5. Blatt.
Bruck der fl,l»««r 3ctititMwti<rti '« Silbe.
Zuldaer Zeitung
JV§ 259.
-amrtag 8. November 1913.
wocheN'Rundschau.
[:] Fulda, 7. November 1913.
In Bayern ist dem langgehegten Wunsch des Volkes nach einem regierenden König jetzt Erfüllung geworden. Tie königslose Zeit, die fast 3 Jahrzehnte gewährt hrt, ist zu Ende; Prinzregent Ludwig hat am Mittwoch auf Grund der eben Gesetz gewordenen Verfassungsänderung die Regentschaft für beendet er- klän und die Königswürde durch eine feierliche Pro- klamatwn angenommen. Eine freudige Stimmung geht durch das ganze Bayernland daß der beliebte Prinrreacnt dem Wunsche des Volkes endlich nachgegeben hat und den seit dem Juni 1886 verwaisten Wittelsbacher Thron besteigt. Der neue König steht allerdings schon an der Grenze des Greisenalters, aber seine breitschultrige Gestalt und sein gefundes freuiid- liches, von einem weißen Bart umrahmtes Gesicht zeugen von der Lebenskraft und dem Lebensmut des hochbeaablen, liebenswürdigen Herrschers. Komg Ludwig ist ein Bayer durch und durch und als echter Wittelsbacher mit deni bayerischen Volke aufs engste verwachsen Ihm zur Seite sicht als Königin Maria Therese, eine geborene Erzherzogin von Oesterreich- Este, deren hervorragenden Tugenden nunmehr noch Heller leuchten werden. Die freudige Genugtuung über die Beendigung der bayerischen Regentschaft beschränkt sich aber nicht auf das bayerische Land allein, sondern erfaßt alle Deutschen, denen die Pflege monarchischer Gesinnung am Herzen liegt. Die Erb- cegentschafi, die sich in Bayern ausgebildet hat, war auf die Dauer ein unerträglicher Zustand und ihre Nachteile waren längst offenkundig. Prinzregent Lud- wig hat sich durch die Bereitwilligkeit, der Regentschaft ein Ende zu machen, wozu fein Vater sich nicht hat verstehen können, große Verdienste um sein Land erworben, zugleich aber auch der Wahrung und Hochhaltung des monarchischen Gedankens in hohem Maße gedient. Für die bayerische Regierung war es letzt schon keine leichte Arbeit mehr, eine Aenderung des bestehenden Zustandes herbeizuführen, ohne im Volke die Achtung vor dem monarchischen Prinzip und dem Gottesgnadentum zu erschüttern. Mit der gefundenen Lösung können wir jedoch zufrieden sein. Was in der Presse, die von einem König von Gottes Gnaden nichts wissen will, über Königsmacherei geschrieben wird, hat in den tatsächlichen Verhältnissen keine Begründung und Unterlage. Der Regent ist es, der die Regentschaft für beendigt und die Thronfolge für er« öffnet erklärt hat. Allerdings war er dabei an die verfassungsmäßigen Voraussetzungen gebunden, deren Vorhandensein der Landtag anzuerkennen hat. Aber es war durchaus freie Entschließung des Regenten, ob er auch bei Vorhandensein dieser Voraussetzungen die Regentschaft beendigen wollte oder nicht. Er hat dieselbe für beendigt erklärt und ist, da er auf den Königsthron den ersten Anspruch hat, König aus eigenem Recht und nicht kraft Volksrechtes. Das ist unser Begriff von der Königsgewalt von Gottes Gnaden.
