3. Biatt. Fuldaer Zeitlina. •**
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© Reichstagsarbeit
Die Reichsboten rüsten sich zur Inangriffnahme der chrcr im Reichstage harrenden Winterarbeit. Nach der aufregenden und aufreibenden Sommertagung wird es in diesem Jahre aller Voraussicht nach einen stillen Winter geben, denn der Reichstag wird sich in dem am 25. ds. Mts. beginnenden Tagungsabschnitt kaum mit größeren Gesetzesvorlagen zu befassen haben, die das Allgemeininteresse restlos in Anspruch nähmen.
Tie erste Etatslesung wird wahrscheinlich einen Widerhall der bedeutsamen innerpolitischen Vorgänge der jüngsten Zeit sein, besonders der Beendigung der beiden Regentschaften in Braunschweig und Boyern. Man wird gewiß auch nicht verfehlen, auf die Verfasiungsmisere in Mecklenburg, das reformbedürftige Wahlrecht in Preußen und eine Neueinteilung der Reichstagswahlkreise zu sprechen zu kommen, da in der politischen Sommer- stille hierüber reichlich hin- und hergeredet worden ist.
An unerledigten Gesetzentwürfen liegen den. Reichstag von früher noch das Petroleum- Monopol-Gesetz, das Postscheckgesetz, das Kindersaugflaschengesetz, die Vorlage über das Gerichtsverfahren gegen Jugendliche und das Gesetz über das Erbrecht des Reiches vor. Noch gänzlich unberaten liegt dem Reichstag aus dem letzten Tagungsabschnitt noch das Spionagegesetz vor.
Inzwischen sind dem Reichstag aber mehrere neue Gesetzesvorlagen zugegangen, die in ihrer Mehrzahl nur für beschränkte Kreise Interesse und Bedeutung haben. Am meisten ist bisher der Entwurf zur Regelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe besprochen worden, der den langgehegten Wünschen der Handelsangestellt Erfüllung bringen soll. Ein Entwurf über den Kolonialgerichtshof sieht die Errichtung eines obersten Gerichtshofes für die Kolonialgerichtsbarkeit vor, während die Kon- fulargerichtsbarkeit dem Reichsgericht verbleiben soll. Eine Novelle zur Gewerbeordnung verbietet den Handel mit Rohbernstein und Pfandscheinen und sieht eine Einschränkung der Wanderlager vor, deren Errichtung sie von der Bedürfnisfrage abhängig macht und den Landeszentralbehörden und den Gemeinden das Recht gibt, dahingehende Bestimmungen zu treffen.
Zwei neue Iustizgesetzentwürfe dürfen der Billigung des rechtssuchenden Publikums gewiß sein, da sie der Langsamkeit und Kostspieligkeit der Rechtspflege entgegenwirken sollen. Der eine dieser Entwürfe versucht die aus dem Jahre 1878 stammende Gebührenordnung für Z eug en und S a ch v erst ä n d i g e den heutigen Begriffen von Geld und Geldeswert anzupassen und erhöht für Sachverständige die Gebühren für Zeitversäumnis, die bisher höchstens zwei Mark für jede angefangene Stunde betrogen, für besonders schwierige Ausnahmefälle bis auf höchstens 6 Mark für die Stunde. Ferner sollen die Entschädigungssätze für Barauslagen gleichmäßig für Sachverständige und Zeugen um 50 % erhöht werden. Der andere kleine Iustizentwurf will die seit dem 16. September 1910 beim Reichsgericht eingeführte Mitwirkung von Hilfsrichtern noch bis zum 1. Juli 1914 bestehen lasten. Ohne die Annahme dieses Enttvurfes würden die Hilfsrichter mit Schluß dieses Jahres ihre Arbeit einstellen müssen; darum soll der Etat 1914 einige Reichsgerichtsratsstellen anfordern, um der Geschäftslage der Strafsenate Rechnung zu tragen, die in ununterbrochenem Wachstum begriffen