2. Blatt.
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Fuldaer Leitung.
M 256
Mittwoch 5. November 1915-
Aus Gberheffen u. Öen heff. Aemtern.
△ Marburg, 4. Nov. 1913. In der gestrigen Stadlverordnetensitzung, die teilweise einen erregten Charakter trug, gelangten mehrere interessante Anträge zur Beratung. So wurde ein Antrag einer Gruvpe Stadtverordneter, die sich Arbeitsgemeinschaft bezeichnet, welcher dahin ging, die Zahlung des Bür- gerrcchtsgeldes abzuschaffen, abgelehnt und zwar mit
katholischen Volksteil hinzustellen. Das ist für die Pro- lestartten gerade keine freundschastliche Bemerkung. Aber bedauernswert ist, daß unser deutsches Volk so in zwei Seerlager zerrissen wird. Auf katholischer führender eit« ruht man nicht, b's es überall katholische kaufmännische Vereine, katholische Gewerkschaften, ja schlieh- lich katholische Tanzkränzchen gibt. Das ist «ine eminente Gefahr für unser liebes deutsches Volk, dem Einigkeit bitter rot tut."
In demselben Satz, in dem der Verfasser Einigkeit predigt, erhebt er schwere Anklagen gegen das kath. Volk und seine Vertreter. Ob er glaubt, damit sein Ziel zu erreichen? Für die verhetzende Tätigkeit des Evangelischen Bundes findet aber der Einsender kein Wort des Tadels. Und doch ist es gerade diese Organisation, welche der Einigkeit des deutschen Volkes die schwersten Belastungsproben auferlegt. Wenn nun gar noch das Zeugnis des im Wahnsinn verstorbenen Nietzsche aufgerufen wird, der gesagt haben soll, „erst der Protestantismus habe das Christentum unsterblich gemacht", so ist das für uns Katholiken auch „gerade keine freundschaftliche Bemerkung". Man möge nur hübsch auf seiner Seite für den konfessionellen Frieden arbeiten und uns volle Parität gewähren, dann bleibt der Friede erhalten, an uns soll es nicht liegen.
* Kassel, 4. Nov. 1913. Die Kaiserin trifft Freitag nachmittag mit einem eig-nen Salonwagen, der an den fahrplanmäßigen Berliner D-Zug angehängt wird, in Kassel auf dem Oberstadtbahnhof ein und begibt sich im Automobil nach Wilhelmshöhe, wo für die Kaiserin die nötigen Zimmer hergerichtet sind. Der Aufenthalt der Kaiserin ist vorerst auf drei Wochen berechnet.
d. Bad Homburg v. d. H., 4. Nov. 1913. Bei den Wahlen der Arbeitnehmer zurAllgemeinenOrts- krankenkasse erreichte die Teilnahme der Wähler einen solchen Umfang, daß der Wahlvorstand infolge des riesigen Lärms und Andranges die Fortführung des Wahlganges einstellen und schließlich ganz aufheben mußte. Ein neuer Wahltcrmin wurde noch nicht wieder festgesetzt.
s Griesheim a. M., 4. Nov. 1913. Vorbereitungen für den Bau eines neuen Rathauses sind soweit erledigt, daß die Entwürfe in kürzester Zeit dem Gemeinderat vorgelegt werden können. Die Kosten des Planes belaufen sich aus 200000 Mark,
h Hofheim i. T., 4. Nov. 1913. Um einer seltsamen Ursache willen hat hier der Arbeiter Scharmann seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Scharmann, ein leidenschaftlicher Kaninchenzüchter, hatte als solcher zahlreiche Preise auf Ausstellungen davongetragen. Neulich sanden seine Tiere nun keine Gnade vor den Preisrichtern einer Ausstellung. Das soll ihn so gekränkt haben, daß er sich im Kaninchenstall erhängte. Scharmann hinterläßt eine Witwe mit fünf Kindern.
