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-atz der Lehrer Sagner infolge dieser Maßregelung 'tnb Aufregung nervenleidend geworden ist, und des­halb wiederholt Urlaub nachsuchen mußte. Die Re­gierung wollte aber ein von einem, Spezialarzt für Nerverikranke und von einem SanitätSrat ausgestell­tes Krankheitsattest nicht anerkennen, der Lehrer mutzte bei j e d e m Urlaubsgesuche ein Attest von dem stundenweit entfernt wohnenden Kreisarzt bei­bringen und das dreimal in einem Jahre, wofür er natürlich auch die Kosten einschließlich der Kosten der Reise zu tragen hat. Ist das notwendig?

Ausland.

Streiflichter auf die russisch« Unterdrückungs- Politik gegen die Katholiken. Einen interesfanteu Bei- trag zum Verständnis der gegen die katholische Kirche gerichteten Unterdrückungspolitik der russischen Regie­rung hat p. Pierling Z. J. durch Herausgabe einer Menge wichtiger, die Kirchenpolitik Rußlands betreffender Aktenstücke geliefert. Die mit oer .'seit Peters des Großen beginnende Sammlung beweist das starre Festhalten der russischen Herrscher an ber staatlichen Allaewal- Die russische Regierung hatte auf die Klagen des Heiligen Stuhles über die uner­hörten Bedrückungen vis. katholischen Kirche in den letzten Jahren keine andere Antwort, als die, daß man einfach die russischen Gesetze ausführe und die unbotmäßige katholische Geistlichkeit wegen Gesetzesübertretungen maßregele. Eine der neuesten Härten der schiSmvnschen Regierung, welche vor dem katholischen Volke ihre Bosheit geschickt zu maskieren sucht, besteht darin, Nuß russische Behörden katholische Priester wegen Glaubenssachen zu verschiedenen Strafen verurteilen und dann von den katholischen Bischöfen die Ausführungen verlangen. So sollen Bischöfe eifrige Priester im Strafwege versetzen oder sie des Rechtes priesterlicher Wirksamkeit ganz berau­ben. Vor 1905 erschienen in ähnlichen Fällen vor dem Pfarrhofe russische Gendarmen mit der berüch tigten Kibitka, einem Fahrzeuge, das zur Deportation nach Sibirien Verurteilter benutzt wurde. So wußte das katholische Volk, wer gewaltsam den Priester ent­ferne, und sah darin den leuchtenden Beweis des apostolischen Eifers der deportierten Seelenhirten. Heute, nach Verkündigung derwirklichen" Gewissens- freihrtt im Oktobermanifest, soll das katholische Volk getäuscht werden, die Bischöfe sollen die von den russi­schen Gerichten verurteilten Priester in den Augen des Volkes mit ihrer eigenen oberbirtlichen Gewalt zu Missetätern stemveln. Die Bischöfe de? Zaren» reiches haben vor einigen Monaten der Regierung in gemessenster Form ihre ernsten Bedenken über die neuesten Maßnahmen der Regierung voraelegt, leider nur mit geringem Erfolge. Die Gesinnung der russischen Regierung geoen die katholische Kirche äußerte sich so recht deutlich in der bei Gelegenheit des Reaierungsiubiläums des Romanowschen Kaiser» Hauses gewährten Amnestie. Im ganzen wurden 9958 Verbrecher, darunter 840 politische, begnadigt, jedoch nicht ein einziger katholischer Priester. Dazu wurde in Petersburg die bisher nicht beanstan- bete katholische Kapelle für die russischen Katholiken slawischen Ritus geschloffen. Während des Gottes­dienstes erschien daselbst an einem Sonntaae einer der staatskirchlichen Petersburger Hilfsbischöfe, for­derte laut alle Anwesende auf, die Kavelle zu räumen, und verließ allein, als alle Gläubigen rubig fort» fuhren, ihre Andacht zu verrichten, unter Drohung das bescheidene Gottesbaus. Kurz darauf legte die Staatsbehörde dem unlängst neu ernannten Pfarrer der Kapelle, Herrn Johannes Deubner, nahe, feinen Gottesdienst lateinisch, nicht altflawisch zu feiern. Die Predigten dursten russisch gehalten werden. Als der hochiv. Herr sich auf die vom Zaren so feierlich ver­kündete Gewissensfreiheit berief, welche allen Sekten zuaute kommt, und somit auch von den ussischen Ka­tholiken beansprucht werden kann, um den in Rußland seit Einsührung des Ebristentums üblichen sllawi. scheu Ritus beirubebalten, erklärte die rufiiW'e Re-ne- zugute kommt, und somit auch von den ruffischen Ka- tboliken für technisch unzulänglich und verfügte die Schließung. Jedenfalls fürchtet die schismatische Staatslirche Rußlands nicht ohne Grund den flämi­schen Ritus ihrer katholischen Staatsbürger: die Schließung der katbolisck-flawiscken Kapelle ist nur ein kleines bescheidene? Nachspiel der blutigen Ver­nichtung der Union aller Weiß- und Kleinruffen des ebenraliaeti Polens unter russischem Zepter mit der katholischen Kirche unter Wahrung des flämischen Ritus.

