Huldaee Zeitun
trf<Ddm «SgNch mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Dtertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn and Bestellgeld In Zulda fou>l< auswärts IJO mark. »»— Rotafionsörudt und Verlag der s X Zuldaer fldienbrudterd in Zulda. Fernsprecher Nr. -.SS
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Nr. 242. erstes Blatt.
~ * tDodjen-Beifage: s i f n s Monats-Beilage: - s INustrlerte Sonntagszeihing | Fuldaer Seschichtsblätter « ZiebungsliRen der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrpian. r
Samstag den jS. Oktober 1913»
flnjclgen: Der Raum einer dnfpatttgen Cotoneljelte, 4t ■» «rett, aeltei |4 Pta, Reklamen: Der Raum einer Cotoneljelle, 74 aus breit, kastei 40 Pfe Sei Wleöerholungen Rabatt $ür 0fiert- unb fiuskunltcnjetgen 20 Pf. extra. )■ Konkurs fällen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. trfCllungsort für bas Lio» klagen oon Forderungen ist juido. fln)elgen-Annahme bis 10 Uhr wnnittags. u u 6rötere Anzeigen erbitten wir uns tags oorher. s s
40. Jahrgang.
Sie tti* les MmelMW.
Grauenhaft! Kaum ist der Untergang deS Marineluftschiffs L. 1, das bei den großen Herbst, manävern der Hochseeflotte bei Helgoland durch einen Wirbelsturm in die See geworden wurde, mit entschlossener Ergebung in das Unabänderliche über, wunden da kommt schon wieder die niederschmetternde Kunde von einer entsetzlichen Katastrophe in den Lüften, die grade das Luftschiff vernichtet hat, das zum Ersatz des in der Nordsee versunkenen Lenk- ballons ausersehen war. Die Ttüquner des größten und stärksten Lustschiffes des Welt liegen an der Rudower Chaussee bei Johannisthal. Eine Anzahl blühender junger Menschenleben, die besten und fähigsten eines Teiles unserer Wehrmacht, die zur Führung und Bedienung des neuen Luftschiffes an Bord waren, sind zugrunde gegangen als Helden im Dienste des Baterlandes und als Opfer des rastlos und furchtlos fortschreitenden und wagenden Men. fchengeistes.
Das zerstörte Marineluftschisf hatte am 6. Sep. tembcr unter Leitung des Grafen Zeppelin in Friedrichshafen seinen ersten Aufstieg unternommen. Am 19. September vollführte es mit dem Korvettenkapitän Behnisch vom Reichsmarineamt als Vorsitzendem der Abnahmekommission und dem zum Kommandanten ausersehenen Kapitänleutnant Freyer an Bord eine wohlgelungene Probefahrt und stieg tags darauf un' ter Führung des Kapitäns Gluud, der, wie die beiden Genannten, ebenfalls zu den Opfern zählt, in Friedrichshafen zur Fahrt nach Johannistal auf, wo es nachmittags nach etwa zwölfftündiger Fahrt landete und in den Besitz der Kaiserlichen Marine übernommen wurde. Man nimmt an, daß L 2 nach Leipzig fahren wollte, um die Hundertjahrfeier der Völkerschlacht zu verschönern. Nun hat ein tragisches Geschick seinem kurzen Dasein ein Ende gemacht.
Zu dem Unglück wird noch berichtet: Bei Herr- lichem Herbstwetter wurde gestern vormittag das neue Marine-Luftschiff „L. 2" van Matrosen und Mann» schäften des Augusta-Regiments aus der großen Zep- Pelin-Halle in Johannistal geholt, um eine Uedungsfahrt' in die nähere Umgebung Berlins zu unternehmen. Die Führung lag in den Händen deS KapitänleutnantS Freyer. Im ganzen befanden sich 28 Personen an Bord. Das Luftschiff erhob sich um 10 Uhr 5 Minuten ohne irgendwelche Schwierig, keiten, umkreiste den Flugplatz und nahm dann, in südwestlicher Richtung an der Zeppelin-Halle vorbei, fliegend, den Kurs auf Buckow. Aus den Gondeln winkten die Passagiere den Zurückbleibenden freund- liche Grüße zu, die ebenso erwidert wurden.
