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Zuldaer Zeitung

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40. Zahrgang.

Freitag den 17. Oktober 1913

Erstes Blatt.

Nr. 241

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Illustrierte Sonntagszeitung

r. r. ITlonats-Beilage: z z

Fuldaer SeschichtsbliMer

Ericheim tügNch mit tlusnohm« be> Sonn- und Feiertage. Giertet- tohrtidjer Bezugspreis ohne Bringerlohn unö Beftellgelö in Zulda fowle auswärts 1.50 mark. •••• Rotationsöru* und Oertag her - Sulbaer flctienbruckerd In $ulba. Zemfprecher Nr. I ::

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« Ein sehr bedauerlicher Zwischenfall

Ist in der Weifenfrage soeben an die Oeffentlich- !eit getreten, knapp vor Toresschluß, da am Donners­tag das preußische Staatsministerium über den sned» lichen Antrag beim Bundesrat sich schlüssig geworden st, — und gerade in den Gedenktagen von Leipzig, Die den Wert der Eintracht uns neuerdings zum Bewußtsein bringen. Veranlaßt hat der Zwischenfall der Kronprinz. „ m ,, _ , ,

Ein alldeutsches Blatt, die ,Letpz. Neusten Nachrst brachte die folgende Meldung:

Wie wir von gut untern datier Seite erfahren, hat der Kronprinz ein Schreiben an den Reichs­kanzler gerichtet, in welchem er seine Auffassung von der braunschweigischen Thronfolge niederlegt. Es wird Darin betont, daß der Prinz Ernst August erst bann in Braunschweig einziehen dürfe, wenn er vorher klipp und klar für sich und seine Nachfolger auf Hannover verzichtet habe. Der Fahneneid sei kein staatsrechtlicher Akt.

Die ,Nordd. Allg. Ztg/ bestätigt diese Meldung, sie schreibt:

Die .Leip,. N. N.' bringen Mitteilungen über ein Schreiben des Kronprinzen an den Reichskanzler in der braunschweigischen Thronfrage. Wie wir hören, hat in dieser Angelegenheit eine Korrespondenz zwischen dem Kronprinzen und dem Reichslanzler stattgefunden, bei der der Kronprinz fernen Bedenken gegen die Thronbesteigung des Prinzen Ernst August ohne au8» drücklichen Verzicht auf Hannover Ausdruck ge­geben hat. Der Reichskanzler hat in seiner Antwort unter eingehender Schilderung des Sachverhaltes die Pründe dar gelegt, die für di« Haltung der preußi- chen Regierung maßgebend sind.

Den' Eingriff des Kronprinzen halten wir für sehrbedenksich.

Wenn er in der vorliegenden Frage anderer Mei­nung war, so hätte es ihm freigestanden, seinem regierenden Vater seine Ansichten und Wün­sche mitzuteilen. Die Zuschrift an den Reichs­kanzler erscheint als eine inkorrekte Ein­mischung tn die kaiserliche und könig­liche Politik. Ter Reichskanzler ist der Minister des regierenden Monarchen und nicht der Minister des noch nicht regierenden Thronfolgers.

Zum mindesten aber hätte dafür gesorgt werden müssen, daß eine derartige Korrespondenz des Kron­prinzen nicht an die Oeffentlichkeit ge­langte. Die Veröfsentlichung seines Einspruchs in der alldeutschen Presse läßt in der Tat „tief blicken". Offenbar haben die Elemente mit extremen Ansichten und übermäßiger Kampflust einen gefährlichen Ein­fluß am kronprinzlichen Hofe erlangt.

Gefährdet erscheint hier nicht bloß die Einheit­lichkeit der Politik, sondern auch die Fami- lieneintracht. Die Berater des Kronprinzen hätten doch bedenken müssen, welchen unangenehmen Eindruck es macht und welche bedenklichen Aussichten für die Zukunft, wenn der Kronprinz öffentlich als Gegner der väterlichen Friedenspolitik und als Trä­ger des Mißtrauens gegen seinen Schwager hervor­tritt.