Auch in Braunschweig ist die Thronfolge- srage gelöst; der legitime Herzog ist nach 28jährigem Snterregnum unter dem brausenden Jubel der treuen raunschweiger in die alte Residenz der Welfen eingezogen. Die Freude des braunschweigischen Volkes war ehrlich und herzlich und fand einen Widerhall im ganzen deutschen Reich. Der Volkssturm der Entrüstung, den alldeutsche Blätter vorausgefagt hatten, ist ausgeblieben, vielmehr freut sich das ganze deutsche Volk, sowei es noch treu monarchisch gesinnt ist, darüber, daß der Welfe an der Seite unserer Kaisertochter den Braunschweiger Herzogsthron jetzt hat besteigen können und die Zukunft wird zeigen, wie unbegründet die Kassandra-Rufe waren, die auf alldeutscher Seite immer und immer wieder ausgestoßen stmrden.
In Mecklenburg ist der Versuch einer Ber- fassungsreform, der nun schon seit 5 Jahren immer erfolglos gemacht worden ist, abermals gescheitert. Mit großer Mehrheit hatte der Landtag die Vorlage der Regierung abgelehnt, nach welcher von den 84 Abgeordneten in Schwerin 20 aus Wahlen hervorgehen, 40 von den alten Ständen, je 20 von der Ritterschaft und den Landständen, entsandt werden sollten und der Rest aus berufsständischen und aus vom Großberzog aus der Zahl der Landräte zu ernennenden Vertretern bestehen sollte. Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin hat darauf verkünden lasten, daß er seinen Entschluß, aus eigener Entschließung eine Verfassung in Kraft zu setzen, noch nicht aus- fiihren wolle, da die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sei, daß dann letzten Endes die gesetzgebenden Fakto-
UnpoMsche Zeitlause.
N. Berlin, 6. November 1913.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Die Bayern haben ihren König, die Braunschweiger ihren Herzog bekommen. Darob freuen sie sich, und wir freuen uns mit ihnen.
Im Amtsstil spricht man vom Landes Herrn. Viel schöneres und besseres Deutsch ist es, wenn man vom Landes Vater und von der Landes mutter spricht. Da erscheint die staatliche Gemeinschaft als eine große Familie; auf den Ehrenplätzen am häuslichen Herde sitzt das Herrscherpaar als Oberhaupt der Familie, und die Glieder scharen sich ringsherum in treuer Zucht und Liebe. Dort herrscht eine gemütliche Stimmung, und es ist zugleich echt deutsch und christlich.
Heutzutage gibt es ja genug „Aufgeklärte" und Hetzer, die uns den monarchischen Sinn verekeln möchten. Wenn das Volk zusammenläuft auf den Wegen, die sein Fürst passieren soll, so sagen sie, das sei entweder schale Neugier oder unmännliche Knechtseligkeit. Aber nein, es ist eine ganz natürliche und würdige Betätigung staatsbürgerlichen Gefühls. In dem Träger der Krone verkörpert sich die Macht und Pracht des Staatswesens. Indem wir den Herrscher begrüßen, fühlen wir uns nicht gedemütigt, sondern vielmehr gehoben in dem stolzen Bewußtsein, ein lebendiges Glied zu sein an der großen Gemeinschaft, deren Haupt und Hort uns Auge in Auge gegenüber» steht.
„Stolz lieb' ich den Spanier", heißt es in einem dielgebrauchten Spruch. Stolz ist auch der Deutsche, wenn er seine Fürsten mit Hoch und Hurra be- !>rüßt. Stolz auf die Herrlichkeit feines Staates und eines Reiches, die er in dem Träger der Krone verkörpert sieht. Stolz auf den Beitrag, den auch er zu dieser Größe und Macht liefert; denn wenn der einzelne auch nur einen Tropfen im Meer oder einen
Quf dem großen Acker darstellt, er weiß doch, daß die Kraft der Welle von der Gesamtheit der Tropfen und die Fruchtbarkeit des Ackers von den bereiten Leistungen der Halme abhängt.
Die Wachtparade, alle militärischen Auszüge und Hebungen haben nach wie vor eine große Anziehungskraft. Das Volk sieht gerne zu ober marschiert noch
reu des Reiches darüber bestimmen könnten, welche Verfassung Mecklenburg erhalte. In Mecklenburg- Strelitz ist mai. anscheinend bereit gewesen, diesen Schritt schon jetzt zu tun.
