug hinunter. Der kurze 9tod unb bie lose Bluse von dunkelblauem de- brudtem Kattun können sich keiner besonbern Kleid- samkeit rühmen — aber Felieie meint, ihrem Wal­terchen wirb gewiß bas Muster gefallen. Ihr bickes schwarzes Haar ist fast gänzlich verfteckt unter einer groben weißen Haube — aber Walterchen Wirb sicher diese vorsintflutliche Mütze Spaß machen. . . .

Noch ganz mil ihren glücklichen Gebauten be- schäftigt, Wirb sie plötzlich burch bas Aufknirschen des Eisenriegels an ihrer Zelle aufgeschreckt.

Eine jüngere Wärterin holt sie ab zum täglichen Spaziergang.

Nachdem Felieie einen bienenkorbartigen, groben Strohhut über bie Weiße Haube gestülpt hat, folgt sie der Wärterin burch Gänge und Hallen über Trep- )en unb Treppchen nach bem großen, quabratencn Hof.

Eine Masse Frauen Wanbert bereits Paarweise um einen umfangreichen runben Rasenplatz herum. Einige Gefangene, größtenteils bie älteren unb kränk­lichen, sitzen auf hölzernen Bänken ringsum. Hohe Mauern glotzen von allen Seiten auf bie öbe Szenerie herab.

wird ihr Gott lohnen. Daß er sie dafür segnet, kann man daraus fchtteßen, daß bi« deutschen Kaihokiken säst ebensoviel Echnltinder haben, rot« ihr« so viel zahl» Kicheren protestantischen Mitbürger."

Wenn der Verfasser bann über Frankreich sagt, hier scheine bie katholische Kirche schon vor hunbett unb mehr Jahren bie Waffen vor ber gallischen Un­sittlichkeit gestreckt zu haben, wofür sie gestraft wor­ben fei, so scheint er ba mehr zu behaupten als er beweisen kann; jedenfalls aber muß man ihm recht geben für ben allgemeinen Satz: „Wie können Laien eine Kirche achten, welche sich christlich nennt unb solche Frevel durch Stillschweigen gutheißt?"

Mit scharfen Worten geht bann Lezius in seinem Artikel in ein gerechtes Gericht mit jenen Männern, welche aus Faulheit, Genußsucht unb Habgier zu jenem gewissenlosen Treiben kommen, auch mit jenen- mobernen Frauen, deren berühmter „Schrei nach bem Kind" mit einer Geburt gestillt ist, bie bann bie Ehe zur Unzucht herabwürbtgen, ihre Tage in Hysterie unb Nervosität zubringen unb in Nerven­heilanstalten ober in Irrenhäusern sich häuslich nie- berlaffen.

Die Redaktion der „Reformation" hat bem Ar­tikel bie Bemerkung beigefügt, sie brächte ihn un­verkürzt, obwohl sie überzeugt fei, baß bie Urteile bes Verfassers manchen Lesern vielleicht zu hart klängen. „Aber ber Notstand ist so groß und bie Sünde, die gegeißelt wird, so schändlich, baß einem Kenner ber Verhältnisse auch bie schärfsten Wendun- Eals Ausfluß eines gerechten Unwillens kaum zu trf erscheinen dürften." ,— Worte, die auch eine tliche Sprache reden!

Dem Verfasser haben offensichtlich deutsch-patrio­tische Gedanken die Feder in bie Hanb gedrückt; er hat Sorge um bas Verschwinden des Deutschtums in ben baltischen Provinzen. Vielleicht scheu jetzt bei solcher Lage ber Dinge jene Kreise, welche so gerne bas Märlein von ber Staatsseinblichkeit bes Katho­lizismus kolportieren, ein, baß es doch etwas anderes ist, champagnerselige, von Patriotismus tropfende Tttnksprüche auszubringen, und etwas anderes, die Menschen so zu erzichen, daß sie ein gesittetes Ehe­leben führen, unb so dem Volksganzen geben, was ihm not tut. Eine Stelle aus l'Houets geistvollem Buche „Zur Psychologie ber Kultur" (Bremen 1910) mag biefen Ueberpatrioten zuliebe hierher gesetzt werben:

„Ein schwäbischer Bauer kommt zu seinem Pfarrer, da? 21. Kind anzumelben. Der Pfarrer bedeutet ihm, daß in seinem Familienbuch« nur zwanzig Zeilen für die Kinder einer Ehe sich befänden. ,Was er tun solle! Ob er das Kind noch solle darunter drücken oder hinten ein« neue Seite ansangen ?' ,Er soll nur eine neue Seite anfangen.' — Das allein ist gesund. Deswegen können die Schwab«^ auch anderSroo aushelfen. Und der glacS- behandschuhte Herr, der darüber spottet, ist einer von den vielen glacöbehandschuhten Dummköpfen, die eS in Deutschland und Frankreich und anderswo gibt. Man denke zu unserer Frage doch an eines der vielen öster­reichisch-ungarischen Kronländer, die ihre Not mit den verschiedenen Bevölkerungsschichten baden, oder an un­seren eigenen Osten. Wenn da irgendwo ein Volksstamm drei, der andere sechs, der dritte neun Kinder pro Fa­milie hat, so weiß man genau, welchem zum Schluffe nach allem Hin und Her di« Zukunft zufallen wird. Auf Kultur, Wissenfchaft und dergleichen kommt es nicht an, sondern aus die Kinderstube. Beim Menschen heißt eS einmal nicht: unam sed leonem (eins, aber ein Löme). Man weiß, wie vielmehr in der Regel gerade aus dem Einzigen' nichts wtrd. Und jene 21 sind wahrscheinlich alle 21 tüchtig geworden. Es sind Dinge, di« alle Ansird«lungSarbeit erwägen mag, wenn sie so manchmal nicht grltngen mag.* (S. 241.)

