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Zuldaer Zeitung

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Flr. 257. Crftes Blatt Donnerstag den 6. November 1913.

Anzeigen: Der Reum einer einzölligen Colonehelte, 41 ■» «reit, eojtei »3 Pfg. Reklamen: Der Raum einer Coloneljclle, 74 mm breit, kostet 40 Pfg Bel Wiederholungen Rabatt $ür 0fiert- und Burkunltonzeiaen 20 Pf. extra. 3e Konkursfällen wird der bcmltllote Rabatt hinfällig. CrltUuncsorl für das An­klagen oon Forderungen ifl Julbo. flnjeigen-Rnnabme bis 10 Ubr oormittag«. K u 6rädere flnjeigen erbitten wir uns tags vorher. u #

40. Zahrgang.

X Der Thronwechsel in Bayern.

Eine denkwürdige Sitzung der Abgeordnetenkammer.

Bei Beginn der gestrigen Sitzung der Kammer der Abgeordneten überreichte der Ministerpräsident dem Präsidenten der Kammer ein Schriftstück mit dem Ersuchen, es sofort zur Kenntnis des Hauses zu bringen. Das Haus erhob sich. Es herrschte laut­lose Stille. Präsident Dr. v. Ort er er verlas fol­gendes Schreiben:

„König Otto war schon bei Anfall der Krone durch schweres Leiden gehindert. Während der nun 27jahri. gen Regentschaft ist eine Besserung des Befindens nicht eingetreten. Es bestehe auch keinerlei Aussicht, dah der König jemals regierungsfähig werde. Gemäß der Ber. fassungsurkunde laut dem Gesetz vom 4. November 1913 erklären wir die Regentschaft für beendet und den Thron für erledigt. Wir beauftragen das gesamte Staatsmini­sterium, dem gegenwärtig versammelten Landtag die Gründe, aus denen sich die dauernde Regierungsunfähig­keit des Königs ergibt, zur Zustimmung anzuzeigen." (Es folgen die Unterschriften sämtlicher Staatsminister.)

Sodann verlas der Präsident den Wortlaut der Proklamation des Königs, die aus einer Ertra- ausgabe von der Bayerischen Staatszeitung hergestellt im Saale verteilt wurde. Dann teilte der Präsident mit, daß eine Vorlage des Ministeriums eingegangen sei über die Regierungsunfähigkeit König Ottos mit drei ärztlichen Gutachten und dem Anträge, der Land­tag wolle anerkennen, daß am 4. November die ver­fassungsmäßige Voraussetzung für die Beendigung der Regentschaft bestanden habe. — Dr. v. Orterer hielt dann eine Ansprache, in der er der Freude Aus­druck gab, daß die hier versammelte Kammer der Abgeordneten ihrem neuen Könige, Ludwig HL, hul­digen dürfe. Laut und getragen von freudiger Be­geisterung erscholl das von den Anwesenden ausge­brachte Hoch durch den Saal. Dr. v. Orterer führte darauf aus: Es entspreche dem denkwürdigen Mo­ment, daß die Sitzung nunmehr beendet werde, so­bald die ärztlichen Gutachten und bie Unterlagen ent« gegengenommen feien. Die weitere Sitzung hierzu fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.

*

Der König und die Königin empfingen gestern nachmittag den Kronprinzen Rupprecht, die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses zur Gra- tulatioit. Danach wurden sämtliche Staatsminister, die Hofchargen, die Generale, die Flügeladjutanten fowie bet Generalkapitän und die Offiziere der Leib­garde der Hartschiere zur Gratulation empfangen. Noch im Lause des Vormittags fuhren der p r e u- ß i s ch e, der s ä ch s is ch e und der ö st e r r e i ch i s ch e Gesandte beim Ministerium des Aeußern vor, um ihre Glückwünsche anläßlich der Thronbesteigung zu überbringen. — König Ludwig gab sämtlichen B u u- desfürsten telegraphisch die Annahme der neuen Würde bekannt. Ebenso notifizierte die bayerische Staatsregierung sämtlichen auswärtigen Regierungen die Thronbesteigung des Königs.