Ans dem Nachdargebiete.

+ Der erste Jahrestag der Leipziger Schlacht im Fuldaer Lande.

In dem jüngst in der .Fuldaer ßeitung' zitierten Sammer oer : »Deutschen Volkes feuriger Dank, und Ehlern« uel", worin die Veranstaltungen am 18. und 19. Oktober des Jahres 1814 geschildert sind, finde: fick auch die '-Beitreibung der Feier, die im Torfe Haielstein (Kreis Hünfeld) veranstaltet wurde, l er Bericht kann kulturhi stört iches Interesse bean­spruchen :

Am 18. Oft ober, abends fiebert Uhr, versammelten sich die Schultinder mit dem Lehrer, bet Schulte mit den Munizipalräten, sämtliche Landsturmsmänner unter ihren Waffen u 'd sämtliche Einwohner des Olts, männlichen und weiblichen Geschlechts, betn Gemeindehauw. Sie erhoben allda, nach einer tut gen Anrede des Schulzen und geschehener Einladung zum bevorstehenden Zuge, für die oUerbo jften alitierter Mächte bas Jude» und Pivgtgeschrei, zogen dann in der Dotgcfdiriebenen Ordnung unter Kommando des Herrn Felbhauptmanus Bogemann und unter Absingung eines Volksliedes mit sechs brennenden Pechiockeln in den Sckflohhot und vor die Hauslüre des Beamten. Ter Herr Feldhauptmann lud bett Beamten zum Mitzug ein.

Bon da ging der Zug längs dem Dorfe hin in folgender Ordnung: li Tie Schulkinder mit dem Lehrer; bieien wurde eine brennende Pechsackel vor- getragen. 2) Folgte der Landsturm in militätischer Form, vor diesem eine Pechfackel und abermals eine beim Schluß desselben. Nach diesem ein ausgesuchtes kleines Säugerchor, hinter diesem zwei Pechfackeln. Tann folgte der Beamte mit dem Herrn Felohaupt- manu, dem Schulzen und Gemetnderäten. bie von jeder Sctie mit sechs bewaffneten Landsturm männern begleitet wurden. Nach diesem wiener eine Pech'ackel: jo nächst gngen die übrigen männlichen tu>d weiblichen Etnwocmer des Tories gepaart, unter abwechselnder Ab- singung der Str ophen dg§ Volksliedes zwischen dem Chor und dem ganzen Vvlkt. Außer dem Dorfe, im Felde rourbeit noch vierzig aus dürrem K'.esernholze gefertigte, vier.oetse zusammettgebundene Stecken angebronnt und auf jeder Sette Des Zuges zwanzig getrageA.

So ging diese in der sehr dunklen Nacht von weitem anzusebende bewegliche Feuermasse unter fort- roäorenbem Absingen des Volksliedes und Jubel« geachtetes auf die jogenannte Suhl und Ztuns des

Höchsterberges, einen großen, offenen Patz, reo ein über vierzig Schuh hoher Holzstoß, unten mit einem von hartem Holz gesetzten Vierecke, oben von altem Reißig, Dornen und Wachholdernauden zuge- spitz, mit sehr hohen Stangen befestigt, und jeder derselben in der obersten Spitze mit einem Bund Stroh behangen, errichtet war.

