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KonkursfSUtn wir» Oer OewUllgte Rcbatt hintOlllg. Crfüllunosorf fflr Oos an- Magen arm Forderungen i[l Suita. flnjelgen-flnnalime Hs 10 Utzr oonnittogs.
40. Jahrgang.
Dienstag den 18» November 1913
Crstes Blatt.
Nr. 267
tfigtttb mV flusnobme der Sonn- und vertage, vierte«, iahrfidier Bezugspreis ohne Bringerloijn and Bestellgeld In 5ulbfl tau <ms®«rt» ,J0 Mark. — Rotatlonsbru» and Verlag der zuldaer fletienörutfeerei tn Zulda. Fernsprecher Nr. S. - -
Zuldaer Zeitung
______ *# «««nehme der Sonn- and toertooe. wertet- l ~ ~ Wodien-Beitcqe; S 5 SS ITIonats-Veflage: s s Reklamen: Per Roum einer ^Cotoneljelle, l2 e» breit, kofli 4^ Pfg Ä । Zuldaer Seschlchtsblätter KonVurafiiten'witb^er be^oUllok Rebo«6hinfCMg".“trfC^un o sorP*für 6a« ä** ' w Magen oan Forderungen ist Zulda. flnjelgen-flnnahme bis 10 Utzr oonnittogs.
a Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Kloffen-Cotterie. — tzalbjShrlich Taschenfahrplan. s « Grögere flnjdgen erbitten wir «ns tags narbet. » •
Wegen des Feiertags wird die nächste Nummer der ,Fuldaer Zeitung erst am Donnerstag auSgegeben.
X Die verbotenen Butztagsver» Sammlungen.
Um für den Massenaustritt aus der Kirche zu agitieren, wollte in Berlin das Komitee „Konfessionslos" mit Hilfe der sozialdemokratischen Parteiorganisation in Berlin am „Bußtag" 19. No- vember) zwölf Berfammlungen abhalten. Die Polizei aber verbot diese Versammlungen auf Grund einer dortigen Verordnung vom 15. Mai d. I-, die für den Karfreitag, den Bußtag und den Totensonntag nur Veranstaltungen rein geistlichen Charakters zuläßt. Die Rechtsgiltigkeit dieser Polizeiverordnung wollen die „konfessionslosen" Agitatoren im Klageweg anfechten. Inzwischen haben sie chre zwölf Versammlungen auf Donnerstag den 20. verlegt.
Das Eingreifen der Polizei hat natürlich auf der äußersten Linken den üblichen Sturm der „Entrüstung" erregt. Aber auch in nationalliberalen Blättern wird Kritik geübt. Man könne, so heißt es da, die Abhaltung dieser Versammlungen an einem andern Tage doch nicht verhindern und überhaupt sei durch polizeiliche Eingriffe die Austrittsbewegung nicht zu überwinden. Das trifft nicht den Kern der Sache. Selbstverständlich weiß die Polizei auch, daß an 362 Tagen des Jahres die vollste Versammlungsfreiheit herrscht, und sie wird sich vermut- lich auch nicht einbilden, daß sie mit einem solchen Verbot den Bestand der „Landeskirche" retten könnte. Aber daß man diese Massenversammlungen gerade auf den B u ß t a g ansetzte, den die Evangelischen als ihren besonderen Feiertag schätzen, und daß man die Parole „T u t B u ß e" im kirchen- und religionsfeind- lichen Sinne öffentlich verarbeiten wollte, war eine Herausforderung und ein A e r g e r n i s. Dagegen schritt die Polizei mit Recht ein- Sie mußte die bestehende Ordnung und die Gefühle des religiös denkenden Bolksteils schützen, — selbst auf die Gefahr hin, daß die Agitatoren das Verbot in ihrer Manier als Reklame ausnutzen.
