Zuldaer Zeitung
Uhr «ermlttee«.
40. Jahrgang.
Donnerstag den 20. November 1913
Crstes Blatt.
Nr. 268.
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„Niemand sonst geht die Sache etwas an "
Ein Major a. D. hatte zu den Aergerniflen von Zabern bemerkt, daß man durch Versetzung des Leutnants und Verheißung von Vorsorge gegen weitere Unklugheiten den Lärm hätte vermeiden sollen. Hebet ihn kommt nun ein Generalmajor z. D. Herr v. Ditfurth, der in der „Deutschen Tages- zeitung" sich auf das schneidigste gegen „Sanftmut und Nachgiebigkeit" ausspricht.
Herr v Diffutth versteigt sich dabei zu der Be- Häuptling, der betreffende Offizier sei nur seinen Vor- gefetzten Rechenschaft schuldig, und die Vorgesetzten mußten es „sich höllisch verbitten, daß der I a n h a- gel sich in chre Obliegenheiten einmischt". Wenn der blutjunge Offizier sich im Ausdruck vergriffen und etwas über das Ziel hinausgeschossen haben sollte, so möge er darüber von seinem Kompagniechef oder Kommandeur belehrt werden; niemand sonst gehe die Sache etwas an.
Dagegen müssen wir mit aller Entschiedenheit Widerspruch erheben. Was da vorgekommen ist, geht das V o lk und die Volksvertretung sowie das Ministerium und den Reichskanzler an.
Der blutjunge Leutnant sprach von „Wackes"; der weniger junge Generalmajor spricht von „Ian. Hagel". Wir aber sprechen von den elsaß-lothringischen Mitbürgern; die einheimische Be" völkerung fühlt sich beschimpft und bedroht durch den Gebrauch des Wortes „Wackes" und die Aussetzung der Sttchprämie. Sie ist berechttgt, chre Ehre und ihren Stadtfrieden zu verteidigen. Ein Straßenauflauf ist allerdings nicht der richtige Weg zu diesem Zweck; aber das Ausbrausen der Volksseele kann den Urheber und die Begünstiger des Angriffs
nicht entlasten.
Es handelt sich um die Wahrung berechttgter In- teressen. Zunächst für das gekränkte Volk der „Mackes" dann aber auch für das ganze d e u t f ch e Volk. Denn es sind unsere Söhne und Brüder, die das deutsche Heer bilden, und wie unsere Söhne und Brüder dort behandest und belehrt werden, das geht uns alle an.
Die deutsche Armee ist keine Söldnertruppe, sondern ein Volksheer in des Wortes bester Bedeutung. Darum ist cs ein Unfug, wenn man zwischen Heer und Volk eine Mauer ausrichten und die Armee nickt bloß zu einem Staate im Staate, son- dern zu einem Fremdkörper im Volksleben machen will. In die K o m m a n d o g e w a l t des obersten Kriegsherrn will sick niemand einmischen. Hier han. delt es sich aber gar nicht um die Kommandogewalt, sondern um die vernünftige Behandlung der R e k r u t - n und des Volksteils, aus dem sie hervor- gegangen sind und in die sie zurückkehren werden. Das Heer ist eine staatliche Veranstaltung, eine nationale Einrichtung. Es ist erfreulich, wenn das Volk die Heeressache als seine Sache betrachtet, und die Volksvertretung, ich, alle Jahre den Boran- scklag für die Heeresverwaltung zu prüfen und zu bewilligen bat, tut nur ihre einfachste Pflicht und Schuldigkeit, wenn sie gegenüber einem wörtlichen oder tätlichen Mißbrauch der Dienstgewalt Stellung nimmt und auf Abhilfe dringt.
„Niemand sonst geht die Sache etwas an", sagt Herr v. Ditsurth. ' Also auch den Reichskanzler nicht, den verantwortlichen Leiter unserer ganzen Politik? Greift denn nicht das Aergernis in die politische Entwicklung ein? Bon der hoffnungsvollenvollen Freude, die das Ausland an solchen Dummheiten hat, wollen wir nicht weiter reden. Aber dieFestigungdesDeutschtumsinElsaß. Lothringen ist doch ein hochwichtiges Ziel unserer Politik, und da sollte die „Zivilregierung" einfach mit gebundenen Händen und geschloffenem Munde zusehen müssen, wenn ein blutjunger Leut-
)n der Schule der Leidens.
26] Roman aus dem New-Dorker Lebe«.
