Fuldaer Zeitung
Erichetm kügNch mtt Ausnahme der Sonn- und Selertage. Werte«- I jährlicher Bezugspreis ohn« Bringerlohn and Bestellgeld In $ul6o foffli» auswärts I.JO Mark. •••• Rotationsbru» und Oerlag der I S - Sulbaer fltfienbrudttrd tn Julba. Semfpredjer Nr. 9. ::
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findigen: Der Reum einer elnfpatttgen Colone!)eilt, 4T ■* mit, toller >4 Pta, Reklamen: Der Roum einer (olonet)elle, 74 mm dreit, koste! 40 Pf» Bd (DieOerholungen Rabatt $ür Oflert- und fiutliunficnjelpen 20 Pf. extra. 3n Konkursfällen wird der bewilligte Rabatt hinfällig. trftilvnc«ort für bas ein* klagen eon Sortierungen ist Sulba. flnjelgen- Annahme bl* 10 Uhr oannlttag«. - u 6röfiere kn,eigen erbitten wir uns tag* vorher. s S
Mittwoch den 15, Oktober 1913,
€rftes Blatt
40. Jahrgang.
Hr. 239.
Das neue Strafrecht.
Die Kommission zur Beratung eines neuen Strafgesetzbuches, die, wie kürzlich gemeldet, am 27. September ihre Arbeiten beendet und sich aufgelöst hat, hat in den letzten Sitzungen noch einige wichtige Beschlüsse von allgemeinem Interesse gefaßt, über die jetzt berichtet wird.
Zunächst soll die Beleidigung wesentlich schärfer als jetzt angefatzt werden. Das Höchstmaß soll von 1 Jahr Gefängnis auf 3 erhöht werden, und für die Geldstrafe wird als Grenze 10 000 Mark statt 1500 vorgeschlagen. Bei der Verleumdung will über die jetzt weitere Einzelheiten an die Oesfentlich- keit gelangen.
Recht eigenartig ist das sogenannte Indiskretion s d e l i k t geregelt worden. Mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Geldstrafe bis 1000 Mark wird auf Antrag bestraft, wer vorsätzlich über Angelegenheiten des häuslichen oder Familienlebens eines anderen, die das öffentliche Interesse nicht berühren, eine ehrenrührige Tatsache öffentlich behauptet oder mitteilt. — Derjenige, der sein Familiengeheimnis verletzt wähnt, wird es sich aber sehr überlegen müssen, ob er deswegen eine gerichtliche Verfolgung veranlassen soll- Einmal nämlich darf der Beweis der Wahrheit gar nicht versucht werden; auch der Verletzte hat nicht das Recht, die Beweisaufnahme zu verlangen. Ein solcher Prozeß tut also weiter nichts, als das Familiengeheimnis, das geschützt werden soll, nun erst recht herumzutragen, ohne dabei die Möglichkeit einer Klarstellung zu bieten. Dazu kommt ein zweiter Grund, der den Verletzten davon abschrecken könnte, Strafantrag wegen Indiskretion zu stellen. Tut er nämlich dies, so soll ein Strafantrag wegen Beleidigung aus- - geschlossen sein. Stellt sich z. B. das Gericht auf den Standpunkt, daß keine Indiskretion vorliege, weil das öffentlche Interesse berührt werde, so muß Freisprechung erfolgen, auch wenn der Angeklagte sich der gemeinsten Schimpfwörter bedient hat; denn neben einem Strafantrag wegen Indiskretion darf wegen Beleidigung nicht mehr geklagt werden. Hier scheint uns die Kommission danebengegriffen zu haben, wie denn überhaupt die ganze Erfindung des Jndiskretonsdelikts fehr zweifelhaften Wertes ist.
Für Aerzte besondere Bedeutung hat die Vorschrift, daß die Offenbarung eines Be- rufsgeheimnisses nicht rechtswidrig ist, wenn sie zur Wahrnehmung berechtigter Privater oder öffentlicher Interessen erforderlich wär und die sich gegenüberstehenden Interessen Pflichtgemäß berücksichtigt sind.