Aber, fragen wir, wer ist benn schuld an der gan­zen traurigen Misere? Sozialdemokratische Schwä­tzer schwätzen alsbald von ber sozialen Not­lage. Als ob nicht alle Welt wüßte, baß bas Wott „Proletarier" von etwas ganz attberem käme als von Kinderarmut? Unb daß dieses Laster aus

Die Wärterin geleitet Felicien zu einer andern Gefangenen.

Beide schließen sich ber langsam im Kreise herum­ziehenden Menschenschlange an.

Auf Felicies gespannte Nerven wirtt bie kör­perliche Bewegung beruhigend. Neugierig betrachtet sie ihre Gefährtin — eine große, wohlgebaute Frau mit stechenden schwarzen Augen unb einem grau­samen Zug um bie festgeschlossenen Lippen.

Voll Interesse erwibert bie Frau ben Blick.

„Sie sind heute erst hergekommen?"

Felicie nickt.

„Wie alt find Sie?"

„Achtzehn Jahre."

Verwundett gleitet ber Blick ber Frau an Felicie hinunter.

„Ich hielt Sie für ein Kind."

„Nein, ich bin verheiratet unb Mutter", lautet bie indignierte Entgegnung.

Tie Frau lacht.

„Schemen ein Hitzkopf zu fein. Müssen sich den hier abgewöhnen. Tut nicht gut. Weshalb einge­sperrt?"

„Wegen Scheckfälschung."

„Ah — gehören also zur sogenannten Aristokratie unter uns Gefangenen. Hätf das nicht geglaubt. Sie sehen nicht klug genug aus für so was."

Ein tiefer Seufzer hebt Felicies Brust.

„Ich hab's aber doch fertig gebracht."

„Hm —! Wieviel haben Sie gekriegt? Fünf oder sechs Jahre?"

„Drei Jahre!"

„Nur drei? Hm —! Wie kam es nur, daß Sie so wenig kriegten?"

„Ich Will Ihnen nächstens etwas davon erzählen, Wenn Sie Wollen."

„Ja, bitte! Vielleicht wird's mich interessieren, 's ist hier ohnehin so langweilig. Heut haben wir mal ’nen kleinen Festtag'—"

„Festtag? Wieso?"

„Weil eine Masse frische Ware — ich meine Ge­singen« — hertransportiert worden ist. Ta hott man mal Was aus der Weiten Welt draußen. Sind ^ie neu ober kommen Sie von 5Rmnfrhn9"

jenen Kreisen, in denen man nach dem Grundsatz handelt, ein kleines Kind, aber ein großes Bankdepot, hmuntergesickert sei in die Massen. Nicht Notlage, sondern genußsüchtige Lebensauf­fassung, die Opfer scheut und vor jeder Störung ber eignen Bequemlichkeit zurückfährt, Wie wenn man ein glühendes Eisen angepackt hat. Schuld ist die materialistische Lebensbewertung, die von tausend Zungen alltäglich gepredigt wird. Solchen Leuten wird man vergebens reden von Pflichten, die sie mit Opfern zu erfüllen haben! Dort also suche man nach den Gründen des Unheils, dort aber auch nach Hei­lung. L'Honet in seinem schon erwähnten Buche hat (S. 242) recht: Kinder brechen keine Häuser ein, aber sie bauen auf. Wenn bie Kinderstube unb ihre Pflege aufhört, ein religiöses Gebot zu sein, so geht ein Volk seinem Tob entgegen."

Deutsches Reich.

* Berlin, 21. Nov. 1913. Am Geburtstag ber Raiietin Friedrich am Freitag war das Maufollum der Friedenskirche zu Potsdam in prächtiger Weise geschmückt. Prinz August Wilhelm legte im Auftrage deS Kaiser? einen prächtigen Lorbeerkranz nieder. — Der neue ameritanische Generalkonsul für Berlin, Robert P. Skinner, der seit fünf Jahren die Vereinigten Staaten von Amersia als General­konsul in Hamburg vertritt, wirs seinen dortigen Posten am 1. Dezember verlassen; seine Regterung hat ihn in ber gleichen Stellung für Berlin ernannt.