Don Erich Friesen.
Auf den Blumenbeeten hinter den Eisengittern duften Hyazinthen und Levkoyen, und die Vöglein, die sich kaum in ihre Nestchen gewagt, zwitschern ge- dämpft hinein in die linde Abendlust.
AlleS in der Natur atmet Leben und Bewegung.
Norberts Gedanken weilen bei Felieie. . .
Armes Kind! So jung noch und bereits von Md) tragischem Schicksal! Wäre es nicht besser für sie gewesen, wenn sie ihn nie gesehen hätte?
Dann schweifen seine Gedanken hin zu Gerda Douglas, zu seiner Kollegin und Lehrerin, der er, wie er meint, sein ganzes Können verdankt. . .
Wie edel hat sie sich gegen Felicie benommen! Wie glücklich ist der Mann, der sich ihr Freund nennen darf!
Inzwischen ist er an Gerdas Wohnung ange- langr.
Er wird sofort vorgelassen.
Gerda Douglas sitzt in ihrem kleinen Wohnzimmer am Fenster. Die Lampe ist mit einem blauen Schirm verhängt. Voll ergießt sich das Mondlicht auf ihre edlen, ernsten Züge.
Bei seinem Eintritt streckt sie ihm die Hand entgegen.
„Sie wollten mich sprechen, Barrington?"
»Ja, Fräulein Douglas. Ich möchte Sie um Rat fragen. Heut früh erhielt ich diesen Brief hier."
Sie nimmt den Brief aus seiner Hand und liest ihn von Anfang bis zu Ende durch.
„S'e acccptieren natürlich?"
Der Klang ihrer Stimme ist ruhig wie gewöhn- lich; doch erscheint sie auffallend bleich — vielleicht der Reflex der matten Mondeustrahlen —
Norbert blickt sie einen Augenblick an. Daun sagt et, sich neben sie setzend:
»Ich to„ej6 nicht. Ich wollte gerade mit Ihnen darüber sprechen —"
uant durch burschikose Redensarten alles verdirbt, was in mühsamer Arbeit auf dem Gebiete der moralischen Eroberungen geleistet worden ist?
Schließlich wollen wir noch Akt davon nehmen, daß auch der streitbare Generalmajor zugeben muß, der Gebrauch des Ausdrucks Wackes unb die Aussetzung der Zehnmark-Prämie für wirklich „unklug, unvorsichtig. unbesonnen, zweckwidrig und tadelnswett" gewesen. Wenn einmal so etwas unkluges, zweckwwriges usw. passiert ist, so muß man sofort das nötige tun, um die üblen Wirkungen des Mißgriffs ein zu schränken und die Wiederkehr solcher Angriffe zu verhüten. Bis jetzt ist in dieser Hinsicht noch nicht das nötige geschehen. Wenn die nächstbeteiligten Vorgesetzten nicht bald nach tem rechten sehen, so wird sich zeigen, daß es doch noch andere Leute gibt, welche die Sache angeht.
-t- Nach der Orientkrifis.
Nun ist nach langem Hin und Her endlich auch der griechisch-türkische Frieden geschlossen, und der Vorhang senkt sich über das blutige Schauspiel, das fast ein Jahr lang Europa in Atem hielt.
Die Balkankriege haben die europäische Karte im Südosten nicht unwesentlich umgezeichnet und wir werden in Zukunft auf dem Balkan mit neuen Machtfaktoren zu rechnen haben, von deren Nutzbarmachung für die europäische Politik künftighin viel abhängen wird. Das Verhältnis der Ballanstaaten zu den europäischen Großmächten ist durch die beiden Mriege nicht zuletzt dadurch etn we'entlick anderes ge. worden, daß die bisher auf sich allein gestellten Dal- tanstaaten aller Voraussicht nach sich aus Grund der durch den zweiten Balkankrieg geschaffenen Lage gruppieren werden, sodaß dem Einvernehmen Rumäniens, Serbiens unb Griechenlands ein militärisches Einverständnis zwschen Bulgarien und der Türkei gegenübersteht. Immerhin haben sich die Verhältnisse auf dem Balkan bislang noch nicht soweit geklätt und gefestigt, daß mit einiger Sicherheit der Entwicklung auf dem Balkan das Horoskop gestellt werden könnte.
