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Zuldaer Leitung

Monats-Beilage:

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Zuldaer Seschichtsblätter

s Eiefjungsliften der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. halbjährlich Taschenfahrplan, k

40. Jahrgang

Samstag den II. Oktober 1913

erstes Blatt.

Nr. 236

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Illustrierte Sonntagszeitung

findigen: Btr Roum einer «InspoMgen kaloneirelle, «T m» »reit, tonet >4 Pta, Redlomen: Dtr Roum einer loloneheil«, 74 mm breit, koftef 40 Pfe Bd tDuOerholungen Rabatt. $ür Oftert- und fiuskunftcnplgeti 20 Pt. ex hu. 3a KonltursfäUen wird der bewilligte Rabatt hinidiiix. trfCUunMorl für bas An­klagen oon Zorderungen ist Suita. 6n;elgen-flnnabme bis 10 Uhr oormlttags. :: u Srößere kirn eigen «bitten wir uns tags vorher. a a

enmelm ttiastch mit Ausnahme öti Sonn- und Feiertage, vlertel- Ivkrllcher Btzugsprds ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Hulda fomle auswärts 1-50 Mark. -- Rotationsbrudt und Verlag der SS Zuldaer Hctienörudierd bi Zulda. Zrmsprecher Nr. 9.2 s

N» Zur bayerischen Känigsfrage wird uns von einem alten Parteigenossen ge- ^^Eine' Einmischung in diese rein bayerische Angelegenheit steht uns Norddeutschen nicht zu; aber ein freundwilliger Nachbar darf doch Wohl ferne u n- matzgeblichen Gedanken über dre Sach- und Rechtslage äußern. ,

In der Presse wird die Angelegenheit fetzt so be­handelt, als ob es nur eine Alternative gäbe: e n t- weder ein Perfasiungsgesetz oder eins Proklama­tion aus dynastischem Recht.

Gegen die Lösung auf dem gesetzlichen Wege wird geltend gemacht, daß dadurch eine Mitwirkung Ser Volksvertretung bei dem Uebergange der Krone -rfolge. also ein sehr bedenklicher Präzedenzfall geschaf­fen werde. Andererseits macht man gegen die Pro­klamation, durch die der Regent sich als König er­klären würde, den Mangel an einer klaren und unan­fechtbaren Rechtsgrundlage geltend und malt die An­fechtung der Leaalität seitens oppositioneller Partei­gänger an die Wand.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Sind Dersafsungsqesetz und Proklamation Dinge, die 'ich unbedingt ausschließen? Oder ist ein Verfasiungs- gesetz denkbar, das keinerlei parlamentarischen Ein­griffe in die Thronfolge bedeutet und der dynastischen Proklamation ihre volle Würde und Kraft beläßt? Lin Verfassungsgesetz, das nichts weiter schafft, als Sie klare und unanfechtbare formalrechtliche Unter­lage für die Proklamation.

Der Kernpunkt der obwaltenden Schwierigkeiten ist der Umstand, daß der König nicht bloß andauernd regierungsunfähig, sondern überhaupt n i ch t d i s p o sitionsfähig ist. Wäre er durch nur körperliche Krankheit oder durch äußere Hindernisse regierungs- imfähig, so könnte er selbst die Frage lösen durch den P e r z'i cy t auf die Krone. Setzen wir den Fall, König Otto hätte einen lichten Augenblick und er- kännte die Bedürfnisie des Landes sowie die Unheil­barkeit seines Leidens, so wäre gewiß anzunehmen, Saß er den vernünftigen Entschluß sasien und be­tätigen würde, durch seinen Rücktritt dem Staate and dem Volke wieder zu einem wirklichen König zu verhelfen. Der geisteskranke König hat aber leider feine Fähigkeit, den gebotenen Verzicht selbst auszu- fprechen. Er wird in der Ausübung seiner Herrscher- rechte vertreten durch den Regenten, denVerweser les Königreichs Bayern". Hat dieser Vertreter und Verweser nun auch das Recht, im Namen des regie- Mngsunfähigen Königs desien Verzicht auf die Krone ruszusprechen?

