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5. Blatt.

»r>« »tt Selben ZeHtebxeettei in Selbe.

* ZulÄaer Zeitung.

•Af 270.

»amstag 22. November W$.

Vochen-Kun-schau.

[:] Fulda. 21. November 1913.

In einigen Tagen öffnen sich wieder die Tore des Reichstags und darum richtet sich das öffent­liche Jnteresfe wieder mehr den Aufgaben zu. die der -Volksvertretung zur Erledigung harren. Von den neuen Vorlagen, die dem Reichstag bisher zur Be­ratung zugegangen sind, findet vor allem der Gesetz­entwurf zur Regelung der Sonntagsruhe im Han- »elsgewerbe größere Aufmerksamkeit. Es war nötig, oaß das Sonntagsruhegesetz aus dem Jahre 1892 re­formiert werde und fetzt liegt endlich nach fast zehn­jährigen Erhebungen der Reichsregierung ein Ent- Wurf vor, der versucht, sowohl den Wünschen der Ar­beitgeber wie der Angestellten gerecht zu werden; er jetzt die sonntägliche Verkaufszeit von 5 auf 3 Stun­den herab, und wenn damit den Wünschen der Ge- Menorganisationen nach völliger Sonntagsruhe auch nicht Genüge geschehen, so muß darin doch ein großer ,ozialpolitischer Fortschritt erblickt werden. Es muß ,etzt Ausgabe des Reichstags sein, die mittlere Linie zu finden, auf der sich die Forderungen der Angestell­ten und die berechtigten Interessen der Prinzipale vereinigen lassen.

Die Kommission zur Prüfung der Rüstungs- iieferungen hat mit ihren Beratungen begon­nen, nach wenigen Tagen ihre Arbeiten aber vorläu­fig wieder eingestellt. Die sozialdemokratische Reichs- vgssraktion hatte die Geschmacklosigkeit gehabt, den in »er Krupp-Affäre wenig vorteilhaft hervorgetretenen ilbg. Liebknecht als Mitglied für die Rüstungskom- nission vorzuschlagen; der Reichskanzler aber hat die­len sozialdemokratischen Kandidaten abgelehnt. Die Zozialdemokratie hat aber versucht, aus diesem recht inwesentlichen Vorkommnis eine Staatsaktion zu machen, sie nimmt nun an den Beratungen der Rü- ftunaskommission überhaupt keinen Anteil und wird .m Reichstag fine Jnterpellaiton einbringen, um vom Reichskanzler Rechenschaft zu fordern für die „Brüskierung des Reichstags", ullit Ausnahme der Fortschrittler haben sämtliche Parteien nur ein mit- Ädiges Achselzucken für diesen sozialdemokratischen Lam-Tam gehabt und der Reichstag wird sich zwei­fellos auch nicht „brüskiert" fühlen, denn es handelt sich bei der Rüstungskommission nicht um eine parla­mentarische Kommission, sondern um eine Kommis­sion zu der der Reichskanzler nach eigenem Gut­dünken berufen kann, und uneingeschränktes Beru­fungsrecht auch dünn bewahrt, wenn er verspricht, die Vorschläge der Fraktionen zu „berücksichtigen".

Mit der Sozialdemokratie gehts über­haupt nicht mehr so recht voran und darum dars man es ihnen auch nicht zu stark anrechnen, wenn sie, wie mit dem zurückgewiesenen Genossen Liebknecht, soviel Aufheben und Spektakel machen. Denn bei den Stadtverordnetenwahlen, die dieser Tage in zahlrei­chen Städten Preußens vorgenommen wurden, hat sich fast durchweg gezeigt, daß die Sozialdemokratie sich in einer rückläufigen Bewegung befindet; nur in wenigen Orten hat sie einen Stimmenzuwachs zu ver­zeichnen, in vielen dagegen einen bedeutenden Stim­menverlust und was sie noch empfindlicher trifft, in manchen Städten hat sie auch große Mandatsverluste zu verzeichnen.

