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Fuldaer Leitung

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flnjeigen: ter Raum einer einsaitigen Celeneheile, 47 see «rat, ton« U PJt, Reklamen: ter Raum einer Colonetjelle, 74 m» breit, koftd 40 Pf» Ba Wieöerholungen Rabatt $ür Offert- und fiuskunftonjetgen 20 Pf, extra. De Konkursfällen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. CrfCUungsorf für bas Be­klagen «an Sortierungen in Julba. flnielgen-flnnaljme bis 10 Uhr eereüttagfc s c Sräßere kn;eigen erbitten wir uns tags vorder. » •

nr. 258. .. €rftes Blatt.

Freitag den 7. November 1913.

40. Zahrgang.

X Zum Thronwechsel in Bayern.

Die Kammer der Abgeordneten beschäftigte sich gestern nachmittag mit dem Antrag der Regierung: anzuerkennen, daß am 4. November 1913 die ter« fassungsmäßigen Voraussetzungen für die Beendigung der Regentschaft bestanden haben. Der Abg. Lerno .erklärte, daß das Zentrum dem Regierungsantrage zustimme, da durch ärztliche Gutachten, sowie durch den Besuch der Abgeordneten Casselmann und Giehle di« Regierungsunsähigkeit König Ottos erwiesen sei. Casselmann gab für die Liberalen, Beckh für die Konservativen, Lutz für die Bauernbündler eine ähn­liche Erklärung ab. Casselmann schilderte die erschütternden Eindrücke, die er vorgestern bei dem Besuch des Königs gewonnen habe. Er und Giehrl haben einen gemeinsamen Bericht sür das Archiv des Landtags ausgearbeitet. Im Namen der Sozial­demokraten lehnt« Se gitz die Teilnahme an der Ab­stimmung ab. Die Beendigung der Regentschaft sei erfolgt, ehe der Landtag befragt wurde. Die Regie­rung habe, indem sie den Landtag vor eine vollendete Tatsache stellte, verfassungswidrig gehandelt. Minister- Präsident Frhr. v. Hertling erhob gegen die Be- Häuptling des verfassungswidrigen Vorgehens der Re­gierung energisch Widerspruch. Der Antrag der Staatsregierung wurde mit allen bürgerlichen Stim­men angenommen.

Die feierliche« Veranstaltungen aus Anlaß der Thronbesteigung sind durchaus schlichter Natur, wie es dem Wesen des Königs Ludwig entspricht und entbehren jede- Prunkes. Die Eidesleistung am Samstag wird in ganz einfacher Form vor sich gehen, ebenso die Huldigungsfeier am Mittwoch nächster Woche. An diesem Tage wird in allen Kirchen Bayerns für den neuen König gebetet werden. Der Monarch wird dem Hochamt in der Frauenkirche in München beiwohnen, zu welchem er in feierlicher Ausfahrt erscheinen wird. Hohe Auszeichnungen oder Standeserhöhungen, die aus Anlaß der Thronbe­steigung des Königs angekündigt worden waren, sind nicht erfolgt und werden auch nicht erfolgen. Der Amnefticerlaß König Ludwigs erläßt alle noch nicht vollstreckten Strafen, die von bürgerlichen oder militärischen Gerichten Bayerns ausgesprochen wurden wegen Beleidigung des Königs Otto oder des jetzigen Königs, wegen Vergehens in Bezug auf staats­bürgerliche Rechte und das Preßgesetz, wegen Be- amlenbeleidigung, Ungebühr vor Gericht, sowie wegen Forstfrevels, wenn sie nicht mehr als ein Monat Gefängnis oder 100 Mk. Geldstrafe betragen.

