3. Blatt.
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Fuldaer Zeitung.
236.
-amzlag U. Oktober W5.
Vochen-Nun-schau.
[:] Fulda, 10. Oktober 1913.
Sic öffentliche Meinung wurde in dieser Woche durch den vor der Strafkammer in Gleiwitz stattge- habten Pozeß gegen den Amtsrichter K n .
beschäftigt. Derselbe Anbeklagte war in derselben Strafsache in Natibor fretgesprochen worden, und in Gleiwitz wurde er zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Ist das schon merkwürdig, so erlangte der Prozeß doch dadurch seine Bedeutung, daß sein Ausgangspunkt zweifellos ein politischer gewesen ist. Knittel ist in seiner Eigenschaft als Offizier von der Reserve in die Landwehr verwiesen worden, weil er als Zentrumsmann der Wahlparole entsprechend einem polnischen Kompromißkandidaten in der öffentlichen Landtagswahl seine Stimme gegeben hatte. Diese unverdiente Maßregel hat sich Knittel nicht gefallen lassen, und dabei seine militärischen Vorgesetzten etwas derbe angefaßt, weswegen er nun in Gleiwitz verurteilt woroen ist. Trifft aber auch das Urteil den gemaßregelten Reserveoffizier, so ist der Gerichtete doch das Militärsystcm mit seiner politischen Schnüffelei und Unduldsamkeit. In der Angelegenheit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen; was in den Verhandlungen zutage getreten ist, ruft die öffentliche Kritik heraus, und der Reichstag wird von feinem Recht Gebrauch machen müssen, die Heeresverwaltung mit aller Detitlichkeit auf die bestehenden Mißstände hinzuweisen und für unsere Reserveoffiziere volle staatsbürgerliche Freiheit zu verlangen.
Der Bundesrat hat wieder mit seiner Arbeit begonnen. Am meisten gespannt ist man auf die Entscheidung in der Th r o n fo lg efva ge in Braunschweig. Man erwartete, daß sich der Bundesrat mit der braunschweigischen Frage bereits zu Beginn dieses Monats beschäftigen würde, aber es scheint, daß die Verhandlungen in dieser Angelegenheit noch nicht zum Abschluß gekommen sind. In der Presse waren zumteil recht sensationelle Enthul- hingen gemacht worden, doch handelt es sich dabei zmneist um haltlosen Klatsch Richtig scheint zu sein, daß es sich bei der Lösung der braunschweigischen Frage lediglich um ein zwischen Preußen und Braunschweig erzieltes Uebereinkommen handelt, das dem Bundesrat vorzulegen und von ihm zu ratifizieren wäre, bis jetzt aber aus unbekannten Gründen noch nicht zustande gekommen ist.
Ein Teil der Presse, besonders die liberale, ergeht sich in letzter Zeit in allerhand Mutmaßungen über die Ernennung eines neuen deutschen Kurienkardi- nalZ. Ausgerechnet von der liberalen Presse sind bereits mehrere „Vorschläge" erfolgt, als ob nicht der hl. Stuhl in Verbindung mit dem deutschen Episkopat wüßte, wer der geeignetste Kandidat für diesen verantwortungsvollen Posten ist.
Lebhaft begrüßt wurde die in dieser Woche erschienene Schrift: Tas Zentrum, wie es war, ist und bleibt, von Justizrat Dr. Julius Bachem. Sie ist eine Antwort auf die Kampfschrift des ehemaligen Abg. Geheimrats Roeren, die den Streit um den Charakter der Zentrumspartei neu anzufachen versuchte. In seiner Gegenschrift hat Dr. Bachem in schlichter, klarer Form und überzeugender Weise nochmals den Standpunkt dargelegt, den die Zentrumspartei vom Tage ihrer Gründung an eingenommen hat.