So rückständig Mecklenburg sich bislang gebärdet hat, so fortschrittlich glaubte Baden sein zu müssen. Aber die Wahlen zum Landtag haben bewiesen, daß das badische Volk doch nichts von einem Fortschritt wissen will, den die Sozialdemokratie kommandiert. Die Hauprwahlen hatten eine heillose Niederlage des Großblocks gebracht, eine Mehrheit der Rechten haben die Stichwahlen indessen nicht ergeben. Wenn ade- zahlenmäßig auch noch eine Linksmehrheit im badischen Landtag besteht, so ist es mit der Großbwck- mebrh-it doch vorbei, denn 3 Nationalliberale, oder besser 2 Nationalliberale und 1 Wilder sind ausgesprochene Gegnre des Großblocks. Die Nationalliberalen sind die einzigste Linkspartei, die bei den Wahlen noch einigen Zuwachs erfahren hat, aber nicht wegen, sondern trotz des Großblocks, denn nur die Taktik des Zentrums, das nationalliberale Kandidaten gegen Fortschrittler und Sozialdemokraten unterstützte, hat den Nationalliberalen ihren Zuwachs gebracht. Die Nationalliberalen haben auch schon erkannt, daß die Großblocktaktik für sie „kein Dogma" ist und daß sie sich, wie das Organ des Ab. $affermann schreibt, der unleugbaren Fesseln, die durch sie der Partei auferlegt werden, gern entledigen wollten, je früher umso besser. Es ist nur zu wünschen, daß die Nationalliberalen allenthalben aus den badischen Landtagswahlen die nötigen Lehren ziehen.
In Frankreich hat das Parlament nach einem sehr lebhaften Parteikampfe, der sich oftmals zu einer nachdrücklichen Reklame für das Programm der Regierung abgespielt hatte, im Saufe der Woche seine Arbeiten wieder auf genommen. Bekanntlich hatten die französischen Radikalen auf dem Kongreß zu Pau sehr energisch gegen die ungünstige Finanzpolitik des Ministeriums Barthou Stellung genommen und auch eine deutliche Kampfansage gegen die dreijährige Dienstpflicht ausgesprochen. Der ehemalige Minister. Präsident Caillaux. einer der erfolgreichsten Widersacher des jetzigen Ministeriums, soll das zu Pau gefaßte Programm der Radikalen in der Kammer vertreten, und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, das Kabinet Barthou zu stürzen und zugleich eine Präsidentschaftskrisis herbeizuführen. Zunächst befinden sich zwar die Radikalen in der Kammer noch in der Minderheit, aber das kann im Laufe der Debatte im Hinblick auf den total verfahrenen Karren der französischen Finanzen und auf die großen Anforderungen, die. an die Opferwilligkeit und Steuerkraft des Landes gestellt werden, leicht anders werden. Um das ungeheuere Defizit zu decken, hat der Finanz- miniftcr drei Einnahmequellen vorgeschlagen: Eine Kapitalsteuer, eine sogenannte „rektifizierte" Be- fteuerung ausländischer Werte, und endlich eine Einkommensteuer, für welche sich die Kammer schon längst ausgesprochen hat. Mit dieser Steuerreform tan'n aber noch nicht einmal die Hälfte des Bedarfs gedeckt werden. Der Eindruck, den dieser Voranschlag des Finanzministers hervorrief, war äußerst ungünstig, weil sich daraus nicht ersehen ließ, welche Opfer -den einzelnen Bevölkernngsteilen dadurch auferlegt werden und schon jetzt Nachtragsforderungen angekündigt wurden, über deren Umfang Dunkel schwebt Herr Caillaur rechnet damit, datz die öffentliche Meinung Frankreichs sich rechtzeitig äutzern werde, um eine finanzielle Katastrophe zu verhindern, und dies umsomehr, wenn die Erfahrung gelehrt haben wird, datz die zu große finanzielle Anspannung in Frankreich keiner Realität, sondern dem Phantom der Revanchelüsternheit gebracht worden sind.