Ein bedeutungsvoller Zusammenschluß hat sich vor einigen Tagen in der Reichshauptstadt vollzogen, wo sich auf der Tagung des Schutzverbandes für den deutschen Grundbesitz sowohl der ländiche wie der städtische Grundbesitz zusammengefunden haben. Sie wollen in Zukunft Hand in Hand ihre gemeinsamen Interessen verfolgen und haben als obersten Pro­grammsatz den Schutz des Privateigentums und den Kampf gegen den Kommunismus aufgestellt. Wenn dieser Verband sich auch prinzipiell von jeder Partei­politik sernhält, so liegt fein Schwerpunkt feiner gan­zen Wesensart und seinen Bestrebungen gemäß doch mehr bei den Rechtsparteien und darum bildet der neue Verband vielleicht ein recht gutes Gegengewicht gegen den stark nach links neigenden Hansabund.

Von politischer Bedeutung tft der Besuch des rus­sischen Ministerpräsidenten Kokowzow in Berlin. Wie aus einer amtlichen Verlautbarung hervorgeht, bewegt sich der Gedankenaustausch zwischen dem rus­sischen Staatsmann und der Reichsregierung vor allem in den neuen Bahnen, die durch den Um­schwung im nahen Orient der europäischen Politik gezogen worden sind.

In Athen ist endlich der Friedensvertrag zwi­schen der Türkei und Griechenland unter­zeichnet worden. Die Wiederherstellung des Friedens auf dem Balkan schien im Laufe der wochenlangen Verhandlungen mehrmals an der Hartnäckigkeit schei­tern zu wollen, mit der man auf beiden Seiten unter­handelte und feilschte. Es ist aber namentlich dem

Unpolitische Zettläuse.

N. Berlin, 13. November 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Die Elsässer wollen sich nicht Wackes titulieren lasten. Da haben sie recht. Der Wurm krümmt sich, wenn er getreten, und der Mensch bäumt sich auf, wenn er beschimpft wird. Ein Schimpfwort ist ein Fußtritt für die Seele. Oft wird es noch schmerz- ucher empfunden, als eine körperliche Mißhandlung.

Es wird viel zu viel geschimpft und geschmäht auf der Welt. Und nicht allein in den Kasernen­stuben und auf den Exerzierplätzen. Nein, auch in den Wcrft.ritcn, den Schulen, den Wirtshäusern und sogar im Umkreise des häuslichen Herdes, wo doch eigentlich lauter Friede Liebe und Gemütlichkeit Herr- scheu sollten.

Woher kommt das? Weil die Menschen so „tap­fer" mit dem Munde und so schwach in den Nerven sind.

Das Maulheldentum ist auch eine von den vielen Volks- und Zeitkrankheiten. Wer stark und zielsicher ist, der braucht nicht zu schreien und zu pol­tern. Aber wenn einer seine Autorität schwanken fühlt und nicht recht weiß, wie er seine Ansicht und seinen Willen durchsetzen soll, dann gerät er in die Versuchung, durch eine» lauten und groben Zungen­schlag ferne Tapferkeit und Ueberlegenheit glänzen zu lassen. Das Getöse von Kraft- und Scheltworten soll über den Mangel an Kraft und Sicherheit Hinweg­täuschen. Ein hohles Faß klingt lauter, als ein volles.