L Freilingen, 4. Nov. 1913. Vor 6 Jahren, 1 Monat und 19 Tagen — am 15. September 1907 — vertraute ein hiesiger Einwohner der Post eme Postkarte zur Beförderung nach dem im gleichen Bezirk Wiesbaden liegenden Bierstadt an. Endlich am Samstag vor acht Tagen, am 25. Oktober 1913, brachte der Briefträger freudestrahlend dem Bierstädter Empfänger die Karte. Und das im Zeichen der Flugmaschine!
Amt Geisa unö Umgebung.
* Geisa, 3. Nov. 1913. Der hiesige Turn- verein veranstaltete am Samstag nachmittag einen 2 Kilometer-Dauerlauf, woran sich 11 Mann beteiligten. Sämtliche gingen durchs Ziel. Es sind folgende Turner in den angegebenen Zetten durchs Ziel gegangen: Theod. Ritz und Joseph Mehlmann in 7 Min., Edm. Heinemann und Leo Henker in 7 Min. 28 Sek., Rudolf Fleck in 7 Min. 59 Sek., Fritz Glimm in 8 Min. 5 Sek., Robert Müller in 8 Diin. 13 Sek., Jos. Möller in 8 Min. 21 Sek., Paul Ritz in 8 Min. 59 Sek., Adolf Glotzbach in 9 Min., Bernh. Laibach in 9 Min. 24 Sek. Möge diese Leistung ein weiterer Ansporn zur Turuerei fein und noch mehrere bei dem nächstens stattfindenden Eilbotenlauf zum Entschluffe bringen, um sich der edlen Turnfache anzuschließen.
* Geisa, 4. Nov. 1913. Die Fleischpreise im vierten Verwaltungsbezirk wurden am l.Okt. d. I. an verschiedenen Orten pro Pfund wie folgt festgestellt: Vacha: Rindfleisch 1 Mark, Schweinefleisch 1 Mark, Kalbfleisch 1 Mark, Hammelfleisch 1 Mark, Dermbach: R. 1 Mark, S. 1 Mark, K. 1 Mark, H. 1 Mark; Geisa: R. 80-90 Pfg., K. 90 Pfg., H. 90 Pfg; Kaltennordheim: R. 1 Mark, S. 90 Pfg., K. 1 Mark, H 1 Mark. — Bei den Brot preisen war der Preis für Weißbrot in allen Orten der gleiche; es kosteten 100 Gramm 5 Pfg. Dagegen betrug der Preis für 1 Pfd. Schwarzbrot in Vacha 13—14 Pfg., Dermbach 14—15 Pfg., Geisa 11—12 Pfg.
* Vacha, 5. Nov. 1913. Am 15. d. M. wird das hier von der agrikulturischen Abteilung der Universität Jena eingerichtete chemische Laboratorium eröffnet. Das Laboratorium hat sich mit der Kontrolle über die Ableitung der Kalilaugen zu befassen. — Unter dem Verdacht der Wilddieberei wurde der Landwirt Johannes Klee aus Glaam in das hiesige Amtsgericht eingeliefert.
* Kaltennordheim, 3. Ndv. 1913. Wieder auf r eien Fuß gesetzt wurde der Knecht aus Klings, >er im Verdacht stand, das in vergangener Woche in Klings ausgebrochene Feuer angesteckt zu haben. — Die Arbeiten der Verwessungskommtision aus Eisenach, die in den Fluren Klings und Fischbach zur Separation schon seit geraumer Zeit vorgenommen werden, sind nunmehr soweit vorge- chritten, daß die Bonitierung als beendet anzu- ehen ist.
Lokales.
Fulda, 5. November 1913.
Personalien. Der Regien'ngsaffeffor Wallach in Kassel wurde zum Regier'? ngsrat ernannt. — Zu Baugewerkschuloberlehrern wurden die Regierungsbaumeister Keller und Rützel in Kassel ernannt, ss Die Wrnterschule eröffnete heute vormittag das diesjährige Wintersemester mit 45 Schülern. Die Eröffnungsansprache des Herrn Landrats Freiherrn v. Dörnberg wies auf die Wichtigkeit der Fachausbildung für die jungen Landwirte hin. —Im Vorjahr wurde das Wintersemester mit 40 Schülern eröffnet.
