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tridjeim «glich mit Ausnahme her Sonn- unb Feiertage. Olertet-

40. Zahrgang.

Somstag den 15. November 1913.

Erstes Blatt.

Nr. 265.

*• Die Schrecken der Zentrumsherr­schast in Bayern

werden in der liberalen Presse von Lindau am Bo­densee bis Danzig in den allerschwärzesten Farben geschildert. Wer diese Blätter mit gläubigem Vcr- trauen liest könnte versucht sein, zu glauben, daß die Protestanten unter dem „schwarzen", Regiment recht elend daran wären und unsäglich leiden müß­ten. Ist nicht der Landesfürst ein ausgesprochen ka­tholischer König, der wiederholt mit Hochgefühl öf­fentlich zum Katholizismus sich bekannt hat, an sei­ner Seite zum erstenmal eine katholische Königin, von der bekannt ist, daß sie die getreuere Dienerin ihrer Kirche ist? Ist nicht der Ministerpräsident von Hertling der vormalige Führer des Zentrums, also ein Ultramontaner reinsten Wassers? Ist nicht der Kultusminister, Dr. v. Knilling, welcher für die Ge- schicke der protestantischen Kirche in Bayern beson­ders bestimmend und maßgebend ist, ein getreuer Sohn der katholischen Kirche? Wie ist es da — so fragt die „Süddeutsche Konservative Korrespondenz" — anders möglich, als daß die Protestanten -nicht zu ihrem Recht kommen?

Auf diese Frage antwortet das genannte Organ wie folgt:

und doch, wenn wir näher zusehen, wenn wir die kirchlichen Behörden fragen, welche es genau wissen mästen, so erfahren wir, daß die Evangelischen nicht nur nicht den geringsten Anlaß zu irgend einer Klage haben, sondern sich unter dem der­zeitigen Regiment und seinen Obersten ganz außer­ordentlich wohl fühlen.

Wer freilich politisch enragiert ist, der darf und kann an dem fort und fort angegriffenen und verdäch­tigten Ministerium nichts Gutes finden. Wenn wir ihn aber fragen, warum und worin er sich kirchlich bedrückt fühlt, so wird er nach Gründen vergebens sich umsehen und Beweise vergeblich suchen; denn die evangelischen Kirchenmitglieder leben unangefochten dahin und »jemand denkt daran, ihnen einen Leids anzutun.

Am allerwenigsten König Ludwig III. Diesem fällt es nicht im Traum ein, den Protestanten seines Landes irgendein Steinchen in den Weg zu werten. So lang er lebt, Hal es in seiner nächsten Umgebung nicht an Prolestanten gefehlt, denen er stets mit der ihm an­geborenen Güte und Liebenswürdigkeit begegnete.

Was von dem König gilt, gilt nicht minder von seinem Ministerpräsidenlen von Hertling. Welche Aufgaben ihm auch gestellt sein mögen, immer und überall geht er als „Vertreter der konservativen Staats« politll" vor. Bald sind es zwei Jahre, seitdem er, be­reits in hohen Jahren, unter den lchwierigsten Verhält­nissen fem so verantworlungevolles Amt übernahm. Wenn wir von seiner Stellung zur Jesuitenfrage ab­sehen, so können wir alle von ihm getroffenen Maß­nahmen mit voller Ueberzeugung, mit gutem Gewissen unlerichreiben. Mit der vornehmen Ruhe einer abge­klärten Persönlichkeit, entschieden, charaktervoll pflegt er die aus ihn einstürmenden Angriffe abznwehren, auch seinen erbittertsten Gegnern Respekt einflößend, Hoch­achtung abnötigend. Unauslöschlich bleiben uns in Er­innerung die schönen Worte seines Programms vom 6. März 1912: „Wie es ewig gültige Wahrheiten gibt, so gibt es auch ewig gültige Werte, und dazu gehört das Christentum, die christliche Religion. Diese soll ge- schützl und erhalten werden; diese soll nach wie vor die Grundlage des gesamten Erziehungswesevs bildend — Wo ist der evangelische Christ, der sich nicht gern zu solchem Programm bekennen möchte?