In Frankreich begeistert man sich lebhaft für eine französisch-spanische Verbrüderung. Die Presse ist mit großem Enthusiasmus von Betrachtungen über die Bedeutung, welche dem Besuche des Präsidenten Poincars am spanischen Hofe bcizumessen sei, erfüllt. Trotzdem ist nicht zu verkennen, daß in den letzten Tagen ganz besonders die hohen Töne herab- gestimmt wurden: Es soll sich nicht mehr um eine Allianz handeln, sondern nur um ganz bestimmte Abmachungen in der Marokkofrage, sowie die Anbahnung eines für beide Nationen vorteilhaften Handelsvertrages. Das mit so großem Behagen verkündete neue französisch-spanische „Bündnis" sieht also bei näherer Betrachtung doch etwas anders aus, als es sich die französischen Nationalisten und die ihr na- iürlich sekundierende russische Presie erträumt haben mögen. Die törichten Betrachtungen, die man sich in Paris und Petersburg über eine angebliche deutsche Aufregung wegen der spanisch-französischen Verbrüderung macht, sind schon aus dem Grunde recht
Unpolitische Zeitlaufe.
N. Berlin, 9. Oktober 1913.
(Nachdruck nicht gestattet.)
„Hol' der Teufel die ganzen Prozeßberichte!"
So rief ingrimmig cm heißblütiger Kollege, als er seinen täglichen Stapel von Zeitungen durchmusterte. „Gcht's denn nicht ohne Fluchen?" fragte ich mit dem Recht des älteren Jahrgangs. „Ach was", entgegnete er, „ich verfluche ja keinen Menschen, sondern eine Einrichtung, einen Mißstand, eine Unsitte, einen Unfug, einen Skandal und einen Krebsschaden — diese gemeinschädliche Verbreitung von anstößigen Gerichtsverhandlungen in den Tagesblättern, die auch in die Hände von denk- und wil- lensschwachen Leuten kommen."
Ja, mein Lieber, du hast recht und nochmals recht, wenn du diese Prozeßberichte in die Hölle wünschest. Aber der Teufel tut dir nicht den Gefallen, sie zu holen. Im Gegenteil, er lacht sich ins Fäustchen, wenn es recht btel Sensationsprozefse gibt und die Zeitungen so ausführlich wie möglich über die Verhandlungen berichten. Das ist das wirksamste Hilfsmittel, um die Menschen mit allerhand Lastern und Untaten vertraut zu machen.
Denn auf den Bänken der Gerichtssäle sich zweifelhafte Existenzen herumdrücken, so spricht der Volkswitz treffend von Kriminalstudenten. Es geht wie in der Schule: Der Lehrer kritisiert den Aussatz des leichtfertigen Hans, und die übrigen Schüler lernen daraus, was man machen kann und was man dabei vermeiden muß. Der Kriminal- student merkt sich, welche Kunstgriffe der angeklagte Verbrecher angewandt hat und welche Ausflüchte er und sein Verteidiger Vorbringen. Er achtet auch auf die Schwächen und Fehler, die bei der Ausführung der Tat oder bei der Verteidigung zutage treten. „Vorkommenden Falls" wird er die „guten" Leistungen sich zum Muster nehmen und die Fehler zu vermeide^ suchen. Die schließlich verkündete Strafe wirkt durchaus nicht immer abschreckend auf den Schüler; der sagt sich: Ich würde es schon klüger anfassen!
Zu den Kriminalstudenten gesellen sich in den Gerichtssälen die L a st e r st u d e n t e n. Die sind zum großen Teil recht elegant gekleidet; manche rauschen sogar in Sami und Seide nach der neuesten Mode daher, denn das weibliche Geschlecht hat sich hier schon die Gleichberechtigung erobert. Die Sensation" mftgenießen, ist „sein". Wenn nun gar
lächerlich, weil Deutschland sich mit Recht sagen darf, daß es für die Weltpolitik absolut gleichgültig ist, was aus dieser spanischen Expedition Frankreichs sich ergeben wird: Keine Allianz, keine militärischen Abmachungen als über Marokko, keine spanische Anleihe in Paris; dafür intensiveres Zusammenarbeiten des französischen und spantschen Privatkapitals und Bemühungen um den Abschluß eines Handelsvertrages.
