4. Blatt.
»tntf ter $ilb«tr 3di<nt*«ctrei in Jilh.
Fuldaer Zeitung.
M 259.
»amrtag 8. November 1915.
* Der Kampf gegen • die Muttersprache
Ein scharfer Wind weht wieder in Nordschleswig, too man oekanntlich dem berühmten Südpolarforscher Amundsen verboten hat, in Flensburg einen Bortrag über seine Polfahrt in seiner norwegischen Muttersprache zu halten, die der in Flensburg gesprochenen dänischen Sprache nahe der- wandt ist. „
Oh dem deutschen Vaterlande verhängnisvoller Schaden geschehen wäre, wenn Amundsen seinen wissenschaftlichen Vortrag m norwegischer Sprache hatte halten dürfen? Und ob das Verbot dieses Vortrages das Ansehen des Deutschen Reiches und der Preußischen Verwaltung erhöht hat? Diese peinlichen Fragen drängen sich jedermann auf.
Was ist denn Passiert, daß man von neuem Sta- nonen gegen die norwegische oder dänische Sprache auffährt? Nimmt das Dänentum einen Umfang an, der eine Gefahr bedeutet und »ine Staatsrettung nötig macht? Die Provinz Schleswig-Holstein hat nach Ausweis der Volkszählung 1621004 Einwohner: davon sind im ganzen nur 136 814 Dänen, und 1642 sprechen Deutsch nud Dänisch. Es ist beschämend, wie man einer sa winzigen Anzahl „Reichsfeinde" ein Gewicht beimessen kann, daß die Augen der ganzen zivilisierten Welt auf sie gelenkt werden. Um so beschämender, als die Zahl der Dänen sich stetig vermindert hat, während die der Deutschen gewachsen ist. 1850 betrug die Zahl der Dänen 110, 1910 nur noch 84 von je Tausend der Bevölkerung. Der Anteil der Doppelsprachigcn sank in derselben Zeit von 1,67 auf 1,01 vom Tausend. Wie man da von einer Gefahr für das Deutschtum oder den Staat reden und geräuschvoll „scharfe Gegenmaßregeln" befürworten kann, ist für den unbefangenen Beurteiler unverständlich.
Auch in Flensburg sind die Deutschen in erdrückender Mehrheit. Die Stadt Flensburg hat 60 922 Einwohner, davon 56 074 Deutsche, 230 Deutsch und Dänisch sprechende und 3706 Dänen. Der Kreis Flensburg-Land zählt 41 959 Deutsche, 54 Deutsch und Dänisch sprechende und 2162 Dänen. Man muß die nationale Gesinnung der Deutschen ungemein niedrig einschätzen, wenn man befürchtet, daß sie durch einen Vortrag in norwegischer Sprache erschüttert werden könnte. Die Deutschen sind in erdrückender Mehrbeit: die Handvoll Dänen kommt für die politischen Verhältnisse nicht in Betracht, und jedenfalls hätte der Vortrag Amundsens über seine Südpolarexpedition diese Minderheit in ihrer Abneigung gegen das Deutschtum nicht entfernt sa stärken können, wie es die bureaukratische Maßregel gegen den großen Forscher leider tun muß.
Deutschland ist in der Welt mehr gefürchtet, als beliebt, und Preuben findet erst recht keine Liebe. Ist das nur auf Gehässigkeit oder Vorurteil zurückzuführen, oder liegt es zum Teil auch an der eigentümlichen Art und Weise, wie hier zu Lande die staatlichen Angelegenheiten betrieben werden? Unsere inneren „Kämpfe" führen in der Tat zu Erscheinungen, die das zivilisierte Ausland schwer verstehen und gewiß nicht bewundern kann. Die vielbesprochene „Strammheit" des preußischen Wesens wäre an sich noch nicht so schlimm, wenn man immer das richtige Verhältnis zwischen den aufaewendeten Kampfmitteln und der abzuwehrcnden Gefahr zu bewahren wüßte. Wie schreiend wirkt aber das Mißverhältnis, wenn z. B. gegen eine Volksmission die Vonzei gerade in dem Augenblick einschreitet, wo der Jesuitenpater eine Fcstprediat zum Kaisersubiläum balten will, oder wenn man einen weltberühmten Forscher verhindert, einen wissenschaftlichen Vortrag in seiner Muttersprache zu halten!