Auf dem Balkan zankt man sich in den Verhandlungen noch immer nm die verschiedenen Streitobjekte herum, und manchmal sieht es ans, als könne es doch noch einmal zu ernsten Verwickelungen kommen. Tie Kämpfe des letzten Jahres aber haben alle Beteiligten so geschwächt, daß man die Sache schon weniger ängstlich einschätzen darf.
Eine höchst merkwürdige Wendung hat das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Mexiko genommen. Die Politik des Präsidenten Wilson ist eine derartige, datz sie zurzeit von niemandem in Europa verstanden, geschweige denn gebilligt werden könnte. Herr Wilson versichert ein über das andere Mal, daß er Frieden haben wolle, tut aber in Wirklichkeit alles, um einen Krieg herbeizuführen. Er will Huerta, den einzigen Mann, der geeignet wäre, in Mexiko geordnete Verhältnisse einzuführen, nicht anertennen, sondern unter Umständen mit Waffengewalt in Mexiko eingreifen. Dagegen tritt
lieber mit. Steckt dahinter eine Kricgssucht ober gar ein Blutdurst? Keineswegs. In dem Teil des ^Heeres, das sich da gerade betätigt, erblicken wir ein Stück der wehrhaften Volkskraft. ' Der Anblick der ftram- men Jungen und die Betrachtung ihrer vortrefflichen Organisation erhebt unser patriotisches Bewußtsein, macht uns stolz und froh. Wir liehen diese Kraft- entfaltung, ohne dabei in kriegerische Gelüste zu verfallen. Der gesunde Bürger fühlt sehr wohl, datz das tüchtige Heer der beste Hort des Friedens, der oberste Kriegsherr der sicherste Friedenswart ist, und deshalb genießt er mit behäbiger Freude die militärischen und und die höfischen Schauspiele.
Diese Freude sollten die Zweifler und Nörgler dem Volke lassen: die Freude an dem Glanz der Krone und an der Kraft des Heeres.
In der neuen Welt, jenseits des großen Teiches, hat man lauter Republiken. Man nennt das „Freiheit"; die Früchte sind aber nicht sehr verlockend. In Mittel- und Südamerika jagt eine Revolution die andere; eine Unmasse von Gut und Mut wird in diesen inneren Kämpfen vergeudet. Wieviel glücklicher könnten diese Länder fein, wenn sie einen starken und braven Monarchen als Hort des Rechtes und der Ordnung hätten! In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist freilich die Periode der Bürgerkriege überwunden; aber die Parteiherrschaft mit ihren ewigen Wahlkämpfen und dem zeitweiligen Wechsel in der Beamtenschaft lastet schwer auf dem Lande, und noch schlimmer ist die Geldknechtfchaft, in der die auSbeutenben Truste unb die vergiftende Korruption das Volksleben unb bas Staatswesen halten. Gegen biefe Tyrannei ist ja unsere alte Orbnung bei weitem vorzuziehen. Dabei hat aber die nordamerikanische Volksseele dasselbe Bedürfnis, wie wir, in einem Mann die Verkörperung des Staatsgedankens zu sehen und begrüßen zu können. Der Präsident der Vereinigten Staaten wird auf vier Jahre gewählt. Zu seinen Empfängen drängt sich das „freie" Volk in großen Scharen. Es ist eine gewaltige Defiliercour; der Stolz und die Freude jedes Bürgers ist der Händedruck, den er in landesüblicher Weise mit dem Präsidenten austauscht. Wenn auch der Präsident nur ein Ergebnis von Wahlkämpfen und nur ein kurzweiliger Verwalter des obersten Postens ist, die Annäherung an dieses augenblickliche Staatsoberhaupt tut doch dem republikanischen Staatsbürger wohl.
