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40. Zahrgang.
Freitag den 14» November 1913»
Erstes Blatt.
Nr. 264.
* Eine partikularistische Thronrede.
Am gestrigen Donnerstag wurde in Dresden der jachfifche Landtag vom König mit einer Thronrede eröffnet, die einiges Aufsehen erregt.
Die Thronrede gedenkt zunächst der vaterländischen ErinnerungStage dieses Jahres, begrüßt dann mit Genug, tuung die Annahme der Wehrvorlage, die einen fort- bauentben Frieden verbürge und fährt fort: Nicht ohne ernste Sorge erblickt aber meine Regierung t„ bet zur Deckung eine» Teils bet laufenden Ausgaben gewählten VermögenszuwachSsteuer eine Durch, brechung deS Grundsatzes, daß den Gliedstaaten bet Reiches zur Erfüllung ihrer bedeutsamen Aufgaben die direkten Steuern ungeschmälert zu belassen sind. Meine Regierung wird es daher alS eine ihrer wichtigsten Auf. gaben betrachten, im Einvernehmen mit der ReichSver. Lattung weitern Beeinträchtigungen der bundesstaatlichen Finanzrechte auf dem Gebiete der direkten Steuern entgegenzulreten. Die Red« weist dann noch auf den Ueberschuß im Etat der Finanz. Periode 1910/11 hin und beklagt den seil dem lausenden Jahre bemerkbar gewordenen Rückgang in der Beschäftigung einer Anzahl von Industriezweigen, der neuer* dings mehr und mehr feine Wirkung geltend mache. Ztim Schluß führt die Thronrede eine Reihe von Gesetz* entwürfen auf, so auf dem Gebiete der Berggesetzgebung und de» Kleinbahnwesens.
Ei wird gewiß auffallen, daß die sächsische Regierung Krttu übt an den jüngsten Reichsgesetzen und diese öffentliche Kritik sogar in das seierlichste Gewand der Thronrede kleidet. Uns will dieser königlich sächsische „BardikulariSmus" nicht recht ge-
Richt als ob wir der sächsischen Regierung daS Recht bestreiten wollten, über die Bermögenszuwachs- fteuer eine abweichende Meinung zu haben. In weiten Kreisen haben sich ja Meinungsverschiedenheiten gezeigt. Aber gerade deshalb, weil die Steuerkämpfe unter den positiven Parteien zu Gegensätzlichkeiten geführt haben, sollte man die Wunde ungestört sich vernarben lasten. Die sächsische Regierung hatte ja Gelegenheit, ihren Standpunkt nn B u n d es- r a t zu vertreten. Wenn nun die Beratung im Bun- deSrat mit der Genehmigung der BermögenszuwachS- steuer abgeschlossen hat, so muß sich die sächsische Regierung mit der vollendeten Tatsache abfinden. Auch wenn sie wirklich „ernste Sorge" hat, so kann die nachträgliche Krstik an dem Gegenstand ihrer Sorge nichts ändern. Sie kann höchstens die Gegensätze, die sich allmählich abmildern, wieder verschärfen und fruchtlose Polemiken von neuem Hervorrufen.
Wir könnten ja nun abermals den Gegenbeweis versuchen, daß der Rückgriff auf den Besitz in irgend einer Form notwendig war und daß die Heran- ziehung des Zuwachses vom Bermögen der Ein- zelstaaten noch weniger ins Gehege kommt, als eine allgemeine Reichsvermögenssteuer, die drohend tot Hintergründe stand. Aber warum das Wortgefecht erneuern? Wir haben den ernsten Verdacht, daß die sächsische Regierung überhaupt mit jeder Lösung der @teuerfrofle unzufrieden gewesen wäre, — eS sei denn, daß man die sächsische LieblingS- steuer, die hohe Abgabe vom Kindes- und Witwen-Erbe, eingeführt hätte. AllerdingS Wnnen die sächsischen Staatsmänner es als eine per- sönliche Niederlage empfinden, daß Reichstag und Reichsverwaltung gerade dieser dtrekten ErbschastS- steuer, für welche die sächsische Regierung mit so viel Eifer und Zähigkeit eintraten, ausgewichen sind. Ander Leute betrachten das als einen Vorzug oder wenigstens als einen mildernden Umstand für die be- schlossene ReichSftoanzreform.