Um 10.20 Uhr war das Luftschiff etwa in 250 Meter Höhe, als plötzlich eine Flamme zum Himmel emporsticg. Erst langsam, dann immer schneller stieß das Luftschiff zur Erde hernieder, und aus dem brennenden Wrack st ü r z- ten dieRlenschrnkörperherab. Zwei Leute lebten noch einige Zeit nach dem Unfall, ein Offizier und ein Maat. Das Feuer ging von der vor- deren Maschinengondel aus, lief zunächst nach vorn und schlug dann rückwärts. Im Bruch- teil einer Sekunde war der Koloß nur eine einzige Riesenflamme. Die Ballonhülle fft bis auf kleine gelbbraune Fetzen verbrannt, die von Frauen und Kindern mitgenommen werden.
Ter Ort der Katastrophe liegt dicht vor dem Flugplatz. Mitten auf einem Ackergelände, wo nur ein einsames Haus sich erhebt, liegt das zertrüm- merte unentwirrbare Metallgerippe. Den ganzen Weg entlang sieht man die traurigen Merkmale der Katastrophe. Auf Bahren, die mit Flaggentüchern zugedeckt sind, werden die Leichen der Verunglückten weggetragen. Trarnsoldaten, Infanterie, Marine- luftschiffer, alle eilen fieberhaft beschäftigt hin und her. Hin und wieder steigen noch einige Rauchwolken auf. Arbeiter, Frauen und Kinder halten in weitem Umkreis das Terrain besetzt. Auwmobile und Fuhrwerke sind aus der Landstraße stationiert. Einer der Toten nach dem anderen wird den Augen der Neugierigen entzogen. Mit schreckensbleichen Gesichtern starren die Leute auf die Stätte des Unheils. Ueberall hört man erregte Darstellungen, wie sich das Unglück zugerragen hat
Gleich nach der Katastrophe stürzten von allen Seiten die Zuschauer, die Augenzeugen dieser furchtbaren Schreckens fahrt gewesen waren, nach der Un- fallsteüe, um zu retten, was noch zu retten war. Aber auch die schnellsten von ihnen kamen zu spät. Aus dem brennenden Trümmerhaufen hörte man wohl noch leises Wimmern sah auch noch ein» zelne Körper sich in der Glut bewegen, aber durch das Flammenmeer zu ihnen zu gelangen, war auch den Beherztesten nicht möglich Allmählich erstarb jedes Geräusch in dem Trümmerhaufen, und erschüttert starrten die Umstehenden in die knisternde Glut, die die Leiber der Verbrannten den Blicken entzog. Im Laufschritt eilten die Hilfsmannschasten des Augusta- Regiments herbei, gefolgt von den Pionieren, die todesmutig in die glühenden Trümmer eindrangen.
Bald waren Tausende von Zuschauern angesammelt, in deren Mienen man die Erschütterung über das entsetzliche Unglück lesen konnte. Sie respektier, ten freiwillig die Absperrung, die alsbald von Gen. barmen und der Feuerwehr, die nichts mehr zu löschen vorfand, durchgeführt wurde. Mit entblößtem Haupt ließen sie die lange Reihe der Krankenwagen, die die Toten bargen, an sich vorbeifahren. Der ganze Ort machte den Eindruck einer einzigen großen Trauer, gemeinde. In Johannistal ist infolge der Explostinen bäum eine Fensterscheibe hnl geblieben. Menschen, die an den Fenstern saßen, wurden von den Stühlen geschleudert, und in der Johannisthaler Schule brach eine Panik unter den Kindern aus, die an ein Erdbeben glaubten. Die Toten hatte man in die große Marineluftschiffhalle gebracht. Dort liegen sie, m Flaggen gehüllt, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und verstümmelt, ein entsetzlicher" Anblick. Auf die Nachricht von der Katastrophe war Prinz Adalbert mit seinem Adjutanten sofort im Automobil nach der
Unglücksstelle gefahren. Dutzende von Kraftwagen des Reichsmarineamts und des Kriegsministeriums brachten Offiziere aller Waffengattungen nach Jo- hannistal. Liefer Ernst überall, tiefes Mitleid mit all dem entsetzlichen Unglück.
Der amtliche Bericht.