Unzutreffend ist auch die weitere Behauptung eines uationalliberalen Blattes, daß der Endzweck dieser Agitation die Trennung von Kirche und Staat fei. Nein, die Austrittsbewegung will die Kirche nicht bloß vom Staate trennen, fondern sie vernichten. Wenn es wirklich zur Trennung käme, so würden die Herren keineswegs den Wieder- nntritt in die freie Kirche predigen, fondern mit auf« gefrischten Kräften auf die weitere Zersetzung des geordneten Kirchenwesens hinarbeiten. Die Triebfeder des Ganzen ist der Haß gegen Offenbarung und Christentum, gegen Religion und Gottesglaube. Die rite Phrase im sozialdemokratischen Programm, daß Religion eine Privatsache sei, ist längst abgetan. Schon Bebel hat bekanntlich erklärt, daß er neben dem Umsturz auf politischem Gebiet den Atheismus auf religiösem Gebiete erstrebe. Dahin arbeitet auch die ganze sozialdemokratische Wortführung und Schriftleitung. Und sie muß auch diese schreckliche Folgerung aus ihrem Parteivrogramm ziehen: denn die Wurzeln und die Ziele dieser Umsturzpartei sind unvereinbar mit dem Glauben an einen persönlichen Gott.
Wenn die liberale Presie den religionsfeindlichen Endzweck dieser Bewegung verkennt, so läßt sie sich von ihrer eigenen „Aufklärung" irre führen. Es gibt leider auch auf dem kirchlich-religiösem Gebiete eine Art Großblock-Stimmung, und das ist sehr bedauerlich. Wer ein klarer und echter Gegner der politisch-sozialen Revolution ist, der darf unter keinen Umständen die kirchlick-reliaio-
fen Umsturzbestrebungen unterstützen. Denn die geschichtliche Erfahrung und der Augenschein lehren, daß ein Volk, das die göttliche Autorität verachten gelernt hüt, vor keiner menschlichen Autorität mehr Halt macht.
Aus der christlichen Religionsgemeinschaft. austreten, das bedeutet nichts anderes, als in dre sozialdemokratische Antireligionsgemeinschaft eintreten.
Die Sozialdemokratie und ihre „aufgeklärten" Helfershelfer beehren die katholische Kirche mit einem noch größeren Haß, als die protestanttschen Religionsgemeinschaften. Die Austrittsbewegung in Berlin richtet sich freilich zunächst gegen die evangelische „Landeskirche", weil dort die große Mehrzahl der Bevölkerung evangelisch ist und vielleicht auch deshalb, weil man glaubt, die Evangelischen ließen sich leichter zum Austritt bewegen, als die Katholiken. Die Abwehr dieser Austritts-Agitation müssen also besonders die Vertreter und Mitglieder der e v a n g e- lischen Landeskirche sich angelegen sein lassen, und sie werden hoffentlich darüber klar sein, daß die Staatsgewalt höchstens ein Aergernis einschränken kann, aber die Heilung des Nebels nur durch die religiös-sittlichen Kräfte herbeigeführt werden kann.
Deutsches Reich.
'4- Kokowzow in Berlin.
Der russische Ministerpräsident Kokowzow ist auf seiner Heimreise von Paris am Montag in der deutschen Reichshauptstadt eingetroffen und gedenft, bis Donnerstag dort zu weilen. Der Aufenthalt trägt durchaus amtlichen Charakter, wie denn auch von amtlicher deutscher Seite an den Besuch Kokowzows die Hoffnung geknüpft wird: ,
„Dap sich tn Der Auschrach« des russischen Gastes mit Kaiser Wilhelm und semen Ratgebern die günstigen Eindrücke noch verstärken werden, die bet dem kürzlichen Beiuch des Herrn Eassonow für daS fernere ei> trächtige Zusammenwirken der Groh machte in den noch ungelösten Fragen der Orienlpotnik geweckt worden sind."