.Was sollen denn die Leute draußen vom Deutschen Reiche und vom Königreich Preußen denken, wenn sie hören, daß ein Polarreisebericht in norwegischer Sprache hier zu Lande staatsgefährlich ist? ' Nor- wegrsch sei gleich Dänisch, sagt mau. Mag sein, abcj Amundsen ist kein Däne, der Nordsckleswia an Dänemark zuruckreden wollte oder konnte, sondern ein Norweger, der „nur" auf den Südpol Eroberungs- gelufte hatte. Zu dem Vortrage würden sich die i<?ncn versammelt haben, sagt man weiter. Ja, was schadet denn das, wenn eine Reihe dänisch sprechender Bauern oder Kleinstädter nach Flensburg kom-
** 4 Achiwlfghrt in norwegischen und dänischen Lauten schildern Horen? Das ist doch kein er- fSSSr* die nichtdeutsche Sprache an
• ?ann mußte man ihren Gebrauch
an r fr’QU'r GU^ den Märkten, in Druckschriften, in Wahlversammlungen usw. weit eher verbieten als trt einem Bortragssaale, wo keine Diskussion statt- finbct und überhaupt von Politik nicht gesprochen
Die der Fran.
Von H. Wietfeldt.
. Machdruck verboten.)
deine Pfeife anzünden, lieber Kurt? sagte Gerda zu ihrem Gatten, der nach beendeter Abendmahlzeit unruhig im Zimmer auf und ob
_ ME blieb vor seiner für Übertric.
An schlicht und häuslich verschrienen Frau stehen, die ihr Haiidarbeitskorbchen auf den Tisch gestellt hatte und es sich gerade tn der Sofaecke bequem 'machte As verstände es sich von selbst, daß der Geliebt- neben Dw Hängelampe mit rosafarbenem Lichtschirm beleuchtete die holden Gesichtszüqe der jungen Frau, die sich mit glückseligem Lächeln in ihrem hübschen Zimmer umschaute. „Nicht wahr Kurt, wir haben es doch behaglich in unserem Heim?" — „Ja. mein Herz, deine Mutter hat alles wunderschön eingerichtet. Ihr schönstes Geschenk aber ist meine verständige kleine Frau. Nicht wahr, mein Herz, du verlangst nicht, daß dein Schatz ei.r Philister wird? Nach der eintönigen Arbeit des Tages bedarf ich abends der Anregung." — So, nun war es heraus! Lange hatte ihm vor dieser Aussprache gebangt.
_ Gerdas Augen umwölkten sich, aber ihr Mund lächelte. „Ich hatte mich so sehr auf diesen Abend 8u zweien gefreut, bis fetzt waren wir immer bei den •lern" — „Run ja, darum konnte ich auch so lange Uicht zu meinen Freunden kommen. Das Opfer bradjte ich jedoch meinem Liebling gern." — „Opfer?" .©«ba wollte noch mehr erwidern, aber sie preßte bie Lippen aufeinander und schwieg.
„Gute Nacht, Schatz", sagte Kurt, um die Unterhaltung rasch abzubrecheu, „die Reise steckt dir gewiß noch rn ben Gliedern, gehe früh zu Bett! Ich nehme ben Hauchchlüsfcl mit Ich will gctn; leise auftreten, um dich nicht zu stören." Er küßte sein junges Weib und gmg.
