Zuldaer Zeitung
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40. Zahrgang.
Freitag den 2t November 1913,
Erstes Blatt.
Nr. 269.
ertfjeim tägfid) ml» Ausnahme ter Sonn- unb Relertage. Olertel- j6bril<t)er Bezugspreis ohne Brtngerlohn anb r - c-a>1* fomk auswärts 1.30 mark. Rotohonsörudi unb Oertag Oer 5 - $ulboer AcHenbnidterel in Rulba Semfpredjer Nr 9. : "
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oj Die österreichische Balkanpolitik.
Graf Berchtold, der österreichische Minister des Aeußern hat mit seinem üblichen „Expose" vor den Delegationen (vergl. Nr. 268) eine wenig freundliche Presse gesunden. Die meisten Blatter nennen seine Darlegungen eine Aneinanderreihung bekannter Tatsachen unter Vermeidung von Aufschlüssen über die Fragen, deren Beantwortung die Delegierten und die öffentliche Meinung erwartet hätten. Es wird de» hittelt, daß er keine Auffchlüfle über die verschiedenen diplomatischen Aktionen gegeben habe und auch nicht über die Art und die Ueberwindung der Widerstände, die er fand. Auch in den Delegationen macht sich Verdrossenheit bemerkbar. Sie kam in Amprachen der Präsidenten der Delegationen sehr deutlich zum Ausdruck.
Gras Berchtold hat in seinem„Expose" dem < arres» ergebnis der habsburgischen Politik natürlich die besten Seilen abzugewinnen gesucht, und man muß anerkennen, daß feine Darstellung klar und geschickt ausgebaut ist. Das Ende vom Liede ist sreilich, daß zu den fchiveren füpfern, die dieses Jahr erfordert hat, noch weitere Opfer für die militärische Schlagfertigkeit gebracht werden müssen, und das kann schon leicht die kritische Stimmung und die Verdrossenheit unter den Abgeordneten und in der Presse unseres Nachbarlandes erklären.
Man sagt sich dort: „Die andauernde Kriegs- bereitschaft hat dem Volke große persönliche Lasten und dem Reiche gewaltige Geldkosten auferlegt; obendrein ist die wirtschaftliche Entwicklung durch die Unsicherheit schwer geschädigt worden; was ist nun dafür errungen worden? Für die Albanier ein Fürstentum, aber für Oeltarreich-Ungarn nichts"
Diese Schwarzmalerei gehen zu weit. Oesterreich- Ungarn wurde von einer schweren Krisis in Mitleidenschaft gezogen; die Umwälzung auf dem Balkan war eine „historische Notwendigkeit", wie Graf Berch- pld sich ausdrückt, ein unvermeidlicher Ausbruch von Naturgewalten. Für die habsburgische Monarchie, die aus den verschiedenartigsten Nationalitäten zusam- mengesetzt ist und auch zahlreiche Stammesgenoffe.i der auf dem Balkan ringenden Völkerschaften umfaßt, waren die Ereignisse sehr gefährlich. Wenn nun Oesterreich-Ungarn keinen maß- und wägbaren Gern i n n davon getragen hat, so darf es sich doch freuen, daß es n i ch t s v e r l o r e n hat. Es hat in der Tat keine Einbuße erlitten, weder an seinen Inter- essen zu Lande noch an seinen Adria-Interessen. Und wenn man auch die moralischen Faktoren in Betracht zieht, so hat die W e l t g e l t u n g der habsburgischen Monarchie sich höchst vorteilhaft geho- b e n. Oesterreich-Ungarn hat mehr Lebensfähigkeit und mehr Kraft erwiesen, als man ihm zugetraut hatte. Es ist mit vollen Ehren aus der Krisis hervorgegangen, und zwar unter Erhaltung des Weltfriedens. Die bloße Entfaltung seiner Willenskraft, die durch die Treue der Bundesgenossen gestützt und gestärkt wurde, hat ausgereicht, um überall da, Ido Oesterreich mit Entschiedenheit auftrat, seine Forderungen durchzusetzen. So in der Skutarifrage gegen Montenegro und in Sachen der Räumung von Nordalbanien gegen Serbien.