ist. Das zu erwartende Reichskinogesetz fordert vor allem die Konzessionierung der Lichtspiele und eine schärfere Zensur des Films. Erfreulicherweise ist auch ein Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Schmutz- und Schundliteratur dem Bundesrat zur Beschlußfassung zuqeganqen; da aber zu diesem Entwurf noch eine Reihe erst zu beratender Anträge vorsiegt, kann mit der Einbringung dieser Vorlage im Reichstag in nächster Zeit kaum gerechnet werden. Ferner wird der Reichstag über eine Novelle zur Besoldunqsordnung, die im Reich und in Preußen übereinstimmend durchgeführt werden soll, Beschluß zu fassen haben. Voraussichtlich wird er sich auch mit einem Gesetzentwurf über Aufbesserung der Altpensionäre zu befassen haben. Gleich in den ersten Tagen nach Wieder- zusammentrftt wird auf Grund einer sozialdemokratischen Interpellation die brennende Frage der A r - b e i t s l o s e n zur Sprache kommen und bei dieser Gelegenheit wird die Reichsreoierunq auch nicht um eine klare Stellungnahme hierzu herumkommen, da die Inangriffnahme dieser Frage von Reichs- oder Staatswegen unabweisbar geworden ist.
Kleines Feuilleton.
— Bayerns neue Königin. Die Gemahlin des Königs Ludwig Hl. von Bayern ist die erste katholische bayerische Königin. Die drei Königinnen, die Bayern vor ihr hatte, waren alle drei Protestantinnen: die Königin Karoline, Gemahlin des Königs Max I. Joseph, eine Prinzeffin von Baden, die Königin Therese, Gemahlin des Königs Ludwig I., eine Prinzeflin von Sachsen-Altenburg, und die Königin Maria, Gemahlin des Königs Max II., eine Prm- zestin von Preußen. Erst als Witwe trat die Königin Maria zur katholischen Kirche über. Die neue Königin Maria Theresia von Bayern wurde am 2. Juli 1849 zu Brünn geboren als einziges Kind des Erzherzogs Ferdinand von Oesterreich-Este, eines jüngeren Bruders des letzten Herzogs Franz V. von Mo- Sena. Ihr Vater starb, als sie noch nicht ein halbes Jahr alt war. Jher Mutter Elisabeth war auch wn Geburt eine Erzherzogin, eine Tochter des Erz- Herzog Joseph, des Palatins von Ungarn, und vermählte sich 1854 in zweiter Ehe mit bcnt Erzherzog Karl Ferdinand von Oesterreich: die aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder, die Erzherzoge Friedrich, Karl Stephan und Eugen, sowie die Königin-Witwe Maria Ehristine von Spanien, sind also die Stiefgeschwister der Königin Maria Therese. „Unter der weisen und milden Leitung ihrer Mutter wuchs die junge Maria Therese auf und erhielt von verschiedenen Lehrern in allen Fächern, besonders auch in der, Malerei, Musik und Botanik Unterricht". So berichtet Professor Dr. Hans Reidelbach, der Geschichtsschreiber des Hauses Wittelsbach. Eine Freundin der Natur ist sie immer geblieben. Noch nach ihrer Vermahlung, die am 20. Februar 1863 in Wien gefeiert wurde,,ließ sie sich in der Botanik un- terwcisen. In Leutstetten, dem zwischen München und Starnberg gelegenen Landsitze ihres Gemahls, hat sic Anlagen von Alpen und Zierpflanzen geschaffen und selbst mit Sorgfalt und Verständnis ge
ll Ein Knlturbild aus innerer Ostmarkenpolitik.
Der Deutsche Ostmarkenverein setzt Preise von 10 000, 5000 und 3000 und zwei von je 1000 Mark für O st marke nromane aus, die das Interesse für die Ostmarkenfrage in Kreise hineintragen sollen, die ihr bisher noch verständnislos gegenüberstehen. Neun Personen haben das Preisrichteramt über- nomnien.
