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Aus dem Nachbaraebi-te.

Wnstknsachscn, 24. Okt. 1913. Zum Beilen

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Samstag 25. Oktober 19(5.

* AuS bet Fremdenlegion. AuS Colombbechar wirt gemeldet, daß ein Soldat der Fremdenlegion mehrere Schüsse auf eine Wache abgegeben hat, wobei er einen Korporal tötete. Er suchte darauf den seine Kom. pagnie befehligenden Offizier auf und drang in da» Zimmer eines Leutnants ein, der ihn angesichts seiner drohenden Haltung niederschotz.

* Der Hering als Submissionsubjekt. Eine humov volle und treffliche Antwort gab, wie die Zittauer Ge« Werbekammer mitteilt, ein Schneidermeister aus eine daö Handwerk geradezu herabwürdigende Submis. sionsaufforderung mit folgendem „SubmissionsauS. schreiben": „Ich beabsichtige, am nächsten Freitag mittag einen Schneiderkarpfen, sogenannten Hering, zu der. zehren und will die Lieferung dieses Seefisches öffent. lich mindestfordernd im Submissionswege vergeben. Der Hering soll aus der Nordsee stammen, männlichen Ge. schlechts, nachweislich jung, frisch, fett und weichfleischig sowie gut gesalzen sein, und mutz folgende Mindestmahe besitzen: Länge vom Kopf bis zum Schwanz 26,25 Zenti. Meter, Breite am Kiemenansatz 6,0 Zentimeter. Die Zugabe von einigen Zwiebelscheiben sowie Abfällen an. derer Heringe erhöht die Zuschlagsmöglichkeit. Ich er. suche lieferungSlustige Unternehmer, versiegelte und verschlossene Offerten bis zum Submissionstermine Don. nerStag nachmittag 6 Uhr, um welche Zeit die Er­öffnung der eingegangenen Offerten in Gegenwart et­waiger Submittenten erfolgt, in meiner Wohnung ab. zugeben. Der Zuschlag wird sofort erteilt, jedoch bleibt die Auswahl unter mehreren gleichfordernden Unter­nehmern Vorbehalten."

vermisch res.

* Eine bet merkwürdigsten Gestalten, der sogenannte „Zuavenjakob", ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Als Tambour bei einem Zuavenregiment setzte der nur notdürftig des Lesens und Schreibens Kundige die Mi­litärärzte durch einige in schwierigen Lähmungsfällen erzielte Kuren in Erstaunen. Nach erlangter Verab­schiedung vom Militär betrieb er in Paris seine un­gesetzliche, infolge hoher Protektion aber geduldete ärzt- liche Praxis mit großem materiellen Erfolge weiter. Der „Zuavenjakob" glaubte fest an die Heilkraft seiner Kuren. Er verordnete ungefährliche Mittel.

Literarischer.

Der Kulturkampf im Ermlanbe von Dr. F. D i t t r i ch. 372 S. 8°. Verlag der Germania, Akt.-Ges. für Verlag und Druckerei, Berlin C 2. Preis brosch. 4 Mark.