Allerdings läßt sich nun die Frage auswerfen, ob Graf Berchtold nicht öfter mit der gepanzerten Faust hätte auf den Tisch schlagen können und sollen. Darüber läßt sich nachträglich vom grünen Tisch aus trefflich streiten. Der Verantwortliche Staatsmann aber mußte in jedem Augenblick die obwaltenden Verhältnisse abmefsen und sich darüber klar werden, ob »as Spiel den Einsatz lohne. Im Hintergründe stand immer die Gefahr eines Krieges unter den Großmächten. Es müßte schon ein sehr gewichtiges und unmittelbares Interesse des eigenen Reiches vorlie- zen, ehe man es auf einen Waffengang mit Rußland an'ommen ließ. Daß Oesterreich aus dem balkani-
Veutsches Reich.
*♦ Berlin, 20. Stob. 1913. Der Kaiser verkaufte nach einer Meldung seinen Schoner „M e - teor", d!ie vierte Jacht dieses Namens, an den Leutnant zur See Herzog von Aremberg. Der Abschluß des Kaufvertrages steht unmittelbar bevor. — Der Bundesrat hielt am Donnerstag die übliche Plenarsitzung ab, in welcher der Gesetzentwurf über die Wiederaufnahme eines Disziplinarverfahrens die Zustimmung der Körperschaft erfahren hat. — Der russische Ministerpräsident Kokowzew mit Gemahlin ist Donnerstag vormittag 8 Uhr 20 Min. vom Bahnhof Friedrichstraße nach Rußland abgereist. Zur Verabschiedung waren am Bahnhof erschienen der Reichskanzler, Unterstaatsfekretär Zimmermann und der russische Botschafter mit dem gesamten Personal der Botschaft. — Der albanische Thronlandidat Prinz Wilhelm zu Wied hatte am Donnerstag in Potsdam eine Audienz beim Kaiser. Dem Prinzen soll der albanische Thron in den nächsten Tagen von den Großmächten offiziell angeboten werden und der Prinz die Annahme öffentlich erklären; noch vor Neujahr soll der Prinz als Souverän in Volona einziehen.
* EtkaUnnz des Naijeis. Der Kaiser ist infolge einer leichten Erkältung genötigt, sich einige Tage zu schonen.
• Der verwechselte Prinz Heinrich. Der Herr v. Rogan in Paris, der nach einer Pariser Blälter- meldung Prinz Heinrich von Preußen sein sollte, ist nicht der Bruder des deutschen Kaisers, sondern Prinz Friedrich Heinrich von Preußen, der älteste Sohn des früheren Regenten von Braunschweig, Prinzen Albrecht. Er hat schon fett einige i Jabren Deutschland veilaffen und lebt meist als Herr v. Rogan in Florenz.
+ Neue Reichstagsabgeordnete. Bei dem Wiederzusammentritte des Reichstages werden neun neue Abgeordnete in das Haus am Königsplatze einziehen, nämlich vom Zentrum Emminger, Freiherr von Are- tin, Neuhaus und Lederer, die Sozialdemokraten
schen Hexenkessel für sich eine neue Provinz herausfischen könnte, war ja von vornherein ausgeschlossen. Ter Vorgänger des Grafen Berchtold hatte einer Eroberungspolitik schon einen Riegel vorgeschoben, als er auf das Sandschak Novibazar verzichtete. Wäre Oesterreich auch nach der Angliederung von Bosnien und der Herzegowina noch in dem Sandschak sitzen geblieben, so würde ihm in den Bmkauwirren gewiß eine aktive Rolle zugefallen sein. Aber der großmütige Verzicht war nun einmal Tatsache, unb daher mußte Graf Berchtold sich auf der Linie der Uneigennützigkeit halten. Ob er den Ausbruch des Krieges unter den Verbündeten und die Demütigung Bulgariens durch rechtzeitiges Eingreifen hätte verhindern können, läßt sich jetzt kaum noch mit Sicherheit entscheiden. Die späteren Enthüllungen haben dargetan, daß die bulgarischen Staatslenker zu jener Zeit geradezu verblendet und unbelehrbar waren, so daß die Wahrscheinlichkeit für die Unabwendbarkeit dieser Katastrophe spricht.