Eine Amnestie. König Ludwig hat aus Anlaß sei­ner Proklamierung eine Amnestie verkündet. Neben zahlreichen Straferlassen wird u. a. angeordnet, daß Vermerke über Verurteilungen wegen Vergehen und llebertretung im Strafregister und in den militä­rischen Listen und Papieren gelöscht werden, wenn sich der Verurteilte längere Zeit gut geführt hat.

In München herrschte am Mittwoch lebhafte F e st st i m m u n g. Bald nach der Verlesung der Proklamation des Königs Ludww HI. in der Kammer der Abgeordneten wurde die Proklamation in den Straßen angeschlagen und durch Extrablätter bekannt gegeben. Auf der Residenz wurde alsbald die Königsstandarte aufgezogen. Auch die öffentlichen Gebäude flaggten in den bayerischen Far- ben. Viele bayerische Zeitungen erschienen im fest-

In der Schule des Leidens.

15] Roman aus dem New-Iorker Leden.

Von Erich Friesen.

Ohne ihre Antwort abzuwarten, eilt er die Treppe Munter.

Das frohe Lächeln erstirbt auf Felicies Lippen. Ihre Brauen ziehen sich zusammen.

Doch nur einen Moment — dann springt sie em­por und stampft mit dem Füßchen den Boden.

„Ich will nicht eifersüchtig sein — nein, nein, nein! Gerda ist das beste, edelste Geschöpf auf der Welt!"

Und eifrig beginnt sie, die Tassen abzuwaschen.

Noch bevor sie damit fertig ist, klopft es an die Tür.

„Herein!"

„Guten Tag, Madame. Ich möchte mich erkun­digen, wie Sie es mit den Mahlzeiten halten wollen. Um zwölf Uhr Frühstück und um sechs Uhr Diner — )ber um zwölf Diner und um fechs Uhr Souper?"

Felicie errötet.

„Ich _ ich weiß wirklich nicht. Wir gehen in einer Stunde ins Theater und kommen erst sehr spät zurück."

„So möchte ich ein Souper Vorschlägen, Madame."

„Ja, das wird wohl das Beste sein — Abend- effen."

„Um wieviel Uhr wünschen Sie das Souper, Ma- tfame?"

„Vielleicht um elf Uhr —"

„Sehr wohl, Madame. Und was befehlen Sie zu sversen?"

Verlegen blickt Felicie zu Boden. Noch niemals in ihrem Leben hat sie sich um das Aufstellen eines Menus gekümmert.

„Irgend etwas", stammest sie. „Vielleicht Hum­mersalat — und ein bischen Kaviar und — Cham­pagner."

t Sehr wohl, Madame. Noch etwas?"

/ . „Ich weiß wirklich nicht —" offen blickt sie der Wirtin ins Gesicht — „verzeihen Sie, aber ich ver- stehe rein gar nichts tmtn Kochen Ich bin erst leit

lichen Schmuck, einige mit den Bildnisien des Königs­paares.

An der Eidesleistung, die auf Samstag anberaumt worden ist, werden sechs Mitglieder des Zentrums, vier Liberale, je zwei Konservative und Bauernbünd- ler sowie drei Sozialdemokraten teilnehmen.

Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt in einem Artikel über die Thronbesteigung König Ludwigs III. von Bayern:

„In ganz Deutschland nimmt man an den jüngsten Ereignissen in Bayern herzlichen Anteil. Um­schlingt doch alle deutsche Stämme, unbeschadet der Be­sonderheiten, das Gemeingefühl enger Zusammenge. Hörigkeit durch das für Freude und Leid, die den ein. zelnen Teilen widerfahren, im Volksganzen lebhafter Widerhall geweckt wird. Bei der Thronbesteigung Königs Ludwigs III. steht e§ unserem Volke abermals vor Augen, ein wie lebhaftes und verständnisvolles Interesse für die der Nation am Herzen liegenden Fragen er von jeher durch Wort und Tat bewiesen hat. Kunst und Wissenschaft, nicht minder aber wirtschaftliche Bestre- Bungen, die für Bayern oder das Reich von Bedeutung sind, fanden in diesem Sprossen des erlauchten Hauses der Wittelsbacher jederzeit einen warmherzigen För. derer. AuS den zahlreichen Kundgebungen des Regen­ten sprach fester deutscher Sinn, echt monar. chisches Pflichtgefühl, unverbrüchliches Fest, halten des Reichsgedankens und Entschlossenheit, an der Entfaltung der nationalen Kräfte zu wachsender Geltung in bewährter Treue mitzuwirken. Das erprobte freundschaftliche Verhältnis zwischen Hohenzollern und Wittelsbachern befindet sich bei König Ludwig III. in sicherer Hut und wird in der Zukunft wie in der Vergangenheit zu den Gütern geboren, die die Grundlage eines nationalen Gedeihens bilden. Schon als Prinzregent gewann Seine Majestät inmitten der Bundesfürsten eine hochangesehene Siel- lung, in der das Gewicht seiner charaktervollen Persön. lichkeit zum Ausdruck gelangt. Zu gleicher Zeit wuchs in weiten Kreisen des deutschen Volkes das Gefühl der Verehrung für diesen Fürsten in dem Maße, in dem ihnen seine Eigenart mehr und mehr berttaut wurde. Wir sind überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen, indem wir das bayerische Volk zur Uebernahme der persönlichen Regierung durch König Ludwig III. von Herzen be. glückwünschen."

Reue Briefmarken erscheinen in Bayern. Sie sollen mittelst eines neuen, bereits erprobten, aber von keinem Lande bisher angewandten Verfahren her­gestellt werden. Das Verkehrsministerium hat seit einiger Zeit von namhaften Künstlern Entwürfe zu den neuen Marken anfertigen lassen.

Bei dem geisteskranken König Otto.

Der „Bayrische Kurier" bringt einen langen Bericht über den Besuch zweier Abgeordneten bei König Otto. Die beiden Abgeordneten wurden von Baron Stengel, dem Hofmarschall des Königs, mit den Worten einge. führt: „Hier Majestät, sind die Herren Casselmann und Giehrl, welche bitten, ihre Aufwartung machen zu dür­fen." Die Abgeordneten befanden sich in einem präch- tigen Empfangssaal, aber die Wände und Türen waren gepolstert. An der dunkelsten Stelle zwischen zwei Fen. stern steht an der gepolsterten Mauer ein kräftiger, großer Mann, der ohne Unterbrechung drei, vier kleine Schritte hastig vorwärts, dann wieder zurücktrippelt, unaufhör­lich, ohne auszusetzen, an derselben Stelle. Die Hände gestikulieren und beschreiben Kreise. Die Finger sind fortwährend in Bewegung. Jetzt fährt der kranke Kopf auf, jetzt streckt er die Hand in die Höhe. Dabei spricht er fortwährend in abgerissenen unverständlichen Lauten, auch Schimpfworte einmischend. Offenbar hört er stän. big Geräusche und kämpft mit Wahnvorstellungen. ES war ein bis inS Mark erschütterndes Bild. Die Besucher werden keines Blickes gewürdigt. Der Kranke reagiert mit keinem Worte, mit keiner Bewegung auf die Anrede, sondern fährt fort in seinem ruhelosen Vorwärts und Rückwärts, das, automatisch wirkend, von den Gehbewe. gungen eines Gesunden völlig verschieden ist. Man hört nur abgebrochene, heftig hervorgestoßene Worte, worun­ter Lu und Bra, die Namen deS verstorbenen Königs Ludwig II. und des verstorbenen Generaladjutanten Branca bedeutend, vorwiegen. Seit 10 Jahren wurde

gestern verheiratet. Bitte, besorgen Sie uns alles, was zu einem guten Abendessen notwendig ist, Frau Winter! Sie werden schon wissen, was gut schmeckt."