Aus eigenen Erinnerungen und nach unanfechtbaren Quellen, zumeist Originalakten, schildert uns der 83er« fasset in einer für eine Spezialgeschichte sehr berechtig, ten breiten Darstellung, Entstehung, Verlauf und Fol­gen des sogenannten Kulturkampfes für die kirchlichen und Schulberhältnisfe in der Diözese Ermland. Der Kulturkampf begann hier auf dem kirchlichen Gebiete mit dem staatlichen Schutze der geistlichen Lehrer, welche die vatikanischen Dekrete von 1870 nicht anerkannten, im weiteren Verlaufe der Altkatholiken überhaupt. Dan. aus entwickelten sich die Temporaliensperre gegen Bi. schof Dr. Krementz, die Wirren an den Braunsberger Lehranstalten, der Schulstreit in Elbing usw. Den Höhe, punkt erreichte der Kampf bei der Durchführung der zur Brechung des Widerstandes gegen die Maigesetz- gebung erlassenen ZwangSgesetze, unter denen Bischof, Klerus und Volk so unsäglich viel gelitten haben. Der Kulturkampf auf dem Gebiete der Schule setzte ein mit dem Schulaufsichtsgesetze von 1872, erweitert und näher bestimmt durch den Falkschen Erlatz von 1876, und führte im weiteren Verlauf zur fast vollständigen Aufhebung der geistlichen Kreisschulinspektion, zu läg- gerer Beseitigung der geistlichen Ortsschulaufsicht und zur zeitweiligen Ausschließung der Geistlichen von der Erteilung des Religionsunterrichtes in den Volksschulen. Parallel damit lief die durch das Klostergesetz vom 81. Mai 1876 geforderte Entfernung der Ordensangehöri, gen aus den Schulen. Abschnitt 10 schildert die Folgen dieser Maßnahmen sowie der SimultanisierungSbestre. bngen in der Schulära Falk für das niedere ermlän. dische Schulwesen. Das Werk ist gedacht und geschrie­ben als ein Denkmal für die vielen, welche während des Kulturkampfes so' wacker gestritten und so schwer gelitten haben und nun schon fast alle im Grabe ruhen; es soll sodann dienen zur Orientierung für die jüngere Generation, welche den Kulturkampf nicht miterlebt hat und nur hie und da in seinen Folgen kennt und empfindet.

△ Die Kammerwahlen in Italien.

Die ganze Bevölkerung steht augenscheinlich unter dem Eindrücke der Kammerwahlen, die am 26. Ok­tober stattsiiiden und in den Wahlkreisen, in denen eine Stichwahl nötig sein wird, am Sonntag den 26. November zur Entscheidung kommen.

Zum erstenmal gehen btc Wahlen nach dem all­gemeinen S t i m m r e ch t vor sich, das nur eine kleine Einschränkung erfahren hat. Die Zahl der Analphabeten ist besonders in Unteritalien noch sehr groß.. Bisher mußte man sich, um wählen zu kön- neu, in die Listen cintragen lassen und nachweisen, daß man lesen und schreiben kann. Nach dem neuen I Wahlgesetz werden die Listen angelegt, ohne daß Seiten der Wahlberechtigten, die 30 Jahre alt sind, ein besonderer Antrag gestellt zu werden braucht, auch wenn sic nicht lesen und schreiben können. Für die Wähler unter 30 Jahre bleibt das alte System, d. h. sie müssen Antrag auf Eintragung stellen und lesen und schreiben können. Durch das neue Gesetz wird die Zahl der Wahlberechtigten verdreifacht und schnellt von 3 519 207 Wählern auf 8 672 249 em­por. lieber 5 Millionen Wähler haben also durch das neue Wahgesetz das Wahlrecht erworben und nehmen zum erstenmal an dem politischen Leben teil. Die Kammer hat noch kürzlich den künftigen Abge­ordneten eine Entschädigung von 6000 Lire bewilligt;

merkt. Wer einen recht guten Eindruck sich sichern will, der halte sich gerade am Schlüsse von dem hohlen Phrasengeklingel fern und nehme Abschied mit einem einfachen, urwüchsigen, herzlichen Wort. — Das Ha­schen nach „feinen" Redewendungen verschafft leider auch den schrecklichen „Briefstellern" noch immer Kundschaft. Ihr Gebrauch hat freilich bedeutend ab­genommen, aber man findet sie doch immer noch, namentlich bei „Liebenden beiderlei Geschlechts". Wenn Dienstmädchen und Soldaten mit Hilfe des Briefstellers ihre Gefühle auStauschen, so könnte man diese Briefe auch in einer Sammlung herauSgeben, al? Proben unfreiwilligen Humors. Der Jugend aber sollte von den Lehrern und den Eltern immer wieder klar gemacht werden: Wenn du einen Brief abfassen sollstst so schreibe ungeziert hin, was du denkst und fühlst, — so wie du sprechen würdest, wenn cher Empfänger hier wäre, nur nicht zu we'tt- schweisia'. Gib dich, wie du bist, ohne Stelzen und ohne Maske! —

