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Nr. 243» erstes Blatt.

Montag den 20. Oktober M3.

40. Zahrgang.

*• Der Gedenktag der Völkerschlacht

Am Samstag mittag fand in Leipzig die Ein­weihung des Völkerschlachtdenkmals statt, in Gegenwart des deutschen Kaisers, des Königs von Sachsen, sowie nahezu sämtlicher deutschen Bundes­fürsten und zahlreicher ausländischer Fürstlichkeiten.

Vom frühen Morgen an waren bei herrlichem Wetter gewaltige Menschenmengen in das Innere der Stadt der Feststratze zugeströmt. Viele andere hatten in der Umgebung des Denkmals, das in wei­tem Umkreis abgesperrt war, Aufstellung genommen. Sämtliche Straßen der Stadt waren beflaggt, und der Schmuck der öffentlichen und vieler Privatge­bäude machte einen hohen, festlichen Eindruck. Man hätte sich 1000 Augen wünschen mögen, um alles zu sehen. Ueberall gibt es Bilder, bei denen man ver­weilen möchte, um sie ganz in sich aufzunehmen, und man muß doch rasch weiter, der Menschenstrom reißt einem mit. Je näher man dem Denkmal kommt, desto dichter werden die Massen, während aus den Häusern links und rechts gleichfalls Menschenmengen Kopf an Kopf gedrängt hinunterschauen. Dort, wo das Denkmal selbst langsam vor den Blicken in der Ferne emporsteigt, beginnt die Absperrung. Hinter die Thonberger Eisenbrücke gelangt allein, wer eine Karte zur Feier hat, und alle fünf Schritte sieht er dann rechts und links einen Infanteristen mit auf­gepflanztem Bajonett und Gewehr bei Fuß. Bald ist das ganze Vorgelände, ist alles, so weit man blicken kann, mit Menschen angefüllt. Auch die Tribünen, die den Festplatz zu beiden Seiten umsäumen, waren vollbesetzt von einer festlich gekleideten Menschen­menge. Auf dem Festplatz selbst hatten die Spitzen der Leipziger Zivil- und Militärbehörden sich auf­gestellt. Auch die sächsischen Staatsminister waren nahezu vollzählig erschienen, ebenso auch mehrere Mi­nister der Bundesstaaten, weiter zahlreiche Mitglie­der der diplomatischen Vertretungen. An dem Denk­mal hatte eine Ehrenwache, bestehend aus zwei Offi­zieren und acht Mann vom österreichischen Schwar­zenberg-Ulanenregiment Aufstellung genommen. Um das Fürstenzelt, das gegenüber dem Denkmal­aufgang auf der zum Teiche führenden Freitreppe errichtet war, sammelten sich in der elften Stunde die Mitglieder des Leipziger Offizierkorps, ferner österreichische und schwedische Offiziere in großer Zahl. Nachdem auch die deutschen Studenten in einer Stärke oon über 2000 Mann mit über 250 Fahnen an dem Rande des Teiches Ausstellung genommen hatten, war das festliche Bild vollständig geworden. Die Zahl der anwesenden Fahnen wurde auf nahezu 1000 geschätzt. Von 10% Uhr ab trafen teils von ihren Leipziger Wohnungen aus, teils unmittelbar vom Bahnhofe, die fürstlichen Gäste ein. Zuletzt kamen, von zwei Schwadronen Ulanen begleitet, der Kaiser und der König von Sachsen an.

„Kurz vor 11% Uhr winkt man am Ende des Vor­geländes mit einem weißen Tuche. Die Posaunen beginnen ihren weihevollen Gruß, und lansam schrei­ten die Fürstlichkeiten vorbei an den Studen­ten und hierauf in das Zelt, überall von brausen­den Hurrarufen bewillkommnet. Forschend richten sich die Blicke der Fürsten am Denkmal empor. An der Spitze des Zuges schritten der Kaiser in Mar­schalluniform mit dem Marschallstab in der Hand, und der König von Sachsen in Husarenuniform. Es folgten der Prinzregent Ludwig von Bayern, der Erzherzogthronfolger Franz Fedinand von Oester­reich, Großfürst Kyrill von Rußland, Prinz Wilhelm von Schweden als Vertreter des Königs von Schwe­den, Komg Wilhelm von Württemberg, ferner die deutschen Großherzoge, Herzoge und Fürsten. Nach­dem sie nach kurzer Begrüßung der anwesenden Ehrengäste Platz genommen hatten, wurde das Lied:

3n der schule des Leidens.