Herr Kokowzow ist zweifellos ein sehr tüchtiger Staatsmann, der das Zeug in sich zu haben scheint, die russischen Rückständigkeiten zu überwinden. Nach Paris hatten chn besonders - finanzpolitische Geschäfte geführt und bei uns wird er das Bedürfnis empfinden, in einen Gedankenaustausch über die augenblicklich noch aktuellste politische Frage, die Orientfrage einzutreten. Die Entwicklung der Dinge auf dem Balkan hat befonders einfchneidend auf die russische Politik rückwirken müssen, denn durch den Verlauf der beiden Balkankriege sind die Hoffnungen Rußlands, sich auf dem Balkan Vasallenstaaten zu schaffen und mit der Zeit Zugänge sowohl zum Adriatischen wie zum Aegäischen Meere hin zu erhalten, Wohl für immer vernichtet worden. Um so brennender wird für Rußland die Meerengen- und vor allem die kleinafiatifche Frage. In zielbewußter Umsetzung dieser Erkenntnis in die Wirklichkeit hat Rußland bereits seine Weitausschauende Politik in Klein-Asien eingeletiet. Während es den türkischen Herrschastsrest in Europa schützt, beginnt es in aller Stille mit der Aufrollung der armenischen Frage; aber feine wirklichen Ziele liegen noch weiter, fein' Streben geht bis zum p e r si s ch e n G o l f und dem indischen Meer. Damit wird Rußland großen englischen Interessen zu nahe treten, und es ist dem sorgfältigen Beobachter der vorderasiatischen Entwicklung unzweifelhaft, daß über kurz oder lang Rußland und England sich in die Haare geraten werden. Mit deutschen Intereffen dürfte sich die rusiische Orientpolitik jedoch kaum kreuzen; es wird die Auf- gäbe unserer Staatsmänner sein, die ruffischen In- tereffen stets in Parallele mit den unserigen zu halten. Unter diesem Gesichtspunkt wird auch das Bag- dad-Bahn-Unternehmen zu bewerten bleiben, das zu
schützen Rußland in den Potsdamer Vereinbarungen versprochen hat. Es kann für eine gedeihliche Weiterentwickelung des deutsch-russifchen Verhältniffes nur von Vorteil sein, wenn die Staatsmänner der beiden Länder öfters miteinander in Gedankenaustausch treten, damit dadurch immer erneut sich erweist, daß zwischen dem Deutschen Reich und Rußland keine wirklichen Interessengegensätze bestehen und daß nach dem jetzigen Stand der Dinge auf dem Balkan auch von einem Interesienzwiespalt unseres österreichischen Verbündeten mit Rußland keine Rede mehr sein kann.
Ministerpräsident Kokowzow stattete am Montag vormittag dem Reichskanzler von Beth- mann Hollweg einen Besuch ab und hatte mit ihm eine fünfviertelstündige Unterredung. Am Nachmittage hat der Minister Besuche bei den fremden Botschaftern abgeftattet. Abends fand ein Diner statt, an dem außer dem Reichskanzler der Stellvertreter des Staatssekretärs des Auswärtigen und der russische Finanzminister und Chef des Geh. Zivilkabinetts teilnahmen. ______________
* Berlin, 17. Nov. 1913. Der Kaiser weilte Montag vormittag von 10 Uhr ab in Kiel auf der Germaniawerft- wo er eine Reihe von technischen Einrichtungen besichtigte. Danach kehrte er in das Wohn- schiff „Kaiser" zurück. — Der Kaiser hat die Ordens« koinmiffion ermächtigt, die vor dem Feinde erworbenen Orden und Ehrenzeichen in geeigneten Fällen den Hinterbliebenen auf Antrag zur Aufbewahrung als Andenken zu belassen. — Der König d er Bulgaren ist am Montag inkognito in Koburg eingetroffen. Seine Anwesenheit gilt dem .Besuche der Gruft seiner Eltern in der katholischen Kirche. Daselbst sand in Gegenwart des Königs ein Gedächtnisgottesdienst statt.
