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Zuldaer Zeitung

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fir. 251.

Mittwoch den 29. Oktober 1913.

Erstes Blatt.

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40. Zahrgang.

| Preußischen Antrag in der braunschweigischen Thron­folgefrage von irgend einer Seite Einspruch erhoben werde. Da keine Stimme gegen den Antrag war, wurde eine einstimmige Annahme festgestellt.'

Die Regierungsübernahme soll am'l. November erfolgen. Wie nämlich mitgeteilt wird, soll das Pa­tent, in dem der Herzog die Uebernahme der Regie­rungsgewalt in Braunschweig verkünden wird, 'am 1. November erscheinen, und erst nach Veröffentlichung des Patentes ist Herzog Ernst August Landesherr von Braunschweig und Bundesfürst. Wie weiter berichtet wird, wird der neue Herr das bisherige Ministerium beibehalten.

Der Kaiser beim Herzog Ernst August. Der Kaffer, der lange Zeit nicht mehr mit dem Prinzen Ernst August zusammengetroffen war, wird ihm heute in Rathenow einen Besuch abstatten.

• Die Zivilliste des braunschweigischen Herzogs^ Paares., Die der Braunschweigischen Landesversamm­lung Dienstag zugegangene Vorlage zur Bestreitung der Bedürfnisse des Landesfürsten und des Herzog­lichen Hauses benennt eine Summe von 1125 323 M. Die Zivilliste, die auf einer staatlichen Entwickelungs­reihe von Finanz- und Staatsverträgen beruht, ist in monatlichen Raten an die Hofftaatskasie zu zahlen

Welfen und Herzog Ernst August. Das Organ der hannoverschen Welfen, die „Deutsche Volkszeitg." rn Hannover, nimmt in einem längeren Artikel zu den Beschlüssen über die Thronfolgefrage Stellung. Sre beglückwünscht zunächst die Braunschweiger zu der glücklichen Lösung der Thronfrage. Me wendet sich dann gegen die Hetze, welche die monarchistische Partei als reichs- und preußenfeindlich hinstellen will, und verweist auf die „hochbedeuffame Wendung", die sie darin findet, daß 1907 noch der Verzicht sämtlicher Mitglieder des Welfenhauses verlangt worden sei wahrend heute der Verzicht Ernst Augusts genüge. Dann umschreibt sie die Ansicht des „treugesinnten hannoverschen Volkes": „. . . aus deutscher und sitt­licher Pflicht wird es auch ferner auf der Wacht stehen für deutsches Recht und deutsche Treue, für das mo­narchische Prinzip und den wahren Reichsgedanken I Der braunschweimscbe Landesherr aber wird — das tft auch unser Wille! — außerhalb der politischen Kampfe des Tages bleiben."

X Zwei Regentschaften beendigt.

Nachdem in Braunschweig zu Anfang No­vember der Regent durch den Herzog abgelöst sein wird, dürfte alsbald in Bayern der bisherige Re­gent Prinz Ludwig als König Ludwig III. den wsttelsbachischen Thron besteigen. So wird an zwei Stellen das Provisorium, das ungefähr ein Men- fchenalter gewährt hat, in die endgiltige, normale Ordnung übergeführt. Die beiden Staaten bekom­men statt des „Verwesers" ihren rechten und echten Fürsten. Das entspricht nicht bloß den Interessen des Staates, sondern auch dem Wunsche des Volkes.

Das Volksbegehren gab sich lebhaft und unzwei­deutig sowohl in Braunschweig als in Bayern kund. Eine erfreuliche Erscheinung in dieser modernen Zeit, der man vielfach den Respekt vor der Autorstät, dem Gottesgnadentum und den monarchischen Ueberliefe- rungen absprechen will. Trotz aller sozialdemorati- schen Wühlereien und sonstiger „Aufklärungs"- versuche ist doch in Deutschland das Volk noch keines­wegs „republikanisch" geworden. Wäre das der Fall, so hätte matt sich in den beiden Staaten tttti der „Behinderung" des Monarchen gleichmütig abgefun­den und sich gesagt, das gegenwärtige Provisorium sei eigentlich eine Republik unter der Präsidentschaft des Regenten. Eine solche Stimmung machte sich aber durchaus nicht geltend. Im Gegenteil, das Volk drängte auf Wiederherstellung der richtigen monarchi­schen Ordnung, das Volk wollte einen wirklichen Herzog oder König an der Spitze seines Staatswesens sehen.

