Zuldaer Zeitung
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6r6f,ere Anzeigen erbitten wir uns tags oorber. s »
Mittwoch den 12. November 1913
40. Jahrgang.
Crftes Blatt.
Nr. 262.
* Wackes.
Straßburg, 11. Nov. 1913. In Jabern ist es auch am Dienstag wieder zu größeren Anfamm- lungen vor der Kaserne gekommen, doch blieben Jwischenfälle vermieden, obwohl etwa 30 Gendarmen auf. und abvntroullierten. In der Ortschaft wurde ein Erlaß des LnigermeisterS ausgeklinqelt und durch Plakate bekannt gegeben, in dem an die Paragraphen über Landfriedensbruch erinnert und bekannt gegeben wird, daß die Militärpatrouillen mit Patronen ausgerüstet seien und den Befehl hätten, beim geringsten Anlaß einzuschreiten. Der Bürgermeister betont in dem Erlaß noch, es sei ihm von seiner Aufsichtsbehörde mitgeteitt worden, daß der Vorfall, der zu den Ausschreitungen Anlaß gegeben hat, eingehend, streng und unparteiisch untersucht werden würde.
In einer vom Generalkommando des 15. Armeekorps ausgehenden amtlichen Darstellung der Vorkommnisse heißt es: .Mit dem Worte „Wackes'wollte der Offizier keinen Elsässer beleidigen. Der Leutnant habe mit dem Ausdruck nicht die elsässische Bevölkerung allgemein bezeichnet, er habe vielmehr mit dem Ausdruck nur streitsüchlige Persönlichkeiten und Raufbolde gemeint. Eine gerichtliche Feststellung sei im Gange.
Dieser amtlichen Darstellung gegenüber steht eine andere bisher unwidersprochene Mitteilung, daß der Leutnant auch seine elsässischen Rekruten wiederholt „Wackes" tituliert habe. Zweitens aber trifft diese Ausrede nicht den anderen, ebenso gewichtigen Teil der Beschuldigung: daß nämlich der Leutnant einen Preis von 10 Mark ausgesetzt habe für jeden Soldaten, der sich bei einem Zusammenstoß mit einem .WackeS" richtig benehme. Im Zusammenhang mit den vorhergehenden Aeußerungen mußten die Soldaten es so verstehen, daß das Niederstechen eines Wackes mit 10 Mk. belohnt werden sollte. Wenn, wie weiter gemeldet ist, der Unteroffizier seinerseits noch 3 Mk. Zulage zu dieser Prämie versprochen hat, so würde oas noch einen weiteren dunklen Zug in diefes Jnstruklionsbild fügen.
Warum haben ferner die betreffenden Behörden nicht sofort kundgegeben, daß eine Untersuchung über die Vorgänge eingeleitet sei? Das ließ sich sehr wohl vereinbaren mit der gebotenen Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit. Jede Ankündigung dieser Art hätte auf die erregten Massen beruhigender gewirkt, als die Feuerwehrspritzen.
Die Presse kann den Einwohnern von Zabern und der Umgegend nur zurufen: Laßt ab von der gefährlichen Demonstration und wartet die Verhandlungen im Reichstage ab! Der Reichstag ist die richtige Stelle, um sowohl die Klarstellung des Tatbestandes als auch die Verhütung von weiteren Aergernissen solcher Art herbeizuführen. Auf der: Reichstag können die Elsässer, die sich gekränkt und bedroht fühlen, mit voller Zuversicht sich verlassen. Das Zentrum, das stets für Gerechtigkeit und inneren Frieden eintritt, wird in dieser Angelegenheit auch von den Liberalen unterstützt werden, tote sich aus gewissen Artikeln der liberalen Presse schon schließen läßt. Zudem ist die Kritik dieses Vorganges die Fortsetzung der Reformbestrebungen, die von der Mehrheit des Reichstags durch die bekannten Resolutionen zum Militäretat- und Wehrgesetz eingeleitet waren.
Inzwischen kann man aus der unangenehmen Ersahrung auch noch weitergehende Lehren für unser ganzes öffentliches Leben ziehen. Die „Schneidig- keit", welche sich fälschlich als Tapferkeit aufzuspielen sucht, ist nicht bloß in der Kaserne zu Hause, sondern richtet auch im politischen und gesellschaftlichen Leben viel Aergernis und Unheil an. Im Zusammenhänge mit dieser „schneidigen" Aufspielerei steht —- wir finden kein passenderes Wort — die Sch noddrigkeit, die sich im Gebrauch von verächtlichen Bezeichnungen gegen andere Klassen oder Parteien gefällt. In allen unfern sog. „inneren
-er Schule der Leidens.