11 Roman aus dem New-Yorker Leben. Von Erich Friesen.

I.

„Bravo! Bravo!"

„Großartig! Wunderbar!"

„Hat sich heute selbst übertroffen!"

„Barrington 'raus! 'raus!"

Wohl schon ein Dutzend Mal hat sich der Vorhang und noch ^mer beruhigt sich das Publikum nicht. Applaudieren, Rufen, Schreien, Trampeln all- überall — in Logen, auf den Gängen, im Parkett

Und immer und immer wieder zeigt sich „Romeo" der begeisterten Menge, bis endlich der Vorhang unten bleibt und der gefeierte Künstler tief aufatmend in die Kulissen tritt.

Sofort stürzen der Direktor, sowie verschiedene Kollegen auf ihn zu.

„Gatuliere, alter Junge! Bist jetzt ein gemach­ter Mann! Hast wirklich Russell gründlich ausgesto­chen —" 1

Ungeduldig wehrt der junge Künstler ab.

, „Unsinn! Wozu soviel Aufhebens! Ruffel bat mich, ihn heut abend zu vertreten. Bin froh, daß ich ihm keine Schande machte. Morgen ist er wieder zurück und ich —"

Seine soeben noch leuchtenden Blicke verfinsterten sich- Rasch tritt er ans Fenster und öffnet es. Ein scharfer Luftzug weht ihm entgegen.

»Huh, die Kälte! Sollen wir alle die Schwind­sucht kriegen?" kreischen ein paar Frauenstimmen hin" ter emer Kulisse hervor.

Aergerlich schlägt Bairington das Fenster zu.

ist hier zum Ersticken schwül," murmelte er, sich über die erhitzte Stirn fahrend. „Ah, da bist Du ja, Festere!"

«jerlidK junges Mädchen eilt auf ihn zu. Wartend hat es schon eine Zeitlang dagestanden mit g-oßen, sprechenden Augen jeder seiner Bewegungen folgend.

„Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten" ge­spielt.

Darauf hielt Kammerrat Klemens Thieme, der Erste Vorsitzende des Deutschen Patriotenbundes, die Weiherede, worin er sagte:

Als Sie große Armee in Rußland geschlagen, in elenden Resten, in Lumpen gehüllt, am Ende des Jahres 1812 über die preußischen Grenzen ging — als Preußens König am 17. Marz 1813 den Ausruf an fein Volt erließ: da wurde der teutonische Geist wieder lebendig, da be­gann die gewaltige, alle Gemüter erfassende Erhebung. Das kleine ausgesogene, aber vom Gerste höchster sittlicher Kraft erfüllte Preußen entzündete die mächtigsten Opfer­flammen, und mit grenzenloser Begeisterung steht das Volk auf, bricht der Sturm los. Vom Throne bis zur Hütte erwacht ein Wille, ein Gefühl der reinsten Hin­gabe an die Pflichten des heiligen Krieges: Mit Gott für König und Vaterland! Die Begeisterung sand erheben­den Widerhall in allen deutschen Gauen. Das deutsche Volk wußte, mit der Erhebung Preußens handelte es sich um Sein oder Nichtsein, um die Zukunft Deutschlands. Nicht in gewaltigen Heerhaufen strömten die andern Stämme den preußischen Fahnen zu, zu schwer lastete noch die harte Faust des Eroberers auf allen Landen jenseits der Elbe bis an den Rhein, von den Alpen bis zur Nord- und Ostsee. Aber es kam die Blüte der Nation. Der Kampfplatz rings um Leipzig ist eine ge- weihte Stätte, ein Heiligtum des gesamten deutschen Volkes geworden, geheiligt durch die dargebrachten Opfer an Gut und Leben für die Freiheit des Vaterlandes, geheiligt, weil hier unsere Heldenväter die knechtenden Bande des Eroberers zertrümmerten, h er die so lange ersehnte Freiheit im harten Kampfe des Leibes und der Seele wiedergewannen, um wieder ein einzig Volk von Brüdern zu werden. Hier unter dem Donner der Kanonen sind das deutsche Volksbewußlsein und das deutsche Volkstum von neuem geboren worden, die hohen Güler, aus denen sich später als sichern Grund- steinen das neue Deutsche Reich begründen konnte. Dem Werden des Deutschen Reiches ging ein Werden des deutschen Volkes voraus, und hier ist die Geburts- ftätte, heute der Geburtstag! Was in der Seele sorgsam geborgen liegt, verlangt nach einem gewaltigen, sicht­baren Wahrzeichen. Hier steht der zu Stein gewordene Wille des Volkes, das sichtbare Zeichen der Dankbarkeit gegen Gott und unsere Heldenvärer für unsere Freiheit und unser nationales Sein! Gewaltiger Zeiten gewaltiges Zeichen! — den gefallenen Helden ein Ehrenmal, — dem deutschen Volke ein Ruhmesmal, — kommenden Geschlechtern ein Mahnzeichen! —, hoch und hehr, wie die Taten der Mütter und Väter, die Gut und Blut einsetzen für die Rettung des Vaterlandes. So hat das deutsche Volk sein Denkmal für die Befreiung aus großer Not sich selbst zur Ehre errichtet. Als treue Söhne des Vaterlandes legen wir heute am Hundertjahrtage der Völkerschlacht im Geiste der Väter aufs neue das heilige Gelöbnis ab: Treu und fest zu fein im Glauben an den allmächtigen Gott, treu und fest zu fein in der Liebe zum angestammten Fürstenhause zum Kaiser und zum Reich. Dazu verhelfe uns der Gott, der mit unfern Vätern war!

Mit freundlichen Worten übernimmt derKönig von Sachsen das Denkmal. Er sagt u. a.:

Die von hoher patriotischer Begeisterung getragenen Worte, die Sie, Herr Thieme, in Vertretung des Deut­schen Patriotenbundes soeben an mich gerichtet haben, haben uns Deutsche tief bewegt. Wie dieses Denkmal uns erinnert an blutige Kämpfe und an den Heldentat vieler braver Soldaten, die vor hundert Jahren auf diesem Schlachtfelde fielen, wie es uns weiter mahnt an Gottes gnädige und wunderbare Führung, der unferm Volke nach langem Ringen uno Sehnen eine herrliche Einheit schuf, so möge es nach weitern hundert, ja» nach 1000 Jahren noch spätem Geschlechtern von dem heu­tigen Tage Kunde geben, möge es erzählen, wie in dieser Stunde Deutsche und Russen, Oesterreicher, Ungarn und Schweden ihre Knie in Verehrung beugen vor Gott, dem allmächtigen Lenker der Weltgeschichte, und zu ihm beten, daß er üns den Frieden erhalte zum Wohle auch der Staaten und Fürsten, die mir die große Freude bereitet haben, meiner Einladung zu folgen, und bei diesem Feste durch Mitglieder ihres Hauses und durch Abordnungen ihrer tapsern Heere vertreten sind. In diesem Sinne beglückwünsche ich den Deutschen Patrioten­bund zu dem wohlgelungenen Werke und nehme das Denkmal unter meinen königlichen Schutz.

Da öffnet sich die Tür der Damengarderobe. Eine hohe, schlanke Frauengestalt in ^enganschließendem grünem Tuchkostüm steht auf der Schwelle.

„Ihr wollt doch nicht schon gehen? Ich dachte, wir würden zusammen zu Abend essen — drüben in meiner Wohnung. Ich lade Euch beide ein — Sie liebe Felicie, und auch Norbert Barrington."