♦* Der Kaiser gegen den Tango. Neuerdings tanzt man in Berlin in gewissen Gesellschaftskreisen allerhand moderne, mehr oder weniger bedenkliche Tänze, unter denen der aus argentinischen Spelunken importierte Tango der bekannteste ist. Vor einigen Tagen hat nun der Kaiser, wie dem Berliner „Salon" mitgeteilt wird, seiner Abneigung gegen die modernen Tänze durch eine Kabinettsorder an die Regi- menlskommandeure und Schiffskommandanten euer- gischen Ausdruck gegeben. In dieser Kabinettsorder heißt es: „Die Herren von der Armee und der Marine werden hierdurch ersucht, in Uniform weder Tango noch One- oder Twostep zu tanzen und Familien zu meiden, in denen diese Tänze ausgeführt werden." Ein Zuwiderhandeln gegen die Bestimmung dieses Erlasses wird mit Strafe sofortiger Dienstentlassung bedroht. — Diese Kabinettsorder des Kaisers wird in allen vernünstig und anständig denkenden Kreisen lebhaft begrüßt werden. Im Anschluß hieran wird noch folgendes mitgeteilt, aus dem sich ergibt, daß auch andere dem Hofe nahestehende Kreise vom Tango nichts wissen wollen. Auf einem Wohltätigkeitsseste, in dessen Rahmen ein Tanzturnier Platz gesunden hatte, wollte sich auch eine Dame des Königlichen Schauspielhauses an der Tangokonkurrenz beteiligen. Vorsichtigerweise erkundigte sie sich vorher, tote der Generalintendant über den Fall denke. Graf von Hülsen-Häseler hat sich auf diese Frage der Künstlerin gegenüber dahin geäußert, daß er ihr die Beteiligung zwar nicht verbieten könne, daß er sie aber davor warnen möchte. Infolgedessen hat die Dame in der Konkurrenz um die Ehrenpreise für Tango, Onestep und Twostep nicht mitgetanzt.
O Der Zentrnms-Abg. Wilhelm Albers ist in Godelheim im Alter von 70 Jahren gestorben. Seit dem Jahre 1893 gehörte der Verstorbene als Vertreter des Wahlkreises Warburg < Höxter dem preußischen Abgeordnetenhause an. Als Westfale von echtem Schrot und Korn, von schlichtem Sinn und geradem Charakter, ein treuer Sohn der katholischen Kircke wie des
Vaterlandes, hat der Verewigte das reiche Vertrauen, das ihm bei seiner Betätigung im öffentlichen Leben von allen, die ihn kannten, zuteil geworden ist, in reichlichem Maße verdient. Er war Beigeordneter des Amtes Höxter-Albaxen, Mitglied des Kreisau-schusses und des Kreistages. Wenn er auch als Redner in den Plenar-Sitzungen des Abgeordnetenhauses weniger hervortrat, so hat er doch an den Fraktions-Sitzungen des Zentrums und an den Verhandlungen in den Kommissions-Sitzungen lebhaften Anteil genommen. In der ständigen Gemeinde-Kommission des Abgeordnetenhauses vertrat er seit Jahren die Stelle eines stellvertretenden Vorsitzenden.
+ Die Ostmarkenzulagen werden, wie die Tägliche Rundschau erfährt, in dem neuen Reichshaushalts- entwurs wieder enthalten fein. Das Reichspostamt habe es für seine selbstverständliche Pflicht gehalten, diese Forderung wiederum m seinen Etat einzustellen und das Reichsschatzamt habe sich damit einverstanden erklärt. Des weiteren erjährt das genannte Blatt, daß das Reichspostamt entschlossen sei, auch wenn die Ostmarkenzulagen diesmal wiederum vom Reichstag abgelehnt werden sollten, mit dieser Forderung auch künftig wiederzukehren. — Es ist aber vorauszusehen, daß der Reichstag wieder mit großer Mehrheit die Ostmarken-Zulage ablehnen wird.