Wollen nun die Oesterreicher sich auf die rück schauende Kritik verbeißen, so werden sie davon keinen realpolitischen Vorteil haben. Wenn man an die Wand malt, was man allenfalls hätte bekommen können, so verliert man die Freude an dem, was man hat, und die Tatkraft für die Zukunftsentwick- lung. ' Oesterreich hat schwere Opfer bringen müssen, aber es hat auch seine Interessen gewahrt und sein Ansehen sogar gehoben. Damit können die Oesterreicher zufrieden sein, und wir Dreibundgenossen sind ja auch zufrieden. Alles in allem genommen, steht der Dreibund nach dieser Krisis b e s s e r da, als vorher. „Genieße froh, was dir beschieden" und strebe weiter!
Ewald, Buck und Swlten, der Konservative Gottschalk und der Syndikus des Deutschen Bauernbundes Dr. Böhme, der schon früher einmal dem Reichstag angehört hat.
c Der Ausschuß des Deutschen Handelstages verhandelte über die Vorschläge, die ein besseres Verhältnis zwischen Industrie und Handel, der Regierung und den politischen Parteien erreichen und den Reichstag zu einer zweckmäßigeren Behandlung gewerblicher Fragen bestimmen sollen. Er stimmte einer Reihe Forderungen bei, die von der Handelskammer Düsseldorf formuliert waren. Danach sollen die Industriellen in den Parteien, denen sie angehören, ihre Interessen entschiedener vertreten, als das jetzt geschieht, die Abgeordneten und parlamentarischen Kommissionen gründlicher unterrichten, nötigenfalls durch besondere Sachverständige, vor Erlaß von Gesetzentwürfen die Anhörung der Industrie u. Handelsvertretungen verlangen und auf eine schleunige offizielle Veröffentlichung der Beschlüsse parlamentarischer Kommissionen, die den Interessenten ebenso schnell zugängig zu machen seien wie den Parlamentsmitgliedern selbst, bringen, wie für zuverlässige Berichterstattung aus biefen Kommissionen sorgen.
+ Der Bunb der Festbesoldeten gegen den Hansa- bund. Ter geschäftsführende Vorstand des Bundes der Festbesoldeten nahm eine Entschließung gegen die Beschlüsse des Jndustrierates des Hansa-Bundes über den Arbeitswilligenschutz einstimmig an, deren Verwirklichung letzten Endes nichts anderes darstelle, als eine starke Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit aller Berussorganifationen. Er bedauere den bartn zutage tretenden Mangel an Verständnis für die Bedeutung zielbewußter Arbeit der' Berufsorgam- sanonen tn kultureller und staatspolitischer Hinsicht. Er erwarte bestimmt, daß das Direktorium des Hansabundes den Beschlüsien des Jndustrierates nicht heitreten werde. — Der arme Hansabund!