Der Zug zog sich da in einem ausgedehnten Kreise um'ben Holzstoß herum. Unter einer herrschenden feierlichen Stille zündete der Beamte mit vier hinzu besonders bestimmten und gekleideicn Schulkindern den Holzstoß an vier Ecken an. Es wurde zugleich .Herr Gott, wir preisen deine Güte" re. undNie können gnug bewundert werden" re. ganz abgesungen.

Es war Herz und Geist erhebend, wie mit jedem der Millionen gegen den Himmel sprühenden Gold- funten aus ^es Y.<- ortenden Herzen hundert der reinsten und dankbarsten Empfindnnaen gegen das höchste Wesen ob (Segnungen süc die verbündeten allerhöchsten Mächte und ihre hochherzigen Heerführer mit gen Himmel auffliegen. In eines Jeden Ge­sichtszügen drückte sich altteuksche Frömmigkeit und Frohsinn deutlich aus. In den 'n den Augen der Alten glänzenden Tdränen las man deutlich jenen Ausdruck des alten Simeon: Herr, nun laß deinen Diener in Frieden fahren. Wir haben nun die Rettung unserer Weiber, unserer Kinder, unserer Enkel, des unS theuren Vaterland s und des Ruhmes' unserer Urväter gesehen. Jeder Laut und Ausdruck verkündet die Wiedergeburt der teutschen Frecheit; in jedem Lüstchen wehte ein Geist der allen Teutschen und von jedem Baumblältchen murmelte ein alter teutfdjer Geist: Ihr seid nun wieder unser und unsere würdigen^ne.

Nun wurden noch einmal die vier letzten Absätze des Volksliedes enthusiastisch abgefungen, sonächst eben auch nach altteutschem Brauche, jedem Gegen- wärtigen ein Labetrunk gereicht. Jedes Schulkind erhielt einen Weck und einen Trunk Brannk- wein (!) zum Andenken. Sodann wurden bei einem teutschen Rheinweine folgende Gesundheiten ans- gebiacht:

Von dem Beamten.

Trinkt auf des Kassers edles Leben, Der seines eignen Kinds vergaß, Um uns die Freiheit rückzugeben. Als er des Gatten Laster maß. (?)

Vom Herrn Feldhauptmann.

Es lebe Alexander hoch. Der Russen erste Zierde, Der gegen deS Tyrannen Joch Den ersten Schlag vollführte.

Vom Herrn Schulzen.

Lang lebe Preußen? Friederich, Der stark und groß und meisterlich Im Kamvie sich bewirten bat; Ruhm, Ehre kröne seine That.

Bon den Herren Munizipalräthen.

Hoch leben alle teutschen Helden, Die Blut und Leben wagten Die sich dem Tod entgegenstellten. Nie in Gefahren zagten.

Unter wahrer Frömmigkeit, herzlicher Eintracht, altteutschem Frohsinn, Munterkeit und Wohlgefühlen, unter wiederholtem Jubel und Divatrufen, unter traulichen Brüdericherien war nun der Holzstoß ab­gebrannt, dessen Schimmer fick weiter als auf sechs Stunden Weges verbreitet haben mußte. Um zwölf Uhr begann der Rückzug in der vorigen nämlichen Ordnung nach dem Orte zurück.

Während deS Rückzuges und vor dem Dorfe wur­den vom haltenden Zuge die vier letzten Absätze des Volksliedes und ferner durch das Dorf hin abgesun­gen, der Beamte bis zu seiner Wohnung begleitet, auch ihm ein Vivat gerufen und so beschlossen.

Am 19. morgens 9 Uhr kamen die Schulkinder mit dem Lehrer, die LandsturmSmänner unter dem Kommando des FeldhauptmannS in militärischer Ord- nung, von dem Schulzen, Ortsvorstehern und allen übrigen feierlich gekleideten Einwohnern begleitet, mit blasenden Instrumenten unter Absingung der vier letzten Absätze deS Volksliedes vor die Wohnimg deS Beamten. Von da ging der Zug in einem Umwege unter Musik und Läuten der Glocken hin zum ®e- meindehaufe. Hier hielt der Beamte eine Rede, dann ging der Zug in die Kirche.