Ganz m denselben Anschauungen bewegt sich Dr. v. Knilling, der Kultusminister. Als er vor einem halben Jahre zwei weitberühmte Gelehrte, Marcks, den Historiker, und Förster, den Pävagogen, an die Münchener Universität zu berufen für gut fand, da hagelten An­klagen nur io auf ihn herein. Und heute ist es still, ganz still geworden, roeil man langsam zur Erkenntnis kam, daß der Minister für die erledigten Lehrstühle keine bessere Wahl treffen konnte. Was aber die Entwickelung der protestantischen Landeskirche anlangt, so hat der MiniNer an seiner Seite eine ganz hervorragende Krasi

in seinem Reserenten, Oberregierungsrat Seiler, der, selber ein Psarrerssohn, noch in allen Fällen als bester Berater sich erwiesen hat, so daß selbst die General­synode gern Veranlassung nahm, solches öffentlich auszusprechen.

Wer von der protestantischen Landes!-. k e redet, kann unmöglich an der Generalsynode vorübergehen, welche im September in Bayreuth tagte. Schoa die Wahl des Regenten, welcher zum Regic-.nmtttz mmiffar den vormaligen miltelfränkischen Regierungspräsidenten v. Welser ausersah, bekundete ebensosehr feines Ver­ständnis wie anerkennenswertes Wohlwollen.....Nun

rührt sich's an allen Ecken und Enden. Ein frischer Zug scheint in das kirchliche Leben zu kommen. Zunächst handelt es sich nach Analogie der anderen deutschen Staaten darum, mit dem alten Stolgebührenwesen auf­zuräumen. Die einleitende Schritte dazu find bereits getan. Das neue Jahr 1914 wird ein Markstein werden in der Geschichte der protestantischen Landes kirche Bayerns. Der gute Wille ist da. Tat­kraft und Energie fehlen in keiner Weise. Und die Vertreter des Ministeriums, soweit sie an diesem Werk beteiligt sind, lassen erhoffen, daß nicht bloß die katholische, sondern auch die evangelische Kirche sich ihrer Unter­stützung erfreuen butf.

So urteilt ein Protestant über die Sage der Protestanten in Bayern! Und dieser Protestant ist nicht einmal ein vorurteilsloser Protestant, wie die Bemerkung über Hertlings Stellung zur Jesuiken- frage beweist. Nichtsdestoweniger muß dieser Pro­testant dem „schwarzen Regiment" das Zeugnis ausstellen, daß sie sich vielmehr alles Entgegenkom­mens erfreuen und sich darum ganz außerordentlich wohl fühlen. Wie wäre es, wenn man einmal einen Vergleich aristellte zwischen der Sage der Protestanten int katholischen Bayern und der Sage der Katholiken im protestailtischen Sachsen?

vrutscher Reich.

*♦ Berlin, 14. Nov. 1913. Der Kaiser hat seinen Besuch auf Schloß Wilhelmshöhe aufgegeben. Die 1 Kaiserin, die seit 8 Tagen in Wilhelmshöhe weilt, wird allein nach Braunschweig -um Herzog Ernst August reisen. — Der Kaiser begab sich heute abend im Sonderzug nach Kiel.

)( Die schmollende Sozialdemokratie. Die sozial­demokratische Reichstagsfraktion hat nach dem „Vor­wärts" in ihrer Sitzung vom 13. November sich mit der Besetzung der Rüstungskommission be- . faßt und beschlossen, von jeder Teilnahme an dieser Kommission abzusehen. Der Fraktions- Vorstand hat an den Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück ein entsprechendes Schreiben gerichtet. Gleichzeitig hat der Abg. Noske, der bereits in die Kommission berufen war, seinen Entschluß, an den Verhandlungen der Kommission zur Prüfung der Rüstungslieferungen teilzunehmen, zurückgezogen. Die Fraktion hat ferner die Einbringung einer In­terpellation in dieser Angelegenheit beschlossen. Der Grund des Schmollens hegt darin, daß der Reichs­kanzler den Abg. Siebknecht nicht in die Kommission aufnehmen woÜte.

0 Sozialdemokratie und Stadtverordnetenwahlen. Bei den diesjährigen Stadtverordnetenwahlen hat die Sozialdemokratie ° mancherorts schlecht abge­schnitten. Es liegen bereits zahlreiche Wahlresul­tate vor, die eine rückläufige Bewegung der Sozial- demokraie zeigen. So sind die soztatldemokratitchen Stimmen in Eharlottenburg auffallend zurückgegan­gen und in einer Anzahl von fchlesischen Städten, z. B. in Siegen, Jauer, Strehlen, Friedeberg, Neusalz und Neumarkt siegten die Bürgerlichen mit Seichtig­keit über die Sozialdemokratie. In Hörde drang:n die Kandidaten der bürgerlichen Parteien mit großer Mehrheit durch; in Eisenach wurde gegenüber 14 bürgerlichen Kandidaten nur 1 Sozialdemokrat ge­wählt, sodaß die Partei drei Sitze verloren hat. Eben

3« der Schule der Leidens.