Der Vorfall erinnert an das Verhalten, das der Kronprinz vor zwei Jahren auf der Reichstags- t r i b ü n e zeigte, als der Reichskanzler seine fried­liche Politik zu verteidigen hatte gegenüber den kon­servativen Heißspornen, die an England wegen dessen Haltung in der Marokkofrage nachträglich ihr Müt­chen kühlen wollten. Der Kronprinz begleitete die oppositionellen Kraftreden mit auffallendem Beifall. Die Folge dieses Zwischenfalls war, daß er auf väter­lichen Befehl den weiteren Sitzungen des Reichstags f e r n b l i e b.

Damals sprachen die besonnenen Leute aus den verschiedensten Parteirichtungen den Wunsch aus, daß der Kronprinz eine größere Zurückhaltung bewahren möge, wie es für einen Thronfolger ge­boten sei. Aus dieser Zurückhaltung ist nun leider

der Kronprinz wieder herausgetreten, und zwar in einer besonders delikaten Frage, die nicht bloß den inneren Frieden in Deutschland berührt, son­dern auch das Familienleben im Fürsten­hause.

Es freut uns, daß bereits am Donnerstag Abend ein nationalliberales Blatt, das über den Verdacht der „Delfenfreundschaft" erhaben ist, zu dem Zwischenfall eine sachliche Stellung nimmt. Die „Stationalztg." schreibt:

»Es ist eigentlich recht nnnStig, die breite Oeffeut- lichkeit von derartigen Differenzen (zwischen Vater und Sohn', die, mögen sie aus welcher Ursache auch immer beroorgegangen sein, an und für stch doch nur privater Natur bleiben, zu unterrichten. Aus diesem Grunde schon muß der Bries des Kronprinzen als ein Eingriff in die Staatsgeschäfte aufgesaßt werden, der sich durch eine vielleicht sympathisch erscheinen-e Impulsivität entschuldigen läßt, der aber unbedingt besser ungeschehen geblieben wäre. Der Kron­prinz bat bei der ganzen braunschweigllchen Angelegen- beit nur die Rolle eines Privatmanns; für den Beschluß der preußischen Regierung und für die Haltung des Bundesrates kann und darf seine Ansicht weder maß­gebend noch auch von Einfluß sein."

Gegenüber diesem bedauerlichen Zwischenfall ist e8 offenbar das beste, wenn der Bundesrat sich be­eilt mit der Durchführung der Friedenspolitik des Monarchen. Das weitere ist dann Sache des Familienoberhauptes.

*

Der Berliner Mitarbeiter der .Frankfurter Ztgst äußert sich zu dem Eingriff des Kronprinzen:

Die Tatsache, daß der deutsche Kronprinz anderer Meinung ist und seinen Schwager nur dann als Bundesfürsten nach Braunschweig gelten lassen will, wenn er für sich und seine Nachfolger ausdrücklich auf Hannover verzichtet, wird daran nichts ändern, denn einstweilen bestimmt der Vater und nicht der Sohn die Richtung der preußischen Politik, aber daß diese Tat. fache jetzt bekannt wird, ist kerne erfreuliche Be. reicherung der Eindrücke, die man von dem öffentlichen Auftreten dieses hohen Herrn bisher gewonnen hat. Man ist sonst in Preußen gewohnt, daß Thronfolger sich politisch zu­rückhalten, und daß, wenn sie aus ihrer Reserve heraus, treten, es erst einer späteren Zeit bekannt wird. Die Ratgeber der Krone wissen über die Versuche des Kron. Prinzen, in wichtigen Phasen der Politik seine abwei­chende Meinung zur Geltung zu bringen, schon mancher­lei zu erzählen, und wenn erst später die Archive geöff- net werden, wird die Welt auch Näheres darüber erfah­ren, wie die verantwortlichen Stellen diesen Versuchen begegnet sind. In der welfischen Frage hat der R e i ch s- kanzler selber zur Feder gegriffen, um den Kron- Prinzen von der Zweckmäßigkeit des Standpunktes zu Überzeugen, den er und der kaiserliche Vater einnehmen. Man erfährt jetzt so wenig wie früher, ob die Belehrung von Erfolg gewesen ist, aber wer da weiß, daß die von lebhaftem Temperament erfüllte Jugend nur ungern die einmal gefaßte Meinung aufgibt, und wer die ganze Sinnesart des Kronprinzen kennt, wird weiterer Auf­klärung nicht bedürfen.