)( Aus Katholikenhaß haben in M h s l o w i tz in Oberschlesien bei der Stadtverordnetenwahl zweiter Klasse die Evangelischen sich ins eigene Fleisch geschnitten. Die zweite Abteilung zahlt rund 170 Wähler, von denen je stark ein Viertel evangelisch und israelitisch sind, während die schwächere Halste katholisch ist. Um nun die Wahl eines Katholiken zu verhindern, trafen, wie ein Oberlehrer der „Deutschen Tagesztg." schreibt, die Evangelischen mit dm Israeliten ein Abkommen, wonach von den 5 zu vergebenden Sitzen bieran bie Juden und nur einer an bie Evangelischen fallen sollten. So brachten bie Evangelischen nut einen der Ihrigen durch, dagegen 4 Israeliten. Dabei waren sämtliche Kandidaten der Katholiken als gut national gesinnt bekannt. . ,
--- Die Urteilsbigrimbuug im Prozeß fimtttl laufet in de? jetzt vorliegenden schriftlichen Faffung von den mündlich verkündeten Urteilsgründen durch Ausscheidung alles Verletzenden wesentlich verschieden. Es ist erfreulich, war auch wohl zu erwarten, daß das Kollegium der Strafkammer dem Vorsitzenden in der von diesem gewählten Fassung nicht folgen werde. Leiber haben bie mündlich verkündeten Urteilsgründe durch die Berichterstatter sofort den Weg in die breiteste Oeffentlichkeit gefunden. Ueber die i christliche Faffung bleibt die Allgemeinheit ununterrichtet. In ihr kann darum für die dem Amtsrichter Kniitel seitens des Strafkammervorsitzenden und des Ersten Ztaatsanwalts in Gleiwitz zuteil gewordene verletzende Behandlung der Sache eine ausreichende Genug- luung nicht gesunden werden.
♦ Korruption. Im .Düsseldorfer Tageblatt' finden wir unter dreier Spitzmarke folgenden Artikel:
Seit und Champagner getrunken, Autofahrten gemacht mit „feinen" Damen verkehrt, Hohe Trrntgelver geiahtl, jährlich ein Borstandseffen veranstaltet,' das pro Kopf 60 Mk. kostete unb allerhand Gemeinheiten! das ist das Ergebnis der Verhandlungen über den Krankenkassen- skandal in Solingen. Am Mutwoch, 12. Nov.
1913, verhängte die Strafkammer in Elberfeld eine Ge- lamtilrafe von 3 Jahren, 1 Monat und 3 Wochen Gefängnis; außerdem 320 Mk. Geldstrafe über die Vor» standsmilglieder und den Rendanten der Solmger Orls- kranlenkasfe.
Zunächst „Obergenosse" Rendant Reinhardt. Bor neun Jahren wählte ihn der *■ sozialdemokratische Staffen» Vorstand, damit er die Gelder gut verwalte. Sein Gehalt stieg sehr schnell von 2800 auf 4400 Mk. Hiermit konnte er aber nicht aus'ommen. Nach feiner Auffassung gehörte mm standesgemäßen Auftreten eines Rendanten einer sozialdemokratisch geleiteten Kasse auch noch etwas mehr als essen, trinken und arbeiten. Er hatte die Freund- ichaft der Bardamen von Elberfeld nötig. Um sich diele Freundschaft zu sichern, fuhr er sehr oft dorthin; war lehr freigebig, zahlte hohe Trinkgelder, fuhr des Nachts im Auto nach Solingen und konnte sogar eifersüchtig werden. Das „Solinger Karlchen" war bei den feinen Damen ein gern gesehener Gast, denn seine nächtlichen Sekt- und Wrinoelage pflegten mehrere Hundert Mk. zu kosten! Fast schämte et sich, wenn er für einen Abend nur 60 Mk. zu bezahlen i ■. Er gab dann einen Hundertmarkschein, der Rest ,uar — Trinkgeld! Die Garderobemrau bekam 10 nuark Trinkgeld; die Autofahrer rissen sich um diesen vornehmen Fahrgast. Weil aber „ferne" Damen, Sekt, Wem, Automhrten viel Geld kosteten, so griff er immer tiefer in die Krankenkaffe binetn, fälschte Poft- und Aerztequittungen, bis er eine Summe von 100000 Mark verpraßt hatte. Da brach das Verhängnis über ihn zusammen. Ja. wo war der Vorstand ? Die Vorstandsmilglieder waren seine Freunde! Der eine betam eine billige Hypothek ohne Sicherheit, der andere fein Monatsgehalt zweimal auSgezahlt, der dritte hohe Spesen usw. Ein Lieferant zahlte 2 v. H. der Rechnungen an den Rendanten; der andere hatte 10 oder 20 M., je nachdem, liegen lassen. Jährlich einmal wurde aus Kosten der Kasse ein Vorstandsessen veranstaltet, das für die Person 60 M. isechzig Mark) kostete! Em Mit- angedagter hat sich 9500M. aus der Kaffe selbst angewiesen. Dieses Darlehen war notwendig, weil er sich ein Haus kaufen mußte; denn die soiialdemolratische Partei habe ihm ein Stadtverordnetenmandat angeboten. Das sind nur ganz wenige Proben aus diesem Prozeß. Sie genügen aber, um zu zeigen, wo Korruption getrieben wird. Das Geld für stärkende Medizin wurde mit Weibern verpraßt. Für erhöhtes Kranken» oder Sieibegelö wurden die Beiträge Nicht verbraucht, aber für Autofahrten, Liebschaften! Eine Arbeiterfamilie muß mii 60 M. mehr als 14 Tage auskommen; die Herren „Genossen" geben aber 60 M. für ein Diner für den Kopf aus! Dieser Schandfleck wäscht die Sozialdemokratie Nicht so leicht ab.