Die ärztlichen Gutachten über den Gesundheitszustand beS Königs Otto. Die dem Landtage vorgelegten Be­richte der ärztlichen Kommission über die Besuche bei König Otto datieren vom 27. Oktober und 1. No­vember. Nach einer Schilderung des bis 1871 zurück­reichenden Krankheitsverlaufs heißt es über den jetzigen Zustand: Das Gedächtnis-enthält noch manche Erinne­rungen aus früherer Zeit, die Namen bekannter Per­sonen, älterer Gemälde und dergleichen, aber auch die Zahl dieser Erinnerungen wurde kleiner. Die Gemüts­stimmung schwanlt seil Jahren nicht mehr zwischen De­pression und Exaltation, sondern zwischen gleichgiltiger Ruhe, stuporösen Zuständen und rasch vorübergehenden heiteren oder zornigen GemütSaffeklen. Anhaltender Lebensüberdruß mit Selbstmordgedanken einerseits und auffällige Heiterkeit anderseits von längerer Dauer sind seit Jahren nicht mehr zu beobachten. Es gibt kein Er­eignis, keine Person, keine Sache, wofür der König nach­haltiges Jntereffe hätte. Da der König ziemlich früh die Zähne verlor und künstliche nicht benutzen kann, müssen die Speisen von leicht genießbarer Form sein. Weiter wird geschildert, wie der König sich überhaupt nicht mehr zu Tische setzt, sondern einfach mit der biogen Hand in die Teller und Schüsseln greift unv sich, aus der Hand essend, wieder in ein anderes Zimmer entfernt. Der Sinn für Reinhaltung und Pflege des Körpers sei völlig abhanden gekommen. Seit vielen Jahren vermeidet der König jede Berührung eines Klosetts oder eines ent­sprechenden Getönes. (Wer genaueres hierüber wissen

In der Schule des reidens.

16] Roman aus dem New-Yorker Leben. L Von Erich Friesen.

„Fühle, wie mem Herz pocht!" flüstert sie, unter Tränen lächelnd. „Es klopft nur aus Liebe, aus Liebe zu Dir, mein Einzig-Teurer. Wenn Du dieses treue Herz jemals betrügen könntest! Ich würde wahnsinnig!"

Jetzt lächelt auch er.

„Unsinn, Närrchen! Ich spüre nicht die geringste Lust, mein teures Weibchen zu betrügen."

„Aber viele Männer tun es doch — namentlich viele Künstler!"

„Was gehen uns andere an, mein Lieb! Für mich gbt es nur eine Frau aus der Welt — und das bist

„Und Gerda Douglas? Du machst Dir nichts aus ihr?"

Ein Schatten huscht über Norberts soeben noch

so heitere Stirn.

„Nicht in dem Sinne, wie Du es meinst, mein kleines Dummchen. Gerda ist meine, nein unsere liebe Freundin. Ich schätze und verehre sie hoch — nichts weiter. Und nun bitte ich Dich ernstlich, diese Frage ein für allemal abgetan sein zu lassen. Du wirst mich sonst böse machen. — Jetzt hole Deine Bfiefe von der Post, Siet), und dann komm' zur Probe!"

Felicie ist vollkommen befriedigt. Schnell setzt sie ihren Hut auf, streift die Handschuhe über und läuft nach dem in der Nähe befindlichen Postamt.

Gleich darauf hält sie einen Brief von ihrer Mut­ter in der Hand.

Briefe von der Mutter sind keine Seltenheit für Felicie. Worum zögert sie diesmal, ihn zu öffnen? Warum beschleicht sie beim Anblick der wohlbekannten Schriftzüge ein eigenes Angstgefühl? Vielleicht, weil die Adresse etwas zitterig geschrieben ist — wie in großer ffmpung oder Schwäche.--

Uvsch'.vsncr dreht sie den Brief ein paar Mal hin ttitb hätz Dann Cffstte sie zaghaft das Kuvert.

will, muß di« farblose und EensationSpreffe lesen, die diesen Teil deS Gutachtens in aller Ausführlichkeit wiedergiebt.) Während der König 1881 in 91 Nächten völlig schlaflos war, ist sein Schlaf jetzt ausreichend. Da die geistige Störung daS Leben nicht bedroht, da keine Lähmungserscheinungen vorhanden sind und niemals vorhanden waren, drücken die Aerzte die Hoffnung aus, daß der König noch eine Reihe von Jahren leben werde. Die Regierungsbehinderung ist aber bestimmt für die ganze Lebenszeit andauernd.