Gibt das Preisausschrechen des Ostmarkenvereins nicht zu denken? Mit Rechtsgründen und an der Hand von Tatsachen kann man kein Interesse für die hakatistische Polenpolitik erwecken, da muß man schon zu — Romanen greifen, um Stimmung zu machen.
Und nun ein Kulturbild als Ergebnis der Ostmarkenpolitik aus einem Kulturstaate, dessen schreiende Wirklichkeit einen vortrefflichen Hintergrund zu einen, Ostmarkenroman liefert. Beansprucht dieser Roman auch nicht den Preis von 10 000 Mk., so doch die Beachtung der Preisrichter!
Im Kreise S t r as b u r g (Westpreußen) liegt an einem Bacbe die Ortschaft Dingi most. Das ehe- malige Baron Golzsche Restaut liegt auf einer, die 120 Morgen große Mühlenbesitzung auf der anderen Bachseite. Einen scharfen Gegensatz zeigt dies Bild, wenn man sieht und weiß, daß der Bach Grund und Boden für zwei Besitzer teilt. Dieseits das alte, ehrwürdige, geräumige Gutshaus mit Wirtschaftsgebäuden — jenseits die Müble, Stall mit Scheune, aber kein Wohnhaus. Man steht vor einem Verier- bild: Wo ist das Wobnbaus zum Mühlengruudstück? Lösung: „Die polizeiliche Genebmiaung zur Anlage einer Feuerstelle wurde versagt!"
Müblen- und Grundbesitzer Sternicki bat lange, lange Zeit vergebens nm die volizeiliche Genehmigung rum Wohnhausbau. Seine Wohnung, eine Stube im absiegenden Instbaufe des anliegenden Restgutes, welche ihm in christlicher Nächstenliebe abgetreten wird, erweist sich schon Tanae als ru klein, denn die Sternick'sche Familie räblt 16 — sechs,ebn — Kövfe. Biele Bitten und Hinweise aus die unmöglichen Woh- nungsverbältnisse und die vierrebnkövfiae Kinderschar erweichen die ausführenden Bolireiorgane nicht. Ja. sogar die Genehmigung Mir Einricbfuno einer Waschküche im Stalle, wie sie sonst einem Ansiedler, der sie nickt einmal gebraucht, genebmiat wird — wird ver- weiaert, weil der Herr Landrat befürchtet, in der Waschküche könnte auch das Esten für die Famisi- gekocht und die Waschung der vierzehn Kinder vollzogen werden!!
Seit dem Sommer aeftaltet sich das Bild noch trauriger. Müble und Scheune, die nur gering versichert waren, wurden durch Feuer rerstört. Wie hilft sich nun ein kluoer Bausvater? In einem Erdlock- der steil abfallenden Bachböfchuno bat er aus Reisio —. mit Rafen befett eine H ö h l e n w ob n u n a geschaffen. Selbsthilfe! Trguria — aber wahr!
Warum dieser harte Druck für einen sgraenden Familienvater, der trotz seiner volnif-ben Mutter- fvrache ein hiederer St,-,atsano-börioer ist und den- iNaterlande dereinft Soldaten stellt. Di- Antwort D einfach: Die Ostmarkenpolitik fordert e s f n ’
gwöaen die Freunde des Ostmarkenverems unv der Ostmarkenvolitik d-efes Bild auf ibren Schreihfif^ stellen und es denkend aufchgu-n! Haben sie noch ein menschliches Her» — so müf'-n sie abfasi-n von ibrem blinden Fanatismus unv faaen: „Auch du bitt mein Bruder wir woff-n in Frieden nebeneinander und füreinander leben."
* .Qetfeler und Bebel.