23} Roman aus dem New-Iorker Leben.

Von Erich F r t e | e n.

„Es ist nicht viel, Sieh — aber doch etwas. Sieh' mich nicht so unglücklich an, Kind! Ich kann den Blick nicht ertragen. — Also — ich bin für morgen als Zeugin geladen. Du weißt — die Diamanten­geschichte —“

„O Mutier!" schreit Felicie plötzlich auf, die Hand der alten Frau krampfhaft an sich drückend, „glaubst Du, daß ich frei komme?"

Frau Mackay seufzt tief auf. Soll sie der Un- glücklichen da vor ihr den letzten Trost nehmen?

„Ich — ich weiß nicht, Kind! Vielleicht hebt ein ©ergeben das andere auf!"

„Und wenn nicht, Mutter? Wenn ich verurteilt würde? Wenn ich ins Gefängnis zurück müßte? Wenn ich Norbert monate-, vielleicht jahrelang nicht fehen dürfu? Wenn er mich vergäße? — O mein Gott, mein Gott! — Und mein Kind! Was wird aus ihm? __ Mutter, wenn ich verurteilt werde, habe

ich Gott nur noch um eins zu bitten" — ihre Stimme sinkt zum Flüsterton herab — „daß er mein unschul­diges Kind davor bewahrt, in der Schande zu leben, daß er es zu sich nimmt in sein himmlisches Reich."

Der Wärterin dauert die Unterredung zu lange. Sie bedeutet Frau Mackay, die Untersuchungsge­fangene jetzt zu verlassen.

Gleich daraus knirscht der Eisenriegel hinter den beiden Frauen.

Felicie ist wieder allein.

XV.

Am nächsten Vormittag zehn Uhr.

Gesenklen Hauptes, die Wangen mit tiefer Scham­röte bedeckt — so betritt Felicie Barrington den Ge­richtssaal.

Als sie auf der Anklagebank Platz nimmt, geht ein Gemurmel durch die Zuhörerreihen. Sie wagt nicht, die Sider zu heben. Ihr ist, als richteten sich Tausende von Blicken schadenfroh auf sie.

Kurz bevor sie zur Gerichtsverhandlung abgeholt wurde, hatte sie ihrer Wärterin eine rührende kind­liche Bitte ausgesprochen.

„Ich möchte gern so hübsch wie möglich aussehen", hatte sie leise gesagt. „Aber ich bin so aufgeregt, daß mir ganz schwarz vor den Augen wird. Möchten Sie mir nicht etwas aus meinen Sachen heraus­suchen. was mich ein bischen kleidet? Vielleicht, wenn ich nicht gar zu häßlich aussehe, daß die Richter nicht so streng mit mir verfahren!

Zwar zuckte die Wärterin die Achseln; aber dem sichenden Blick, dem bittend emporgehobenen bleichen Antlitz konnte sie doch nicht widerstehen.

Mit mehr Takt, als man es sonst Seuten ihres Schlages zutraut, hatte sie ein einfaches weißes Mull- klew herausgesucht.

Als die zierliche, kindliche Gestalt, in eine weiße Mullwolke gehüllt, vor ihr steht — ein Bild der Un- schuld und Reinheit — da konnte selbst die harte Wärterin einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken.

Und jetzt sitzt dieses blumenzarte Wesen auf der Anklagebank — auf derselben Anklagebank, auf der sonst hartgesottene Verbrecher, Diebe, Mörder und ähnlicher Auswurf der Menschheit, Platz nehmen.

Ein Gemurmel des Mitleids durchschwirrt den Gerichtssaal.--

Die Gerichtsverhandlung nimmt ihren Anfang.

Zuerst wird das der Angeklagten zur Saft gefegte Verbrechen verlesen und sie gefragt, ob sie sich sür schuldig halte

Gerade will sie, ihrer offenen und ehrlichen Na­tur gemäß, erklären, daß sie schuldig fei. Da fällt ihr Blick auf ihren ganz tn der Nähe sitzenden Rechts­anwalt dessen Augen fest und mit warnendem Aus­druck auf sie gerichtet sind.

„Nicht schuldig!" murmelt sie kaum vernehmbar. Als Belastungszeuge erscheint Thomas Mackay. Schon sein Auftreten ruft den ungünstigsten Ein­druck hervor.