Ein forschender Blick aus den großen, dunklen Augen der Kleinen gleitet über die edlen, ruhigen Züge der schlanken Blondine.

Einen Moment zögert sie. Dann entgegnet sie s „Danke, Fräulein Douglas! Aber meine Mutter ist unwohl; ich muß sogleich nach Hause, Was Nor­bert anbelangt — "

Sie stockt. Unruhig blickt sie von Barrington auf die Kollegin und wieder auf Barrington.

„Ich begleite Dich natürlich, Licy! Will mich nur erst rasch umziehen."

Und schon ist er hinter der Tür der Herrengarde­robe verschwunden.

Die Augen der beiden Mädchen folgen seiner hohen, kräftigen Gestalt. Daun blicken sie einander forschend an, diese beiden so verschiedenen Augenpaare: milde, eelenvoll, ruhig überlegen das eine — flammend, angstvoll, durchdringend das andere.

Doch nur wenig Sekunden — dann senken sich die Lider der Klemen vor dem klaren, hoheitsvollen Blick jener leuchtend-grauen Augensterne.

Nervös zupft Felicie ihre weiße Boa zurecht und zieht an dem dunklen Pelzjäckchen, Vergebens bemüht, ihre Verlegenheit zu verbergen.

Schon nach kurzer Zeit kehrt der Bräutigam zu­rück. Statt des blendenden Romeo-Kostüms trägt er jetzt einen grauen Chevior-Anzug. Das dunkle Haar ist kurz geschnitten, die Gesichtsfarbe bleich mit einem Anflug ins Bräunliche. Nur die Augerz sind dieselben < ediieben — diese großen blauen A' mit dem Feuerblick einer gottbegnadeten Künstl' eie.

Er wendet sich zuerst zu Gerda DSMsts.

„(Sitte Nacht, liebe Kollegin! 'Es" tu- mir leid, Ihrer Einladung nicht folgen zu f innen1 aber ick- habe i Felicie versprochen —"

Den Weiheakt beendete der gemeinsame Gesang: „Nun danket alle Gott". Der Kaiser schien, wie aus seiner lebhaften Unterhaltung mit den übrigen Bun- dessürsten hervorging, in bester Stimmung. In­zwischen trafen am Denkmal die Eilbotenläu­fer mit ihren Urkunden von allen Enden des Reiches, sogar aus Amerika, am Denkmal ein und wurden vom Kaiser freundlich begrüßt. Dann beginnt der Rundgang der Fürstlichkeiten zur Besichtigung des Denkmals, von überall tönt brausender Jubel. Als sie das Denkmal verlassen und lai ,-sam hierauf zur Abfahrt sich wenden, ertönt tausendstimmig: „Deutsch­land, Deutschland über alles".

Vom Denkmal aus besuchten die Fürstlichkeiten das int Park Meuldorf liegende Denkmal des Fürsten Karl von Schwarzenberg, des Oberst-Kom­mandierenden der Verbündeten Heere in der Völker­schlacht. Sie wurden von dem österreichischen Thron­folger Franz Ferdinand an der Spitze einer von öster­reichischen Offizieren gebildeten Suite begrüßt. Der Kaiser legte einen Kranz am Denkmal nieder. Vom Schwarzenberg-Denkmal ans ging bann die Fahrt der Fürstlichkeiten nach der russischen G e" dächtuiskirche. Nach einer hier erfolgten Be­grüßung durch den Großfürsten Kyrill von Rußland wohnten sie dem feierlichen Tedeum bei.

Um 2 Uhr begaben sich die Fürstlichkeiten mit ihrem Gefolge und begleitet von Ulanen zum Rathaus, ünt hier ein vom Rate der Stadt Leip­zig dargebotenes Frühstück einzunehmen. Als der Kaiser und der König von Sachsen das Portal be­traten, wurden sie vom Oberbürgermeister Di11 - r ich mit einer Ansprache begrüßt, in der dieser den Willkommengruß der Stadt darbrachte und unter anderm darauf hinwies, daß es das erstemal sei, daß ein deutscher Kaiser das Leipziger Rathaus be­trete. Die Fürstlichkeiten wurden bann burch die Wcmbelhalle in ben reichgeschmückteil Festsaal ge­leitet, wo das Frühstück an kleinen Tafeln stattfanb.