Die Wirtin knixt.

„Schönen Dank für Ihr Vertrauen, Madame. Werde mein Bestes tun. Meine Mieter ließen mir gewöhnlich freie Hand beiZubereitung ihrer Mahlzei­ten und waren stets zufrieden."

„So halten Sie es auch mit uns! Bitte, nicht allzu teuer, aber hübsch! Wir haben gern alles recht schmackhaft."

„Sehr wohl, Madame. Also um elf Uhr ein Pi- Zantes kleines Souper! Empfehl mich Ihnen, Ma- dame!"

Mit abermaligem tiefem Knix will Frau Winter sich entfernen.

Da kehrt Barrington zurück.

„Norbert, ich habe für elf Uhr Abendessen bestellt!" ruft Felicie mit der wichtigen Miene einer Hausfrau, die soeben einen großen Entschluß gefaßt hat.

„Ist unnötig! Direktor Furrer hat uns bereits für heut abend eingeladen — uns beide und Gerda Douglas."

Achselzuckend verläßt Frau Winter das Zimmer.

„Ich habe alles sehr fein arrangiert", plaudert Felicie weiter, ihre Hand durch den Arm des Gatten schiebend. „Unsere Wirtin wird das Nötige besorgen und uns wöchentlich die Rechnung vorlegen."

Norbert blickt ein wenig bestürzt drein.

„Hm, Sich — wird das nicht etwas teuer kom­men? Sich ganz in die Hände der Wirtin zu be­geben —"

„O nein, gewiß nicht, Norbert. Die Frau sieht so freundlich aus."

„Nun wohl, versuchen wir es eine Woche!--

Und jetzt, mein Sieb, mach Dich fertig! Wir wollen noch ein bischen im Park herumschlendern. Wie spät ist es? Halb sechs! Und das Theater beginnt erst um acht. Da haben wir noch eine Stunde Zeit. Komm, Lieh!"

X.

Einige Monate sind vergangen.

bei dem Kranken nichts beobachtet, was als lichter Augen­blick aufzufassen wäre. Der König ist sehr gealtert und etwas gebeugt, mit grauem Knebelbart und noch ziem­lich reichlichem Haupthaar. Seine Gesichtszüge sind ein­gefallen, der Blick ist verschleiert. Der König verschlingt nur unregelmäßig Nahrung. Im Nebenzimmer ist ein Tischtuch mit Eisenklammern an einem Eßtisch befestigt. Während des BesnckeS der Abneordnete«' schlüpfte der König plötzlich, um Tee zu trinken, ins Eßzimmer. Da er unruhig wurde, bat der Arzt die Besucher, sich zu entfernen. Aber bevor sie sich umwenden konnten, schleuderte der Kranke ein massives, nichtporzellanenes Geschirr wuchtig in die Ecke. Er unterhielt sich dann mit dem Auflesen einzelner Stücke. Im Bad müssen öfter fünf Wärter den Kranken festhalten.

*

Der Thronwechsel hat sich schnell und glatt voll, zogen. Das neue Gesetz zur Ergänzung der Ver­fassung hat sich vollauf bewährt. Insbesondere hat sich die Grenzlinie, die zwischen der Selbstherrlichkeit der Krone und der Mitwirkung des Landtags gezogen wurde, als richtig und zweckmäßig erwiesen. Dem Landtag ist sofort Mitteilung gemacht von dem Re­gierungsantritt König Ludwigs, aber die Maßnahmen des früheren Regenten und jetzigen Königs sind nicht abhängig gemacht von der Genehmigung des Landtags oder einer sonstigen Instanz. Dagegen sind die Gründe, welche die Beendigung der Regenl- lchast rechtfertigen, dem Landtag zur Zustimmung an» gezeigt worden. Der Landtag hat also nachzuprüfen, ob die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für die Maßnahmen des Regenten vorliegen. Diese Prüfung steht augenblicklich noch aus; sie behindert aber nicht die Wirksamkeit der ergangenen Verfügungen. Das hat auch die Kammer der Abgeordneten selbst an- erkannt, indem sie mit einem einmütigen Hoch aus König Ludwig III. ihre Mittwoch-Sitzung schloß, ob- schon die Zustimmung zu den Gründen erst für Don­nerstag-Nachmittag vorgesehen ist.

