Fuldaer Zeitung
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Dienstag den 11. November 1913.
Crftes Blatt
Nr. 261.
40. Zahrgang.
X Die Kommission zur Prüfung -er Rüstungslieferungen
ist zum Freitag einberufen worden. Die ,Rordd. Allg. Ztg.' macht dazu eine Reihe wichtiger Mitteilungen :
Den Vorsitz in der Kommission führt Staatssekretär Delbrück als Vertreter des Reichskanzlers. Von den Ressorts werden vertreten sein: DasKriegsministerium, das Reichsmarineamt, das Reichsamt des Innern, das Reichsschatzamt, das Finanzministerium, das Reichspostamt, das Ministerium für Handel und Gewerbe und das Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Von diesen Ressorts sind die fünf zuerst genannten unmittelbar beteiligt, die drei zuletzt genannten sind um ihre Mitwirkung ersucht worden, weil sie auf dem Gebiete des Lieserungswesens große Erfahrung gesammelt haben, die für die Arbeiten der Kommission nutzbar gemacht werden sollen.
Für die Auswahl der Reichstagsmitglieder war der Grundsatz maßgebend, daß die großen Parteien durch je 2, die kleinen durch je einen Abgeordneten vertreten sein sollten. Innerhalb der Parteien wurden die betreffenden Etatsreferenten sowie durch ihre Sachkenntnis geeignete Abgeordnete ausgewählt. Bon den Konservativen die Abgg. Dietrich und Graf Westarp, von der Reichspartei Schultz, von der Wirtschaslichen Vereinigung Behrens, vom Zentrum Erz beiger und Speck, von den Polen Graf Mielzynski, von den Nationalliberaleu Lücke und Bollert, von den Fortschrittlern Müller-Meiningen und Liesching, von den Elsässern Hauß. Die Sozialdemokraten schlugen Noske und Liebknecht vor. Der Reichskanzler hat aber wegen der prononzierten Stellung, die der Abgeordnete Dr. Liebknecht persönlich in der Erörterung der sogenannten Krupp-Affäre eingenommen hat, Bedenken getragen, diesem Vorschläge zu entsprechen. Der sozialdemokratischen Fraktion ist mitgeteilt worden, daß es ihr fi erstehe, neben dem Abg. NoSke noch ein anderes Fraktionsmitglied für die Berufung in die Kommission zum Vorschlag zu bringen. Mit Rücksicht auf ihre besondere Sachkunde wurden ferner einberufen: 2 Bürgermeister, 1 Studiendirektor, 2 Universitätsprofessoren, 2 Vertreter der Landwirtschaft und 16 Vertreter von Handel und Industrie, unter ihnen der Generaldirektor der Hamburg-Amertka>Linie,^Ballin, der Direktor der deutschen Bank, Helfferich Nb der Klempnerobermeister Herrenbausmitglted Plate.
Aufgabe der Kommission wird es sein, di« bisherige Entwickelung der Grundsätze und Methoden für die Rüstungslieferungen in Heer und Marine in ihrem Zusammenhänge mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwickelung klarzulegen und die Zweckmäßigkeit der seitherigen Praxis unter vergleichender Betrachtung ähnlicher staatlicher Großbetriebe aus dem In- und Auslande einer Untersuchung zu unterziehen Zu diesem Zwecke werden von der Kommission auf gründ einleitender Vorträge allgemeineren Inhalts nach einem im einzelnen noch festzusetzenden Arbeitsprogramm Sachverständige im kontradiktorischen Verfahren vernommen werden.
Für den Zusammentritt der Kommission ist das Ende der Krupprozesse abgewartet worden. Das war zweckmäßig; aber man darf nicht die Folgerung ziehen, daß die Aufgabe dieser Kommission sich mit der Verarbeitung des Materials aus diesen Prozessen erschöpfen soll.
Die Kommission hat die gesamten Rüstungslieferungen für Heer und Marine einer umfassenden und gründlichen Prüfung zu unterziehen. Was die Krupprozesse beleuchtet haben, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem großen Felde. Alle Fingerzeige für Reformen und Sicherungsmaßregeln, die sich aus den gerichtlichen Verhandlungen empfehlen, werden natürlich beachtet werden; dafür bürgt schon die Zusammensetzung der Kommission. Es wird z. B. zu erwägen sein, ob man nicht von der Mitwirkung und Mitwissenschaft an dem Lieferungswesen die untergeordneten Beamten mehr als bisher ausschließen solle; die höheren Beamten sind durch ihre Bildung und ihre soziale Lage besser gegen die Entlackung von
)n der Schule des Leidens.