Dabei waren nicht etwa erhebliche M i ß st ä n de der provisorischen Geschäftsführung maßgebend. Der Regent von Braunschweig, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, hat seine Aufgabe mit viel Geschick und großem Takte gelöst; er war sich stets bewußt, daß er nicht der berufene Herr des Landes, sondern dessen erster Diener und der Platzhalter für den be­rechtigten Thronfolger sei, und hat sich so Vertrauen, Liebe und Dankbarkeit im reichsten Maße erworben. In Bayern gab es wohl keine Bedenken gegen die Person oder die Tätigkeit des Regenten; im Gegenteil, man wünschte dringendst die Regelung der Thron- svlge, weil man gerade den allverehrten und allge- I geliebten Regenten in der Würde und der Vollmacht des Königs sehen wollte. Das Volk hatte hier wie dort I nicht über die Wirksamkeit des Regenten zu klagen, aber es wollte etwas besseres haben. Es ent- I sprach durchaus den nationalen Ueberlieferungen, I wenn der lebhafte Wunsch durchbrach: Wir wollen einen wirklichen Herzog und König haben, der als Träger der Krone von Gottes Gnaden die Staatsidee verkörpert. Das Volk will eine effektive Mo­narchie. Es will an seiner Spitze ein berechtigtes und I kraftvolles Staatsoberhaupt sehen, dessen unantast­bare Macht ihm Respekt einflößt, dessen Würde und Glanz ihm Freude bereiten. Es gilt auch heute noch das Wort, das Jmmermann seinem alten I Hofschulzen sagen läßt: daß die Könige dem Volke zum Plaisier gesetzt sind.

Durch das lang andauernde Provisorium von | Braunschweig und Bayern wurde das monarchische Gefühl auf eine scharfe Probe gestellt. Es ist nicht leicht,, für ben einfachen Mann aus dem Volke, sich abzufinden mit der Erkenntnis, daß der berechtigte I Thronerbe wegen angeblicher Reichsfeindschaft oder I toegett völliger geistiger Zerrüttung an der Ausübung fernes hohen Berufes Jahre lang und Jahrzehnte lang behmdert bleibt. Die Probe ist bisher gut be­standen worden. Aber es wurde doch Zeit, daß der Verwirrung der Gedanken und Gefühle ein Ende ge­setzt wurde Der Bundesrat hat sich um das mo­narchische Prinzip und um die Volksseele verdient gemacht, als er endlich den Widerstreit ausräumte, I

Zn der schule des Leidens.

Deutsches Keich.

* Beilin, 28. Oft. 1913. Der Entwurf zum Schutze der Bienenzucht gegen Faulbrut, der schießt, vorbei an dem verblüfften Polizisten, die Straße entlang, ihrer Wohnung zu.

VI.

In ihrem Zimmer angelangt, schöpft F--lice eis paar Mal tief Atem, um ihrer namenlosen Erregung Herr zu werden.

Dann geht sie in die Küche hinunter.

„Ist der Vater zu Hause, Mutter?"

„Nein, er kehrt erst spät abends zurück. 11m Got. teswillen, Kind, stell ihn nicht zur Rede wegen — Du weißt schon--Er würde mich totschlagen!"

Felice hat ihre Selbstbeherrschung wiedergefun- den.

„Nein, Mutter, so dumm bin ich nicht," erwidert sie ruhig. „Was einmal geschehen, ist nicht zu ändern. Aber, meine Gedanken zu zerstreuen, muß ich etwas zu tun haben. Weißt Du, wo der Vater den Schlüffe! zu seinem Schreibtisch bewahrt? Ich will ein paar Briefe für ihn kopieren. bat mich vor einiger Zeil darum, und ich weigerte mich damals."

Frau Mackav blickt ihre Tochter erstaunt an. Wo' her dieser pll-.tzliche Stimmungswechsel? Diese liebens- würdige Unterwürfigkeit?

Doch sie ist zu glücklich darüber, als daß sie sich lange mit Gedanken herumquälen sollte.

„Gewöhnlich nimmt er den Schlüssel mit sich, Kind. Aber heute, in seiner frohen Laune — viel­leicht batte er früh auch schon ein paar Whiskys ge­trunken — da hat er ihn aus Versehen stecken lasten. Hier ist der Schlüffel! Und kopier nur recht viel Briefe, mein Herzblatt! Der Vater wird sich freuen! Und ich hab's dann nicht so schlecht bei ihm."