Das ist nun alles ganz schön und gut, wenn man angenehme Sachen zu schreiben hat; da kann man

D a wird zuerst ausführlich mitgeteilt, daß man nun endlich mal einen freien Augenblick fände, um die Feder zu ergreifen. Daran schließt sich oft noch eine lange Entschuldigung, weshalb man nicht früher geschrieben. Für den Empfänger ist das meistens weder neu, noch überzeugend. Er denkt: „Zur Sache!" Kommt nun der Briefschreiber endlich zur Sache, so braucht er zwei Zeilen für das, waS er in einer Heile sagen könnte. Er schreibt nicht einfach: „Wir sind alle gesund", sondern baut einen zusam­mengesetzten Satz: „Zu meiner Freude kann ich dir mitteilen, dgß wir alle uns gesund und Wohl befinden, was wir auch von dir hoffen." Die Wurzel des Nebels liegt in dem Aberglauben, daß man in einem Briefe sich „feiner" ausdrücken müsse, als int gewöhn­lichen Leben. Man schnallt sich gleichsam erst Stelzen an seine natürlichen Gehwerkzeuge. Der Brief wird angefaßt wie ein Schulauffatz. Er soll „Bild: betraten: es soll „Stil" dann fein. Das Haschen nach hochtrabenden Phrasen macht sich namentlich im Anfang des Briefes bemerklich. Im Fortgang der Schreiberei hricht glücklicher Weise wieder die Natur durch; dann redet der Schreiber so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und dieser urwüchsige Her­zenserguß hildet dann den besten Teil. Zum Schluß freilich kommt wieder der theatralische Drang. Das Ding muß doch einen volltönenden Ausklang haben. Zum mindesten stellt man feierlich fest: „Nun muß ich aber schließen", — was der Empfänger so tote so

| Mißtrauen gegen Deutschland zu haben scheint. Diese Rede mutzte umsomehr befremden, als man gerade durch die Ereignisse der letzten Zeit in Deutschland auftichtig gesonnen war, mit dem stammverwandten englischen Volke in den auswärtigen Fragen eine fruchtbare Verständigungspolitik zu treiben. Es ist andererseits eine bekannte Tatsache, daß alle Gegner Englands ihre Hoffnungen auf einen Bruch zwischen England und Deutschland setzen, und es kann als be­stimmt angenommen werden, daß z. B. neben vielen anderen Revolten gegen den englischen Herrn das in Indien mühsam etngebämmte Feuer der Empörung sehr rasch und zu einem hellen Brande emporlodern werde, sobald deutsche und englische Schlachtschiffe ein­ander gegenüberstehen.

Die Verhältnisse auf dem Balkan, die anfangs dieser Woche ein sehr bedenkliches Gesicht zeigten, sind glücklicherweise wieder in georbnete Bahnen eingelcntt worben. Tas energische Einschreiten Oesterreich-Ui,- garnS hat es vermocht, bie Uebergriffe ber Serben in bas autonome Albanien abzustellen unb bie Re­spektierung ber Sonboner Botschafterbeschlüsse zu er­zwingen. Das Hauptverbienst an bet Regelung die. ser neuen drohenden Krise ist zweifellos neben Oester- reich-llngarn auch dem tatkräftigen Eingreifen der übrigen Dreibundmächte zuzuschreiben. Allerdings versuchen nun französische Blätter, deren geschäftigem Zutun es nicht gelungen ist, das österreichisch-serbisch.' Intermezzo zur Tragödie zu gestalten, den Ersolg der österreichisch-ungarischen Politik herabzusetzen ' und verkünden, daß ber serbische Geschäftsträger bei her Uebcrreichung ber Antwortnote ber Belgrader Regie' ru.ig auf das österreichische Ultimatum verschiedene Vorbehalte gemacht habe. In Wirklichkeit ist aber die Räumung Albaniens durch die Serben ohne jeden Vorbehalt erfolgt und an keinerlei Bedingung ge­knüpft.