Telegrammwechsel zwischen München nnd Berlin.

König Ludwig hat, wie gemeldet, dem Kaiser die Beendigung der Regentschaft in einem Telegramm angezeigt. Das Telegramm hat folgenden Wortlaut: „Euerer Majestät gestatte ich mir zur geneigten Kenntnis zu bringen, daß ich die Regentschaft gemäß den Bestimmungen der Verfaffung für beendigt erklärt und den Thron meiner Väter als nächster Agnat bestiegen habe. Die unerschütterliche Bundestreue, die ich von meinem Vorgänger in der Regierung Bayerns als heiliges Vermächtnis übernommen und selbst sorg­fältig gepflegt habe, wird in mir auch fernerhin einen überzeugten Hüter finden. Euere Majestät, den erhabenen Schirmherrn des deutschen Reiches, bitte ich, die mir und meinem Hause bisher stets erwiesene freundschaftliche Gesinnung auch in Zukunft erhalten zu wollen."

Vom Kaiser Wilhelm lief folgende Antwort ein:

„Mit herzlichem Dank für Deine Mitteilung über die Beendigung der Regentschaft spreche Ich Dir zu Deinem Regierungsantritt als König in treuer Freundschaft und Anhänglichkeit Meine aufrichtigsten und auS tiesstem Herzen kommenden Glück- und Segenswünsche aus. Mit Mir nehmen die Kaiserin, Mein Haus und Mein Volk an die sem bedeutungsvollen Ereignis freudigsten Anteil. Möge Dein Wirken in dem Dir von Gott über­tragenen hohen Berufe Dir selbst reiche Befriedigung gewähren und Deinem schönen Lande sowie unserem ge­meinsamen großen Vaterlande Glück und Segen bringen. Möge der heutig» Tag für das Bayernland der Mark- stein werden für eine Zeit ungetrübten Glück«? und segensreicher friedlicher Entwickelung."

Diesen Glückwunsch erwiderte der König mit folgendem Telegramm:

„Dein gütiges Telegramm, das mir einen neuen Be­weis Deiner treuen Freundschaft gibt, hat mich herzlich erfreut. Ich bitte Dich, die Kaiserin und all die Deinen sür die Anteilnahme an dem für mein Hans und Land bedeutungsvollen Ereignis und sür die so warmen Glück- und Segenswünsche meinen tiefstempfundenen Dank ent­gegenzunehmen. Möge Gott Deinen Wünschen Erfüllung schenken zum Wohle Bayerns und unseres großen Vater­landes."

Auch von den übrigen Bundesfürsten, den Bürger­meistern der freien Städte, dem Kaiser von Oesterreich und den anderen europäischen Souveränen, sowie aus dt« bayerischen Städten und dem ganzen bayerischen Lande sind zahlreich« Glückwünsche zur Thronbe­steigung eingegangen. — Bei dem Vorsitzenden im Ministerrat, Staatsminister Dr. Freiherrn v. Hert­ling, ist auf die Anzeige von der Thronbesteigung König Ludwigs von dem Reichskanzler folgendes Telegramm etngegangen:

„Euerer Exzellenz bitte ich, in dankbarer Erwiderung des gütigen Telegramms von heute, meine aufrichtigsten Glückwünsche zu der Thronbesteigung Seiner Majestät König Ludwigs III. entgegenzünehrnen. Ganz Deutschland nimmt an diesem bedeutungsvollen Ereignis mit den innigsten Wünschen für Bayerns und f«tn«S erhabenen Herrschers Wohl freudigen Anteil."

q Mexiko und die Bereinigten Staaten.

