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Fuldaer Zeitung

tmetni tag'!« mit Ausnahme 6er Sonn- und Selertoge. Wertet- I »htticher Bezugspreis ohne Bringer lohn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts IJO Mark. Rotationsdruck and Verlag der I 8 . juiöoer üctlendruckerel in Zulda. Zemsprecher Nr. s Z

“ “ Wodjen-Beifage: sä r. s THonats-Beltage: s s Illustrierte Sonntagszeifung Fuldaer Seschichlsbläller rr Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaflen-Cotttrie. — halbjährlich Taschenfahrplan, a

fln;dgtn: Der Raum einer elnfpottlgen Colonehelte, tT u arcIL teft« H pfg, Reklamen: Der Raum einer Coloneljdle, 74 mm breit, kostet 40 Pfg Ba Oieöerholungen Rabatt $ür Oflert- und fiuskunhenjelaen 20 PC aha. Jn Konkursfällen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. CrfCUungsorf für bas ein- klagen oon Forderungen in Sulba. finjelgen-finnaljme bis 10 Uhr sormlttags. s c Größere kn,eigen erbitten wir uns tags vorher. u a

Donnerstag den 16. Oktober 1913.

Erstes Blatt.

40. Jahrgang.

Nr. 240.

(*) Das Vertrauen in die Rechtspflege darf im Volke nicht erschüttert werden. Wenn da- Volk aber sieht, wie hart und scharf vor Gericht charakterfeste Männer angefaßt, wie zart und rück­sichtsvoll dagegen Dirnen von Lebemännern behan­delt werden, dann muß das Gefühl für Recht ver­neint werden. Es ist der konservative „Reichsbote", der da auf einen „schneidenden Gegensatz" in dem Verhalten der Vertreter der Königlichen Staatsan­waltschaft in zwei sensationellen Prozes­sen aus der jüngsten Zeit, nämlich in dem Prozeß gegen die „schöne Sünderin" Hedwig Müller in Ber­lin und in dem Prozeß gegen den Amtsrichter Knit­tel in Gleiwitz aufmerksam macht. Er schreibt:

„Fast noch beiremvitcher als dieses milde Urteil (gegen Hedwig Müller) muß jedoch die Rede des Ver­treters der Anklagebehörde, des Staatsanwalt» schaflsrates Dr. Gysar, berühren. Wir vermissen mit schmerzlichem Bedauern in dieser Rede die, zumal auch mit Rücksicht auf die zahlreiche Zuhörerschaft, erforderlich gewesene scharte Verurteilung der ganzen sitt­lichen Anschauung, des „Milieus", um dieses beliebte Schlagwort zu gebrauchen, aus dem heraus eine wiche Tat möglich war. Worte, wie die vom „Berliner Kind im besten Sinne deS Wortes", und so manches andere mehr hätten gerade in Gegenwart eines Publikums, daS lo ichon in Gefahr war, in der Ver­wirrung der sittlichen Begriffe auf dem äußersten anzu­kommen, aus dem Munde des Vertreters der Staats­gewalt nicht kommen dürfen. Ebenso wenig angebracht war übrigens auch, daß die Gerichtsbehörde in schöner Uebereinstimmung mit der gesamten jüdischen Presse Berlins von dem Nebenbuhler des Ermordeten stets nur als von „Herrn Dr. St." sprach. Warum es der Oeffentlichkeit vorenthalten, daß es sich um den jüdischen Dr. jur. Leo Sternberg handelt? — Etwa mit Rücksicht auf das Geschlecht der Sternbergs, von denen bekanntlich vor einigen Jahren bereits einer seine ui b zähmbare Vorliebe für „Berliner Kinder" (damals im wahrsten Sinne des Wortes!) mit einem häßlichen Skandalprozesse büßen müßte?