Den ganzen Nachmittag unb des Abends durch­fluteten Hunderitausende in festfreudiger Stimmung die Straßen der Stadt. Bis zum sinkenden Abend war auch das Völkerschlachtdenkmal selbst das Ziel des Besuches gewaltiger Scharen. Mit eintretenber Dunkelheit setzte in ber ganzen Stabt eine allge­meine Beleuchtung ein; alle Fenster waren mit Lichtern bestellt, bie öffentlichen Gebäude und die großen Geschäftshäuser erstrahlten im Lichte lan­ger Reihen elektrischer Glühkörper. Auf den großen Plätzen loderten auf den Obelisken Flammen auf. Zwischen ben Pylonen zogen sich Girlanden elektri­schen Glühbirnen wie Perlenschnüre hm. Der Augustusplatz war in ein Meer von Flammen ge­taucht. Auch auf ben Dächern ber Universität, des Museums unb bes Neuen Theaters brachen ganze Flammengarben hervor. Den größten Eindruck an biefer Illumination aber machte, daß in ganz Leip­zig, wohin man auch blickte, kein Fenster ohne Ker­zen zu finden war.

Um 6 Uhr begann im Gewandhause bie könig­liche Tafel für die anwesenden Fürstlichkeiten und Würdenträger, zu der die Einladungen vom sächsischen Hofe ergangen waren. Im Verlaufe des Mahles hielt der König eine Rede, in der er u. a. sagte:

Verein: find wir zu einer Feier der Erinnerung an die damaligen heißen Kämpfe, an die damals in diesen Kämpfen für ihr Vaterland gefallenen tapsern Helden, vereint aber sind wir vor allem hier, um ein Fest der Gegenwart, ein Fest der Lebenden zu feiern. Nicht nur was Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland, Schweden 1813 gewesen, vor allem was die Völker der Völkerschlacht von Leipzig heute geworden sind, wie Gottes Segen sichtoarlicy auf den Fürstenhäusern dieser Völker geruht hak, ist uns angesichts dieser glanzenden Versammlung von Monarchen und Fürsten, dieser glänzenden Ver­sammlung von hohen und höchsten militärischen Führern, dieser glänzenden Versammlung von Vertretern des

„Schon recht, Barrington; also ein andermal!" Gerda unterdrückt einen leisen Seufzer. „Uebrigens —" ihre Stimme sinkt fast zum Flüstertöne herab — „ich habe Ihnen noch nicht gratuliert. Ihr Spiel war vollendet. Ich bin stolz auf meinen Schüler."

Lebhaftes Rot färbt die soeben noch bleichen Wan­gen des jungen Mannes.

„Ohne Ihre „Julia" —"

„Nein, mein Freund," wehrt sie lächelnd ab, „meine Kunstleistung stand weit hinter der Ihren zurück."

Wieder öffnet Barrington die Lippen zu einer Entgegnung; doch das unruhige Flackern in Felicies Augen läßt ihn schweigen. Mit kardialem Händedruck verabschiedet er sich von Gerda Douglas.

Dann verläßt er mit seiner Braut das Theater.

Eine Weile schreiten beide stumm nebeneinander her. Die schmalen Wangen des Mädchens brennen vor Erregung.

Endlich hält sie es nicht mehr aus.

_ „Tu tonntest zu Abend essen, mit wem Du woll­test, Norbert. Ich hindere Dich nicht. Ich bin schon manchmal allein nach Hause gegangen und werde es auch noch öfters tun —"

„Hoffentlich nicht!" fällt Barrington in so be­stimmtem Tone ein, daß Felicie nicht wagt fortzufah­ren. „Uebrigens — Du benimmst Dich wie ein recht albernes Kind, Felicie. Soll ich wirklich annehmen, daß Du eifersüchtig bist? Eifersüchtig auf Gerda Douglas?"