19) Roman aus dem New-Iorker Leben.
Von Erich Friesen.
ffclicie sinkt in den Fauteuil, neben dem sie bisher gestanden. In langen, Weichen Falten fließt das weiße Schleppgewand an ihren schlanken Gliedern nieder. Ihre Hände ruhen gefaltet im Schoß. Die Lippen sind fest geschlossen. Die großen, starren Augen blicken weder den Gatten an, noch die Freundin, noch den Stiefvater; sie haben einen weltverlorenen, insichgekehrten Ausdruck, als schauten sie in ein Traumland, in dem es nur Visionen, aber keine Wesen von Fleisch und Blut gibt.
Als Gerda Douglas das Konversationszimmer verlassen hat, nimmt der Detektiv neben der Tür Aufstellung, während Thomas Mackay sich mit einem Fluch in den Gang zurückzieht.
„Die Bude wird noch nicht zugemacht!" schreit er den Pförtner an, welcher das Theater schließen will. „Ich geh' nicht fort, so lange der Vogel drin ist."
Verwundert bleibt der brave Mann stehen.
„Welcher Vogel?"
„Haha, die Betrügerin!"
„Welch Betrügerin?"
„Ihre „Ophelia" — die-schöne Frau Barrington! — Hat Namensunterschrift gefälscht. Muß ins Zuchthaus."
„Wer sagt das?"
„Ich — ihr Stiefvater!"
„Sie — ihr Stiefvater? Und Sie selbst klagen sie an! Hm, hm —!"
Mit einem leisen Pfiff verschwindet der Pförtner.
Inzwischen versucht Norbert auf jeoe Weise. Fe- licie aus ihrer Starrheit zu erwecken.
«Sieh mich an, Lieh!" schmeichelt er, ihr Haar Und Wangen streichelnd. „Ich glaube ja nichts von all dem dummen Zeug. Du und Namensunterschrift fälschen — Unsinn! Ein Irrtum, eine Verwechselung! — Komm', gib mir Deine Hand, mein Liebling! Ich bin bei Dir, Dein Gatte, Dein Norbert, der Dich verteidigen wird bis zum Aeußersten.
Geheimnissen auf dem Brandt'schen Wege gewappnet. Ferner kommt in Betracht, inwieweit man die Angebote der Lieferanten vyr den Wettbewerbern geheim halten soll und kann. Wenn die konkurrierenden Geschäfte unter s i ch Spionage auf Gegenseitigkeit treiben wollen, kann die Behörde sie daran nicht hindern. Eine gewisse Öffentlichkeit des Verdingungswesens liegt aber im allgemeinen Interesse, und vor allem muß dafür gesorgt werden, daß dieBeamten von den kaufmännischen Nachrichtenjäger unbehelligt bleiben. Im übrigen ist die sachliche Arbeit dieser Kommission das beste Mittel, um mit den unangenehmen Rückständen der Kruppaffäre aufzuräumen. Es wird bald allen klar werden, daß es sich hier doch um ganz andere und viel bedeutendere Dinge handelt, als die in den vielbe- schrieenen Kornwalzern aufgeblasenen Neuigkeiten.