Unter dieser Ueberschrift bringt das „Mainzer Journal" folgende Gegenüberstellung, die den Lesern zum Nachdenken unterbreitet sei:
Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr v. Kettele r, be- Sproß eines alten Adelsgeschlechtes, erkannte frühzeitig die Aufgabe, sich den Jnteresten des werktätigen Volkes zu widmen, und arbeitete sich mit der "ihm eigenen Energie in das Wesen der sozialen Frage ein. In August Bebel, einem Kinde des Handwerkerstandes, wuchs die soziale Frage gleichsam aus sich heraus. Zwei diametral sich geqenübersteh-nde Weltanschauungen finden sich in diesen beiden Männern verkörpert: Bischof Kette- ler, der Bannerträger der katholischen Weltanschauung, August Bebel, Führer des vierten Standes, zum A t.h e i s m u s, zum Republikanismus, zum Kommunismus.
Wer von beiden Männern seinen Grundsätzen treuer war. wer von ihnen opferwilliger seine Liebe zum werktätiaen Volke dokumentierte, das ergab sich
pflegt. In wissenschaftlichen Zeitschriften hat sie nicht nur Berichte über neue Standorte seltener Pflanzen veröffentlicht, sondern auch die Bilder dazu mit eigener Hand gefertigt. Denn sie ist für die Malkunst ungewöhnlich begabt, und wenn sie zahlreiche Landschaften in Oel und Aquarell schuf, so hat sie doch am liebsten die Pflanzenwelt zum Vorbild genommen. Auch eine geübte, in der Harnwnielehre ausgebildete Klavierspielerin ist Bayerns neue Königin. Aber ihre wissenschaftlichen und künstlerischen Neigungen haben sie nie gehindert, in erster Linie eine tüchtige und umsichtige Hausfrau und ihrem Gemahl die liebevollste Gefährtin zu sein. Leider hat zunehmende Kränklichkeit sie in den letzten Jahren gezwungen, sich Schonung aufzulegen, und ihre angeborene Beweglichkeit verringert. — Nach 50jähriger Pause hat Bayern nun auch wieder einen Kronprinzen in dem jetzt 44 Jahre alten Prinzen Dr. Rupprecht von Bayern, der mit der Herzogin Marie Gabriele in Bayern seit dem Jahre 1900 vermählt ist. Diesem Bunde sind 3 Söhne entsprossen, von denen der Erbprinz Luitpold im Mai das 12. Lebensjahr vollendete. Der jüngste Soh.i starb im vorigen Jahre.
— Günstige Heiratsaussichten. Die allgemeine Klage, daß für so viele Mädchen keine Männer da sind, verliert mehr und mehe an Geltung. Dae zeigen deutlich die ftatiftifchen Nachweise, die Dr. Gertrud Bäumer in einem Aussatz von „lieber Land und Meer" beibringt. Die Abnahme des so oft beklagten Frauenüberschusses prägt sich immer ftärter aus. Noch 1882 gab es in Deutschland 920615 Frauen mehr als SJlänner, d. h. auf 1000 Männer kamen 1041 Frauen. Heule gibt es bei weit größerer Gesamibeoölkerung nur noch" 798 329 Frauen mehr als üDlänner, d. b. auf 1000 Männer tommen 1026 Frauen. Diese Wandlung rüh-l aus zwei Ursachen her: einmal Hörle die Auswanderung, die sehr viele Männer dem Laude entzogen halte, mehr und mehr auf, und dann wurden durch energische Bekämpsung der Säuglingssterblichkeit mehr Knaben als 'Mädchen dem Volke erhallen. Es werden ja durchweg mehr Knaben als Mädchen geboren. In Deulschland auf
in offenkundigster Weise bei deren Lebensab- s ch I u s s e. Während seiner 25jährigen Amtszeit als Bischof von Mainz hat Bettelei durch die verschiedensten Maßnahmen — Berufung von Krankenschwestern, Gründung von Spitälern und Waisenhäusern, Bildung von Unterstützungsvereinen, für deren Gründung und Erhaltung er einen großen Teil seiner Einkünfte opferte, seinem Interesse für den vierten Stand einen solch tatkräftigen Ausdruck von dauerndem Werte gegeben, daß Bebel nichts annähernd gleichwer- tiges dem gegenüberzustellen hat; im Gegenteil — Bebel hat während seines ganzen Lebens, soweit seine Person in Frage kam, den Ideen des Kommu- nismus fber Lehre, daß Vermögen Diebstahl sei) kein Verstänbnis entgegengebracht . . . was er erwarb, baS wahrte unb hütete er treu als sein eigen, und verleugnete so für seine Person das Partei' Programm, das auf wirtschaftlichem Gebiete die Einführung des Kommunismus zum Ziele hat. Als Mensch — als Privatmann durfte Bebel so handeln, wie er getan ... als Politiker, als Apostel des Kommunismus hat er v e r s a g t. Und Was bis jetzt Über das Testament Bebels bekannt wurde, bestätigt nur, daß Bebels Theorie an der von ihm geübten Praxis — was mein ist. bleibt mein — Schiffbruch gelitten hat. — Wie gelebt — so gestorben.