Daß man immer noch zu sehr im eigentlichen Strafrecht befangen ist und sich nur schwer zum Vorbeugungsrecht bekehren läßt, zeigt eine Vorschrift über Trunkenbolde. Diese sollen nämlich nur dann in einer Trinkerheilanstalt untergebracht werden dürfen, wenn gegen sie auf Freiheitsstrafe erkannt worden ist. Also erst wenn sie es schon schlimmer treiben, beugt man für später vor, indem man sie zu heilen sucht. Es muß aber immer erst ein Unglück geschehen.
Einen großen Fortschritt bilden im allgemeinen die Vorschriften über die Rehabilitation. Das Gericht soll anordnen dürfen, daß eine Verurteilung als nicht geschehen zu betrachten und im Strafregister zu str eich en sei, wenn der Verurteilte sich zwanzig Jahre lang — für Jugendliche ist die Frist nur zehn Jahre — ehrenhaft geführt hat. Der Verurteilte hat das Recht, jede Auskunft über die Tat und die Strafe zu verweigern. Außerdem will man noch eine kleine Rehabilitation einführen; schon nach Ablauf der Hälfte der Bewährungsfrist soll das Gericht die Löschung der Strafe in den amt
lichen Liften anordnen dürfen mit der Wirkung, daß dann darüber eine Auskunft nur den Gerichten, der Staatsanwaltschaft und den höheren Verwaltungsbehörden erteilt werden darf-
Eine Verschlechterung des jetzigen Rechtszustandes dürfte es sein, wenn zur Bestrafung von Ueber- tretungen, also den geringfügigen Delikten, in der Regel Fahrlässigkeit genügen soll. Damit werden die Strafen für sogenannte Polizei- deliktx, über deren Unzahl schon jetzt lebhaft aeklagt wird/ eine weitere erhebliche Vermehrung e> -en.
Deutsches Reich.
♦* Der Kaiser in Trier.
Am Dienstagmorgen um 9 Uhr 35 Min. traf der Kaiser im Svnderzuge in Trier ein. Er trug die Uniform der Jäger zu Pferde und wurde vom Regierungspräsidenten empfangen. Der Kaiser fuhr im Automobil an der Porta nigra vorbei nach der neuen M o s e l b r ü ck e, die am Dienstag dem Verkehr übergeben wurde. In der Feststraße bil- beten Militär, Schulen und Vereine Spalier. Die Stadt selbst war auf das prächtigste geschmückt. Aus der Brücke wurde der Kaiser vom Oberbürgermeister Bruchhausen mit einer Ansprache begrüßt, auf die der Kaiser erwiderte. Er dankte für den überaus herzlichen Empfang und die zu Herzen gehenden Worte des Oberbürgermeisters und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß er so viele frohe Kindergesichter in den Straßen von Trier gesehen habe. Nachdem der Kaiser sich eine Anzahl Stadtverordneter und Beigeordneter hatte vorstellen lassen, betrachtete er von der Brücke aus mit Wohlgefallen das herrliche Landschaftsbild des Moseltales. Der Kaiser schien prächtig gelaut zu sein und unterhielt sich lebhaft mit seiner Umgebung. Nach einigem Aufenthalt bestieg der Kaiser wieder das Automobil, um nach dem römischen K a i s e r p a l a st zu fahren, wo er die gegenwärtig dort stattfindenden Ausgrabungen besichtigte. Der Aufenthalt des Kaisers im Palast dauerte etwa anderthalb Stunden. Das Frühstück wurde beim Regierungspräsidenten eingenommen. Von dort aus erfolgte die Besichtigung des Domes. Am Portal, innerhalb des Domes, hatte sich das Domkapitel mit Bischof Korum eingefunden. Bischof Komm stellte die Mitglieder des Kapitels vor, die der Kaiser einzeln durch Handschlag begrüßte. Die Besichtigung geschah unter Führung des Bischofs Korum. Darauf ging es durch den Kreuzgang zur benachbarten Liebfrauenkirche, diesem Juwel und ältesten deutschen Bauwerke der Frühgotik, wo der Stadtdechant Schmitz die Führung übernahm- Den Schluß der Besichtigung bildete der Besuch des römischen Amphitheaters, wo der Kaiser den prächtig ausgeführten Jugendspielen der Mitglieder der Jugendvereine und Gymnasiasten zusah. Der Kaiser ließ sich den Konviktsdirektor Anheier vorstellen, dessen Schüler hauptsächlich die jungen Kämpfer der Arena gewesen waren. Der Kaiser schüttelte ihm die Hand und sagte: „Ihre Jungen sahen famos aus. Es ist doppelt interessant, daß heute junge Germanen da turnen, wo einst die Römer gekämpft haben." Um 5 Uhr setzte der Kaiser im Automobil seine Reise nach Lieser fort, begleitet von den ju- beluden Hochrufen der Menge und den schmetternden Fanfarenklängen von zwölf Bläsem, die dem Kaiser von den Höhen der Porta Nigra ihren Abschiedsgmß nachsandten.