Wie er breitspurig an den Zeugenstand herantritt, wie er mit triumphierendem Blick um sich schaut und das arme Opfer dort auf der Anklagebank hämisch

so siegte, wie schon gemeldet^ in Weimar die bürge;» lich« Liste, kein einziger Sozialdemokrat wurde ge- trählt. In Halle a. S. drangen die Bürgeweceme nut über 7300 Stimmen durch, während die Sozial­demokraten nur 5300 Stimmen erhielten und bannt eine Einbuße Ion 500 Stimmen gegenüber der Wahl Dar zwei Jahren erlitten.

(*) Heeresianglichkeit in Stadt und Land. Von den 132147 jungen Leuten vom Sande, die zur Musterung herangezogen wurden, waren nach den diesjährigen Ergebnissen des Heeresergänzungsgeschäs- tes nicht weniger als 79960 oder 6 0,51 Prozent für tauglich befunden worden. Dagegen betrug der Prozentsatz der HeereStauglichen in der Stadt nur 55,54 Prozent. Von denen, die in der Stadt geboren wurden, aber in der Sand- und Forst­wirtschaft beschäftigt finb, konnten 57,84 Prozent der Untersuchten als tauglich angesehen werden. Im Aushebungsbereich des ersten Armeekorps (Ost­preußen) waren von den auf dem Sande geborenen Heerespflichtigen rund 70 v. H. tauglich, im Bereich des 15. Armeekorps sogar über 75 v. H. Diese Zahl sank bei den in der Stadt geborenen Heerespflichtigen im Bereich des 3. Armeekorps (Berlin) auf 3 7,46 v. H. Man kann also sagen, daß die Stadt Berlin verhältnismäßig nur etwa halb soviel Mili­tärtaugliche stellt wie die Provinz Ostpreußen.

+" D-r Bundesrat hat den bayerischen Antrag zur Gewerbeordnungsnovelle, der die Landesregierun­gen ermächtigen wollte, die Ausstellung eines W a n» dergewerbefcheines zu versagen, wenn ein Bedürfnis zu seiner Ausstellung mcht anzuerkennen ist abgelehnt. Tie Vorlage wird also in ihrer ur- sprünglicken Form an den Reichskanzler gelangen.

-4- lieber die Zivilversorgung der Militäranwärter wird, Blättermeldungen zufolge, dem Reichstag eine Denkschrift zugehen, in der Aufklärung über die Aussichten der Militäranwärter gegeben wird und die Klagen über die zulange Wartezeit der Anwärter zerstreut werden.

Ausland.

* Oesterreich. Erzherzog Franz Ferdinand und Gemahlin sind gestern mittag zum Besuche des Königs und der Königin nach England abgereist.

*’ Gegen die deutschen Waren Der Handels- unb Jnbuftrieausschuß der französischen Kammer nahm auf Anregung des nationalistischen Abgeordneten Denais einen Gesctzesantrag an, wonach jene Unter­nehmungen, Firmen ober Handelsges llschaften, an deren Spitze Ausländer stehen, oder deren Verwaltungsrat über ein Drittel Ausländer enthält, die Bezeichnung „französisch" nicht führen dürfen. Ebensowenig dürfen Waren, die nicht in Frankreich oder in den Kolonien erzeugt wurden, die Bezeichnung „französisch" führen. Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß sich dieser Gesetzesantrag in erster Linie gegen deutsche Industrie unb Gewerbesteiß richtet.

♦♦ Ehescheidung am schwedischen Hofe? Wie schwe­dische Blätter mitteilen, dürfte die Ehe des Prin- z e n Wilhelm von Schweden, des zweiten Sohnes des Königs, demnächst geschieden werden. Prinz Wil­helm ist seit Mai 1908 mit der Prinzessin Maria Pawlowna von Rußland, einer Tochter des Groß­fürsten Paul Alexandrowitsch, verheiratet. Der Ehe ist ein vierjähriges Söhnchen entsprossen. Die Prm- zeffin befindet sich seit zwei Monaten bei ihrem m Paris lebenden Vater und wird voraussichtlich nicht mehr nach Stockholm zurückkehren.

** Ein Attentatevcrfuch gegen den Präsidentcn der chinesischen Republik, Jnanschikai, wird der ,Daily Mail' aus Peking gemeldet. Im Palaste des Präsi­denten wurde ein mit einem Revolver bewaffneter Mann verhaftet. Es bandelt ft* um einen zum

angrinst — nicht einer unter sämtlichen Anwesenden hat die Empfindung, es mit einem Ehrenmann zu tun zu haben.