Die Beschlußfassung des Staatsministeriums.

* Berlin, 16. Okt. 1913. Die „Norddeutsche Allg. Ztg." schreibt: „Das Preußische Staatsmint- st e r i u m hat in seiner heutigen Sitzung über den in der braunschweigischen Thronfolgestage beim Bun­desrat zu stellenden Antrag Beschluß gefaßt." — Dazu wird noch gemeldet: Das Staatsministe­rium trat um 10 Uhr morgens zusammen. Es hat sich in li/2ftünbiger Sitzung bis IVA Uhr mit der Welfenfrage beschäftigt und einen Beschluß herbeige­führt. Es handelte sich um den Antrag, den Preußen dem Bundesrat zur Herbeiführung der T h r o n b e' steigung des Prinzen Ernst August von Cumberland im Herzogtum Braunschweig un­terbreiten will. Eine zustimmende Entscheidung des Bundesrates ist nunmehr in allernächster Zett zu erwarten.

Die ,Lesuiteneinflüsse".

* München, 16. Okt. 1913. Offiziös schreibt die Baverische Staatszeitung:

Zur braunschweigischen Frage hat der ,Lannover|che Kurier" eine längere Zuschrift erhalten, die sich in ten­denziöser Weise mit den Persönlichkeiten beS derzeitigen Hofstaates beS Prinzen Ernst August von Cumber­land und seiner Gemahlin beschäftigt. Nach dieser Dar­stellung sollen der der Hofhaltung des Prinzen vor­stehende bayerische Oberleutnant Frhr. v. Lichten- stern sowie seine als Hofdame der Prinzessin fun­gierende Gattin „klerikal" sein, was damit begrün­det wird, daß der Vater des Frhrn. v. Lichtenstern, der General Frhr. v. Lichtenstern, als Freund sowohl des Ministerpräsidenten Frhrn. v. Hertling wie beS Dr- v. Orterer und Erzbischofs v. Bettinger gelte. Es wird auf diesem Wege eine lückenlose Kette konstruiert, die angeblich von den Jesuiten zum künftigen Herzogspaar von Braunschweig führt. Die Ten­denz dieser Ausstreuungen liegt zu klar zutage, als daß sie einer besonderen Hervorhebung bedürfe. In welcher Art hier zugkräftig Preßklatsch verbreitet wird, er- gibt sich aus dem Hinweis darauf, daß der Vater des Oberleutnants Frhrn. v. Lichtenstern weder den Minister Frhrn. v. Hertling noch den Kammerpräsidenten Dr. v. Orterer noch Erzbischof Dr. v. Bettinger näher kennt. Das törichte Gerede von „klerikaler" Gesinnung des Oberleutnants Frhrn. v. Lichtenstern und seiner Gattin sowie von Jesuiteneinflüssen erledigt sich hiermit von selbst.

Kräftig schreibt zu demselben Thema die,Augsb. Postzeitun^:

Wenn man die tragische Epistel b«8 hannov. libe­ralen Blattes lieft, ist man zunächst versucht, in ein herz­hafter Lachen auszubrechen. Wenn man aber bedenkt, baß bet Haß gegen bie Katholiken gewisse Leute all­mählich offenbar zu allem fähig gemacht hat, bann gewinnt bie Sache ein ernsteres Gesicht. Die Rohett, mit bet man in gewissen Kreisen bem Schwiegersohn des Kaisers und feinem Schicksale begegnete, die An­maßung, mit der man stch als Retter des Vaterlandes ausspielte, werden gekrönt und beleuchtet durch das Pro­dukt, das bie Dimension des Wahnwitzigen berührt.