Der Heir Pfarrer hielt gleich beim Eintritt eben» falls eine kurze Rede und bann ein feierliches Hoch- amt, unter welchem die Landsturmsmänner z. Th. in bet Stete parabiet ten unb zwölf berfelben vor der Kirche beim ersten Seoen, bei bet Wandlung, bei dem Absingen des Te Deum unb letzten Segens jedesmal dreimal abfeuerten. Es wurde in der Kirche durch den Klingelbeutel für die Armen gesammelt. Rich beenbigiem Gottesdienste begab sich bet Zug in ber nämlichen Ordnung, wie vom Gemeindehause, wieder vahin zurück. m .

Der Beamte sprach noch einmal zur Vcrlammlung Rach diesem wurden durch besonders bier-u ausgesuchte Sänger abror ielnb mit dem ganzen Volke die vier lehren Absätze ves Volksliedes unter dreimaliger Ab- 'euerung der Landsturmsmänner gelungen; dann er­hob sich noch mehrmals der lautefte V oa -ist und damit wurde die unvergeßliche Feiet des T ges be» schloffen."

Das in diesem Bei ck e oftmals erwähnte .Volks- lieb" hatte folgenden £ rt:

Auf, teutsche lörüccr' Zu den Ma: len, Rach alter teu scher Jubellust;

Nun lorgemrei, nun ohne Qualen, Mit ausgedehnter teulicher Brust!

Hin zu dem Holzstoß, der die Flammen iui treuen Herzen bimmeln

Üoraus sie ätherrein enina- en, 3nm höchsten Wesen bringen tann. Singt IreudenvoUe ubellueer. Sie tönen dts nach Leipsi.i hin. Wo eure bi ven teutschen Brüder Vereint im trauten Brudertum Den lang geglaubten Gott besiegten, Das Götzenbild Napoleon, Dem keine Reiche me. r genügten. Den Gottvergeß'nen Menschensohn. Zerbrochen sind die Sklavenketten Geichmie et von Tyrannenhand; Muth, Eintracht konnten uns nur retten, Heil uns, dem teutschen Vaterland!

Hell! Ehre! Dank den teutschen Männern: Stein, Metternich und Hardenberg, Den siegereichen Thate lernt ein:

Dem Ärede, Blücher, Smwarzenberg.

f Franksurt a M , 16. Ott. 1918. Bei sehr reger Beteiligung von Vertretern aller ocui eben Missions- gefellschaiten hielt der Verein für ärztliche Mission heut« bierfeibft seine Generalversammlung ab. Dem vomVersainmlungsletterBankier O.B.ü nther- Frank utt erstatteten Jahresbericht zufolge erfuhr der Verein durch Unterstützungen der württembergischen Regierung und be-Reichskolonialamts reiche Förderung. x\m rniistonsärzllicheil Institut fanden rni letzten Jahr M6 Personen Den 34 in- unb ausländischen MisstonS- gesrti schäften aller Konfessionen ärztlichen Rat und Beistand; 23 Missionare unb 30 Schwestern wurden ui der Tropenhyzten« aukgedildet. Aus Tropentaug-

lichkeii ließen sich -°5 unisxfu&en. Insge­

samt nahmen 32 Überseena-e Länder das Institut in Anspruch. Einstimmig beschloß der Veiein den Bau eines großen Tropcngenetungsheims für 30 Betten in Tübingen. Er bewilligte dazu 23000«) M.; hiervon ist die Hälfte bereits durch Sammlungen ausgebracht. Ten Bauplatz |ür das Herrn schenkte em Reutlingen Herr. Ferner beschloß man in geheimer Sitzung der Gründung einer deutschen Medizin­schule in Südchina näher zu treten, eine Ausgabe, zu deren Lösung sich die chinesische Regierung aus­drücklich die Hilfe des Vereins erbeten l at. Mit zwei öffentlichen Vorträgen über misstonsärztliche Praxis tn China und am Kilimandscharo schloß die dies- jähuge Tagung des Vereins.

vermischtes.