Trotzig liebt sie die tränenfeuchten Lider.

„Ja, ich bin eifersüchtig. Heute den ganzen Abend mußte ich wieder zusehen, wie Du ihr - ige Liebe und Treue schworst —"

„Auf der Bühne, Felicie!"

„Ja, auf ber Bühne. Aber Du tatst es so natür­lich, daß ich fast verging vor Angst. Als „Julia" in Demen Armen lag — o, ich darf gar nicht daran denken! Norbert, Norbert, ich ertrüge es nicht, wenn Du mich nicht mehr liebtest!"

Gin f olsivisches Zithern überfliegt die ganze zierliche 1 alt. Besorgt bli arrington in das er I -regurmsb-er<sie Antlitz seiner Braut.

deutschen Volkes, zum freudigen Bewußtsein gekommen. Wir Deutsche insbesondere sind in patriotischer Begeiste­rung dessen eingedenk, daß die Quellen der Kraft, bie in der Erhebung Deutschlands von 1813 mit ihrem Streben rach Einigung liegen, nach einer sittlichen und politischen Wiedergeburt ein neues berrliches Deutschland, das deutsche Kaiserreich geschaffen haben. Und aus der Erinnerung an die Not der Vergangenheit und aus dem Bewußtsein des Besitzes der Gegenwart entspringt der einmütige Wille aller Einzelstaaten Deutschlands als Glieder des Reiches jederzeit Gut und Blut für den Bestand und die Ehre des deutschen Vaterlandes einzu­fetzen. Wie im Jahre 1813 die Völker von Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland und Schweden in Wehr und Waffen gestanden haben, so haben sich auch heute Vertreter dieser Völker im Schmuck von Wehr und Waffen unfern bewundernden Blicken gezeigt. Nicht in Kampf und Schlachtgetümmel jedoch stehen heute die Völker der Völkerschlacht von Leipzig vor unfetm geistigen Auge, vielmehr in friedlichem Wettbewerb, den ernsten Auf­gaben der Kultur und Zivilisation zu dienen, deren Lösung uns allen gemeinschaftlich obliegt. Und so darf ich Sie begrüßen in Erinnerung an eine Zeit der Kämpft und Kriege bei einem Fest des Friedens. In diesem Sinne danke ich meinen Gästen für ihr Erscheinen und erhebe mein Glas auf das Wohl der Erhabenen Mo­narchen und Staatsoberhäupter, welche ich die große Freude habe, hier vereinigt und vertreten zu sehern Sie leben hoch!

In das Hoch stimmten die Anwesenden ein.

Der Kaiser reifte um 8 Uhr 15 ab, seine An­kunft in Wildpark erfolgte nachts 12 Uhr 30. 8 Uhr 25 Minuten reifte der Erzherzog Franz Ferdi­nand ab.

Später begaben sich der König und die noch hier anwesenden Fürstlichkeiten in die Alberlhalle, wo das Oratorium von Seysardt „Aus Deutschlands großer Zeit" zur Aufführung gelangte. Von dort fuhren die Fürstlichkeiten nach dem Neuen Theater, um dort die glänzende Festbeleuchtung des Augustus» Platzes zu sehen.

*

Nach ben vorliegenden Meldungen fanden in fast allen deutschen Städten Gedenkfeiern statt. Ueberall wurde die Völkerschlacht geschildert und gepriesen in Wort und Bild, durch festliche Umzüge und be­geisternde Ansprachen.

«L Das Weltfeierjahr im FlottenbaUl

wirb toieber an bie Wanb gemalt.