Ueberall bie Jesuiten! Jefuiten, Hertling, Erz­bischof von Bettinger, Dr. v. Orterer, — jetzt, so kann man auf Grund von Erfahrungen denken, wirb Prinz Ernst August auch nicht mehr durch Kaiser und Bundesrat gerettet werden können. Man setzt ihm bie Pistole auf die Brust: Mit einem Katho­liken im Geiokge kommst du nicht ins Land! (Hier sei eine Frage eingeschaltet: Was würde man sagen, wenn bie Katholiken in überwiegend katholischen Ländern, beispielsweise in Bayern, analog bem Auftreten des hannoverischen liberalen Blattes, die radikale Verban­nung des protestantischen Elements von den katholischen Höfen verlangten?) Offenbar wollten bie unsicher ge- worbenen unb um ben Erfolg ihrer Siche bangenden Treiber in der Weifensrage nunmehr ihr schwerstes Ge­schütz auffahren. Das unfehlbar wirkende Jesuiten- pulver soll bie Gemüter rebellieren.

Die Drahtzieher bürsten stch aber täuschen. Denn noch leben in ben maßgebenden Berliner Instanzen Leute, bie auf dem Staudpunlt stehen, daß in Deutsch­land zwar manches möglich, daß es aber immer noch nicht ein einziges großes Irrenhaus ist.

Der Stand der basischen Wahl- bewegnng.

V K a r l s r u h e, 16. Okt. 1913.

Die Wahlbewegung ist auf ihrem Höhepunkt an­gekommen. Die Parteien arbeiten mit dem Aufge­bot aller Kräfte. Aber die Teilnahme des großen Publikums an den Wahlversammlungen ist gering. Man darf jedoch nicht glauben, daß dieserhalb auch die Wahl selbst unter schwacher Teilnahme vor sich gehen wird; die Wahlbeteiligung wird im Gegenteil außerordentlich stark werden. Älle Anzeichen weisen darauf hin. Man weiß im Lande, um was es sich handelt: ob die Sozialdemokratie eine neue Verstärkung erfahren soll, oder nicht.

Ter Liberalismus kämpft einen Verzweif­lungskampf. Bon seinen Führern mit der Groß- b l o ck - I d e e erfüllt, schlägt er die Partei-Ehre

und die nationale Ehre in die Schanzen, nur um als Sieger zu erscheinen. Und die Anhänger des Liberalismus sind von den gleichen Ideen erfüllt. Zwar weiß jeder von ihnen, daß die Sache mit dem Großblock nicht geheuer ist — aber der verhängnis­volle Schritt ist nun einmal getan und so wird es als Ehrenpunkt aufgefaßt, die Bahn weiter zu beschreiten. Die badische nationalliberale Partei steckt im Sumpf des Parteifanatismus einer un­fähigen Führerschaft. Und eine klägliche, lediglich von den engherzigsten Parteigesichtspunkten geleitete Presse, die an die Futterkrippe der Parteisubvention gefesselt ist, unterstützt das Führertum bedingungs­los. So kann es nicht wundernehmen, daß der „Kampf", den diese Presse führt, auf jede Sachlichkeit und Anständigkeit verzichtet. Die persönliche Ver- unglimpsung ist die beliebteste Waffe. Das gilt be­sonders von der sog. nationalliberalen Presse.

Viel anständiger führt die sozialdemokra­tische Presse den Wahlkampf. Es ist eine alte Er­fahrung: je größer im Prinzip der Radikalisums, desto schärfer die Form, in der das Prinzip sich äußert. Tie sozialdemokratische Presse bekommt also ohne weiteres eine Nachsicht aus scharfe Agitation voraus, bevor man sie in die bürgerliche Front einreiht. Daran gemessen, darf man sagen, daß die sozial­demokratische Agitation im bösartigen Gebrauch bös, artiger Mittel die nationalliberale Presse nicht ev reicht. Auch von der Agitation draußen wird und als durchgängige Erscheinung mitgeteilt, „daß die Sozialdemokratie anständiger sei, als die Agitation der Freisinnigen und Nationalliberalen".