Die mexikanische Frage steht vor der Entscheidung. Die nächste Zukunft muß die Entscheidung darüber bringen, ob bte Yankees entschlossen sind, bis zum Aeußersten zu gehen und Mexiko mit Krieg zu über* ziehen.

Es hieß dieser Tage allerdings schon einmal, die Regierung der Vereinigten Staaten habe durch ihren

mexikanischen Geschäftsträger dem provisorischen Prä­sidenten Huerta ein Ultimatum zugestellt, das chn zur sofortigen Niederlegung der Präsidentschaft aufforderte. Kaum aber war die Nachricht davon in die Welt hinausgeeilt, da packte den amerikanischen Staatssekretär des Aeußeren Bryan die Angst vor der eigenen Kourage und er dementierte frischweg, daß seine Regierung der mexikanischen ein Ultima­tum gestellt habe. Diese Behauptung kann der fried­liebende Herr Bryan um so eher vertreten, als er bekanntlich vorsichtigerweise in dem sogenannten Ultimatum keine Frist für die Erfüllung seiner For­derung gestellt hat. In Wirklichkeit ist freilich die Mitteilung der Vereinigten Staaten an den mexika­nischen Präsidenten nicht weit von einem Ultimatum verschieden und bekundet jedenfalls, daß die ameri­kanische Politik unaufhaltsam dem Punkte zutreibt, wo dem Senat die Entscheidung zufallen muß, ob es zum Kriege mit Mexiko kommen soll.

Sollte es wirklich dazu kommen, dann ist wohl die ganze außeramerikanische Welt darüber einig, daß es ein ungerechter Krieg sein würde und daß alsdann voraussichtlich die europäischen Mächte, die im reichen Mexiko bedeutende Interessen haben, nicht müßig zusehen können. Nach der Präsident­schaftsniederlegung des eisernen Porfirio Diaz, der durch straffe Zucht und unbeugsame Haltung gegen amerikanische Ansprüche sein Land zu hoher Blüte gebracht hat, haben die Vereinigten Staaten aus ihrem Herzen keine Mördergrube mehr gemacht und wenig Mühe sich gegeben, ihre Begehrlichkeit nach den Reichtümern Mexikos zu verheimlichen. Wäre es wirklich nicht das Bestreben der Vereinigten Staaten, in Mexiko erträgliche Geschäfte zu machen, dann bliebe es unverständlich, wie die Regierung in Washington so hartnäckig die Anerkennung des vorläufigen Präsidenten von Mexiko verwei­gern könnte.

Es bedürfte in Wirklichkeit zur Herstellung von Ruhe und Ordnung in Mexiko nur der Zustimmung der Vereinigten Staaten zur vorläufigen Regierung, denn alsdann hätten sich dem Präsidenten von selbst die Geldquellen erschlossen, die ihm zur Geltend­machung der Regierungsansprüche nötig sind. Gewiß kann man sich einen idealeren Machthaber denken als Huerta ist; in Mexiko ist er gegenwärtig aber wohl der geeignetste Mann zur Wiederherstellung der durch jahrelange Wirren zerrütteten Ordnung. Allerdings kriecht er nicht vor den Vereinigten Staa­ten, will vielmehr die Unabhängigkeit seines Landes um jeden Preis schützen. Darum haben die Vorstellungen der Regierung in Washington bisher bei ihm auch nichts gefruchtet und ebensowenig wird sich Huerta jetzt dem Wilsonschen Ultimatum fügen.