Was nun die Zukunft angeht, fo haben wir nichts dagegen, wenn die sächsische Regierung sich gegen Beeinträchfigungen bei staatlichen Steuer- systemS wehren will. Die anderen BundeSregie- rungen haben vermutlich dieselbe Absicht. Wir Hof. ftn aber, daß sie nicht ebenfalls in den Thronreden
Zn 6er Schule des Leidens.
LSI Roman auS dem New-Aorker Leb««.
Bon Erich Friesen.
„Aber gewiß, liebe Frau Mackay."
„Werden Sie mich auch nicht betraten, Frau March?"
„Aber nein, liebe Frau Mackay. Nur heraus damit!"
„Sie werden also nicht —" sie weist mit der Hand zum Fenster ^incmS^—- „seine Partei neunten? •
„Die meines Mannes."
,Hm! Wenn ich zwischen Ihnen beiden wählen müßte — ich bin sicher, ich wurde auf Ihrer Seite stehen, Frau Mackay."
„Danke, Frau March! Also — ich bitte Sie um nichts weiter, als zu schweigen. Ich fahre nämlich nicht nach Long Island."
„Aber Sie haben doch ein Billet bis Long Island. Ich hab' es selbst gesehen —"
„Scht scht! Das Killet mag dorthin wandern, wo der Pfeffer wächst! Ich ftetge an der nächsten Station ans und fahre zurück nach Newyork. Und nun um des Himmelswillen — reinen Mund, Frau March, wenigstens bis die Gerichtsverhandlung vorbei ist! Wenn Sie mich betraten, haben Sie das Unglück einer armen, verzweifelnden Mutter auf dem Gewissen!"
Auf Frau March macht der tragische Ton, die flehende Miene ersichtlich Eindruck. Ganz erschrocken lehnt sie sich in ihre Ecke zurück.
„Beruhigen Sie sich nur, liebe Frau Mackay! Kein Sterbenswörtchen kommt über meine Lippen. Hier meine Hand darauf!"
Aerde Frauen schütteln einander kräftig die Hand.
Frau Mackay atmet auf.
„So, nun bin ich beruhigt! Als ich Sie vorhin zuerst sah — ich muß gestehen, ich glaubte, mein Mann hatte Six extra hergeschickt, um auf mich Acht zu geben."
■ Die roten Wangen der kleinen KrämuSfrau wer-
etne solche Kampfansage ergehen lassen. Denn das müßte ja den Eindruck erwecken, als ob der Reichstag entfchlosten wäre, noch weitere Reichslasten auf Vermögen oder Einkommen zu legen. Zu einer solchen Beunruhigung der öffentlichen Meinung liegt aber doch kein Grund vor.
Erfreulich ist es, daß die sächsische Regierung ihre Zukunftspolitik „im Einvernehmen mit der Reichsverwaltung" betreiben will. Wenn sie doch in dem Rückblick auf die jüngste Vergangenheit sich auch im Einklang mit dem Reichskanzler und der Mehrheit des Bundesrats gehalten hätte!
Will aber die sächsische Regierung wirklich das gute Recht der Einzelstaaten wahren, so empfehlen wir ihrer Aufmerksamkeit, daß es ein Reichsgesetz gibt, welches den Grundsatz durchbricht, daß die Kirch enpolitik Sache der Einzelstaaten sei. Leider hat bisher die sächsische Regierung sich für die Aufrechterhaltung dieses zentralistischen Gesetzes tos Zeug gelegt. Nach ihrer Bekehrung zum föderativen Prinzip bessert sie sich hoffentlich auch in diesem Punkte. Wir meinen nämlich das — I e s u i t e n - gesetzt
Deutsches Reich.
r Berlin, 12. Nov. 1918. Der Kaiser nahm am Donnerstag Vorträge des Kriegsministers, deS Präses der Artillerie-PrüfungSkommission, General* majors Sieger, und deS Chefs des Generalstabes der Armee, Generals der Infanterie v. Moltke, entgegen. — In der Sitzung deS BundeSratS vom Donnerstag wurde u. a. die Zustimmung erteilt dem Entwurf von Vorschriften zur Ergänzung der Eich- gebührenordnung, die Vorlage betreffend den Entwurf von Bestimmungen über die Herstellung von Zigarren und das Abrippen von Tabak in der Hausarbeit. und der Vorlage über Aenderung der Gebühr für Warenproben oder Warenmengen.