In Portugal haben die Monarchisten wieder einmal versucht, durch einen Gewaltstreich die Regie­rung zu stürzen. Der Vorfall beweist aufs neue, welche unerfreulichen Zustände in Portugal herrschen, und wie wenig es der Republik gelungen ist, geordnete Verhältnisse zu schaffen.

In M cxiko scheint es nun doch zu einem Bruch zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und der großer mittelamerikanischen Republik zu kom­men. Huertas Stellung scheint aber dadurch bestärkt worden zu sein, zumal er die Bevölkerung hinter sich hat und durch einen Staatsstreich seine Gegner im Parlament unschädlich machte. In Washington zeigt sich deutlich eine Verstimmung gegen bie europäischen Mächte, ba man merkwürdigerweise angenommen Halle, Europa werde feine Stellung nach den Ansichten der Union richten und bei der Verdrängung Huertas Mithelfern Die europäischen Mächte aber beabsichti­gen lediglich, die bevorstehenden Präsidentschaftswah­len abzuwarten und deren Ergebnis ohne Rücksicht aus die amerikanische Jnteressenpolitik anzuerkennen.

eine? tatbölifeben Schwesternbauses findet Sonntag, 26. Oktober, abends 7 Uhr, im Ioh. Hpger'schen Saale eine theatralische Vorstelluna statt. Aittgesuhrt trerbcn „Die Jungfrau von Orleans" unb „Das verlorene Paradies" von Helena Tullins.

* Wchida (Sfr. £>ünfelb), 24. Okt. 1913. Hier wurde ein Koch lehr kurieS, ber auf 3 Monate berechnet ist, eröffnet. 15 Mädchen nehmen daran teil.

* Großbodungen (St. Worbis), 24. Okt. 1913. Die diamantene Hochzeit beging mit seiner Gattin in körperlicher und geistiger Frische ber Gastwirt ,ßum Zoll", Alwust Wenrel.

* Göttingen, 24. Okt. 1913. Den 1 00. Geburts- tag feierte im benachbarten Orte Bründeln in außer­gewöhnlicher iörpe'lieber Rüstiakeit unb Frische die Witwe des Hofbesitzers Grose. Die Gemeinde brachte der Hundertjährigen einen Fackelzug.

* Diez, 24. Okt. 1913. Seit einiger Zeit werden aus dem hiesigen Zuchthaus Sträflinge in andere Strafanstalten überführt. Gestern wurde der 78jäh- rige Sträfling Johann Peter Müller, gebürtig aus Kronberg im Taunus, der wegen Totschlags vom Schwurgericht Wiesbaden im Jahre 1872 zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt wor­den war, m die Anstalt Ziegenhain transportiert.

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ft] Fulda, 24. Oktober 1913.

Im Vordergrund der innerpolittschen Ereignisse ber vergangener! Woche stehen die zahlreichen Erörte- nngen über bie braunschweigische Thron- fo Igef r age. Der Kampf für unb hübet ben Wel- ftnthron in Braunschweig wurde auf beiden Seiten mit großer Lebhaftigkeit geführt, sensationelle Mel- bungen unb offiziöse Dementis lösten sich in raschem Wechsel etnanber ab. Der Kronprinz, ja bie Person bes Kaisers wurden.in ben politischen Haber hinein­gezogen unb namentlich von ben Nationalliberalen für boftnnare Parteizwecke in einer Weise miß­braucht, bie bem monarchischen Gebanken schwer zu­setzen mußte. Der Kronprinzenbrief, ber zu vielen teilweise sehr scharfen Erörterungen in ber Presse 2lulaß gegeben Hatte, stellte sich bei näherer Betrach­tung butch bie offiziöse Brille als eine rein private Anfrage bes Kronprinzen bei ber zuständigen Aus­kunftsstelle Herons, als eine Anfrage, welcher aus eben dem genannten Grunde eine poltt. Bedeutung nicht zukommen konnte und welche daher auch auf die zu erwartenden Bundesratsbeschlüsse einen Einfluß nicht auszuüben imstande ist.

