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4. Blatt.

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•'M* Fuldaer Zeitung.

öiiiNLlag II. Oktober 1915.

q Chinas Prafivent

Gestern, am zweiten Jahrestage der Wutschanger Revolution, ist in Peking I u a n sch i k a i, der erste verfassungsmäßig gewählte Präsident der Re­publik China feierlich in sein Amt eingesührt worden.

An dem feierlichen Staatsakt, mit dem die Revolu­tion abschließt und die verfasiungsmäßige Republik be­ginnt, nimmt auch das diplomatische Korps teil. Da­mit wird China wieder in die Gemeinschaft der Staa­ten ausgenommen, aus her es die Revolution gegen das Kaiserhaus der Mandschu ausgeschlossen hatte. Daß der llebergang sich so rasch vollzogen, ist zumeist das Verdienst Juanschikais. Wäre es nach dem Sinne der Reichsverderber Sunjatsen, Hwangtsching und Genossen gegangen, so wäre China einer endlosen Zeit aufeinanderfolgender Umwälzungen überantwor­tet worden, zum Besten der allerorten lauernden äußern Feinde. Schweres ist Juanschikai aufgebürdet worden: ober Großes bat er auch vollbracht.

Juanschikai steht jetzt vor gewaltigen Aufgaben, denn kein Land der Erde bedarf augenblicklich Wohl so sehr einer umsichtigen, tatkräftigen Regierung, wie das gewaltige, innerlich zerrissene und von außen hart bedrohte Chinesenreich. Eben erst hat eine blutige Revolution China durchwühlt, und mit knapper Not ist es jüngst erst einem .Krieg mit Japan ausgewichen. Schwere Arbeit harrt des neuen Präsidenten in der inneren Verwaltung des Reiches, tnt Ausbau der neuen Verfassung und vor allem in der Gesundung der tröst losen finanziellen Derhältniffe. .Eine Lebensfrage-der Republik ist die Aussöhnung zwischen.dem Norden und Sü- d e n des Reiches, sowie die Festigung der bedrohten Gebiete, nicht zuletzt auch ein tatkräftiges Vorgehen zur Wiedergewinnung Tibets und der M-nr-wI«.

Juanschikai ist der Mann. der die Erfahrung und die Tatkraft besitzt, um die Republik lebensfähig zu machen, wenn nur im Lande die R u h e gewahrt wird und die Mächte dem neuen Staatswesen Anerkennung und Unterstützung zuteil werden lassen.

China ist ein Land der Zu k u n f.t; seine un­igehobenen unermeßlichen Schätze an Kohlen und Erz, sein heute schon aut durckgebildetes Bankwesen, der nüchterne Geschäftsgeist und die angeborene Geschäfts­tüchtigkeit der Chinesen bürgen dafür, daß China auf dem zukünftigen Weltmärkte eine hervorragende Stel­lung einnehmen wird. Denn das Land ist jetzt der westeuropäischen Zivilisation erschlossen worden, und allenthalben dringen die Pioniere der Kultur in die Gebiete der neuen Republik ein, und nicht lange mehr wird es währen, daß Industrie und Technik auch in China die Wunder wirken werden, die sie in Japan gewirkt haben.

Damit der sichere Aufschwung jedoch zum Segen be§; Landes gereiche und China selbst die Vorteile sejnes eigenen Reichtums genießen kann, muß die neue Regierung vor allem auch ihre Sorgfalt der kul­turellen Ausbildung des Volkes zuwenden. Da besteht nun die Hoffnung, daß China in der Wahl der Mittel zur kulturellen Hebung des Landes eine glücklichere Hand haben wird, als Javan. Die Revublik hat dem Christentum die Tore ge­öffnet, und im alten Europa beginnt man auch das Zeitgebot zu erfassen, daß die Missionierung Chinas heute eine der Hauptaufgaben des C h r i st e n t u m s ist. Je mehr das Christentum in China vordringt, und im öffentlichen Leben zur Herr­schaft gelangt, um so näher rückt uns auch das Land selbst..