Als Gerda allein war, brach sie in Tränen ou5. War b a S das häusliche Glück, welches sie erträumt chatte? Kurt, bet sie als Brant unb auf der Hoch
wird. Gibt es überhaupt eine „dänische Gefahr", nachdem Dänemark selbst rechtskräftig verzichtet hat und in Schleswig-Holstein überhaupt kaum noch 100 000 dänisch sprechende Leute wohnen? Eine wirkliche Gefahr für Staat und Reich bilden vielmehr die Leute, die überall eine Gefahr wittern und bekämpfen wollen. Sie gleichen dem braven Affen, der mit einem gewichtigen Stein fest zuschlug, um die Fliege zu töten, die auf der Stirne seines Herrn saß. Gott schütze das Deutschtum vor seinen blindeifrigen „Verteidigern!" —
Nebenbei wirft der Zwischenfall ein grelles Streiflicht auf • die Weisheit der Fortschritt- lichenVolkspartei. Sie hat den Sprach en- paragraphen im Bülowschen Vereinsgesetz durchgesetzt. Nun will ein Rechtsgelehrter freilich nachweisen, daß dieser Paragraph auf einen Vortragsabend nicht angewendet werden dürfe. Er wird aber angewendet, und das ließ sich voraussehen, denn der Paragraph legt Bresche in dem Naturrecht der Muttersprache, und so lauge er besteht, wird es schneidige Beamte geben, die ihn zur Bekömv'-'ng des öffentlichen Gebrauchs einer nichtbeulschen Sprache ausnutzen. Heute gegen die Polen im Osten, morgen gegen die Dänen im Norden, übermorgen gegen die Franzosen im Westen! Aus dieser Verwirrung kommen wir nicht eber heraus, als bis wir jeden Mitbürger in seiner Muttersprache reden lassen und auf den törichten Kampf gegen anderssprachige Töne verzichten. Indem man eingebildete Gefahren mit so großem Geräusch bekämpft, liefert man den wirklichen Feinden Deutsch- l a n ds die kostbarste Munition.
:: Der albanische ThronkanÄidat.
Mut, großen Wagemut muß der Prinz Wil- Helm von Wied haben, der, wie dieser Tage gemeldet, als Land'esfürst in den werdenden Staat Albanien geht. Mehr Mut noch, als der Prinz von Bottenberg, der sich an die Spitze des neuen bulgarischen Staatswesens stellte. Denn die Bulgaren waren doch leichter zu ordnen uttd zu regieren, als die albanesischen Völkerschaften. Bei letzteren sind die konfessionellen Verschiedenheiten und die, Stam- mesgegensätze viel größer, und obendrein ist der Volkscharakter ungefügiger und kriegerischer. Ein höchst interessantes Land und Voll, aber nicht an Zaum und Zügel gewöhnt. Wer auf diesem edlen Wildling reiten will, muß eine starke Faust und feste Schenkel mitbringen.
Es gilt nicht allein, die Staatsmaschine zu montieren, sondern auch das Volk für ein geordnetes Zusammenleben zu erziehen. Dazu gehört Klugheit und Kraft, Geduld und — Geld.