♦ «rweitenmg der Manöver? Di« .Germania' schreibt:
Sowohl di« Schulung der höheren und niederen Truppenführer für den Ernstfall, als auch die Notwendigkeit, die neuzeitliche kriegsmäßige Ausbildung der Truppen in größeren Verbänden noch mehr als bisher zu fördern und die Leistungen auf eine möglichst hohe Stufe zu bringen, zwingt zu einer weiteren AuSge- staltung der großen Manöver, wo» die An- forderung erhöhter Mittel hierfür im nächsten ReichshauShaltSetat notwendig macht. SS handelt sich einmal darum, den Umfang der «aifermanöver grundsätzlich zu erweitern, und ferner die« orpSmanöver unterLeitungderGeneralinspetteurederArmee-Jnfpektionen weiter auSznbaue», alS bisher vorgesehen wurde. Im diesjährigen Kaisermanöver standen z. B. zwei Armeekorps einander gegenüber; in Zukunft sollen stets mehrere Armeekorps auf jeder Seite stehen. WaS die KorpS- manöver unter Leitung der Generalinspetteure der Armee. JnspeNionen anbetrifft, die in diesem Jahre znm ersten Male angeordnet wurden, sosolltnZukunstdaSManövrieren gegen den markierten Femd in Fortfall kommen und es ist beabsichtigt, vom nächsten Jahre ab zwei KorpS der betreffenden GeneralinspeMon unter bet Leitung de» Generalinspekteurs gegeneinander manöverieren zu taffen.
*♦ Regierung und ArbeitSwilligenjchuh. Die Ent- schließung deS Jndustrierate» des HansabundeS, die ein ArbeitSwilligenschutzgeseh fordert, bildet, wie die ,Tägl. Rundschau' erfährt, den Gegenstand von Er- wägungen im ReichSamte deS Innern, gemeinsam mit ähnlichen Ersuchen anderer industrieller Körperschaften. Die Frage scheint unser« Regierungsstellen lebhaft zu beschäftigen, beim wie daS Blatt weiter hört, sind auch die zuständigen preußischen ReffortS zu den Beratungen über ein Schutzgesetz für ArbeitS- willige herangezogen worden. Bekanntlich hat sich die Reichsleitung bisher gegen ein Arbeitswilligen- fchutzgefetz ablehnend verhalten mit der Begründung, daß die bestehenden Bestimmungen bei energischer Handhabung ausreichen. Einzelne Bundesregierungen
den noch um ein erhebliches röter. Ihre Augen blitzen.
„Pfui, Frau Mackay! Wenn ich nicht wüßte, daß Sie erregt und — nie würde ich Ihnen diese Beeidigung verzeihen. Aber so —"
Und nochmals drücken die beiden einander verständnisinnig die Hand.
Niemand in dem überfüllten Kupee hat von der leise geführten Unterhaltung auch nur ein Wörtchen verstanden. Als der Zug gleich darauf hält und Frau Mackay mit freundlichem Kopfnicken gegen ihre Nachbarin auSsteigt, glaubt jeder, sie sei an ihrem BesttmmungSort angelangt.
Ein Seufzer der Erleichterung hebt die Brust der etosamen Frau auf dem Perron, als der Zug in der Ferne wieder verschwindet. Der Anfang ihres Planes ist geglückt. Ihr Mut wächst.
Rasch wechselt sie einen ihrer sechs Dollars, um sich ein Billet nach Newyork zu kaufen, und schon nach einer halben Stunde dampft sie denselben Weg, den sie soeben gekommen, wieder zurück.
, Als der Zug in die weite Bahnhofshalle entläuft, wird sie ganz nervös, vor Angst, ihren Mann zu sehen. Es ist eine alte Erfahrung: wünscht man brennend gern, eine bestimmte Person zu treffen, — man kann hundert gegen eins wetten, daß man ihr nirgendwo begegnet. Fürchtet man aber eine solche Begegnung, rennt man ihr gewöhnlich schon an der nächsten Straßenecke in die Arme.
Frau Mackay weiß nicht recht, was sie mit dem Tag anfangen soll. Auf der Straße will sie sich so wenig wie möglich blicken lassen, und jetzt schon ein kleines billiges Hotel aufsuchen, — es ist erst gegen zehn Uhr — erscheint ihr ebenfalls unklug.
Was also tun?
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke. Wie wär's, wenn sie versuchte, Felicie zu sprechen? —
Verflogen die Scheu vor dem Untersuchungsgefängnis, verschwunden die Angst, ihre Tochter ganz niedergedrückt und verändert zu finden. Eine gewaltige Sehnsucht ergreift plötzlich von ihrem ganzen Sein Besitz — eine unbezwingliche Sehnsucht nach dem etoiiaen Wesen, das sie auf Erden liebt das bis
stehen auf einem anderen Standpunkt, zum Beispiel die sächsische Regierung, die ichon vor Jahren im Bundesrate ein ArbeitSwilligenschutzgesetz gefordert bat.