Thomas Mackay's Arbeitszimmer liegt direkt un­ter dem Dach — ein kleines, niedriges Kämmerchen mit Fenstern nach zwei Seiten hin. An der dritten Wand steht der Schreibtisch.

Als Felice den kunstvoll gearbeiteten Schlüssel berumdreyt, klopft ihr Herz doch ein wenig. Die Stimme des Gewissens laßt sich nicht so schnell er- sticken,

(Fortsetzung folgt.)

I in den das Gottesgnadenrecht mit dem vermeintlichen I Reichsrecht geraten war. Und die gesetzgeberischen I Fraktionen von Bayern machen sich ebenfalls verdient I um das monarchische Prinzip und die Volksseele, wenn sie den anstößigen Zustand ändern, den unheilbare

I Geisteskrankheit als verträglich mit der königlichen I Würde erscheinen ließ.

Die Schwierigkeiten, die der Regelung in I Braunschweig entgegenstanden, sind bereits I durch den vernünftigen Beschluß des Bundesrat über­wunden; die Rückzugskanonade der unversöhnlichen I Feinde des Welfenhauses hat keine realpolitische Be­deutung und vermag nichts gegen die beftiedigte Volksstimmung. In Bayern hatten formal-recht­liche Zweifel über den rechten Weg zur Entwirrung die Lösung verzögert, aber jetzt liegt ein wohlerwoge­ner Antrag der Regierung vor, der Aussicht auf glatte I Annahme in beiden Kammern hat. Es ist der richtige I Mittelweg, der auf gesetzgeberischem Wege die sichere Rechtsgrundlage schafft, aber das entscheidende Wort dem Regenten überläßt, also auch dem Schein einer planlosen „Absetzung des Königs" vov- einer parlamentarischen „Absetzung des Kö-

I nigs" vorbeugt.

Die beiden Fürsten, die jetzt in die Reihe der der- I kündeten deutschen Monarchen treten, werden nicht bloß in ihren Ländern, sondern in ganz Deutschland herzlich begrüßt. Sie kommen als Boten des F r i e- Idens und als Vertreter des alten legitimen I Rechts, an dem auch heutzutage noch der gesunde I Sinn des deutschen Volkes in Treue und Hoffnung I festhält.

Das Ende der Regenffchast in Bayern.

I . Dem bayerischen Landtag ist, wie oben erwähnt, I die Vorlage der bayerischen Regierung zur Be­endigung der Regentschaft bereits zuge­gangen. In der Vorlage wird der Titel 2, § 2 der

I Verfassungsurkunde dahin abgeändert,

I , daß, wenn die Reiwsverwesuna wegen eines körper- I liehen oder geistigen Gebrechens des Königs, das ihn an der Ausübung der Regierung hindert, eingetreten und nach Ablauf von zehn Jahren keine Aussicht auf Wieder. Herstellung der Regierungsfähigkeit deS Königs besteht, der Regent die Regentschaft für beendigt und den Thron für erledigt erklären kann. Dem unver­züglich einzuberufenden Landtage sind die Gründe der dauernden ReaierungSunfähigkeit mitmteilen.

In der Begründung heißt es: Ob der Re­gent die Regentschaft für beendigt erklärt, steht nach den vom Entwurf gemachten Vorschlägen in der freienEntschließungdesRegenten. Es ist seinem Ermessen anheim gegeben, die Re- I gentschaft zu beendigen, wenn er den' Zeitpunkt dafür I im Interesse des Staates gekommen erachtet.

Die Vorlage wird am Donnerstag beraten wer- I den, sodaß Prinzregent Ludwig bereits in kürzester Zeit König von Bayern sein wird.

Die ärztliche Kommission, die sich nach Schloß Fürstenried begeben hat, um König Otto, be­vor die Entscheidung in der Thronfrage erfolgt, noch­mals auf feinen Geisteszustand zu untersuchen, hat. wie verlautet, eine unheilbare Paralyse (Geisteskrankheit), aber sonst einen verhältnismäßig I guten Gesundheitszustand konstatiert.

Der Thronwechsel in Braunschweig.