Wir Deutschen haben ein großes Interesse an der Zukunft Chinas: je, mehr unsere heimische In­dustrie darauf angewiesen wird, im Ausland Absatz­gebiete zu finden, um so größeres Interesse besitzen wir daran, im Ausland uns Freunde zu werben. Der deutsche Missionar, der deutsche Kaufmann und der deutsche Techniker genießen in China schon ein hohes Ansehen, und es gilt für uns nur, uns von dem Platze nicht wieder verdrängen zu lassen, den wir uns erobert haben. Wir können dem neuen Staat, der setz: die Anerkennung der Mächte findet und in Juans hikai seinen ersten Präsidenten erhält, als Freunde reichen Erfolg wünschen.

D, diese Mütter!

Humoristische Skizze von Thefi Bohrn.

(Nahdruck verboten.)

„Holla, Mama, was gibt's nur? Du. siehst ja aus wie weiland die Rachegöttin!" rief lachend Herr Beit Pellermann und nahm beschwichtigend die klei­nen Hände der stfttlichen Dame in seine großen.

„Ach, Beit, ich bin außer mir!" rief Frau Pel- lermann und sank matt in eine Sofaecke, „ich sage dir, es geht nicht mehr schön zu in dieser Welt." -

„Zugegeben, Herzensmama, aber was ist dir nur widerfahren?"

„Mein Gott, was soll mir widerfahren sein — ich war bei Schallers--

„Aha!" lief mit verständnisinnigem Lächeln der besorgte Sohn.

„Nun ja, man muß sich doch endlich einmal klar werden und wissen, woran man ist in der ganzen fa­talen Angelegenheit--"

„Ganz meine Ansicht, Mama."

„Nicht wahr? — Aber diese Frau Schaller, ich sage dir, Beit, diese Frau Schaller!--"

„Nun. was ist's mit ihr? Will sie nicht zugeben, daß ihr Karl Peine Mizzi heiratet?"

„Nicht zugeben, nicht zugeben, wie du nur so reden mckgst! Als ob unsere Mizzi ein Mädchen wäre, die man ausschlagen dürfte! Mizzi könnte zehn Männer auf einen Finger kriegen."

„Na, Mama, das klingt fast wie ein Märchen aus längst vergangener Zeft! Mit dem Zehnmännerkrie­gen hat's heutzutage gute Wege — übrigens ist Mizzi ein ganz respektables Mädchen.

„Das will ich meinen! Sie ist hübsch, gebildet, hat viel gelernt, ist häuslich erzogen und bekommt eine schöne Aussteuer und ein nettes Sümmchen obendrein — na, ich glaube- alle Eltern • könnten sich gratulieren, wenn ihnen ihr Söhn eine solche Tochter zuführte — und obendrein, wo's bei Schallers nicht so dick sein soll."

„Nun, Ttama", sagte mit boshaftem Lächeln Herr Pellermann jun., „so wollen es Schallers also doch nicht zugeben?"

^Kommst du mir schon wieder mit dem Nicht­zugeben! Ich sagte dir doch, das sei ausgeschlossen übrigens soll sich Karl nicht so gängeln lassen von seiner Mutter, er ist längst majorenn, hat seine ge­sicherte Stellung, wenn sie auch nicht gerade glänzend ist, daraus kann man aber heutzutage nicht warten — ich bin sehr, sehr konsterniert über die ganze Ge­schichte und würde mit einer Art Wonne Karl Mizzis Hand fcrtoeigern, wenn nur das Mädchen nicht gar

W Peking, 10. Olt. 1913. (Tel.) Die Amts­einführung des Präsidenten Juanschikai ging im Taiho-Palast vor sich. In seiner Antritts­rede hob der Präsident hervor, daß er eine feste und stetige Politik führen werde. Er werde sorgen für die Erhaltung der öffentlichen Ordnung und auf die Erfordernisse der Zeft und der Umstände eingehen. Er trete für den Fortschritt ein. Kapital und Un­terricht, besonders auf technischem Gebiete, seien für die Erschließung Chinas von Wichtigkeit. Beim Emp­fange des diplomatischen Korps hielt der spanische Gesandte ein: Rede, in der er Juanschikai die Glück­wünsche der fremden Vertreter überbrachte. Tie genaue Beobachtung der Verträge und Gebräuche sichere nicht nur die Freiheit Chinas und die Stabili­tät der Republik, sondern auch die Erschließung des Reichtums Chinas.

Ausland.

△ Ter filmt? von Wien «nd die Press:. Ter Klerus von Wien hat beschlossen, jeden Sonntag in einer anderen Kerche eine Predigt über den Segen, den die katholischen Zeitungen verbreiten können und über den Schaden der religionsftindlichen Presse zu veranstalten.