(!) Die Mittelrhönbahn auf dem Wege! Wie wir schon am 27. Oktober melden konnten, hat der Herr Eisenminister die Eisenbahndirektion Frankfurt mit der Vornahme der allgemeinen Vorarbeiten der Rhönbahn Fulda —Dipperz—Poppenhausen beauftragt. Die Beamten sind nunmehr bereits zur Absteckung der Bahnlinie Fulda —Dipperz- Poppenhausen hier eingetroffen. Uebermorgen findet bereits ein Termin zur Feststellung der Bahnanlage statt.
X Handwerkerausfchutz der Stadt Fulda. Bekannt- sich haben die städtischen Körperschaften im Herbst 1912 zur Beratung und Begutachtung von Anträgen und Maßnahmen zur wirtschaftlichen und sozialen Förderung des Handwerks einen Handwerkerausschuß zu bilden beschlossen. Es soll nun dieser Ausschuß in aller Kürze gebildet werden. Der Magistrat hat bereits das Entsprechende veranlaßt. Gemäß Ge- meindebeichluß ist der Handwerkerausschuß aus Mitgliedern der Innungen und des Gcwerbe- vereins zusammenzusetzen und zwar soll jede Innung bezw. der Gewerbeverein fünf von Hundert der Mttgliederzahl, mindestens aber e i n e n Vertreter, als Mitglieder in dem zu bildenden Ausschuß entsenden. Außerdem soll der jeweilige Leiter der gewerblichen Fortbildungsschule dem Ausschuß angehören. Der Magistrat empfiehlt hinsichtlich der Ent- sendung der Mitglieder bei allen Innungen nach gleichmäßigen Grundsätzen zu verfahren, wozu ja die Bestimmungen des Jnnungsstatuts betr. die Vor- standswahl einen Anhalt biete. Weiter ersucht der Magistrat die Innungen betr. des Verfahrens überEntsendung der Mitglieder in den Handwerkerausschub einen förmlichen Beschluß herbeizuführen, in dem auch festgelegt wird, daß bei Feststellung der Zahl der zu entsendenden Mitglieder der Bruchteil unter 50 nicht, der Bruchteil bber 50 hingegen voll gerechnet wird. Ebenso ersucht der Magistrat um Mitteilung dieses Beschluffes und der Namen der gewählten Mitglieder unter Angabe der Mitgliederzahl der Innung bezw des Gewerbevereins. NähereJnstruktionen werden vorerst dem Handwerkerausschuß nicht gegeben; Vorsitzender desselben ist der Oberbürgermeister bezw. dessen gesetzlicher Stellvertreter. Er kann ihn auch jeweils einberufen. Die Mitglieder des Ausschußes einer jeden Innung bezw. des Gewerben reins haben da- Recht, zu jeder Zeit einen Antrag auf Einberufung des Ausschusses bei dem Vorsitzenden zu stellen. In dem Anträge ist der Beratungsgegenstand anzugeben und zu begründen. Wird der Antrag von dem Vor- sitzenden als dringlich anerkannt, so beruft derselbe spätestens in 2 Wochen den Ausschuß; wird der An- I trag dagegen als nicht dringlich, oder als nicht vor den Ausschuß gehörig, erachtet, so führt der Vorsitzende eine schriftliche Abstimmung der Mitglieder des Aus- schuffes herbei. Für die Beschlußfähigkeit und die Abstimmungen des Ausschusses sind die Be- stimmungen der Städteordnung maßgebend. Da dem I neu zu bildenden Handwerkerausschuß voraussichtlich 4—6 Mitglieder der beiden städtischen Körperschaften angehören werden, dürfte derselbe nach seiner end- giltigen Konstitution aus etwa 25—28 Mitgliedern bestehen. Es entfallen davon etwa auf die hiesigen I Innungen bezw. den Gewerbeverein: Schuhmacher. Innung 4, Schreiner-Innung 3, Metzger 3, Bäcker 2, Fnseure 2, Maurer und Schlosser je 1 und Gewerbe- verein 5. — Möge im Interesse unseres Handwerkes I dem demnächst in Tätigkeit tretenden Ausschuß ein fruchtbringendes, wirtschaftliches und soziales Wirken beschteden sein.