Wenn mau bezweifelt, ob er dieses Recht habe, so erhebt sich die weitere Frage, ob man es i h m nicht geben könne. Etwa durch einen Zusatz zur Verfassung folgenden Inhalts: Wenn die Regentschaft eine bestimmte Zeit (z. B. mehr als 5 Fahre) gedauert hat und die Unheilbarkeit der Gei­steskrankheit des Königs festgestellt ist, so ist der Ver­weser des Königreichs Bayern berechtigt, im Namen des Königs ben'Uebergang der Krone an den Thron­folger zu proklamieren.

Sobald verfassungsgesetzlich eine solche Ergänzung ses Staatsgrundgesetzes getroffen wäre, würde jedem agitatorischen oder gerichtlichen Einspruch gegen die gewünschte Proklamation des Regenten der Boden entzogen sei. Andererseits würde durch die Beschluß­fassung über diesen Verfassungszusatz das Parlament nicht eines Eingriffs in das dynastische Recht sich schuldig machen, da die Anwendung der Voll­macht, die hier klargestellt wurde, dem Ermessen des Regenten überlassen bleibt.

Brandstifter.

37] Eine Bauerngeschichte aus dein Taunus

von Fritz Ritzel.

Als er das Kayser'sche Haus betrat und den Haus­herrn allein in der Wohnstube antraf, wurde er von diesem mit der alten Herzlichkeit empfangen und so­fort gefragt, wie er es mit dem Aufbau der durch den Brand zerstörten Gebäude zu halten beabsichtige. Und als Ernst offen erklärte, wie die Dinge lagen, da schüttelte der Alte vorwurfsvoll den Kopf und sagte:

Ich hab' gewart druff, daß Du den alte Freund von Deirn selige Vatter um Rat angehst, atoer Du host Dich jo im letzte Johr nit aamol sehe löste un uffdränge wollt ich mich nit! Jetzt atoer is mir zu Ohre gekomme, daß Du nit mehr ein un aus toaaßt, noochdem Eich des Geld, toas der alt Herrsche! uff Eierm Haus stehe hot, uffaesagt is toor'n un do hab ich mir vorgenomme, emo! e offe Wörtche mit Dir zu rede. Mein Tochtermann hat Euch ins Unglück gebracht, denn wär dem alte Herrsche! sei Frucht nit verbrennt, dann wär's doch wahrschejn's nit so toeit komme, daß er Eich spinnefeind is toor'n, un gottver­botener Weis nur sucht, Eich von Haus und Hof zu treibe! Trägs dem Jakob nit nooch er is en armer beklagenswerter Mensch, der nit gewußt hot, was er tut! Nimm an, daß des, was Du armer Kerl ausgestanne host, e Prüfung getoefe is, die unser lieber Herrgott über Dich geschickt hot! Ich atoer halt' for mei Christepflicht, des, was Dir von meim Tochtermann angetan is warn, Widder gut zu mache, so weit es in meiner Macht steht! Wie mir der Agent in Samberg, der Maler, die Dag gesagt Hot, bist Du schon von Pontius bis zu Pilatus gelaafe, des Geld for die Hypothek uffzutreibe warum bist Du nit emol zu mir komme, Ernst?"

Aber Onkel Kayser, wie könnt ich dann des!" stotterte der junge Mann verlegen.So e Zumutung Eich zu mache, wo ich doch nit wußt, ob's Eich paßt! Die Summe is doch hoch un die Mutter Hot aach gemaant"

Die Mutter Hot gewiß gemaant, weil sie von jeher mit meiner Fraa e bische über's Kreiz is, Du >y bei tni* benroTnrtone Türe ftnnej" unterbrach

Dieser Ausweg stellt eine Verbindung von Verfassungsgesetz und Proklamation dar. Ob er gangbar ist, das mögen die berufenen Herrn in Bavern entscheiden. Wir haben nur den einen Wunsch, daß die baverischen Brüder recht bald zu einer end- gütigen Ordnung gelangen, die zugleich der monarchischen Autorität, der konstitutionellen Rechts­sicherheit, dem inneren Frieden und der fortschreiten, den Entwicklung des Staatslebens entivricht.