Am Grabe K e 11 e I e r § ergab sich ein anderes, ein schöneres Bild. Da heißt es in dem untcrm 30. Januar 1877 errichteten Testamente des bischöflichen Freiherrn, und zwar in § 7:
„Außer dem in meinem ©chreibtifdie befindlichen baren (Selbe habe ick kein Vermögen. WaS ich batte, habe ich zu guten Zwecken rerrornbet. Was sich an barem (Selbe noch corfinbet, fall nach Befriedigung aller noch etwaigen rechtlichen Forderungen an mich gleichfalls durch den Vinzenzverein an Arme ausgeteilt werden "
In Abschnitt 3 hatte der Testator bereits verfügt: „Die kleine Zahl von Kostbarkeiten, die sich in meinem Besitze befinden und bei verschiedenen Gelegenheiten mit geschenkt wurden, sollen, soweit sie wertvoll sind, verwertet, unb der Erlös davon verwendet werden, wie unter Nr. 7 und 8 angegeben werden wird." (Nr. 7: Linienu>erein, Nr 8: Dienstboten.^
Dieses Testament spricht mehr als Bände über den Gegensatz Ketteler-Bebel. Kettelet hat nicht so viele Reden gehalten und nicht so viel geschrieben für die Arbeiter wie Bebel, Kettelet hat aber meh r getan .. . was er aus seinen Einkünften bei seiner überaus einfachen Lebenshaltung, erübrigte, das hat er für die große Idee . . . dem vierten Stande helfen zu wollen, geopfert. Wollen wir selbst den Stand' punkt der beiden entgegengesetzten Weltanschauungen ganz außer acht lassen unb uns auf ben nüchternen materiellen Standpunkt stellen, auch dann überragt Kettelet um Leuchtturmhöhe seinen Antipoden August Bebel.
Deutsches Reich.