△ Eine Klosterfrau vom König von Belgien deko­riert. Der König von Belgien hat Schwester Gudula, gebürtig äuS WierS, einer Pfarrei in der Nähe von Turnei, die Insignien des LeopoldordenS überreichen lassen. Schwester Gudula hat sich während der Be­lagerung von Adrianopel in ganz besonderer Weise bei der Pflege der Verwundeten ausgezeichnet. Be­kanntlich hat seinerzeit schon England öffentlich den katholischen Schwestern m Adrianopel Ehre wider­fahren lassen.

** Gegen die Schulvorlage der belgischen Regie­rung haben die liberalen und sozialdemokratischen Gegner nun auf der ganzen Linie mobil gemacht. In allen vom Block beherrschten Rathäusern des Landes werden Beschlüsse gefaßt, die den Kampf gegen die geplante „Bereicherung der Klöster" ansagen und die Schulvorlage für ein Kampfmittel gegen den öffent­lichen Unterricht und gegen die Rechte der Gemeinden und der Provinzen erklären. Erst dieser Taae geschah das im Stadtrat von Brüssel, wo ein Sozialdemokrat auseinandersetzte, daß die Schulvorlage schnurstracks gegen den Willen „des Volkes" und „des Landes" ver­stoße. Einer der weuiaen katholischen Ratsherren, die noch im Brüsseler Ratssaale sitzen, verwies den Sozial­demokraten auf das Ergebnis der letzten allgemeinen Wahlen, die doch auf dem Boden der Schulreformftage ausgekämpft worden seien. Wütende Gegenrufe von den sozialdemokratischen und den liberalen Bänken wollten dem Redner das Weiterreden verbieten und bestritten, daß die Schnlsrage bei Heu Wahlen eine be­sondere Rolle gespielt, hätte. Das war indessen sogar dem Bürgermeister Max zuviel. „Es ist unbestreit­bar," erklärte er, „daß die Wahlen von 1912 die Schul­frage zum Einsatz hatten. Wir sind bei dem Wahlkampf unterlegen; aber das berührt uns nicht, denn der Sieg ist von den Klerikalen einzig „mit Hülse von — Wahl- schtoindeleien (!)' errungen worden". Der Bürger­meister hat sich die Sache doch gar zu leicht gemacht! Zwei Monate lang haben im Sommer 1912 Liberale und Sozialdemokraten um die Wette in der Kammer gezetert über angebliche von den Katholiken damals verübte Wablbetrüaereien, und in einer einzigen Aut- wortrede zeigte Helleputte der Kammer und dem Lande, daß es den Hvmans und Huhsmans mit allem Wortschwall nicht gelungen war, auch nur einen ein­zigen Fall angeblicher Wablbetrügerei nachzuweisen. Dessen sollte der Brüsseler Bürgermeister sich erinnern können. Die liberalen und sozialdemokratischen Partei- voxstände haben beschlossen, mit einer das ganze Land umfassenden Agitation mittels Flugblätter, Plakate und Versammlungen zu beginnen. Die Kammer tritt am 14. Oktober zusammen.

Ans dem ttacbbaraebiete.

* Witzenhausen, 10. Oft. 1913. Es.klingt fast wie ein Märchen, wenn man hört, daß es in K u r h e s -

so vernarrt in ihn wäre; aber ich glaube, sie ginge mit ihtu durch, ehe sie sich ihn ausreden ließe. Gott, was man Nur' mit seinen Kindern für ein Kreuz hat! Doch dafür scheinst du kein Verständnis zu besitzen!"

„Doch, doch, Mama — aber ich weiß nur bis jetzt noch immer nicht, was dir Frau Schaller ange­tan hat." . ■ . . i