— Der neue Zwischenfall in Zabern. Der „SltSffer* kommt heute aui Die neueste Zaderner Angelegenheit zurück. Er veröffentlicht zur Erhärtung seiner Aus- fteUung, daß die A«u.;erung oes Leutnants v. Foistner tatsächlich für die französische Fahne beschimpfend gewesen sei, in einem Artikel, der den Anschein guter Dokumentierung erweckt, ein Schriftstück von Rekruten (allerdings ohne Angabe von Namen), die auf Ehre und Gewissen erklären, gehört zu haben, wie Leutnant v. Forstuer am 14. November in der Jnstruktionsstunde bei der Unterweisung über die Fremdenlegion die Worte gebraucht habe: „Diese Leute (Fahnenflüchtigen) haben keine andere Ehre, als unter Der französischen Fahne zu Dienen. Auf Die französische Fahne könnt ihr meinetwegen . . Der Elsäycr gibt feiner Einzelheiten Der Vernehmung Durch die Militärbehörde bekannt, mit Denen er Die Unzulänglichkeit Der militärischen Untersuchung Dartut:
„Bon jeder Stube", so berichtet er, „wurden zwei Rekruten geholt, geweckt vom Sergeanten Höflich. Im Untersuchungszimmer wurde ihnen vorgelesen (dem Sinne nach«: „Die unterzeichneten Rekruten erklären, sich nicht mehr des genauen Wortlautes Der AuSsührungen Des Herrn Leutnants v. Forstuer erinnern zu können". Alan begreift, daß die Rekruten, die so jählings von Höflich aus dem ersten Schlaf herausgetrommelt waren, verwirrt uns fchtaltrunien waren. Und |o fetzte Denn jeDer seinen Namen unter Da» Schriftstück. Nur einer erklärte kategorisch, daß er gehört habe, wie Der Leutnant v. Foriiner tagte „Meinetwegen könnt Ihr auf Die französische Fahne . . ." Aber der Vetnehmende überhörte das
Zn der Schule der Leidens.
87] Roman aus Dem New-Dotker Leben.
Von Erich Friesen. .
„Was hat man mit Walter vor?" wiederholt Felicie dringend. „Um des Himmelswillen — sagen bte mir die Wahrheit! Ich lafie mein Kind nicht eher aus meinen Armen, bis ich weiß, was mit ihm geschieht!"
Warnend hebt Frau Davis die Hand.
„Stille, stille:" gebietet sie ernst. „Ich barf solche Worte nicht hören; sie sind Insubordination"
Trotz der absichtlichen Strenge -n dem Tone der Hausmütter Hingt etwas wie Mitleiden hindurch. Ihre Augen vermeiden Felicies Blick.