ii hk- Stoedmä&ige Winke für Zollangelegenheiten. 1- Sehr verbreitet ist die unrichtige Ansicht, daß a I t e, g e b r a u ch 1 e Sachen, die vom Auslande eingehen, zollfrei seien. Diese kosten aber ebenso Zoll wie neue, einerlei, ob es sich um Wäsche, Kunstqeaen- stande, Hausgeräte, oder dgl. handelt, ob sie noch Wert haben oder wertlos sind. Nur alte Kleider sind Mfrei, wenn sie nicht als Handelsware (z. B. als Theateraarderobe, Maskenkostüme oder für einen I Händler) eingehen. Ferner können gebrauchte Reise- I bte bei sich führt, voraussendet oder I nach schicken laßt, zollfrei abgelassen werden. Das- I felbe gilt dorn Umzugsgut unter der Bedin- I
x E nachgewiesen wird. Für I i^doch vorher ein Einfuhr-Erlaub- I n'sschem erwirkt werden. Ausstattungsgut für eine Anslandenn, die nach Deutschland heiratet, kann neu I em. Es muh aber für die Einfuhr vorher ein Er- laubnisschein erngeholt und die Heirat nachgewiesen werden Verzehrungsgegenstände, unverarbeitete Zeugstoffe und Vteh muffen auch als Ausstattungs- aut verzollt werden 2. Ebenso besteht vielfach die irrige Meinung daß Gegenstände, die nur vorübergehend emgeführt werden, um repariert zu werden oder um als Muster, als Modell, zur Ansicht zur vorübergehenden Benutzung zu dienen, zollfrei seien I Alle dieseSachen find zollpflichtig, auch wenn sie alt, beschädigt oder gebraucht sind. Ne löu- I neu aber, wenndiesgleichbeimEingange an gemeldetwird, unter der Bedingung der I Wiederausfuhr innerhalb einer vom Zollamte be- I stimmten Zeit vorläufig zollfrei abgelassen werden I Der Zoll wird dann zwar erhoben, aber zurückgezahltz I nachdem der Gegenstand dem Zollamt wiedervor- I ?eführt und in das Ausland zurückge-l r a ch t i st. 3. Als Muster können sofort beim Ein- I gange nur solche Gegenstände zollfrei gelassen werden, welche nur als Mu st er gebraucht werden können, worüber die Zollbeamten zu entscheiden chaben. Tabei kann aber nicht berücksichtigt werden, daß der Empfänger sie nur als Muster gebrauchen will. So müssen z. B. Gardinenabschnitte, Zeug- stoffstucke, Leder, Wachstuch, wenn später überhaupt
[ noch etwas daraus gemacht werden kann (etwa kleine Vorhänge, Schlipse, Lederplättchen usw.) unbedingt I verzollt werden. 4. In allen Fällen, in denen das I Publikum an einer Zollstelle glaubt unrichtig behandelt zu sein, empfiehlt es sich sofort und vor der Einreichung meistens unberechtigter Beschwerden, sich mündlich an den Vorstand des Zollamts zu wenden. Erst wenn dessen Auskunft I für nicht genügend oder unrichtig gehalten wird, er« I scheint eine Eingabe an das vorgesetzte Hauptzollamt (für den Handelskammerbezirk also das Hauptzollamt I Hanau) angebracht. Gegen dessen Bescheid wird man I sich dann gegebenenfalls an die Oberzolldirektion in I Kassel wenden können. 5. Wird noch darauf hin- I zuwcisen sein, daß die deutschen Zollämter häufig um I Auskunft darüber angegangen werden, welche Z o l I- I abgaben in a u ß e r d eu t s ch en Ländern bei I der Versendung von Waren zu entrichten oder welche I Zollformalitäten bei der Einfuhr in solche Länder I vorgeschrieben sind. Darüber vermag keine deutsche I Zollstelle Auskunft zu geben. Zuverlässig erlangt man I diese nur bei der Handelskammer oder dem I Konsulat des betreffenden Landes.