** Eine gefährliche Medizin.

Es erscheint heute nicht unangebracht, an ein Wort zu erinnern, das vor Jahren aus sozialdemo- kratischem Mund gefallen ist. Auf dem Parteitag in Frankfurt im Jahre 1894 meinte nämlich bei Genosse Schönlank:

Die Medizin des Sozialismus muß der Land­bevölkerung in homöopathischen Dosen beigedracht werden, sonst bringt sie den Bauern um."

Der Sozialismus eine Medizin! Man erinnert sich da, daß unter dem Namen Medizin auch aller­hand Schwindel und Quacksalbereien Vertrieben wer- den? Wer glaubt daran, daß von den sozialdemokra- tischen Wunderdoktoren, die die Welt nach ihrer Art kurieren wollen, eine reelle Medizin verschrieben wird? Daß ihre Medizin den Bauern nicht so recht bekömmlich ist, haben die Herren Genossen in­zwischen schon erfahren. Die Landbevölkerung ist kein großer Abnehmer geworden. Und das ist gut so; die Bauern bleiben ohne eine solche Medizin gesünder!

Man weiß aber auch, daß beim Gebrauch von Medizinen Zurückhaltung geboten ist, wenn das Mit­tel wirken soll. Eine fortdauernde Anwendung hat meist die Folge, daß der Organismus gegen die Medizin abgestumpft, unempfänglich wird: sie wirkt dann nicht mehr. Es sind denn auch Anzeichen vor­handen, daß das einseitige Wissen der sozialdemokra­tischen Doktoren keinen rechten Erfolg mehr hat, und zwar nicht nur bei den Bauern, sondern auch bei der städtischen Arbeiterbevölkerung. Die Patienten sind für ihre Medizin nicht mehr empfänglich. Da und dort werden im sozialdemokratischen Lager (vereinzelt auch in der Presse) Stimmen laut, die darüber kla­gen, daß die sozialdemokratische Agitation keine Stoß­kraft, keinen Erfolg mehr habe. Ja sogar in den Crganifationeu gehe die Mitgliederzahl zurück. Tie Medizin will nicht mehr wirken. Und das ist gut so.

Nun aber ein Fall, wo die Medizin wirkt. ' Und da ist es gut, daß sie wirkt! Der Emporkömmling Liberalismus war, wie das so gebt, vom übertriebe­nen Wohlleben krank geworden. Da empfahlen ihm gute Freunde, die von der Heilkunst nichts verstanden, die sozialdemokratische Medizin. Mit der Gier des Schwerkranken, der sich an jede Hoffnung klammert, griff er danachund nahm zuviel. Er wurde nicht besser, im Gegenteil, sein Zustand wird immer schlim­mer. Seine sozialdemokratischen Verwandten und Doktoren stehen zwar am Krankenlager und ver­sprechen zu helfen, allein ihren Worten und Talen ist nicht zu trauen sie sind die Erben!

veiitfchcs Reid).

? Beilin, 10. Ott. 1913. Tee Reichskanzler verließ Lmdenhos am Freitag nadjmvtag nach drei­tägigem Jagdausenthaik. Er fuhr über München nach Berlin. Der r it m aniiche Throns olger, Prinz Ferdinand, und Prinz Carol sind am Freitag in Berlin eingetroffen. Professor D>.. Sckütte von der Danziger Technischen Hochschule, der bekannte

ihn der Alte lächelnd.Is es nit so. Ernst? Des­wege hätt'st Du ruhig komme könne in mei'm Haus bin ich der Herr! No - des sein jo Newesache! Kurz un gut, Ernst den alte Herrsche! zahl ich uff Ostern aus un übernemme die Hypothek!"

Ihr wollt wirklich Onkel Kayser?" rief Ernst in überqueKcnber Freude und faßte beide Hände des vor ihm Stehenden.Wie soll ich Eich danke? Ihr gebt mir die Heimat Widder des Vatterhaus alles, was mir an's Herz gewachst is! Is es bann atoer aach Eier Ernst, Onkel Kayser Eier wirk­licher Ernst? Solle toi wirklich mit aam Schlag aus alle Sorge heraus sein soll bic Mutter endlich Widder emol e zufriede Gesicht mache?"