Dabei bringt er seine Anklage in der rüdesten Weise hervor. In dem erhebenden Bewußtsein, end­lich einmal der verhaßten Stieftochter eins anhaben zu können, schießt er sogar wiederholt übers Ziel hin­aus. Die Richter eröffnen ein Kreuz- und Quer- verhör, um ihn der Unwahrscheinlichkeit mancher Be­hauptungen zu überführen — er läßt sich nicht ver­blüffen. Er fährt fort, seine Stieftochter als ein voll­kommen verdorbenes Geschöpf zu charakterisieren, welches es bloß darauf absieht, andern zu schaden.

Felicie folgt seinen lügnerischen Auseinander­setzungen mit wachsender Empörung. Tödliche Blässe wechselt aus ihrem Antlitz mit fliegender Röte. Dicke Schweißtropfen perlen ihr von der Stirn.

Großer (Sott! Ist denn solche Entstellung der Tatsachen nur möglich!

Einmal, bei einer besonders rüden Beschuldigung, fährt sie empor Ihre Augen blitzen hinüber zu dem Schurken, der sich ihr Stiefvater nennt und dabei ihr wütendster Todfeind ist.

Dr. Maxwell befürchtet jeden Augenblick ein un­bedachtes Wort von seiner Klientin. Schnell kritzelt er ein paar Zeilen auf ein herausgerissenes Blatt seines Notizbuchs, faltet es zusammen und steckt es der Angeklagten zu.

Mit' zitternden Fingern entfaltet sie den Zettel. Sie ist so erregt, daß schwarze Punkte vor ihren Augen tanzen. — —

Endlich entziffert sie die wenigen Worte:,

„Bewahren Sie Ihre Ruhe! Sie verschlimmern sonst Ihre Sage. Binnen kurzem tritt Ihre Mutter als Enilastungszeugin auf."

Felice saßt neuen Mut. Dankbar blickt sie den kleinen Rcchrsanwalt an, der ihr freundlich zunickt.

Jetzt wagt sie sogar, die Augen zu dem Publikum zu erheben, welches in dichten Reihen die Bänke füllt. Aus dem chaotischen Durcheinander von Gesichtern, Hüten, Federn und Blumen heben sich bekannte Züge ab — das ermutigend lächelnde Gesicht Gerda Dou­glas'.

Und daneben — Felicies Herz beginnt fast hörbar

Sekretariat gehörigen Regierungsbeamten untere» Grades namens Chu. Bei seinem Verhör gestanl der Manu ein, daß er die Absicht hatte, Juanschikat zu ermorden.

** Mexiko. Der interimistische Präsident Huerta von Mexiko zeigt, daß er Rückgrat hat. Statt, wir die Vereinigten Staaten es verlangen, zurückzutreten, bat er durch eine amtliche Bekanntmachung die am 20. Oktober gewählten Senatoren und Deputierter' aufgefordert, sich am 15. November zur Konsti­tuierung deS Kongresses zu versammeln. Das ist eine bündige Antwort, welche in Washington ver­blüffen muß. Bekanntlich war eine der amerikanischen Hauptforderungen an Huerta, den durch die „unrecht­mäßigen" Wahlen vom 20. Oktober gewählten Kon­greß nicht einzuberufen. Unb als Antwort darauf verfügt Huerta den Zusammentritt des Kongresses,' Er hält auch seine eigene Wahl znm Präsidenten unb die seines Freundes Blanquet zum Vizepräsidenten für gültig, wiewohl wegen ungenügender Beteiligung der Wähler an dem Wahlakt im allgemeinen die gegenteilige Meinung verbreitet war.

♦* Friede zwischen Türkei und Griechenland.

Der griechisch-türkische Friede ist um Mitternacht unterzeichnet worden. Dre Kunde von dem Friedens­schluß rief in Athen und in der Provinz lebhafte Freudenausbrüche hervor. Die diplomatischen Be­ziehungen mit bet Türkei sollen alsbald wieder aus­genommen werden.

Von den Mitgliedern der französischen Militär­mission wirb bet Plan einer allmählichen Demo­bilisierung der ganzen Armee ausgearbeitet. Du Jahrgänge von 1901—06 sollen zuerst entlassen werden.

Die griechische Kammer wurde gestern in Anwesenheit des Königs und der Königin feierlich eröffnet.___

--- Zeugen- und Sachverständigeu- pflicht.