Der englische Marineminister Churchill hält viele Reben. Vor kurzem führte er aus, daß England feine Flottenbanleir beschleunigen müsse, um bas Versäumte wieder einzuholen. Neuerdings aber wiederholt er seinen früheren Vorschlag, Deutschland. und England sollten sich über eine Pause in dem Schiffbau einigen, unb zwar in ber Weise, baß Deutschland ben Bau von zwei Schiffen, England ben Bau von vier Schiffen um ein Jahr verschie­ben. , Er hielt am Samstag in Manchester eine Rebe, in ber er aussührte:

et bedauere die Höhe der Forderung des eng­lischen Flottenetats, tm nächsten Jahre werde sie aber im Rahmen der vorn Parlament bestimmten Politik noch erheblich höher sein. Dabei sei die europäische Situation viel klarer und „die Beziehungen zu Deutsch­land Haden sich ohne Einbuße der Freundschaften mit, anderen Ländern fehr gebessert". Augenblicklich sollte daher für England eine freundschaftliche Erörterung der Frage des Feierjahre Sin den Flo ttenrüstungen nicht. ungünstig sein. „Der Vorschlag eines Flotten- Feierjahres, den ich im Namen der Regierung aus- fpreche, ist ganz einfach. Im nächsten Jahre werden wir, abgesehen von den kanadischen Schiffen oder ihrem Aequivalent und abgesehen von allen Erfordernissen, die durch Entwickelungen im Mittelmeer nötig werden können, vier große Schiffe gegenüber den zwei deutschen auf den Kiel legen. Nun sagen wir zn Deutschland: Wenn ihr den Bau Eurer zwei Schiffe um zwölf Monate verzö gert, so wollen wir in absolut gutem Glauben den Bau unserer Schiffe um genau die gleiche Periode hinaus­schieben." Deutschland würde sechs, wir fast zwölf

„Du weißt, ich liebe Dich mit aller Kraft meiner Seele, Felicie!" ruft er fast feierlich. „Du solltest Dich freuen, daß ich heute als „Romeo" solchen Erfolg hatte. Ohne Russells plötzliche Abreise zum Begräb­nis seiner Mutter wäre ich nie zu dieser Rolle ge­kommen. Heute habe ich gezeigt, was ich kann. Du weißt, ich bin ehrgeizig. Ich hoffe, von jetzt ab grö­ßere Rollen und damit auch mehrGage zu erhalten. Dann heiraten wir sogleich, nicht wahr, mein Lieb? Unb bann bilbe ich Dein Talent immer mehr und mehr, bis Tu selbst „erste Liebhaberin" wirst. Und wenn bann anbere auf ber Bühne Dir ihre Liebe schwören — dann werbe ich auch eifersüchtig sein und Dir Szenen machen, gerade wie Du heut, mein kleft nes dummes Schäfchen."

Felicies Gesichtchen hat sich merklich aufgeheitert Tie schwarzen Augen erstrahlten wieder in ihrem alte» Glanz.

„Du Lieber!" flüstert sie mit ihrem gewohnten Grübchenlächeln, seine Hand fest zwischen die ihren pressend. „Wenn ich nur erst Deine Frau wäre! Dann würde ich auch nicht mehr eifersüchtig sein. Ach, ich bin ja so schrecklich glücklich, daß ich manchmal denke, irgend ein Ereignis muß eintreten, das mein Glück zerstört!"

„Unsinn, Kleine! Ich liebe Dich; wir heiraten sobald wie möglich — was soll da unser Glück stören? Nach meinem heutigen Erfolg brauchst Du nicht ein­mal mit verdienen helfen. Du kannst hübsch zu Hause sitzen —"

„Nein, nein!" fällt sie mit solch' entsetztem Aus­druck in den lieblichen Zügen ein, daß er verwundert inne hält. „Wie könnte ich ruhig zu Hause sitzen, wenn ich weiß, Tu spielst mit Gerda Douglas! Lieber in ganz, ganz kleinen Rollen auftreten, aber wenigsten,' Dir nahe fein!"

„Wie Du willst, Närrchen. Aber da find wir an Deinen: Hanse angelangt Leb' wohl, mein Lieb!"

Erschrocken hält sie seine beiden Hände fest.

„Nein, Norbert, Tu kommst nut herauf — ganz bestimmt Tic Mutter hält für uns beide Abendessen bereit. Wenn Tu nicht mitkoiumjt, denkt sie. Du hast nnch schon fall!" (Fortsetzung folgt.)