er mit den mexikanischen Rebellen in Beziehungen und hat die Revolutionäre unter Carranza bereits anerkannt, sobald dieser General ihm Gewähr dafür geboten, daß er stark genug fei, es mit Huerta aufzu- nehmen. Dabei scheint Herr Wilson noch immer auf Unterstützung durch die europäischen Mächte zu rechnen, bereit Druck sich Huerta schließlich fügen werbe, llnterbeffen werben bie militärischen Vorbereitungen in ben Vereinigten Staaten eifrig fortgesetzt, bebeu- tenbe Truppenmassen stehen bereit, jeben Moment nach bestimmten Plätzen Mexikos beförbert zu werben. Bleibt Huerta fest, woran kaum zu zweifeln ist, so wirb beit Vereinigten Staaten nach diesem Schritte nichts übrig bleiben, als zur Intervention zu schreiten. Der Präsibent Wilson hat bpt an ber Erhaltung der Ordnung in Mexiko interessierten europäischen Mächten eine Denkschrift angekündigt, welche kaum beit erwarteten Erfolg haben bürfte. lieber« Haupt stößt bie ganze auswärtige Politik bes Prasi- benien Wilson in Europa auf großen Wiberspruch. Herr Wilson erklärte, baß er ben südamerikanischen Republiken helfen wolle, sich von europäischen Einflüssen zu befreien und meinte, alle Nationen des amerikanischen Kontinents würden eine Familie ber Menschheit bilben, die sich den Prinzipien, von denen alle Freiheit ausgeht, widmet. Er griff bie Politik, bie von Englanb, Frankreich unb Deutschlanb im lateinischen Amerika verfolgt werde, als eine Politik materieller Interessen an unb bezeichnete es als seine vornehmste Aufgabe, „biefe materiellen Interessen" jener Länber abzustreifen, bantit Nord- und Sübamerika sich feiner konstitutionellen Freiheit voll erfreuen könnte. Es scheint, baß die Politik des großen Theoretikers und Gelehrten Wilson mit der historisch überlieferten Politik ber Vereinigten Staaten, sowie mit ihren kommerziellen Gepflogenheiten sehr rabilal aufräumen will. Wieweit sich bas theoretisch ermöglichen läßt, wirb Herr Wilson ja vielleicht ausgerechnet haben, praktisch aber dürfte bie Einstimmigkeit bes internationalen Völkerkonzerts sehr barunter leiben.
# Znm Kapitel: Trennung von Kirche und Staat.
Am 30. Oktober 1851 sprach ber Rottenburger Domkapitular Oehler in ber württembergischen Kammer bie Worte:
.Ich fürchte, daß es nicht daran fehlen wird, daß man den Steuerpflichtigen lagt: „Sehet, ioviel kost n eure Geistlichen, da fließt euer Geld hm, sehet da eure Last!" Ich süichte ferner, daß es in kommenden Zeiten nicht an iolchen fehlen wird, welche nichts volkstümlicheres tun zu können glauben, als daß m irgend einer bewegten Zeit, vor welcher übrigens Gott uns bewahren wolle, sie in diesen Saal den Antrag schleudern: „Streichet zuerst das, was aus dem Kultdepartement steht." Dann wird man vergessen, welche Summen einst der Kirche entzogen worden sind. . . ."
Heute sind diese prophetischen Worte in Erfüllung gegangen. An allen Ecken und Kanten, aus allen Redaktionsftuben sogenannter liberaler und freigeistiger, d. h. kirchenfeindlicher Blätter ertönt der Ruf nach Trennung von Staat und Kirche, und er wird begründet mit dem Hinweis auf die steigenden Lasten des Kultusbudgets. Es ist ja so billig, sich Lorbeeren und jauchzender Beifall als populärer Rebber zu holen, wenn man auf die Kirchensteuern schimpft, unb man braucht zu biesem agitatorischen Geschwätz nicht einmal/Kenntnis von ber Bedeutung und Tragweite dessen, was man fordert. Als ob der Staat aus lauter Kirchenfreunblichkeit das Kultusbudget eingesetzt habe und nicht vielmehr, weil er dazu — verpflichtet ist!