W Lieser, 14. Okt. 1913- Der Kaiser traf heute Nachmittag um 5 Uhr 45, von Trier kommend, ein und fuhr zum Schlosse des Freiherrn v. Schorlemer* wo er von dessen Familie empfangen wurde. Er übernachtet auf Schloß Lieser. Von dort aus fährt
3>exr ^Brandstifter.
40] Eine Bauerngeschichte aus dem Taunus von Fritz Ritzel.
- ,Horst du wie'S zischt?" murmelte droben der Wahnsinnige dicht am Ohr der vor Entsetzen fast be- sinnungslosen jungen Frau. „Jetzt greift’» des Gebälk un schlagt lichterloh zum Himmel! Hörst du wie'S ruft: komm, komm, bring dein Schatz mit? Bei mir brennt alles lichterwh, aach beim Klärche sei Herz! Komm Klärche komm — e wärmer Bettche sor uns zwaa gibt's nit wie in meint Feierche!"
Verzweifelt suchte sich die Unglückliche den sie Umschlingenden Armen zu entwinden — vergebens. Ihr energisches Sträuben bezweckte nur, daß der Wahnsinnige sie nock wilder an sich preßte und sie wie ein Kind auf den Armen tragend, durch das Schlafzimmer und den dahinter liegenden Raum auf die Galerie stürmte, von bereit hinterem Ende ihnen schon bie Flammen aus ber in vollem Brande stehenden Scheuer entgegenschlugen. Der Hof, in den eben die Feuerspritze rasielnd einfuhr, war sehr voll von einer durcheinander schreienden und hastenden Menschenmenge, die in Rufe des Entsetzens ausbrach, als Jakob Eicher mit seiner jungen Frau auf der schon am hinteren Ende brennenden Galerie erschien.
Wie kam Jakob Eicher, der doch in der Jrren- Süstalt sein sollte, auf einmal hierher? fragten sich die Leute. Hatte am Ende der Narr auch dieses Feuer angelegt? Warum lief er denn mit seiner jungen Frau auf dem Arm auf die brennende Galerie, anstatt die von der Wohnung nach unten führende Treppe zu benutzen? Der hatte gewiß wieder etwas Snz Verrücktes vor! Jetzt blieb er stehen und starrte die ihm von der Scheune entgegenschlagenden Fkammen — ganz ruhig, als habe er gar kein Bewußtsein von der ihm so nahen gräßlichen Gefahr. Und jetzt hörte man ein verzweifeltes Schreien: „Hilf Ernst, hilf!
Klärchen hatte, als ihr Mann die Galerie mit ihr betrat, gerade unter den int Hofe ihr am nächsten Stehenden Ernst Rother erkannt und den Hilferuf ausgestoßen.