Aber noch auf etwas anderes fei hier hingewiesen: auf den scheidenden Gegensatz zwi'chen Dem Tone des Anklagevertreters in diesem Mordprozeß und dem seines Kollegen in Gleiwitz in dem Prozesse gegen den Amtsrichter Knittel, einem Falle, dem übrigens doch schließlich ungleich höhere Bedeutung bei. zumessen ist, als der Eensationsafsäre aus dem Tier­garten. Dort in Gleiwitz fielen aus dem Munde des Saatsanwalts und (das erscheint beinahe noch be­merkenswerter und bedenklicher) des Vorsitzenden Worte gegen den Angeklagten, gegen einen bis dahin hochangesehenen Ehrenmann, den die Vormstanz glatt jreigesprochen hatte, die uns nicht mehr den Rah menv er Objektivität einzu halten schienen. Jedenfalls nöligen Verlauf und Ausgang dieser beiden

+ Bom „freideutschen Jugendtag."

Wir Deutschen haben eine Schwäche für Kongresse? was wunder darum, wenn jetzt auch schon unsere Jungen und Mädchen ihre Kongresie abhalten. Das haben sie jüngst getan auf der Burg Haustein und auf dem Hohen Meißner, etwas jugendlich-phan­tastisch, aber sonst den Alten ganz gut nachgemacht.

Im ganzen waren 10 Vereine zusammengekom­men, an ihrer Spitze Männer, deren Namen einen guten Klang besitzen. Aber doch schüttelt der nüch­terne deutsche Bürger den Kopf, wenn er von den Verhandlungen des Deutschen Jugendtages vernimmt und sich klar darüber zu werden sucht, was denn nun eigentlich aus diesen Jungen und Mädchen werden soll, die auf den Gipfeln deutscher Berge Kongresse abhalten. Was sie dort oben wollten und warum sie dort zusammengekommen waren, wußten sie an­scheinend selbst nicht, denn der bekannte Abenarius, der auch mii aus den Berg geklettert war, meinte: „Wir brauchen ein Ziel und wissen nicht, welches. So wollen wir uns auf eins einigen, das wir alle haben müssen: die Aufrichtigkeit gegen uns selbst, die innere Wahrhaftigkeit, das Gefühl der Ver­antwortlichkeit gegenüber unserem Volk und der Zu- kutrst". Tas ist jehr nett gesagt und sehr lobenswert, um das aber ausfindig zu machen, braucht man doch schließlich nicht auf die Berge zu klettern und einen Kongreß abzuhalten.

Ueberhaupt hat der erste freideutsche Jugendtag manche Merkwürdigkeit an sich. So hieß es beispielsweise in dem Aufruf zu diesem Jugendtag, daß nur dem politischen Kandidaten bei Wahlen die Stimme zu geben sei, der zur Lösung der Kultursra­gen, z. B. der Alkoholbekämpfung durch die allgemeine Total-Abstinenz bereit sei; „bann kümmere dich den Tb'vfel darum, ob die Parteifarbe und Kriegsbema­lung. womit er in den Wahlkampf gezogen ist, blau, schwarz, rosa oder rot ist. Und dann pfeife darauf, ob ihn die Indianer mit der anderen Bemalung je nach dem als „Junker", „Römling", „Nationalmise- rablen", „Asphaltliberalen" oder „vaterlandslosen Ge­sellen" begeifern." Das scheint uns denn doch eine recht eigenartige Jugenderziehung zu sein. Wie müs­sen solche Auslassungen bei der unreifen Jugend wir" kein!

Daß man unserer Jugend den Kampf gegen Alko­hol und Tabak anempfiehlt, ist gewiß sehr dankens­wert, aber man muh auch Maß zu halten wissen und vor allem sich hüten, derartige kulturelle Bestrebun­gen in ihrer ganzen Breite auf das politische Gebiet zu übertragen. Jn erster Linie kommt es doch darauf an, daß wir charakterfeste und vaterlandstreue Män­ner und Frauen hcranztehen und das können sie wer­den, auch wenn sie keine prinzipienfesten Abstinenzler sind.

Wenn wir unserer Jugend das Leben lebenswert machen wollen, dann müssen wir ihrem Leben vor allem Werte geben; die Freude an der Natur, an Sport und Geselligkeit allein tut es noch lange nicht, weit nötiger und ersprießlicher ist die Weckung bei Freude an der Natur, an Sport und Geselligkeit allein tut es noch lange nicht, weit nötiger und er- vrießlicher ist die Weckung der Freude an der sitt- ichen Schönheit, die Füllung des jungen Herzens mit ebendiger Freude an dem, was ewig in uns lebt und n der Ewigkeit Beginn und Ziel findet. So freudig wir darum auch die Pflege des Sports und natur- srober Gesinnung begrüßen, ebenso empfindlich v e r- I missen wir in dieser Jugendpflege die sorgsame I Hut und Sorge um die sittlichen Empfindungen un- I [tret Jugend.