Prinz Wilhelm von Wied soll eine Reihe von Bedingungen ausgestellt haben. Die vierte klingt recht prosaisch, aber sie ist von der größten Bedeutung. Der Prinz verlangt da die finanzielle Mit- hiIfe der Großmächte zur Organisation und Administration der albanesischen Staatswirtschaft. In der Tat braucht er die finanzielle Hilfe; denn die Albaner müssen auch zum Steuerzahlen allmählich erst erzogen werden. Für die Hofhaltung mag ja vielleicht das Privatvermögen des Fürsten eine Weile reichen. Das Staatswesen aber braucht viel mehr Geld, als die größte Privatschatulle zu leisten vermag. Und dieses Geld muß schnell kommen, weil nur mit seiner Hilfe sich der Fürst die notwendigen Stützen seiner Autorität und des Friedens im Lände schaffen kann. In einem Lande, wo so viel unbändige Tatkraft in den Köpfen und Händen herrscht, kommt man mit den sog. moralischen Hilfsmitteln nicht aus. Gutes Zureden und Hinweise auf die Ideale genügen nicht, um die Leidenschaften dieser Naturburschen nt bändigen. Sie müssen eine überragende Macht sehen. Darum muß der neue Fürst alsbald sich eine treue und tüchtige Gefolgschaft sichern von Beamten und Soldaten Er muß aus den angesehensten und einflußreichsten Kreisen des Landes Hilfskräfte zu werben suchen, und das gebt nur, wenn die Dienststellen auch hinreichende wirtschaftliche und soziale Vorteile bieten. Dazu bedarf er einer Schutz- und Ordnunas- tNippe von solcher Stärke, daß die ungeberdiaen Skipetaren vor Widerstand und Aufruhr abaeschreckt werden. In dem Lande, wo man von altersher an Faustrecht und Blutrache gewöhnt ist, wird es oewiß an Versuchen der Auslehnuna nicht kehlen. Wenn der Fürst nicht imstande ist, die Aufsässigen schnell und sicher zu beugen, so wird er bald das Feld räumen müssen. Ob er bann die „angenehme Erinnerung" mitnehmen kann, die einst Fürst Bismarck dem Battenberger in Aussicht stellte, ist bei bez
zeitsreise so vergöttert hatte, zog die Gesellschaft feiner Freunde der ihrigen vor? — Freunde?! — Zechgc- nossen waren es, bloße Stammtifchbekannte! Männer in guter sozialer Stellung, aber teils ohne Familie, teils ohne freundliche Häuslichkeit. Kurt war bis zu seiner Verlobung immer unter ihnen. Und dann? Wie sagte er doch gleich? — Ja, ganz recht: er würde die Abende mit der Braut verbringen und seine Bierstunden von fünf bis acht absitzen. Aber oft wurde es später. Gerda erinnerte sich der kleinen Ausflüchte, die sie gebraucht hatte, um die Eltern über die Teestunde hinwegzutäuschen, damit sie auf den unpünktlichen Schwiegersohn nicht schalten. Des Vw ters Patience wollte nicht ansgehen; er war im Begriff die Karten zufammenzufchiebcn. Gerda strengte allen Scharfsinn an, um einen Ausweg zu finden. „Diese sechs, Papa, müssen wir an die Sieben legen." — „Das hilft nichts, mein Töchterchen", erwiderte der Vater ungläubig. Aber Gerda zeigte solchen Eifer und wußte die Eltern so für die Sache zu interessieren, daß sie die Uhr nicht acht schlagen hörten, noch auf die Meldung achteten, daß serviert sei. Wenn bann die Hausglocke ertönte, wickelte sich die Kartenreihe gerade glatt ab, und als der etwas erhitzte Schwiegersohn die Familie begrüßte, schichtete der gestrenge Papa die Häufchen gerade auseinander.
Wie unangenehm hatte Gerda oft den Bierdunst empfunden, der ben Geliebten umgab. Aber sie hatte gehofft, die eigene Häuslichkeit so freundlich gestalten zu können daß die dunstige Bierstube alle Anziehungskraft verlieren würde!
Nun war es doch nicht gelungen! Lag die Schuld an ihr? Hätte sie die Handarbeit nicht hervorholen, hätte sie mit ihrem Gatten ausgehen sollen? „Wenn nur bi» Eltern nicht erfahren, daß er mich heute schon allein ließ."
Betrübt legte sie sich zur Ruhe. Aber am anderen Morgen zeigte sie dem ein wenig bleichen und einsilbigen Gatten ein heiteres Gesicht. Fröhlich plauderte sie bei den Mahlzeiten, und mit Herzklopfen sah sie dem Abend entgegen. Wie wenn cs sich so von selbst verstände, Reckte Kurt nach dem Essen die Zigarrentasche sowie ben HaussöblMel zu sich sind verab-
Grundlichkeit des albanesischen Waffengebrauchs zweifelhaft. . .