Welcher Art ist diese Verpflichtung? Ist es eine geschichtliche unb moralische ober auch eine rechtliche Verpflichtung?
Der Tübinger Kirchenrechtslehrer Professor Säg- müller nimmt zu biefer Frage das Wort in seiner Schrift: „Ter Rechtsanspruch ber katholischen Kirche auf finanzielle Leistungen seitens des Staates (Freiburg 1913, Herber) unb’ tritt, wie schon ber Titel sagi' für eine rechtliche Verpflichtung bes Staates ein.
Er beruft sich zunächst dafür auf ben § 35 bes Reichsdeputationshauptschlusses vom 25. Febr. 1803:
„Alle Güter der lundierten Stifter, Abteien und Klöster, in den allen sowohl als in den neuen Besitzungen, katholischer, sowohl als A. C. verwandten, mittelbarer lowohl als unmittelbarer, deren Verwendung in den vorhergehenden Anordnungen nicht förmlich festgesetzt woreen ist, weiden der freien und vollen Disposttion
Unsere französischen Nachbarn behelfen sich mit einem Präsidenten, der nicht aus einer allgemeinen Volks- Wahl, sondern aus den Wahlkünsten ber Volksvertretung hervorgeht. Er wirb freilich auf sieben Jahre gewählt, hat aber viel weniger Macht, als ber Präsident von Nordamerika. Eigentlich hat der französische Präsident nichts weiter zu tun, als gemäß den Beschlüssen der Kammer Minister zu ernennen und zu entlassen. Und doch suchen bie Franzosen diesen Registrator als Staatsoberhaupt zu begrüßen und zu feiern. Sie behelfen sich mit diesem dürftigen Reprä- fentanten der Staatsherrlichkeit, weil sie nichts Besseres haben. Viele von ihnen seufzen freilich nach einem wirklichen Monarchen, und trotz aller Abneigung gegen Deutschland hat schon mancher Franzose gesagt, daß er uns um unfern Kaiser und König beneide.
Ich glaube nicht, daß die republikanische Staatsform tn absehbarer Zeit die weitere Welt erobert. Tie Monarchie hat ihre Stützpunkte sowohl im V erst a n d e, als im Gemüt der Völker. Der Verstand erkennt, daß die gegenwärtige Ordnung, in der dem Monarchen die Volksvertretung mit ihren verfassungsmäßigen Rechten zur Seite steht, eine höchst zweckmäßige Vereinigung von Autorität und Freiheit, von Sicherheit und Fortschritt darstellt. Und das Gemüt sagt: Wir wollen an dem angestammten Lan- desvater unsere Erbauung und unsere Freude haben!