Tas kommt aber, wie schon gesagt, daher, daß der Nationalliberalismus sich der sittlichen Unzulässigkeit seiner Haltung bewußt ist. Man fühlt, daß man mit dieser Art, die prinzipiellen Revolutionäre großzuzüchten, sich am Bürgertum versündigt. Daher dies lieber- maß von Leidenschaft und verkehrtem Temperament, dies Schimpfen und Wühlen, dieses rücksichtslos Per­sönliche in der Agitation.

Herr Geh. Rat Rebmann, der Führer der Nationalliberalen, weiß, daß in der Politik der Er­folg alles ist. Unterliegt er, dann sind seine Tage gezählt, in jeder Hinsicht. Ein Grotzblock-General im Geheimrat-Brokat ist auch im Lande Baden nur dann möglich, wenn er siegreich ist; die Niederlage treibt ihn unrettbar in die Verbannung. Das weiß er, das wissen seine Getreuen. So wird immer wie­der auf rot gesetzt. Aber es ist durchaus nicht nötig, daß schwarz gewinnt; auch das politische Roulette hat eine Null.

In diesem Wahlkampf sind die Unterschiede zwi­schen liberal, demokratisch und sozialdemokratisch ver­wischt. Ausgesprochen und unausgesprochen drängt alles zum Großblock. Von der anti-monarchischen, anti-militärischen, anti-christlichen Haltung der So­zialdemokratie hüten sich die Blockredner eine Silbe zu sagen. Daß es eine staats- und gesellschaftsseind- liche Sozialdemokratie gibt, diese Tatsache verkrümelt sich völlig in dem Schwalch liberaler Großblock- Phrasen. Man kitzelt den liberalen Spießbürger mit Rom und den Ultramontanen, Höher steckt diese Gesellschaft ihre geistiges Niveau nicht; sie weiß, daß bei dieser Kitzelung der enragierte Re- ligions- und Kirchenhaß des Liberalismus heraus­kommt und daß man mit ihm unter allen Umständen politische Geschäfte machen kann. Versichert man dazu noch treuherzig, daß man fein Gegner der Religion und Kirche sei, so hält sich der Spießer für geborgen und er tappst ruhig zum Großblock.

Tie Führer der Roten, Kolb und Frank, — die zweifellos geistig Ueberlegenen in der großblöckle- rischen Phalanx Rebmanns — reiben sich vergnügt die Hände, ihnen kanns nicht fehlen, sie profi­tieren sicher auch in dieser Kampagne. Nach ihr wird hoffentlich ein andrer Wind wehen.

Aer ^Brandstifter.

421 Eine Bauerngeschichte ans dem Taunus von Fritz Ritzel.

(Schluß.)

cücit schritt Frau Rother mit ihrer Tochter aus der Kirchentür und wurde von dem draußen harren­den freudestrahlenden August Bremser empfangen, um nach Hause geleitet zu werden. Mit der Entfer­nung der drei, den Gesprächsstoff liefernden Personen verlor sich das Interesse der Leute und jeder pilgerte seinem Heime zu.

Frau Rother und Gustel hatten es eilig, nach Hause zu kommen, da sich gewöhnlich kurz nach dem Gottesdienste di- Gäste zum Frühschoppen in der „Linde" einfanden und Ernst seines verletzten Armes halber immer noch nicht so recht allein gewähren konnte. So gewahrten sie auch nicht, daß ihnen ge­messenen Schrittes der alte Kayser mit Frau Tochter folgten. Ernst jedoch, der am Fenster der Wirtsstube stand und in die Straße herabsah, hatte nicht sobald die drei schwarz gekleideten Gestalten ge­sehen, über deren einem Haupte es goldig in der Wintersonne flimmerte, als er mit stürmisch klopfen­dem Herzen ihnen entgegeneilte und sie in die der Gaststube gegenüber liegende Wohnstube führte, wo Mutter und Schwester sich bereits befanden, während August sich in die Dirtsstube begeben hatte. „Des is mir atoer cmol en lieber Besuch!" begrüßte er die Angekommenen mit unverhohlener Freude und nö­tigte sie zum Niedersitzen, indem er ihnen die Hände drückte. Und während Mutter und Schwester die alten Kaysers auf das Herzlichste begrüßten, blieb Ernst dicht vor der errötenden jungen Frau stehen und fuhr, ihre Blicke suchend, mit gedämpfter Stim­me, daß es die anderen nicht hören konnten, fort: „Gott Lob und Dank, Klärche! Wie hab' ich mich um dich gesorgt, wie's gehaaße Hot, daß es schlimm mit dir steht! Klärche — do lernt nter bete, wenn mer des Liebste, was es for aam uff de Welt gibt, berliere wll!" (Ein warmer Blick aus den sausten

braunen Augen begegnete den seinen und wie zu stummem Gelöbnis sanden sich beider Hände.