Der neue albanesische Staat ist eine Schöpfung von Oe st erreich und Italien. Tiefe beiden Mächte sind also nicht bloß mit ihren Interessen, sondern auch mit ihrer Ehre an dem Gelingen des Experiments beteiligt. In der Personenwahl werden sie ja, wie wir nicht bezweifeln, einen guten Griff getan haben. Auch an der Bevorzugung eines protestantischen Prinzen, der den drei albanesischen Religionsgesellschaften (Katholiken, Schismatiker, Mohammedaner) so zu sagen neutral und unparteiisch gegenüber stehen soll, wollen wir' keine Kritik üben.
Nun halten wir es aber für die dringendste Pflicht der beiden Vatermächte, daß sie ihrem Ans- erwählten auch die Mittel verschaffen zur Ausstellung und Behauptung seiner Regierung. Auf die Großmächte der Triple-Entente darf man sich nicht verlassen, sondern muß schon sroh sein, wenn sie daS neue Gebilde in Ruhe taffen. Was insbesondere Oesterreich angeht, so hat es durch fein zweimaliges festes Auftreten für die Integrität Albaniens viel erreicht, nämlich Sie Räumung von Skutari und von ben Nordbezirken. Jetzt gilt es aber, dieOrdnung im Lande zu sichern und das neue Staatsleben in Gang zu bringen. Will man die Notwendigkeit des Eingreifens österreichischer oder italienischer Truppen verhüten, so muß man dem Fürsten ermöglichen, in Albanien selbst die nötigen Orbnungskräfte zu organisieren und zu besolden.
Deutscher Reich.
* tzrrr v. Gerlach über daS Zentrum. In einem Artikel der Nr. 43 der .Welt am Montag', welcher die Fortschritte des Zentrums in Süddeutschland feststellt, schreibt Herr v. Gerlach u. a.:
Die letzte «Herberge der Freiheit" war das „Muffer- ländle" Baden. Auch hier, wo der Liberalismus einst sozusagen Bnstandssache gewesen war, hatte der Klerika- lismus ständig Fortschritte zu verzeichnen gehabt. Aber der aus der ^Mähigung der Sozialdemokratie und aus der Einsicht des Liberalismus heraus geborene Großblock hotte wenigstens die Uebermacht des Zentrums zu verhindern gewußt. Damit ist es nun auch vorbei. Die Hauptwahlcn haben zu einer Niederlage des Großblock« geführt, die einem Zusammenbruch nahekoMmt. Selbst wenn die Stichwahlen noch so günstig aussallen, selbst wenn das Zentrum und die ihm in Baden mit Haut und Haaren verschriebenen Konservativen nicht offen die Mehrheit erlangen, ist doch der Schwerpunkt der badischen Politik fortan von links nach rechts verrückt. Dafür sorgt neben der gewaltigen Stärkung des Zentrums die Abhängigleit vom Zentrum, in die sich die Rechts» natidifaUtberolen begeben haben. Die Niederlage des Grobblocks in Baden ift eins der schmerzlichsten und folgenschwersten Ereignisse, das wir feit langem in der inneren Politik zu verzeichnen haben. Seine Bedeutung erstreckt sich weit über Baden hinaus auf ganz Deutschland. Sie iü um so größer, als es sich nicht etwa um einen aus allerlei Zufälligkeiten und Nebensächlichkeiten zu erklärenden Zwiichensall handelt. Gewiß, das Zentrum besaß in dem „Löwen von Zähringen" einen genialen Wahlstrategen, dem der Grobblock seinesgleichen nicht entgegenzustellen halte. Gewiß,, die Jndisziplin bei den Nationalliberalen trug von vornherein Verwirrung und Verstimmung in die Reihen der Linken. Aber tue wahren Gründe des Zenlrumssieges liegen doch tiefer. Es Hilst nichts, vor unbequemen Wahrheiten die Augen zu ver« schließen. Offen muß es ausgesprochen werden: das Zentrum befindet sich auf dem Vormärsche. Das gilt nicht i ur für den Süden. Das bestätigte mir erst in diese« Tagen ein Führer des rheinischen Liberalismus auch für den Westen.