Wenn ich an meine Schulbank zurückdenke, so tre­ten mir zwei grundverschiedene Lehrer vor das Auge. Der eine polterte, schimpfte und drohte bei jeder Ge­legenheit, und das reizte uns mutwillige Jungen nur zu weiteren Unarten. Wir wußten ja, daß er viel zu fahrig und schwächlich war, um seine Drohun­gen zu verwirklichen, und die Kosenamen, die er uns an den Kopf warst wurde» als eine Würze des langweiligen Unterrichts mit Heiterkeit begrüßt. Der andere Lehrer brauchte niemals ein heftiges "der gar grobes Wort. Wen» er eine Missetat zu ahnd"»

wirksamen Eingreifen Rumäniens zu verdanken, daß die Verhandlungen nicht abgebrochen wurden, und daß dadurch der Friedensschluß zwischen der Pforte und Griechenland unter Dach gebracht werden konnte. Rumänien fühlte sich nach dem Ausspruche seines Königs Carol für die Durchführung des Friedens auf der Balkanhalbinsel verantwortlich und hat seine Rolle als Schiedsrichter bei dem gefährlichen Stocken der türkisch-griechischen Unterhandlungen mit Erfolg durchgeführi und damit ein weiteres Verdienst zur Festigung der Orientlage sich erworben. Nun steht nur noch der Friedensschluß zwischen der Türkei und Serbien aus, bei dem aber keine besonderen Schwierigkeiten bestehen. Die türkisch serbischen Frie­densverhandlungen haben bereits ihren Anfang ge­nommen und tragen einen durchaus freundschaftlichen Charakter. Die Verhandlungen, bei denen es sich allerdings mehr oder weniger nur um eine Formali­tät handeln wird, werden voraussichtlich in wenigen Tagen beendet fein. Die türkisch-griechischen Frie­densverhandlungen wurden hauptsächlich dadurch er­leichtert, daß die sogenannte Jnselfrage gänzlich bei­seits gelassen und der Entscheidung der Großmächte überlassen wurde. Es wird nun bei den Mächten lie­gen, an diese Frage heranzutreten, und es ist begrü­ßenswert, daß die gemeinsam zu leistende Arbeit auf dem Balkan die innere Fühlung der Großmächte zwei­fellos vertiefen wird. Tas schwierigste Balkanpro­blem bildet zur Zeit wieder einmal die albanische Frage. Eine Behinderung der Tätigkeit der Abgren­zungskommission in Südalbanien müßte üble Folgen haben, und es ist aus diesem Grunde zu begrüßen, daß Griechenland auf die Vorstellungen Oesterreich- Ungarns und Italiens hin geneigt ist, weiteren Kon­flikten aus dem Wege zu gehen. Zudem hat England, um den teilweise nicht unberechtigten Wünschen Grie­chenlands nach einer besseren strategischen Grenze entgegenzukommen, im Rahmen der Londoner Dot- schafterbeschlüsse einige sehr brauchbare Vorschläge ge­macht, die für Griechenland gewisse Vorteile ein» schließen. Diese Vorschläge werden zurzeit in Wien und Rom einer Prüfung unterzogen und wahrschein­lich angenommen werden. Allerdings wird Griechen­land bis zum Ende des Jahres feine Truppen ans Albanien zurückziehen und auch in den übrigen Streitfragen sich nachgiebig zeigen müsse».

In Frankreich stehen noch immer die Debat­ten über die französische Milliardenanleihe im Vor­dergrund der politischen Geschehnisse. Die Anleihe ist bekanntlich in der Hauptsache für die außerordent­lichen Ausgaben des Militärbudgets und für Ma­rokko während dreier Etatsjahre bestimmt. Voraus­sichtlich wird in der Kammer eine starke Minderheit den Finanzplan des Ministers Dumont einer recht ergiebigen und gründlichen Kritik unterziehen. Der Haushältungsausschuß der Kammer nahm die Er­klärungen des Herrn Dumont mit recht gemischten Gefühlen entgegen, welcher mitzuteilen gezwungen war, daß die Kasernenbauten in Ostfrankreich, welche durch die Vermehrung des Heeresbestandes notwen­dig geworden sind, für die aber nur ein Aufwand von 440 Millionen vorgesehen war, in Wirklichkeit nicht weniger als 580 Millionen gekostet habe». Nach all dem ist jetzt schon klar, daß Herr Dumont mit feiner beantragten Anleihe von 1300 Millionen nicht reichen wird. Die Regierung muß nicht nur für die Verziiisung dieser unproduktiven Anleihe Sorge tra­gen, sondern sie muß auch die Tilgung dieser Summe, wenn sie nicht den Charakter etner ewigen Schuld haben soll, ins Auge fassen. Vielleicht sieht man jetzt in Frankreich ein, daß man mit der durch nichts be­gründeten und unverhältnismäßig hohen Heeresver- mehrung nicht nur die internationale Lage verschärft und beunruhigt hat, sonder» daß man sich am meisten selbst dadurcb ins eigene Fleisch geschnitten und die Finanzkraft des ganzen französischen Volkes auf eine schwere Belastungsprobe gestellt hat.