20] Roman aus dem New-Yorker Leben.
Von Erich Friefen.
Wie abzubüßen — darüber war sie sich natürlich nie klar. Sre hat sich stets mehr vor der Wut des verhaßten Stiefvaters gefürchtet, sobald er ihr Vergehen entdeckt haben würde, als vor der eigentlichen Strafe.
Ihre gestrige Arretierung nach der Vorstellung im Theater traf sie wie ein Donnerschlag. Erst jetzt beginnt sie, dte gerichtliche Tragweite ihres Vergehens zu ahnen.
Als der kleine hagere Herr unter den buschigen Brauen hervor sie jetzt so durchdringend und dabei voll unendlichen Wohlwollens anblickt — da fühlt die kleine Fliege: diese mächtige Spinne wird gar bald die Fäden ihres Netzes immer fester und fester um sie verweben, bis sie gefangen und in der Gewalt der Spinne ist.
Noch einmal versucht Felicie, sich dem Einfluß dieses überlegenen Naturells zu entziehen.
Sic will wegsehen; doch wie mit magnetischer Gewalt hält der Blick sie fest. Ihr ist, als lese der Mann da vor ihr bereits in ihrer Seele, wie in einem offenem Buche. . . .
„Norbert, wenn ich sprechen muß —" beginnt sie stockend — „wäre es nicht besser, Du hörtest nicht zu, Du gingest fort —"
Doch Barrington will davon nichts wissen. Er selbst trägt heißes Verlangen, den Schleier von diesem ihm unerklärlichen Geheimnis gelüftet zu sehen, welches er noch immer für eine fixe Idee seiner Frau hält.
„Hier, nimm meine Hand, mein Liebling! So --! Und nun sprich Dich aus!"
Fest schließt Felicie die Lippen, um nichts zu verraten. Aber als Dr. Maxwell ein paar Fragen an sie richtet — ganz harmlose, anscheinend nichtssagende Fragen — da öffnet sie unwillkürlich den Mund, um zu antworten.
Kämpfen" sind Schelt- und Schmähworte im Schwange- Unlängst bezeichnete Hauptmann Kamm- ler vor dem Gleiwitzer Gericht einen Kirchenvorstand als einen „Verein, in dem auch Pollacken sitzen". Der verächtliche Ausdruck Pollack war für ihn offenbar der gewöhnliche Titel für die polnisch sprechenden Mitbürger. Wenn die Zentrumsanhänger „Ultra- montan" genannt werden, so muß man noch für gnädige Strafe danken; häufig werden sie als „Schwarze" ober als „infame Jesuiten" tituliert. Diese und ähnliche Verirrungen hängen zusammen mit der unseligen Vorliebe für innere Kämpfe, die leider einen beträchtlichen Teil des deutschen Volkes beherrscht. Früher schalt man nach berühmten Mustern jeden unbequemen Andersdenkenden einen „Reichsfeind". Dieses Wort ist etwas aus der Mode gekommen: aber in der Sache selbst ist es leider beim alten geblieben, nämlich bei der U e b erheb u n g der Leute, die sich zu den sog. herrschenden Kasten, Parteien, Stämmen und Bekenntnissen rechnen, und bei der Mißachtung, die man den „minderwertigen Elementen" anderer Schichten und Richtungen bekunden zu dürfen glaubt.
Wenn wir die Frage, die hier angeschnitten ist, gründlich aufrollen, so handelt es sich um die große Aufgabe, ein besseres gegenseitiges Verständnis und eine anständige Berkehrsweise zwischen den verschiedenen Volksteilen herbeizuführen: um den inneren Frieden.
:: Mannigfaltig und einig!
Tie Ereign'sfe in Braunschweig und Bayern bekunden. wie schon gebührend hervorgehoben worden ist, die fortdauernde Kraft des monarchischen Gedankens.
In Verbindung damit zeigt sich auch die fortdauernde Kraft des bundesstaatlichen Prinzips, der Anhänglichkeit des Volkes an seinen Bundes st aat und die überlieferte Eigenart des Stammes und Landes.