Mit vieler Spannung und großem Jntereffe hat man im Reiche die Wahlen zur zweiten Kämmet i n Baden erwartet. Der 21. Oktober hat zwar keine endgültige Entscheidung gebracht, aber er hat das Eine als sicheres Resultat gezeitigt, daß die Großblock-Idee völlig Bankerott gemacht hat. Der Zug nach links hat sich nicht eingestellt, dagegen hat die vor und während ber Wahl eingesetzte Tendenz nach rechts angehalten. Ein Rückblick auf die zum Teil sehr leidenschaftlich geführte Wahlagitation zeigt deutlich die klare Scheidung zwischen Rotblock unb ftaatSeibaltenben Parteien. Es wurden gewählt- 2 9 Zentrum, 5 Konservative, 8 Nationalliberale, 1 Wilder, 1 Volksparteiler unb 9 Sozialdemokraten, zusammen also 53 Abgeordneten. Die endgültige Entscheidung werden die Sttchwahlen erst bringen komien, für die bekanntlich umfangreiche Wahlbünd- msse abgeschlossen worden sind. Es darf angenom­men werden, daß die Stichwahlen mit großer Euer- gie aus beiden Seiten geführt werden und wenn es auch ein gewagtes Unternehmen sein dürfte, zu pro­phezeien, so darf man doch annehmen, daß die Rechts­parteien eine Schwächung ihres Einflusses in der neuen Kammer nicht erleiden werden.

Bei der ReichStagsersatzwahlin Ham­burg gelang es den Sozialdemokraten, das Mandat Bebels Wied r zu behaupten. Trotz dieses Sieges hat aber die Sozialdemokratie einen Verlust von über 3000 Stimmen zu verzeichnen, während die Rechts­parteien ein nummerisches Wachstum und einen immerhin beachtenswerten Achtungserfolg aufzuwei- fen haken.

. In der bayerischen Kammer ber Abgeordneten hwlt der Minister des Innern Frhr. von Soden eine sehr bemerkenswerte Rede über die Arbeitslosenfrage und betonte, daß die bayerische Regierung bereits für I eme Reihe von Arbeitsgelegenheiten, bie mindestens 10 000 Arbeitern für längere Zeit Verdienst gewäh­ren werde, gesorgt habe. Bezüglich der Einführung einer reichsaesetzlichen Arbeitslosenversiche- r u n g, welche die beste Lösung des Problems wäre, I meinte Herr von Soden, daß daran noch lange nicht zu denken sei, ba sich nicht nur technische Schwierig­keiten ergeben hätten, sondern daß bie nötigen statisti­schen Unterlagen unb ein einheitlicher Arbettsnach. we:S zm' Lösung biefer wichtigen Frage zur Zeit noch fehlten.

Eine schöne Feier knüpfte sich an bie 100. Wieder- lehr des Tages ber Schlacht bei Leipzig. In An­wesenheit sämtlicher deutscher Bundesfürsten mit dem Kaiser an der Spitze und im Beisein der Vertreter Oesterreichs, Rußlands und Schwedens wurde zu Leipzig das großarttge monumentale Völker- I schlachtdenkmal enthüllt, während zu gleicher Zeit in fast allen deutschen Städten glänzende patrio- I tische Gedenkfeiern abgehalten wurden.