Die Mexikanische Krise ist zwar noch im­mer ungelöst, doch darf man eine Anbahnung zu einem gütlichen Resultate zwischen dem provisorischen Präsidenten Huerta und der Regierung der Vereinig­ten Staaten verzeichnen. Immerhin verdient es er­wähnt zu werden, daß die Politik Wilsons nicht ge­rade sympathisch berührt. Der amerikanische Präsi­dent scheut sich nicht, mit dem Führer der mexikani­schen Rebellen Carranza zu verhandeln. Es ist be­kannt, daß die Carranzisten in Mexiko sich nicht des besten Rufes erfreuen und daß bei einer Gegen­überstellung der beiden um die Herrschaft kämpfen­den Telle Huerta als Präsidentschaftskandidat doch noch weit vorzuziehen ist. Das Interesse Europas an den mexikanischen Ereignissen liegt darin, daß die europäischen Großmächte darauf halten müssen, daß, wie überall, so auch in Mexiko möglichst bald eine feste dauerhafte und ehrliche Regierung errichtet

hatte, so stellte er mit richterlicher Gründlichkeit und väterlicher Besorgnis erst eine Reihe von Fragen zur Aufklärung des Tatbestandes und des Schuld­maßes, was uns schon sehr unbehaglich aufs Ge­wissen fiel. Und wenn et dann die wohlabgewogene Strafverfügung mit einem Kopfschütteln des Er­staunens und des Mitleids begleitete und nichts wei­ter sagte, als: Wie konntest du dich denn so vergessen? — dann saßen wir still und beschämt da und nahmen uns vor, den Mann nicht weiter zu ärgern. Vor dieser ruhigen Würde und Güte hört der „Spaß" auf.

Die Schwäche des Willens hängt oft mit der Schwäche derNerven zusammen. Wenn die Leute um uns herum über die Schnur hauen, so werden wir gereizt; die Nerven tanzen, das Herz läuft Ga­lopp, die Zomcsader schwillt an, die Zunge donnert. Das mag natürlich sein, aber schön und zweckdienlich ist das Äepolter nicht. Die Umgebung gewöhnt sich zu leicht an das „Donnerwetter". Wenn der Don­ner verhallt und der Blitz ausbleibt, so steht die Sache auf demselben Fleck.

Ein derbes Sprichwort sagt, daß die Hunde,, die bellen, nicht beißen. Wer Respekt erzwingen will, sollte sich davor hüten, daß er nicht in den Rus des Bellers kommt.

Ein anderes Sprichwort sagt: Wer schimpft, hat unrecht. Tas ist wahr Wenn er im Anfänge des Ausbruches noch im Recht war, fo wird er bald ins Unrecht komme». Tenn es gibt ein Scheltwort das andere, und da sind Uebertreib ungen unver­meidlich. Der Gescholtene aber merkt sofort, wenn man ihm etwas mehr Schuld cmsbürdet, als er ver­dient. An Stelle der Reue tritt dann eine Recht­haberei. Er begehrt auf gegen die Uebertreibnug oder Verallgemeinerung, und wenn er zum Still­schweigen verdonnerr ist, so geht er ab mit dem Be­wußtsein, daß ihm Unrecht geschehen sei. Damit hüpft er über das Unrecht, da; er getan hat, mit Pharisäischer Selbstgefälligkeit hinweg.