W. Berlin, 17. Olt. 1913. Das Marineluftschiff L. 2 befand sich seit seiner Uebernahme durch die Marine im Probesahrlsverhältnis und sollte heute vormittag 8 Uhr zu einer in den Abnahmebedingungen vorgesehenen kurzen Höhenfahrt von Johannisthal aus aufsteigen. An Bord befanden sich von der etatsmäßigen Besatzung: der Kommandant, der Marmeingenieur und 13 Mann; ferner vom Reichsmarineamt die Luftschiffabnahmekommission, bestehend aus einem Offizier, zwei höheren Baubeamten, einem Marineingenieur und drei technifchen Sekretären; von der Zeppelinwerft rin Lustschiffkapitän, ein Ingenieur und zwei Monteure; ferner ein Kapitänleutnant, als Kommandantenschüler und rin Armeeosfisier als Gast, im ganzen also 2 8 Personen. Um das durch das Abnahmepersonal von Marine- und Werft bedingte Mehrgewicht auszugleichen, waren fünf Personen der normalen Besatzung und ferner folgende Ausrüstungs- teile zurückgelassen worden: alle Außenboroteile und der Sender de- Funleneinrtchtung, Scheinwerfer und Armierung.
Kur, nach 8 Uhr vormittags wurde daS Schiff auS der Halle geholt und stieg nach forgiältigrr Erprobung aller Teile, vor allem auch der Motore, und nach Aus- wechsrlung einer Zündmaschine in der Hinteren Gondel, um 10.16 Uhr vormittags auf. ES erreichte rasch eine Höhe von etwa 200 Meter. Um 1019 Uhr wurde von zuverläffigen Persönlichkeiten beobachtet, daß im ersten Drittel der vorderen Motorengondel, zwischen Gondel und Hülle, eine Flammengarb» entstand, die zunächst daS Aorschiff bis zur Spitze in Brand setzte. Das Feuer breitete sich schnell nach hinten au» und zerstörte die äußere Hülle. Für «inen kurzen Augenblick waren di« hinteren Gaszellen noch unverletzt sichtbar, wurden abe- gl, ichfallS vom Feuer ergriffen. In höchstens zwei biS drei Sekunden stand das ganze Schiff in Flammen, und eine Explosion wurde au» etwa 700 Meter Entfernung gehört. Gleichzeitig senkte sich da» Luftschiff und fiel zuerst horizontal, dann sich langsam mit der Spitze nach unten neigend, bald auf etwa 40 Meter Höhe vom Erdboden. Hier erfolgte ein« zweit« Explosion, di«, wir aus d«r schwarzen Rauchrntwickelung zu schließ.» war, vermutlich von Benzin herrührte. Beim Ausprallen auf den Erdboden erfolgte eine dritte, fedoch schwächere Explosion. Da» Gerippe stürzte in stch zusammen.
DieHallemannschasten der Mariweluftschiff-Ableilung eilten im Lansschrrtt nach der etwa 700 Meter entfernten, an der Rudower Chaussee gelegenen Unfallstell«. Hier waren schon Mannschaften einer in der Nähe übenden Pionierabteilung eingetroffen. Mit diesen wurden die Bergungsarbeiten ausgenommen. Aerztlichrs Personal war sofort zur Stelle. Nach kurzer Zeit erschienen auch die Johannisthaler Feuerwehr und mehrere Krankenautomobile der Allgemeinen ElektrizitätSgesellschast. Bon den Insassen des Luftschiffes wurden zwei Mann lebend, außerhalb der Trümmer liegend,vorgefunden; aus den Trümmern selbst wurde der schwer verletzte Leutnant Freiherr von B l e u l befreit. Sämtliche übrigen 25 Insassen, di« nach und nach in den Trümmern gr- funben wurden, gaben kein Lebenszeichen mehr von sich. Bon den drei Ueberlebenden starben einer an der Unfallstelle, der zweite auf dem Transport in das Krankenhaus Britz, wo Leutnant Freiherr von Bleul noch, als einziger Ueberlebender, mit lebensgefährlichen Berbrennungswunden darniederliegt. Die übrigen im Luftschiff Befindlichen find noch während deS Absturzes oder spätesten» beim Aufprall getötet worden, da die meisten Toten außer Berbrennungen schwere Ber» letzungen des Rumpfes und der Wirbelsäule sowie Schädeldrüch« ausweisen.