Die Kommission hat einen beträchtlichen Umfang erhalten. Es sollen darin 1) acht Reichs- oder Staats- resions, 2) die Reichstagssraktion mit 14 Abgeordneten und 3) die Kommunalbehörden, der Gelehrtenstand, die Landwirtschaft, der Handel und die Industrie mü 24 Sachverständigen vertreten sein. Außerdem sollen von der Kommission noch Sachverständige im kontradiktorischen Verfahren vernommen werden. Wahrscheinlich wird die Bildung von Unterausschüssen für die Vorberatung von Einzelausschüssen notwendig sein, wenn die Arbeiten in angemessener Zeit zum Abschluß gelangen sollen. *
Zu dem Zweck muß auch unbedingt auf die rein sachliche Führung der Verhandlungen bestanden werden. Die Sache darf nicht „von der Parteien Gunst und Haß", auch nicht von persönlichen Liebhabereien oder Antipathien beeinflußt werden. Offenbar hat der Reichskanzler diesen Gesichtspunkt int Auge gehabt, als er die Berufung des sozialdemokratischen Abg. Liebknecht ablehnte, — wie es halbamtlich heißt: „wegen der prononzierten Stellung, die der Abg. Dr. Liebknecht persönlich in der öffentlichen Erörterung der sogen. Kruppaffäre eingenommen hat". Die sozialdemokratische Fraktion kann sich im Grunde nicht beklagen, da es ihr freigestellt worden ist, an Stelle Liebknechts noch ein anderes Fraktionsmitglied (neben dem bereits berufenen Abg. Noske) in Vorschlag zu bringen. Wahrscheinlich werden aber die Sozialdemokraten ein großes Geschrei darüber erheben, daß man gerade den Abg. Liebknecht, den angeblich besten Kenner und ge- fürchtetsten Gegner der „Korruption", von der Kommission ausgeschlossen habe. Daher sind wir noch im Zweifel darüher, ob es nicht das kleinere Uebel gewesen wäre, wenn man trotz alledem den Abg. Liebknecht zugelassen hätte. Ein unsachliches Vorgehen dieses Kommissionsmitgliedes wäre doch wohl cinzufchränken gewesen, und jedenfalls hätte man durch seine Zulassung einer Masse von Verdächtigungen vorgebeugt. Angesichts des bevorstehenden Geschreies der sozialdemokratischen Presse muß darauf hingewiesen werden, daß der Reichskanzler die Umsturz-Fraktion ganz gleichmäßig beteiligt hat, wie die anderen größeren Fraktionen, nämlich mit der Zubilligung von 2 Vertretern. Die Gleichberechtigung ist vielleicht politisch nicht ganz unbedenklich, aber fü. den vorliegenden Fall war sie zweckmäßig.
Im übrigen ist zu beachten, daß es bei dieser Kommission nicht auf Mehrheitsbeschlüsse ankommt, sondern auf den Austausch von Kenntnissen und guten Vorschlägen.
Deutsches Reich.
* Berlin, 10. Nov. 1913. In Potsdam fand am Sonntag vormittag die Vereidigung der Rekruten statt. — Ein Besuch des Kaiservaares in Braunschweig wird am 17. November bestimmt
— Ein Irrtum ist es — ja, nur ein grenzenloser Irrtum!"
„Das Spiel ist aus!" murmelt sie in sich hinein.
Augenscheinlich hat sie seine Worte gar nicht verstanden. ,
Sanft zieht er ihren Kopf zu sich herab und bettet ihn an seine Brust.
„Du bist müde, armes Kind!"
„Nein, nein!" Sie schüttelt den Kopf, ihren Mund seinem Ohr nähernd. „Es ist ja wahr: ich bin schuldig. Wozu leugnen? Ich wußte, daß es eines Tages so kommen würde. An meinem Hochzeitstage — da fürchtete ich schon, das Unglück würde hereinbrechen. Aber nein, Gott war barmherzig. Mir blieben —" sie zählt an den Fingern ab — „ein, zwei, drei, vier, beinahe fünf Monate unaussprechlichen Glücks. Ja, ja, dieses Glück war es wert, daß ich die Tat beging. Ich bereue sie nicht!"
Ihre Stimme erstirbt in leidenschaftlich erregtem Flüstern.
Ein Schauer überfliegt Barrington. Hat ihr Verstand gelitten? Ist sie wahnsinnig geworden? —
Eine halbe Stunde vergeht in lautloser Stille — nur hie und da unterbrochen durch die brutalen Fußtritte Thomas Mackay's draußen im Gang oder ein unterdrücktes Aufstöhnen des armen, gequälten Wesens, das wie geknickt in den Armen des Gatten liegt.
Endlich draußen leises Pochen an der Tür.
Der Detektiv öffnet.
Mit warmen Hüllen auf dem Arm tritt Gerda ein.
„Hier, Lieh, schnell! Den langen grauen Mantel um! Tie Kapuze über den Kopf! — So! Und jetzt, mein Herr —" sie wendet sich zu dem Detektiv — „tun Sie Ihre Pflicht!"
Mechanisch hat Felicie sich den Händen der Freundin überlassen. Mechanisch auch folgt sie dem Detektiv ins Freie.
Unten vor dem Eingang des Theaters stehen zwei geschlossene Droschken.
Die erste besteigt Detektiv Barns mit seiner Arrestantin, die zweite Gerda Douglas mit Norbert Barrington.
„Zum Bahnhof!"