„Sie "werden sogleich nach dem Hauptgefängnis in Newyork transportiert werden", fährt sie freundlicher fort. „EZ ist ein großes, schönes Gebäude, und in mancher Beziehung haben es die Gefangenen dort besser als hier. Es ist gegen die Gefängnisregeln, daß ich Ihnen soviel mitteile, Felicie Barrinaton, aber ich habe Sie und das Kind lieb gewonnen."
„Sehen Sie mich an, Frau Davis!" Felicie stellt sich dicht vor die Hausmutter hin und blickt ihr fest in die Augen. „Sehen Sie mich an! Obgleich Sie zu mit und Walter stets freundlich waren, so weiß ich doch, daß Sie nicht weichherzig sind. Warum sind Ihre Aug-n trüb, als ständen sie voll Tränen? Wenden Sie sich nicht ab, Frau Davis! Antworten Sie mir! Warum weinen Sie?"
Rasch wischt sich die Hausmutter mit dem Schürzenzipfel die Augen.
„Wer sollte nicht traurig sein, wenn solch Heines Ding, wie dieses hier, einen verläßt? Geben Sie ihn mir, Felicie! Es ist nicht recht, daß Sie mir den Abschied von dem lieben Schlingel mißgönnen."
Erleichtert atmet Felicie auf.
»Ich darf Walter also mit mir nach Newyork nehmen?"
Wieder wendet sich die Hausmutter ab.
„Hm, liebes Kind — nicht sogleich. In einer halben Stunde findet ein Massentransport von Ge-
angenen nach Newyork statt. Diesem müssen Sie ich anschließen Ein Kind würde die ganze Disziplin töten. Sie sehen also, Sie müssen mir Walter chon geben, Felicie. Sie wissen, bei mir geschieht ihm nichts."
„Aber — wer soll ihn nach Newyork hinüber» schaffen, wenn nicht ich?"
„Ah, das lassen Sie nur meine Sorge fein!"
„Wann werde ich ihn wieder haben? Heut abend schon?"
„£m — natürlich!"
„Ganz bestimmt, Frau Davis?"
„Ja, ja, bestimmt! Aengstigen Sie sich doch nicht!
Ich komme gleich wieder zurück."
Tie Hausmutter schließt die Tür hinter sich. Felicie ist wieder allein mit ihrem Kinde.
Schlaftrunken öffnet es feine großen, blauen Guckern. Unverwandt blickt die Mutter in diese lieo-'n, lieben Augen. Das Herz ist ihr so schwer —• sie weiß selbst nicht, weshalb.
Nach wenig Minuten schon kehrt die Hausmutter zurück.
Ihre Haltung ist jetzt eine völlig andre — ruhig, bestimmt, fast streng.
„So! Küssen Sie den Kleinen noch einmal! Und dann geben Sie ihn mir!"
Frau Davis reißt das Kind beinahe aus den Armen Der Mutter.
In größter Eile verläßt sie mit ihm die Zelle.
Aber anstatt die Treppe emporzusteigen nach der Krankenabteilung, wo Felicie sich mit Walter ge- wöhnlich tagsüber aufhält, eilt sie den langen düstern Korridor entlang.
Hier öffnet sie eine Tür zur Rechten — zum Besuchszimmer.
Sofort erheben sich zwei Damen von ihren Sitzen, die augenscheinlich hier auf die Hausmutter gewartet haben.
„Da tst das Kind!" murmelt Frau Davis finster. „Gott wird mir verzeihen, daß ich der armen Mutter vorlog, sie werde es heut abend zurückerhalten. Ich könnt- mrfit anders!"
Die ältere der beiden Damen schluchzt leise auf.
„Und sie weiß nicht einmal, daß ihre Mutter das Kind pflegen und bewachen wird?"
„Nein. Glauben Sie, das hätte dem armen Ding über den Trennungsschmerz hinweggeholfen? Sie können ihr morgen alles schreiben. — Nun ziehen Sie den Kleinen rasch um und schaffen Sie ihn weg! Ich stehe für nichts, wenn die Mutter ihn noch einmal zu Gesicht bekommt."