Die Unfallstelle wurde sofort militärisch abgesperrt und bewacht. Aus den bisherigen Beobachtungen ergibt sich zunächst, daß die Ursache des Unfalles in einer Entzündung zu suchen ist, die nicht im Innern deS LustschiffeS, sondern in oder über der vorderen Motorgondel entstand. Es wird versucht werden, durch genaue Untersuchungen der Uebetbleibfel über die Entstehungsursache Genaueres in Erfahrung zu bringen. Die Marine stehl sich in kurzer Zeit einem neuen schweren Unglückssall gegenüber, der sie ihres neuesten Lustichtffes beraubt hat. Sie betrauert den Tod vieler braver Männer, die ihr Leben für das Vaterland gelassen haben.
Berichte von Augenzeugen.
Direktor Wiener von den Albatroswercken Johannisthal, der den Absturz aus einer Entfernung von etwa 500 Metern beobachtete, schilderte die Katastrophe folgendermaßen: In meinem Bureau wurde ich plötzlich durch eine ungewöhnlich starke Detonation aufgeschreckt. Ich hatte zunächst den Eindruck, es sei eine Flugmaschine auf das Dach unseres Fabrikgebäudes gestürzt. Ich eilte ans Fen- ster und sah nun den „L. 2", in Flammen gehüllt, zur Erde stürzen. Die Hülle war bereits vollständig verbrannt. Auch von den Gas- ballonetts war nichts mehr zu sehen. Das nackte Gerippe mit den Gondeln stürzte mit der Spitze nach unten zu Boden. Ich eilte sofort nach der Unfallstelle und beorderte auch unsere Fabrikfeuerwehr dorthin. Es gab einfach nichts mehr zu retten. Das ganze Luftschiff bildete einen wüsten Trümmerhaufen, unter dem die Leichen der Besatzung begraben lagen.
Ein weiterer Augenzeuge berichtet:
Ich hatte schon in der Halle Gelegenheit, die letzten Vorbereitungen für die Abfahrt des ,,L 2" zu beobachten, und sah dem Einstieg der Offiziere und Mannschaften zu, deren noch zwei außer den bereits an Bord befindlichen Mechanikern in den Gondeln und der vorderen Führerkabine Platz nahmen. Das Luftschiff war damit stark besetzt, wurde dann von dem Kommando hinausgeführt und stieg 10 Uhr 17 Minuten auf. Langsam erhob es sich, und bald begann der hintere Motor voll zu laufen, während die Maschinen der vorderen Gondeln langsamer arbeiteten. In einem Steigungswinkel von 15 Grad stieg das Luftschiff auf und fuhr in der Richtung nach Westen fort. Es mochte nach meiner Schätzung eine Höhe von kaum 100 Metern erreicht haben, und war im Begriff, eine vertikale Sage einzunehmen, als sich über der hinteren Gondel.eine Flamme zeigte, die sich schnell ausbreitete. Kurz darauf erfolgte eine heftige Detonation, das ganze Luftschiff bildete ein Flam
menmeer, auS dem sich das Gerippe gleich darauf deutlich abhob. Es senkte sich dann schnell in der Weise, daß sich die Schwere der Gondeln bemerkbar machte und das Gerippe sich nach oben durch, bog. Man hörte entsetzliche schrille Schreie, sah aus der vorderen Gondel noch mit einem Tuch winken, dann stürzten die gewaltigen Masten auf die Erde. Es war 10 Uhr 20 Minuten, etwa 500 Meter westlich von der Luftschiffhalle. Die Gondeln gruben sich tief in den losen Sandboden ein, das Gerippe zerbrach und nur die Ausleger der vorderen Propelleranordnung und das Heck mit seinem Rahmenwerk für die Höhensteuer, deren Stoff- bckleidung, zum Teil angebrannt, noch haften blieb, waren die emporragenden Ueberreste des Riesengerüstes. Die zuerst