Das Volk gibt gern dem Reiche^ was des Reiches ist; im Notwendigen die Einheit. In den Dingen aber, die außerhalb des Gebietes der gebotenen Zentralisation liegen, will jeder Volksteil ,",nach seiner Fasson selig werden", die Freiheit der selbständigen Entwickelung sich wahren. Aus diesem lau despolitische u Eifer entsteht der Wunsch nach einer endgültigen, vollständig gesicherten und leistungsfähigen staatsrechtlichen Ordnung, und da man nicht nur die Arbeit, sondern auch die Würde und das Ansehen seines Einzelstaates im Auge hat, so erklärt der weitere Wunsch, daß ein wirklicher Landesfürst im Glanze der Krone das Land vertrete im Kreise der Bundesgenossen und vor den übrigen Mächten dieser Welt.
Die Treue gegen die angestammte Monarchie und die Treue gegen das Heimatland stützen und beleben sich gegenseitig, und der brave Bürger weiß sie in Harmonie zu bringen mit der Treue gegen Kaiser und Reich.
Den Braunschweigern war während der langen Regentschaft von eifrigen Federn und Zungen mehrfach angeraten worden, sie möchten das ersehnte Definitivum in der Einverleibung nach Preußen suchen. Das fand niemals Anklang. Die Braunschweiger wollten Braunschweiger bleiben, in sauren wie in süßen Tagen. An die Bayern konnte auch der leidenschaftlichste Zentralist mit einer solchen Zumutung sich nicht heranwagen; dort lag nur die Gefahr vor, daß der jahrzehntelang andauernde Anblick eines irrsinnigen „Königs" den Respekt und das Vertrauen gegenüber der Landeskrone beeinträchtigen könnten. Diesen Bazillus der Verdrossenheit hat aber das gesunde Blut des Volkes ohne ärztliche Beihilfe überwunden. Denn es ist eine bezeichnende Tatsache,
Und noch eine Frage stellt er. . . . und wieder eine . . . und so weiter — bis plötzlich die ganze Geschichte mit dem Collier, den gestohlenen Diamanten, der Checkfälschung samt der Ursache zu derselben frei vor den Augen der beiden Männer daliegt.
Barrington ist sehr bleich geworden.
„O Licy, Licy!" stöhnt er auf, „das hast Du für mich getan! Mein Gott, Dein Leben zerstört — um meinetwillen! Wenn Gerda Douglas das hört!"
Felicie fährt auf; das alte Gefühl der Eifersucht beschleicht sie — ein Zeichen von wiedererwachender Energie, das erste seit dem gestrigen verhängnisvollen Abend.
„Was hat Gerda Douglas damit zu tun! Nichts!" preßt sie zwischen den Zähnen hervor. „Für Dich tat ich es — nicht für sie!"
Kleine Pause.
„Wird man mich hart bestrafen, Herr Doktor?" fragt Felicie nach einer Weile angstvoll.
Der Advokat zuckt bie Achseln .
„Wir werden unser Bestes tun, Ihre Strafe zu mildern, Frau Barrington. Wer die Gesetze bei Wechselfälschung und dergleichen Sachen sind scharf. Hätte Ihr Stiefvater gewußt, daß Sie von seinem Diebstahl der Diamanten Kenntnis hatten, würde er sich gehütet haben, Sie dem Gericht zu überliefern. Tas einzige, was wir jetzt tun können, ist, ihn zum Bekenntnis zu bringen. Es wäre ein „mildernder Umstand" für Ihr Vergehen, Frau Barrington."
Die Unterhaltung wird jäh unterbrochen. Ein Polizist erscheint, um die Arrestantin in Untersuchungshaft abzuführen.
Bleich vor Erregung preßt Barrington fein Weib an sich.
„Ich würde Jahre meines Lebens darum geben, konnte ich jetzt in New York bleiben, Licy!"
Mit angsterfüllieit Augen blickt sie zu ihm auf.
„Wohin gehst Du, Norbert?"
„Nach Rochester. Die Vorstellungen nehmen ihren Fortgang, obgleich —"
„— obgleich ich darin ausgespielt habe," fällt sie Mir ein. „Ja, ja. Du hast Recht, Norbert. „Geh'
daß die Hemmungen in der „Königsfrage" von den gedankenschweren Führern herrührten, während die 9Jlaff- des Volkes in ihrer gesunden Vernunft und Willenskraft auf die Lösung hindrängt. Und die Volksstimmung hat den Ausschlag dafür gegeben, daß der zweitgrößte Bundesstaat fortan wieder durch einen wirklichen König repräsentiert wird.