2 em Reichstage ist bereits der Entwurf einer neuen G'lührencrdnung für Zeugen und Sachver­ständige zugegangen. Damit entspricht die Regierung einem alten Wunsche des Volkes, dem auch der Reichstag schon wiederholt Ausdruck gegeben hat. Denn die Entschädigung, die die geltende Gebühren­ordnung vam 30 Juni 1878 den Zeugen und Sach, verständigen gewährt, steht nicht mehr im Einklang mit dem Anspruch, den man nach den veränderter; Verhältnissen an eine solche Entschädigung zu stellen befugt ist. Ohne Zweifel wird der Reichstag sich dieser Vorlage sehr freundlich gegenüberstellen. Mit Genugtuung wird er feststellen, daß die fiskalischen Bederikeil, b-e einer Neuregelung dieser Gebühren bis­her im Wege standen, endlich beseitigt worden sind Gewiß dürfen derartige finanzielle Erwägungen nicht ganz außer acht gelassen werden; aber gerade auf dem Gebiete der Rechtspflege darf man ihnen ein allzu großes Gewicht nicht beilegen.

Vor Gericht als Zeuge oder Sachverständiger zu erscheinen, ist allgemein Bürgerpflicht. Ohne einen solchen Zwang kann keine Rechtspflege gedeihen. Um so mehr muß man anerkennen, daß die Gewährung einer ausreichenden Entschädigung an Zeugen und Sachverständige im hervorragenden Interesse der Rechtspflege liegt. Denn* es ist kein Zweifel, daß die Ausübung der Zeugen- und Sachverständigen­pflicht zu denfenigen Pflichten gehört, denen sich der Mensch am liebsten zu entziehen sucht.

Dies geschieht nicht allein deshalb, weil der Zeuge und der Sachverständige infolge des Erschei­nens vor Gericht oder der Ausarbeitung eines Gut­achtens ihrem Erwerbe eine Zeitlang entzogen wer­den. Gewiß kommt für viele Erwerbstätige auch die­ser Gesichtspunkt wesentlich in Betracht. Sie emp-

zu klopfen — daneben taucht ein geliebtes Antlitz auf — sein Antlitz, das Antlitz des Mannes, um dessent- willen sie hier auf der Anklagebank sitzt. . . .

Barrikigtons Züge sind schmaler, bleicher gewor­den; ein etwas scharfer Zug zwischen Nase und Mund läßt ihn um Jahre gealtert erscheinen.

Er leidet — leidet um ihretwillen! Also liebt er sie noch!

Ein glückliches, rührend dankbares Sächeln um- ssiielt ihre Lippen. Das Schreckliche ihrer Sage ist für einige Augenblicke vergessen. . . .

Thomas Mackav hat seine Aussagen beendet. Mit selbstzufriedener Miene setzt er sich auf die Zeugen­bank und steck! dir Hände in die Hosentaschen. Von Zeit zu Zeit schielt er zu der Angeklagten hinüber, sich an deren ersichtlicher Erregung weidend.

Plötzlich preßt er einen Fluch zwischen den Zähnen hervor. Tiefe Röte steigt in seine häßlichen Züge und macht sie noch abstoßender.

Der Teufel auch — ist das nicht feine Frau, di, soeben, von einem Gerichtsbeamten geleitet, b:e Schwelle überschreitet?!

Frau Mackay ist ersichtlich ängstlich. Sie schwankt fast in den Saal herein.

Als sie Gerda Douglas' Eckplatz passiert, fühlt sie die leise Berührung einer Weichen Hand und eine auf. munternde Stimme flüstert ihr zu:

„Mut, Fran Mackay! Vergessen Sie nicht: Sie verteidigen Jlr einziges Kind!"

Die wenigen Worte haben eine elektrisierende Wirkung auf die arme Mutter. Kerzengerade richtet sie ihren gebrechlichen Oberkörper auf.. Erhobenen Hauptes schreitet sie nach dem Zeugenstand.

Ruhig läßt sie die üblichen Formalitäten über sich ergehen, hebt sie die Hand zum Schwur, küßt sie die Btbel.

Dann blickt sie Felicie an, deren traurige Augen fest auf sie gerichtet sind, und eine Vision zieht an ihrem Geist vorüber: sie sieht ihr Kind als Säugling in der Mutter Armen; sie sieht es als tapferes Mad- chen, die Mutter gegen die Roheiten des Stiefvaters verteidigend; sie sieht es als glückliche Brant vor dem Altar in eine Wolke von schneeigem Weitz gehüllt. . .