I r*I Mehr Vorsicht bei der Erstattung von Anzeigen! I Diese Mahnung enthielt eine Verhandlung vor dem I hiesigen Schöffengericht. Ein Buchhalter aus Elm I hatte gegen einen hiesigen jungen Kaufmann Anzeige I wegen Beleidigung erstattet. Er wollte an einem I Septemberabend hier in der Friedrichstraße ein I Schimpfwort gehört haben, das er auf sich bezog. I Den Schimpfenden selbst hatte der »Beleidigte*, als I der Ruf erscholl, überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. 1 Er gab vielmehr an, den Angeklagten vorher in ge- I nanntet Straße gesehen zu haben, wobei sich dieser I abiälliger Redensarten gegen ihn bediente. Durch I mehrere Zeugen sollte gestern nachgewiesen werden, I daß sich der Beschuldigte zu jener Abendstunde in I einer Wirtschaft am Steinweg befand. Diese Zeugen I wurden nicht gehört, zumal der Kläger in seinem Verhör selbst angab, daß er den Angeschuldigten in eigner Person nicht gesehen habe, sondern denselben I nur an der Stimme erkannt habe. Es war somit I lelbstverstöndlich, daß das Gericht den Angeschul- bigten sreisprach, dagegen dem Kiufmann aus Elm die Kosten des Verfahrens aufbürdete.
I Blutige KirmeSseier. Heute nacht kam es in der Farnung'schen Wirtschaft am Bachrain zu Streitig.
I feiten, in deren Verlauf von ausländischen Arbeitern da? Messer gezogen wurde. Der in den dreißiger I Jahren stehende Arbeiter E Link und der etwa 20 Jahre alte Arbeiter H. Etzel, beide von Fulda, I wurden durch Messerstiche verletzt. Der erstere I schwerer, der zweite weniger schwer.
Uns öem Nachbargebiete.
* Schlitz, 4. Nov. 1913. Der Grobherzog hat I den von öem Grafen von Schlitz auf die erste evan- I gelische Pfarrstelle zu Schlitz präsentierten Pfarrer Hermann Knott zu Wallenrod für diese Stelle be- I nötigt. — Ernannt wurde der Gerichtsvollzieher- Aspirant Friede ch Reichert in Schlitz zum Ge- I richtsvollzieher mit dem Amtssitz in Schlitz.
r Frankfurt a. M., 4. Nov. 1913. In der Festsitzung des Frankfurter Aerztlichen Vereins, die dieser aus Anlaß seines 68jährigen Bestehens gestern im Frankfurter Hof abhielt, sprach der Vorsitzende des Deutschen Aerztevereins» Sanitätsrat Dr. Dippe (Leipzigs, über den gegenwärtigen Stand des Kampfes zwischen der Aerztefchaft und den Krankenkassen. Er führte aus, daß die deutschen Aerzte infolge ihres engen Zusammenschlusses den Zersplitterungsversuchen der Krankenkassen widerstanden hätten insofern, als die Vertrags- Verhandlungen mit den Kassen nicht einzeln, sondern stets durch die ärztliche Organisation abgeschlossen feien. Der Vorwurf, daß nach Ablauf der Verträge । — 1914 — die Aerzte die freie Arztwahl mit Gewalt durchdrückcn wollten, treffe nicht zu. Einzelabschlüsse seien nur sehr wenig erfolgt. Ob jetzt nach der Kün- digung der Verträge noch einmal Verhandlungen eingeleitet würden, sei zweifelhaft, da die Kassenverbände nicht den festen Zusammenschluß haben, wie es nach außen scheint. Die Aerzteschaft gibt unter keinen Umständen nach, sodaß wahrscheinlich 1914 ein ver- tragloserZustand eintritt. Die Kassen werden dann ihren Versicherten Geld zur ärztlichen Behandlung geben müssen. Wie lange sie das aushalten, ist unbestimmt, jedenfalls schreiten dann die Behörden ein. Die Aerzte werden aber unter allen Umständen auf ihrem Standpunkt beharren bleiben.