hinzulaufenden Leute, zu denen sich bald die Hilfsmannschaften aus der Lustschiffhalle gesellten, gingen nun an das Rettungswerk. Einige Flieger vom Flugplatz waren sofort zur Stelle, und es gelang denn auch nach dem Verlöschen des FenerS, das zuerst an der hinteren Gondel eintrat, die ersten Jnsasten aus der Gondel zu befreien. Ein Offizier war bei Bewußtsein und schrie ununterbrochen: „S ch l a g t m i ch t o t!" Er war im Gesicht und am Oberkörper verbrannt. Ein zweiter Passagier gab gleichfalls noch schwache Lebenszeichen von sich, starb jedoch bereits auf dem Transport zum Krankenhaus. Die gewaltigen Benzinvorräte, die für eine große Fahrt mitgenommen worden waren, wurden durch Sand und die hinzueilende Feuerwehr bald gelöscht, und die Mannschaften deS AugustaregimentS, die Pioniere, die zu Hilfe geeilt waren, begannen im Verein mit den Resten des Marinekommandos und den hinzueilenden Zivilpersonen sofort mit den Auf- räumungsarbeiten, da es galt, so schnell als nur mög- lich die Gondeln von den Gerippteilen fteizulegen, um an die Jnsasten heranzukommen. Zunächst gelang dies bei der hinteren Maschinengondel. Aber von allem, waS befreit wurde lebte nichts mehr. Man riß den Körpern die verbrannten, oft noch glimmenden Kleidungsstücke ab, aber es waren nur noch versengte, zusammengeschrumpfte, leblose Körper. Die Aufräumungsarbeiten hinten waren bereits um halb 12 Uhr beendet. Vorne hatte brennendes Benzin noch ärgere Vernichtung verursacht. Zu retten war dort niemand mehr, die Leichen waren durchweg schwarz verkohlt und bis auf die Knochen verbrannt, sie boten einen schrecklichen Anblick. Auf Bahren und in Krankenwagen wurden sie, umhüllt in Flaggenstoffen und Leinenstücken, fortgeschafft. Kurz von 12 Uhr waren erst siebzehn Zeichen geborgen, die Teilnehmer an der Fahrt in der vorderen Gondel mußten noch fteigelegt werden. Verstreut lagen verbrannte Filzschuhe, Mützen und Kleidungsstücke umher, statistisch? Hand' bücher für den Orientierungsdienst, Schwarzbrote und sonstige Ausrüstungsgegenstände zeugten davon, daß eilte längere Fahrt beabsichtigt war, die ein so unheilvolles schnelles Ende fand.
lieber die Bergung der Verletzten berichtet ein anderer Augenzeuge: Wir versuchten, die Verletzten auS den Trümmern herauszuziehen. Die RettungSarbeiten waren sehr erschwert durch die glühenden Drähte und Aluminiumteile. Wir zogen die Verletzten auS den Flammen und legten sie auf die Wiese. Einer war sehr schwer verletzt und schrie wie wahnsinnig vor Schmerz. Hilfe war jedoch auch bei ihm nicht mehr möglich. Ein anderer, der in den letzten Zuckungen lag, verschied in wenigen Sekunden. Ein Kapitänleutnant, der herausgezogen wurde, war ebenfalls lot. Bei fünf andern HerauSgezogenen mußten wir feststellen, daß nur die Füße verbrannt waren, während der Kopf und die andern Körperteile schwere Verletzungen aulwiesen. Noch schwieriger gestalteten stch die Arbeiten bei der vorderen Gondel. Jede Hilfe war beim besten Willen unmöglich. In der vorderen Gondel iah ich einen vollkommen verkohlten Menschen stehen. Wegen der zu großen Hitze haben wir unsere Bemühungen vorläufig einstellen müssen. Soldaten suchen mit Beil unb Hacke die Trümmer auseinanderzuschlagen und das Aluminiumgerippe auseinanderzulegen.