In der auswärtigen Politik steht man zurzeit un­ter bem Einbruck ber vielerörterten R eb e Sir Wil­son C h u r ch i l l s, welche trotz ber honigsüßen Phra­sen, mit denen über die Beziehungen zwischen Deutsch­land und England ansänglich gesprochen wurde, beut» lich zeigte, baß man ,n Englanb ein unausrottbares

Unpolitische Zeitkäufe.

N. Berlin, 23. Oktober 1913.

lNachdruck nicht gestattet.)

Weil alle Welt von bem Kronprinzenbrief spricht, können wir ja heute über bie Kunst des Brieffchrei- bens plaudern.

„Ich ergreife die Feder" unb kritzele einen Brief­bogen voll. Ist benn das überhaupt eine Kunst? Doch Wenn oas Schreiben zweckmäßig unb unge­fährlich fein soll, so mutz man schon eine Portion Vernunft an bie Tinte unb Geschicklichkeit an die Feber tun.

Was einer schreibt, das bleibt. Das gesprochene Wort verhallt schnell; bas geschriebene Wort wirb gewöhnlich mehrmals gelesen, genau überdacht, sozu­sagen auf die Goldwaae gelegt. Meistens lieft eS auctz nicht allein bet Adressat, sondern auch Ange­hörige, Freunde nicht selten auch frembe Leute Auch wenn der Empfänger den Brief in feine Brusttasche steckt ober in seinen Schreibtisch verschließt, so kann er boch über kurz ober lang in Hände gelangen, für die er nicht bestimmt war. Sehr vorsichttge Leute vernichten sofort alle Briefe, bie sie geheim halten wollen. Solche SicherheitSkommifsare finb aber sel­ten. In der Regel wird Sammlungspolitik betrieben. Man hebt alle Briese auf. teils zum Andeu'en, teils in ber Erwägung, baß sich in Zukunft noch Anlaß ergeben könnte, auf ba§ Schreiben zurückzukommen. Die Aufbewahrung ist ost so mangelhaft, baß auch zu Lebzeiten bes Empfängers leicht unberufene Augen an ben Brief kommen können. Daraus folgt: Was ich schreibe, muß ich vor aller Welt verantworten können.

Unter ber Zeitung stehen immer bie verantwort­lichen Rebakteure verzeichnet. Das sind die Leute, welche der Staatsanwalt saßt, wenn ihm etwas von bem Inhalt der Zeitung nicht gefällt. Wenn du ein Schreiben in die Welt schickst, so bist du auch der ver­antwortliche Redakteur, nicht von einer ganzen Zei­tung, wohl aber von dem Briefbogen. Hast du in dem Schreiben etwas gesagt, was einem Mitbürger unangenehm ist, so macht er dich haftbar. Zum mindesten ziehst du di seinen Zorn, vielleicht feine dauernde Feindschaft zu. Unter diesen Umständen gibt es sehr ärgerliche Auseinandersetzungen. Und schließlich läuft vielleicht der Gekränkte zum Gericht, um dich wegen Beleidigung oder gar wegen Verleum­dung auf die Strafbank zu bringen. Da heißt es dann: Na, wenn ich bas gewußt hätte, würbe ich den

die Abgeordneten können also noch auS Kreisen ge­holt werden, die sich aus Mangel an persönlichen Mitteln von der Kammer fernhielten.