Ja, lagen da manche poltersüchtige Elter» o Lehrmeister, man muß doch den Kindern oder ■' Gesinde mal krcntia die Wahrheit sagen, sonst merw„ ,

wird, welche der Anarchie endlich einmal ein Ende macht. Sollte sich Präsident Wilson schließlich doch noch herbeilassen, feine Haltung gegenüber Mexiko im Interesse des allgemeinen Friedens zu ändern, fo würden die europäischen Mächte nicht anstehen, die veränderte Politik des amerikanischen Präsidenten mit all ihren verfügbaren Machtmitteln zu begün­stigen.

X Aerzte und Krankenkassen.

Man schreibt uns: Die Nachricht aus Karlsruhe, daß das Ergebnis der Ver.andlungen zwischen der ärztlichen Landeszentrale in Baden und der freien Vereinigung badischer Krankenkassen als ein erfreu­liches bezeichnet werden kann, ist in der Tat freudig zu begrüßen. Sie zeigt, daß eine Verhandlung, sicherlich doch auch ein Abschluß von Verträgen durch die gegnerischen Organisationen der Aerzte und der Kassen bei einigem guten Willen wohl möglich ist Es wäre zu wünschen, daß auch bald in Preußen und Sachsen zwischen den Organisationen eine Eint- gung zustande käme, denn der Termin des Inkraft­tretens der neuen Reichsversicherungs-Ordnung steht kurz bevor.

Es mag ganz dahingestellt bleiben, ob die organi­sierten Aerzte siegreich aus dem angekündigten Kampfe hervorgehen, oder ob die Kassen eine genügende An­zahl vertragsbereiter nicht organisierter Aerzte finden, die Versicherten können jedenfalls nicht ohne Bedenken einer vertragslosen Zeit entgegen'ehe». Es würde eine Verwirrung entstehen und eine Bewegung der Versicherten gegen Kassenvorstände und Aerzte ein­setzen. Ein baldiger Vertragsabschluß wäre daher nur zu wünschen. Es kann zu einem solchen ja auch leicht kommen, wenn auf beiden Seiten etwas nachgegeben würde. Es müßten die Aerzte je nach den örtlichen Verhältnissen den Kassen das et« wün chte Arztsyllem zugestehen, die Kassen wiederum hätten mit den ärztlichen Organisationen zu verhan­deln und abzuschließen. Daß letztere dieses können, lehrt die Erfahrung. Es ist doch auch wohl anzu­nehmen, daß durch einen Abschluß mit den Aerzte- organisationen die Interessen der Kaste mehr gewahrt werden können, als durch Verträge mit den einzelnen Aerzten. Bei Abschluß m k den einzelnen Aerzlen wäre eine Kontrollkommission wenn nicht undenkbar, so doch wohl machtlos, denn eine solche hätte absolut keine Strafbefugnis. Bei Abschluß mit den Aerzte« Organisationen find nun meines Wissens Kontrollkom- mistionen in Aussicht genommen. Ich bezweifle dann auch nicht im mindesten, daß diese Kommissionen gegen solche Mitglieder, die fortgesetzt die Kaste schädigen, mit aller Strenge Vorgehen werden, und daß durch eine scharfe Kontrolle der Rechnungen, Rezepte und Erwerbsfähigkeilsbesche nigungen, sowie durch Nachuntersuchung simulationsverdächtiger Krank­heitsfälle der Kaste unter Umständen hohe Ausgaben erspart bleiben, liegt doch klar auf der Hand.