In feiner freudigen Erregung fand der junge Mann nicht Worte genug, seinen Dank für das un­erwartete Anerbieten auszudrücken. Und wenn er sich auch noch vor einer Stunde gesagt hatte, daß es um seiner Seelen ruhe willen am besten für ihn sei, der Heimat den Rücken zu kehren, so erfüllte ihn jetzt die Gewißheit, bleiben zu dürfen, mit Wonne. Die Heimat, an der er mit allen Fasern seines Her­zens wurzelte, blieb ihm, seine' ganze ungehinderte Kraft dürste er dem seit seiner Heimkehr mit voller Hingabe betätigten Streben widmen, sich wieder em­porzuringen, er konnte der Welt und besonders der Mutter zeigen, daß er die Tatkraft besitze, selbst das unmöglich Scheinende möglich zu machen. Das war und blieb fein Ehrgeiz, vor dem jetzt alle anderen Bedenken verblaßten.

Mit ruhigem Lächeln ließ der alte Kayser die Dankesergüsse des jungen Mannes über sich ergehen und sagte einfach:

Ich hab Dir schon gesagt, daß ich nur das tu, was ich for mei Pflicht un mei Schuldigkeit halt! Zu danke host Du vor alle Tinge mei'm Klärche! Die hot mir vorgestellt, daß ich ehrenthalber for Eich ein­springe müßt, un Hot nit eher geruht, bis ich Ja un Amen gesagt hab! Du kannst also die Dag mit mir nooch Camoerg fahre, daß wir beim Notar die Sach richtig mache! Un wenn Du mir folgst, bann fängst Tu gleich an zu baue un läßt Keller untrer bie Scheuern grabe! Tie kannst Du brauche, wenn Du Dich mehr uff die Aepstlweinkelterei verlegst do dran is immer noch was zu hole, wenn mer e gut Waar liefert! Baumstücker habt Ihr jo noch genug!"

Erfinder des Luftschiffes Schütte-Lanz, ist zum Ge­heimen RegierungSrat ernannt worden.

'4- Reichttagsbeginn. lieber die nächste Sitzung bes Reichstags, der bis zum 20. November vertagt ist, sind Bestimmungen noch nicht getroffen. Es ist möglich, daß bie nächste Sitzung erst am 25. Noo. fiattfinbet, da ber 19. November der Buß- und Be!- tag ist, und darum ein Zusammentritt am 20. Nov. wenig wahrscheinlich ist. Ter Etat dürste dem Reichs­tag erst in der letzten Novemberwoche vorgelegt werden.

* Neue Hundertmarkscheine. D e Absicht de? Reichs­schatzamtes, neue Hundertmarkscheine herzustellen, hat nach Berliner Blättern in allen Kreisen von Handel und Verkehr Anklang und Zustimmung gefunden. In diesen Kreisen herrscht der Wunsch, die neuen Scheine erst in Bestellung zu geben, wenn sie von Sachverständigen begutachtet worden sind»

)( Mindestpreisfestsehmig der Innungen sind bisher nicht bindend, da der § 100 q der Gewerbeordnung vorschreibt, daß bie Innung ihre Mitglieder in der Festsetzung der Preise ihrer Waren oder Leistungen oder in der Annahme von Kunden nicht beschrän­ken darf. Es hat nun kürzlich im Reichsamt des Innern eine S'chverständigenkonserenz ftattgejurtben, und da sind die Vertreter des Handwerks davon überzeugt worden, daß eine Beseitigung der Schranke des § 100q dem Handwerk nicht förderlich sein würde. Die geltende Bestimmung hat nicht den aus ihr vielfach gefolgerten Sinn, baß bet Zwangsinnung überhaupt verboten sein soll, sich mit ber Preis­bildung zu befassen, sondern die Vorschrift gibt yur den Zwangsinnungen keine Besugnis, die Mitglieder zur Innehaltung ber Preise zu zwingen. In der Konferenz ist es nun als zweckmäßig erachtet worden, die Einheitlichkeit der Rechtslage zwischen Zwangs­und freien Innungen durch e itc Aenberung des Wortlauts des § 100 q zum Ausdruck zu bringen, <nr es wurde folgende Fassung vorgeschlagen:

»Die Innung darf ihre Mitglieder in der Annahme von Stünben nicht beschränken. Zur Aufteilung von Preisverzeichnissen für Waren oder Stiftungen ist auch die Pflichtinnung b e tugt, jeroch dürfen die Innungsmitglieder zur Einhatlung dieser Preise gegen ihren Willen nicht verpflichtet werden. Entgegen­stehende Beschlüsse sind ungültig."

** Zur Prüfung ber Verhältnisse im Vieh- und ftleischhandel ist zum 28. ds. Mts. eine Ausschuß- sitzung anberaumt. Es wird ihr das Ergebnis der Vernehmungen von 180 Sackverständi en, das in­zwischen ,im,Reichsamt des Innern zu einer systema­tischen Zusammenstellung verwertet ist, unterbreitet werden. Der Kommission gehören 30 Mitglieder aus den verschiedenen Jniereffentengruppen, der Land­wirtschaft, des Viehhandels und deS Fleischergewerbes, sowie Parlamentarier und Vertreter der Kommunal­verwaltungen an. Die Kommission wird zu beschließen haben, welche Vorschläge etwa zur Abstellung vor­handener Mißstände im Vieh- und Fleischhandel zu machen sind

Deutsch - amerikanische Zolldifferenzen. Wie schon mitgeteilt, enthielt ber amerikanische Zolltaris eine Klausel, burch bic allen Waren, bie auf ameri­kanischen Schiffen in bie Bereinigten Staaten ein­geführt werben, ein Zollnachlaß von 5 Prozent zuge­billigt wirb. In Deutschland ist man ber Ansicht, daß von biesem Zuschlag alle Einfuhrgüter befreit fein müssen, bie auf deutschen Schiffen nach den Ver­einigten Staaten gebracht werben. Nach dem Han- belsvertrage, beit bie Vereinigten Staaten mit bem damaligen Preußen unb bert Seeuferstaaten (Hansa- städte Mecklenburg, Olbenburg) abgeschlossen hat, kön­nen alle Waren, die auf amerikanischen Schiffen in

bie Häfen ber Vereinigten Staaten ein geführt werben, ohne andere ober höhere Abgaben zahlen zu muffen, als trenn sie auf Schiffen ber Vereinigten Staaten verfrachtet sind. Inzwischen sind in Regiernngskreisen Washingtons Stimmen laut geworben, wonach bisse Bestimmungen ber alten Handelsverträge nicht ohne toettereS für das Deutsche Reich Geltung haben. Den deutschen Vertragsstaaten von 1828 will die Was­hingtoner Regierung in bezug auf die Schiffahrtsklau­sel bie vertragsmäßigen Meistbegünstigungen bewillig gen, den anderen Staaten jedoch nicht. Das heißte der Ausfuhr aus den deutschenSeeufer-Staaten" wird ber fünfprozentige Zollerlaß bewilligt, die übrige deutsche Ausfuhr wird soweit sie nicht etwa auf amerikanischen Schiffen verladen ist den vollen Zoll zu bezahlen haben. Die deutsche Regierung vertritt, jedoch den Standpunkt, daß der Handelsvertrag von 1828 seit der Gründung de? Deutschen Reiches Gültig­keit für das ganze Reich erlangt hat, eine Auffff- fung, die in der Praxis von den Vereinigten Staaten wiederholt anerkannt worden ist. Ilm diese Einwände und Beschwerden brüfeit zu können, hat das amerika­nische Schabamt die anstößige Klausel vorläufig a it-f gehoben, bis über die Rechtslage vollständige Klarheit geschaffen ist.