Was absr wird Amerika dann tun? Es hat sich jetzt bereits soweit vorgewagt, daß es guterdings einen Rückzug kaum noch anstellen kann. Ein Krieg aber würde Sen nordamerikanischen Truppen im Hin­blick auf die Beschaffenheit des mexikanischen Landes und seiner militärischen Hilfskräfte schwere Opfer kosten; oder würde die nordamerikanische Kriegs- leituna sich etwa dazu bereit finden, mit den Auf- ständischen in Mexiko gemeinsame Sache zu machen! Man nimmt ja an, daß der Anführer der Rebellen, C o r r a n z a, den Amerikanern sehr ge­nehm ist und von ihnen sogar finanziell unterstützt werden soll. Es brauchte darum nicht allzuschwer verwunderlich zu erscheinen, wenn demnächst die Vereinigten Staaten diesen Mann als Präsidenten Mexikos hinstellen und anerkennen wollten.

Mag nun die amerikanische Regierung beabsich- figen, was sie will, jedenfalls ist es an der Zeit, daß den mexikanischen Wirren, die nicht nur ameri­kanische, sondern auch zahlreiche europäische Jnte- reffen schädigen, ein Ende gesetzt wird. England, Deutschland und Frankreich haben lange genug ge­duldig zugesehen, bis sie in Washington zu verstehen

Der Inhalt ist auffallend kurz — ganz im Gegen- satz zu den sonst recht weitschweifigen Auslaffungen der Schreiberin.

Mit einem Blick überfliegt Felicie die wenigen Zeilen.

Tiefe Bläffe überzieht ihre Wangen. Ihr« Pu­pillen verkleinern sich. Aufseufiend zerknittert sie den Brief und schiebt ihn in die Tasche.

Was tun? Was tun?

Sie schließt die Augen, um besser nachdenken zu können.--

Dann reißt sie ein Depeschensormular vom Haken, schreibt hastig ein paar Zeilen darauf und schiebt es mit zitternder Hand durchs kleine Schalterfenster.

„Kann das Telegramm sofort abgehen?"

„Ja, Fräulein."

„Wann ist es in Newyork?"

„In einer Viertelstunde, Fräulein."

Der Beamte zählt die Worte. Felicie zahlt die gewünschte Taxe und verläßt das Postamt.

So schnell wie ihre Füße sie tragen, eilt sie zum Theater.

Ti« Probe hat schon begonnen. Direkwr Furrer, der selten aus seiner Ruhe zu bringen ist. zeigt heute entschieden schlechte Laune. Die Probe konnte ihren Fortgang nicht nehmen, weil „Ophelia" fehlte.

„yta endlich, Frau Barrington! Ein bischen schnell doch! Sie halten die ganze Probe auf!"

Felicie zittert am ganzen Körper. Unter dem Borgeben, noch etwas Notwendiges holen zu müssen, eilt sie in ihre Garderobe.

Hier sinkt sie leise aufschluchzend in die Kniee und bedeckt das Gesicht mit beiden Händen.

Die „zweite Liebhaberin", eine von Felicies spe­ziellen Feindinnen, steckt den Kopf durch die Türspalte.

„Aha!" murmelt sie mit höhnischem Herabzichm der Mundwinkel, und verschwindet eiligst wieder.

„Schnell, Frau Barrington!" erschallt die Stimme des Inspizienten hinter der Tür. „Der Herr Direktor ist wütend. Sic verderben die ganze Probe!"

Hastig haucht Felicie auf ihr Taschentuch und be- tichft sich damit die heißen Augen. Doch kann sie e§ nickt bindern, daß bei ihrem Betreten der Dübne

jedermann die Röte ihrer Wangen und Augenlider bemerkt.

„ArmeS Ding!" wispert die „zweite Liebhaberin" mit heuchlerischem Augenverdrehen der „komischen Alten" ins Ohr. „Wie sie mich dauert! Hat ihren hübschen Mann nicht fest genug an der Strippe ge­halten! Selbst ein Blinder muß sehen, wo sein Herz —"

„Halt' den Mund, Gelbschnabel!" erwidert „un­sere Dicke" mit der ihr eigenen Derbheit, während ihre kleinen, blaßblauen Aeuglein ärgerlich aufleuch­ten. „Barrington, wollten Sie nicht mit Ihrer Frau sprechen?"