Die Ueberreste deS Luftschiffes
lassen deutlich erkennen, daß der Ballon nach dem Brande senkrecht in die Tiefe gestürzt ist. Die Gondeln samt den schweren, viele Zentner wiegenden Motoren haben sich tief in die Erde eingewühlt und die kurze Gtasnabe, die das Feld deckt, ist i n e i n e m Umkreise von etwa 10 bis 15 Metern verbrannt. Ein scharfer, alles durchdringender Geruch von verbrannter Leinwand, Gummi und von Leichen durchdringt die Luft, sodaß es in der unmittel» baren Umgebung des Trümmerhaufens kaum auszu- halten ist. Die Propeller der vordersten Maschinengondel sind noch fast unversehrt. Ebenso die Kardan' wellen, die die Schrauben mit dem Motor verbunden haben. Die beiden mächtigen Mowre haben sich tief in den Boden eingewühlt. Sie waren noch nach einer Stunde heiß. Irgendetwas Besonderes ließ sich jedoch nicht feftftcUen, obwohl gerade sie die Ursache des furchtbaren Unglückes gewesen sind. Die Führer, gondel, die ganz vorne am Zeppelin, noch vor der ersten Maschinengondel angebracht war, ist vollständig zusammengebogen und in sich selbst -ufammengebro» chen. Die starren Aluminium-Wände sind wie dünnes Blech zerknickt. Der Mittelgang, der alle drei Ge- beln verband, läßt sich noch jetzt, in seinen äußeren Umrissen wenigstens, erkennen. Die dünnen Spanten, i* an manchen Stellen zentimeterdick sind, liegen vollständig formlos und geknickt umher. Wie groß die Explosion gewesen ist, läßt sich schon daraus erkennen, daß derartige Rippen und Spanten, ebenso wie Teile der Gondeln, Holzstücke ufr». bis auf den etwa 600 Meter entfernt liegenden Flugplatz geschlendert worden sind. Besonde'-S schlimm sieht das Hinterteil des Ballons aus. Hier haben die Ueberreste sich zu einer Höhe von 4—5 Meter emporgetürmt. Tas Heck hat am wenigsten gelitten. Die Steuerzellen zei- gen znmteil noch ihre Verkleidung, und halbver
brannte Leinwandfetzen hängen allenthalben herum. Die mächtigen Benzintanks liegen vollständig geleert umher. Ihr Inhalt hat sich im Augenblick der Explosion auf die Gondeln und in das Innere entleert. Die mächfigen Aluminiumfässer zeigen aber noch deutlich ihre Form.
Achtundzwanzig Tot«.
Die Liste bei der Explosion deS L II umS Leben Gekommenen weist 28 Namen auf. Nachmittags starb der in da» Neuköllner Krankenhaus noch lebend ein- gelieftrte Leutnant v. Bleuel vom Königin Augusta Garde-Grenadier-Regiment trotz sorgfältiger Behandlung. Er starb ohne das Bewußtsein wiedererlaugt zu haben.
Die Liste der Tote« enthält folgende Namen: Vom Reichsmartneamt: 1. Korvettenkapitän Behnisch. 2. Baurat Otto Neumann. B. Baumeister Pietzker. 4. Technischer Sekretär Lehmann. 5. Dgl., Prieß. 6. dgl. Eiseler. Von der Marin elust- schisf-Abteilung: 7. Kapitänleutnant Freyer. 8. dgl. Alexander Trenk. 9. Marine-Oberbauingenieur Hausmann. 10. dgl. Busch. 11. Steuermann Pittelkow. 12. Maschinist Lasch. 13. Boolsmannsmaat Werner. 14. Signalmaat Kluge. 15. Overmaschinistenmaat Krahmer. 16. dgl. Seibel. 17. dgl. Dresse!. 18. dgl. Beckert. 19. dgl. Focken. 20. dgl. Paethe. 21. Segelmachersmaat Müller. 22. Maschinistenmaat Weber. 23. dgl. Fricke. Von der Zeppelin - Werft: 24. Kapitän Gluud. 25. Monteur Hohenstein. 26. dgl. Bauer. 27. Ingenieur Schüler. 28. Leutnant Freiherr von Bleuel vom Königin-Augusta-Regiment.
Die stärkere Besatzung de» Marineluftschiffes „L II“ ist Darauf zurückzuführen, daß die heutige Fahrt al» Höhen abnahm «fahrt geplant war. Hierzu war «ine stärkere Belastung deS Fahrzeuges erforderlich.
Korvettenkapitän Behnisch ist 1891 in di« Marine eingetreten; er war feit 1909 Kmoeltenkapiläw und Dezernent im Reichsmarineamt für das Luftfahrwesen der Marine. In feiner Eigenschaft als Navigationsoffizier der .Hohenzollern" halte er früher mit dem Kaiser zahlreiche Fahrten gemacht. Er war unverheiratet und stand anfangs Der 40er Jahre.. Kapitänleutnant Freyer ist bei der Marine 1899 eingetreten und war Kapitänleutnant seit 1909. Er war früher persönlicher Adjutant de» Prinzen älDal«' bett von Preußen. Vor kurzem war er zum Kommandanten des Marineluft Schiffs L. 2 ernannt worden. Er war verheiratet unb etwas über 30 Jahre. Durch ben Tod der Kapitänleutnants Freyer unb Trenk wirb bte deutsche Marineluftschiffatwt um so schwerer getroffen, als ein auSgebilbeter Luftschifführer zurzeit nicht vorhanden ist. Ebenso büßt die Zeppelinwerft in der Person des Kapitäns Gluud einen ihrer hervorragendsten Führer ein. Gluud ist bekannt geworden durch seine Notlandung mit einem Whlitär« Luftschiff in Lünevtlle.