Der sportlichen Ausbildung muß in dex Pflege I des Gemüts- und Geisteslebens ein Ge- I gengewicht egeben werden, damit in unserer Jugend I

und erwiderte: „So viel Geld hab ich meiner Lebdag noch nit beisamme gesehe!" Mehr war auch nicht aus ihm herauszubckommen.

Ein weiteres unerschöpfliches Gesprächsthema war K""c die Gäste des Hauses war der Brand des Kayser- en Hauses und die Entstehung desselben. Die von I Gericht angestellte Untersuchung hatte ergeben, daß das Feuer in der Scheune zum Ausbruch gekommen l war und wieder war es der Stallbube Lenz gewesen, der erschöpfend» Auskunft über den Urheber des Brandes geben konnte. Er war in dem neben der Scheune gelegenen Stalle beschäftigt gewesen, als ein Krachen erklang, als würde die hintere, nach einer engen Gasse führende Scheunentüre gewaltsam erbrochen. Eilig war er in den Hof gerannt, um zu sehen, was es gäbe und um die schon nach dem Bor derhause zum Abendessen gegangenen Knechte zur Hilfe zu holen, als er gewahrte, wie ein Mann die Scheune durch das zum Hofe führende Tor hastig verließ, während die aufgestapelten Fruchtvorräte im Innern schon lichterloh brannten. Lenz hatte deut­lich den jungen Herrn, Jakob Eicher erkannt, der dann die kleine, nach der Galerie führende Treppe hinaufeilte und droben in der Wohnung verschwun­den war. Der Bursche hatte darauf „Feuer, Feuer!" geschrien und sich vor allem daran gemacht, das Vieh aus den Ställen zu ziehen wobei ihm die herbeieilen­den Knechte halfen. Wetter wußte er nichts- Die Vernehmung der damals noch erkrankten jungen Frau Eicher hatte die Aussagen bestätigt. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, gab Klärchen der Wahrheit die Ehre und erzählte genau, was sie in jener schreck­lichen Stunde erlebt hatte, sodaß kein Zweifel mehr blieb, daß der unglückliche Jakob Eicher, dessen ver" kohlten Leichnam man unter den Trümmern des gänzlich niedergebrannten Hauses gefunden, in sei­nem Wahn auch diesen Brand angelegt hatte. Es ent­stand nun die heftig umstrittene Frage, ob die Brand­kasse und die Versicherungsgesellschaft in diesem Falle für den Brandschaden haftbar seien; die einen be­haupteten, daß eine Verpflichtung dafür nicht vor­liege, da das Feuer doch absichtlich, sogar von einem Angehörigen des Hauses gelegt worden sei, während die anderen dem entgegenhielten, daß die von einem als notorisch verrückt Erklärten begangene Tat als höhere Gewalt angesehen werden 'müsse.

nicht eine rein diesseitige Weltanschauung Leben ge­winnt, aus der sich unmöglich tieswurzelnde sittliche Empfindungen herleiten lassen. Darin läßt die mo­derne Jugendpflege wirklich viel zu wünschen übrig, und das Heranwachsende, selbstbewußte und schon reichlich unbotmäßige Geschlecht, dem der Sinn weniger auf ernste, emsige Arbeit, als auf frohe Aus­gelassenheit steht, ist kaum eine gute Empfehlung für das neue System. Da leisten unsere konfessionellen Jugendvereine doch ungleich Besseres, die bei der kör­perlichen Ausbildung der Jugend nicht die Pflege von Geist und Herz vergessen und nicht zuletzt auch die Huk der Seelen unserer Jugend sich angelegen fein lassen.