* Nckrutennrißhaitdlung im Garnisonlazarett. Als geradezu unglaublich oc,zeichnete der Vertreter der Anklage in einer Verhandlung vor dem Kriegs­gericht der Landwehr-Insvektion in Berlin das Verhalten eines wegen Mißhandlung angeschuldigieu Unteroffiziers, der sich zu Ausschreitungen erheblicher Art gegenüber einem kranken Untergebenen hatte hin­reißen lassen. Anfang Juni kam der Kürass-erunter- offizier Lücke wegen eines Obrenleidens ins Garni­sonlazarett I. Zur gleichen Zeit war dort auch der Gardedragoner Riewoldt, der wegen einer Mittel- ohrvereiterung operiert worden war. Am Nachmit­tag des 8. Juni saß L. im Garten des Lazaretts mit einem Kadetten aus Lichterfelde auf einer Bank und etwa dreißia Meter davon entfernt befand sich R. mit anderen Soldaten. Sie beobachteten im Nebengarten einige junge Mädchen und machten ihren Ulk. Wie nun der Unteroffizier in der Verhandlung behauptete, wax er der Meinung, das Verulken ginge auf ihn. Er schickte daher den Kadetten zum Dragoner R. und ließ ihm sagen, er solle kommen, sich von ihm eine tüchtige Tracht Prügel zu holen. R. ließ ihm er­widern, er verzichte, derfreundlichen Einladung Folge zu leisten". Er ging dann nach seiner Stube hinaus, und kurz darauf trat auch der Unteroffizier ein. Ohne ein Wort »u sagen, fiel er über den Dra­goner her, faßte ihn am Hals, würate ihn derart, daß ein blauer Fleck und eine fünf Zentimeter lange blu­tende Halswunde entstand. Sodann schlug er mit beiden Fäusten dem Unteraebenen ins Gesicht und ncgert den Kopf, so daß R. wiederholt gegen die Wand flog und noch nach mehreren Tagen starke Kopf­schmerzen verspürte. Als Entschuldigung sührte der Angeklagte vor Gericht an, bei dem Dragoner R. hät­ten Strafen nichts mehr aenützt, er habe daher ge- olanbt, eine tüchtige Tracht Prügel werde bei ihm besser und erzieherischer wirken. Dabei wurde fest- oestellt, daß der Unteroffizier öfter vorbestraft ist al? der mißhandelte Dragoner. Der Vertreter der Anklage konnte nickt umhin, das Verhalten des Angeschuldig­ten aufs schärfste zu rügen. Gerade durch derartige Vorgänae würden schwere Insubordinationen in der Armee berbeiaeführt und die Leute zu Ausschreitun­gen gereizt, so daß die Disziplin schwer gefährdet tnerbe. Wenn er trotzdem nock einen minder schweren Fall annehme, so tue er dies deshalb, weil ber An- oeffoaie enegt gewesen sei: er beantragte drei Wocken Mittelorrest. Der Gerichtshof ging noch unter die? Strafmaß herunter unb erkannte die auffallend milde Strafe von vierzehn Tagen Mittelarrest.

* Er will sich einsperrk» lasten. In Berlin kletterte dieser Taae in der Leipziger Straße ein junger Mensch in einen Wagen der Straßenbahn und fragte laut: .Komme ich mit dieser Bahn nach dem Polizeivräst- dium? Ick will mich einsperren lassen!" Die Heiter­keit, die auf btefe Frage zuerst entstaub, verstummte bald, al? der Neuankömmling weiter erzählte, daß er vor drei Jahren an« bet Irrenanstalt Herzberge entlassen fei unb seit dieser Zeit keine Arbeit mehr finden könne. Jetzt wolle er sich auf dem Polizeipräsidium wieder einfperten lassen, denn weiter bliebe ihm nichts übrig. Die Fahrgäste nahmen natürlich lebhaften Anteil an dem Geschick des sonderbaren Menschen, der jeden Zu- sprach gern entgegennahm, Geldgeschenke aber ablehute. Ob man auf dem Polizeipräsidium sich feiner annahm, ist nickt bekannt aeremben.