Norbert, der gerade am »andern Ende der Bühne beschäftigt ist, eilt verwundert herbei.

Auch ihm fällt sofort Felicies verstörtes Aussehen auf.

„Ist Dir nicht wohl, Licy?" fragt er besorgt, sie beiseite nehmend.

„O doch; nur — ich — ich erwarte heut abend meine Mutter."

„Deine Mutter? Heut abend? Ums Himmels willen — was will sie denn von Dir?"

„Sie will mich durchaus sprechen. So telegra­phierte ich ihr unsere Adreffe."

„Aber, Licy. Tu hast heute abend keine Zeit für Deine Mutter! Bedenke — die „Hamlet"-Vorstcllung! Du mußt Dich für die „Ophelia" vorbereiten!"

Nervös zuckt Felicie mit den Schultern.

„'s hilft alles nichts — ich muß sie sprechen. Ich werde schon pünktlich zur Vorstellung da sein.--

Nun geh', Norbert! Beachte mich nicht weiter! Tu' mir den Gefallen!"

Mit schwerem Herzen betritt Barrington wieder die Bühne. Seine Frau kommt ihm heute gar so seltsam vor.

Felicie haspelt ihre Partie gleichgültig herunter — ohne Verständnis, ohne Empfindung. Einmal ver­liert sie sogar ganz den Faden, so daß sie sich eine ernstliche Rüge vonseiten des Direktors zuzieht.

Barrington ist in Verzweiflung. Selbst Gerda Douglas blickt besorgt darein.

gaben, daß endlich ein Ende gemacht werden müßte. Die amerikanische Politik hat sich in eine Sackgaffe verrannt; sie muß jetzt sehen, wie sie am besten sich aus der Patsche heraushelfen kann.

♦

Mexiko, 5. Nov. 1913. Die Regierung entbindet durch ein Dekret die Banken von der Pflicht, P a- p i e r g e l d mit Gold oder Silber einzulösen. Das Dekret führt auch den Zwangskurs für das 50 Centstück ein, das bisher imr die Eigenschaften einer Scheidemünze hatte, da der Silbergehalt hinter dem Nennwert zurückbleibt. Die „Times" erklärt, Huertü habe in den letzten vier Tagen 4000 Mann zum M i< litärdienst gepreßt. Die Wirkung des Z o II« aufschlages macht sich hier unangenehm fühl­bar durch eine fast gänzliche Stockung des GeschästS- lebens.

Newyork, 6. Nov. 1913. Eine Meldung, wonach Huerta Wilsons Verlangen zurückgewie- s e n hat, wird zwar noch nicht offiziell, aber inoffiziell durch eine im Vertrauen Huertas stehende Persön- lichkeit in der Stadt Mexiko bestätigt, die erklärte, Huerta habe sich entschlossen, alle amerikanischen Forderungen zurückzuweisen und den jetzt ge­wählten Kongreß als rechtmäßige Volksvertretung anzuerkennen.

Washington, 6. Nov. 1913. Der Schnellfpäher- Kreuzer „Chester" hat Befehl erhalten, nach Vera­cruz in See zu gehen. Wahrscheinlich wird er al8 Depeschenboot zwischen den dortigen Schlachtschiffen und Tampico fungieren. Er hat die stärkste funken- telegraphische Anlage der ganzen amerikanischen Flotte. Nach der Ankunft des Kreuzers wird Vera-> cruz in direkter Verbindung mit Washington stehen,

W Washington, 6. Nov. 1913. Der Marine­staatssekretär gibt bekannt, daß der Panzerkreuzer „California", der von der nach der amerikanischen Westküste gehenden „Pittsburg" abgelöst werden sollte, bis auf westeres in den mexikanischen Gewäs­sern bleibt. Folgende amerikanischen Schiffe befinden sich an der Westküste: die Panzerkreuzer California- Pittsburg und Marxland, das Kanonenboot Arma- polis und das Hilfsschiff Glazier.