Auch ohne den großen Firlefanz und posienhafte Wichtrgtuerei kann man unsere Jugend zu lebensfrohen und lebenstüch­tigen Menschen heranziehen; vielleicht gewinnt sie "dann einen nüchterneren Begriff vom Leben und einen bescheideneren Begriff von sich selbst, was weder uns noch ihr zum Schaden gereichen würde.

| Prozesse gerade dem, der aus innerster Uederzeugung für I die Unantafibarteit des Rufe- preußischer Rechtspflege I Eintritt, ernste Beachtung ab.

Man kann diesen Ansichten und Ausführungen des Reichsboten vollständig beipflichten. Was den I Vertreter der Staatsanwaltschaft in dem Prozeß gegen „die schöne Sünderin" Hedwig Müller betrifft, I so berichtete die Nationalzeitung u. a.: „Der Staats- I anwalt nahm sich liebevoll d-er Angeklagten an." „Der Staatsanwalt erkundigte sich teilnahmsvoll nach dem Befinden der Angeklagten." „Der Staatsan- I walt flüsterte ihr während der Urteilsberatung Mut zu: „Nun dauerts ja nicht mehr lange." Diese Mit­teilungen der Nationalzeitung sind bis jetzt noch nicht I desavouiert worden.

Und in „schneidendem Gegensätze" da­zu steht das Verhalten nicht nur des Staatsanwalts, sondern auch des Vorsitzenden des Gerichtshofes im P r ozeß Knittel. Hier stand ein preußischer I Richter vor Gericht, der in der Hitze des Gefechts sich Vergriffen und die Grenze des Erlaubten über« I schritten haben mag, der aber bis jetzt in den Augen I feiner Osfizierskollegen und der ganzen Welt ein I Ehrenmann war und für diese feine Ehre, für I feine Ueberzeugung und fein Recht kämpfend, vor dem Staatsanwalt stand. Und jener Staatsanwalt — wie auch sein Richter — überhäuften ihn mit kränkenden, mit geringschätzenden Bemerkungen, wie I sie außer dem Gerichtssaal kein Mensch wiederholen I dürfte.

Liegt denn hier nicht ein Vergleich oder vielmehr I eine Gegenüberstellung der beiden Vertreter I der Staatsanwaltschaft geradezu als zwingendes Be­dürfnis vor? Wie muß die Oeffentlichkeit, wie muß das Volk darüber denken? Und muß man sich ferner nicht vergegenwärtigen, daß der Prozeß gegen die „schöne Sünderin", in dem sich der I Staatsanwalt so liebenswürdig oder wenigstens I human gegen die Angeklagte benahm, einen stark unsittlichen Hintergrund hatte, während der Prozeß I gegen den Amtsrichter Knittel ein politischer I Prozeß war oder wenigstens ein Prozeß mit einem I ausgeprägt politischen Hintergründe? Es ist der kon- I servative Reichsbote, der in der Gegenüberstellung I beider Prozesse die Objektivität vermißt. Das Voll I muß aber an die Objektivität der Rechtsprechung I und der Rechtsbehörden glauben; möge sich darum I auch jeder Staatsanwalt und Richter gegenwärtig I halten, wie viel auch an ihm liegt, damit das Voll I nicht Gefahr läuft, an seinem Rechtsempfinden irre I zu werden,

Deutsches Reich.

** Der Kaiser in der Eifel.

Von Schloß L i e s e r, wo der Kaiser bet dem Land­wirtschaftsminister Frhrn. v. Schorlemer-Lieser zu Gast war, erfolgte Mittwoch früh die Weiterreise im Automobil über Daun nach Gerolstein. Dort hatten sich zur Einweihung der neuen evangelischen E r l ö s e r k i r ch e auf dem Kgl. Krongut Villa Sara- bodis (einer alten römischen Ansiedlung im Besitz des Kaisers) zahlreiche geladene Gäste eingefunden. Am Hauptportal der Kirche wurde der Kaiser vom Kultus­minister, dem Oberpräsidenten, dem Regierungspräsi­denten, dem Präsidenten des Evangelischen Oberkir­chenrates, den Spitzen der Behörden u. a. empfangen. Im Namen des Ev. Kirchenbauvereins wurde der Kaiser vom Generalleutnant v. Schubert mit einer Ansprache begrüßt. Der Kaiser dankte mit einer An­sprache. Dann folgte die feierliche Uebergabe des Schlüssels und der Einzug des Kaisers und der Ehren­gäste in die Kirche. Hieraus wurden die Deputationen der Kriegervereine mit Fahnen in die Kirche geführt,