p. Tie Lüge im Dienste deSlauteren Evangeliums". In Elberfeld erscheint das evangelische Wockenblatt Licht und Leben". Unb roaS für ein Licht unb Leben bieses Blatt verbreitet, verrät folgender Bericht aus Nr. 37 vom 14. September:

.Nach einer Mitteilung des Kirchenblatts ber evan- gtlifdh-lutberifdien Synode von Iowa haben sich auf den im amerilanifchen B«sitz befindlichen Wipptnen IV, Millionen Katholiken mit 30 Bischöfen unb 4000 Priestern von bem Papste 1 osgesaat unb die unabhäunge Philippiuenssrcke gegründet. Nach ihrem Katechismus aber gelten Darwin und Häckrt, Strauß und-'enan mehr als '1 aulir- unb Mo e. Die sieben ©nframente ber iömifch-katho.i cken Kirche hat man berbehaOen, leugnet aber ihre Wukiamke i. Man tauft wohl noch, aber nicht auf den breteinigen Gott. Das ist eine Trennung nicht nur vom Papste, sondern von ber christlichen Kirche übei Haupt."

30 Biscköfe unb 4000 Priester füllen abgefallen je«n!!! Und nun vergegenwärtige man sich, daß es nachThe o fictal catholic Directory 1913" «offizielle- katholisches Direktorium) auf ben Philippi­nen tut ganten bloß 9, sage it> schreibe neun Btfcköfe unb 1284 Priester gibt. Sinn ba wohl dreister gelogen werben? Aber rott können es uns erklären. Ter Katholizismus auf ben Philippinen hat getabe in ben letzten Jahren einen kolossalen Auffckrouug gemacht Man bedenke nur, daß von den 9 Ttözeien nicht weniger als 4, allo fast die Hältte, erst tm Jahre 1910 errichtet rooröen sind. x,eser Erfolg der katholifcheu Suche macht manchen Leuten viel Sop weh unb läßt sie kaum noch ruhig schlafen. So mag roobl beimKirchenblatt bet evangelffch - lutheriichen Synode von Iowa" (Ver­einigte Staaten) ber Wunsch der Vater bes Gebankens gemeint fein.

Tie Ttinkgelderfiage beschäftigt schon seit Jahren bie Seltner unb Hoteliers nicht weniger als bas Publikum. Nunmehr hat sich auch bie 12. General­versammlung besGen«er Verbandes ber Hotel- unb Resta 'ran'ongefteüten", bie gegenwärtig tn München tagt, mit ber Frage beschäftigt. Es wurde eine :Heiolution angeno t men, in der gefordert wird, daß die Holklangestellten einen Minimallohn erhallen, daneben ein Bedienungsgeld (das Wort Trinkgeld fall abgefebafft werden) und die Festjetznng des Rechtes auf Bedienungsgeld Es fallen Bekannt- madjungen n den Hotels in den Zimmern angefchlageu werden und auf den Speisekarten in den Restaurant- aufgedruckt werden, in denen bie Forderungen ber Angestellten bem Publikum nntgeteiit wer en. In den Hotels wären an Bebieuungsgeld zu berechnen 20 Prozent ber Holelrechuuug, bet einem Aufenthalt von länger als e ner Woche 15 Prozent; in Restau­rants 10 Prozent der Rechnung, jedoch mindestens 5 Pfennig als Norm. Außerdem wurde beschloßen, die Lehrzeit für Sellnerlehrlinge auf 3 Jahre feftju- setzen Der Ve-banb»tt 5500 Mitglieder.