Zutreffender und zuverlässiger lassen sich dagegen beute schon die Auswirkungen der nun wenig- stens vorläusig glücklich beendeten Orientkrisis auf das übrige Europa übersehen und beurteilen. Die endlosen diplomatischen Verhandlungen zwischen den europäischen Großmächten über ihre Stellungnahme zu den unertoarteten und sich überstürzenden Vorgängen auf dem Balkan haben allerdings kein positives Ergebnis gezeitigt, die Balkanstaaten haben im großen ganzen doch überall ihren Willen durch- gesetzt, aber sie haben doch ergeben, daß Europa „einig" war. Etwas nüchterner und realer ausgedrückt bedeutet diese Einigkeit Gleichgewicht; Europa ist aus dem Grunde einig geblieben, weil die beiden Mächtegruppierungen sich gegenseitig die Stange hielten. Aeußerlich hat darum die Orientkrisis keine Erschütterung der beiden großen Mächteverbände Europas im Gefolge gehabt, doch kann nicht gut das gleiche gesagt werden in Bezug auf die innere Struktur dieser Verbände.
Während der Dreibund gestärkt und innerlich g e f e ft i g t aus den Balkanwirren hervorgegangen ist, hat es im Dreiverband während derselben des öfteren vernehmlich gekracht. War schon Italien durch seine Festsetzung in Tripolis von der stanzösischen Politik weit abgerückt, so ist es durch seine entschiedene Stellungnahme gegen die von Frankreich unterstützten griechischen Forderungen nach Besitz an der adriati- schen Küste Frankreich noch unbequemer geworden, während es in fast all seinen Forderungen die Un= terstützung Oesterreichs gefunden hat. Die italienisch, österreichische Interessengemeinschaft, die besonders in der Schaffung des neuen albanesischen Staates zutage getreten ist, laßt auch die Hoffnung berechttgt erscheinen, daß die anderweitig noch nicht überwundenen
„Was gibt es da zu besprechen", fällt sie in eigentümlich schroffem Tone ein. „Man offeriert Ihnen ein brillantes Engagement an einem der ersten Theater von Balttrnore und Sie greifen natürlich mit beiden Händen zu!"
„Und Sie —?"
„Ich?"
Gerda steht rasch auf, schließt das Fenster und läßt den Vorhang herab, die Mondenstrahlen aus dem Zimmer bannend. Dann nimmt sie den Lam- penschirm herunter und schraubt die Lampe höher.
Grelles Gaslicht durchflutet plötzlich den Raum.
„Sie sind mir stets eine liebe Kollegin gewesen", fährt er etwas unsicher fort. „Wir sind so daran gewöhnt, zusammen zu spielen.--Werden Sie
mich gar nicht vermissen?"
„Gewiß, ich werde Sie vermissen, Barringwn. Trotzdem rate ich Ihnen: acceptieren Sie!"
Einem plötzlichen Impulse folgend, springt Norbert empor. Mit große.! Schritten geht er etn paar Mal im Zimmer auf unb ab und bleibt bann vor Gerda stehen
„Sie waren mir unb meiner armen Frau bie treueste, aufopferndste Freundin, Gerda. Ich werde Ihnen das nie vergessen. Aber solche Freundschaft webt auch feste Fäden, die umstricken und gefangen halten und nicht mehr loslassen. Ich gestehe, ich möchte gern das Engagement am „Exzelsior-Theater" in Baltimore annehmen. Wie wär's, wenn auch Sie
Abwehrend hebt Gerda bie Hanb.
„Nein, Barrington — ich nicht. Ich würde kein Engagement am „Exzelsior-Theater" annehmen, selbst wenn man mich bort haben wollte. Meine Kräfte würden an einem ersten Theater für große Partien nicht ausreichen, und kleine würde ich nicht spielen."
„Wie?" fragt Norbert im höchsten Grade be» troffen; „Ihre Kräfte würden für erste Partien nicht ansreichen? Sie, unser Stern, unsere Lehrmeisterin, unser Vorbild —"
Gerdas Lippen , zittern vor verhaltener Erregung. Hastig wendet sie sich ab.
-Das war einmal, mein Freund.^
Interessengegensätze zwischen diesen beiden verbün- beten Staaten leichter überwunden werben können.
Das erfolgreiche Auftreten Deuts chlands am Schluß des zwesten Balkankrieges hat wiederum das Ansehen des Dreibundes bei den Balkanstaaten sowohl als im übrigen Europa gehoben. Ganz anders aber hat sich der Dreiverband während der Wirren auf dem Balkan durchschlagen müssen; eine restlose Ucbereinftimmung der Dreiverbandmächte hat sich kaum bei einer einzigen der zahlreichen unvermutet auftauchenden Fragen int Balkankonflikt ergeben.