<? Darmstadt, 13. Nov. 1913. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer hat heute die Beratung der Beamten- und .Lehrerbesoldungs
vorlagen beendet und in zahlreichen Puntten Abänderungen an den Vorschlägen der Regierung borgenommen. Zunächst wurde der Besoldungstarif einer gründlichen Revision unterzogen und dabei Ungleichheiten und Härten beseitigt, die in der Vorlage noch enthalten waren. In grundsätzlicher Hinsicht hat der Ausschuß die Gleichstellung aller akademisch gebildeter Keamten im Gegensatz zur Vorlage hergestellt, welche eine Bevorzugung der Richter enthielt. Eine Ausnahme wurde lediglich bei den dienstaufsichtführenden Richtern gemacht, die eine besondere Funktionszulage erhalten. $n gleicher Weise wurden die Vorstände der Finanzämter und Bezirkskasien in den fünf größten Städten des Landes bedacht. Eine wichtige Neuerung nahm der Ausschuß vor, indem er dem Drängen der ländlichen Vertreter nachgab und die im Jahre 1907 eingeführten Wohnungsgelber beseitigte. Die dafür bereit gestellten Mittel wurden als Zuschläge zu den Gehältern eingerechnet. Während die unteren und mittleren Beamten nach den Beschlüssen des Ausschusses im Allgemeinen den Bezügen der Preu- ßischen Beamten sich nähern, bleiben die akademisch gebildeten Beamten nicht unbedeutend hinter ihren preußischen Kollegen zurück. Eine weitere Neuerung, die der Ausschuß vorgenommen hat, besteht in der Herabsetzung des höchsten Pensionssatzes auf 85 Prozent; dieser Satz bewegt sich immer noch über dem preußischen Höchstsatz von 75 Prozent; dagegen wurden die Pensionen der Witwen und Waffen, die durch die Erhöhung der Gehälter ohnehin eine Steigerung erfahren, von 30 auf 35 Prozent erhöht. Die Gehälter der Volksschullehrer beschloß der Ausschuß wie folgt festzusetzen: von 3 zu 3 Jahren steigend 1500 Mk., 1600, 1700, 1900, 2100, 2300, 2500. 2800, 3000, 3200, 3500 und vom 35. Dienstjahr 3800 Mark. Die Dienstwohnung soll bei bet Pensionierung mit 500 Mk. in das Gehalt zugerechnet werden, sodaß die Lehrer in ihrer Gesamtpension den mittleren Beamten näherrücken. Eine völlige Gleichstellung mit letzteren fft mangels her notwendigen Mittel nicht möglich. Der Beschluß des Ausschusses bedeutet ohnehin bei den Besoldungen der Lehrer eine jährliche Mehrausgabe von 160 000 Mk. über die Regierungsvorlage hinaus. Noch ist zu bemerken, daß die Beamten in den größeren Städten des Landes und zwar in Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms und Gießen eine Lokalzulage erhalten, die sich nach der Höhe der Bezüge bemißt und zwischen 59 und 150 Mark schwankt.
* Karlsruhe, 13. Nov. 1913. Di« Eröffnung des Badischen Landtags ist für den 27. November tn Aussicht genommen. — Die Wahlen zur Ersten Badischen Kammer sind am Mittwoch vorgenommen worden. Bemerkenswerte Aenderungen in der Zusammensetzung der Kammer waren nicht zu erwarten und sind auch nicht eingetreten. Die Erste Kammer besteht auS 31 teils gewählten, teils vom Großherzog ernannten Mitgliedern. Von 21 zu wählenden Abgeordneten wurden 20 gewählt, und zwar 8 Grundherren, 2 Abgeordnete der Hochschulen, 3 der Han* delSkammern, 2 der Landwirtschaftskammer, 1 der tandwerkSkammer, 2 Vertreter der Städte der tädteordnung, 1 Vertreter der mittleren Städte und 1 Abgeordneter der Kreisausschüsse. Die Wahl des Abgeordneten der Hochschule Freiburg war erfolglos, da die abfolate Mehrheit nicht erreicht wurde. Am gestrigen Donnerstag fand dort ein zweiter Wahlgang statt.
vor kurzem noch ihr Glück, ihr Sonnenschein, ihr Alles war. — —
6 hin zu ihr — zu der geliebten Tochter!