Veracruz, 6. Nov. 1913.- Das deutsche Schul­schiff „Hertha" hat den Hafen verlassen, nachdem der Kreuzer „Bremen" eingetroffen ist. Die „Bremen" bleibt bis auf weiteres in Veracruz.

deutscher Reich.

* Berlin, 6, Nov. 1913. Der König bet Belgier besichtigte am Donnerstag vormittag zum Teil in Begleitung b«8 KaiserpaareS die königl. Gärten, Treibhäuser und Schlösser in Potsdam. Nachmittags besuchte der König di« in Potsdam wohnhaften Fürstlichkeiten und empfing später im Neuen Palais deren Gegenbesuche. Der Kaiser ernannt« den König zum General der Kavallerie. Der Kaiser hat dem Bischof Korum von Trier den Roten Adler-Orden zweiter Klasse mit dem Stern verliehen. Der Kronprinz wird das Protektorat über di« im August nächsten Jahres in Dar-es-Salam stattfindend« Deutsch-Ostafrikanische Landesausstellung übernehmen. In kolonialen Kreisen nimmt man aus diesem Grund« an, daß der Kronprinz die Ausstellung persönlich eröffnen und im Anschluß daran einen Teil unseres afrikanischen Kolonialbesitzes besuchen wird. — Ueber die Frage der Arbeitslosenversicherung steht nach der,Tägl. Rundschau' alsbald nach dem Zu­sammentritt des Reichstages eine große Debatte zu erwarten. Die Reichsregierung wolle sich allem äußeren Anschein nach völlig ablehnend verhalten.

* Eine Auslandsreise deutscher Kriegsschiffe. Di« Linienschiffe „K a i f e r" und „König Albert", begleitet vom kleinen Kreuzer „Straßburg", werden Anfang Dezember d. I. zum Zwecke ihrer Erprobung auf langer Fahrt eine Reise von drei bis vier

„Ihre Frau wird sich ihre ganze Karriere ver­derben, wenn sie sich nicht aufrafft", bemerkt sie mißbilligend.

„Hoffentlich. Nehmen Sie sie nach der Probe gleich mit nach Hau e! Sie sieht angegriffen aus. Sie soll ein wenig schlafen." —

Auf dem Nachhauseweg dringt Barrington noch­mals in seine Frau, ihm den Grund ihrer Verstim­mung mitzuteilen.

Sie weicht ihm aus, gibt jedoch zu, daß diese Ber- stimmung mit dem Besuch der Mutter zusammen­hängt.

„Wann erwartest Du sie?"

„Gegen sechs Uhr. Ich werde sie auf dem Bah r- Hof abholen."

„Wir müssen punkt sieben Uhr im Theater sein. Vergiß das nicht, Licy! — Ist Dein Kostüm in Ord­nung?"

„Ich glaube - ja!"

„Ich glaube — ja", wiederholt Barrington ver­stimmt. „Ich möchte Dich nochmals bitten, Dich zu- fammenzunehmen! Wenn Du mich lieb hast, gib Dir heut abend keine Blöße!"

„Stein, nein. Ich verspreche es Dir — ich werde SUtPunki'ftchs Uhr fährt der Zug in die Bahnhofs- Halle ein.

Aus einem Kupee dritter Klasse blickt Frau Mackay's eingefallenes Gesicht. Es sieht noch älter und vergrämter aus als sonst.

„Guten Tag, Mutter!"

Etwas ungeduldig befreit Felicie sich aus der zärtlichen Umarmung.

„O Licy, es ist doch nicht wahr!" ruft die arme Frau, in Schluchzen ausbrechend. „Sag', daß e8 nicht wahr ist!"

„Still, Mutter! Tn erregst Aussehen!" raunt Felicie der aufg-reaten Frau 'n« Ohc. mit

mir nach Hause! Tort ko.ivst Du mir alles ei^’en. Aber schnell, schnell! In t't n ichon

im Theat« fein."