* Wege» der Erkrankung des Kaisers, die nur ganz leichter Natur ist und tn einem Schnupfen infolge Erkältung besteht, sind sämtliche Reisepläne ge­ändert worden. Die Reise nach Donaueschingen zum Besuche des Fürsten zu Fürstenberg ist aulgegeben worden. Ebenso hat der Kaiser von dem beabsichtigten Jagdausflug zum Grafen Maltzahn nach Mielttsch Dotläuftn Abstand genommen.

X Der neue Militäretat. Aus dem neuesten iDliütäretat werden bereits eine Anzahl Positionen bekannt gegeben. Danach betragen für Preußen die fortdauernden Ausgaben 764 Millionen, d. h. 84 Millionen mehr als im laufenden Jahre, eine, ©teiaeruna, bie die Folae der neuen Heeresvermeb- rung ist. Die einmaligen Ausgaben, deren Haupt­teil bereits auf ben Nachtragsetat für ben laufenben Etat übernommen ist, belaufen sich auf 304 Millio­nen gegen 521 Millionen im laufenben Jahre. Nicht Weniger als 114 Millionen fallen auf bie Garnisons- Verwaltung, b. h. auf Bauten für Kasernen, Maga­zine, Uebuiigsplätze unb dergleichen, wozu noch 64 Millionen für die Festungen, 42 Millionen für das Pionier- und Verkehrswesen, 38 Millionen für das Artillerie- und Waffenwesen, 9 Millionen für das Remontewesen entfallen. — Im einzelnen ist noch folgendes hervorzuheben: Die bereits im Vorjahre verlangte, aber vom Reichstag abgelehnte Einrich­tung einer neuen Abteilung des allgemeinen Kriegs- depattements für das Ersatzwesen unb bie Vermeh­rung bes Inten danturpersonals wirb im neuen Etat wieberholt. Die neuen Stellen sollen es ermöglichen, baß sich bei ben Intendanturen Ab­teilungen bilden, die sich, unbehelligt durch bie um­fangreichen Friebensaufgaben ber Intendanturen, nur mit ben Mobilmachungs- unb Kriegsverhältnis­sen beschäftigen können. Die Errichtung eines P r e s s e r e s e r at e s im Kriegsministerium, bie versuchsweise in biesem Jahre schon gemacht ist unb an beren Spitze ein Stabsoffizier stehen soll, wirb als bauernbe Maßnahme verlangt. In Kassel, Dort- mu.tb, Freiburg i. B., Hildesheim, Saarbrücken, Celle, Duisburg, Erfurt, Flensburg, Gera, Lüne­burg, Metz, Münster i. W., Tilsit und Weimar sollen die Bezirkskommandos mit Rücksicht auf die Vermehrung der Zahl ber Offiziere mit einem pen­sionierten Regimentskommandeur besetzt werden. Es

„Von Brooklyn. Dort wurde auch mein liebes Kind geboren. Ich wünschte, ich könnte es Ihnen zeigen."

„Trag' gar kein Verlangen darnach. Wie lange Waren Sie in Brooklyn?"

„Zehn Monate."

„So —! Tas ist nicht viel. Da können Sie mir noch etwas Neues aus der Welt da draußen erzählen. Ich bin schon sechs Jahre hier. Welche Partei war gerad« am Ruder, als Sie ins Loch mußten, die Republikaner ober bie Demokraten?"

Verblüfft starrt Felicie ihre Gefährtin an.

„Ich — ich Weiß nicht —"

„Unb hat Cleverland Aussicht, wiedergewählt zu werden?"

„Ich — ich habe mich nie um Politik gekümmert."

„So —? Hm, — Sie sind ’ne armselige Sorte! Um Was haben Sie sich denn gekümmert?"

„Ums Theater. Interessiert Sie das nicht?"

„Hm — ja und nein Jedenfalls ist's besser, als gar nichts. Waren Sie beim Theater?"

„Ja."

„Wobei denn? Beim Ballet?"

„Nein, beim Schauspiel."

„So —! . . . Heda, Polly!" ruft sie gedämpft zu einer kleinen Frau hinüber, deren häßliche Züge unverkennbar den Stempel einer gewissen Gutmütig­keit tragen. „Nimm Tu die hier —", sie beutet auf Felicie — „sie ist mir zu dumm. Sie weiß nicht mal, Welche Partei am Ruber war. als man sic einsteckte. Deine Karnerabin kann mit mir weiter spazieren."

Durch ben Wechsel entsteht eine kleine Stauung in der lamfam sich fortbeteeqenben Menschenschlange.

*” c1'■erlieft befiehlt eine ber wachthabenben Wär­terin e , Ordnung zu halten.

Scl'vn spazieren die Paare wieder gleichmäßig im Kreis herum--.

„Eie da!" wispert Felicies neue Begleiterin ihr ins Ohi. „Hüten Sie sich vor Liddy Johnson! Die ist eine gefährliche Sone. Spioniert erst überall her­um und verklatscht dann bei den Wärterinnen. Wir alle können sie nicht leiden; aber Wir tun, was sie