Die anfängliche Befangenheit des'alten Kayser und seiner Frau war infolge des herzlichen Empfan­gs, den sie hier gefunden, gewichen. Mit der gewohn- ii würdevollen Haltung trat jetzt der Alte vor den Sohn des Hauses, faßte seine Hand und sagte feier- lich:

„Ernst, wir fein komme, um dir zu danke for des, was du an uns getan host! Ohne dich wär unser lieb Kind nit mehr! Du host zwaa alte Leut ihr aanzig Glück, toas sie uff der Welt hawe, erhalte, — host sie dofor bewahrt, daß sie mit Jammer in die Grub' gefahren fein. Worte sinn ich nit, um dir zu sage, wie wir von ganzem Herze deiner gedenke, nur zu unferm Herrgott könne wir bete, daß er dich so glücklich uff der Welt wer'n läßt, wie du's verdienst!"

„Awer Onkel Kayser!" erwiderte Ernst gerührt, indem er die Hand des vor ihm Stehenden herzlich drückte, macht doch kaa Sache! Das ich getan hab, wa- Menschepslicht un for Euer Klärche ging ich bordj zehn Feuer!"

Bei den beiden Frauen erregte dies unverblümte Bekenntnis einige Verlegenheit, während Gustel sich abwendete und in sich hineinkicherte. Der alte Kayser aber verlor seine Würde nicht und fuhr fort:

„Du host mehr getan wie bet Menschepflicht! Des Unmögliche host du möglich gemacht un ber Herr hat bir bie Stärke gegeben, es zu vollbringen! Mei ganz Leben lang kann ich nut zum liebe Gott bitte, baß er bir's lohnt! Wenn bu awer jemals Rat un Hilf brauchst, Ernst — cs tnoog fein wie es will, bann, denk ich, waaßt du, wo ber alt Onkel Kayser zu finne is!"

„Onkel Kayser, bas soll e Dort fei! Es kimmt bie Stunb, wo ich Eich an des Verspreche erinnere!" rief Ernst enthusiastisch, indem er einen Blick auf das errötende Klärchen warf. „Bis dahin atoer wolle wir die alt Freundschaft Hochhalte, wie sie zu Lebzeite von meint’ Vatter selig getoefe is — do nemm ich Euer Hand druff!"

Frau Rother, die sich inzwischen mit ihrer frühe­ren Widersacherin, der Frau Kavier, auf das Herz­

lichste unterhalten hatte, unterbrach hier das Gespräch der Beiden mit den Worten:

„Ernst, bann hol doch emol ben eiserne Kaste, wo des Geld von dem Urgroßvatter drin gelege hot, — die Magret macht ihn gern emol sehe!"

Bereitwillig eilte Ernst nach den hinteren Räu­men und schleppte die Truhe herbei. Damit war das Gespräch tn andere Bahnen gelenkt. Auf das drin­gende Ersuchen ber Frau Kayser mußte Ernst erzäh­len, auf welche Weise ber Schatz gefunben worben war unb bie Zuhörer erfuhren babei, baß sich bas vor ben Franzosen gerettete Vermögen des alten Christian Rother auf breißigtausend Gulden belaufen hatte, eine Summe, bie vollauf genügte, um bie Hypothekenfor- berung bes alten Herrschet zu decken, sodaß Ernst auf die so freundlich gebotene Hilfe des alten Kaysers verzichten konnte. Davon wollte dieser aber nichts wissen. Er erklärte, daß das, was einmal bei bem Notar fcftgemadit sei, auch festbleiben müsse unb daß Ernst bas vom Himmel herabgefallene Gew recht gut für seine geplanten künftigen Unternehmungen ge­brauchen könne. Und als Ernst ihm die Bedenken ber Gäste vorstellte, nach welchen die Versicherungs­gesellschaften nicht gehalten wären, den Schaden zu ersetzen und daß deshalb Kayser selbst sein Geld nötig habe', da lachte der Alte auf und erwiderte:

„Was die Leit doch nit alles Widder besser wisse wolle! Dem Isidor Maler sei berühmt „Alleman- nia" hot sich allerdings e Bische gesperrt, denn toenn’0 an's Bezahle geht, sinn die Herrn gewöhnlich nit zu spreche — es hot sie atoer nix genutzt: sie mußte draa gtaatoe! ----

lieber anderthalb Jahre sind seit den oben erzähl­ten Begebenheiten vergangen. Das helle Grün der das Dorf umgebenden Buchenwälder hat bereits einen tieferen Farbenton angenommen; über den mit den mannigfachsten Blumen geschmückten, gleich buntfar­bigen Teppichen sich hinbreitenden Wiesen, die des er­sten Schnittes harren, summen Hummeln unb Bie­nen; schmetternder Finken- und Ämselschlag tönt aus dem nahen Walde und unzählige Male in der Ferne b-c Kuckuck. „Dem Wonnemonat mit seiner Blüienvracht auf Baum und Strauch ist ein herrlicher

Juni gefolgt, unter dessen milder Herrschaft Rosen, Nelken und die vielen anderen Kinder ber länblichen Flora in den an bie Häuser greuzenbeu Gärten und auf ben Fenstersimsen erblühen unb ihre berauschen­den Düfte in die sonnendurchflimmerte Luft senden, In den Zweigen der zahlreichen Kirschbäume leuchtet es bunMrot und mit dem jubelnden Zwitschern bei Pfeilschnell hin- unb herschießenben Schwalben mischt sich bas lärmenbe Gekreisch ber Spatzenschar, bie ihren Tribut von den reichbeladenen Bäumen fordert.

In dem Aussehen des Dorfes hat sich wenig ver­ändert. Nur an bem unteren Enbe desselben glänzt jetzt in ber Junisonne ein breites Schieferdach über dem stattlichen Neubau, den Heinrich Kayser an Sielle seines abgebrannten Hauses hatte au-führen lasten. Mit seiner aus Blendsteinen aufgesührten Fassade, ben zierlich geschwungenen Fensterbogen mit ben gro­ßen Glasscheiben uub bem gewaltigen fteingetoölbten Tor, über dem ber fromme Spruch eingemeißelt ist: ,.Jch unb mein Haus wollen bem Herrn bienen", mutet das Haus mit dem anschließenden parkartigen Garten fast wie ein Lustschloß an unb erst, toenn man durch das Tor den weiten Hof betritt und die weit­läufigen Ställe, Scheunen und Wirtschaftsgebäude ge­wahrt, das Gackern der Hühner und das Gebrüll des Rindviehs vernimmt, wird man in::e, daß man sich auf dem Besitztum eines richtigen nassauischen Groß­bauern befindet.

Aber auch oben an der Landstraße am Gasthaus „zur Linde" hat sich manches geändert. Zwar zeigt der mächtige Barockbau des Vorderhauses noch daS gleiche Aussehen toie früher, doch hinter ihm erheben sich die grellroten Ziegeldächer der nach dem Brande errichte­ten Neubauten, die mit bem sie überragenden Grün der Soubbävme des Gartens und der femenarake -mS bem Schornstein des Vorderhauses aussich-ieichen blau« grauen Rauchsäule ein farbenreiches B'Id schaffen.

Das Vorderhaus hat einen neuen Anstrich erhal­ten und über dem ocwölbt-n Tor zeigt e:r Sch'Id mit der Inschrift „Aepselto-mkelierci von Ernst Roth-to* an daß Einst seine Absicht vern'cT-icht hat und bie Produktion des Hohenastheimers im Großen betreibt- Tas Geschäft icheint in Blüte zu stehen, denn auf ber