Die staatsrechtlichen Verhältnisse in Deutschland sind wahrlich nicht einfach. Den ausländischen Beobachtern wird es sehr schwer, sich in der Verflechtung der verschiedenen Autoritäten und Kompetenzen zurechtzufinden. Den richtigen Deutschen behagt aber gerade diese Mannigfaltigkeit. Die Aeste und Zweige in dem Eichbaum gehen anscheinend etwas kraus und wirr durcheinander; es ist eben kein gezimmerter, sondern ein gewachsener Baum, und wenn der Ast oder Zweig seinen eigenen Weg sucht, so ist das ein Zeichen seiner gesunden Triebkraft und es schadet dem Baum nicht, weil alle Triebe am Reichsstamme angewachsen und mit der nationalen Wurzel im Saftaustausch bleiben.
Für die deutsche Kulturentwicklung wäre kaum etwas verderblicheres zu denken, als die Herstellung eines Einzelstaates. Nicht bloß die brüderliche Eintracht, sondern auch die Schaffensfreude und die Leistungsfähigkeit der Reichsglieder würden durch eine derartige Zentralisation auf das ärgste geschädigt werden. Es entspricht der geschichtlichen Entwickelung und der Natur des deutschen Volkes, daß die Einzelstaaten nicht eingeschmolzen, sondern in einem Bunde bereinigt bleiben unter Entfaltung ihrer Eigenart in edlem Wettbewerb. >.
Als das neue Reich frisch gegründet war, machte sich unter der damaligen Vorherrschaft des Liberalismus eine starke Strömung zur Reichseinheit geltend. Das gleichzeitig entstehende Zentrum stellte dem gegenüber das bundesstaatliche Prinzip auf und wurde deshalb der Reichsfeindschaft geziehen. Die Logik der Tatsachen aber hat dem Zentrumsprogramm Recht gegeben, und heute werden alle besonnenen und ehrlichen Politiker sich mit uns freuen, daß die Ein- zelsiaaten als gesunde und fruchtbare Triebe am nationalen Baume in Kraft und Ehren dastehen.
Wenn die Rose selbst sich schmückt, so schmückt sie auch den Garten! Das soll nicht bloß für Braunschweig und Bayern gelten, sondern für alle Bundesstaaten, insbesondere emch für Baden nach der erlösenden Neuwahl.
Deutsches Reich.
r Berlin, 11. Nov. 1913. Am Dienstag vor. mittag fand im Lustgarten vor dem Kaiser die Vereidigung der Rekruten der Berliner Garnison statt. Am Nachmittag stattete der Kaiser der Witwe des Geh. Kommerzienrats Goldberger einen Besuch ab. — Am Freitag reift der Kaiser nach Kiel zur Rekrutenvereidigung und beabsichtigt, sich von dort zu kurzem Besuch der Kaiserin nach Wilhelmshöhe zu begeben. Von Wilhelmshöhe erfolgt die Weiterreise des Monarchen zu den Jagdbesuchen in Schlesien. — Die Etatsberatungen im Bundesrat werden am 17. d. MtS. in den Ausschüssen ihren Anfang nehmen und bis zum 21. November mit Ausschluß des Buß« und Bettages fortgesetzt werden. Am 22. wird alsdann das Plenum des Bundesrats den Etat endgültig veralychieben. — Der Reichskanzler empfing am Dienstag den russischen Botschafter Swerbeiew. Am Sonntag wird bekanntlich der russische Ministerpräsibent Kokowzew Gast des Herrn v. Bethmann sein. Politische Meinungsverschiedenheiten ernsterer Natur können also zwischen Rußland und Deutschland nicht bestehen.
.:. Die Staatsanwaltschaft im Krupp-Prozeß und — das Zentrum!! Die Staatsanwaltschaft hat int
nur, geh'! Ich bin eine kleine Episode in Deinem Leben gewesen — sie ist vorbei— vorbei!"
Schluchzen erstickt thre Stimme.
Dem Polizist dauert es zu lange. Ungeduldig mahnt er zum Ausbruch.
Noch ein Kuß, eine innige Umarmung, wobei es ist, als ob sie einander nicht lassen wollten — dann sinken Felictens Arme schlaff herab.
Aber als die Tür sich hmter Barrington schließt -- da schreit sie wild auf.