In Italien stehen die Neuwahlen zum Parlament zur Zeit im Vordergrund der innerpolitischen Ereignisse. Ta sich die italienischen Katholiken entsprechend der Weisung der Kurie an den Neuwahlen nicht beteiligen, kann bestimmt angenommen werden, daß die neue Kammer der eben aufgelösten ähnlich sehen wird wie ein Ei dem andern. Es liegt klar vor Augen, daß die hie und da sehr berechtigten Klagen über Mißstände im Innern hauptsächlich aus dem Grunde nicht zu laut werden, weil die zweifellos sehr gewandte auswärtige Politik Giolittis zur Zufriedenheit und zum Vorteil des italienischen Volkes geführt wird. Wenn auch noch manche Probleme ungelöst sind, so läßt sich doch nicht leugnen, daß Giolitti eine glückliche Hand in der Führung der auswärtigen Politik gehabt hat.
Die Lage auf dem Balkan kann trotz der unzweifelhaften Gefahren, welche der Abschluß der beiden Balkankriege gebracht hat, und obgleich bereits schon viel vot! einem dritten stattfindenden oder bevorstehenden Kriege gesprochen wird, heute als nicht ungünstig bezeichnet werden. Schon die ersten Zusammenstöße der serbischen Armee mit den Albaniern haben die militärische Ungefährlichkeit der albanischen Aufstandsbewegung klargestellt. Es mag freilich für die Albanier schmerzlich sein, daß ganze albanesffche Gebiete durch den Londoner Vertrag den Serben zu- gesprochen wurden, aber dä dieser Vertrag nun einmal besteht, darf um so weniger daran gerüttelt werden, als Serbien durch seinen Ministerpräsidenten in Wien betonen ließ, daß es die Grenzen des autonomen Albanien auch trotz der Aufstandsbewegungen respektieren werde, und als sich auch in Wien zweifellos die Meinung dahin durchgerungen hat, daß unter diesen Umstünden die albanische Politik nicht unterstützt werden dürfe.
In Peking wurde am 6. Oktober Iuanschikai zum Präsidenten der Republik China gewählt. Dieses Ergebnis der lange verzögerten Wahl war vor- auszusehen. Iuauschikai wurde mit der vorgeschriebenen Zweidrittel-Mehrheit gewählt. Da das Auswärtige Amt in Peking vorher die Gewähr übernommen hatte, daß der neugewählte Präsident alle mit der Mandschuregierung abgeschlossenen Verträge und die bestehende Zollverwaltung aufrecht erhalten werde, haben sich alle Mächte beeilt, die chinesische Republik anzuerkennen. Es wird sich jetzt zeigen müssen, ob Puanschikai, zweifellos der staatsmännisch begabteste Chinese unserer Zeit, auch die Fähigkeit der Organisation in solch gewaltigem Maßstabe besitzt, wie sie den großen Führern von Völkern eigen fein muß, um Umwälzungen von der Bedeutung durchzuführen, wie die Umgestaltung Chinas.
+ Internationale Berständignng.
In Nürnberg hat bei guter Beteiligung der Verband für internationale Verständigung getagt. Es ist zweifellos ein zeitgemäßer Verband, wenn man über die Nützlichkeit und Ersprießlichkeit feiner, Tätigkeit auch geteilter Ansicht fein kann.
Die gesteigerte Kultur bat nicht all die Hoffnungen rechtfertigen können, die Jdealinen auf si: gesetzt hatten und hat auch bei weitem nicht die Versprechen einlösen können, die sie gemacht hat. Damit auf Erden alles seinen geregelten Gang gehe, ist mehr vonnöten, als das, was wir gemeiniglich unter Kultur verstehen. Zu jenen, denen die Shiltur nicht gehalten hat, was sie sich von ihr versprachen, gehören vielfach auch jene Frieaensaposte!, die heute die Weit mit ihren Schalmeien erfüllen und das Lob des Friedens singen, wo der grimme Krieg Völker Hinmäht.