Ditz Balkankrisi? hat ein Schulbeispiel dafür geboten, tote wenig festgegründet und wie gekünstelt die Interessengemeinschaft der in herzlichem Einvernehmen zu einander stehenden Mächte ist. Frankreich hätte vielleicht nicht ungern den Brand vom Balkan ins übrige Europa hinübergewälzt und auch Rußland schien manchmal auf dem Sprunge zu stehen, aber bie englischen Staatsmänner haben das ungewisse bet Situation wohl erkannt unb sich gehütet, durch die Entfachung eines europäischen Krieges sich ins eigene Fleisch zu schneiden; sie hielten es vielmehr für klüger, mit Deutschland an einem Strick zu ziehen, da sie bie Gemeinsamkeit bet deutschen Interessen mit den britischen in der Balkanftage wohl erkannten. Dadurch hat sich auch das deutsch-englische Verhältnis wieder etwas besser gestaltet, obwohl wir uns keiner Täuschung darüber hingeben dürfen, daß die wirtschaftliche Konkurrenz vorläusig noch die Briten von uns fernhält und daß eine wirkliche Verständigung uns und England von innen heraus geboren werden muß.
Deutsches Reich.
)( Kokowzow in Berlin.
Kokowzow, der russische Ministerpräsident, hat am Dienstag nachmittag dem Reichskanzler abermals einen Besuch abgestattet und eine einstündige Unterredung mit ihm gehabt. Gestern war er zur Früstücks- tafel beim Kaiserpaar geladen. Abends machte er noch dem Reichskanzler einen Abschiedsbesuch und reiste heute, Donnerstag, nach PetterSburg ab.
Kokowzow sprach sich sehr befriedigend über seinen Berliner Aufenthalt auS. Alles, was er in seinen Unterhaltungen mit den deutschen Staatsmännern über die Vorgänge deS letzten Jahres und die augenblickliche Situation äußerte, ist getragen von dem schon in seinen Pariser Gesprächen stark hervorgetretenen Optimismus und der Zuversicht, daß nach der schweren Probe die Friedenstendenz und das Friedensbedürfnis der Mächte seitdem Oktober vorigen JahreS glücklich bestanden hat, auch die Regelung der weiteren Aufgaben, die aus dem Balkankriege übriggeblieben und entstanden sind, sich ohne Konflikt vollziehen werde. Dabei betonte er stark die Ucbereinftimmung der Mächte, namentlich auch die zwischen Berlin und Petersburg, nicht nur etwa in der Frage der armenischen Reformen, sondern auch in anderen Fragen und hob immer die Notwendigkeit hervor, daß die Mächte einig bleiben.
r Berlin, IS. Noo. 1913. Der Kaiser ist von Kiel nach Wildpark zurückgekehrt. — Dem Reichstag ist vom Reichsschatzamt eine Anleihedenkschrift für daS Ja..r 1913 zugegangen. — Der König von Bulgarien ist von Koburg nach Wien abgeieift.
♦* Der Kaiser gegen Duell und Alkohol. Andrew Carnegie soll über seine letzten Unterhaltungen mit Kaiser Wilhelm interessante Dinge erzählt haben. Der Kaiser habe ihm, Carnegie, in erster Reihe über das Unwesen des Duells gesprochen und erklärt, daß er noch weitere Maßnahmen dagegen zu treffen gedenke. Der Kaiser sei besonders über die günstige Wirkung erfreut, die seine bisherigen Erlasse gezeittgt
„War einmal?" wiederholt Norbert immer erstaunter. „Gerda, ich versiebe Sie nicht!"
Wehmütiges Lächeln umspielt chre ftoljen Sippen.
„Mein lieber Freund, ich bin mir meiner Kräfte nur zu gut bewußt. Einst glaubte auch ich, auf den Gipfel des Ruhmes steigen zu können. Vorbei, bor- bet — meine Kraft ist gebrochen!"
„Nein!" ruft Norbert mit Enthusiasmus; „Ihre Kraft ist nicht gebrochen. Versuchen Sie nur, immer höher zu steigen — immer höher —"
Traurig schüttelt sie den Kopf.