„Norbert, Norbert, vergiß mich nicht! Ich liebe Dich bis zum letzten Atemzuge!"
XIII.
In dem kleinen Hause in der Ka"alstraße herrscht eine etwas geteilte Stimmung.
Thomas Mackay's Laune ist die rosigste. Seine Freude, Felicie endlich einmal einen Streich gespielt, sich für ihre vielen „Impertinenzen", wie er es nennt, gerächt zu haben, läßt ihn sogar gegen seine Frau weniger brutal sein.
Frau Mackay dagegen schleicht tote ein Gespenst im Hause umher.. . . Ihr einziges Kind, thr Liebling, ihr Augapfel — eingesperrt, in Untersuchungshaft, angeklagt des Betrugs! . . .
Ihr schlichter, einfacher Sinn kann den Gedanken kaum fassen.
Zwar hatte sie sich nach Felicies Verheiratung auch schon recht einsam gefühlt. Das lebhafte, leidenschaftliche Kind war ja der einzige Sonnenstrahl in ihrem freudearmen, verdüsterten Leben gewesen! . . . Aber fie verscheuchte jede trübselige Stimmung mit rosigen Gedanken über die Zukunft der genebten Tochter. Felicies eheliches Glück, ihre Theatertriumpye, ihre stets zunehmende Schönheit und Beliebtheit — solche Phantasiegebilde ließen das liebende Mutter- Herz höher schlagen. Keinen Abend begab sie sich zur Ruhe, ohne für das Wohl ihres Herzblattes heiß und inbrünstig zu Gott gebetet zu haben.
Und nun? . . .
Soll all dies Glück auf einmal vorbei fein? Verweht wie ein abgefallenes Blatt im Wind^? . . .
Auch heute, etwa vierzehn Tage nach jenem unglückseligen Abend, sitzt Frau Mackay an ihrem kleinen Nähtisch. Ihre Äugen sieben voll Tränen. Müde
Krupp-Prozeß sich einzig von der Rücksichtnahme auf Recht und Rechtsprechung leiten lassen und ihre Aufgabe nicht in den Schutz der Interessen der deutschen Großindustrie vor dem Ausland erblickt. Vor Gericht sind alle gleich, da darf kein Unterschied gemacht werden zwischen arm und reich, und ebensowenig wie ein Gerichtshof darauf Rücksicht nimmt, ob durch die gerichtlichen Verhandlungen und den Rechtsschutz wirtschaftliche Interessen des kleinen Angeklagten geschädigt werden, so darf diese Rücksicht auch nicht obwalten, wenn auf der Anklagebank die größte Firma des Deutschen Reiches sitzt. Nun gibt es aber in der deutschen Presse gewisse Kostgänger, die glauben, das Wob'wollen der Großmdustrie sich dadurch verdienen zu können, daß sie den Staatsanwalt angreifen. Wenn man auf liberaler Seite einem Beamten nicht mit Gründen bekommen kann, bann macht man ihn zum Zeninunsanhänger, und — fertig ist die Laube! Mit Fingern weisen edle Helden von der Feder darauf hin, daß schon mehrfach im Reichstag Zentrums- abgeordnete gegen die Firma Krupp geredet haben, beispielsweise der Abg. Erzberger, als es sich darum handelte, daß Krupp die Panzerplatien dem Auslande viel billiger verkaufte als der deutschen Ma- rineverwaltung. Dies ist schon Grund genug zum Verdacht. Nun aber führt der Oberstaatsanwalt im Krupp-Prozeß den polnisch klingenden Namen Ehrzec' zhnski. Aha! Ein Pole! Also ein Katholik — vermutlich ein Freund des Zentrumsführers Spahn, der ja auch ein hochstehender Jurist im Staate ist — also ein Zentrumsmann. Nun liegt es ganz nahe: A u f Wunsch ober Befehl des Zentrums hat der Justizminister diesen Mann mit der Führung des Krupp-Prozesses beauftragt. Die Regierung steht eben völlig imJochedes Zentrums. Und wer steckt dahinter? Natürlich August Thyssen, der Katholik und Zentrumsmann und gefährlichste Konkurrent von Krupp!! Liebes Publikum, merkst du was??? — Wörtlich heißt es im „Roland von Berlin", einer int Fahrwasser berlinisch-freisinnigen Geistes schwimmenden Wochenschrift:
„Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, daß es das Zentrum war, das die Ernennung des Herrn Ehrzesziuskt zum .Procureur General du Noi de Pruffe" (Generalanwalt des König? von Preußen) wünschte. Und wenn das Zentrum heutzutage etwas wünscht . . .*
Boshaft spinnt die antisemitische „Staatsbürger- zeitung" den Faden weiter:
»Der Krupp-Prvzeß muß frei bleiben von dem Verdacht, daß unterirdische Sonderintereffen ihre Hand int Spiele gehabt haben. Und darum sollten die maßgebenden Stellen recht bald auf jene sensationelle Meldung in aufklärender Weise antworten. Sie mag dadurch gefördert worden sein, daß Oberstaatsanwalt ChrjeszinSki mit einem hervorragenden Zentrumsführer (Spahn), der auch eine bedeutungsvolle juristische Position aussüllt, seit Jahren sehr nahe befreundet ist."