:e freudige Aufregung ist so groß, daß sie sogar ten für etne Droschke nicht scheut. Nur schnell, schnell!
Am Untersuchungsgefängnis angelangt, erhält sie den Bescheid, die Gefangenen feien nur nachmittags zwischen zwei und drei Uhr zu sprechen.
Also weiter warten!--
Sie zieht den schwarzen Schleier fest über daS Gesicht und promeniert in der Nabe aus und ab —■ eine Stunde lang, zwei Stunden, drei Stunden. — — Sie merkt gar nicht, daß die Essenszett heranruckt. Unverwandt sind ihre Augen auf das weiße Zifferblatt der großen Uhr am Untersuchungsgefängnis gerichtet, deren schwarze Zeiger so langsam, ach gar fo langsam vorwärts schleichen. — —
Endlich zwei Uhr.
In fieberhafter Aufregung steigt Frau Mackay abermals die breite Freitreppe empor.
Nach Erledigung verschiedener Formalitäten wird sie von einer robusten Gefangenwärterin einen langen Gang entlang geleitet.
Plötzlich Halt vor einer eisenbeschlagenen Tür.
Die Wärterin schließt auf. Zögernd steht Frau Mackay auf der Schwelle, vor der mehr als dürftigen Ausstattung der Zelle zurückschreckend.
In der Mitte des kleinen halbdunklen Raumes sitzt an einem groben Tisch eine weibliche Gestalt. Beim Rasseln des Schlüsselbundes hebt sie den Kopf von dem Buch, in welchem sie anscheinend gelesen.
„Ttutter!!!"
Mil einem Aufschrei sinkt sie der zaghaft nähertretenden Frau an die Brust. Fest, fest schlingen sich die Arme der Mutter um ihr unglückliches Kind.
„Meine Lieh!"
Eine Zeitlang sprechen beide kein Wort. Die Erregung des Augenblicks fft zu groß
Die Wärterin hat sich in die äußerste Ecke der Zelle zurückgezogen und beginnt, in einem mitgebrach len Buche zu lesen.
Langsam lösen sich die Arme der Mutter vor dem
Ausland.
** Ungarischer Katholikentag. Unter zahlreichste? Beteiligung Ungarns und besonders der Hauptstadt fft der ungarische Katholikentag glanzvoll verlaufen. Der vergangene Samstag galt der kirchlichen Feier, wobei Füfftprimas Dr. Czernoch, der Prälat Abg. Dr. Gießwem und der Bischof Dr. Fischer-Colbrrs von Kaschau die Predigten hielten. Bei der Versammlung am Sonntag, der der Primas an der Spitze des Episkopates, der Kultus- und Unterrichts-^ Minister Bela von Jankovich, zahlreiche Katholiken- sührer und Abgeordnete, darunter auch Graf Appo- n'yi, beiwohnten, führte der frühere Kultus- und Unterrichtsminister im Kabinett Lukacs und Tisza, Graf Johann Zichy, den Vorsitz und hielt auch biä Eröffnungsrede. Weitere glänzende Redner Ware« Dr. Szmrescanyi, Mihalyi und Bischof Dr. Glattfelder. Auch der Primas hielt toteber eine kurz« Ansprache. DaS größte Aufsehen erregte es aber, als der Bischof von Vesprem, Baron Hornig, in seiner Ansprache erklärte, er müsse noch eine heikle Frage erwähnen, die eigentlich nicht in den Rahmen der (unpolittschen) Vorträge Passe, er sage darum auch nur soviel, daß man die Gesetze der rat auch in der Regierung beobachte« müsse. Mehr sage er nicht, man wtsse schon, woratt et henke. Es sprachen auch noch oppositionelle 5lb= geordnete, und zwar sehr scharf gegen die Regierung, am Diontag Stephan von Rakowszky, Graf Karoly,s Dr. Baß und Graf Apponyi. — Immer allgemeiner! besteht unter den Katholiken Ungarns die Hoffnung, daß Graf Johann Zichy, der ohnehin die jetzige Po- litif der Arbettspartei kaum mitmacht, das Erbe des Grafen Ferdinand Zichy antreten, d. h. sich an diS Spitze der Katholiken Ungarns stellen werde. Ditz Hoffnung wurde bejtärft, als er in feiner Katholikentagsrede fo auffallend scharf das Zusammengehen aller Katholiken auf sozialem Gebiete betonte unti die Katholiken aller politischen Lager dazu aufforderte. Einen besonderen Anlaß böte ihm die Zurücksetzung, die er soeben von Tisza erfahren hat. AIS eS sich darum handelte, wer von ber Arbeitspartei in Die halb zusammentretende Delegation entsandt werden sollte, unter anberm: ob Herr v. Lukacs ober Graf Johann Zichy? entschieb sich Graf Stephan Tisza für seinen „geehrten Freund", den „Pana- miften. Diese Bevorzugung erregt selbst in bett Kreisen der Arbeitspartei, die noch etwas Empfindung für die Moral haben, die nach den Worten deS Bischofs, Baron Hornig, auch in ber Regierung herrschen müsse, gerechtes Befremden.