„Ich bm bereits auf bem Gipfel meines Könnens angelangt Wenn ich noch weiter, fchreiten wollte, würde ich langsam, aber sicher, abwärts gehen. Lassen Sie mich, mein Freund! Ich weiß selbst, was mir gut tut!"
Sie hat sich von ihm abgewendet, so daß er nur einen Teil ihres Profils, die reine Linie von dem kleinen Ohr bis zum Hals, den schweren blonden Haarknoten im Nacken sieht. Die Haltung ihres Körpers hat etwas Müdes, Gleichgültiges.
„Gerda!" ruft Norbert, von plötzlicher Angst er- faßt, „ich versiehe Sie nicht mehr. Ist etwas zwischen uns getreten? Habe ich Sie erzürnt? Sie sind in letzter Zeit sehr verändert, Gerda", fährt er eindring, sicher fort, „Ihnen fehlt etwas. Wollen Sie mir, Ihrem besten, treuesten Freund, nicht vertrauen?"
Langsam hebt sie die Augen zu ihm empor. Ihr Antlitz ist totenbleich.
„Ist es nicht genug, wenn ich Ihnen sage, daß wir scheiden müssen, Barrington? So lange Ihre Frau bei Ihnen war, fühlte ich mich glücklich. Ich liebte Euch beide unb suchte, Euch eine treue Freun- bin zu Jein. Jetzt, ba Felicie fort ist--ich habe
gekämpft, gerungen unb — bin unterlegen."
Sie macht eine kleine Pause r.nb streicht sich bie schweren Haartoeilen aus der heißen Stirn.
Norhert steht unbeweglich ba. Nur seine Augen sprechen.
„Dieser Kamps hat meine Kräfte geschwächt, mein Talent verstümmelt", fährt sie nach einer Weile leise fort. „Wenn ich mit Ihnen spiele, so geht etwas von Ihrer Kr^ki auf mich über — Sie hypnotisieren mich
gewissermaßen. Sobald Sie mich verlassen, sobald Ihr Einfluß nicht mehr auf mich wirkt, bin ich nichts weiter als eine mittelmäßige Schauspielerin. --Ich sage Ihnen dies alles, weil ich stets ehrlich unb offen bin. Trotzbem ich weiß, daß ich, ohne Sie als Partner, künstlerisch finke, sage ich Ihnen: Sie müssen das Engagement am „Exzelsior-Theater" annehmen — unbedingt!--Kein Wort dagegen,
Barringwn! Ich will nichts von Ihnen hören, was ein Unrecht gegen Ihre unglückliche Frau wäre! — Die paar Jahre gehen bald vorüber. Dann kommt Ihre hübsche kleine Sich wieder unb — bie glückliche Zeit von ebebem kehrt zurück. Norbert, mein lieber Freund, lassen Sie mich nicht umsonst gekämpft haben! Seien Sie sich selbst treu! Ich will Ihnen dabei helfen. Ich will beweisen, baß eine Frau einen Mann am meisten liebt, wenn Sie ihn auf bem Pfade der Ehre zu halten weiß. — Unb nun gehen Sie, mein Freunb!"
Mit offenem Freimut hält sie ihm bie Hand hin, auf die er fast ehrfurchtsvoll seine Livpen brückt.
In diesem Augenblick öffnet sich die Tür.
Frau Mackay tritt ein.
Sie sieht besser aus als früher. Seit jener Gerichtsverhandlung vor zehn Monaten wohnt sie bei Gerda Douglas als deren Gesellschafterin. Die ersten Tage fürchtete sie sich vor ihrem Manne und kehrte deshalb nicht nach Hause zurück. Dann erhielt sie die Nachricht von feinem plötzlichen Verschwinden. Wohin — weiß niemand.
Und nun blieb sie erst recht bei Gerda Douglas, deren Garderobe sie in Ordnung hält, für bie sie kocht unb all jene Kleinigkeiten besorgt, um bie eine Künstlerin in Ausübung ihres Berufs sich kaum kümmern kann.
Bei Frau Mackay's Eintritt gibt Norbert rasch Gerdas Hand frei.
„Ich störe doch nicht?" fragt bie alte Dame ein wenig mißtrauisch. „Ich wollte nur fragen, ob Ihr wißt, daß Felicie in ein paar Tagen nach bem Hauptgefängnis in Netoyork überführt wirb?"