Die jüngere der beiden Damen nimmt das verwundert um sich blickende Kind aus den Armen der Hausmutter und drückt fein rosiges Gesichtchen an ihre Wange. Ihre Lippen zittern vor Erregung.
Kurze Zeit darnach schon befinden sich die beiden Damen mit dem Kinde außerhalb der Gefängnismauern.
XX.
Wenige Minuten, nachdem man Felicie Barrington ihr Kind weggenommen, erscheint die Wärterin wieder in der Zelle, um die Gefangene fortzuführen.
Felicie folgt ihr, ohne ein Wort zu sprechen.
Hin geht's durch enge Korridore, treppauf, treppab, bis in eine geräumige Halle, in welcher bereits eine Anzahl Gefangene ausgestellt ist.
Felicie schließt die Reibe.
Eine Wärterin ruft sämtliche Namen auf und verliest eine Liste, auf welcher das Verbrechen jeder Einzelnen, sowie die Dauer der Strafzeit vermerkt ist.
Nun allgeyieine Fesselung.
Als man die Handeisen an Felicies feinen Gelenken befestigt, steigt ihr die Schamröte in die Wangen. Doch widersetzt sie sich nicht.
Unter Leitung einiger Wärterinnen marschiert die ganze Gesellschaft durch einen schmalen, dumpfen Gang in einen engen Hof, wo eine Anzahl grün» angestrichener Transportwagen sie erwartet.
Jeder dieser Wagen ist in kleine Abteilungen ein» geteilt, in welchen je eine Gefangene Platz nimmt.
Ein Zeichen der Oberwärterin — langsam bewegt sich der traurige Zug vorwärts.
Felicie nimmt von dem üblichen Klopfen, Flüstern, Husten und andern Anstrengungen der einzelnen Mitaesanaenen, sich unter einander bemerkbar
zu machen, nicht die geringste Notiz. Ihr ganzes Herz ist erfüllt von der Sorge um ihr geliebtes Kind.
Wird es sicher in Newyork ankommen? Wird es die Mutter bis heute abend sehr bermiffen? Wird es sich bei dem niederprasselnden Gewitterregen auch nicht erkälten?
Als die grünen Wagen auf dem Bahnhof an» langen, werden sämtliche Gefangene nach dem Hintern Perron geleitet, von wo aus der Zug sie nach New- hork schaffen soll.
Klopfenden Herzens blickt Felicie um sich. Vielleicht, daß die Hausmutter den kleinen Walter bereits mit demselben Zuge nach Newyork bringen läßt
In ihrer Erregung vergißt sie ganz ihre erniedrigende Lage. Eifrig drängt sie sich vor, nm besser um sich blicken zu können.
Eine Menge Publikum umringt die Schar gefesselter Frauen. Felicies Schönheit, die selbst der un- kleidsame Gefängniskittel, sowie eine unförmliche Haube nicht zu verdecken vermögen, erregt bald allgemeines Aufsehen. Dreiste Blicke, rüde Spässe fin> den den Weg zu ihr.
Sie kümmert sich nicht darum. Ihre traurigen Augen wandern den Perron auf und ab — nichts von einem kleinen Kinde ist zu sehen.
Herbe Enttäuschung malt sich in ihren Zügen, als sie ihren Mitgefangenen in ein Koupee 3. Klasse folgt.
Nach einer halben Stunde hält der Zug bereits in Newyork.
Und Wiede: steht eine Anzahl grüner Wagen bereit. Und wieder nimmt jede der Frauen ihre kleine Zelle in denselben ein. ,
Und wieder setz: sich der Zug langsam in Bewegung — dem großen Frauen-Hauptgefängnis zu.
Nach etwa einstündigem Fahren halten die Wagen. Sie haben soeben ein niedriges eisernes -vor passiert. Der große Gefängnishof ist erreicht.
Eine Gefangene nach der andern klettert aus dem Wagen. Die Handfesseln werden abgenommen.
Und wieder stehen alle in Reih' und Glied, bet Musterung gewärtig.
(Fortsetzung folgt.)