Ä Frankreich und ber Vatikan. DaS gewiß nichts katholisch« .Journal b« Paris' bringt auS ber Feder eine» feiner bekanntesten Mitarbeiter einen Artikel über die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen, mit dem hl. Stuhle. In dem Artikel wird dringend diese Wiederherstellung gefordert und zum Schluffe heißt eS darin: „Der gegenwärtige Zustand ist verrückt, er ist geradezu tierisch und ich werde nicht aufhören, die» zu wiederholen biS zu dem Tage, an dem die Kammer die Beziehungen mit dem hl. Stuhls wieder aufnimmt, wa« hoffentlich bald geschehen wird.";
Ä Wie das religionslose Frankreich Allerseelen^ feiert Es ist geradezu unglaublich, bis zu welchem, Grade moralischer Verkommenhett man amtlicherseits in Frankreich schon gekommen fft. Nicht einmal daS, Andenken an die Toten, der Allerseelentag, ist ihnen, heilig; was am Aller eelentag in S e n o n e s, einem! Zentrum deS ftanzösi chen Radikalismus, geschah, ist nichts anderes als etne Totenschändung imt Genehmigung der Behörden. Um die Gläubigen von dem Besuche der Totenvesper abzuhalten, veranstaltete die Gemeinde einige Schritte von der Kirche, auf dem Rathausplatz ein großes Konzert (!) der Stadtkapelle. In das feierlich-ernste Geläute der Glocken von Senones und jener des ganzen Ta-
Hals der Tochter. Ein prüfender Blick umfaßt di« bebende Gestalt.
Wie dünn ist sie geworden! Wie bleich sind ditz Wangen, wie dunkel umrändert die Augen! Ach, man^eht es diesen Augen an, daß sie in den letzten drei Wochen viel geweint haben ■ viel geweint und wenig geschlafen!
Sanft geleitet die Mutter Felicie zum Stuhl. Wie einem kleinen Kinde streichelt sie ihr Hände, Haar! und Wangen. :i
„Meine liebe, liebe Lieh!"
Und endlich wird Felicie ruhiger. DaS herzergreifende Schluchzen hort auf. Nur noch ein paar heiß» Tränen rollen die schmalen Wangen herab.
„Morgen ist der Tag, Mutter, morgen!"
„Ja, mein Kind."
„Ich werde wie eine Verbrecherin auf der Au-j klagebank sitzen. Alle Augen werden auf mich gerichtet fein. Man wird flüstern, tuscheln, sich über mich lustig machen. Und bann — bann verurteilen sie mich — oh —!"
„Mein armes, armes Kinb! Könnt' ich es für
Dich tragen!"
Hastig wischt Felicie sich die letzten Tränen auS den Augen.
„Sprich nicht fo, Mutter! Auch bereue ich nichts. Ich würde gegebenenfalls genau fo handeln — für- ihn, für meinen Norbert!"
Kleine Pause. Die Mutter weiß nicht mehr, wie. sie ihr unglückliches Kind trösten soll.
„Warum — warum kamst Du nicht früher, Mutter?"
„Ich fürchtete die Aufregung für Dich, mein Herzblatt. Und dann sagte auch Thomas Mackay —"
Felicies Brauen ziehen sich zusammen.
„Was sagte er, Mutter?"
„Ich — ich dürfte Dich nicht sprechen."
„Und warum bist Du heute gekommen?"
„Weil ich hoffe, Dir helfen zu können, mein Kind."
Wie elektrisiert springt Felicie empor.
„Helfen? — —Wieso?"
Mit wehmütigem Lächeln drückt Frau Mackay ihre Tochter wieder auf den Stuhl nieder. (F. f.)