Der Buudesratsbeschluß über die braunschwei­gische Thronfolge ist, wie die „Tägl. Rundschau" er­fährt, im Plenum des Bundesrat ohne Besprechung erfolgt. Die braunschweigische Thronfolgefrage war der einzige Puntt auf der Tagesordnung der Sitzung, I tue nur kurze Zeit dauerte. Noch Eröffnung der Sitzung legte der braunschweigische Staatsminister Hartwig das Original der Verzichtsurkunde des Her­zogs von Cumberland vor, in das die Bundesrats­bevollmächtigten Einsicht nahmen. Hierauf wurde I vorn Vorsitzenden die Frage gestellt, ob gegen den

»Nichts, nichts! Mein Kopf schmerzt — nichts werter!" sucht sie abzulenken. „Denk' nur: morgen Mel' ich die „Ophelia"! Gestern war ich noch nichts, I em Mädchen unter Tausenden; in einer Woche aber — da werden Viele von „Felicie Edwards" sprechen." I

„Felicie Edwards?" wiederholt Barrington sra- I genb. „Du bist doch immer als „Felicie Mackay" aufgetreten!"

„Er ist ein Dieb! Er hat mir mein Vermögen gestohlen! Wie es ihm wieder entreißen?" . . .

Sie glaubt, in der Enge des Hauses ersticken zu müssen. Hinaus, hinaus ins Freie!

Barhäuptig, ohne Ziel — so läuft sie planlos die Straßen auf und ab.

Wirre Gedanken durchschwirren ihr Hirn. - , .

„Ich muß das Geld beschaffen! Aber wie? Wie?'?"

Sie bleibt stehen. Eine Idee durchzuckt sie — eine wahnsinnige Idee. Zwar schreckt sie noch davor zu­rück. Doch---

„Er hat mich bestohlen; es ist nicht mehr als recht und billig, wenn ich mir wenigstens einen Teil meines Eigentums wieder zurückhole," murmelt sie vor sich hm.

„Vorwärts, Fräulein, vorwärts!" ruft ihr ein Polizist zu, der sie schon eine Weile beobachtet und an i^ren gesunden fünf Sinnen zweifelt.

.„Ja, vorwärts'" wiederholt Felice, sich au'raffenb. gleid) einer Schlafwandelnden, die soeben aus einem bösen Traum erwacht. „Vorwärts! .... Wie spät ist es, mein Herr?"

„Halbvier Uhr, Fräulein."

wie lange die Bankgeschäfte offen haben?

Der Polizist antwortet nicht fogleich. Die Frage kommt ihm unerwartet, besonders aus dem Munde einer jungen Dame. Gewiß ist sie verrückt!

Doch Felicie ist zu hübsch, um unhöflich gegen sie M sein. So sagt er freundlich:

„Ich aw.ibe, die Bankgeschäfte sind bis fünf Uhr offen, Fräulein."

„D->'ke."

Haw'g dicht sie sich auf dem Absatz herum unb

| Awncer zu suchen. Nichts in Italien besteht vor ihm.. I '“3 die Sozialisten ihm ein wenig unbequem zu wcr- I anftngen, hatte er im Handumdrehen die ganze I Porter in Zwietracht und Spaltung gebracht, indem er, ihr Vertretung im Kabinett anbot. Als er die I opfervolle Freudigkeit gewahrte, mit ber Stadtarbeiter r „ ,2rern in Tripolis sich für das „größere Jta- I “en schlugen und die Entbehrungen eines kolonialen I Eroberungskrieges auf sich nahmen, für die sie früher nicht das mmdeste übrig gehabt hatten, als er die

I große Bedeutung der Jnteresfrerung der unteren Klaff fe.i für eine Weltpolitik erkannte, in die die Erit- I Wicklung im Mittelmeer das Land gedrängt, da trat I ?r mit souveräner Kühnheit vor die Kammer, das I Wahlrecht der Analphabeten in der Hand Wieder I hat er den Gegnern den Wind aus den Segeln ge° I nommen, sich zum Drahtzieher einer großen Ent- I Wicklung gemacht.