Es bewährt sich hier, was der Ministerpräsident Frhr. v. Hertling bei der Beratung des neuen Ver- fassungsparagraphen ausführte: Die Verweigerung der Zustimmung des Landtags zu den „Gründen" gehört nicht zu den Möglichkeiten, mit denen die prak­tische Politik zu rechnen hätte. Das dem Landtag eingeräumte Kontrollrecht ist notwendig, mehr noch zur Verhütung von Mißtrauen, als zur Verhütung von Mißbrauch. Seine Wirkung ist aber vorbeugender Art; und sein Bestehen allein reicht hin, um zu verhüten, daß jemals die Beendigung einer Regentschaft ausgesprochen werde, ohne daß die Unheilbarkeit des kranken Königs ganz handgretslich und unbestreitbar erwiesen ist. Darum ist es gar nicht anders denkbar, als daß die für die Aktion ver­antwortliche Regierung sich s ch o n v o r h e r der Zu- ftimmung des Landtages versichert.

Im vorliegenden Falle gat das Verantwortliche Ministerium viel Klugheit, Tatkraft und Geschicklich­keit bewiesen. Als die erste Sondierung nach bem Tode des Prinzregenten Luitpold auf mehr „legiti- mistische" Bedenken stieß, wie man erwartet hatte, ließ das Ministerium der Frage Zett zum Ausreifen, aber es ließ sie nicht fallen. Als sich die Notwendigkeit einer Lösung immer eindringlicher geltend machte, kam die Regierung im richtigen psychologischen Mo­ment mit der Verfassungsvorlage, die einen grund­sätzlich unbebenflicgen unb praktisch zweckmäßigen Mittelweg zwischen ben beibcn Extremen einschlug. Zwischen ber Willensmeinung bes Regenten, bei Wünschen bes Volkes und der Stimmung der Parla­mentarier und Reichsräte wurde so die Harmonie hergestellt, die schnell und glatt die kritische Lage zum erlösenden Abschluß brachte. Auch die geschworenen Feinde des Ministeriums Hertling werden anerken­nen müssen (wenigstens im stillen), daß dieses viel bekritelte Ministerium ein Meisterstück gekei­ft e t, um die Dynastie und den Staat sich hochverdient gemacht hat.

Von Newark ging das Furrer'sche Schauspiel- Ensemble nach Brooklyn und von dort nach Rochester, Überall reiche Ehren einheimsend.

In Rochester besonders sieht man die Truppe un- gern scheiden. Auf allgemeinen Wunsch wird das ur­sprünglich nur auf vier Wochen berechnete Gastspiel um acht Tage verlängert.

Den Hauptanziehungspunkt bilden Gerda Douglas und Norbert Barrington. Um einen guten Platz zu erhalten, um diese beiden gefeierten Darsteller recht aus der Nähe bewundern zu können, haut man sich beinahe an der Theaterkasse.

Felicie, auf welche Direktor Furrer nach ihrem damaligen Auftreten als „Ophelia" so große Hoff­nungen gesetzt hat, läßt das Publikum kalt. Man be­wundert zwar ihr hübsches Gesichtchen, man applau­diert ihrer Anmut und Grazie — aber wirklich zu rühren hat sie noch nicht vermocht.

Wehmütig gedenkt Barrington der Worte Gerdas, daß Felicie nach der Hochzeit, als vollkommen glück­liche und zufriedene Frau, keine gute Schauspielerin mehr sein werde.