* Die seltsamen Vorgänge bei dem Remonte-An- kauf. Aus Mecklenburg gehen derDeutsch. Tages­zeitung" die gleichen Klagen über eine unverständliche Begünstigung des Zwischenhandels bei dem Remonte- Ankaus zu, wie sie bereits aus Ostpreußen berichtet wurden. Auch in Mecklenburg werden vielfach Pferde, die die Landwirte zur Besichtigung stellen, zurückge- toiefen, um bann anstandslos bem Händler zu einem höheren Preise abgenommen zu werden. Für die Landwirte entsteht dadurch ein empfindlicher Verlust, ganz abgesehen von der nutzlos aufgetoanbten Mühe; und man versteht nicht recht, was für einen Zweck die Reifen der Ankaufs-Kommission schließlich noch haben sollen, wenn doch der größte Teil des Bedarfes bei dem Händler gedeckt wird. Es wird gesagt, das Verhalten der Ankaufs-Kommissionen sei darauf zurückzustihrev, daß gerade die hochwertigsten Pferde für die Maschi­nengewehre nur in pgssenden Paaren angefauft wer­den dürsten, die einzelnen Landwirte aber sehr selten ein solches Paar direkt zu liefern vermöchten. Ob die­ses Moment zur Begründung der überaus zahlreichen Zurücktoeisunaen von Pferden, die nachher dem Händ­ler anstandslos aboenommen werden, gasreichen könnte, muß einstweilen wohl al? zweifelhaft erscbei. nett: außerdem dürste aber eine solche allaemeine Be- ftimmung nicht berechtigt sein, da die Militärbehörden doch sehr wohl in der Lage sind, die baffenben Paar« ans den von den Landwirten angekauften Pferden selber zusammSnzustellen.

* Tie Flucht vor dem Wehrbeitraq. Nack Genfer Blättermeldungen werden zghlreiche wohlhabend« Straßburaer, Müblhäuser, Kolmarer Familien, um sich des WebrbeitragS zu entziehen, Elsaß-Lothrinaen verlassen und sich in Genf niederlassen. Mehrere elsäs­sische Familien haben dort bereits Wohnungen ge­mietet.

* BkbelS Erbschaft. Der.Vorwärts' hatte kürzlich gemeint, die Hinterlassenschaft Bebels betrage etwa 400000 Fres., genaue Aufstellungen seien aber noch nicht erfolgt. Der Pommerscken ,Taae?post' wird nun aber aus Berlin geschrieben, daß Bebel zn Lebzeiten in Berlin neben einem Jahreseinkommen von über 20000 Mk. ein Vermögen von 670000 Mk. versteuert habe, wozu noch Vermögenswerte in der Schweiz kämen. Was sagen eigentlich die Genossen dazu, baß Bebel der Partei nur einen reckt winzigen Bruchteil seines Vermögens vermacht hat?

So plauberte ber gute Mann weiter unb unter­breitete noch verschiebenc den Neubau betreffende Vorschläge, ohne zu bemerken, daß Ernst sichtlich zer­streut zuhörte. Dessen Gedanken weilten nicht bei ber Sache. Also Klärchen hatte sich für ihn verwendet! Ihr verdankte er jetzt auch die Fortdauer seiner Existenz, wie sie ihn vor bem Zuchthaus bewahrt hatte! Sie sammelte wahrlich glühenbe Kohlen auf feilt Haupt! Wie tiefe Beschämung kam es über ihn. Konnte er es mit seinem Stolze vereinbaren, bas, was ihm hier gewissermaßen als Gnabengeschenk ge­boten wurde, von dieser Seite anzunehmen? Mußte er sich dann nicht klein und erbärmlich Vorkommen? Doch nein, wenn er sich des Blickes voll innigem Erbarmen erinnerte, mit ddm ihn Klärchen an jenem Gerichtstage angesehen hatte, dann mußte er jeden Gedanken daran verbannen, daß sie vielleicht Ge­nugtuung darin finde, ihm mit ber gebotenen Hilfe etwas tote eine Demütigung zu bereiten. Das lau­terste Gerechtigkeitsgefühl hatte ihr bittiert, bett Va­ter zur Hilfeleistung zu bestimmen bas Gerechtig­keitsgefühl, mit bem sie auch nicht gezögert hatte, ben eigenen Gatten preiszugeben, nur um einen Irrtum ber Justiz vorzubeugen.