Mit der ganzen Streitsache zwischen Aerzte» und Krankenkassen beschäftigt sich seit Monaten die breiteste Oeffentlichkeit, und daß die Sympathien in bietet Bewegung entschieden mehr zugunsten der Aerzte sich neigen, kann nicht mehr bestritten werden. Es dürfte daher wohl eine Mahnung an alle Kastenvorstände am Platze fein, möglichst halb geeint mit ben Aerzte- organisationen Verträge abzuschlietzen.

vermischtes.

* Unterschlagungen. Die bei der Großfirma Balke u. Co. tn Bochum in Westfalen 'estgestellten Unter­schlagungen belaufen sich auf 500C0 Mark. Der schuldige Buchhalter ist in Berlin verhaftet wor- den. Et lebte dort auf großem Fuße und wat in der Sportswelt sehr bekannt.

* Nach dem Genüsse von Milch, die mit Wasser ver­mischt war und Typyus-Bazillen enthielt, erkrankten in Pforzheim 12 Personen schwer. Der Sohn des Milchhändlers ist bereits gestorben.

• Ein Opfer des Mensurenunwesens. I» der chirurgischen Klinik in München starb ein Student der Tierärztlichen Hochschule an einer Koplwunde, die et einige Tage zuvor auf einer Bestimmungs- menfur erhalten hatte. Es wird angenommen, daß eine Blutvergiftung zu der Verletzung hinzugetreten ist.

* Die Galgenfrist. Der zum Tode verurteilte Raubmörder Carl in Regensburg hat noch gegen ein Urteil des Schöffengerichts München Berufung ein­gelegt, das ihn wegen eines kleinen Diebstahls nach dem Todesurteil noch zu einer Woche Gefängnis verurteilt hat. Er wird bis zur Entscheidung über seine Berufung nicht hingerichtet, obwohl das Todes­urteil in Kraft bleibt.

sie ja gar nicht, daß es uns ernst gemeint ist! — Wenn eilte Flut von heftigen Worten dazu nötig ist, so sind die Untergebenen schon falsch erzogen. Dann haben sie schon zu viel Donnerwetter erlebt und sind infolgedessen zu dem Glauben gelangt: So lange sie nicht schimpfen, ist cs nicht schlimm. Der kluge und zielbewußte Vorgesetzte wird auch in feiner ern­sten Haltung und in ruhigen Worten des Verweises und der Belehrung den Zöglingen klar machen kön­nen, daß sie sich verfehlt haben, sich wor Wieder­holungen in acht nehmen müssen. Wer die Er­ziehung auf das Gepolter stellt, der gerät auf eine schiefe Ebene. Denn die Gescholtenen gewöhnen sich leicht an die üblichen Kraftausdrücke. Ihr Trommel­fell wird sozusagen verdickt. Wenn man nun noch Eindruck machen will, so muß man immer lauter und grober werden, man muß die Schimpfportion immer stärker Pfeffern. Dabei steigert sich natürlich auch die Ungerechtigkeit, weil man sich zu weiteren lieber« treibungen und Verallgemeinerungen hin reißen läßt. Zu gleicher Zeit wächst die Erbitterung und Ver­stocktheit des übermäßig Gescholtenen.

Bei der fortgesetzten Schimpferei wird häufig noch der erzieherische Fehler gemacht, daß man alte, ab­getane Sünden wieder aufwärmt und dem armen Angeklagten neuerdings auf fein Schuldkonto setzt. Dinge, die mit dem gegenwärtigen Fall nicht in innerem Zusammenbauge stehen, sollte man nicht heranziehen. Sonst bekommt der Getadelte das Ge­fühl, daß es nicht auf feine Erziehung, sondern auf seine Kränkung abgesehen sei und daß alle Buße und Besserung ooch nichts nütze.