Als hätte ihn ein Schuß getroffen, so schnellte Ernst Rother empor und stürmte unter dem fortwährenden Rufe: „Sprungtuch, Sprungtuch", wie* ein Rasender nach der Eingangstür des Hauses. Den alten Kayser auf der Treppe überholend, hatte er in wenigen Augenblicken die r '-chn'ma^ür
erreicht, dieselbe mit einigen Hieben seines Feuerwehrbeils gesprengt und war durch die schon raucherfüllten Stuben auf die Galerie gestürzt, die zur größeren Hälfte jetzt lichterloh brannte. Sich auf den eines so plötzlichen Ueberfalls nicht gewärtigen, immer noch in die Flammen starrenden Wahnsinnigen werfend und die jetzt laut um Hilfe rufende junge Frau an sich reißend, war das Werk eines Augenblicks. Als der todesmutige Retter aber mit seiner Bürde das Geländer ber Galerie erklimmen wollte, um von dort hinab auf das mittlerweile von ben Feuerwehrleuten ausgebreitete Sprungtuch zu springen, fühlte er sich plötzlich von hinten erfaßt und nur dem Umstand, daß er mi« dem einen Arm den bas Dach ber Galerie tragenden Pfeiler umschlungen hatte, verdankte er es, daß er nicht rücklings stürzte. Jakob Eicher hatte sich von seiner jähen Ueberraschung erholt und war, den früheren Nebenbuhler erkennend, mit einem tierischen Wutgeheul auf ihn eingebrungen, inbent er ihn von bem Geländer herabzuzerren suchte. Verzweifelt rang Ernst, um sich von dem Griff des Wahnsinnigen S»machen; schon glaubte er sich und die junge Frau wen, beim, mit unheimlicher Schnelligkeit hatten bie Flammen jetzt die Bedachung ber Galevie ergriffen, ba prasselte im Augenblick ber höchsten Not ein brennenber Balken von ber Decke nieber unb traf beit immer wütender zerrenden Jakob Eicher an bie Sürn —- besten Hände lösten sich und mit einem wilben Schmerzensschrei stürzte er rückwärts, während der Retter die Brüstung der Galerie mit einem Schritt erstieg und in weitem Bogen auf das unten von zwanzig kräftigen Männern gehaltene Tuch hinabsprang. Es war bie höchste Zeit gewesen, benn hinter ihm stürzte bas Dach ber Galerie jetzt krachend zusammen und ein Regen von brennenden Sparren und Schindeln ergoß sich nach unten, sodaß alle nach der Mitte des Hofes flüchten mußten.
An eine Rettung des unglücklichen Jakob Eicher war nicht zu denken, denn die ganze Galerie war int Zeitraum von towiaen Minuten ein einziges Flam
ber Kaiser morgen früh 9 Uhr 15 nach Daun und Gerolstein.
0 Eine kräftige Zurückweisung.
In ber Welfenfrage nimmt die Regierung jetzt entschieden gegen die Alldeutschen Stellung. Tie „Nordd. Allg. Ztg." läßt erfreulicherweise in ihrem amtlichen Teil einem Artikel des „Hannoverschen Kurier" eine kräftige Zurückweisung zuteil werden. In dem Artikel war bie bevorstehenbe Erlebigung ber braunschweigischen Thronfolge als ein politisches Opfer, bas bynastischen Rücksichten gebracht werbe, scharf getabelt. Weil bes Kaisers Tochter den letzten Welfensprossen zum Gemahl erkoren habe, gehe man über wichtige Reichsinteressen hinweg und treibe Hauspolitik. Dazu schreibt nun bie „Nordd. Allgemeine Zeitung":
„"Ber hierin liegende Vo rw urf gegen Seine Majestät den Kaiser und König kann nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Mögen auch die Anstchlen über die Bedingungen für die Thronbesteigung des Prinzen Ernst August in Braunschweig noch auSeinandergehen, fest steht jedenfalls, daß für die Haltung des Kaisers und feiner Regierung nicht die Heirat der Kaiserlochter und dynastische Hausinteressen, sondern die on dem Prinzen vor seiner Verlobung und Hochzeit mit Zustimmung seines Herrn Baiers abgegebenen Erklärungen und die damit für die Zulunft dem Reiche und Preußen geleisteten Garantien entscheidend waren'.