s. Der Verband deutscher Juden hielt in Anwesenheit von Verlretern des Senats und der Bürgerschaft der Freien- und Hansastadt Hamburg feine 5. Hauptversammlung ab. lieber die Juden im öffentlichen Leben fpracti Rechtsanwalt Dr. Haas-Karlsruhe i. B. Es müsse unbedingt die angestrebte Gleichberechtigung der Juden mit den Angehörigen der anderen Reli- aionSgemeinschaften durchgeführt werden. , Bisher stehe die Gleichberechtigung nur auf dem Papier. Bei der Wahl von Schöffen und Geschworenen Übergehe man die Juden geflissentlich. Nicht viel besser sei es bezüglich der Anstellung der Juden als öffentliche Beamte, auch die Naturalisation der Juden werde ungebührlich erschwert und die Einwanderung von Juden nach Rui land stoße an den Grenzen auf mehr als unleidliche Verhältnisse. Es wurde a!5 Beschluß des Judenlages folgende Resolution angenommen: Wir erstreben: Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Religion und dadurch die gerechte Würdigung ihrer grundlegenden Lehren. Wir bekämpfen alle Darstellungen vom Judentum, burcti die der Anschein erweckt wird, als entsprächen feine Lehren nicht den höchsten Forderungen der Sittlichkeit. Wir erstreben uneingeschränkte Durchführung der Bersaffmigs« und Gesetzesbestimmungen über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ohne Rücksicht aut ihre Religion. Wir belämpsen jeden Versuch, durch Vorwände die Verletzung jener Bestimmungen zu beschönigen. Wir bekämpsen amtliche Befragungen und Auszeichnungen über die Religion der Klaats- angehörigen, auch der Heeresangehörigen und Beamten, soweit nicht Rechten und Pflichten gesetzlich von der Zuständigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft ad- hängen. Wir erstreben gleichmäßige Zuweisung von Staatsmitteln zu kirchlichen Zwecken an alle Religions- gemeinschasteii, solange der Staat an einzelne von ihnen Zuschüsse leistet. Wir bekämpsen die Heranziehung von Vermögen der Juden zugunsten der christlichen Kirchen durch Beitragsleistung aus den auch von Juden cius- aedrachten Slaalsslenern allein für christliche Kullus- 100 Mädchen 106 Kl oben. Da IM frühesten Aller aber viel mehr Knaben als Mädchen sterben, ging dieser Ueberschuß wieder verloren. So betrug 1895 der Ueberschuß an Knaben bei Kindern unter 14 Jahren nur 1700, 1907 dagegen 61602. Jedenfalls läßt die Statmik erkennen, daß im eigentlichen Heiratsalter heute ein Frauenüberschuß nicht vorhanden ist und daß bloße Zahlenverhältnis der Gi schlechter günstige Heiratsaussichten bietet. Es sind sogar beträchtlich mehr Heiratskandidalen da, als notwendig wären. Die wirtschaftliche Lage und die soziale Stellung freilich bieten schwere Hindernisse für ein Zunehmen der Heiraten, doch sind im allgemeinen Heiraten heut häufiger geworden, als früher. Von 1000 Menschen traten 1895 340 verheiratet, 1907 353. Es gab 1907 weniger unverheiratete Frauen als 1895. _ Die Zahl bet weiblichen Ledigen im Heiratsalter ist um 1,68 Pcoz. zurückgegangen; auch das Heiratsalter der Männer bat sich verjüngt. Es heirateten 1907 eine Ttmel Million Männer mehr unter 30 Jahren al» 1895.
— Ter korrekte Engländer. Jules Janin, der berühmte französische Kritiker, war ein wunderlicher Kauz; immer trug er die Maske unerschütterlicher Würde, nie sah man ihn lachen, unb stets erschien er nur schwatz gekleidet, in einem feierlichen Gehrock, liefet Gehrock Janins wurde der Held zahlloser Legenden und Aneldoten; die lustigste von ihnen aber ist das Abenteuer, das Janin mit seinem Gehrock m Paris erlebt haben soll. Der Kritiker las im Cafe Verrey gemütlich eine Zeitung; ihm gegenüber am Nachbartijche trank ein korrekter englischer Gentleman mit würdevoller Gelassenheit seinen Grog. Plötzlich erhebt der Engländer feine Stimme und ruft den Kellner. ,0, Kellnerr, können Sie mich sagen, nie heißt sich der Herr, der dort lieft d e Zeitung gelehnt an die Oien?" »Ich weiß es nicht, ich kenne den Herrn nicht." ,0/ Und der Engländer steht auf und geht zum Büfett. ,0, Fräulein, können Sie mich jagen, nie heißt sich der Herr, der dort lieft die Zeitung gelehnt an die Ofen?" .Es tut mir leid, ich weiß es nicht, der Herr ist kein Stammgast." „O,
JV? 265.