Um zwei Pfennig Kirchensteuern. In A l t- wasser < Bezirk Breslau) wohnte der Arbrtier An» ton Grieger, der im Frühjahr dieses JahreS nach

Ludwigsdorf verzog. Nachdem Grieger einige Zeil von Altwasser fort war, entbcirii cm Beamter der Stenerkaffe in Äsiroasscr, daß Grieger -- feiner letz­ten Stenerzalff-rvg zweiPfennig Kirchensteuer zu wen'g bezahl! barte. Um ber Kirchenküsse dieses Sa- pil-.il zu rr.fcn, wurde der Gerne-ndevorftand ... Lud- wig-borf erfudji, d-» zloei Pfennig von Grieger ein» zu'i.'hcn und an die Stcuerka'fe in Altwasser cinzn- senden. Ta nun Grieger aber inzwischen von Lud- winsdorf nach Breitenbain verzogen war, so schickte der Kcmeindcoorstaud in LudwiuSdorf die Aufforde­rung mit eulsvrccheudcm Bei merk nach Altwaffcr zu­rück. Die Slcnerkafie in Altwasser ertuchte nun den Gemcindevorstanb in Breitenhain um eventuell zwangsweise Eiuziehuug und portofreie Uebcrscn- bung dcs Vetrages von zwei Pfennigen. Nach Ein' gang der zwei Mennige bei der Stcuerkassc in Alt­wasser hatte sich ba§ Steuerobjekt recht uett erhöht unb zwar: Steuer 0,02 Mark, PortvauSlagcn 0-35 Mark, Botenlohn für den Gemeindeboicn in Breiten- bain, bar zweimal in Griegers Wohnung gehen mußte, da beim ersten Male niemand zu treffen war, 0,25 Mk., Porto nach Altwasser 0,10 Mark, Bc- stellgeld in ?(ltwaffer uj'-S illcark, zusammen 0,77 Mk. Der Zeituufwand der in Frage kommenden Beam­ten ist nrch-i mitgerechnew

* Tclbffntord ein-«s Defraudanten. Der Kassierer der Le<vz- m- Feuerverfi-r^runasgesellschaft, den man der Umerschiagung von cJ 000 Mk. beschuldigt, hat sich in seiner Wohnung erschossen.

* Eine vmjährige Wrttrci^S'. Mara rete Rischen aus Wien ist ein sehr lapr.icS, ffeincs Mäd.r Saum vier Jahre alt, bat sie kürzlich ganz allem o-.e r-eitc Reise von der österreick'fchen Hauptstadt ttl nach Newyork gemacht, ja, sie wird sogar noaj weiter reifen, denn sie will zu ihrer in Saüfcrnien Ltvnbcn Mutter, bie vor einigen Monaden Witwe würbe. Die kleine Gretel trägt' um ben Hals eme Satte, auf ber in beuttcher, englischer unb üanzörffchrr Sprache steht:Ich bitte Euch, nehmt Euch meiner an. Ich will zu meiner Mama reifen. AVer bitie, küßt mich nicht!" Die kleine Weltreisenbe ist im Besitz einer vollgiltigen Fahrkarte von Wien dis nach Sihfornien. Bei ihrer Landung in Hoboken fanden sich hilfs­bereite Leute, bie sich des Sinbes sürsorglich annahmen unb sie ber Obhut einer Ausroanbererfamilie anoct« trauten, beten Ziel ebenfalls Salifornien ist.

* Verschüttet wurden in einer Grube in Se- raing in Belgien sechs Bergleute. Drei konnten nur als Seiten geborgen werden.

* Großfeuer. Eine furchtbare Feuersbrunst hat die nördlichen Vororte der chinesischen Stadt Schanghai in Trümmer gelegt, lieber eine halbe Quadratmeile Boden groß ist die Flüche, die von dem Feuer zerstört wurde. Erst nach 5V-stündigem an­gestrengtesten Bemühen gelang es, der Flammen Herr zu werden. Zehntausende Menschen sind obdachlos. Die Rot der durch das Feuer um ihre Habe gekom­menen Bevölkerung ist unbeschreiblich. Man befürch­tet, daß die Obdachlosen sich zu Ausschreitungen wer­den hinreißen lassen. Ueber die Ursache des Feuers hat man bisher noch nichts Genaues feststellen können.

UnentMte Gebiete deS Erdballes. Der. mffssche Kapitän WilitSky hat im nördlicken Eismeer neues Festland entdeckt, das eine Größe wie rtro*. halb Europa bat. Es gelang ihm auf seiner Erv-cketryn, nachzuweisen, daß sich unter dem dicken EiSpanzev, den man bisher für die Decke des Meeres hielt, Land befindet. Die Entdeckung hat in der wissen- schaftlichen Welt großes Aufsehen erregt. Genau liegen ja die geographischen Verhältnisse ber Pole noch nickt fest, ebenso wie bie Jnnerafrikas, Zenlral- Australiens unb vieler Inselgruppen ber ©Übfee.