** Erhöhung der Arzneitaxe. Dem Bundesrat liegt ein Antrag der bayerischen Regierung vor, auf eine geringe Erhöhung der Reichsarzneitaxe, um die Apotheker in kleineren Orten und auf dem flachen Lande zu unterstützen. Der Antrag entspringt der Ersahrung, daß die Apotheker zurzeit nicht wagen, um Konzessionen für die Errichtung neuer Apotheken in kleinen Orten und auf dem Lande nachzusuchen.
+ Die Eisenbahnwärterhäuser sollen verbessert und erweiiert werden, damit sie den Wärtern behagliche Wohnstätten bieten. Für diesen Zweck werden im nächsten Staatshaushaltsetat neue Mittel eingestellt. Bei der Ausgestaltung der Wärterhäuser soll besonders die Erhöhung und der Ausbau des Dachgeschosses ins Auge gefaßt werden.
0 Die Behandlung der „Wackes". Wenn die Vorgesetzten eine Dummheit machen, müssen die Untergebenen dafür büßen. Nach diesem alten, aber häßlichen „System" verfahren unsere alldeutschen und konservativen Blätter, die aus Aerger über die Za- berner Vorgänge die Forderung aufstellen, man solle die elsässischen Rekruten fortan nicht mehr in der Heimat dienen lassen, sondern wieder in die Garnisonen vom alten Deutschland verteilen, wie es im vorigen Jahrhundert üblich gewesen. Der Vorschlag zur Ungüte ist nicht bloß ungerecht, sondern auch unklug, lieber eine solche rückschrittliche Maßregel würden sich die französischen Hetzer weidlich freuen. Sie könnten dann ihren Landsleuten und der ganzen Welt verkünden: Seht ihr, wie jämmerlich es um die deutsche Herrschaft in Elsaß- Lothringen bestellt ist! Die Deutschen wissen, daß sie nicht einmal die dortigen Rekruten im Zaume halten können, wenn sie Bataillone aus Elsaß und Lothringen bilden. Um Meutereien vorzubeugen, muß man die Jugend der eroberten Provinzen zersplittern und in preußische Regimenter stecken, wo sie in der Vereinzelung sich gegen die preußische Be-. Handlung nicht wehren können. Aber wenn sie zurückkehren aus diesen Kasernen ... Usw. Das feindselige Ausland würde sich die Hände reiben, und die elsaß-lothringische Bevölkerung selbst würde sich gekränkt und mißhandelt fühlen. Ist , denn im militärischen Interesse der Rückfall in das alte Verfahren geboten? Durchaus nicht, bhnn es ist nicht das mindeste bekannt geworden über ein schlechtes Verhalten der Elsaß-Lothringer in ihren heimischen Regimentern. Auch in dem Falle von Zabern nicht. Henn die eingeborenen Rekruten und Soldaten haben Unrecht erlitten, aber nicht Unrecht getan. Nicht sie, sondern zwei Vorgesetzte haben die verhängnisvollen Mißgriffe gemacht, und
Hermgefirnderr.
Skizze von Hermann Weber.
(Nachdruck verboten.)
Franz Wagner hatte soeben sein Zimmer betreten und die Abendzeitung zur Hand genommen, als ein kurzes Klopfen an der Tür ertönte und ein kleiner, beweglicher Mann rasch in den Raum trat.
Der Fremde grüßte kurz, strich mit dem Taschentuch über die feuchte Stirn und fuhr, ohne einen Gegengruß abzuwarten, hasttg fort:
„Herr Wagner, nicht wahr? ... Sie kauften vor drei Wochen ein Los der Wohltätigkeitslotterie bei mir, und ich komme, um Ihnen eine gute Nachricht zu bringen!' Er wartete einen Augenblick den Erfolg feiner Worte ab und als Wagner ihn nur erstaunt und ungläubig anschaute, trat er dicht an diesen heran, zog ein Telegramm hervor und sagte leise und wohlwollend:
Sie haben Glück gehabt, verehrter Herr, großes Glück — Sie haben sechzigtausend Mark gewonnen!"
„Nicht möglich!" stammelte der Ueberraschte.