Bon großer Wichttgkeit ist bie Frage, wie sich bie Katholiken bei ben Wahlen verhak- t e n werden. Das „Non expedit" Pius IX. unb Leos X1H-, welches verbietet, sich an ben politischen Dahlen zu beteiligen, bleibt auch heute im Prinzip die allgemeine Regel. Verschiedene Erklärungen un­ter dem Pontifikat Pius X. lassen darüber keinen Zweifel. Der heil. Stuhl hält an dem Grundsatz fest, nach bem er ber königlichen Regierung unb dem italienischen Parlament bie gesetzmäßige Ausübung der Regierungsgewalt im ehemaligen Kirchenstaate abspricht. Das „Non expedit" ermöglicht es dem Papste und den Bischöfen, den Katholiken die Teil­nahme a.t den Wahlen zu verbieten, wenn sie diese Maßregel im Interesse der Kirche in jenen Ländern für notwendig halten. In Rom sind die Katholiken angewiesen worden, völlige Wahlenthaltung zu be­obachten. In ber Praxis allerdings beteiligen sich die Katholiken der meisten italienischen Wahlkreise an den Wahlen. Die Bischöfe haben vom Papste unbeschränkte Vollmacht erhalten, von der allgemei­nen^ Regel, dem „Non expedit", zu dispensieren. Nur dürfen die Katholiken ihre Stimme keinem anderen, als dem von der katholischen Wahlunion im Einver­ständnis mit den Bischöfen bezeichneten Kandidaten geben. In einigen Wahlkreisen, in denen jede Hoff­nung fehlt, einen kirchensreundlichen Kandidaten durchznbringeu, haben die Bischöfe baS „Non expedit' im vollen Umfange aufrecht erhalten.

Was den Ausgang der Wahlen betrifft, sind alle Prophezeihungen verfrüht: selbst bie Regierung kann sich keinen klaren Ueberblick über ben Ausgang ber ersten nach bem allgemeinen Wahlrecht vor sich gebenden Wahlen machen. Man glaubt, daß die Ka­tholiken auf der einen und die Sozialisten auf der anderen Seite in verstärkter Anzahl in die Kammer einziehen werden. Die Katholiken zählen besonders auf dem Lande und besonders in Süditalien, Pie­mont und Toskana mit; die Sozialisten werden eine starke Wählervermebru.rg in den Städten unb inbustriellen Bezirken erfahren.

frifch von ber Leber reben. Aber bie Briefe mit un« angenehmem Inhalt, bie erfordern Vorsicht unb Ge­schick. Die Gefühle des Empfängers müssen nach Möglichkeit geschont werben. Hat man eine erschüt­ternde Mitteilung zu machen, so ist sogar etwas Weit­schweifigkeit am Platze; der Empfänger soll auf die Kunde vorbereitet werden. Müssen Vorwürfe er­hoben werden, so bedenke man stets, daß eine ge­schriebene Strafpredigt schärfer wirkt, als ein münd­licher Tadel. Ein Verweis hn Brief wird wiederholt gelesen, überdacht, abgewogen; fühtt der Getadelte eine Uebertreibung oder eine zu große Härte heraus, so wird er leicht rebellisch unb ber Erziehungszweck wird vereitelt. Allzu scharf macht schartig. Ebenso ist kluges Maßhalten geboten, wenn man über andere Personen etwas Ungünstiges mitzuteilen oder einen Tadel auszusprechen hat. Dabei kommt der Gesichts, punkt in Betracht, den wir oben schon erwähnten: Man weiß nicht, in welche Hände der Brief kommen kann, unb muß also stets ber Verantwortlichkett für jedes geschriebene Wort bewußt bleiben.

Daher bie Mahnung: Schreib nicht int Zorn! Unter Umftänben ist es auch gefährlich, in einer freu» bigen Gemütserregung zu schreiben; babei kann man z. B. zu Versprechungen kommen, bie nachher sich schwer einlösen lassen. Aber höchst gefährlich ist es immer, feinen frischen Aerger unb Groll sofort zu Papier zu bringen. . Erst Wasser trinken, frische Lust schnappen, sich bas Gesicht waschen, ein Stück Arbeit leisten! Noch besser ist, erst eine Nacht bie Sache be­schlafen. „Morgen, morgen, nur nicht heute", ist ein guter Spruch für zornige Leute. Nach ber ruhigen Ueberlegung wird ber Rügebrief nicht nur gerechter, sondern auch klüger und wirksamer ausfallen.