Samstag 15. November W3
zwecke. Wir erstreben tatkrästtge Stellungnahme der deutschen Behörden gegen die Zurücksetzung deutscher Inden bei Reisen nach Rußland und grundsätzliche Ad- tehnuiig jeder Mitwirkung an Religionsunterscheidungen bei Paiieiteilung. Wir bekämpsen alle Maßnahmen, durch welche bei Ausweisung und Einbürgerung Juden anders behandelt werden, als Christen.
-r- Straßburg. 14. November 1913. In Elsaß- Lothringen ist auf politischem Gebiete eigentli ch immer .etwas los". Zur Zeit ist ein Kafernenzwischensall nicht geklärt. Der ,Nouvelliste' meldete oonjinem Jnstruktionsosfizier im 5. Trainbataillon zu »trag« bürg, der zu den katholischen Einjährig - Freiwilligen gefügt haben soll: .Die Katholiken mag ich nicht leiden; die Leute gehen mir zu viel in die Kirche. Die Meldung ging in andere Blätter über. Die 'Militärbehörde hat sich noch nicht geäußert. Dieses etwas auffällige Schweigen läßt verschiedene Deutungen zu. Ist die Meldung eine Eme, würde fichs wohl empfehlen, dem Federvieh rasch den Garaus zu machen. Im andern Falle wäre ein Bedauern der Entgleisung dringend am Platze.
Ausland.
* Wie die portugiesischen Monarchisten^ verrate» wurden. Jetzt wird eine intereffanle Spionage« geschichte bekannt, die zu der portugiesischen Monar- chisten führte. Der ,©ocoloz bringt die Nachricht, daß die portugiesische Polizeibehörde in Oporto einen gewissen Sencaitio, der als Fahrradagent tätig ist, und der durch seine wenig feste Ueberzeugung als Republikaner bekannt war, als Spitzel benutzte. Lencastro, dessen politische Ueberzeugung allgemein bekannt war, war es ein leichtes, in die monarchistischen Kreisen Eintritt zu finden. Er leistete den Monarchisten wertvolle Dienste, doch unterließ er es nicht, die Polizeibehörde hiervon stets genau zu unterrichten. Ali seinerzeit Waffen eingeschmuggelt wurden, machte er sich anheischig, für ein gutes Versteck Sorge zu tragen. Es gelang ihm auch, die Waffen in einem sicheren Versteck unterjubrmgen. Selbstverständlich unterließ er jedoch nicht, die Polizei sofort hiervon in Kenntnis zu setzen, die ihn stillschweigend gewähren ließ. Als die Polizeibehörde jedoch diesen Ott entdeckte, der nur Lencastro bekannt war, schöpften die Monarchisten endlich Verdacht. Für den Kapitän Coutinho war gerade noch Zett genug, sich in Sicherheit zu bringen. Die anderen hingegen wurden sämtlich in Hast genommen. Len- Castro hatte selbst Cintinho nach Portugal hlnem- geschmuggelt und ihn dort an einen Platz gebracht, wo er sich sicher und verborgen glaubte, und lerne Ahnung davon hatte, daß er gewissermaßen mit Hilfe der Polizei hineingeschmuggelt worden war. Auch der bekannte Monarchist Gras Maugualdo war von Lencastro mit Einwilligung der Polizeibehörde nach Oporto gebracht worden. In dem Augenblick jedoch, wo er in sein Versteck untergebracht wurde, hatte dte Polizei bereits das Haus umstellt.
Aus dem Nachbargebiete.
k. Böckels, 15. Nov. 1913. Am nächsten Mittwoch den 19 November findet hier in der Wirtschaft vost Hau nachmittags 3 Uhr die Generalversamm« lung des Böckelser DarlehnSkassenver- eins statt. Herr RechnungSrat Drinnenberg-Fulda, der eifrige Raiffeisen-Mann, wird an dieser Versammlung teilnehmen und einen sehr interessanten lehrreichen Vortrag halten.