„Mein Gott, sie sagte, ihr Karl müsse mindestens noch fünf Jahre warten, ehe er ans Heiraten denken dürfe, denn erstens sei er noch viel zu jung und dann hätte er noch zu wenig Gehalt, um einen Hausstand gründen zu können — und der gleichen Gemeinplätze mehr. Ich bitte dich, der Mensch ist nahezu 26 Jahre alt — da soll er zu jung sein! Mizzi ist freilich schon 22 und nun denke dir, wenn sie noch fünf Jahre warten soll — hilf Himmel! Dann ist sie schon eine richtige alte Jungfer! Und was den Haus­stand anbelangt — na, da trägt ja Mizzi das ihrige dazu bei. Aber Schallers sind swlz (tote alle Leute, die nichts haben) und meinen, Karl dürfe nicht von einer Frau abhangen. Aber nun werde ich energisch fein, gleich heute abend, wenn Karl kommt, will ich thm erklären, daß dies nicht so fortgehen kann — entweder er heiratet Mizzi in absehbarer Zeit oder gar nicht Es ist ja recht schön und gut, wenn ein Kind seinen Eltern folgt, aber zu weit darf das auch nicht gehen —ein Mann muß noch immer ein Mann bleiben und füglich den Eltern gütlich beibringen, wo die Grenze ihrer Macht über ihn aufhört. In unse­rem Falle wäre das nur auf die Mutter anzuwen­den, denn der alte Herr scheint nicht dagegen zu sein."

Frau Pellermann schwieg erschöpft und ließ die bisher hefttg gestikulierenden Hände mit einem tie­fen Seufzer in den Schoß fallen. Veit Pellermann lächelte noch immer fein und als endlich Mamas Re­defluß stockte, lief er belustigt:

„O. diese Mütter! Es ist eine immer und immer wiederkehrende Tatsache, daß keine Mama ihre Söhne heiraten lassen will; und hätten sie auch Methusa­lems Alter erreicht, so sind sie ihrer Ansicht nach noch immer viel zu jung. Bei den Töchtern ist's aber ge­rade das Gegenteil, die sind nie zu jung, für die wird schon an einen künftigen Ehegesponsen gedacht, wenn sie noch in der Wiege liegen, und je früher eine Mutter ihre Tochter „anbringt", desto stolzer trägt sie ihr Haupt."

„Das verstehst du eben nicht, Veit, es ist doch die Bestimmung eines jeden Mädchens, daß es heirate — heutzutage' wird das freilich bestritten! aber an diese Neuerung kehre ich mich nicht, das ist nach mei­ner Ansicht ein Unsinn. Je früher man also ein

fen ein Dörfchen gibt, das von seinen Bewohnern verlassen ist.' Es ist das Dorf Wöllstein, nahe bei der Stadt Hessisch-Lichtenau, zwischen waldigen Höhen­zügen und abseits von allem Weltverkehr gelegen. In­folge seiner Sage und des nur kümmerlichen Ertrag liefernden Ackerbodens hat sich die etwa hundert Köpfe zählende Einwohnerschaft nach und nach von der Scholle losgerissen und ist in alle Winde zerstreut wor­den. Eine Anzahl von ihnen ist schon vor Jahren nach Amerika ausgewandert. Andere verkauften ihren Be­sitz einem benachbarten Gutsbesitzer, um dann eben­falls der Heimat den Rücken zu kehren. So kam ein Sonntag, an dem zum letztenmal die Glocken geläutet wurden, und dann Gotteshaus und Schule ihre Pfor­ten schlossen. Verwaist und ausgestorben, so schildert es die „Berl. Morgenpost, liest das Dorf jetzt da. kein Kind svielt mehr auf der Strafte und kein Huhn hastet mehr über den Weg. Nur aus einem Schornstein träufelt gegen Abend noch Rauch auf; die alte Kuh- birtin ist geblieben, sie will sich nicht von ihrer Heimat trennen. An dem ehemaligen Bürgermeisterhause hängt noch ein vergittertes und verwittertes Kästchen, in dem früher die standesamtlichen Aufgebote und Amtsverfügungen aushingen. Eine Tafel trägt in regenverwaschenen Buchstaben die Inschrift: „Dorf Wollstein, Kreis Witzenhausen, Regierungsbezirk Kassel.

* Wiesbaden, 9. Oft. 1913. Die bei der Nassaui­schen Svarkasse eingefübrte Abholung von Spareinlagen hat ein überraschend gutes Er­gebnis gehabt; in den ersten neun Monaten dieses Jahres sind von 56 Personen 90 802 Mk. eingegan- ’ gen: 300 Dienstboten legten 33 397 Mk. an; bei der Abholung in Geschäftshäusern, Hotels usw. beteiligten sich 36 Betriebe, hier legten 351 Angestellte 37 183 Mark an.