Wenn sich die Leute die Köpfe hierüber zerbrachen, einen langwierigen Prozeß in Aussicht stellten und gegenseitig mitunter in Harnisch gerieten, dann hörte Ernst Rother, der, immer noch den linken Arm in der Binde, von Tisch zu Tisch ging, teilnahmslos zu. Ihn beschäftigte feit der Brandkatastrophe nur der eine Gedanke an die von ihm Gerettete. Auf seine dringenden Bitten hin mußte Gustel täglich in das Dorf hinunter nach dem Haus gehen, in welchem der alte Kayser mit den Seinen bis zu dem Wie­deraufbau seines Hauses Wohnung genommen hatte, um sich über den Zustand der Kranken zu erkundi­gen. Auch bei der jungen Frau Eicher hatte sich eine schwere Rauchvergiftung herausgestellt, die in Ver­bindung mit der furchtbaren Aufregung und den er­littenen Brandwunden ein schweres Krankenlager be­dingte. Im Anfang desselben hatten die Aerzte — der Eatnberger Doktor hatte noch einen Kollegen zu­gezogen — sogar bedenklich die Köpfe geschüttelt und den verzweifelten Eltern mitgeteilt, daß sie sich auf das Schlimmste gefaßt machen müßten, denn die bestandene furchtbare Angst habe das ganze Nerven­system ihrer Tochter auf das Schwerste erschüttert. Als aber nach einigen Tagen Gustel Rother zu der Kranken gelassen wurde und auf deren Frage nach Ernst berichten konnte, daß ihr Bruder schon wieder das Bett verlassen habe, da schien es, als ob von die­sem Augenblick an die Kraft des lebenverzehrenden Fiebers gebrochen sei. Und es war, als wenn der tägliche Besuch Gustel Rothers, dem die Kranke jedes­mal mit gespannter Erwartung entgegensah, wie eine belebende Arznei auf sie einwirke, sodaß nach ver­hältnismäßig kurzer Zett die Aerzte erklären konnten, daß jede Lebensgefahr befeitigt sei.

llnd es kam der Tag — kurz vor Weihnachten an einem Sonntage war es — an welchem die wieder vollständig genesene junge Frau Eicher zum ersten Male mit ihren Eltern wieder die Kirche besuchte. Klingender Frost hatte eingesetzt; eine dichte Schnee­decke lagerte über Wald und Gefilde und wie riesige Eispyramiden hoben sich in der klaren Winterluft am östlichen Himmelsrande die Gipfel des hohen Taunus, Feldberg und Altkönig ab. In glitzerndem Rauhreif standen die Bäume und jeder Pfahl an den Zäunen der Gärten war mit einem weißen Häubchen, jedes Fenstergesims mit einem schneeigen Polster ge-

Brandstifter.

41J Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.

Die Folge dieses Umschwunges in der öffentlichen Meinung war natürlich, daß das Wirtshaus zur „Linde" allabendlich voll von Gästen war, die sich alle nicht genug in Versicherungen erschöpfen konnten, welch herzliche fteundschaftliche Gesinnungen sie von scher gegen die Familie Rother gehegt hätten. Auch der Bürgermeister und sein Sohn Adam hatten sich wieder als regelmäßige Stammgäste eingefunden und schienen nicht übel Lust zu haben, die früher beabsich­tigten Beziehungen nunmehr anzuknüpfen, mußten aber zu ihrem Leidwesen erfahren, daß die Chancen für sie, speziell für den guten Adam, sehr ungünstig standen, denn Gustel Rother bediente sie zwar mit der gewinnendsten harmlosesten Freundlichkeit, hatte je­doch für alle Anspielungen des Bürgermeisters nur taube Ohren und schien unbegreiflicherweise mit dem Bremser's August, dem armen Teufel, der jeden Abend, als gehöre er in die „Linde", bei der Bedie­nung der Gäste mithals, auf mehr wie vertrautem Fuße zu stehen.