f. Frankfurt a. M., 4. Nov. 1913. Großfrankfurts Sehnen, bett französischen Sturz- und Purzelflieger Pogoud in dem Beringe der Mainstadt fliegen zu fehen, wird nun nach langem Handeln und Feilschen von hüben und drüben doch noch erfüllt. Denn wie heute nachmittag das Komitee für flugsportliche Veranstaltungen mitteilt, hat sich Psgoud herabgelassen, an zwei Tagen feine Künste für zusammen 80000 Mark zu zeigen. Als Fluglage sind entweder der 9. und 10. oder der 16. und 17. No- vember vorgesehen. Die Eintrittspreise schwanken zwischen 2 und 20 Mark; billigere gibt es nicht.
X Kassel, 3. Nov. 1913. Die .Kasseler Allg. Ztg/ gibt in ihrer heutigen Nummer einer Zuschrift Raum, überschrieben „Deutsche Einigkeit*. Es wird darin der Satz vorausgestellt „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr." Sodann folgt ein Appell für ein friedliches Zusammenleben der beiden großen christlichen Konfessionen, da dem deutschen Volke Einigkeit bitter not tue. Soweit sind wir mit dem Verfasser völlig einverstanden. Aber ganz entschieden Verwahrung müssen wir einlegen, wenn nun der Versuch unternommen wird, die Katholiken, oder deren berufenen Führer, die Bischöfe, als diejenigen hinzustellen, welche die Schuld an der Kluft zwischen Protestantismus und Katholizismus haben. Es heißt in der Zuschrift:
„Wir haben im deutschen Volke die beiden großen christlichen Konfesüonen, Protestanten und Katholiken. Dte Protestanten haben den ehrlichett Willen, mit ihren katholischen VolkSgenoffen im Frieden und gegenseitiger Achtung zu leben; aber den letzteren wird es schwer gemacht durch ihre Führer und Oberen. Fortwährend stürmen diele gegen gemeinsame Unternehmungen beider Konsessionm an, so z. B. gegen die christlichen Gewerk- schafwn. Erzbischof Hartmann von Köln hört nicht auf, die Protestanten als eine „Glaubensgefahr* für den
der Begründung, daß diejenigen, die bei den Wahlen sich hervortuen, ihr Jntereffe auch in klingender Münze zeigen. Gleichfalls abgekehnt wurde der Antrag derselben Arbeitsgemeinschaft, welcher wünschte, daß eine kurze Begründung der Anträge den Stadtverordneten vorher zugestellt wird.
V Marburg, 4. Nov. 1913. Heute beschäftigte sich das Schwurgericht mit einer Anklage wegen Straßenraubs gegen den schon mehrfach vorbestraften Arbeiter Joseph Pelica aus Rennova in Oesterreichisch- Galizien. Dem 27 Jahre alten Manne wurde zur Last gelegt, in der Nacht vom 27. Juli auf der Lantz« straße zwischen Bischhausen und Niederurff einen polnischen Arbeiter namens Natra, der in Niederurff arbeitete, mißhandelt und ihm dabei das Portemonnaie mit 4 Mk. entwendet zu haben. Die Verhandlung, welcher der Hauptzeuge Natra angeblich aus Angst ferngeblieb en war, endete mit der Verurteilung des Pelica zu 8 Monaten Gefängnis.
* Kirchhain, 4. Nov. 1913. Bei dem Abbruch eines alten Stalles in der Neuengasse verunglückte ein Maurer ans Niederklein. Er mußte ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und wurde im Automobil in seine Heimat befördert.
# Ziegenhain, 4. Nov. 1913. In Anwesenheit des Herrn Baurats von Schwertzell sowie des Orts- kuratoriums und Lehrerkollegiums eröffnete gestern die landwirtschaftliche Winterschule mit 28 Schüler ihr 6. Unterrichts-Halbjahr. Einige Schüler werden noch hinzukommen. Wie in früheren Jahren so nahmen auch in diesem Jahre viele Eltern und Verwandten an der Eröffnung teil.