* Würzburg, 10. Oft. 1913. Die uralte fränkische Herzogs- und Fürftbifchofsstadt Würzburg ist mit dem größten Teile Unterfrankens 1814 dem König­reich Bay-ern einverleibt worden, kann also im nächsten Jahre das hundertjährige Jubiläum der Zugehörigkeit zur Krone Bayerns feiern. Aus diesem Anlaß sind im Juni 1914 größere Veranstaltungen in Aussicht genommen. Außer einem besonderen Fest­akt und einer allgemeinen Schulfeier sind insbesondere zu nennen: eine frättltfAe Kunstausstel­lung und zwei auf den Frühling und Herbst H gesetzte Gartenbauausstellungen, von denen die erste namentlich die Erzeugnisse der hochentwickel­ten fränkischen Frühtreiberei von Blumen und Gemü­sen vorführen fall. Ferner außer einem historischen Festzug und einer Festaufführung des Konser­vatoriums eine Freilicht-Fe st spielauffüh- r u n g und ein großes Volksfest. Sodann sind die Herausgabe einer historischen Festschrift und die Prä­gung einer Jubiläumsmedaille in Aussicht genommen. Auch ist eventuell die Errichtung eines Denkmals in Erwägung gezogen.

vermischtes.

* Gehören Wachstuch und Papier zu einer Aus­stattung? Ein hübsches Stückchen vom Bürokratis­mus wird aus einer schlesischen Stadt berichtet. Dort hatte eilt junger Mann eine Oesterreicherin gehei­ratet, sodaß auch die Ausstattung von dort kam. Die Einführung einer Ausstattung ist nach den geltenden Bestimmungen zollfrei, doch sind eine ganze Reihe Formalitäten zu erfüllen. Nach Erledigung dieser Formalitäten gab die Zollbehörde die Sachen frei, sandte aber bestimmungsgemäß ein genaues Ver­zeichnis aller Gegenstände an die Oberzolldirektion. Dort fand ein findiger Beamter heraus, daß eigent­lich zwei in deut Verzeichnis aufgeführte Sachen von Rechts wegen nicht zu einer Ausstattung gehörten. Es waren dies eine Rolle Wachstuch und eine Rolle weißes Papier. Die lokale Zollbehörde erhielt daher den Auftrag, den Zoll für diese beiden Sachen fest- zustellen und einzuziehen Das junge Paar war nicht wenig erftannt, als eines Tages zwei Zoll­beamte in Uniform in der neu eingerichteten Woh­nung erschienen. Sie verlangten die beiden Rollen Wachstuch und Papier zu sehen, doch leider war dies

Mädchen seiner Befttmmuug zuführt, desto besser. Bei einem Manne tst das etwas ganz anderes, der kann sich Zeit lassen, denn er kommt doch auf alle Fälle daran."

„Aber liebste, beste Mama, das ist doch ganz un­logisch, wo sollen denn die Mädchen die Männer her- nehmen, wenn die Mütter ihre Söhne nicht loslassen wollen?"

Die sonst so schlagfertige Frau Pellermann ivar auf eine derartige Frage ihres Sohnes nicht vorbe­reitet und augenblicklich um eine passende Antwort verlegen; sie sagte nur ärgerlich: „Mach doch keine schlechten Witze, Veit!"

„Fällt mir gar nicht ein, Mama, über so eine ernste Sache Witze zu machen, und wenn du nach- densst, mußt du zugeben, daß ich recht habe. Mütter sind eine ganz merkwürdige Spezies. Ausnahmen, wie überall auch hier angenommen, ziehen die mei­sten mit den schärfsten Geschützen gegen die Frauen- ernanzivation zu Felde, erklären es als Unsinn, Narrheit, Unnatur, wenn Mädchen studieren wol­len, oder sich in irgend eitter Weise selbständig zu machen suchen, und verfechten die Ansicht, daß zedes Mädchen für die Ehe und nur für die Ehe bestimmt sei, bemitleiden oder bespötteln jede „Sitzengeblie- bene", und haben für Mädchen, die sich selbständig durchs Leben ringen, nur ein geringschätziges Achsel­zucken. So weit wäre dies auch ein Standpunkt, ein falscher zwar, aber ein begreiflicher — nun kommt aber der Widerspruch. Die Söhne werden festge­halten und Ach und Weh über sie geschrien, wenn sie Heiratsideen bekommen. Ta gibt's tausend Gründe dagegen, und würden sich alle Söhne danach richten, wäre wohl die Welt nahe am Aussterben und die wenigsten Mädchen könnten ihrer Bestim­mung zugeführt werden. Ich will dir gleich ein Erempel gebtn, Mama: Was glaubst du, was allenfalls Fran Schaller sagen würde, wenn ich in aller Form um ihre Fritzi anhielte?"