In Braunschweig hatten sie einen sehr guten und weisen Regenten. Aber er war doch nur ein Stellvertreter, ein Platzhalter. Das Volk sehnt sich nach dem richtigen Landesfürsten. Es hat ben Herzog Ernst August ünb seine hohe Gemahlin mit großer Begeisterung begrüßt. In Bayern hat es eigentlich keinen. Personalwechsel gegeben, ronbern im Grunde nur eine Titeländerung: Prinz Ludwig, der bisher als Regent regierte, herrscht jetzt als König Ludwig HI. Aber tote dankbar und froh ist doch das Volk, daß es jetzt einen wirklichen König hat, der voll und ganz die Herrlichkeit des Staates verkörpert! Bisher mußte man, wenn der Name des Königs erwähnt wu de, an den unglücklichen Kranken von Fürfrcnried denken. Jedermann sagte sich: Wie hat denn Bayern dieses Schicksal verdient, daß es jahrzehntelana einen unheilbaren Irrsinnigen als Träger von Arone und Szepter betrachten soll? Wir müssen einen Landesherrn haben, der wirklich zu herr-
ber respektiven Landesherren sowohl zum Behufe des Aufwanves ,ür Gottesdienft, Unterricht und andere ge- memnützige Anstalten, als zur Grletchierung ihrerFinanzen überlassen, unter dem bestimmten Vorbehalt der festen und bleibenden Ausstattung der Domkirchen, welche werden deibehalten werden, und der Pensionen für Die aufgehobene Geistlichkeit nach den unten teils wirklich bemerllen, teils noch unverzüglich zutreffenden nähern Bestimmungen
Ebenso gehören hierher die Artikel 63 unb 65. Dann verweist Sägmüller auf bie „Grundzüge" ber Frankfurter Konferenzen vom Jahre 1818, bie von Vertretern einer Reihe von füd-, mittel- unb norddeutschen Staaten beschickt waren, zwecks der Organisierung ber katholischen Kirche in ihren Gebieten, wo man sich u a. einigte auf ben Beschluß § 4: „Es mutz bemnach ber Staat A. bie wesentlichenEr- forberniffe unb Bebürfnisse der Kirche regulieren und ß. ihre rechtlichen Verhältnisse bestimmen", worauf,auch die oberrheinischen Bischöfe in ihrer Denkschrift vom Jahre 1851 sich bezogen haben.
Aus den Wortlaut „wesentliche Erfordernisse und Bedürfnisse der Kirche" legt Sägmüller besonder!! Nachdruck und faßt seine Untersuchung dahm zusammen, „datz die säkularisierenden Staaten auf Gründ des § 35 des Reichsdeputationshauptschlusses vom 25. Februar 1803 rechtlich verpflichtet sind, die wesentlichen kirchlichen Bedürfnisse der katholischen Kirche, und zwar auch die im Laufe ber Zeit steigenden, zu bestreiten."
Man wird gut tun, der Sache ein besonderes Augenmerk zu schenken. Zwar finden selbst Jung- liberale ein Haar in der Trennungssuppe, toie das auf dem jungliberalen Parteitag in Leipzig Pfarrer Dr. Foerster (Frankfurt a. M.) hat erkennen lasten. Letzten Endes Wohl, weil bei ber Durchführung ber Trennung in Deutschland auch ber Protestant! s- mus mitbetroffen würde; freilich über solche Zwirn- fäben stolpern echte liberale Männer nicht, wie bas eine Notiz ber gewiß echt liberalen „Kölnischen Zeitung" verraten hat, in welcher ein liberaler — man muß bas schon besonders sagen! — Mann anläßlich der Foersterschen Rede sagte: es sei von feiten des Redners eine recht überflüssige Vermehrung der Schwierigkeiten, welche ber Trennung widersprächen, wenn er meine, ein Trennungsgesetz in Deutschland müsse gleichmäßig auf bie evangelische unb katholische Kirche angewandt werben. Das dürfe selbstverständlich nicht der Fall,sein. Das Trennungsgesetz müsse vielmehr verschieden ab, gefaßt werden.
Welch ein von Gerechtigkeit übersließenber Gemütsmensch, dieser Liberale! Aber die Auslassung ist lehrreich: denn man sieht, Welche Gedanken in manchen Köpfen umgehen.
Vermischtes.