Eine weitere Gefahr bei der Scheltberedsam'eit ist das Hineinziehen dritter Personen. Im Eifer des Wortgefechtes fällt leicht auch ein Seitenhieb nach ftnks oder rechts Weil man nun mal im Aus­waschen ist, so wird auch ein vermeintlicher Mit­schuldiger oder ent Gesinnungsgenosse noch gleich mit Scheltworten bedacht. Ter unglückselige Angeklagte klammert sich gern an "einen solchen Blitzableiter. Wen» andere ebenso denken und handeln, wie er, bmn kann es doch »ich: so schftni * sein. Und dann wird weiter eck'ätsch:, was der grimmige Strafrtch-

A Eine „moderne" Todesanzeige. In der alt- katholischen Zeitschrift „Der Alte Glaube" fin- den wir folgende Todesanzeige, die nicht nur auf unsere „moderne" Geistesrichtung, sondern besonders auch auf den Altkatholizismus ein grelles Licht wirft:

„Witwe Frau A. Ä. geb. Z. hat infolge AllerS- schwäch« tm Atter von.94 Jahren ihr Leden-end» ge« funoen. Zur Teilnahme der Zrrmonte 6er (Stnfegnung der Berftoi denen — nach allkaihotsichrm Rilus — und zur Ueberführung der Leiche auf den Friedhof zum Zwecke der Hingabe der Tölen an den Nalurprvzeß der Auflösung in Elemente ewigen W ellstosfes und der Entwicklung dieses zu anderen irdischen Lebens­formen laben hiermit tm Namen der Angehörigen der allgemein bekannten Greisin höflichst em die beiden Söhne Fr. L. Oekonom und A. L. Professor.«

Wenn die Sache nicht zu ernst wäre, würde man in dieser Todesanzeige einen faulen Witz vermuten können.

* „Wolkenkratzer" auf Frauenköpfen. Aus dem in Modedingen immer noch tonangebenden Paris kommt die Kunde, daß der neueste Damenhut an Höhe bereits übertrifft, was er an Breite tm Ver­lauf des letzten Jahres eingebüßt halte. Turmhohe, himmelanstrebende Gebilde suchen das lächerlich kleine Herbsthütchen gänzlich zu verdrängen. „Wolken­kratzer" hat der Bolksmund die allerjüngsten Kunst­werke der Putzmacherinnen nicht ohne Berechtigung getauft. Denn wenn der erstaunte Blick eines Pas­santen an einer stre.ig modisch gekleideten Pariserin bis zu ihrer höchsten Spitze emporstrebt. hastet er auch schon an den Wolken. Riesige schwarze Samtberge, von deren Gipfel üppige Büschel schwarzer Strauß- federnköpfe trauertoeioenartig herabnicken, sind beson­ders beliebt.

* Der große Golddiebstahl int Expreßzug Paris- Konstantinopel. dessen Ausführung bei der weit­gehenden Sicherung des Goldtransportes vorläufig noch ein Rätsel bleibt, erinnert sehr an den berühm­ten 3-Millionen-Perlendiebstahl in diesem Sommer in Paris. Es hat de» Anschein, als ob eine vor­züglich organisierte Verbrecherbande am Werke ist, die, modern-kaufmännisch veranlagt, die Verände­rungen auf dem internationalen Edelmetallmarkt genau verfolgt und außer mit dem Brecheisen auch mit Fahrplänen und Zug-Reglement genau vertraut ist. Der Wert der gestohlenen Goldbarren beträgt etwa 100 000 Mk., besonderes Pech ist, daß die Sen­dung eine türkische Zinszahlung an Frankreich dar­stellte. Gerade in diesem Jahre sind außer dem Pa­riser Perlendiebstahl noch zwei andere große Dieb­stähle ausgeführt worden, die auf eine geschickt ar­beitende Gaunerbande schließen lassen. Im Januar 1913 verschwand aus einem privaten Geldtransport auf dem Wege Berlin-Hamburg eine Kiste mit 100 000 Mark geprägten Goldes. Die Münzen soll­ten von der Hafenstadt per Dampfer nach Rio de Janeiro verfrachtet werden. Bei der Ankunft in Hamburg wurde der Diebstahl entdeckt, von den Tä­tern fehlt bis heute jede Spur. Ein anderer Gold­transport wurde auf der Strecke London-Paris um 280 000 Franks erleichtert. Wiederum blieben die Täter unentdeckt.