Ganz so weltfremd und idealistisch ist der Verband für internationale Verständigung nun gerade nicht veranlagt; er will aber den alten Grundsatz: „Willst du den Frieden, rüste dich znm Krieg", diesen anderen entgegenstellen: „Wenn du den Frieden willst, bereite ihn vor!"
geschlechtliche Verirrungen zur Sprache kommen, so wird der Andrang von Neugierigen aller Klassen und Stände geradezu unheimlich. Stundenlang harren die „gewöhnlichen" Leute vor dem Eingang, um bei dem" Sturm auf die Zuhörerplätze ihre Ellbogen und ihr Glück zu versuchen. Tie feineren Lasterstudenten und -studentinnen lassen alle gesellschaftlichen Künste spielen, um sich eine Eintrittskarte für die besseren Plätze zu sichern.
„Die Szene wird zum Tribunal", heißt es in einem bekannten Gedicht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Das Tribunal wird zur Szene; die heilige Stätte, wo in gewiffenhafter Arbeit das Recht gesucht und gesprochen werden soll, wird von dem Publikum als Theater benutzt. Man drängt sich in dieses Gerichtstheater, weil man weiß, daß dort der Natur der Dinge nach die schlechtesten Stücke „gespielt" werden müssen.
Wir führen heutzutage mit Recht einen zähen Kampf gegen die Schund- und Schandliteratur. Wir wollen das Gemüt der Schwachen nicht vergiften lasten mit Schilderungen von Freveltaten, die das Gewissen verwirren und nur zu leicht zur Nachahmung reizen. Aber was dä bei den Sensationsprozessen im Gerichtssaal öffentlich vorgeführt wird, wirkt das nicht oft ebenso schlimm, wie der ärgste Schund- und Schandroman!
Wir kämpfen gegen den entarteten „Kien- top p", der sittliche Verirrungen und strafbare Verbrechen dem bunt zusammengewürfelten Publikum vorführt. Aber wenn die Gerichtsverhandlung zum Theater wird, ist dann nicht die Berichterstattung in den Tagesblättern der Film, durch den das getreue Abbild der Vorstellung in alle Welt getragen wird? Im Gerichtssaal selbst finden höchstens einige Hundert Platz, die das bedenkliche Schauspiel genießen. Aber durch die langen Berichte der Tageszeitungen wird das anstößige Zeug in hunderttausend von Familien und Wirtschaften, zu Millionen von Lesern getragen. Die Kriminalstudenten und die Laster- studenten von ganz Deutschland können sich an dem anrüchigen Gericht sättigen, als ob sie selbst mit in der Küche gesessen hätten.
Ja, sagt man, das läßt sich nicht ändern, denn die Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens ist eine unentbehrliche Garantie der Rechtspflege, und die Oeffent- lichkeit wäre nicht wirksam, wenn man der Presse einen Maulkorb anlegen wollte. — Ist die volle Oes- fentlichkeit, wie sie jetzt gehandhabt wird, wirklich notwendig? Ich weiß nm, daß sie schädlich ist, ungeheuer schädüch.
Der Grundsatz ist schön, und wir stellen unS gern au? den Boden des Verbandes, der ihn sich zum Leitsatz gewählt hat. Wir fühlen uns mit ihm in gleicher Gegnerschaft gegen Kriegstreiber und verhetzende Chauvinisten, wie gegen die sentimentalenFriebenspredl- ger. Es ist zweifellos ein hohes Verdienst des Verbandes, wenn er sich der Anbahnung einer Verständigung zwischen allen Ländern und Völkern befleißigt, aber den Glauben können wir uns doch nicht auszwingen, daß durch die ehrliche Friedcnssehnsucht einer Anzahl Gutgesinnter der Welt jemals der Frieden wird geschenkt werden können. Wenn das Christentum dies nicht zuwege gebracht har, dann ist auch jedes Mcnschenstrcben sicherlich unfruchtbar.