Die Wahlbewegung ist in Italien etwas ganz anderes, als man sich bei uns vorstellt. Man kennt I in Italien nicht das, was man bei uns eine Parici- organifaiion nennt. Als Partei im deutschen Sinne gingen eigentlich nur die beiden sozialistischen Grup­pen und die Republikaner in den Wahlkampf. Es ist bekannt, aus welchen Gründen die Katholiken nicht als organisierte Partei in den Wahlkampf treten kön­nen, hatte doch noch vor kurzem der Papst eine prin­zipielle Beteiligung bei den italienischen Wahlen ver­boten. Die große Masse der gewählten Kandibaten gehört der großen Majorität von ministeriellen Konstitutionellen an, eine kleinere Minorität bertritt die konstitutionelle Opposition, dann gibt es noch ministerielle Radikale, konstitutionelle Katholiken, radikale Sozialisten, revisionistische Sozialisten und Republikaner. Die stalienische S o z i a l d e m o k r a- t i e hat vergeblich auf, den enormen Stimmenzuwachs gerechnet, der durch bie 5 Millionen neu wahlberech­tigter Analphabeten natürlich die wahlberechtigte Stimmenzahl ganz bedeutend in die Höhe schraubte. Wenn auch die Sozialisten einige Sitze gewonnen ha­ben, so, ist das eben im Hinblick auf den "Mangel jeder Organisation bei den Konstitutionellen leicht begreif­lich und wenig tragisch zu nehmen. Schlecht abge­schnitten scheinen die Republikaner zu haben; sie hatten im vorhergegangenen Parlament 23 Sitze, aber 10 dieser Abgeordneten waren aus dem offiziel- len Parteiverband ausgeschieden, weil sie sich im Ge­gensatz zum Beschluß ihrer Partei für den afrikani­schen Kolonialkrieg erklärt hatten. Die offizielle repu­blikanische Partei" hat bis jetzt nur 12 Sitze zurück­erobern können. Allerdings ist es nicht ausgeschlos­sen, daß bei den Stichwahlen noch der eine ober an­dere Republikaner gewählt wird. Man sieht also, daß die beiden hauptsächlichsten Umsturzparteien der äußersten Linken in Italien in einem Zustand be­griffen sind, der keineswegs Aehnlichkeit mit einer aufsteigenden Linie hat.

Die neue Kammer wird, das läßt sich schot! vor den Stichwahlen mit aller Bestimmtheit behaup­ten, wieder ebenso sein, wie die vorherige. Das dürfte von Bedeutung fein für den Tag, an dem sich ©io' litti von den Regierungsgeschäften zurückzieyen wird'. Die Zusammensetzung-der Kammer hat dann darübet zu entscheiden, ob die Nachfolge Giolittis einem mehr konservativ gerichteten Kabinett oder einem mehv demokratisch gerichteten zufallen wird. Zur Zeit re­giert Giolitti noch mit fester Hand. Und man fügt sich, weil man längst eingesehen hat, daß Italien unter Giolitti einen großartigen Aufschwung genom­men hat, innerlich in kaum gehoffter Weise efftarkt ist und nach außen noch dauernd an Ansehen ge­winnt.

9] Roman aus dem New-Aorker Leben. Von Erich Friesen.

Seife, stockend, manchmal unterbrochen von leisem Aufteufzen, kommen die Wotte von den ^ivven der Frau ~

Als sie geendet, lacht Felicie bitter auf.

, »9/ butter, Mutter welch leichtgläubige Seele besitzest Du! Der Mensch — ich kann seinen Namen gar nicht aussprechen! — er brach die echten Dia­manten aus ihrer Fassung und setzte Glassteine hin- ein — wettloses Glas! Ich ließ die angeblichen Dia­manten von einem Juwelier taxieren; ich wollte sie Ja verkaufen, um Norbert zu helfen.--Ta, Mut­

ter, nimm Deine Glassteine!"

Verächtlich wirft sie der alten Dame das Etui in den Schoß und stürzt laut aufschluchzend zum Zimmer hinaus.

Auf der Treppe begegnet sie Barrington.

„Ah, Licy, da bist Du ja! Ich wollte gerade zu Dir. Sei nicht böse: aber ich muß Dich wieder an Dem Versprechen erinnern. Fräulein Douglas fragte mich soeben, ob ich ihr Geld schon deponiert habe. Als ich es verneinte, meinte sie, bau sei gut. Sie habe soeben von ihrem jüngerer:' Bruder, der schwer a» den Folgen einer Sungenertjünbun > leide, bie liachricht erhalten, er müsse sofort nach dem ^äben; fern Leben stehe in Gefahr. Nun will die edle Seele etnen Teil ihres gesparten Geldes ^ergeben, um den Gruber bom -rode zu retten. Sie bat mich, ihr heute

Summe zurückzuerstatten, sie bebaure, mir me -Nutze umsonst gemacht zu haben."