Die gute Pellermann wurde feuerrot: „Aber Beit, rede keinen Unsinn!"

„Das ist durchaus kein Unsinn: ich bin überzeugt, daß Mama Schaller, die ihren Sohn nicht heiraten lassen will, sicher nicht nein sagen würde, wenn's ihre Tochter gilt, — was wettest du?"

„Ich bitte dich, Veit, mach' mich nicht nervös!" rief Fran Pellermann.

Beit setzte sich an ihre Seite und küßte ihr beide Hände.

„Ja, ich kann dir nicht helfen «Mama, du mußt dich schon dreinfinden."

„In was?"

Deutliche Schrift

bei Anzeigen-Besteilung 1

Nach einer Entscheidung des Reichsgerichts braucht für Fehler in einer Anzeige, die infolge unleseilich oder undeutlich geschriebenen Manu« skripts entstanden sind, kein Ersatz geleistet zu weiden. Das Reichsgericht ging hierbei von der Ansicht aus, dass Anzeigen, die man einer Zeitung zusendet, deutlich geschrieben sein müssen.

nicht möglich, weil Wachstuch und Papier durch das Auslcgen in Schränken schon die beabsichtigte Ver- Wendung gefunden hatte. Schließlich wurde der Zoll für beide Gegenstände auf zusammen sage und schreibe 10 Pfg. festgesetzt, die Kosten der Zoll­erhebung aber auf 40 Pfg., sodaß das junge Paar im ganzen 50 Pfg. zu zahlen hatte. Wie teuer wer­den hier wohl dem Fiskus die 10 Pfg. Zolletnnahme gekommen sein? lieber die 10 Pfg. Zoll hat die Zollbehörde auch auf dem Frachtbriefe quittiert.

* Gilt mystcriöscs Verbrechen. Eine suichibare Blut­tat bat sich tu dem stiller tteberlingen am Bodensee abgespielt. Ihr ist ein bekannter Stuttgarter Geschäfts­mann, Leo Schweyer, zum Opfer gefallen. Allem An­schein nad) aber nicht als unfchulviges Opfer, sondern nach einem raffiniert angelegten Morvoersnch, durch den er selbst einen langjährigen Freund und Nachbar, den Privatier Charles Th. Mackley, beseitigen wollte, um sich in den Besitz von dessen Vermögen zu setzen. Schweyer, dessen Familie in Stuttgart wohnt, hatte seinen Nachbar Mackley nach einem Zechgelage in seine Billa eingeladen, angeblich um durch >hn, der früher Elektrotechniker war, die elektrische Beleuchtung seines Badezimmers Nachsehen zu lassen. Als Mackley auf dem Stuhl stand, warf Schweyer den Stuhl um, so daß Mackley in die mit Wasser gefüllte Badewanne fiel. Schweyer stürzte sich auf ihn und versuchte ihn zu er­tränken. Hierauf griff Mackley zum Revolver und gab auf Schweyer einen Schuß ab, der nun seinerseits eben­falls zum Revolver griff. Als Mackley dies sah, gab er einen zweiten Schuß auf Schweyer ab, der durch den Kopf ging und Schweyer tötete. Wie raffiniert Schweyer vorgegangen war, geht u. a. daraus hervor, daß er bereits sämtliche Türen seines Hauses verschlossen und die Schlüssel entfernt hatte, als er mit Mackley in das Badezimmer ging. Dieser konnte, wie er sich zur Anzeige des Vorfalls auf die Polizei begeben wollte, nur durch ein Abortfenster ins Freie gelangen. Auffallend ist, daß man vor der Billa ein Boot im See fand, das mit Stricken und schweren Steinen ausgestattet wir. Offenbar hatte Schweyer die Absicht, wenn der Mord an Mackley gelungen sein sollte, den Leichnam in die See zu versenken. Nachträglich wird auch noch der Name Schweyer» mit dem großen Brand des Boots­hauses in Uederlmgen tm letzten Winter in Verbindung gebracht. Damals ist auch sein Motorboot verbrannt, das er sehr hoch in der Versicherung hatte. Mackley stellte sich sofort nach der Tat der Staatsanwaltschaft und wurde nach der ersten Voruntersuchung sofort auf freien Fuß gesetzt. Er scheint offensichtlich zu fein, daß Mackley in Notwehr gehandelt hat. Mackley ist geborener Engländer. Die Billa gehörte schon seinem Vater, er wohnt seit acht Jahren in Ueberlingen und erfreut sich hier eines sehr guten Rufes. Nach den Angaben Mack- lcys, denen übrigens vom Gericht und der Oeffenllichkeit voller Glauben geschenkt wird, hat Schweyer im Hotel das Gespräch auf seine Tochter gebracht. Er soll dem Mackley in Aussicht gestellt haben, daß nichts im Wege stünde, daß er seine Tochter heiraten könne, doch müsse er vorher ein Testament zu Gunsten seiner Tochter aus- fertigen. Der gutmütige Mackley ging darauf ein und schrieb auch ein Testament zu Gunsten der Tochter Schwcyers. Vorher aber scheint schon etwas ähnliches, meUeidjt ein Manuskript oder dergleichen, sich in den Taschen von Mackley oder Schweyer befunden zu haben, denn oie Gerichtskommission fand in der Wohnung Schweyers nachher zwei Testamente, beide zu Gunsten der Tochter Schweyers. Eine Gerichtskommission, von Mackley gehollf untersuchte noch in der Nacht die Villa und stellte den Tatbestand fest.