„Ueberzeugen Sie sich selbst — auf Los 3007 fiel der zweite Hauptgewinn von fechzigtausend Mark! Ich gratuliere Ihnen herzlich dazu!"
Der plötzlich reich gewordene Mann war fassungslos auf einen Stuhl aefunfen und griff sich mit beiden Händen an die Stirn: der Atem wollte ihm schwinden und wie in wirrem Kreise drehte sich das kleine Zimmer um ihn — zu gewaltig, zu unvorbereitet traf ibn diese Nachricht.
Der Lotterieeinnehmer hatte ihn lächelnd betrachtet; jetzt klopfte er dem Glückbetäubten leise auf die Schulter und sagte beschwichtigend:
„Fasten Sie sich und schweigen Sie gegen jedermann. denn sonst wird sich eine Flut von Angeboten und Bettelbriefen über Sie ergießen! . . . Der volle Gewinn wird erst nach Ablauf von zwei Wochen ausbezahlt: sollten Sie aber schon vorher einer Summe bedürfen, so kommen Sie zu mir. Meine Kaffe steht Ihnen jederzeit zur Verfügung."
Noch einmal drückte er dem stumm dasitzenden Manne die Hand, verbeugte sich und schritt hasttg hinaus, um vielleicht noch anderen Menschen eine gute Nachricht zu überbringen.
Erst nach geraumer Zeit hob Wagner den Kopf und blickte um sich. Er schaute auf die dürftige Einrichtung des kleinen Zimmers, ließ den Blick über die eigene abgetragene Kleidung gleiten und erhob sich dann und schritt taumelnd zum Fenster.
Er sah aber nicht die schmutzigen, grauen Mauern, die fast in Griffnähe vor ihm emporstrebten und chm den Blick in die Ferne verwehrten, er hörte auch nicht den Lärm der Großstadt, der bis zu chm empordrang — nur zu dem winzigen Fleckchen des Wolken- losen Himmels schaute er empor, der sich über den engen Mauern wie ein Stückchen sauberen, blauen Tuches ausspannte, und feine Hände falteten sich.
So stand der Mann eine lange Zeit, und die Gedanken, die sein Inneres durchwogten, spiegelten sich auf feinen bleichen Gesichtszügen wieder. Dann ergriff er seinen Hut, verschloß sein Zimmer und schritt planlos in den sinkenden Mend hinaus. —
Am folgenden Morgen war Wagner schon ruhiger geworden.
Er zog seine beste Kleidung an und ging zu dem Lotterieeinnehmer, bei dem er eine größere Summe erhob: dann suchte er feinen bisherigen Arbeitgeber auf, sagte ihm, daß er die Stadt zu verlassen gedenke und bat um seinen Abschied.
Als der Glückliche dann wieder in seinem Zimmer saß, schmiedete er frobe Pläne für die Zukunft. Seine kühnsten Träume würden jetzt in Erfüllung geben
Da er den größten Teil feines Lebens auf dem Lande znaebracht batte, drängte es ibn fort aus der nimmerraftenben Großstadt: er wollte aufatmen in freier Gottesnatur und wollte die Annehmlichkeiten des Reichtums in Rübe und Frieden genießen. Vor 5tobreit war ihm einmal das Preisverzeichnis einer Banaeselllkbaft, die kleine Landbäufer in sttller Ge- aend errichtete, in die Hände aekotmnen, und dieses Ber-ttchnis fiel ibm jetzt plötzlich ein..
Mit wehmütigem Lächeln hatte er sich damals
ausgemalt, wie schön es sein würde, wenn er sich später ein Häuschen kaufen und still und behaglich leben könne; doch das Glück war ihm beständig fern geblieben und die fleißigste Tätigkeit hatte ihm bisher nur einen bescheidenen Lebensunterhalt gewährt.
Doch jetzt sollte es anders werden; seinen eigenen Garten wollte er bearbeiten, selbstgezogene Blumen sollten ihn erfreuen und Tauben und Hühner wollte er sich halten — das Herz schwoll chm, wenn er an die Zukunft dachte! . . .