Das preußische Staat s m i n i st e r i u m wird sich in den nächsten Tagen mit der braunschweigischen Frage beschäftigen und sie sodann in Form eines Antrages vor den B u n d e s r a t bringen. Nach dem „Tag" wird der Bundesrat am 24. oder 25. d. M. Gelegenheit haben, zu diesem Antrag endgültige Stellung zu nehmen. Prinz Ern st August wird am Tage seiner Anfang November zu erwartenden Thronbesteigung eine Kundgebung erlassen, die ein klares B ek en ntnis zur R ei ch s v e rf assu n g enthalten wird.__________
* Berlin, 14.’ Okt. 1913. Oberstleutnant von Winterfeld, der bei ben französischen Manöoern verunglückte, ist in den Großen Generalstab versetzt worden. — Gerüchte über eine Verlobung der Prinzessin Elisabeth von Rumänien mit dem Kronprinzen von Griechenland werden offiziös für frei erfunden erklärt.
** Das Faustrecht. Der Wirkliche Geheime Kriegsrat Dr. jur- Romen veröffentlicht int „Tag" einen Essay über ben. Prozeß Knittel, der mit den Worten schließt:
„Viel ist in der Gegenwart geklagt worden, daß von den Gerichten die Angriffe auf die Ehre anderer zu gering bestraft werden, und nicht mit Unrecht ist dies in vielen Fällen als die Quelle unberechtigter und unerlaubter Selbsthilfe hingestellt worden. Auch die Bestrafung des Amtsrichters Knittel zu einer Geldstrafe kann als eine entfprechende Genugtuung für die Beleidigten nicht angesehen werden. Und man wird sich in der Tat nicht wundern dürfen, wenn solch milden Urteilen gegenüber bet schweren Beleidigungen dieser ober jener eSvorzieht, sich auf andere Weise selbst Genugtuung zu verschaffen.*
Das ganze Deutschlanb ist, mit sehr wenig Ausnahmen, erstaunt über bie Strenge, mit ber bie Glei- witzer Richter geurteilt haben, unb es erhofft bringenb eine Revision dieses Urteils, — unb nun sagt uns Herr Dr. Romen, baß bieses Urteil milbe sei, unb er vergißt sich soweit, baß er ben angeblich von Knittel mit Unrecht beleibigten Offizieren ben kaum mißzu- verstehenben Rat erteilt, „S e l b st h i l f e" an Knittel zu nehmen. Der Gleiwitzer Prozeß ist sehr reich'- überreich an Sonderbarkeiten, aber bas Sonderbarste ist boch Wohl die Nachrebe bes Herrn Geheimrats Romen, bie mit ber Proklamation bes Faustrechtes gegen ben Amtsrichter Knittel enbet!
menmeer unb mit Blitzesschnelle ergriff das gefräßige Element bas Dach bes Wohnhauses. So tapfer auch bie Wehr kämpfte unb so tollkühn sich einige Leute ber größten Gefahr aussetzten — gegen bie ungeheure Glut vermochten sie nichts auszurichten.
Wirkungslos verpufften bie von ben Spritzen in bas Feuer geschleuderten Wasserstrahlen unb immer mehr kam man zu der Erkenntnis, baß bas Wohnhaus verloren sei, sobaß nichts übrig blieb, al? soviel wie möglich aus bemfelben zu retten. Unb währenb Dutzende von hilfbereiten Männern in bie noch vom Feuer verschonten unteren Räume des Hauses eilten, nm alles Wertvolle auf bie Gasse zu schleppen, richteten bie Spritzen, zu welchen sich noch einige aus ben Nachbardörfern gesellt hatten, ihre ganze Tätigkeit auf bie jenseits ber brennenben Scheune liegenden Ställe unb Wirtschaftsgebäude. Da ber Wind nach bem Wohnhaus zu wehte, gelang es auch, biefe Gebäube vor ben Flammen zu bewahren.