Er bürste nicht ablehnen, nicht nur aus Rücksicht ans Mutter unb Schwester, sondern auch, weil eine Ablehnung jedes ersichtltchen Grundes entbehrt hätte und bestärkt wurde er in diesem Entschluß, als jetzt Klärchen in die Stube trat und ihn mit ruhiger Freundlichkeit begrüßte. Ihr ganzes Wesen atmete gemessenes Wohlwollen, wie man es einem Freunde des Hauses entgegenbringt, ohne die Spur einer tie­feren Empfindung; nur in bem milden Blick ihrer braunen Augen glaubte der Besucher einen Moment lang wieder etwas von dem warmen^ Mitgefühl zu erkennen, das ihn schon einmal so mächttg ergriffen hatte, doch nur einen Moment lang, denn fast gleich­gültig sah ihn die junge Frau jetzt an und fragte nach einigen oberflächlichen Begrüßungsworten:

Du werft viel Arbeit deham gefunne hawe, Ernst? Besonners, weil die Aeppel un die Spät- lartoffele noch nit eingetan warn? Do war's nur e Glück, daß wir in de letzte Woche gut Wetter gehabt hawe!"

Die unbefangene kühle Weife der jungen Frau wirkte auf das stürmisch bewegte Empfinden Ernst'-

ernüchternd. In ihrer gelaßenen Art drückte sich durchaus nichts Erzwungenes und Gekünsteltes aus cs war, als spräche sie mit dem oberflächlichsten Bekannten. War denn die Erinnerung an das, waS einst geschehen, gänzlich in ihr ausgelöscht? Hatte sie vollständig überwunden und wollte sie durch ihr« gehaltene Art verhüten» daß auch nur der leiseste Anklang an die Vergangenheit zum Tönen gebracht werde?' Wie ein bohrendes Weh durchzuckte es ih« und nur mit Mühe faßte er sich, die das Alltagsleben' berührenden Fragen sachlich zu erwidern und seinen Tank dafür auszusprechen, daß die junge Frau ihren Vater zur Uebcrnahme der Hypothekenschuld veran­laßt hatte.

Mit einer ablehnenden Geberde sagte sie darauf:' Was is do viel zu danke? Die Gustel Hot bie Dag, wie sie mich feh ewiger Zeit Widder emol be­sucht Hot, von Eirer Verlegenheit gesproche un weil ich wußt, daß der Vatter uff Ostern e Kapital flüssig mache kann, do Hot doch nix naher gelege, als daß ich ihm gerate hab, das Geld uff Eier Haus an zu­lege! Ob wir die Zi'tte von dem Geld von Eich kriege oder von eme Annere des kann uns doch ganz egal sein!" .

Das klang so kühl unb geschäftsmäßig, daß die heißen Dankgefühle Ernft's etwas herabgesttrnnst wurden. Wenn die Sache von dem alten Kays« und seiner Tochter nur als Geschäft betrachtet wurde so war er ja eigentlich gar keinen besonderen Dank schuldig und jedes Bedenken, das Anerbieten anzw nehmen, war hinsällig. Er wurde einfach Kayser» Hhpothekeuschuldner, der feinen Verpflichtungen reger den Gläubiger pünktlich nachkam so war beiden Teilen geholfen!

Unb bies erwägend, stimmte er in ben von de' jungen Frau angeschlagenen kühlen Unterhaltungstor ein, redete über gleichgültige Dinge und verabschie bete sich schließlich unter bem Dorgeben, seiner Mut, ter unb Schwester die beruhigende Botschaft so ball wie möglich bringen ju wollen.

Die verschiedenartigsten Emp'i'^ : begleitete, ihn auf bem Nachhausewege. B' :nte er jetz aufatmen und der Zukunft ruh' 'wehen uni doch beklemmte ihn der Gedanke ' Hilfe gerade von dieser Seite gekommen war r'u das zwanglos) Benehmen der jungen Frau, bic ihn so ganz a£