Ach, wie Recht hatte sie!

Und Felicie ist eine vollkommen glückliche Frau.

Sie hat das Ziel erreicht, nach dem sie mit, allen Fasern ihres Herzens gestrebt — sie ist die Gattin des heißgeliebten Mannes. Und dieser Mann, selbst tüch­tig verliebt und, wie die meisten Künstler, nicht ge­wohnt, das Geld zusammenzuhalten, versagt feinem reizenden kleinen Frauchen keinen Wunsch.

Zuerst hat der Gedanke an ihren Stiefvater und die damit verbundene Erinnerung an die einzige un- rechte Tat ihres jungen Lebens noch hie und da einen Schalten auf ihr sonniges Glück geworfen.,

Doch Woche um Woche verrinnt, und keine Nach­richt von Thomas Mackay trifft ein, trotzdem er be­reits längst von Europa zurück sein muß.

Felicie gewöhnt sich schließlich daran, die Sache als abgetan zu betrachten: gewöhnt sich sogar daran, ihr Verbrechen gar nicht mehr für ein Verbrechen zu halten.

„Er hat mich bestohlen — ich habe ihn wieder be- swhlen. Was itt weiter dabe-!"

Viel mehr Dank und Ehre gebührt aber dem Trä­ger der Krone. Wie das ablehnende Verhalten des früheren Regenten Prinzen Luitpold deutlich ge­zeigt hat, ist es für einen Regenten und Thronfolger nicht leicht, gegenüber dem unglücklichen Vetter eine solche Maßnahme zu treffen. Es gehört dazu eine llebertoinbung von persönlichen Gefühlen; Prinz Lud­wig aber hat die immer stärker hervortretende N o t- Wendigkeit erkannt und sein Pf l i ch t b e w u ß t- f ei n ausschlaggebend gemacht. Was äußerlich für oen.Unkundigen wie eine Selbsterhöhung aussehen mag, war in der Tat eine Selbstüberwindung in Treue gegen den Staat und das Volk.

Der neue König wird mit allseitiger Verehrung und Liebe begrüßt, nicht allein im Bayernlande, son­dern in ganz Deutschland, denn überall kenni und schätzt man die reich begabte und rühmlichst bewährte Persönlichkeit in ihrer vortrefflichen Eigenart.

+ Die Nechtswirkungen einer Aus» Hebung des Jesuitengesetzes.

Die kürzlich hier berührte Frage, welche Rechts- Wirkungen eine Aufhebung des Jesuitengesetzes haben würde, hat die Oeffentlichkeit fchon des öfteren be­schäftigt, insbesondere seitdem dem Bundesrat der er­neute Beschluß des Reichstags auf Aufhebung des Jesuitengesetzes vorliegt. Vorab die liberalen, dem Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten sympathisch gegen­überstehenden Parteien, interessieren sich sehr für die Frage. In Württemberg und Sachsen hatten sie früher bereits die Regierung darüber interpelliert, und im preußischen Abgeordnetenhause kam D. von Campe (natl.) in der Sitzung vom 3. April dieses Jahres darauf zu sprechen. Für Herrn Camp kann „die Frage schlechterdings nicht zweifelhaft sein, ob, wenn das Jesuitengesetz für das Reich aufgehoben wird, die Sandesgesetze in den einzelnen Bundesstaa­ten in vollem Umfange bestehen bleiben oder nicht". Nach der preußischen Gesetzgebung würde es unter gar keinen Umständen zulässig fein, eine Je­suitenniederlassung zu gestatten. Er würde sich freuen, wenn der Minister diesen Rechtsstandpunkt einnehme, der allein geboten fei und vollständig zwei­felsfrei liege. Für den Kultusminister fehlen der Standpunkt des Dr. v. Campe allerdings nicht so „vollständig zweifelsfrei" zu sein, denn er antwortete ihm, daß es im allgemeinen nicht üblich sei, von Re- gierungsN'egen eine theoretische Erklärung abzu­geben, die sich auf einen konstruierten Fall beziehe „Wir haben das Jesuitengeseh noch und wir werden abwarten, ob es bestehen bleibt; wenn es Wegfällen sollte, dann würde der Zeitpunkt gekommen fein, die Frage zu beantworten, die Herr v. Campe an mich gestellt hat." Wir werden Herrn v. Campe kaum Unrecht tun, wenn wir die Vermutung aussprechen, daß fein „allein gebotener" Standpunkt mehr Partei- stcmdpunkt als Rechtsstandpunkt ist. Die den Jesui- ten ebenfalls keineswegs freundlich gesinnte Fort: schrittliche Bolkspartei trat der Frage juristisch zwei­fellos unbefangener näher, als sie bei der Verhand­lung des Zmtrumsantrages über bie Aufhebung des § 1 des Jesuitengesetzes int Reichstage beantragte, daß, wenn das Gesetz aufgehoben würde, bann boch bie bunbesstaatlichen Gesetzesbestimmungen aufrecht­erhalten bleiben möchten; hat also babnrch, baß sic diesen Antrag für notwendig hielt, einen anderen, entgegengesetzten „Rechtsstandpunkt" eingenommen, als Herr v. Campe.