Die Wagen rollen davon.
stattfinden. Die Kaiserin soll einige Tage länger Dort verweilen. — Der König der Belgier ist am Samstag im Kraftwagen, von Köln kommend, zu einem zweitägigen Besuch auf Schloß Namedy angekommen. Sonntag nachmittag stattete der König und die Königin der Abtei Maria-Laach einen längeren Besuch ab. — Staatssekretär Dr. Sols ist von seiner Dienstreise nach Deutsch- und Britifch-Westafrika zurückgelehrt und hat dir Leitung des Reichskolonialamtes wieder übernommen.
* Keine gesetzliche Regelung des Berdingungs- wesens. Die preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten sowie für Handel und Gewerbe haben dem Deutschen Handelstag mit Bezug auf dessen in der Ausschußsitzung vorn 12. Juni gefaßten Beschluß auf eine Eingabe mitgeteilt, daß sie einer gesetzlichen Regelung des Verdingungswesens, d. h. der Vorschriften über die Vergebung der öffentlichen Leistungen und Lieferungen, grundsätzlich nicht nähertreten können, da die Materie sich aus den vorn Ausschuß des Handelstages selbst am 25. Juni 1912 gebilligten Gründen zur gesetzlichen Regelung nicht eignet.
O Knittel Reichstagskandidat? Dem „Ober- schlesischen Anzeiger" zufolge, ist der durch den Prozeß Kammler-Knittel bekannte Amtsrichter Knittel» Rylunk von der Zentrumspartei als Reichstagskandidat im Wahlkreise Leobschütz anstelle des verstorbenen Reichstagsabg. Klose ausersehen. Eine endgültige Kandidaten-Anfstellung ist'aber noch nicht erfolgt. Die Wahl findet in der ersten Hälfte Januar statt.
* Abnahme der Zweikämpfe im Heer. Die letzte kaiferliche Kabinettsorder gegen das Zweikampf un- wesen im Heere scheint nicht unbedeutende Erfolge gehabt zu haben. In den letzten zehn Jahren vor ihrem Erlasse kamen im Durchschnitt auf 10 000 Offiziere des Heeres und des Beurlaubtenstandes 6,3 Bestrafungen wegen Zweikampfes; nach dem Erlasse ist diese Zahl auf 4,1 gesunken und zwar auf 3,5 bei den Offizieren des stehenden Heeres und 4,7 bei den Offizieren des Beurlaubtenstandes.
** Die Hansawoche, in der in diesem Jahre nur Sitzungen sämtlicher Ausschüsse abgehalten wurden, fand Samstag abend ihren Abschluß. Der Präsident des Hansabundes, Geheimrat Rießer, gab zum Schluß einen kurzen Ueberblick über die in diesen Tagen geleistete Arbeit des Jndüstrierates und der Ausschüsse für Kleinhandel, Handwerk und die Angestellten sowie der Submissionszentrale.
-f- Auch em Ratioualliberalrr für den Fall des Jesuitengesetzes. In der nationalliberalen Wochenschrift ,Der Panther' veröffentlicht der seinerzeit vielgenannte Gegner des Abg. Heydebrand, Herr Schmidt hals in Groß-Tschunkäwe einen offenen Brief, in dem er auseinandersetzt, daß die Gefahr nicht so groß sei, wenn das ganze Jesuilengesctz falle. Er meint allerdings, daß, wer beute solche Gedanken äußere, noch als Ketzer in der Partei betrachtet werde, daß aber das Jesuitengewtz doch noch einmal fallen werde.
Ausland.
A Ausgespielt.
XII.
In Newhork wird Felicie von dem Detektiv Barns sofort dem Polizei-Bureau überliefert. Weder ihr Gatte noch Gerda dürfen sie dorthin begleiten.
Man hatte Gerdas Bitten, die Arrestantin in ihrer Garderobe im Rochesterer Theater rasch umkleiden zu dürfen, nicht nachgegeben. Es fei zu gefährlich und ein Fluchtversuch bei solcher Gelegenheit nicht ausgeschlossen. In Newyork, im Polizei-Bureau, werde eine Wärterin sie ihres „Ophelia"-Kostüms entledigen. . . .
Still, in sich zusammengesunken, hockt jetzt die Weiße Gestalt tu einer Ecke des zellen artigen Raumes — das seidenglänzende Kleid beschmutzt, die gelösten, dunklen Haare wirr um den Kopf hängend.