* Reiche Goldfunde, die im Whiteriver-Distrikt Alaska, teilweise auf kanadischem Gebiet gemacht wurden, werden von kanadischen Zollbeamten bestä­tigt. Es herrscht riesiger Andrang von Goldsuchern.

Ihr- Augen wurden unheimlich groß.

„Nun, in meine bevorstehende Verlobung, von der bis jetzt keine Seele außer mir und Fritzi eine Ahnung hatte."

Frau Pellermann schnellte vom Divan empor.

„Veit! - du! du!?"

„Ja, Mama, ick — oder metnst du vielleicht, ich sei auch noch zu jung zum Heiraten? oder nicht fähig, einen Hausstand zu gründen? Nun, du wctßt, tch. habe eine sichere Staatsstellung, ein anständiges Ge­halt und extra noch, wie Schwesterchen Mizzi, dank Papas und" deiner Güte, ein kleines Sümmchen zur. Verfügung — dann fehlen mir gerade noch sechs Wo­chen auf zweiunddreißtg Jahre — —"

„Schweig!!" . .

„Tröste dich, Mama, es hat s utcmaud gehört — wer würde es auch glauben, daß du schon so einen alten Jungen hast."

Frau Pellermann schlug beide Hände vors Ge­sicht und schluchzte: .

„Bon dir, Veit, von dir hätte ich's tue geglaubt, daß du deine Mutter so kränken könntest."

„Aber, Herzensmama, du tust mir unrecht, tch habe dich meines Dissens vorsätzlich nie gekränkt, ich war immer ein guter und hauptsächlich ein folgsamer Sohn — dieses Zeugnis mußt du mir doch geben — und jetzt noch, schau, wie solgfam ich bin, du hast mir vorhin die Lehre erteilt, ein Mann müsse ein Mann bleiben und den Eltern in Gifte beizubringen trach­ten, wo die Grenze ihrer Macht aufhvrt. und nun ick dir zeigen will, wie ich deine Lehre beherzige, zürnst du mir. Ist das auch recht?"

„Geh'", fchmcickelte er und strich, ihr die Wange, „sag's einstweilen dem Papa, der wird eine Freude haben, die Fritzi war ja immer sein Liebling. Und heute abend helfe ich dir, dem Karl den Kopf zu­recht zu setzen und ihm die wichtigste Lebensregel bei­bringen, daß ein Mann immer ein Mann bleiben müsse. Für biejen Ausspruch, Mama, muß ich dir noch einen Extrakuß geben!"

Sie wehrte seine Liebkosungen ab, warf ihm einen unbeschreiblichen Bliä zu und ging langsam zur Tu hinaus.

Veit Pellermann sah ihr nach und rieb sich ver­gnügt die Hände.

Sie ist di; beste Frau von der Welt, doch wie jede Mutter eifersüchtig — sie kann s und kann s nicht verwinden, daß in des Sohnes Herzen em an­deres Weib außer ihr Platz findet. O, diese Müt­ter!"