Wenn heute waffenstarrende Völker untereinander von Verständigung sprechen, so denkt man gar zu gern an die Sprache der Kanonen und Bajonette. Und es läßt sich einfach nicht leugnen, daß tiefgehende Verstimmungen heute einzelne Völker Europas trennen, und daß jahrzehntelanges Bemühen, eine Annäherung zuwege zu bringen und die Verstimmung auszu- räumen, nichts gefruchtet hat. Jüngst konnte man cs noch erleben, daß ganz Frankreich auffdjrie, a!S König Konstantin von Griechenland den Deutschen einige freundliche Worte gesagt hatte.
Nicht Zureden und Vorlesungen über den Wert und die Vorteile des Friedens werden die Völker einander naher bringen; das geschieht heute nur noch durch die zwingende Erkenntnis gemeinschaftlicher und übereinstimmender politischer und wirtschaftlicher Jntereffen, wie die Gemeinsamkeit der Interessen auf dem Balkan, Großbritannien und Deutschland wieder genähert Hot, was Hunderte von schönen Reden und Büchern über deutsch-englische Verständigung nicht vermocht hatten.
Je mehr dte Humanität sich zu einem philosophischen Problem auswächst und nicht mehr in christlicher Lebendigkeit die Menschheit bewegt, um so inhaltsleerer und zielloser wird all' das gut gemeinte Streben nach dem großen Weltfrieden. Man mag ein Dutzend Friedenspaläste bauen an allen Ecken der Erde und in aller Welt imernalio- nale Velsiäudtgmtgskonferenzeu akhalten, die Kanonen und Gewehre werden darum doch losgehen, wenn die minder ideal gesinnte Menschheit den Krieg dem Frieden vorziehen zu müssen glaubt. Die endlosen Balkankriege mit ihren Grausamkeiten und Scheußlichkeiten, die unter den Augen und den lauten Protesten Europas vor sich gegangen sind, bieten keinen guten Hintergrund für die schönen Rcdtn des Verbandes für internationale Verständigung.
2lns dem Nachbargebiete.
* Hammelburg. 10. Okt. 1913. Wie aus dem vorliegenden baverischen Eisenbahnetat zu entnehmen ist, wird im Herbst 1915 die Hauptbahn Ham- meld urg-Bad Kissingen eröffnet.
A Flörsbach, Kr. Gelnhausen, 10. Okt. 1913. Ge- ftern versagte zum Entsetzen der Passagiere die Brcmsedes Verkehrs-Autos der A. O. G. auf der Flörsbacher Höhe. • Das Auto raste di- steile Bergstraße hinunter in das Dors. Um größe: Unglück zu vermeiden, lenkte es der Chauffeur in einen Bauernhof, wo es auf einen großen Haufen klein gemachten Holzes auffuhr und zum Stehen gebracht wurde. Das Auto ist stark beschädigt. Die Insassen kamen mit dem Schrecken davon.
* Offenbach a. M„ 10. Okt. 1913. In der gestrigen Stadtverordnetenversammlung stand u. a. die Aufhebung des Brückengeldes auf der Offenbach-Fcchcnheimer Mainbrücke zur Beratung. Es besteht die Hoffnung, daß auch Preußen feine Bereitwilligkeit dazu gibt. Für die Stadt Offenbach werden sich die durch die Aushebung des Brückengeldes entstehenden Kosten auf ca. 3000 Mk. pro Jahr belaufen. Die Stadtverordneten gaben ihre grundsätzliche Bereitwilligkeit zur Uebernahme der Lasten, die bic Stadt nach den Verfügungen des Großher- zoglichen Finanzministeriums, "sowie nach den Entschließungen ber Vertretungen von Kreis und Provinz treffen würden. — Die Errichtung einer Industriebahn, die eine Verbindung zwischen Hafen und Süden der Stadt bezweckt, wird beschlossen und die erforderlichen Mittel für die Unterführung im Betrage von 102 000 Mark unter Abtretung des erforderlichen städtischen Geländes an die Eisenbahn- umawiaMMieaaB t .Miiaswaa—