4- Flieden (KrS. Fulda), 14. Nov. 1913. Heute wurde in der Pfarrei Flieden der Schutzengelbund gegründet. Es ist damit eine Einrichtung getroffen worden, die von allen Aerzteu und Jugend- erziehern gefordert wird, auch von unserem Hochw. Herrn Bischof gesegnet und warm empfohlen wurde. Alle Kinder der Pfarrei kca. 700) waren anwesend; selbst solche, die über eine Stunde Weges hatten, waren da. Herr Verbandssekretär K n i ch e l von Leutesdorf a. Rh. zeigte in klaren Worten in praktischen Beispielen die Schädlichkeit deS Alkohols für die Kinder an Geist und Körper. Die Kinder waren für die gute Sache alle begeistert, und wenn die Eltern kein Hindernis in den Weg legen, werden sicher alle eintreten. Wir dürfen wohl das feste Vertrauen zu den Eltern haben, daß sie ihre Kinder in den Schutzengelbund eintreten lassen, was zu ihrem eigenen Nutzen ist. Bischof Keppler von Rottenburg bezeichnet es ja al5 eine „himmelschreiende Sünde und ein Verbrechen und Giftmischerei, wenn Eltern oder Erwachsene Ben Kindern Alkohol zu trinken geben."
* Wiiidecken (bei Hanau), 14, Nov. 1913. Der 7jährige Sohn des Zimmermanns W. Schweins- berger vergnügte sich gestern mit mehreren Kameraden
vollen Sie mich rufen, bitte, das Besitzer von oer Cai«." Der Besitzer erscheint. „O, verzeihen Sie mich, können Sie mich sagen, nie heißt sich der Herr, der dort lieft die Zeitung gelehnt an die Ofen f" „Nein, mein Herr, ich sehe ihn zum ersten Male/^ Da gibt sich der Engländer entschlossen einen Ruck, geht geradeswegs auf den Unbekannten zu. „O, verzeihen Sie mich, daß ich neme diesen lieg, mich Ihnen zu stellen vor: Mein Name heißt Smith." Jamn blickt auf, ein roeuig erstaunt, dann nennt er auch seinen Namen. „O, M. Jules Janin, Sie verzeihen: aber ich bin gekommen. Sie aufmerksam zu machen,' daß Ihre Gehrock brennt." Inzwischen war der eine Rockschoß des Gehrockes fast in Asche verwandelt.
— Tie Visitenkarte mit Situationsplan. Eine praktische Sitte beginnt sich in Berlin einzubürgern. Bei Besuchen, die einen Gegenbesuch erwarten lassen, überreicht man eine Karte, auf deren Rückseite die Lage des von dem Kartenabgeber bewohnten Hauses und die besten Fahrverbindungen angegeben sind. Tie Sitte, ungemein praktisch bei den weiten, zeitraubenden Entfernungen Berlins, stammt aus England und findet in der deutschen Reichshanptstadt sehr schnell Nachahmung.
— Allerlei Weisheit. Wenn man sich eine Erfindung in allen Ländern der Welt schützen lassen wollte, müßte man 64 Patente erwerben und hierfür saft 70,800 Mark Kosten unb Gebühren tm ersten Jahre bezahlen. — Dem 30jährigen Kriege fielen 10 Millionen Menschen teils in den Schlachten, teils durch Krankheiten zum Opfer. — Im Staate Griechenland läßt man einem zum Tode Vertu teilten noch 2 Jahre Zeit bis zur Vollstreckung des Urteils. — Alljährlich gehen auf den verschiedenen Meeren rund 2000 schiffe tugrunOe im Durchschnittswerte von 400 Millionelt Mark, und etwa 120,000 Menschen verlieren habet ihr Leben. — Zu einem echten Turban, wie ihn die Türken und Inder tragen, sind 15 'Meter Stoff er« forderlich. — Schmetterlinge können bis 4000 Meter hoch fliegen. Man hat solche Tiere in dieser Höhe auf den Anden und auch auf dem Himalaya angetroffen. mo.