Da die andern beiden schweigen, fährt sie etwas erregtet fort:
hätten. Die Duelle seien tatsächlich in letzter Zeit um rund 35 v. H. zurückgegangen. Der Kaiser hoffe dahin zu gelangen, daß die Duelle vollkommen im Heere aufhören werden. Ferner habe der Kaiser mit Carnegie noch über die Alkoholfrage gesprochen, der er feine größte Aufmerksamkeit zuwende. Die Tem- perenzhaltung des Kaisers gegenüber bem Alkohol hätte, laut Carnegie, nicht nur im deutschen Heere und in der fDlarine die bedeutendsten Erfolge aufzu- weisen, sondern auch im ganzen beutschen Volke. Der Kaiser habe mit Freuden von diesem schönen Erfolge seiner Anregung gesprochen.
♦♦ Der Kaiser und die modernen Tanze. Der,Berl. Lok.-Anz/ will wissen, daß die Nachricht, der Kaiser habe durch eine Kabinettsorder den Offizieren in Uniform den Tangotanz sowie One- und Two-step verboten, unzutreffend sei. DaS ist in sofern richtig, als ein striktes Verbot nicht besteht. Der Kaiser hat aber in einem Befehl an die Regimentskommandeure dem Wunsche Ausdruck gegeben, die Offiziere sollen in Uniform weder Tango noch One- und Two-step tanzen. Dementspre f end haben die Regimentskommandeure ihre OifizierkorpS instruiert und dabei mag der Wunsch des Kaisers einen träftigen Kommentar in scharfer befehlender Form erhalten haben.
* Prinz Heinrich in PariS. DaS .Journal' meldet, Prinz Heinrich von Preußen sei Dienstag abend inkognito in PartS angekommen. Er wohnte im tötet Louvre unter dem Namen eines BaronS rmanb-Rogan. Der Besuch des Prinzen in Paris hat, wie von autoritativer Seite mitgeteilt wird, nicht den geringsten politischen Charakter. Prinz Heinrich empfängt keine Besuche politischer Persön« lichtesten und lebt vollständig zurückgezogen. Er steht nicht einmal in Beziehungen zur hiesigen beut« fchen Botschaft und ist nur von seinem Adjutanten, einem Kapitän-Leutnant und einem Kammerdiener begleitet. Der Prinz beabsichtigt, noch 8 bis 10 Tage hier zu bleiben; er besuchte bereits verschieden« Museen.
♦ «eine Ehescheidung deS Prinzen Eitel Friedrich. In verschiedenen Blättern waren Nachrichten ver< breitet worden des Inhalts, bah die Ehe deS Prinzen Estel Friedrich, des zweiten Sohnes des Kai erS, mit der Prinzessin Elisabeth, einer Tochter deS Großherzogs von Oldenburg, derart zerrüttet sei, daß eme Ehescheidung in Kürze bevorstehe. Diese Nachrichten werden von halbamtlicher Seite als völlig auS der Luft gegriffen erklärt.
+ Deutschlands Einfuhr an Pferden, Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen, ist nach der letzten Nachwerfung wiederum bebeutenb gewachsen.. Die Steigerung in der Einfuhr von Pferden beträgt im ganzen im laufende.i Jahre 1215 Stück; bie Einfuhr an Rinbvich weist eine Zunahme von 18 655 Stück auf. Die Einfuhr an Schweinen ist im britten Vier- tehahr gegen bie gleiche Zeit des Vorjahres ebenfalls um 4604 Stück gestiegen.
)( Deutsch-französisches Zusammenarbeiten in Marokko. Einer der besten Kenner der französischen Kolonial-Politik, der Pariser Abgeordnete Deloncle, erklärt in einem Zeitungsartikel, daß die deutsch-französischen Beziehungen auf kolonialem Gebiete niemals besser gewesen sind als gegenwärtig, und behauptet, Grund zur Annahme zu haben, daß die wirtschaftliche Betätigung Deutschlands in Marokko binnen kurzer Zeit mit der französischen zivilisatorischen Arbeit oöllig eins werden wird. Nach der endgültigen Regelung der Kongosragen würde sich einem deutsch- französischen Zusammenarbeiten in MaroNo nichts mehr cntgegenstellen.
* Enteignung polnischer Bauern. Wie die Gazeta Ostrowska meldet, erhielt der polnische Bauer Thran korSki in Ociaz bei Ostrowo von der An- siedlungskommission ein Schreiben mit der Aufforderung, feine Wirtschaft einem deutschen Bauern a 6 5 u t r e t e n. Im Weigerungsfälle würde bie Wirtschaft taxiert und er enteignet werden. —