So hockt sie da und starrt 'vor sich hin — schweigend, tränenlos, als warte sie auf etwas. . . .
„In kurzer Zeit bringe ich Dir einen Verteidiger, mein Lieb!" hatte ihr Gatte ihr beim Abschied hastig zugeflüstert.
Vülleicht wartet sie auf ihn, auf ihren Verteidiger, . . . Vielleicht auf Robert! ... Vielleicht auf irgend ein Wunder, das fie aus dieser fürchterlichen Situation befreien soll! . . .
Sie wartet und wartet. . . .
Nach ein paar Stunden — Felicien erscheinen sie wie eint Ewigkeit — dreht sich der Schlüssel in der eisenbeschlagenen Tür.
Barrington und ein kleiner, grauhaariger Herr mit scharfen Gesichtszügen, einer goldenen Brille und glattrasiertem Kinn treten ein.
Klapp — fliegt die Tür wieder zu. Klirre-klirr — raffeln die Schlüssel.
Tie tret sind allein
Felicie hebt den Kopf. Ein matlxs Lächeln umspielt ihre bleichen Lippen.
Barringtöw jrftl rasch auf sie zu und faßt ihre Hand.
„Dies ist Herr Dr. Maxwell, Sieb — ein berühmter Rechtsanwalt der Deine Verteidigung vor Gericht übernehmen wtrv."
Sie schüttelt den Kopf.
„Ich brauche feilten Verteidiger, Norbert. Ich werde vor Gericht selbst sprechen. Wozu die Kosten für einen Rechtsanwalt!"
Ernesto Nathan, der Bürgermeister von Rom, der Mann, der sich offen damit brüstete, durch eine geheime Belehnung ber Loge zum Statthalter der Freimaurerei auf dem Kapitol berufen worden zu fein, hat seine Politische Rolle ausgespteli und ist mit den anderen Gemeinderatsmitgliedern um seine Entlassung eingekommen. Trotz der verzweifeltsten Anstrengungen der einflußreichsten freimaurerischen Giordano-Bruno-Gesellschaft haben die Gemäßigten Federzotti und Medici über die Kandidaten der Frei
maurerei gesiegt und damit das Schicksal des Anti- Papstes Nathan besiegelt.
Tie Befreiung Roms, der Hauptstadt der katholischen Christenheit aus den Händen des Ex- großmeisters der italienischen Freimaurerlogen, aus den Händen des „Statthalters der Freimaurerei" wird überall von den Katholiken freudig begrüßt werden. Die Freimaurerei hat es, dank ihrer bis in die höchsten und allerhöchsten Kreise hinaufreichenden Beziehungen, fertig gebracht, in der dem Christen heiligen ewigen Stadt den fanatischen Freimaurerführer aus den Thron Roms zu erheben und so die Hauptstadt der Christenheit, in ihr Joch zu spannen.
Tie Jahre der Bürgermeisterschaft Nathans und der Freimaurerherrschaft in Rom werden als Tage der Schmach unaustilgbar eingeschrieben stehen in das Schuldbuch des Königreichs Italien. Ist es nicht eine Schmach, daß allen Ernstes der Gedanke eines Wegzuges des Papstes aus Rom von katholischen Zeitungen erwogen werden konnte, daß katholische friedliche Bürger, daß friedsame Pilger fast täglich shstematisch e r Beschimpfung und selbst Tätlrchkeiten ausgesetzt waren? Die Katholiken waren vogelfrei in Rom; der mächtige Arm des römischen Bürgermeisters deckte schützend und schirmend jede Gesetzwidrigkeit gegen die Katholiken. Es sei nur an die Vorgänge der letzten Monate erinnert, wo man katholische Turner, die nach Rom gekommen waren, um ihrem Papste das Gelöbnis der Treue zu.Füßen zu legen, ohne jeden Anlaß auf die gemeinste Weise beschimpfte und blutig schlug. Nicht nur, daß der römische Bürgermeister selbst mit Knütteln auf die katholischen Turner einzuhauen befahl, beleidigte er auch kurz darauf in einer Rede anläßlich der Feier des 20. September die Katholiken der ganzen Welt wieder in unerhörter Weise. Selbst liberale Blatter, wie der „Corriere della Sera", fühlten sich verpflichtet, dieses schandvolle Verhalten des Freimaurerbürgermeisters zurückzuweisen und von einem unheilvollen Treiben des Bürgermeisters und der Freimaurerei in Rom zu sprechen. Ist es weiter nicht eine Schande, daß man es nicht wagte, die sterblichen Ueberrefte des glorreichen Papstes Leo XIII- von feinem provisorischen Grabe in der Peterskirche aus in seine endgültige Ruhestätte zu bringen, weil der „Antipapst" Nathan nicht für das Wohlverhalten des antiklerikalen Pöbels garantieren kann bezw, garantieren will?