* Homberg, 4. Nov. 1913. In Oberhülse bei Homberg hantierte ein neunjähriger Knabe mit einem Revolver und schoß einem Kameraden eine Kugel in die Brust. Schwerverletzt wurde dieser auf Anraten des Arztes nach Hephata überführt, starb aber unterwegs an der schweren Verletzung.
* Gemünden a. d. Wohra, 4. Nov. 1913. Die der Stadt zustehende Jagdgerechtsame kam zum zweiten Male zum Ausgebot, und zwar in fünf einzelnen Losen. Aus drei Lose blieb Rentier Lauterbach aus Wilhelmshöhe Höchstbietender, auf zwei Lose der frühere Jagdpächter N. aus Düsseldorf. Im ganzen wurden 2458 Mk. geboten, das sind etwa 700 Mark mehr, als in der früheren Jagdperiode,
vermischter.
* Schwere Vorwürfe gegen die Nadium-Jnbustrie erhob in einem Vortrage der Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Veit, Direktor der Halleschen Universitäts-Frauen, klinik. Geheimrat Veit erklärte u. a., daß die hohen Preise für Radium und Mesothorium in gar keinem Verhältnis zu den Herstellungskosten stehen, sondern auf kaufmännische Manöver zurückzuführen seien. Heber das gegenwärtige Stadium in der Krebsbehandlung sei noch kein abschließendes Urteil abzugeben, da noch keine genügende Zahl von Dauerheilungen vorliege. — Es ist nicht das erste Mal, daß gegen die Radium- und Meso- thorium-Jndustrie schwere Vorwürfe erhoben worden sind. Der gleichen Ansicht wie Prof. Veit war auch die Stadt München, als sie den Ankauf von Radium und Mesothorium aufzüschieben beschloß, bis Klarheit über die Preisbildung der Heilmittel geschaffen ist.
♦ Ein ungetreuer Rechtsanwalt Der Rechtsanwalt Dr. Lorenz ist seit einigen Tagen von Karlsruhe abgereift. Er soll eine größere Summe ihm anvertrauter Gelder veruntreut haben. Wie man hört, handelt es sich um 80000 Mark, die aus einem Vermächtnis von 115 000 Mark des früheren Akademie« Professors Schurth für die Schwarzwaldgemeinde Neustadt verschwunden fein sollen.
* Zn Augsburg, der ältesten Römerstadt des heutigen Bayerns, die der Sitz der römischen Provinz Vindelizien war, fehlten bisher auffallenderweise alle Funde aus der Römerzeit. Jetzt wurde bei Erdarbeiten ein Amphitheater entdeckt, das seit dem frühen Mittelalter als Steinbruch benutzt wurde.
* Die Suffragetten haben am Montag wieder eine Brandstiftung verübt. Sie steckten den Bahnhof Streatharn Hill in der Nähe von London in Brand. Das Innere des Bahnhofes brannte vollständig aus.
* Vom Büren zerrissen. In den Wäldern des Bezirkes Radmannsdorf in Krain sind Bären aufgetaucht, die 60 Schafe zerriffen. Die Jagd auf die Raubtiere wird vorbereitet.
Handel und Industrie.
* Berlin, 4. Nov. 1913. Die Börse zeigte alle Merkmale des Zusammenbruches. Angstverkäuse des Publikums, erzwungene und freiwillige Glattstellungen der Spekulanten verstauen die Börse. Die Bankwelt hält zurück, die weichenden Kurse finden keine Stütze, Vie Börse bietet ein Bild der Hilflosigkeit. Von der Diskontermäßigung ist nichts mehr zu spüren. An Vertrauen fehlt es überall, am Geldmarkt wie im Effektenhandel. Der Schluß bringt in flauer Stimmung die niedrigsten Kurse. Der Kaffamarkt liegt sehr matt. Beträchtliche Kursrückgänge bilden die Regel.
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