* Der Kiewer Ritualmordprojetz.

Die Berhanblungen des vor anderthalb Wochen begonnenen Nitualmordprozeffes Ziehen sich langsam und schleppend hin. Das Verhör der Zeugen brachte bisher keine Stärkung des Schuldverbachtes gegen Befliß, der bekanntlich der Ermordung des Chnsten- knaben Juschtschinski bckchuldigt ist. Die Zeugenaus­sagen haben ergeben, daß sofort nach der Auffiitdung der Leiche Juschtschinskis in Kiew eine anflfemiTffck-' Hetze einsetzte und bei der Bestattung auf dem Frreo- bof durch die Angehörigen desVerbandes des russig scheu Volkes" öffentlich zu einer Judenverfolgung aufgchetzt wurde. Dennoch vergingen einige Wochen, bis sich die Gerüchte derart verdichteten, daß sie einen bestimmten Juden, nämlich Befliß, als Mörder be­zeichneten, der auf Grund der Aussagen des Ehe­paares Schachowski verhaftet wurde. Einer der Hauptzeugeu erklärte, feine belastenden Aussagen seien ihm abgepretzt worden (von wem, könne er nicht sagen, da ihm sein Leben zu lieb sei!). Em am Tat­ort vorgenommener Lokaltermin inmitten schmutziger Fabrikbaracken und armseliger Hütten hatte nichts von Bedeutung zum Ergebnis Ein Gutachten über die Möglichkeit eines Ritualmordes gab Fürstprimas Erzbischof Cfernoch ab. Er erklär-c, die Wissenschaft kenne den Riiualmord nicht als ( urichtnng der jüdi- schen Religion. In den heiligen Büchern sei keine einzige Stelle, welche die Grundlage zu einer solchen Annahme bilden könnte. In konkreten Fällen, wenn einzelne Juden des Ritualmordcs befchufoiat werden, dürste nicht in der jüdischen Religion das Tlotiti der Tat gesucht werden, sondern die Motive' müßten nur im Töter selbst gesuckt werden. Es sei ein Märchen, baß bie Juden Christercklut zu rituellen Zwecken be­nutzen würden. Gcwöhnlick verantaßren der Religion fernstehende Motive jemand zum Mord, wenn der Mörder die Tat aus religiösem Haß verübe; auch bann sei der Mörder allein verantwortlich, weil ihn das seine Religion nicht lehrte. Wenn er vom Ri- tualmord iprcche, dann verstehe er den au5 Religions^ fanalismus begangenen Mord Dieser könne in jeder Konfession Vorkommen. Te' streng acn^mmene Ri- tualmord ober bie Blutentnahme und Benutzung des Blutes zu religiösen Zwecken gehöre in das Reich der Fabel. _____________

Literarischer.

Neuzeitlicher Obstbau. Ein Lehr- und Merkbuch ,um Selbstunlerrrckt sowie zum Gebrauche an Semi­naren und Landwirt)ckaftslcbttlen von Haupt» lebrer Wilhelm Wilden. 8» (96) Mn vielen Slbbilbunatn. M.-Gladvay 1913. BecksveremS- Berlaq ®. m. b H. 75 Pfg.

Vortteaende Schr-st isll ein prattssckez SSegroetfer, ein sicherer flührer rni Beliiede de« modernen Obstbaues lein und namentlich dem Laien in leichiverstänvllcher Fassung daS bieten, was er bei der Anvfl.inmng und svätern Behauoluna ieiner Odstdäume zu rotffen nötig bat. Außer diesem pratt lchen Gesich-spuntie soll die Sckrisl aber auch Su-i und Bebe *ür die deutsche Obst, kultur zu weck»" suchen und da« ästhetllche Jntereffe fördern und vüeaen helfen. Möge die Arbeit ihren -Zweck eriuUen und freundliche Ausnahme finden!

ÄerlaAerr- und AnzsiigputrA,

Bei

bevorzug).