„Siehst Du mein Sieb", schließt Norbert seinen hastig hervorgestoßenen Bericht, „ich weiß, es ist -licht ! schon von mir, wenn ich Dich dränge. Aber Du hast

Ja. semst angeboten, und ein junges Leben steht vielleicht auf dem Spiel — abgesehen von Fräu- lem Douglas sechst.--Mein Gott. Licy, wie rot

Du aussiehst! Was fft Dir?" v I

»Sprich de.r Namen nicht aus! Mein Vater hieß „Edwards"; diesen Namen führe ich, bis ich —" ein glückseliger Ausdruck verklärt für einige Augenblicke tfjre erregten Züge — „bis ich „Felicie Barttngton" heiße."

„Mein süßes Lieb! —- Aber ich wA Dich nicht länger aufhalten. Kann ich die Summe heut abend i — Du weißt schon —"

„Ja — gewiß."

„Du sagst das so zögernd; tut Dir Dein Ver­sprechen schon leid?"

„O nein, nein!"

„Ich werde also das Geld bekommen?"

„Ja "

"Ganz sicher?"

„Ganz sicher. Geh' jetzt, Norbett! Ich fühle mich^ wirklich nicht Wohl" '

JVelice ist einer Ohnmacht nahe. Stützesuchend umklammert sie das Treppengeländer.

Erschrocken beugt Norbctt sich über sie. Hat et Unrecht getan, das arme Mädchen zu drängen? Und doch - toenn das Collier wirklich so wertvoll fft, kann sie es nicht versetzen und später wieder einlösen?

Der Egoismus von dem in jedem Manne und be- sonders tu jebem Künstler ein gut Teilchen steckt, liegt schließlich. Er weiß — das Mädchen da vor ihm liebt ihn, hebt ihn bis zum Wahnsinn. Binnen kurzem wirb er sie zu feiner Gatitti machen; kann sie nicht als ©egenleiftung ein kleines Opfer bringen? , ■. .

Noch ein inniger Kuß — unb bann —

„Seb’ Wohl, Siro! Also bis heute abend!"

Matt nickt sie Z-"stim->-unq.

beit^te*^ bai°Uf n sstutor ber Haustür oerschwun-

q Die Neuwahlen in Italien.

W. Rom, 28. Ott 1913. (Tel.) BtS fünf Uhr nach- | mittags lagen 486 Ergebnisse auS 508 Wahlkreisen vor

BiS jetzt sind 205 Ministerielle, 46 Radikale, 16 ver­fassungstreue Oppositionelle, 25 Katholiken, 12 Republi- kaner, 30 Sozialisten und 18 reformierte Sozialisten ge­wählt. In 84 Wahlkreisen sind Stichwahlen erforderlich.

Die Schlacht ist geschlagen, Herr Giolitti ist der Sieger.

Giolittt, der Ministerpräsident, das ist die italie­nische Regierung, ist die italienische Polittk, innere, äußere, soziale und kulturelle! Es ist unmöglich, zu sagen, was Giolitti heute in Italien bedeutet, sein Name wird zu jeder Stunde gehött, gelesen und aus­gesprochen, sein Name war die'Parole, die über fünf Millionen neue Wähler an die Wahlurne geführt hat, sein Name hat ungefähr den ähnlichen Klang für Italien, den einstmals der Name Bismarck für uns gehabt hat und unter dem Endruck dieses Namens wurde gewählt. Herr Giolitti, der „Zauberer von Montecitotto", wie man ihn nennt, hat seine eigenen Methoden. Er ist der Ministerpräsident der sachten Hände. Er liebt nicht die starken Mittel. Dinge, die reifen wollen, läßt er reifen, richtet hinter den Kulissen das, was er will, und hat den unschätzbaren Instinkt, im rechten Augenblick sich selbst an die Spitze der Entwicklungen ber andern setzen zu kön­nen. Hier ist auch das Geheimnis seines ans Wun­derbare grenzenden Einflusses auf die Parteien der

Wie geistesabwesend ftarrt Felice vor sich hin. Was hat sie versprochen? ... Wie kann sie dieses Ver­sprechen halten? , , , Woher zweitausend Dollars nehmen? . . .

Ein wilder Haß gegen ihren Stiefvater wallt in ihr auf — gegen den Schurken, der ihre arme Mutter fo unglücklich gemacht, der jetzt auch an ihrem eigenen Unglück schuld ist. . . .