Unter lauten Beifalls- und Freudenrufen hatten die Männer bie in bem letzten Augenblick von ber brennenben Galerie Geretteten aus dem Sprungtuch gehoben und eine vor den herabfallenden brennenden Holzstücken geschützte Stelle getragen. Die junge Frau war durch die furchtbare Angst und Aufregung ber letzten Minuten ohnmächtig geworben, währenb ihr Retter wie ein Trunkener sich taumelnd an dem ihm zunächst Stehenden sesthielt. Jetzt erst Mite er den stechenden Schmerz in der linken Schulter, ber, wie er sich erinnerte, von dem Schlage her- rührte, mit welchem ihn ber herabfallenbe Balken gestreift hatte, boch achtete er nicht barauf unb raffte sich mit aller Willenskraft zusammen, um feine Sorge bem ohnmächtigen Klärchen zuzuwenben. Wankenden Schrittes folgte er in das Nachbarhaus, wohin man bie Bewußtlose trug unb verfolgte mit angstvollem Blick bie Bemühungen ber Frauen, welche bie Gerettete ins Leben zuruckzurufen suchten. Nur eine bange Frage durchzitterte ihn: war Klärchen nur ohnmächtig ober ebenfalls von bem niederstürzen' ben Gebälk getroffen unb vielleicht erschlagen worden? Zwischen ihren versengten Haaren rieselte es herab wie Blut — allmächtiger Gott: war er vielleicht zu spät gekommen — sollte bas Fürchterlichste, was ihn im Leben treffen konnte, sich bewahrheiten?
Er achtete nicht bes Hämmerns in leinen Schlä-
X Mit dem Blatte des Deuffchen Bauernbundes, dem „Deutschen Kurier", scheint die nationalliberale Partei ganz unbefriedigende Erfahrungen zu machen. Das Blatt, das mit so großem Tamtam ins Leben gerufen wurde, war von Anfang an äußerst langweilig redigiert. Es fehlte den Leuten, die da mit ber nationalliberalen Bauernerziehung betraut worden waren, jede Redaktionstechnik, unb außerdem nahm der Inhalt auf keine Bevölkerungsschicht weniger Rücklicht auf gerade auf die Bauern. Das scheint am 1. Oktober dann auch ben unverrneiblichen Mißerfolg ins Haus gebracht zu haben, denn seit einiger Zeit bemüht bas Blatt' sich um bie — Beamten unb bie Staatsarbeiter, benen es unausgesetzt sehr viel Raum toibmet. Es wird also wohl mit der Presse- Herrlichkeit des Bauernbundes bald zu Ende sein.
* Protestantische Stenographie. Kürzlich wurde berichtet, daß man in Preußen vielfach eine Abneigung gegen die Gabelsbergersche Stenographie habe, weil Gabelsberger — Katholik gewesen sei, unb daß 'man deshalb bas System der „Protestantin" Stolze-Schrey bevorzuge. Zweiflern gegenüber veröffentlicht nun bet ,Vayer. Kuriert folgenbe Erklärung des Prok. Plaff:
Die Umerstellung, daß es sich bei der erwähnten Aeußerung eines protestantischen Regierungs- Vertreters: „Was gebt uns der süddeutsche katholische Babelsberger an!" um eine Erfindung handle, weise ich mit Entrüstung zurück. Die Aeußerung ist gefallen, aber ich habe mit dieser Aeußerung eines einzelnen, wie der Schule Stolze-Schrey genau bekannt ist, der Preußischen Regierung, deren streng paritätische Haltung in der Stenographiefrage mir durchaus bekannt ist, keinen Vorwur' gemacht, sondern lediglich zeigen wollen, daß das Verhalten eines jungen Menschen, der für das Gabelsbergersche System mit dem Hinweis auf die Konfejston Gabelsbergers zu werben suchte, nicht so verurteilt werden muß, wie es in einer Stolze-Schreyschen Zeitschrist geschehen war. Um so mehr ist es zu bedauern, daß die Stolze-Schreysche Berbandsvertretung die betreffende Aeußerung mit einem schweren Angriff auf meine Ehre zu Reklamezwecken für ihr System benützt hat.