* Kautionsschwindeleien. Vor einigen Monaten wurde öffentlich vor einer Kautionsschwindlerin, der Witwe Marie Prössel, geb. Stimmt«, gewarnt, die von Nizza und San Sebastian aus in deutschen Zei- tungen für eine Vertrauensstellung einen jungen Mann suchte. Den jungen Leuten, die sich meldeten, wurde eine gut bezahlte Stellung angeboten, gleichzeitig aber eine Kaution in Höhe von 3 0 0 0 bis 4000 Mark abverlangt. Diejenigen, die hierauf eingingen, wurden nach kurzer Zeit entlassen. Die Kaution sahen sie niemals wieder; sie war von der Witwe, die als gewerbsmäßige Spielerin in Nizza bekannt ist, v e r s p i e 11 worden. Neuerdings scheint die unternehmungslustige Dame das Feld ihrer Tätigkeit nach Biarritz verlegt zu haben. Sie setzt dort unter ber Abresse Chalet Pepita. Avenue dir Jarbin Public ober Marson Dallarabe, Rue du Port Vieux 10, den alten Schwindel fort. Nur ist sie etwas bescheidener in der Höhe der Kaution geworden. Sie verlangt jetzt, nachdem sie Stellensuchende angelockt hat, nur noch 2000 Mark Kaution.
Hefiamen« unb AnzekgcnkeN.
j Schwächliche, Blutarme, Nervöse |
gebrauchen mit grossem Erfolg Dr Hommel’s || Haematogen. Warnung: Man verlange aus- N drücklich den Namen Dr. HommeL
scheu versteht, und einen Landesvater, ber nit uns zu beulen unb zu fühlen vermag! — Das Volk in seinem urwüchsigen Drange war sich des rechten Weges wohl bewußt. Es hat jetzt, was es wünscht: einen König von bewährter Tüchtigkeit, der sich die Verehrung unb Liebe nicht erst zu erringen braucht, weil er sie schon längst in vollem Matze besitzt.
Zu der Sehnsucht nach einem Landesvater gesellt sich bie Verehrung seiner Gemahlin als ber Landes- mutter. Es ist ein Glück, wenn ber Herrscher eine gute unb sorgsame Lebensgefährtin neben sich auf bem Throne hat. Tas Walten unb Wirken der ersten Frau des Landes als Gattin und Mutter in ihrer engeren Familie, und als Pflegerin und Förderin aller weiblichen Kultur- und Liebestätigkeit im ganzen Staate ergänzt unb verschönt aufs beste die Wirksamkeit des Fürsten. Die Liebe und die Freude des Volkes findet darin eine besondere Nahrung. Nach BraunschwM hat der neue Herzog die Tochter des Kaisers als'frisch aufblühende Landesmutter mitgebracht, unb bas hat bie Begeisterung wesentlich erhöht. In Bayern ist jetzt bie Prinzessin Subtotg auf ben seit fast einem halben Jahrhunbert verwaisten Thron der Königin getreten, und das gereicht dem bayerischen Volk zur besonderen Genugtuung, da es aus dem wunderbar reich gesegneten Familienleben und aus der langjährigen Wirksamkeit ber hohen Frau weiß, baß niemanb toürbiger ist, als sie, den höchsten Ehrentitel der Landesmutter zu führen und allen Baverinnen zum Muster und Vorbild zu dienen.
Ein wahres Glück für Deutschland, daß es tüchtige und treue Fürsten unb Fürstinnen besitzt. Das kann man ohne allen Bwantinismus sagen. Ter tynriten Ehre ist aufi bes Volkes Ehre unb bient znm Wohle des Volles. Auf Gegenseitigkeit müssen ste beruhen — bie Tugenden unb bie Treue ber Herrscher unb ves Volkes. Jeber Teil hat feinen Dien,! zu leisten für bas Vaterlanb, — die Fürsten tote die Bürger. Und jeder hat sich zu tieronttoortcn.tior bem höchsten Herrn, von besten 6nabe toir alle sind, was toir finb, unb bessen Gericht uns alle erwartet. Wenn bie Fürsten unb bas Volk weiterhin ihre Pflicht tun, so wird es gut stehen um bie alte Orbnung im Vaterlands, unb es wirb auch der gemütliche Zug in der großen Familie bestehen bleiben.