Wäre die Sache nicht so fürchterlich albern, so könnte man sich entrüsten. Die „Germania", bas Berliner Zentrumsorgan, hat es für nötig gehalten, festzustellen, bah der Oberstaatsanwalt in Berliner katholischen Kretsen gänzlich unbekannt, in ber Zentrumspartei womöglich noch unbekannter ist, unb baß ber genannte Zentrumsführer mit ihm in absolut keiner Verbindung steht. Unseres Erachtens wäre diese Feststellung einer so monströs dummen Erfindung gegenüber nicht einmal nötig gewesen.
* Kein Obstweingesetz. Aus Winzerkreisen ist vielfach ber Wunsch geäußert worden, daß ein Obstweingesetz von Reichswegen erlassen werde. Nach Blätter- Meldungen gedenkt die Reichsregierung diesem Wunsche nicht zu entsprechen, da sie der Meinung ist, daß di« geltenden gesetzlichen Bestimmungen schon jetzt weitgehende Möglichkeit schaffen, unlauteren Machenschaften, insbesondere der Mischung von Obst- und Traubenwein, entgegenzutreten.
* Der Massenstreik gegen die evangelische Kirche ist in Berlin von den Sozialdemokraten jetzt planmäßig
sind die Hände im Schoß über einem Stück Leinwand gefaltet. Bor ihr aufgespeichert liegen, fein und zierlich geordnet, ganze Haufen von winzigen Kinderhemdchen. Jedes einzige hat die brave Frau selbst zugeschnitten, selbst genäht, selbst mit Spitzen und Stickereien verziert. Dabei hat ihre Phantasie wieder mächtig gearbeitet. ... Ihr Gedankenkreis erweiterte sich. Ihr zärtliches Herz umfing jetzt nicht nur bte Tochter, sondern auch das Kind. . . . Die Zukunftsbilder erstreckten sich auf lange, lange Zeit hinaus, bis das Kind ein großer, berühmter Künstler war — ober eine Künstlerin — gleichviel. - : «
Und nun? .. .
Große Tränen rinnen die eingefallenen Wangen entlang. Sie rinnen und rinnen . . . unb tropfen hinab auf das angefangene Kinderhemdchen im Schoß ber alten Frau. . . .
Hastig wischt sie sich die Augen mit dem Hemdchen. Dann nimmt sie Nadel und Faden und beginnt eifrig zu sticheln. ...
Plötzlich — ein kräftiges Klopfen an ber Haus- türe.
Frau Mackay schreckt zusammen. Wer kann das fein? Thomas hat den Schlüssel bei sich. Wer also sonst? ...
Vielleicht eine Botschaft von Felicie? . .,. Seit jenem Abend haben Mutter und Tochter einander nicht wiedergesehen. Vielleicht schickt Felicie nach öer Mutte: ?
So schnell, wie ihre schwachen Beine es erlauben, chumoeli Frau Mackay die Treppe hinunter.
Ein Polizist steht vor der Tür.
„Sind Sie Frau Barbara Mackay, Madame?" „Jo, mein Herr!" .
„Dann habe ich Ihnen dies hier zu übergeben. Er langt in seine Brusttasche und zi:hl cm amt
liches Schreiben hervor.
Frau Mackay zittert am ganzen Leibe. Tie Augen vecsaaen ihr den Dienst.
„Was — was soll ich--" stottert sie.
„Sie werden als Zeugin geladen im Prozeß gegen Felicie Barrington für ilächsten Freitag oorunttags zebn Uhr."