Am Schlüsse de§ Artikels sagt Herr v. Gcrlach: Nicht eher werden wir darauf'rechnen können, dem Zentrum Abbruch zu ti n, ehe nicht der letzte Plunder der Kulturkampfgesetze verbrannt ist. Nicht dem Zentrum sollte man es überlassen, sich mit der Agitation für die Aushebung des Jesuitengesetzes seine Wähler zu sichern. Die Liberalen sollten selbst die Beseitigung dieses illiberalen und unsittlichen Gesetzes — jedes Ausnahmegesetz ist unsittlich! — beantragen. Und mit diesem Gesetze sollten, wie das der Toleranzantrag des Zentrums wollte, alle die anderen veralteten Bestimmungen fallen, hie eine Einmüchung deS Staates in religiöse Angelegenheiten gestalten.
Wir haben nichts dagegen, baß man es mit diesem Rezept versucht.
Rn Badisch-Nationalliberales. Während die „Badische Lanbeszeitung" prahlerisch verkündet, daß die neue nationalliherale Fraktion einheitlich und geschloffen dastche und parlamentarisch auftreten werde, kommen aus R o ft a 11 und Lahr Meldungen, wonach einflußreiche nationalliberale Kreise verlangen, daß eine Landesverfammlung einberufen werde, die über neue Richtlinien für die Partei entscheiden soll, lieber die Beschaffenheit dieser Richtlinien ift die freisinnige Presse vollständig unterrichtet: sie schiedete sich mit zärtlichen Worten. Gerda sann und sann: „Wie halte ich ihn, wie halte ich ihn?" Sollte sie Bitten, Tränen, Vorwürfe brauchen? Durch solche Mittel hatte die Frau eines Kollegen ihren Gatten bezwungen. Aber er wurde als Panoffelheld verlacht, sie als Hausdrache verspottet. Durch dieselben Mittel hatte eine andere Frau ihrem Manne das Haus so verleidet, baß er nicht nur abends, sondern auch nachmittags ins Wirtshaus ging und häufig noch einen Frühschoppen einnahmen.
Durch sie würde sie Kurts Stebc und Hochachtung einbüßen. Alles ertragen — nur das nicht!--
„Sag einmal, Schatz, magst thi dir nicht zum Abend ein paar Freunde einlaben? Ich habe heute Aaal in Gelse gekocht, er scheint gut geraten zu sein. Nach dem Essen spielt ihr einen Skat." — Süßes Frau- chen, willst du deine nagelneuen Gardinen verräuchern lassen? Wir hatten heute einen Skat im Lass verabredet — nun ja, ich kann die Herren hierher bitten, aber du hast Mühe davon, und sie sind verwöhnt." — Mit dem Bier meinst du? Ich stelle die Flaschen — es ist eure Sorte — in den Eisschrank, und ihr spielt in deinem Zimmer. Tann „kann lch mich zurückziehen, wenn es zu lange währt."
Ter Abend verlief sehr gemütlich. Kurt war stolz auf seine junge Frau, welche die liebenswürdigste und aufmerksamste Wirtin abgab und mit Geschick das Gespräch auf Dinge zulenkte, welche auch die ver- knöchertsten Junggesellen interessierten. _ Als diese sich zu später Stunde verabschiedeten, priesen sie Kun glücklich, baß er eine so reizende Häuslichkeit besaß.