Parteipolitisch mag man sich zum Jesuitengesetz stellen, wie man will: die Frage der Rechtswirkungen einer Aushebung des Gesetzes ist keine Frage der Par­teipolitik, sondern eine rein juristische. Da könnte man doch billigerweise verlangen, daß sie auch als solche von den jesuitenfeindlichen Parteien behandelt

So schläfert sie aufkeimende Gewissensbisse nach und nach ein — und jetzt erst glaubt sie, sich eine voll­kommen glückliche Frau nennen zu können.

Nur eine Vorsicht beobachtet sie stets: sie hat bei Mutter ihre Adresse nicht geschrieben. Felicie hol all ihre Postsachen selbst von ber Post ab.

Direktor Furrer hat ben braven Rochesterern bis­her noch nicht ben „Hamlet" vorgeführt. Diesen Leckerbissen spart er ihnen bis zuletzt auf. lieber« morgen nun soll er ihnen vorgesetzt werben.

Wer gibt bie „Ophelia" — Gerda Douglas ober Felicie Warrington?

Diese wichtige Frage wird von dem gewisienhaf- ten Direktor lange hin und her erwogen. Gerda ist unstreitig die größere Künstlerin; Felicie hingegen bringt in ihrer äußeren Erscheinung die kindliche Un­schuld der Rolle mehr zur Geltung.— —

Sckließlich neigt sich die Wage doch zu Felicres Gunsten — wobei Gerdas freiwilliges Zurücktreten schwer mit ins Gewicht fällt.

Felicie selbst ist nicht sehr glücklich über diese Aus­zeichnung

„Ich fürchte, ich kann die Rolle nicht mehr spie­len."

„Warum nicht, Licy?"

Barringtons Frage klingt etwas nervös, erregt.

„Ich weiß nicht, Norbert. Aber ich denke mir — ich fühle, als ob ich unglücklich sein müßte, um ben Charakter ber Rolle zu treffen."

„Unb bas bist Du jetzt nicht, mein Sieb?"

Sonniges Sächeln strahlt aus ben großen schwar­zen Augen, spielt um die frischen, halbgeöffneten Sippen. ,

„Nein, o nein! Ich bin das glücklichste Geschöpf auf der ganzen Welt!"

Mit ausgebreiteten Armen fliegt sie auf den Gat­ten zu. Fest schmiegt sie ihr Köpfchen an ferne breite Brust.

Unb er küßt sanft das lockige Haar und streichelt die glühenden Wangen und blickt tief, tief in die voll zu ihm aufgeschlageneu Augen.

(Fortsetzung folgt.)