Wir haben neuerdings in Berlin wieder einige Skandalprozcssc gehabt. Das ist besonders schlimm, denn in Berlin gibt es sensationslustige Blätter im Uebersluß, die den wortgetreuen Berrcht in die ganze Stadt und in alle Provinzen tragen. In den übrigen Städten gibt es „General-Anzeiger" und sonstige Neuigkeitskrämer, die den Wettbewerb mit Der Berliner Berichterstattung aufnehmen zu müffen glauben. So wurde denn in aller Welt und vor aller Augen die scheußliche Geschichte des Hausdieners breitgetreten, der infolge ferner widernatürlichen Neigungen zum Mörder "und Leichenzerstückler wurde. Die ganze Abscheulichkeit wurde auch in diesem Falle zweimal aufgetischt: erst bei der Entdeckung des Verbrechens in fortlaufenden Berichten über den Befund und die Ermittelungen, dann bei der Gerichtsverhandlung in der vollen Breite der Anklageschrift, des Zeugenverhörs, der Reden des Staatsanwalts und der Verteidiger. Der Verbrecher zeigte nun so viel krankhafte Zuge und sein Opfer erschien schließlich so dunkel, daß das Gerecht für die Bluttat nur fünf Jahre verhängte. Das wird wohl gerecht gewesen sein; aber die Strafe ist verhältnismäßig Nein, so daß die abschreckende Wirkung auf die Leser der Berichte beeinträchtigt wird. Bald darauf ging es ebenso bei einem Prozeß gegen ein Berliner Fräulein, das zwei „Verhältnisse" zu gleicher Zeit hatte und sich des einen Liebhabers, der sehr unbe- quem wurde, mittels einiger Revolverschüffe entledigte. Diese doppelseitige „freie Siebe" wurde auf das eingehendste erörtert, und die Verhandlung artete leider zeitweilig in eine Verherrlichung des Verhältnisses zu dem Ueberlcbcnben aus. Ist die eingehende Kenntnis solcher Verirrungen für die Erziehung des Volkes vorteilhaft? Und wo bleibt das Gegengift der Abschreckung, wenn die Angeklagte schließlich mit 2% Jahren Gefängnis (unter Anrechnung von 6 Monaten Untersuchungshaft! davonkommt"? Wir wollen das Urteil nicht kritisieren, fonbtnt nur den Eindruck beklagen, den die Veröffentlichung dieser Dinge Hervorrufen muß.
Von braven Prcßleuten ist schon ernstlich versucht worden, auf dem Wege der Selbsthilfe die anstößigen Zeitungsberichte zu beseitigen. Aber das tft verzweifelt schwer. Denn es gibt zu viele Zeitungen, bte mehr auf das Geschäft als auf die Tugend sehen. Sie verbreiten die beoenklichen Sachen, im Publikum spricht die „Sensation" hemm, alle Wett will wiffen, was denn eigentlich loS ist. Ich glaube, diese Quelle des Aergernisies kann nur verstopft werden, wenn man die Oeffentlichkeit der Gerichts
verwaltung beschlossen. — Der Vertragsentwurf zur Uebernahme der Bürgschaft der Stadt bei Gewährung zweiter Hypotheken, deren Beleihung durch die Laudeshvpothekenbank oder ein anderes Geldinstitut erfolgen soll, wurde angenommen. Danach sollen nur solche Grundstücke, Die einen guten Zustand aufweisen, in der Gemarkung Offenbach liegen und einem in Offenbach wohnenden Besitzer gehören, beliehen werden. Die Beleihungsgrenze wurde auf 85 Prozent des Taxationspreises des hiesigen Ortsgerichts festgesetzt.
! Schweinfurt, 10. Ott. 1913. Der Prinzregent hat genehmigt, daß, vorbehaltlich der etatgesetzlichen Genehmigung durch den Landtag, die neue b a y e- rische Unteroffizierschule in Schweinfurt errichtet wird. Die Wahl ist auf diese Stadt gefallen, um den Zugang zur Schule aus dem nördlichen Bayern zu erleichtern und zu fördern. Die Eröffnung der Schule wird voraussichtlich am 1. Oktober 1915 erfolgen. Die Stadtgemeinde hat den Bauplatz mit Kasernenhof sowie da? Ge'ände für den Ererzier- und Schießplatz der Schule zur Verfügung geftellt.