Was einer schreibt, da? bleibt. Also Vorsicht! Damit soll aber nicht gesagt sein, daß überhaupt das Briefschreiben beschränkt oder eingestellt werden möchte. Im Gegenteil: schreiben wir recht viele Briefe, aber angenehme, liebliche Briefe, voll Rosen ohne Dornen Das sollten sich namentlich die flügge gewordenen Kinder merken, deren Eltern so gern Kunde von ben fernen Lieblingen haben möchten. Die Ansichtskarte mit bem „herzlichen Gruß" iss magere Kost für bie Elternherzen. Aber wenn so ein richtiger Brief ankommt, in bem das Denken und Fühlen der Kinder ober Enkel so urwüchsig unb iebersmatrn zum Ausdruck kommt, dann schmunzelt der Vater und die Mutter streicht sich über die Augen

I Brief gar nicht abgeschickt oder doch anders abgefaßt I haben. Zuvor getan, hernach bedacht!

I Ja, sollen wir denn nur mit Angst und Zittern zur Feder greifen? Oder sollen wir ieden Brief »rst einem gewiegten Rechtsanwalt vorlegen? O nein!

I Wenn du etwas Schönes, Gutes, Liebes zu melden hast, so laß deine Feder frisch und flott spazieren lau-

I feit. Nur wenn du etwas Unangenehmes zu schrei­ben hast, bann sei vorsichtig unb bedenke das Ende!

I Vielfach ist darüber geklagt worden, daß in der heutigen Zeit der Postkarte, der Schreibmaschine und des Drahtverkehrs überhaupt kein so schöner Brief mehr geschrieben würde, tote man sie in der Hinter­lassenschaft von bedeutenden Leuten der früheren Zeit

I gefunden hat. In der Tat, da findet man bezaubernde I Schriftstücke, dte uns ein lebenswarmes Bild der Persönlichkeiten und ber Zeitverhältnisse geben. Die

I wahre Schönheit biefer Briefe ist ober bem ehrwür­digen Alter, ber langen Ablagerung zu verbanken. Wenn bie Herzensergüsse halb nach ihrer Abfassung veröffentlicht wären, so würde es Zank unb Streit unb allerhaub Aergemis gegeben haben. Wir er­leben ja heute noch manchmal häßliche Erörterungen, wenn aus einem Nachlasse Tagebücher ober Briefe zum Vorschein kommen, die noch lebenbe Personen oder schwebenbe Streitfragen berühren. Niemand wußte besser die Gefährlichkeit von bleibenden Briefen zu würdigen, als der kluge Windthorst. Er war mehr für das mündliche Verfahren, und wenn e- Briefe von bedeutendem Inhalt schreiben mußte, so war er dabei ebenso vorsichtig, tote bei einer Reichs­tagsrede. Die Bricfernte aus seinem ungeheuer rei­chen Leben ist demgemäß dürftig.

Die Postkarte hat in den letzten Jahrzehnten den eigentlichen Briefverkchr zwischen Verwandten und Freunden sehr eingeschränkt. Die Parole ist jetzt: Häufig, aber kur;! Da Oie Postkarte unterwegs frem­den Augen zugänglich ist, so büßt ihr Inhalt das Intime ein. Jene ganz vertraulichen Herzensergüsse, die dem Brief erst seinen rechten Wert geben, kann man auf ber Postkarte nicht anbringen. Do es doch geschieht, geht ber beste Dust verloren, benn man hat bas unangenehme Gefühl, baß frembe Nasen in diesen Blüten der Zärtlichkeit geschnopert hätten. Im üb­rigen hat bie Postkarte auch eine erzieherische Wir­kung. Sie zwingt uns, knapp unb fachlich zu schrei­ben. Das ist viel wert; benn trotz aller besseren Schulbilbung schleppt sich weithin noch bie Gewohn­heit fort, den Brief mit überflüssigen Floskeln, ge­schraubten Redensarten unb ermübenben Wieder- Holungen zu füllen.