Wie das Unglück entstand.
Die Bürger von Johannisthal schauten, wie üblich, dem Luftschiff interessiert nach. In sausender Fahrt rauschte es über ihren Häuptern dahin. Man hörte das Schnurren der Propeller und den Lärm der Maschinenanlagen. In dem Augenblick, als „L. 2" die nach Rudow führende Chaussee passierte, schlug plötzlich in der vorderen Maschinengondel eine helle Flamme empor. Wie eine Rakete schoß ein feiner Flammenstreifen bis zur Mitte des Schiffes- Dann folgte eine furchtbare Detonation. E i n Krach, mit dem sich nichts vergleichen läßt, unb der so stark war, daß in allen Straßen Johannisthals und sogar in den benachbarten Orten, wie in Rudow und Treptow, alle nach dem Felde zu gelegenen Fensterscheiben auf Entfernungen bis zu zwei Kilometern zertrümmert wurden, bann barst bas Luftschiff. Eine ungeheure Flamme schoß 20 bis 30 Meter hoch zum Himmel empor. Im nächsten Augenblick sah man unförmige Klumpen Eisenstücke, Leinwand unb Gummizeug unb menschliche Körper durch die Luft fliegen. Das nackte Alu- miniumgerippe flog noch etwa zwei bis drei Sekunden etwa 30 bis 40 Meter weit durch die Luft, da bie Motore noch immer arbeiteten unb bie Propeller sich brehten. Dann schoß bas Wrack senkrecht zu Bob en, was noch atmete, vernichtend. ■ Die Johannisthaler standen im ersten Augenblick wie gelähmt. Dann aber flog der Schreckensschrei durch das Dorf: „Helft, der Zeppelin ist abge» stürzt!" Schneller als eS sich beschreiben laßt, eilten Hunderte von Personen auf Wagen unb Fahrrädern, mit Beilen, Aexten und Spaten bewaffnet, auf bas Felb, um zu Helsen, um zu retten, was noch zu retten war. Vom Flugplatz her schossen die Antos in schnellster Fahrt heran, jedes trug 10, 12 Mann des Marine-Detachements, bie bereits mit allen Rettungsmitteln versehen traten. Die Haltemannschaften, Pioniere, bie nebenan auf dem Flugplatz bie Rückkehr bes Schiffes erwarten sollten, besten Fahrt um 12 Uhr beenbet fein sollte, eilten zur Hilfe herbei. Es war eine schwere Ausgabe, aus den Trümmern, in benen bie Flammen v'ffzuckten, bie Verunglückten herauszuhole -. Zu«. Teil mußten sie mit Seilen hetausgeschieist werben. Entsetzlich war ber Anblick ber Toten in ben Gondeln. Sie waren zum Teil bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt unb ber« b r a n n t. Einzelnen waren bie Beine unb bie Arme toeggeriffen Stücke des Luftschiffes flogen bis auf den Flugplatz. 27 Tote und ein Schwerverlemet waren das furchtbare Ergebnis dieser UnglückSsahrt.
D» Ursache der Katastrophe
ist noch nicht oufflärt. Der Führet eines Zeppelin« Lustschiffkommandos erklärt: Das Unglück kann mutmaßlich Darauf zutückiusühten fein, Daß Der Laufgang Des Schiffes, Der nach hinten liegt, mit Sn al Iga» gefüllt war, Das Durch itgenDeinen Funken au» Dem Motor zur EntzünDung gebracht routDe. Wenn zu Dem in Den Zellen befinDlichen Wafferjtoffgas in destimmien Mengen Der Sauerstoff Der Luft hinzutritt, bildet sich Das gefürchtete Knallgas, das sich