* Mainz, 10. Okt. 1913. Der langwierige Streit, der zwischen dem Schloßbesitzer v. W a l d - Hausen einerseits, der Gemeinde Gonsenheim und der Stadt Mainz andererseits wegen der von dem Schloßherrn vollzogenen Absperrung großer, dem Publikum früher zugänglicher Waldstrecken entbrannt war, hat feinen Abschluß gefunden. Tas Kompromiß wurde dadurch ermöglicht, daß man sich auf beiden Seiten nachgiebig zeigte. Die hessische Regierung bewilligte den Ankauf "des Forsthauses Seuiaberg mik einem angrenzenden Feld- und Waldkomplex von vierzig Morgen Bodenfläche, wie es Waldhausen zur Abrundung seines Besitzes wünschte. Der Schloßherr' erklärte sich demgegenüber bereit, die sämtlichen Einfriedigungen der privatim angekauften Waldparzellen wieder zu ent; .rnen und die Gmndstücke für den Verkehr offen zu halten.
Keklamerr- und AnzetgenteN.
ärztlich
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im richtigen Blatt
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Die Ge[diäfts[felle der „Fuldaer Zeitung".
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Kriminalstudenten und Lasterstudenien ohne Auswahl in den Gerichtssaal lassen? Genügt es nicht, wenn Leute Zutritt haben, die nach Alter und Lebensstellung die Gewähr liefern, daß sie nicht aus frivoler Neugier, fondern aus Interesse für die Rechtspflege sich einfinden? Und läßt sich nicht eine- Bestimmung treffen, die der ernsten Erörterung der! tatsächlichen und rechtlichen Angelegenheiten freier Bahn läßt, aber die „sensationelle" Ausbeutung in: der Presse einschränkt durch die Verantwortlichkeit" für das Aergernis, das gegeben wird? Von Wert wäre schon die einfache Vorschrift, daß die Prozeßberichte erst nach Fällung des Urteils erscheinen bürten. Dadurch würde auch verhütet, daß die Zeugen und die Geschworenen in Prozessen von längerer. Dauer durch Zeitungsartikel beeinflußt werden.
Wo ein Wille, de ist auch ein Weg, und es muff> unbedingt ein Weg zur Abstellung dieses Uebels gesunden werden.
Wir richten jetzt überall die Schwemmkanalisation ein, um den materiellen Unrat möglichst schnell unb: grünblich aus ben Häusern herauszuschaffen. Wir: desinfizieren überall, wo wir materielle Ansteckungs-^ swffe wittern. Aber wie behandeln wir den g e i -; st i g e n Unrat, die sittlichen Ansteckungsswffe? ■ O, die werden nicht beseitigt, sondern mit großer' Sorgfalt auf dem Tische des Hauses ausgebreitet/ durchwühlt und durchschnüffelt, und zwar in voller Oeffentlichkeit, damit jedermann seine Nase und seine Finger in den Dreck stecken kann. Damit nun die abwesenden Mitbürger dieses Genusses nicht verlustig gehen, verfertigen die eifrigen Berichterstatter e-nen Extrakt von dem Unrat und schicken diese Probe vermittels ihrer „Weltblätter" in alle Ortschaften und Häuser. Ein Unfug, der zum Himmel schreit!
Bis er von oben abgestellt wird, dürste wohl noch lange dauern. Inzwischen muß jeder brave Hausvater sein Heim möglichst selbst zu schützen suchen vor diesen Bazillen des'Lasters und des Verbrechens. Fort mit der färb- und gewiflenlosen Presse, die auf die frivole Neugier spekuliert! Schutz dem jungen Auge und schwachen Gemüte vor anstößigen Artikeln, mögen sie sich in der Toga der Gerichtsberichte oder in dem Flatterkleid der Romandichtung einschleichen Wollen!
Verhandlungen und die Willkür der Berichterstattung vernünftig einschränkt. Das geht meines Erachtens sehr Wohl, ohne daß die Rechtspflege zu "" hme" wird. Warum muß man.