„Mit dem Mädche is es nix, Adam!" sagte eines Abends der Bürgermeister beim Nachhausegehen zu seinem Sohne. „Schlag Dir sie aus dem Kopp! Des­wege geh'n wir atoer doch nooch wie vor jeden Abend hin — die Lett solle nit glaawe, daß wir jemols do Absichten gehabt hawe!"

Und nach wie vor kamen die Beiden in die „Linde" Und zogen den Schwarm der Gäste nach sich. Es gab euch da immer etwas Neues zu sehen und zu hören. Da erzählte der alte Lenhard in ausführlicher Breite, in welch' schlauer Weise der aufgefundene Schatz ver­borgen gewesen war, kam dabei auf das tragische Ende des Ahnherrn zu sprechen und war er erst einmal Im Fahrwasser, dann entrollte der Geschichtskundige Bilder aus der noch zurnteil selbst miterlebten Fran- josenzeit, sodaß stets ein Kreis gespannt lauschender Zuhörer sich um ihn scharte. Klopfte aber ein be­sonders Neugieriger auf den Busch und fragte, Wie diel denn eigentlich gefunden worden wäre, dann zwinkerte der Alte mit einem Auge geheimnisvoll zu I

was unter Chorgesang geschah. Nach der kirchlichen Feier begab sich der Kaiser mit Gefolge in das durch einen Säulengang mit der Kirche verbundene Mu­seum, welches schätzbare und sehr eigenartige Funde aus dem Gelände aufbewahrt, auf dem die Kirche auf- gebaut ist. Hierauf besichtigte der Kaiser das Terrain, aus dem Reste der Mauern.der alten Villa Sarabodis wieder bis über den Erdboden hinaus aufgeführt wor­den sind, sodaß ein guter Ueberhlick über den Grundriß des früheren Bauwerkes gegeben ist. Dann begab sich der Kaiser zum Bahnhof, wo im kaiserlichen Sonder­zug gespeist wurde. Nach der Tafel besuchte der Kaiser nochmals allein die Erlöserkirche, um die architekto­nische Wirkung zu prüfen. Alsdann erfolgte die Ab­fahrt mittels Automobils nach Bonn. Dort fuhr er unter dem Geläute der Glocken, von einer zahlreichen Menschenmenge begrüßt, zum Palais des Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe, wo er bis Freitag abend bleiben wird.

— Dir Jesuiten und die braunschweigische Thron» folgefrage.

Daß bisher noch keiner auf den Gedanken ver­fallen war, daß in der SBelfenfrage die Jesuiten wieder einmal die Hand im Spiele hätten, mußte eigentlich wundernehmep. Ein braver Braunschweiger versucht nun in einer längeren Zuschrift an den Hannoverschen Kuner das Versäumte gut zu machen, denn er hat ausfindig gemacht, daß Prinz Ernst August einen „klerikalen" H of marschall habe und die Prinzeffin Viktoria Luise eine „klerikale" Hofdame und daß der Vater des Hosmarschalls nicht nur als naher Freund des Herrn v. Hertling, tonvern auch von OrtererS und des Erzbischofs Bettinger gelte. Er schreibt:

Sind Bürgschaften gegeben, daß nicht jetzt auf ein­mal der w elfische Adel nach Braunschweig über­siedelt, Den Hof erfüllt und die Gesinnungen de« jungen Fürsten beeinflußt, ohne daß er es selbst merkt? Be­stehen nicht jetzt schon mittelbare Beziehungen? Das nahe Verhältnis zwischen Welientum und Klerikaltsmus ist bekannt. Nun war schon in München ein Freiherr Reisner v. Lichtenstein perfönlicher Adjutant des Prinzen. Als der Prinz in preußische Dienste übertrat, blieb Frbr. v. Lichtenftern bei ihm, ohne selbst in preu­ßische Dienste etnzutreten. Er hat die- ausdrücklich ab- gelehnt, so daß er heute noch alS bayerischer Oberleut­nant und Kammerjunker der Rathenower Hofhaltung vorsteht. Als einzige Hofdame der Herzogin fungiert seine Gemahlin, eine Tochter bei vorigen bayerischen Ministerprästdenten Grasen P o d e w i l s-Dürnitz. Das Ehepaar rst katholisch, was ja natürlich Privat- lache ist, aber es soll auch klerikal sein, was natürlich in dieser Stellung schon aufhölt, Privatsache zu sein. Der Vater des Oberleutnants, der eine Kommandostelle bei der bayerischen Schloßgarde der Hartschiere bekleidet, wird ssgar als ein naher Freund nicht nur des Herrn von Hertling, sondern auch Orterers und des Erzbischofs von Bettinger bezeichnet. Die braunschweigische Bevölkerung ist kern- protestantisch. Unter Herzogtum wird in der Zen- trumepreffe neben Mecklenburg als der Bundesrat verschrien, in dem die katholische Kirche die sa limmtte Unterdrückung erleide, weil man dort immer verstanden hat, ultramontaner Propaganda wirksam zu begegnen. Wie nun, falls es klerikalisierenden Einflüssen gelänge, den jungen Herzog von der „Berechtigung" der Mentalen Beschwerden zu überzeugen? Wenn der alte General Reisner von Lichtenstern mit dem Erzbischof von Bettinger befreundet ist, dann führt eine lücken­lose Kette von den Jesuiten zu dem künftigen Landesherrn von Braunschweig hinüber. Macht sich bei diesem erst einmal jesuitischer Einfluß geltend, dann sind ernste Unstimmigkeiten zu erwarten. Dieselbe gefchichtliche Tradition, die den Braunschweiger geneigt wacht, in der Verzichtfrage milder zu denken, als man es anderswo tut, spricht auch entlckieden gegen jeden klerikalen Ein' 1 uß. Es muß unbedingt Gewähr geleistet werden, daß kein religiöser Zwiespalt in unser protestantisches Land getragen wird. Wird

schmückt — ein echter Wintertag, wie ihn der Bauer ilm diese. Zeit liebt — ein richtiges Weihnachtswet- ter. Das natürliche Bild in seiner glänzenden Pracht löste eine eigentümliche Stimmung in der Seele der Wiedcrgencseuen aus. Ihr war's nach der langen Siubenhaft, als sei fie dem Leben wiedergegeben, jedoch einem Leben, das sie trotz seiner ihm inne­wohnenden Pracht kalt anwehte. Da fehlte das sprießende Grün, das Blühen und Früchtetragen. Würde die Zukunft nur kalte Winterpracht für sie haben oder würde nochmals ein Lebensfrühling bei ihr Einkehr halten? Dort oben an der Landstraße ragte es aus dem Garten der „Linde" empor, wie ein ungeheurer, weiß glitzernder Blumenstrauß — die von Rauhreif überzogene mächtige Wölbung der alten „Linde", unter welcher sie einst in den Armen dessen gelegen, der allein ihr das erträumte Glück hienieden bieten konnte.--

Fort mit diesen Gedanken, die ihr, der trauernden Witwe, auf dem Wege zum Hause des Herrn wenig anstanden. Zwischen ihr und einem neuen Glück stand das Bild des unglücklichen Gatten, den die Erde erst feit Wochen deckte — erst wenn dieses Bild im Laufe der allmächtigen Zeit verblaßt war, dann durften sich Herzenswünsche regen an die jetzt zu denken beut jungen Weibe sündig erschien.

Der Gottesdienst war zu Ende und die Andächti­gen strömten aus der weitgeöffneten Kirchenpforte unter den Harmonien der Orgel in das Freie. An­statt aber sofort nach Hause zu gehen, blieben die Leute in Gruppen auf dem Kirchplatze stehen und un­terhielten sich über das Aufgebot, das der Herr Pfar" rer vorhin von der Kanzel herab verkündigt hatte. So war es denn wirklich wahr, daß die Gustel Rotyer- troydem sie jetzt ein? der besten Partien war, den armen Teufel, den Bremsers August nahm! Hätte den Bürgermeisterssohn haben können und warf sich so weg! Dem August war es ja zu gönnen: der hatte es an feine.- Mutter und an feinen Geschwistern verdient, daß ilim ein ganz besonderes Glück zuteil wurde. Wie es hieß, übernahm sein jüngerer Bruder, der int Herbst von den Soldaten gekommen war, das elterliche Anwesen.

^Schluß folgt.)