Die Freimaurerherrschaft in Rom war letzten Endes doch eine heilsame Lehre, denn sie hat auch dem Kurzsichtigsten die Augen geöffnet und ihm gezeigt, wohin die Reise geht. Nathan und sein Anhang hat nicht nur die Freimaurerei, sondern auch die Stadt Nom und das gesamte dritte italienische Königreich Italien vor der ganzen gesitteten Welt diskreditiert. Unfähigkeit, krasseste Unduldsamkeit, schlimmste Sittenverwilderung war das Wirken desjenigen, der als „Antipapst" die Stadt der Christenheit zu einem Dorade der Freimaurerei und den Stellvertreter Christi, den Papst, zu seinem Vasallen machen wollte. Wie vor ihm jeder andere, der sich anmaßte, gegen den Felsen Petri zu stürzen, ist auch Ernesto Nathan und fein Anhang an diesem Felsen zerschellt.
A Der ungarische Katholikentag findet zur Zeit in Budapest unter dem Oberprotektorate des Primas von Ungarn und Erzbischofs von Gran, Dr. Csernoch, dem Protektorate des ungarischen Episkopates und unter dem Ehrenpräsidium der hervorragendsten Vertreter der Aristokratie und hochgestellter bürgerlicher Persönlichkeiten der Kunst, Wissenschaft und Politik statt. Die Tagung ist aus dem ganzen Lande sehr zahlreich besucht. Unter dpn Rednern befindet! sich die bekannten Politiker Graf Ivh. Zichy, Graf Joseph Karolyi und Graf Apponyi.
Er unterbricht sie mit einer raschen Handbewe- gung.
„Das laß meine Sorge sein! ... Du darfst Dich vor Gericht nicht selbst verteidigen, mein Liebling. Das tut Dein Rechtsanwalt für Dich. Ihm mußt Tu alles sagen —"
„Ich will mich auch gar nicht verteidigen. Ich will nur die Wahrheit sagen, will erzählen, wie es kam —" .
„Nun, und wie kam es?" fragt Dr. Maxwell, indem er einen Stuhl her anzieht und sich neben Felicie setzt.
Furchtsam hebt die junge Frau die Lider.
Als sie die klugen, grauen Augen des Mannes auf sich gerichtet sieht, hat sie die Empfindung, wie etwa eine Fliege, welche sich int Netz einer großen Spinne verfangen hat und nirgends einen Ausweg findet. . , .
Wenn sie während der fünf Monate, die feit ihrem Verbrechen vergangen, jemals Gewissensbisse fühlte, wenn eine ungewisse Angst vor der Zukunft sie befiel — dann brachte die Hoffnung ihr Trost, ihr heißgeliebter Gatte möge niemals erfahren, daß sie um seinetwillen eine strafbare Handlung beging. Ja. um diese Kenntnis von ihm fernzuhalten, ist sie sogar gewillt, das Geheimnis zu bewahren, daß ihr Stiefvater sie bestohlen, daß er also direkte Veranlassung zu ihrem Verbrechen war. . . . Wie könnte Norbert jemals wieder eine ruhige Minute haben, wenn er wüßte--
O Opferfreudigkeit des Frauenherzens, wenn es sich um das Wohl des Einzig-Geliebten handelt! . . .
Freilich — von der juristischen Tragweite ihres Vergehens hat sie keine Ahnung. Mit der ganzen Unkenntnis des Gesetzes, mit den wirren Ansichten über „strafbar" und „nicht strafbar", wie sie leider die meisten Menschen und besonders die Frauen, besitzen — von diesem unklaren Gesichtspunkt aus betrachtet sie ihre Fälschung der Namensunterschrift ihres Stiefvaters als ein nur ganz geringes Vergehen, gering im Vergleich zu dem an ihr begangenen Diebstahl ber Diamanten — ein Vergehen, für welches ihr zwar eine Strafe droht,' die aber rasch abzubüßen ist.
(Fortsetzung folgt.)