* Ausstiche Räuber. Der Fürst GufirSki, der mit feiner Gattin im Gouvernement Kifchtuew (Ruß­land) eine Schlittenpartie unternahm, wurde unter­wegs plötzlich von drei vermummten Räubern ange­balten. Die Räuber nahmen ihm Banknoten im Be­trage von 400 Rubel ab, beließen ihm aber nach kurzer Beratung alles Goldgelb, das der Fürst bei sich trug.

* Di» Lungenpest ist in Jffimtjuba im Russisch. Mittelasien teflgeftedt worden. Bis jetzt sind 85 Personen daran erkrankt, von denen 45 gelt erben sind.

Kella««»« und Anzeigenteil.

Kopfschmerz i

■ • ^Hofapotbeken OHos, ■ ■ äritlich

Äifrovan ille bevorzugt

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i Appetitlosigkeit

Dr. HommeFs Haematogen I

===== 20jä riger Erfolg! ■ —

Warnung! Man verlange ausdrück­lich den Namen Dr. Hommel. H

ter über den Tritten gesagt hat. Dann gibt das wie­der Aerger und Feindschaft. Durch den unüberleg­ten Wortschwall ist das'Feuerchen, das man ersticken wollte, erst recht angeblafen worden.

Es wird viel zu viel geschimpft, — auch im öffentlichen Leben. Da hat die sozialdemo­kratische Betriebsweise die Hauptschuld an 5er Verschlechterung des Tones. Die roten Agitatoren arbeiten in ihren Reden und ihrer Presse mit einem schier unerschöpflichen Vorrat an Schmäh- und Schimpfworten. Dabei zeigt sich auch, daß bei dem Gebrauch von Kraftausdrücken sich stets das Bedürf­nis nach weiteren Steigerungen, Verschärfungen uub Vergröberungen einstellt Das Wort „Verrat", das die Sozialdemokraten so gerne ihren Gegnern an den Kopf werfen, ist schon längst nicht saftig genug mehr; jetzt heißt es immer schon: niederträchtiger, infamer Verrat. „Lüge" ist auch schon ein derbes Schimpf­wort; aber es genügt nicht mehr; es muß schon eine ganz gemeine, unverschämte nichtswürdige Lüge an die Wand gemalt werden. Wenn ein paar Zeug­feldwebel ein warmes Abendbrot und ein kleines Goldstück angenommen haben, so schimpft man über ein „Panama" und über einen „himmelschreienden Sumpf der Korruption^. Macht dieses Geschimpfe in der fortwährenden Selbstübertrumpfung noch Ein­druck? Höchstens auf Urteils- und geschmacklose Leute. Sonst aber gilt der Spruch: Allzu scharf macht schar­tig. Wer schimpft, hat unrecht.

Tas sollte man sich auch für den Privatverkehr gesagt fein lassen. Der Mensch darf und soll sich wehren — aber in Ehren. Und Ehre legt et nicht ein, wenn er schimpft wie ein Rohrspatz. ~tet sich als Helden zeigen möchte, der hüte sich vor dem 5DI au lb eiben tum; denn die Leute merken sehr bald, daß dahinter keine Kraft und keine -rügend steckt, sondern nur hohle Schwäche.. Bist du so töricht gewesen, über andere Leute zu schmähen und zu schimpfe», so stelle dich vor den Spiegel und belege dich selbst mit den landesüblichen Kosenamen „Ochse" oder „Gans" ober „Esel". Im Zoologischen Garten kann man keine gute Sitten lernen, aber manchmal a.t Selbsterkenntnis profitieren.