Unter seinen Schriftstücken und Andenken suchte Wagner eifrig nach dem Angebot der Baugesellschaft; er fand es unter seinen alten Briefschaften und ergriff es in freudiger Erregung.
Als er nun die Blätter umwendete und die bunten Zeichnungen betrachtete, flatterte ein Streischen beschriebenen Papieres zur Erde nieder. Ueberrajcht hob er es auf, und wie ein Schlag ging es durch feine Glieder, als feine Blicke auf die verblaßten Buchstaben fielen, die sich nur noch fchattenhast von dem Untergründe abhoben.
„Du wirft zurückkehren, wenn Du Dein Unrecht eingefeben baft!" stand da in großen, von ungeübter Hand geschriebenen Zeichen, und wie eine Vision stieg vor den Augen des Mannes plötzlich die Vergangenbeit herauf.
Diese Worte hatten den Schlußsatz des Brieses gebildet, den sein Bruder ihm geschickt hatte an dem Tage, als er, der Jüngere, sich rüstete, um die Heimat zu verlassen. In Zorn und Groll, des kärglichen elterlichen Nachlasses halber, waren sie voneinander gegangen: Heinrich, der ältere, war im Hause geblieben und hatte das väterliche Geschäft übernommen: Franz, der jüngere, war mit feinem Erbteil in die Fremde gezogen.
Der warme Brief des verständigen älteren Bruders hatte den jungen Mann gänzlich unberührt geafften; nur den Schlußteil des Schreibens hatte et, einer augenblicklichen Eingebung folgend, abge<rennt und beiseite gelegt. ,A
Dann hatte Franz Wagner trotzig seinen Weg gesucht und jeden Verkehr mit der Heimat abgebrochen.
Die Briefe, welche der Bruder ihm anfangs noch geschrieben, hatte er ungeöffnet zurückgehen lassen, und dann waren viele Jahre im steten Kampfe ums Dasein flüchtig dahingeeilt . . -
Das Leben hatte den Starrköpfigen derbe geschüttelt; es hatte chm aber auch manche Lehre gegeben und die Augen geöffnet — heute, wo das Glück ihm die Hand gereicht und er ruhia überlegend auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte, sah Franz Wagner ein, daß das Unrecht damals nicht auf des Bruders Seite gewesen . . .
In tiefem Sinnen schritt der Mann im Zimmer auf und nieder; noch fträubte er sich gegen die mahnende Stimme in feinem Innern, doch als feine Blicke bann wieder auf den schmalen Papierstreifen fielen, der trotz feiner Unfcheinbarkeit ein Stück der Heimat darstellte — da rang er auch den letzten Rest des langgenährten Grolles nieder und eine stille Zufriedenheit breitete sich über feine Züge.
„Nach Hause!" murmelte er leise. „Nach Hause!"
In fieberhafter Eile packte Wagner feine titeife- tafdje, sagte feiner Wirtin, daß er auf einige Tage verreise und schritt zum Bahnhof.
Die ganze Welt schien ihm plötzlich wie verändert.
War es nun der helle Sonnenschein, der sich auf den Zügen der Menschen widerspiegelte, oder war es das Glücksoesühl in seiner Brust, das ihm alles im rosigen Lickte erscheinen ließ — er wußte es nicht, aber bei ollen Leuten, die er anschaute, glaubte er zufriedene Blicke und einen frohen Zug um den Mund zu sehen.
Wie liebe Bekannte umfaßte er die wogenden Kornfelder und faststrotzenden grünen Wiesen, an denen der Eifenbahnzug chn vorüberführte, kein flammender Mohn im Korn, kein blumiger Wegrand entging 'einen rastlosen Augen — doch je näher er der Heimat kam, desto beklommener wurde ihm zu Mute.
Was konnte nicht alles cpschehen sein, während seiner jahrelangen Abwesenheit? Wie würde er den Bruder und die alte Heimstätte aufMden? - , . -A