Diesem elften geselligen Abende folgten andere. Tie junge Frau rechnete zwar seufzend an den Ausgabeposten herum. Es wollte nicht stimm en. „Schatz", sagte Gerda eines Morgens, „mein Haushaltungsgeld geht zu rasch zu Ende." — „Ich habe es mir gedacht, gib die Kartencibenbc wieder auf." — «Nein, das geht nicht, die sind zu hübsch. Im Gegenteil, labe noch mehrere hinzu, deine Kollegen X und P und Z." — , Schlauberger, das geht doch nicht, diese müßten uns ja wieder einladen." — „Wäre das ein Unglück. Kurt? Deren Frauen würden das nicht weniger gern tun als ich, und die Last verteilt sich
sollen nach rechts gehen. Man kann sich das Entsetzen der Freisinnigen vorstellen. Die „Rastatterei" ist eben der „Tropfen Gift" im Block des Großblockliberalismus und der Nationalliberalismus wird gewiß nicht eher zur Ruhe kommen, als bis er sich „neu orientiert" hat und eine klare Auseinandersetzung zwischen Rebmannschem und nationalem Liberalismus sich vollzogen hat. Es ist eben nicht richtig, daß der Großblock bei der Stichwahl gut funktioniert hat, wie die Blockpresse mit vollen Backen ausschreit: die Stichwahlen haben im Gegenteil gezeigt, daß die Zerbröckelung des Großblvcks langsam vorwärts schreitet. Außer Niederbühl sitzen mindestens nock drei Rechtsliberale in der nationalliberalen Fraktion, die unter keinen Umständen für ein Großblock-Präsidium in der Kammer zu haben sind. Auch der Abg. N e ck, der mit Hilfe der Konservativen in den Landtag gewählt wurde, wird sich besinnen müssen, ob er beit Dank dadurch abzustatten gewillt ist, daß er einen Sozialdemokraten in die Volksreprä- fentetinn wählt. Hätten die Prahlereien der Blockpresse eine Unterlage, so könnte Herr Geh. Rat Rebmann allerdings mit klingendem Spiel unter Vorantritt seiner sozialdemokratischen Lieblinge als Trommelschläger in h?e badische Kammer einziehen. Aber diese Großsprechereien sind eben haltlos. Der Wurm der Rastatterei sitzt im liberalen Rebholz und frißt weiter um sich. Die nächsten Tage werden ja ein» Klärung bringen.
Ausland.
** Frankreich. Der russische Ministerpräsident Kokowtzow, der seit Mittwoch in Paris weilt, hat außer Besprechung politischer Fragen auch die Uebemahme und Begebung der staatlich verbürgten russischen Eisenbahnschuldverschreibuugen vorzuberer- teit. Diese Eisenbahnanleihe ist nichts anderes als eine verschleierte Staatsanleihe, die in der Hauptsache den Bau strategischer Eisenbahnen sicherstellen soll. Bei der Anwesenheit des General- stabschess Josfre in Petersburg nach der Annahme des französischen Militärgesetzes hat General Josfre in Petersburg den Wert der mit dem französischen Geld zu bauenden Eisenbahnen und ihre strategische Bedeutung für die rasche Mobilmachung der russischen' Armee an Rußlands Westgrenze geprüft. Nach dem Zweck dieser Bahnlinien ist die rasche Ausgabe der Eisenbahnanleihe, deren Verschreibung eine Verzinsung von 5 Prozent ergeben wird, gewiß. Tie jetzt bald herauskommenden 500 Millionen scheinen bloß ein Abschnitt des großen Anleiheplans zu sein, den Rußland durchführen will.