* „Schreibetseeletrt. In bem ersten Krupp-Prozeß batte der Kriegsgerichtsrat Dr. Welt, der bie Anklage vertrat, ben angeklagten Zeugoffizieren gegenüber das Wort „Schreiberseelen" gebraucht. Infolge von Beschwerden aus den Kreisen ber Militärbe« amten hat bas Kriegsminifterium den Beteiligten die Eröffnung zugehen lassen:
„Kriegsgerichtsrat Dr. Welt habe noch seiner Angabe mit dem Worte „Schreiberseelen" nicht den ganzen Stand, dem die von ihm gemeinten Angeklagten angehörten, sondern allem diese unter Anklage stehenden Personen habe treffen wollen. Das Kriegsministerium habe hierüber von Anfang an keinen Zweifel gehegt; es sei aber Dem Genannten bedeutet worden, daß der von ihm gebrauchte Ausdruck — zumal bei der Gegenüberstellung der höheren Offiziere und Beamten — ju vermelden gewesen wäre.
* Dresden, 14. Okt. 1913. Großfürst Kyrill Wladimirowitsch, der in Vertretung des Zaren an ben Leipziger Feierlichkeiten teilnebmen wirb, traf heute nachmittag zum Besuche des Königs auf dem Hauptbahnhofe ein. Er würbe vom König empfangen und nach bem Residenzschloß geleitet.
-st- Karlsruhe, 14. Okt. 1913. In Rastatt hat sich die nationalliberale Parteileitung eine neue Niederlage von ihren dortigen Parteigenossen geholt, bie von bem Blockabkommen ber Sozialdemokraten nichts wissen wollen. Die örtlichen nalionalliberalen Vereine in Rastatt haben bekanntlich als liberalen Kandidaten Herrn Nieberbühl ausgestell; Die nationalliberale Parteileitung aber hatte entsprechend dem Blockabkommen einen fortschrittlichen Kandidaten ausstellen müffen, einen Herrn Dr. Vogel. Alle Versuche, die Rastatter zu dem Blockabkommen zu bekehren, schlugen fehl. Da versuchte man es
fen, nicht des erstickenden Gefühls, das sich um feine Brust legte, eines Gefühls, als sänke er in bodenlose Tiefen — in dem herzzerreißenden Aufschrei: „Klärche, komme zu dir!" machte sich sein gequältes Innere Luft. Und als wohne seiner Stimme eine belebende Kraft inne, so öffneten sich die braunen Augen der auf den Kiffen Liegenden und richteten sich mit dem Ausdruck unendlicher Liebe auf ihren Retter
„Ernst ich wußt. daß du kommst, wenn ich dich ruf! Ich Mußt, daß du for mich dorch's Feuer gehst!" sagte sie dabei mit klarer Stimme: „Ich dank dir, du Lieber, du Guter!"
Da sank Ernst vor dem Bett aus die Knie, ergriff die Hände der mild auf ihn Herablächelnden und bedeckte sie mit Küssen. Dann war es ihm wieder, als brausten tausend Stimmen um ihn her, die Gestalten und Gegenstände versanken in Nebel und mit einem schweren Seufzer sank er bewußtlos zu Boden.
15. Ende gut — Alles gut!
Ergreifend war der Jammer gewesen, den die sonst so gelassene und ernste Frau Rother zur Schau getragen, als man ihr den bewußtlosen Sohn auf einer Bahre in das Haus gebracht hatte. Sie glaubte, daß die trübe Ahnung, welche sich ihrer beim Fortgehen Ernst's bemächtigt, nicht trüge — glaubte, der Sohn fei in vollster Jugendblüte an der Schwelle des Glücks dahingerafft worden. Mit dem sie überkommenden wilden Schmerze war das stets streng verhehlte Muttergefühl mächtig hervorgebrochen, und mit dem herzzerreißenden Rufe: „Mein Bub, mein lieber Bub!", war sie an dem Lager niedergesunken, auf welches man Ernst gebettet hatte. Erst die beruhigenden Versicherungen der mitgekommenen Männer, daß ihr Sohn nicht tot, sondern nur von einer schweren Ohnmacht befallen fei, hatten ihr die Fassung allmählig wiedergegeben und als erst der Ohnmächtige einen Moment lang die Augen aufgeschlagen und ein schmerzliches Stöhnen hören ließ, war sie wie von einer Feder geschnellt in die Höhe gefahren unb hatte mit alter Tatkraft das Nötige angeordnet, um dem Leidenden Linderung zu verschaffen.
In Ermangelung eines Arztes war von August Bremser der alte Törtbader herbeiaebolt worden und