A Der Schulkampf in Frankreich. Eine Aborb - nung des Verbandds der französischen Lehrerund Lehrerinnen-Vereine begab sich zum Ministerpräsidenten Barthou und überreichte einen Bericht, in dem die Resultate einer Untersuchung übe* die Ausbreitung der Freien Schulen und der katholischen Privatschulen niedergelegt sind; außerdem die Ergebnisse einer Umfrage bezüglich der Kampfmethode gegen die Laienschule und ihre Lehrer. Die Abordnung ersuchte Barthou, die Kammern zur sofortigen Wiederaufnahme der Diskussion über die vorliegenden Schulgesetzentwürfe zu veranlassen, um so ernste und wirksame Maßregeln zur Verteidigung der Laienschule zu schaffen. Barthou versprach der Abordnung alles, was sie wollte; auch eine Zurücknahme der Maßregelung einiger Lehrer. Die Verwirklichung des Gedankens des staatlichen Schulmonopols steht allem Anscheine nahe bevor. Unter diesen Umständen gewinnt die Idee des Bischofs von Orleans, die katholischen Schulen zu schließen, immer mehr Anhänger. Sollten die Pläne der Radikalen, nach denen u. a. nur die aus den atheistisch-staatlichen Normalschulen hervorgegangenen Lehrer Erlaubnis zum Volksschulunterricht bekommen, durchgehen, würde es schwer, die katholischen Schulen beizubehal- ten. — Der Kongreß der „republikanischen Jugend" in Reims hat die Haltung Barthous wegen seiner Nachgiebigkeit betreff des Einspruchsrechts gegen religionsfeindliche Schulbücher auch für die Vormünder und wegen der Ernennung des p. Cassette zum Vorsitzenden der Prüfungskommission für die Schulen im Orient einer schöpfen Kritik unterzogen. Außerdem wurde der Erwartung Ausdruck gegeben, daß die Regierung gegenüber den „klerikalen Angriffen" auf die Laienschule baldigst ihre Versprechungen einlösen werde. Gleichzeitig erscheint im „Temps" ein langer Artikel aus der Feder eines Protestanten Louis Paul Alaux über das segensreiche Wirken der katholischen Schulen im Orient zu Gunsten des französischen Einflusses, französischer Sprache und französischer Politik. In dem Artikel wird geraten, den französischen
Wir könnten ja einfach ein Kränzchen einrichten." — — Gesagt, getan. Me waren gern dabei. Auf diesen Wochenabend freute sich jeder Beteiligte, vor allen Kurt und Gerda. Ten Sonntag verbrachten sie bei den Eltern. Nun gab es noch fünf Abende. Kurt ließ feine Frau noch so viel allein. Schlaflos lauschte sie auf seinen Schritt. Mitternacht war vorüber, ehe er kam. —
„Wie halte ich ihn, wie halte ich ihn?"
— — „Du bist so ernst, Gerda", sagte eine Freundin, die sie eines Tages besuchte. „Was hast du nur? Früher nannten wir dich den Sonnenschein, weil du immer strahltest. Du vergräbst dich ganz ins Haus. Du solltest in unser Kaffeekränzchen eintreten. Jeden Montag von vier bis halb acht. Es ist urgemütlich. Unsere Mä mer kegeln unterdessen." — „Sehr freundlich, liebste Anna, aber ich gehe, nicht gern so lange fort. Kurt könnte früher Heimkommen, bann fände er es zu Hause ungemütlich. Fühle ich mich einsam, so besuche ich meine Eltern ober eine Freunbin auf ein Stündchen, aber am liebsten bin ich daheim."
Unb fo oft Einlabungen an Gerda ergingen, lehnte sie ab, um dem Gatten feinen Vorwand zur Unhäuslichkeit zu geben. Ihren Vater aber bewog sie, ihr das Schachspiel beizubringen. Mit Anspannung aller Geisteskräfte gelang es ihr, ihrem Manne nach einiger Zeit eine ebenbürtige Gegnerin zu werden. Dadurch fesselte sie ihn einzelne Abende an das Haus. Immer nur einzelne. ---—
„Sieh, Schatz, das Häuschen in der Wendenstraße steht zum Verkauft" rief Gerda eines Morgens beim Frühstück, indem sie ihrem Manne ein Zeitt'ngSbiatt hlnhiclt. „Wie wäre cs, wenn du es kauftest?'
„Torheit, Kind, ich ein HauS lausen — ohne Gelb!"
„Wir brauchen cs ja nicht gleich zu bezahlen, Herz! Las zur Anzahlung nötig ist, habe ich in ber Sparkasse. Dir weißt, daß ich keinen Salon ein« richtete unb kein Besuchszimmer, wie meine Schwestern. Wir konnten dadurch billiger wohnen Aber I das Geld für die betreffenden Möbel gab Papa mir."